Zu einer anderen Zeitrechnung

Heute hat irgendjemand auf dem Blog diesen Beitrag aufgerufen. Ich wusste nicht mehr, wann ich ihn erstellt hatte oder wovon er handelt, deswegen habe ich mal nachgesehen. Ich hätte auf irgendwann letzten Herbst getippt und damit grandios falsch gelegen.

Erstaunt las ich, was ich am frühen Morgen des 1. Januar 2020 geschrieben habe, denn es kommt mir so weit weg vor. In einem anderen Leben? So krass eher nicht, aber es war eben in der Zeitrechnung „vor Corona“ – zumindest war Corona zu der Zeit noch etwas Exotisches, weit weg in China und es betraf uns nicht. Was müssen die auch so komische Sachen essen? Kann uns ja nicht passieren…

So schnell ändern sich Dinge, Situationen, Lebensentwürfe.

Aber darum geht es doch überhaupt nicht. Ein sorgenfreies Leben, immer auf der Sonnenseite, nie stolpern, nie fallen. Wie langweilig wäre das denn? Und wie sehr würde das Gute dadurch abgewertet, wenn es nie schwierig würde… Ich könnte das Schöne, was mir geschieht, nicht wertschätzen, wenn ich nicht auch die andere Seite kennen würde. 

Das habe ich „damals“ geschrieben. Und auch dieses:  Ich bin gespannt und neugierig auf dieses neue Jahr.

Ob ich mir wohl in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hätte, was das Jahr 2020 so alles mit sich bringt? Und ob ich dann auch so enthusiastisch und voller Erwartung gewesen wäre? Ich vermute, beides eher nicht. Aber der Absatz davor, der stimmt meiner Meinung nach immer noch. Obwohl es im Moment immer mehr Menschen gibt, die nur das „Gute, Schöne, Einfache“ wollen, diverse Schwierigkeiten aber ganz gern in andere EU-Länder verlagern wollen (oder am besten ganz raus aus Europa), als Auswüchse einer „Diktatur“ sehen oder sie am besten ganz leugnen.

Ich frage mich deshalb, war das Jahr bisher wirklich nur schlecht? Abseits von Beschränkungen (denen, die zum Infektionsschutz dienen ebenso wie meinen persönlichen durch den Unfall) gab es doch auch in diesem Jahr unheimlich viele schöne Begebenheiten. Situationen, die von Verständnis und Empathie getragen warten, Solidarität, unverhoffte Ruhepausen für die Umwelt, bei uns in der Familie auch noch eine Hochzeit, selbst die verschobene Konfirmation wird nun bald stattfinden. In meinem Garten ist trotz der phasenweisen Trockenheit vieles gewachsen, sogar mehr und anderes, als ich geplant hatte, aber immerhin, es ist gewachsen und nicht verdorrt.

Natürlich hat es auch Fehler gegeben, auf vielen unterschiedlichen Ebenen, wie immer, wenn Menschen Entscheidungen treffen. Einige Entscheidungen haben uns viel zusätzliche Arbeit beschert, während sie viel zu vielen (Künstlern und Selbständigen) die Arbeit komplett unmöglich gemacht haben. Andere treffen bis heute noch die schwächsten Gesellschaftsgruppen (Kinder, Alte, Kranke), wieder andere müssen regelmäßig auf den Prüfstand. Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir in Deutschland aber bisher ordentlich durchgekommen. So hat sich die Menschheit seit Jahrtausenden entwickelt, wir erleben augenblicklich eine Art Evolutionsgeschehen im Schnelldurchlauf. Und allen technologischen Errungenschaften zum Trotz sind wir immer noch nicht in der Lage, mit der Geschwindigkeit der Entwicklung verstandesgemäß mitzuhalten.

Es hat ebenfalls ganz sicher unnötig viele traurige Momente für eine Menge Menschen weltweit gegeben, das Jahr hat zu hohe Verluste gebracht, auf persönlicher, auf zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und auf wirtschaftlicher Ebene. Doch nirgendwo steht geschrieben, dass wir immer und jederzeit ein Anrecht auf den geringsten Widerstand oder ein Leben im Schlaraffenland haben. Vielleicht sollten wir als menschliche Gesellschaft einen Paradigmenwechsel herbeiführen:

Natur statt Infrastruktur, Resilienz statt Selbstoptimierung, Gelassenheit statt ständig neue Hypes, Qualität statt Quantität, Freundschaft statt Konkurrenz.

Utopie statt Dystopie…

PS: Das Foto ist heute früh im lippischen Bergland entstanden, wo ich zu einer Einkaufstour bei Direktvermarktern war. Erst jetzt im Großformat habe ich das Bushaltestellenschild entdeckt, das war mir wegen des Gegenlichtes nicht aufgefallen. Aber ich finde, es ist ein schönes Detail: Einfach mal an der Haltestelle stehen bleiben und den Sonnenaufgang genießen!

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

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