Challenge 2.0

Diesen Beitrag schreibe ich im Rahmen der abc-etüden. Hier der Link zur Schreibeinladung:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/04/19/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-17-18-20-wortspende-von-myriade/

Seit fast acht Wochen habe ich nichts mehr über die Challenge geschrieben. Sie ist aber keinesfalls unter den Teppich gekehrt, nein, keineswegs. Was das angeht, werde ich gläsern bleiben und berichten. Allerdings wurde sie, zumindest bei mir persönlich, von zwei anderen Herausforderungen überlagert:

Erstens: Beine schonen. Zuhause bleiben, damit die Sehnen wieder anwachsen können, Beine hochlegen, wenig Bewegung. Als wäre das nicht genug, kam dann

zweitens Corona dazu. Noch mehr zuhause bleiben, weil Risikogruppe. Nichts mit unbeschwert durch die Gegend flattern! Mit zunehmender Mobilität innerhalb der eigenen vier Wände erwachte auch die ursprüngliche Challenge wieder. In Form von Vernichtung: Vernichtung von bevorrateten Lebensmitteln, die seit Jahr und Tag in Vergessenheit geraten waren. Und zwar Vernichtung durch Aufessen.

Und jetzt durch das Transformieren von Stoffen aller Art: Alte Herrenhemden, Bettwäsche, Tischdecken und Patchworkstoffe werden zu Masken verarbeitet. Dazu die Reste von „Schlüpfergummi“ aus dem alten Nähkorb meiner Mutter. Was als Nachbarschaftshilfe für die Hausarztpraxis begann, hat sich (übrigens entgegen meiner ursprünglichen Absicht) verselbständigt. Es macht nämlich auch durchaus Spaß, Statementmasken für Hobbygärtner, Globetrotter, feine Damen oder Freizeitkapitäne zu nähen. Leider sind die Stoffe für Leseratten (mit Büchern drauf oder zumindest mit Schrift) momentan sehr schwierig zu bekommen (Oder es sind schwere Dekostoffe, durch die man nicht atmen kann). Aber das ist dann ja auch kein Verwenden von sowieso schon Vorhandenem mehr.

Größere Aktionen werden aber noch ein bisschen warten müssen. Weil ich zwar wieder gehen kann, aber die Kraft erst noch trainieren muss. Und weil die Annahmestellen für Sperr- und sonstigen Müll nach drei Wochen Schließung erstmal viel Zulauf haben. Offensichtlich ist Entrümpeln momentan Volkssport. Da warte ich lieber noch ab.

abc.etüden 2020 17+18 | 365tageasatzaday

Auf Krawall gebürstet …

… war ich letzte Woche. Und weil ich niemanden damit verletzen wollte, dass ich mit mir im Unreinen war, habe ich mich ziemlich zurückgezogen. Ein Gefühl wie auf dem Bild oben.

Ostern war für mich persönlich schwierig. Nicht in erster Linie wegen der ausgefallenen Gottesdienste, sondern weil mir plötzlich bewusst wurde, dass ich mich vor einigen Jahren als (Schwieger-)Tochter nicht so wirklich mit Ruhm bekleckert hatte, obwohl ich die beiden Mütter doch vermeintlich schützen und bewahren wollte. Klar waren das andere Situationen, aber die Auswirkung auf die beiden war doch ähnlich. Siehe den letzten Post …

Auch nach Ostern blieb diese merkwürdige Stimmung bei mir vorherrschend, und ich fürchte, in der gesamten Woche war ich zwischenmenschlich nicht in Bestform. Einher ging das Ganze damit, dass mir alle Trostangebote, die die diversen Kirchenvertreter in den Medien zum besten gaben, unzulänglich vorkamen. Ich wollte gerade keinen Trost. Ich hätte viel eher die Auseinandersetzung gesucht. Ich war es satt, Erklärungsversuche und Beschwichtigungen zu den bohrenden „Warum“-Fragen zu hören.

Ich konnte den Hinweis auf Psalm 91 nicht mehr hören. Im Gottesdienst wird aus dem Gesangbuch die „entschärfte“ Version gebetet, ohne die Verse 7 und 8. Diese Verse lauten „Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird.“ Nehme ich den Psalm wörtlich, so muss ich auch diese beiden Verse mitbeten, aber das kann ich nicht. Ich kann und will in dieser Situation nicht andeuten, dass die Verstorbenen „Frevler“, Ungläubige waren. Wer bin ich, darüber zu richten???

