Advent oder: „Ja ist denn scho‘ Weihnachten?“

Heute früh 6 Uhr. Ich hole die Tageszeitung aus dem Briefkasten. Auf der ersten Seite der „Aufmacher“:

Start vor dem Advent – Die ersten Weihnachtsmärkte beginnen schon diese Woche

Der Grund: Mehr verkaufter Glühwein, mehr Pilze mit Knobisoße, mehr Kartoffelpuffer und Lebkuchenmänner… Das nennt sich dann „große Nachfrage der Besucherinnen und Besucher“.

Na toll. Den Beitrag zum Thema wollte ich eigentlich jetzt noch gar nicht schreiben! Von der Wirklichkeit anno 2019 eingeholt!

Aber was bedeutet „Advent“ denn eigentlich? Fragen wir mal Wikipedia:

Advent (lateinisch adventus „Ankunft“), eigentlich adventus Domini (lat. für Ankunft des Herrn), bezeichnet die Jahreszeit, in der die Christenheit sich auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet. Zugleich erinnert der Advent daran, dass Christen das zweite Kommen Jesu Christi erwarten sollen. Der Advent beginnt nach katholischer wie evangelischer Tradition mit der Vesper am Vorabend des ersten Adventssonntags und mit ihm auch das neue Kirchenjahr.

Naja. Auch wenn ich mal zugute halte, dass viele Menschen in Deutschland, und zwar keineswegs nur Zugewanderte, mit der christlichen Bedeutung dieser Zeit nichts am Hut haben, ich persönlich mag es einfach nicht, wenn diese Jahreszeit auf den Kommerz reduziert wird.

Zunächst mal: An den beiden kommenden Sonntagen geht das Kirchenjahr zu Ende. Und ob jemand nun gläubig ist oder nicht, diese Tage des Innehaltens und Gedenkens, ob an die Gefallenen der großen Kriege oder die Verstorbenen des Ortes/der Gemeinde, die sind wichtig für jeden. Oder sollten es wenigstens sein. Denn auch wenn wir es am liebsten aus unserem Leben verbannen würden, die Weltkriegstoten sind Fakt. Und heute sterben wieder viel zu viele Menschen in den Kriegen rund um den Globus. Was für uns vielleicht abstrakt ist, ist für andere ganz konkret. Eine reale Bedrohung von Leib und Leben!

Auch den „ganz normalen“ Tod aufgrund von Alter, Krankheit, Unfall haben wir aus unserem Lebensumfeld so gut es eben geht, gestrichen. Wir sind unsicher im Umgang mit Hinterbliebenen, wir wissen nicht, welche Dauer der Trauerzeit wir anderen zugestehen sollen, wir sind sprachlos im Gespräch (und meiner Meinung nach ist es immer besser, diese Sprachlosigkeit zu kommunizieren, als sich in Floskeln zu retten).

Sich mit diesen beiden Themen der letzten Sonntage auseinanderzusetzen, ist schwer, aber wir brauchen das. Für die Menschlichkeit, für das Mitgefühl.

Und auch alle, die damit nicht umgehen können, sollten diese Tage denen „gönnen“, für die es wichtig oder notwendig ist, um zu einem Abschluss zu kommen.

Und dann, dann geht es (endlich) los mit dem Warten auf die Ankunft von Weihnachten. Und Weihnachten feiern nicht nur die Menschen, die Christi Geburt im Mittelpunkt sehen. Weihnachten ist auch ein Familienfest für viele Menschen, die sich übers Jahr kaum sehen (können). Auch das ist ein Wert, jedenfalls, solange es nicht so mit Erwartungen und viel zu fettem Essen überfrachtet wird, dass es Leib und Seele nicht bekommt…

Wir amüsieren uns als Erwachsene ja gern darüber, wie „schwer“ den Kindern manchmal das Warten fällt. Zum Beispiel, wenn alle Türen des Adventskalenders vor lauter Neugier auf einmal geöffnet werden. Aber ganz im Ernst: wem fällt das Warten eigentlich schwerer?

Weit vor dem ersten Advent, nämlich kurz nach Schuljahrsbeginn, erscheinen in den Supermärkten riesige Displays mit Lebkuchen, Spekulatius und den ersten Schokoweihnachtsmännern. Wer vermiest denn an dieser Stelle schon den Familien das Warten???

Spätestens Ende Oktober hält der erste (Kunst-)Schnee Einzug in den Kaufhäusern. Mitunter früher als auf der Zugspitze. Anfang November werden die Plastikbäume in den Schaufenstern geschmückt. Und bis „Last Christmas“ ist es dann auch nicht mehr weit.

Viele Familienmanagerinnen stürzen sich dann in den häuslichen Großputz, damit pünktlich das gesamte Haus adventlich erstrahlen kann und bis ins letzte I-Tüpfelchen durchdekoriert ist. Ja, ich darf das sagen, denn ich gestehe, in den ersten Jahren meiner Ehe (und damit der Zeit der jungen Familie) habe ich das selbst so zelebriert. Gott sei Dank (wörtlich gemeint) hat sich das in den letzten Jahren geändert.

Mein „Adventskalender“ ist es, jeden Tag (oder auch mal  jeden zweiten) ein bisschen mehr Advent zu haben. Ich freue mich, wenn ich es vor dem Advent geschafft habe, die Fenster zu putzen (aber wenn nicht, ist es kein Weltuntergang), freue mich über jedes gebackene Plätzchen, egal wann es gebacken wurde. Ich freue mich über jede Kerze, die ich anzünde, ob am Adventskranz oder „nur so“. Und ich freue mich, dass ich so langsam in die Weihnachtsfreude hineinwachse, statt mich kurz vor dem ersten Advent bis zur Erschöpfung verausgabt zu haben (und dann keine Kraft mehr für irgendwelche Freude zu haben).

