Herbstanfang

Heute ist Herbstanfang, und ich denke mir: Gestern hat der Sommer sich würdig verabschiedet, und heute kommt der Herbst, aber noch ganz sachte und auf leisen Sohlen. Und ich stelle gerade fest, dass bei mir fast drei Wochen Sendepause war.

Und das liegt nicht daran, dass in diesen Wochen nichts passiert ist, eigentlich eher im Gegenteil, und dieses viele hat in mir eine kleine Blockade ausgelöst.

Eigentlich hatte ich einen schönen Artikel schreiben wollen über unseren Ausflug am 14. September zum Frauentag in Krelingen. Vier Frauen, ein Baby und ein Gemeinschaftspicknick. Wir hatten einen sehr berührenden, inspirierenden und gesegneten Tag mit Singen, Beten, sehr gut gemachten Vorträgen von Sefora Nelson (kannste googeln), die sich so gar nicht nach Vorträgen anhörten. Und mit unserem grandiosen Picknick:

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Aus der Erfahrung von 2018 hatten wir keine Lust auf Gemeinschaftsverpflegung und so bereitete jede von uns etwas liebevoll vor. Hier konnte dann auch Julias englische Picknickdecke ihren Einstand feiern. Und als hätten die Krelinger Organisatorinnen geahnt, was wir vorhaben, waren auf der Wiese vor der Halle überall verschiedene Sitzgelegenheiten wie Hängematte und Hängesessel, Sofas, Deckchairs und anderes aufgebaut. Ich habe leider nur ein Foto von diesem DIY-Tischchen:

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Von der Pause auf der Heimfahrt stammt das Beitragsfoto ganz oben. Denn es symbolisiert aus meinem heutigen Blickwinkel sehr schön nicht nur die aktuelle Jahreszeit, sondern auch eine diffuse Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ ohne viel Hektik und mit rudimentärer Technik.

Und vielleicht sogar den „Herbst der Menschheit“?

So, Schluss mit lustig,  jetzt geht es ans Eingemachte, an das, was mich in den letzten Tagen so umtreibt.

Weltweit sind am vergangenen Freitag Millionen Menschen auf die Straße gegangen, teilweise Menschen, denen das Wasser heute schon nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret fast bis zum Hals steht. Menschen in Kriegsgebieten, die sich nicht nur um ihr Überleben im Krieg sorgen, sondern um das Überleben der Menschheit.

Aber auch unendlich viele junge und alte Menschen in den Industrieländern, die einsehen, dass ein „Schneller, höher, weiter“ zwar das olympische Motto sein mag, aber uns kaputt macht, uns die Lebensgrundlage entzieht. Zeitgleich wollte das „Klimakabinett“ der deutschen Bundesregierung den großen Wurf in Sachen Klimapolitik machen. Was soll ich sagen – der Berg kreißte und gebar eine Maus!

Wenn jetzt einfach „nur“ die einschlägigen NGO’s und Parteien, deren tägliches Brot das Mahnen ist, sich hier entsetzt geäußert hätten, dann könnte man noch sagen: „Naja, das ist eben ihr Geschäft“. Aber wenn anerkannte Wissenschaftler so drastische Aussagen treffen wie: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen müsste!“, wenn die Bundesregierung sich Expertise vom Wissenschaftsrat einholt und sich daran nicht hält, wenn die Damen und Herren, die im Klimakabinett sitzen, mit dem Schwung und der Begeisterung von Schlaftabletten vortragen, was sie denn jetzt gerade für die Rettung des Planeten getan haben, da kann ich nicht umhin, daraus zu schließen: Da läuft etwas ganz gewaltig nicht so, wie es sein müsste.

Storytelling, das A und O einer positiven Verkaufsstrategie, beherrschen die nicht. Da könnten sie noch gewaltig lernen.

Liebe Politiker, schaut euch doch mal in der Zeitgeschichte um: da gab es Menschen wie John F. Kennedy („Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst“), Nelson Mandela (der aus dem Knast heraus gegen die Apartheid kämpfte), Martin Luther King („I have a Dream!“) Diese Menschen hatten Visionen (nicht Phantastereien durch Drogengenuss, sondern positive Visionen für die menschliche Gemeinschaft), die sie mit der entsprechenden Be-Geist-erung vorantrieben.

Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung genau: da gibt es dann gleich wieder abwertende Urteile: Der Kennedy nahm es mit der ehelichen Treue nicht genau, der Mandela hat angeblich seine Frau geschlagen, und zu Dr. King fällt den Leuten garantiert auch was ein.