Dieser Cartoon trifft eher, was ich vermute: Gott wirkt seine „Wunder“ der Bewahrung oft nicht mit Pauken und Trompeten, sondern, indem er uns Ärzte schickt, die Einschätzungen abgeben. Politiker, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die bereit sind, sich selbst zurückzunehmen für das Wohl aller.

Aber es ging noch weiter: Ich konnte unser Kinderfreizeitteam nicht motivieren, sich weiter so vorzubereiten, als würde tatsächlich im Sommer eine Freizeit stattfinden. Denn ich weiß es einfach nicht. Wer meldet denn in der jetzigen Situation sein Kind zu einer Freizeit an? Dürfen wir das im Sommer schon wieder? Macht das Sinn, wenn Ausflugsziele vielleicht nur kleine Gruppen einlassen dürfen, wenn Distanz weiter das Gebot sein wird?

Ich konnte oder wollte nicht darüber nachdenken, eventuell einen nächsten Jugendgottesdienst digital anzubieten. Es kotzte mich an, dass unser DIY-Baukasten-FAQ als gelungenes Beispiel für digitale Jugendarbeit gelobt wurde. Und ich weiß, dass dieses nun wirklich der Gipfel der Ungerechtigkeit war, die ich versprühte. Ich weiß, dass die Gemeindeleitung sich aufrichtig freut, dass dieser Gottesdienst gut angenommen wurde. Es fühlt sich auch nicht gut an, diese Erkenntnis in mir selbst.

Ich habe mich in der Woche bewusst von den sozialen Medien ferngehalten. Ab und zu beim Checken der Mails habe ich den einen oder anderen Blog kurz angeklickt, aber im Großen und Ganzen habe ich das Internet nur benutzt, um mir darüber klar zu werden, wie sehr ich denn nun „Risikogruppe“ bin (das Asthma ist zwar, Gott sei dank, seit Dezember wieder gut medikamentös eingestellt, aber es bleibt die Immunsuppression für die Arthritis und der Herz-Kreislauf-Bereich, also doch nicht so ganz Entwarnung) und herauszufinden, welche Nähmaschine ich wirklich gebrauchen kann, ohne zu viel Schnickschnack aber mit viel Komfort.

Während der restlichen Zeit habe ich es bedauert, dass der gesamtfamiliäre Segeltörn zu Ehren des Geburtstages meines Mannes nicht stattfinden konnte (das tat mir vor allem für ihn leid, denn er hatte sich sehr darauf gefreut), mich stattdessen um Küche und in bescheidenem Ausmaß um den Garten gekümmert. Alles Tätigkeiten, bei denen ich ungestört Podcasts hören konnte. Also habe ich begonnen, die „alten“ Folgen von „Hossa Talk“ zu hören. Was in der Woche nichts und niemand vermochte (nicht, dass ich es versucht hätte🙈), Jay und Gofi haben mir geholfen. Die Folgen

https://hossa-talk.de/hossa-talk-5-ex-evangelisten-unter-sich-mit-t-hebel/

und

https://hossa-talk.de/hossa-talk-12-keine-angst-vor-glaubenszweifeln/

habe ich mir gleich zweimal angehört. Und was soll ich sagen, ich empfand sie als hilfreich, für mich eine Einordnung von vielem vorzunehmen, was mich in der Woche bewegt hatte.

So hatte ich gestern am Vormittag Lust, in die Kirche zu gehen, die laut Ankündigung für ein ruhiges Gebet offen sein sollte. Edgar ging mit. Es waren alle hygienischen Maßnahmen getroffen, aber wir waren überrascht und auch überrumpelt, dass dort zwei Handvoll Leute saßen und sangen. Das war eindeutig nicht, was ich erwartet und erhofft hatte. Obwohl die Distanzwahrung auf eine wunderschön dekorierte Art gewährleistet war und es durchaus einladend aussah. Erwartet hatte ich eher die Art von Ruhe und Kontemplation, die ich empfinde, wenn ich eine „Offene Kirche“ betrete, in der sich vielleicht niemand oder auch ein bis zwei Leute befinden, die ebenfalls in Ruhe in einer Kirchenbank das Gespräch mit Gott suchen. Die still eine Kerze anzünden und dann wieder ihrer Wege gehen. Aber ich bin zwiegespalten, natürlich habe ich nicht das Recht, vorzuschreiben, auf welche Weise eine Kirche geöffnet sein sollte. Ich muss auf der anderen Seite aber auch eingestehen, dass ich mir augenblicklich überhaupt nicht sicher bin, wie viel Gemeinschaft ich mir, Edgar und im Endeffekt (nämlich im Erkrankungsfall) unseren Töchtern zumuten kann. Denn wir sind beide Risikogruppen (ich erwähnte bereits, dass ich das Wort zum Unwort erklären werde) und zumindest Kathrin ist noch ein paar Jahre auf uns angewiesen. Außerdem leben wir viel zu gern, um das leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Die Ewigkeit sollte schon noch ein paar Jahre Geduld mit uns haben.

