30 Days Book Challenge – Tag 18

„Einen Satz, den du für zitierungswürdig hältst“ hat Ulrike uns heute als Aufgabe gegeben. Das ist schwierig, denn auch jenseits von „Sein oder Nicht sein, das ist hier die Frage“, „Da steh ich nun ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor“ oder „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“ gibt es natürlich jede Menge Literaturzitate. Entweder werden sie bereits seit Jahrzehnten benutzt, um die humanistische Bildung heraushängen zu lassen oder um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe an Lesern zu signalisieren. Aber auch, um die Begeisterung für etwas gelesenes zu demonstrieren.

Ich habe für heute etwas ganz anderes herausgesucht, das zu meiner momentanen ungewohnten leicht pessimistischen Stimmung passt. Es passt aber auch wie Faust aufs Auge zu unserer gesamtgesellschaftlichen Situation, die wir ja zu Beginn der Corona-Maßnahmen so gern ändern wollten und es anscheinend doch nicht geschafft haben.

Der Satz lautet

„Inzwischen gibt es Anwaltsfirmen, die sich darauf spezialisiert haben, Staaten im Namen von Unternehmen für ihre Umwelt- oder Sozialpolitik zu verklagen, wenn sich die Gewinne nicht einstellen, die ihren Investitionsentscheidungen zugrunde lagen.“

Lies den Satz ruhig öfter. Zerlege ihn in kleinere Einheiten. Denk darüber nach, was er bedeutet. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, hier kommt eine Ungeheuerlichkeit ganz sachlich dargestellt rüber, die Auswirkungen auf uns alle hat. Es bedeutet schlicht und ergreifend, dass große Konzerne Staaten in Geiselhaft nehmen und über diesen Umweg jeden einzelnen Steuerzahler! Wenn unternehmerische Entscheidungen sich als falsch erweisen, wird der Staat in Haftung genommen, da diese Entscheidungen angeblich nicht funktionierten, weil der Staat nicht die „richtigen“ Rahmenbedingungen schafft. Meist sind es Entscheidungen für den Umweltschutz und die Arbeitnehmerrechte, die von den Konzernlenkern in ihren eigenen Kalkulationen außer acht gelassen werden. Gewinne kommen aber in großer Mehrheit nur den Shareholdern, den Aktionären und Managern zugute!

Die soziale Marktwirtschaft war ursprünglich anders herum gedacht: Der Staat gibt den ordnungspolitischen Rahmen vor, die Unternehmen agieren innerhalb dieses Rahmens. Faktisch sieht es heute so aus, dass die Politik durch Lobbyismus und andere Verbindungen (Politiker in Aufsichtsräten etc.) bevorzugt Rahmen absteckt, die von der Wirtschaft gewünscht werden.

Ja, ich weiß, ich werde an dieser Stelle etwas polemisch, ich fürchte nur, die Auswirkungen unseres inzwischen ziemlich perversen Systems (von dem ich im Übrigen unter anderem durch Konsumentscheidungen und Wahlverhalten ja auch ein Teil bin) kommen in netten, wohlgesetzten Worten nicht rüber.

Kommen wir mal zu dem Buch, aus dem das Zitat stammt. Ich habe hier auf dem Blog auch schon darüber geschrieben und das Buch verdient auch eigentlich noch eine ganz ordentliche Besprechung:

Maja Göpel, Unsere Welt neu denken.

Die bibliographischen Angaben finden sich im Ursprungspost.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

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