Pure Ironie: diese Art von Whataboutism funktioniert auch anders herum: Hitler hat ganz bestimmt unglaubliche Gräueltaten veranlasst, aber, hey, immerhin hat er die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosen von der Straße geholt! (Ernsthaft, solche Argumente hört man immer noch. Da fällt mir nix zu ein!!!)

Ah, da fällt mir doch ein, solche „Whataboutism“ sind gar nicht neu, das gab es schon vor 2000 Jahren.

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken!
Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

Das steht in der Bergpredigt, Matthäus 7,3-5. Erinnert ein bisschen an „Wenn die Chinesen keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen, dann fange ich vielleicht an, mir Gedanken über meinen CO2-Verbrauch zu machen (aber auch nur vielleicht…)“.

Nein. Fang an, dich um deinen persönlichen Scheiß zu kümmern, ehe du den der anderen anprangerst, sagt Jesus!

Auch an anderer Stelle sagt Jesus ganz klar, was er von Selbstgerechtigkeit hält:

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18, 10-14)

Wir haben keinen Grund, uns besser zu fühlen als die Regierung Brasiliens, denn wir alle haben unsere persönlichen Leichen im Keller, vielleicht in Form von viel zu vielen unnötigen Dingen, die wir horten, vielleicht durch zwei bis drei Kurztrips im Jahr mit dem Flugzeug, wo es auch die Bahn getan hätte, es ist ganz egal, wie groß oder wie klein unsere Umweltsünden sind. Und sollte jemand hier die Frau kennen, die im Fernsehinterview ganz frech sagte: „Ich knalle jeden Morgen mit 600 PS in die City, und jetzt erst recht!“: Schönen Gruß, Kindergartentrotz ist ja wohl auch nicht die Lösung.

Jeder kleine Schritt hilft. Das sollten wir nicht vergessen. Die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, und wenn der erste Schritt ist, sich über das eigene Handeln klar zu werden, dann ist das so. Ich schätze mal, bei vielen Leuten ist Angst ein großer Antreiber, Angst, etwas zu verlieren (vordergründig Verlust von Lebensqualität durch weniger Konsum oder so). Und dann gibt es eben die, die mit Trotz reagieren. Weil man Angst und Ratlosigkeit nicht zugibt.

Erzählen wir doch lieber die Geschichte von dem, was wir gewinnen, wenn wir uns „einschränken“: Achtung vor dem Mitgeschöpf, ob Mensch oder Tier. Nicht das einkaufen, was der Discounterprospekt billig anpreist (in zu großen Mengen, was zum Wegschmeißen führt); sondern genau das kaufen, was wir gerade tatsächlich brauchen, was gerade hier wächst, weil es schmeckt (reif geerntet), weil es die Vielfalt an Lebensmitteln in unserer Region widerspiegelt. Selber kochen, weil es nicht nur Plastikverpackungen spart (ich sag nur: gekochtes und gepelltes Ei eingeblistert 😦 ), sondern weil es uns den Wert von LEBENsmitteln nahebringt. Überschüsse einwecken (ist oft besser als Tiefkühler, denn ich brauche nur einmal Strom, aber ich weiß selbst, bei manchen Sachen ist der Tiefkühler praktischer.) Wir gewinnen gute Luft, das Zwitschern der Vögel, wenn sie sich in unseren unaufgeräumten Gärten wohl fühlen (und wer Meisen hat, braucht nebenher auch kein Mittel gegen Blattläuse). Wir werden geerdet, indem wir uns auf Wesentliches besinnen. Wir lernen hoffentlich, das zu schätzen, was wir haben, und nicht dem nachzujammern, was wir nicht besitzen.

Und wir sollten uns den Druck nehmen, alles auf einmal ändern zu wollen (ich meine jetzt im ganz persönlichen Leben jedes Menschen), denn es dauert mindestens DREI WOCHEN, um eine Gewohnheit zu ändern. Je länger wir etwas auf eine bestimmte Art und Weise getan haben, desto länger dauert auch das abgewöhnen. Wenn eine neue, bessere Gewohnheit daraus entstanden ist, kommt die nächste Baustelle dran.

Von daher betrachtet, ist das Vorgehen der Bundesregierung zwar immer noch quälend langsam und unzureichend, aber möglicherweise auch nicht ganz der schlechteste Weg. Hätte jedenfalls noch schlimmer kommen können.

Und noch mal zum Storytelling: Bitte helft mit, dass wir die mitreißenden Geschichten nicht denen überlassen, die für gigantische Probleme einfache Lösungen parat haben!

Zum Schluss komme ich einer Bitte nach, denn dieses Video ist wirklich super verständlich. Danke, Julia!

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Ehefrau von Edgar, Mutter von drei tollen Töchtern. Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

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