So. Genug gejammert. Das einzig gute an solchen Seelentiefs ist, dass zumindest bei mir danach immer wieder ein Wetterwechsel stattfindet. Und so teile ich meine Zeit langsam wieder produktiv auf zwischen Computer (Heute dürfen die Buchhandlungen wieder öffnen, das wird eine Zunahme an Anrufen bedeuten), Nähmaschine und Garten auf. Ich lege mich mit Giersch, Gundermann und Brennnesseln an (dort, wo ich sie jetzt bekämpfe, taugen sie nicht zum Aufessen, weil Kalle manchmal die Aufgabe des Sprinklers übernimmt … ) und das einzige, worüber ich mich dabei ärgere, ist der harte, trockene Boden und die fehlende Kraft in den Beinen.

Und ich erwarte ungeduldig die Ankunft meiner neuen Nähmaschine.

Ostern -Eiskalt erwischt

Das Beitragsbild ist erst gestern Abend entstanden. Bis dahin brauchte ich, damit Ostern so richtig bei mir ankam.Es war schon merkwürdig, am Sonntagmorgen um halb sechs aufzuwachen. Normalerweise schaffe ich das nach der Osternacht nicht – aber halt, es gab ja keine Osternacht. Dieser ganz besondere Moment, wenn wir aus dem Dunkel der Trauer die Osterkerze in den Kirchenraum tragen, mit den Jugendlichen und ihren teils anwesenden Familien „Morgenstern“ und „Happy day“ singen, die Osterfreude feiern. Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden! Das fehlte. Und auch das Aufräumen danach, wenn wir eigentlich alle hundemüde, aber trotzdem total aufgekratzt sind.

Also gut, aufstehen, Kaffee kochen. Und dann saß ich am Küchentisch. Kathrin hatte am Abend vorher für das Frühstück gefüllte Eier als Osterküken gemacht, aber ansonsten gab es kein bisschen Osterdeko, um den Frühstückstisch zu etwas besonderen zu machen. Okay, das lag daran, dass ich meinen Beinen noch nicht genug getraut hatte, um die Osterkiste vom Dachboden zu holen.Aber ich hatte, teils wegen der Beine, teils weil ich Risikogruppe bin (ich lerne das Wort verabscheuen…), seit Wochen nicht mehr selbst eingekauft. Die ganzen netten Kleinigkeiten, die Ostern nicht nur zur Auferstehung Jesu, sondern auch zu einem schönen Familienfest machen, hatten nicht den Weg zu uns gefunden. Es würde auch kein buntes Durcheinander mit Allen am Nachmittag geben.

Und dann konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich musste an meine Mutter und meine Schwiegermutter denken. Beiden hatten wir vieles abgenommen, als sie nicht mehr so gut zu Fuß waren. Natürlich, aus Sorge, es könnte ihnen zu anstrengend sein, sich für die gesundheitliche Situation als Nachteil erweisen, aber ein bisschen doch auch, um ihnen zu zeigen, dass sie selbst es „nicht mehr nötig“ hatten, sich ins Gewimmel zu stürzen. In unserem durchgetakteten Leben zwischen Arbeit und Kindern bedeutete es ja auch immer Verzögerungen, wenn eine von beiden unbedingt selbst mit wollte, um genau das zu bekommen, was sie haben wollte oder um auch einfach nur mal wieder zu sehen, was es denn in den Geschäften so gab.

Ich habe 52 Lebensjahre gebraucht, um dieses Verhalten so gut nachfühlen zu können… Es hat mich traurig gemacht, beschämt, und ein wenig Selbstmitleid war auch dabei. Und so war es ein nachdenkliches, nicht ganz einfaches Osterfest für mich, trotz des schönen Wetters.

Gestern Abend kam dann aber mit Verspätung auch die Osterfreude bei mir an. Etwas verhalten in diesem Jahr, aber ich kann ja nicht immer überschäumen. Und inzwischen hatte ich auch erkannt, dass ich auch solche Stimmungen haben darf.

