„Ich will zurück nach Bullerbü“?

Wenn ich im Moment in den „sozialen“ Medien unterwegs bin, dann wundere ich mich, vor allem bei Facebook, doch sehr darüber, wie viele Menschen aus meiner und noch früheren Generationen ihre Kindheit wie einen Schild vor sich her tragen.

Und das sind dann meist die Menschen, die kundtun: Also ihr Jugendlichen von heute, vollbringt ihr erstmal eine Lebensleistung, so wie ich es getan habe, und dann, ja dann habt ihr vielleicht mal die Berechtigung, eure Ängste zu kommunizieren und Forderungen zu stellen.

Ich könnte langsam vor Ärger Pickel kriegen, wenn ich diese Phrasen darüber lese, mit wie wenig Sachen man doch „damals“ ausgekommen ist. Es ist auf der einen Seite unbestritten, dass wir heutzutage viel zu viel haben (und das ist ja nicht auf einmal explodiert, sondern eine Entwicklung gewesen, die schon viel eher angefangen hat). Aber wahr ist auch, dass die Familien und damit die Kinder der Nachkriegsgenerationen oder sogar derer, die den WW2 noch als Kind/Jugendlicher erlebt haben, sich diese Beschränkungen ja nicht ausgesucht haben, weil sie so nachhaltig leben wollten!

Nach dem Krieg gab es schlicht wenig. Die Infrastruktur war größtenteils kaputt, die Industrie lag am Boden, Deutschland wurde von den Alliierten verwaltet. Es ging keinem um den Umweltschutz. Verständlich, man hatte viel dringendere Probleme zu der Zeit.

Und dann kam das Wirtschaftswunder, und ich wette, dass viele der oben genannten auch die Sprüche von ihren Eltern hörten: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich“. Man war froh, als die Konjunktur sich belebte, man wieder Geld verdiente, sich wieder etwas leisten konnte. Alles total nachvollziehbar. Vieles von dem, was wir heute wissen, war überhaupt noch nicht erforscht, es war ganz einfach so, dass auf dem Dorf der Müll neben der Mistkuhle vergraben wurde, und war eine Kuhle voll, dann kam die nächste. Und der Müll der Städter wurde nicht sortiert, sondern jede Woche (!) abgeholt und auf Deponien gebracht. Die Deponiehügel mit den Lüftungsschächten sehen wir noch heute vielerorts.

Und die Kinder? Die wurden erstens nicht gefragt und zweitens hätten sie doch auch damals nicht die Annehmlichkeiten des wachsenden Lebensstandards zurückgewiesen.

Ich bin Jahrgang 68, mein Alter kann sich also jeder ausrechnen. In unserem Haus gab es bis 1987 eine Koks-Zentralheizung. Der Koks musste mit einem Eimer aus dem Keller geholt werden, die Heizung musste regelmäßig entschlackt werden, man konnte prima Eintopf darauf kochen, aber: es wurde halt auch Hausmüll darin verbrannt, weil sich schlicht keiner Gedanken darüber machte, was man der Umwelt damit antat.

Und glaubt es, mit 16 Jahren fand ich es nicht cool, die einzige in der Klasse zu sein, die wusste, wie man eine solche Heizung versorgt und am Brennen hält. Denn alle meine Schulfreundinnen und Freunde wohnten in Wohnungen mit Öl- oder Gasheizung. Ich hatte als Jugendliche eher das Gefühl, meine Familie sei besonders rückständig.

Ich bin fest davon überzeugt, diejenigen, die heute so sehr die „gute alte Zeit“ preisen, als man ein Sonntagskleid und ein Alltagskleid hatte, barfuß zur Schule lief und trockene Brotkanten zu Essen bekam, die wünschen sich diese Zeit keineswegs zurück.

Es sind auch keineswegs (nur) die Jugendlichen von heute selbst, die Urlaub auf den Malediven, den schicken SUV in der Garage und das neueste Handymodell fordern. Klar wird es die geben, aber die demonstrieren freitags nicht. Solche kleinen Prinzen und Prinzessinnen gab es aber auch schon früher. Es gibt aber auch massenhaft Jugendliche, in deren Familien solche Dinge überhaupt nicht zur Debatte stehen.

Die lockenden Frühbucherangebote, die man einfach wahrnehmen MUSS (und dann wundern, warum Reiseunternehmen Insolvenz anmelden), die monatlich neuen Kollektionen in den Boutiquen, die jährlich weiterentwickelten Smartphones, mit denen man immer mehr kann, die werden nicht von Jugendlichen auf den Markt geschmissen mitsamt den vollkommen irrsinnigen Tarifen, die es billiger machen, Schrott zu produzieren statt Nachhaltigkeit zu fördern. Das sind Marketingstrategen und Entwickler des „Schneller, höher, weiter“, gut ausgebildete (das wird ja gern gefordert, bevor man mitreden kann) Jünger des Kapitals.

Die für Autofahrer optimalen, für Fußgänger und Radfahrer allerdings gefährlichen Straßen, die sind von erwachsenen Planern in eurem Alter entworfen worden, das rufe ich euch zu, die erstmal „Lebensleistung“ sehen wollen, ehe meine Kinder sich Sorgen um ihre Zukunft machen dürfen.

Was habt ihr eigentlich euren Kindern gesagt, wenn sie als Kleinkinder vor etwas Angst hatten? „Lern du erstmal ordentlich was und studiere Psychologie, dann hast du Ahnung,  dann darfst du auch Alpträume haben und dich davor fürchten“?

PS: Am Sonntag ist Erntedank. Auch ein guter Anlass, sich mal über die Ernte hinaus Gedanken über Dankbarkeit zu machen… und darüber, was wir eigentlich alles so als selbstverständlich ansehen.