Sprachlosigkeit

11 Tage ist es her, dass die real existierende Terrorgefahr in unserem Landkreis, in unserer Kreisstadt und auch in unserer Stadt sichtbar wurde. Durch die Verhaftung von drei Männern, die offensichtlich schon ziemlich weit geplant hatten, inklusive selbstgebauten Handgranaten und anderen Waffen.

4 Tage ist es her, dass ich frühmorgens wie immer von den Nachrichten geweckt wurde, aber das „wie immer“ wich schnell dem Entsetzen. In Hanau waren Menschen ermordet worden. Ermordet, weil sie „anders“ waren.

Seitdem wird viel geredet, geschrieben, diskutiert. Oft mit Anstand und Respekt, differenzierend auch gegenüber anderen Meinungen. So, wie ich denke, dass es sich gehört. Aber leider auch allzu häufig in einer Art, dass ich mir beim Lesen von Facebook-Kommentaren nur zu gut die verzerrten, von Hass und Wut gezeichneten Gesichter der Schreiber vorstellen kann. Und während in mir immer mehr ein Ekelgefühl hochkriecht, frage ich mich: Wie kommen Menschen dazu, über andere, die sie nicht einmal persönlich kennen, solche Denkweisen zu entwickeln? Warum wünschen Menschen anderen Menschen Vergewaltigung, Mord und alles mögliche an den Hals, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen, geschweige denn gesprochen haben?

Nicht wenige von ihnen bilden sich ein, sie wollten das „christliche Abendland“ retten. Ich schätze mal, den großen Denkfehler erkennen sie nicht, weil sie die Botschaft von Christus entweder nicht kennen, nicht verstehen oder pervertieren.

Klar, es ist nicht alles gut in Deutschland. Es gibt vieles, was besser laufen könnte. Aber Gewalt, ob angedrohte, in Köpfen existierende oder tatsächliche, egal aus welchem politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Lager, darf nie die Lösung sein. Wer Gewalt ausübt, setzt sich selbst ins Unrecht.

Gesellschaftliche Diskussionen dauern lange, es gibt Reibungsverluste, sie kosten Nerven. Sie erfordern Kompromissbereitschaft. Und Kompromiss bedeutet, dass jede Seite Zugeständnisse macht. Ich habe manchmal (immer öfter) das Gefühl, der Kompromiss ist nicht gefragt, weil jede Partei sich vor allem ein bisschen wie ein Verlierer fühlt. Prozesse, die dauern, werden nicht zu Ende gebracht, weil unsere Welt so schnell geworden ist, zu schnell zum Mithalten. Ich meine mich zu erinnern, dass es in der Zeit meiner Kindheit und Jugend wesentlich anerkannter war, sich zu Gunsten einer Gesamtheit mit seinen Maximalforderungen zurückzunehmen.

Googel doch mal den Begriff „Quäker-Kontinuum“. Es ist eine Form der Entscheidungsfindung, die sich bemüht, die Prozesse so zu gestalten, dass nicht jemand als „Sieger“ und demzufolge der andere als „Verlierer“ vom Feld geht. Sondern dass sich alle Beteiligten ein wenig wie Gewinner fühlen können. Das bringt mich gleich zum nächsten wunden Punkt: Wir sollten dringend an unserer Rhetorik arbeiten. Verbal abrüsten. Nicht immer Begriffe aus der Kriegsführung benutzen.

Das wichtigste ist aber auf jeden Fall: Jede/r einzelne von uns kann etwas tun. An meinen ersten Absätzen merkst du vielleicht, dass auch ich mich irgendwie diffus hilflos fühle, ohnmächtig (=ohne die Macht), etwas zu ändern. Doch das stimmt nicht. Jeder einzelne Mensch kann auf seine eigene Sprache achten, die Begrifflichkeit bei anderen sanft korrigieren, zum Nachdenken anregen. Klare Kante zeigen, wo Grenzen, ob in Worten oder Taten überschritten werden.