Gemeinsam

Dieser Rebengang wirkt äußerst verlockend für mich. Ich stelle mir vor, dass er Schatten und Schutz bietet. Schutz vor Sonne, Wind und Regen, vor der Hitze eines Sommertages, vor neugierigen Blicken. Gerne würde ich mich hier einfach mal hinsetzen oder -legen, den Duft der Natur um mich herum einatmen, die Kühle unter dem Blätterdach genießen, auch mal Trauben naschen, wenn sie schon reif sind. Ich glaube, ich wäre dort sehr behütet. Dieser Traubengang ist eine Art sakraler Raum in meiner Vorstellung.

„Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben“ sagte Jesus einst. Das heißt, ich bin ein Teil dieses Bildes. Diese Darstellung ist unter anderem: Kirche!

Denn was ist „Kirche“ eigentlich? Der Ursprung ist das griechische „Ecclesia“ (ursprünglich eine Volksversammlung), im christlichen Sinn gebraucht als „Die Herausgerufenen“, die von Jesus Christus durch das Evangelium herausgerufen wurden aus der Welt.

Kirche ist nicht einfach die Bezeichnung für ein Gebäude, auch nicht für eine Variante der Religionsausübung. Kirche ist auch nicht zuerst katholisch oder evangelisch, baptistisch oder sonstwie. Kirche ist vor allem Gemeinschaft oder Familie.

Wie in jeder Familie gibt es Gemeinsamkeiten und Differenzen. Es gibt Menschen, die man mag und solche, die man am liebsten von hinten sieht. Sogar in der Gemeinde, in der man sich zuhause fühlt. Und das ist gut und richtig so und meiner Meinung nach sogar wichtig für die eigene Entwicklung. So wie sicherlich jeder in der Verwandtschaft jemanden kennt, den man nur ungern besucht, von der man sich abgrenzt, eine Person, die Widerstand hervorruft. Das hilft beim Aufwachsen. Sich zu sagen: Wie diese Person möchte ich nicht werden! Da sträubt sich alles in mir.

Auch in der Gemeinde gibt es solche Menschen. Aber: Ich habe inzwischen festgestellt, dass mir teilweise sogar schmerzliche Auseinandersetzungen mit solchen Menschen letztlich mehr geholfen haben, meine eigene spirituelle Identität zu finden, als solche, mit denen ich einer Meinung war. Denn sie fordern heraus, Positionen zu überdenken statt zufrieden im eigenen Saft liegen zu bleiben. Das kann dazu führen, dass ich in meinem Denken bestärkt werde, aber es kann auch bedeuten, dass ich erkenne, selbst auf dem Holzweg zu sein. In jedem Fall aber muss ich reflektieren, und sei es, um Argumente zu sammeln. Das ist natürlich unbequem. Aber im Nachhinein oft sehr hilfreich.

„Meine “ Gemeinde ist sicher nicht perfekt. Das wäre unmenschlich und überhaupt nicht erstrebenswert. Aber sie ist so wie wir Menschen eben sind!

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Karfreitag

Zunächst wieder das Foto. Da wird „Holz gemacht“. Auf den ersten Blick liegt da ziemlich viel totes Holz, rigoros vom Leben abgeschnitten. Auf den zweiten Blick sehe ich aber auch eine Chance:

Der Baum oder Strauch im Hintergrund ist nicht von der Wurzel her beseitigt worden. Er kann aus dem „Stock“ wieder neu austreiben. Wer Haselnusssträucher im Garten hat, kennt das Procedere. Das Leben bahnt sich seinen Weg, verjüngt und stärker als zuvor.

Ähnlich ist es mit Karfreitag. Man hatte gehofft, das „Übel“ Jesus am Kreuz aus der Welt zu schaffen. Aber die Wurzel, die Liebe Gottes zu den Menschen, konnte man nicht beseitigen. Und Jesus besiegte den Tod, seine Botschaft der Liebe war nach seiner Auferstehung stärker denn je. Bis heute treibt sie neu aus.

Und das ist es auch, was mich an Jesus so fasziniert. Seine radikale Liebe zu denen, die bis heute immer wieder scheitern, die es nicht schaffen, zu ihrem Wort zu stehen, auch zu denen, die es nicht mal versuchen wollen. Und ich gebe auch ganz offen zu, dass es ein sehr langer Weg für mich war, zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. Als ich gerade erst erwachsen war, dachte ich eher: An Gott kann ich glauben, und auch daran, dass es den historischen Menschen Jesus gab. Der war auch sicher ein Vorbild für viele, aber Gottes Sohn? Wie soll das funktionieren? Es ist ein Weg, immer noch. Der Weg ist manchmal steinig, er bietet manchmal erstaunliche Erkenntnisse, aber er lohnt sich, ihn zu gehen. Und er wird dauern, solange ich lebe. Glauben ist meiner Meinung nach in diesem Leben immer ein Weg. Kein Ankommen. Das kommt später…