Natürlich ist das kein Patentrezept, und wenn du es einfach schön findest, vor dem ersten Advent alles fertig zu haben, es sich gut und richtig anfühlt (und vor allem nicht in Hektik und Frust ausartet), dann ist das genauso in Ordnung. Ich habe eben bloß für mich herausgefunden, dass dieses Vorgehen für mich persönlich nicht (mehr) funktioniert.

Aber es gibt doch etwas, worauf ich heimlich lauere, kaum dass die Zeitumstellung hinter uns liegt: Wenn es in der Winterzeit so früh dunkel wird, dann warte ich voller Vorfreude darauf, wenn an den Fenstern und in den Vorgärten die ersten Schwibbögen und Lichterketten auftauchen. In Maßen versteht sich, nicht in Massen… 😉

 

 

Meditation über die Farbe Grau

Schon merkwürdig, worüber man so ins Grübeln kommt, wenn der Körper k.o., aber der Geist ruhelos ist.

Zum dritten Mal in drei Jahren hat mich die Grippe erwischt, ehe ich mich impfen lassen konnte. Vermutlich nicht wirklich verwunderlich, da Rheumamedikamente das Immunsystem dämpfen. Aber jedes Mal staune ich und ärgere mich vor allem, wie sehr mir diese Krankheitstage zusetzen. Das kenne ich von früher nicht, da konnte ich selbst mit Fieber arbeiten gehen (ja, selbst Schuld, ich weiß)

Dann kommen die seltenen Augenblicke der Erkenntnis, dass Alter und Anfälligkeit auch vor mir nicht haltmachen. C’est la vie!

Jedenfalls sitze ich in meinem Lesesessel, warm eingepackt mit Decke und Poncho, der rebellische Magen mit einer Wärmflasche gepampert. – Freier Blick auf all die Spinnweben und Staubansammlungen, die ich eigentlich heute beseitigen wollte, weil am Montag Geschäftsbesuch kommt. Zumindest theoretisch bin ich schon voll am Putzen 😉

Und da wabert mir dieser Gedanke an „Grau“ durch mein fiebriges Hirn…

Wer ein gewisses Alter erreicht hat, kennt mit Sicherheit den Film „Ödipussi“ von und mit Loriot. Wenige können die kleinlichen, aber durchaus liebenswerten Absonderlichkeiten des deutschen Durchschnittsspießers so wunderbar (und ganz, ohne dabei verletzend zu sein!) aufs Korn nehmen wie er es konnte. Im Film spielt er einen 56jährigen Möbelverkäufer, der noch bei seiner Mutter unter der Knute lebt. Aber seinen Beruf nimmt er sehr ernst, die Wünsche der Kunden sind ihm Befehl:

 

Grau empfinden wir als durchschnittlich. Nichts besonderes. Nichts spektakuläres! Wenn es draußen wolkenverhangen und diesig ist, ist es „grau in grau“. Geht es jemandem offensichtlich schlecht, ist er „ganz grau im Gesicht“. Grau ist eintönig…

Halt. Stopp! das geht auch anders: „50 Shades of Grey“. Ganz ungebeten fliegt mir dieser Gedanke zu. Ich habe es bis heute nicht gelesen und werde es vermutlich auch nicht (es sei denn, ich habe alles lesenswerte vorher geschafft. Unwahrscheinlich.)

Aber… ist vielleicht doch etwas aufregendes an Grau? Etwas frivoles womöglich?

Ich bin eher der Meinung, dass Grauschattierungen zurzeit so beliebt für Inneneinrichtungen und Wohnaccessoires sind, hängt eher mit dem „Hygge“-Trend aus Skandinavien zusammen. Denn unsere gesamte Umwelt ist bunt, oft viel zu bunt, zu aggressiv in der Farbgebung. Das Auge kann bei Grau (gern in Kombination mit erdigen Brauntönen, das „erdet“) in Ruhe schweifen, ohne ständig von grellgelben, knallroten oder blitzblauen Details abgelenkt zu werden. Wenn diese beruhigende Wirkung sich auch auf dem Männlichkeitswahn autofahrender Rowdys zeigt, könnte ich der Autoindustrie sogar die neuerdings staubgrauen Mittel-und Oberklassewagen verzeihen… (Der Vollständigkeit halber müssen hier auch Autofahrerinnen genannt werden, die sich oder anderen beweisen müssen, dass sie in nichts, aber auch gar nichts hinter den Männern zurückstehen. Obwohl die deutlich weniger sind.)

Selbst auf die Ohren hat Grau eine dämpfende Wirkung, wenn nicht gerade ACDC oder so aus dem Soundsystem grölt (btw, ich mag ACDC).

Dazu kommt: Schwarz und Weiß, die beiden Grundfarben von Grau, polarisieren.

Weiter auseinanderliegen kann nichts. Wir teilen gern Dinge in Schwarz und Weiß, obwohl wir wissen, dass die Wirklichkeit eher in den unterschiedlichsten Grautönen daherkommt.

Im Moment freue ich mich auf die grauen Tage, denn das sind, zumindest am Wochenende, Lesetage. Oder Plätzchen-back-Tage. Und wenn dann der graue November zu Ende geht, dann folgen die Lichter-Abende. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden 🙂

Ich glaube, ich schaue mich mal nach schönen grauen Tapeten um… 😉