Es ist paradox: Gerade jene, die anderen den Respekt und die Menschenwürde verweigern, sind extrem dünnhäutig, wenn sie das Gefühl haben, sie selbst würden nicht respektiert. Ganz grundsätzlich sind aber auch diese Menschen zunächst mit einer unverbrüchlichen Menschenwürde ausgestattet, auch wenn es ein bitterer Gedanke ist, dass sie dieses Menschenrecht anderen aberkennen. Um es mit Jesus zu sagen: „Segnet, die euch fluchen.“ „Schwäääre Kost“ war einmal ein Werbespruch von einem der Klitschko-Brüder. Genau das ist es. Dagegen halten, ohne in dieselbe Kerbe zu schlagen ist schwierig. Aber notwendig.

Eben schrieb ich: Es ist nicht alles gut in Deutschland. Ja, aber…: Machen wir uns doch im Gegenteil einmal klar, dass es viel mehr Dinge gibt, die richtig laufen, die erfolgreich sind, die vielen Menschen zugute kommen. Zäumen wir das Pferd am richtigen Ende auf. Fang bei dir selbst an, stell dir ein großes Glas auf die Fensterbank, lege Zettel daneben und schreibe jeden Tag auf, was gut war. Und wenn du einen richtigen Sch…tag hast, wo dir absolut nichts, aber auch nicht das kleinste bisschen positives einfällt, dann nimm dir einen Zettel aus dem Glas und erinnere dich: an einen tollen Kinoabend, eine kitschige Sonnenuntergangsstimmung, eine gelungene Aktion, den ersten Kuss, eine Rückzahlung vom Stromversorger, einen schönen Ausflug, die gute Note im Vokabeltest, dass dein Welpe zum ersten Mal „Sitz“ gemacht hat,  ein leckeres Essen…

Ich bin im Moment erleichtert. Erleichtert, dass ich mit meinen diffusen Gefühlen nicht allein bin. Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht, aber beim Lesen der Blogs, denen ich folge, war in den letzten Tagen so ein Gefühl, jeder sieht den rosa Elefanten im Raum, aber keiner mag ihn erwähnen, weil er denkt, er steht allein mit seiner Wahrnehmung, mit seiner Ohnmacht, seiner Rat- und Sprachlosigkeit (da oft Frauen die Blogs schreiben, sind natürlich alle gemeint, aber so war es schneller und verständlicher zu schreiben 😉 ) Der rosa Elefant war der Terroranschlag von Hanau, alle fühlen sich unbehaglich, aber niemand kann es so richtig artikulieren. Ging mir auch so. Ich hätte gern direkt etwas geschrieben, aber ich hatte die Befürchtung, dass ich ausfallend werden könnte, dass schreiben nicht im Geringsten angemessen wäre, dass ich wirres Zeug schreibe aus dem Ohnmachtsgefühl heraus. Ein kleines bisschen ist das auch jetzt noch so, aber nun müssen die Wörter einfach raus aus mir, sonst platze ich bald.

Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.

„Die Freiheit eines Menschen endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.“ Immanuel Kant

Oder auch

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Matthäus 25,40 (Einheitsübersetzung)

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

7 Kommentare zu „Sprachlosigkeit“

  1. Ich danke dir sehr für deinen Beitrag, in dem ich mich wiederfinde, denn auch ich kenne momentan die Gefühle der Rat- und Sprachlosigkeit zu gut und weiß auch nicht, wie man am besten reagiert. Aber das Grauen muss sich erst setzen, man muss es begreifen, um reagieren zu können.
    Nicht nur Corona, Hass, Intoleranz und Rassismus beherrschen uns, ebenso die Gleichgültigkeit und das Verstecken in den anonymen Weiten des WWW. Und es scheint irgendwie täglich immer mehr ddazu zu kommen … 😦 .
    Aber sei gewiss, es gibt auch die, die sich ebenso Gedanken machen und diese Entwicklung ins Abseits aufhalten wollen , nur wie?

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    1. Ich fürchte, eine relativeinfache Antwort gibt es nicht. Gegenrede ist eine Möglichkeit. Doch ich stelle leider immer wieder fest, dass ich nicht die Energie habe, mich stundenlang mit den festgefahrenen Meinungen auseinanderzusetzen….

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  2. Aus „Jeder sollte mal einen Schritt zurücktreten“ ist leider „Wenn jeder an sich denkt, ist allen geholfen“ geworden. Und das verfestigt sich nicht nur, sondern der Aktions-Radius verändert sich. Ging es lange darum, sich einen Vorteil zu verschaffen (eher auf sich bezogen), geht es zunehmend darum dem anderen einen Nachteil zu verschaffen (nach außen). Schlimm

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