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Allein

Das dürfte heute Abend bei vielen Christen vielleicht nicht das vorherrschende, aber ein bohrendes Gefühl sein. Am Gründonnerstag feiern wir Abendmahl, und zwar zum Gedenken an das letzte gemeinsame Mahl von Jesus mit seinen Jüngern, ehe er den schweren Weg ans Kreuz ging. Genau diese Situation gibt es nur das eine Mal im Jahr. Aber nicht 2020. Nicht so, wie wir es kennen, in der Gemeinschaft unserer Gemeinden.

In diesem Jahr ist einfach alles anders. Symbolisiert durch die leeren Stühle und Bankreihen in unseren Kirchen. In den sozialen Netzwerken werden heute heiße Diskussionen darüber geführt, ob und wenn ja wie man als Laie das Abendmahl zuhause feiern darf, ohne die Einsetzung durch einen ordinierten Pfarrer.

Erstens wundere ich mich, dass diese Diskussionen erst heute mit dieser Vehemenz laufen, denn das Kommen des heutigen Tages mitsamt den Einschränkungen waren seit mindestens zwei Wochen absehbar. Zweitens frage ich mich, wie zielführend es ist, wenn die einzelnen Landeskirchen jeweils ihr eigenes Süppchen kochen, und drittens, warum es nicht möglich war, den Diskurs über die theologischen Streitpunkte erst ganz in Ruhe und ohne Öffentlichkeit zu klären und dann mit einer gemeinsamen (Kompromiss-)Lösung den Menschen einen gangbaren Weg aufzuzeigen. Da wünsche ich mir abseits von Dogmen und Systemen einfach pragmatische und praktische Ansätze für Ausnahmesituationen. Einen Plan B sozusagen.

Zum Anderen denke ich an die Vielen, die tatsächlich ganz allein zuhause sind, die augenblicklich weder im spirituellen noch im realen Leben die Möglichkeit zur Gemeinschaft haben. Der Gedanke tut weh, aber meine Möglichkeiten beschränken sich aktuell auf Mitgefühl und Gebet für die Einsamen. Alles andere gebe ich in Gottes Hand und vertraue darauf, dass er einen Weg findet, die Menschen zu trösten.

Ja, allein sein kann wunderbar sein, es kann helfen, die eigenen Gedanken mal wieder zu hören statt der vielen verschiedenen Meinungen, denen wir ausgesetzt sind. Aber allein sein, wenn ich es mir nicht selbst ausgesucht habe, kann mich sogar in einem Wolkenkratzer voller Menschen zum einsamsten Menschen der Welt machen.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Ich glaube zu wissen?

Zunächst das Bild. Ich weiß nicht, wo es aufgenommen wurde, es könnte eventuell Boston oder Chicago sein, ist aber auch egal. Da steht diese kleine, hübsche, altmodische und standhafte Kirche im Schatten des mächtigen und modernen Wolkenkratzers. Aber sie duckt sich nicht, sondern steht dort gut gepflegt und selbstbewusst.

Es könnte ein Bild dafür sein, wie viele Menschen heute die Kirche bzw. den Glauben insgesamt sehen: Altertümlich anmutend, ewiggestrig und klein im Gegensatz zu dem modernen Leben, voll von Innovation und Technik. Und auch von der Größe her eher unbedeutend. Ich bewerte das jetzt mal bewusst nicht.

Sind Glauben und Wissen eigentlich unvereinbar? Oder gehören sie zusammen? Wenn ich sage „Ich glaube, wir haben kein Eis mehr im Eisschrank“, dann ist das eine total andere Ebene, als wenn ich sage „Ich glaube an Gott“. Ich muss nämlich nur nachschauen gehen, dann weiß ich sicher, ob meine Vermutung bezüglich Eis stimmt. Mit Gott ist das nicht so einfach. Wenn ich aber den Satz etwas anders formuliere: „Ich vertraue darauf, dass Gott da ist (und es gut mit mir meint)“, dann brauche ich ihn nicht zu verifizieren. Dann ist es meine persönliche Sichtweise, die erwartet, dass ich irgendwann in der Zukunft zu einem Zeitpunkt, der sich total meiner Kenntnis entzieht, eine Antwort bekommen werde.

Und bis dahin lebe ich mit Glaube, Hoffnung und Liebe.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)