Tschüss und auf ein Neues

Ein neuer Tag bricht an…

Uff. Abgearbeitet…! Ausgerechnet dieses Jahr war auch noch einen Tag länger als „normal“. Ich habe noch einmal nachgelesen, wie ich 2019 verabschiedet habe. Im Rückblick kann ich sagen: Ich habe so schief gelegen wie die Astrologen bei der Überlegung, was mich 2020 den größten Teil des Jahres beschäftigen könnte. Naja. Leben ist, was passiert, während wir andere Pläne machen. 

Mein erster Beitrag des Jahres 2020 dagegen, der hat sich auf gewisse Weise bestätigt, aber so heftig hätte ich es mir nicht vorgestellt. Wobei ich selbst und meine Familie noch sehr gut durch das Jahr gekommen sind. Wir wurden vor dem Virus (bisher) bewahrt, wir hatten alle jederzeit Arbeit, kein Grund zum Klagen also.

Trotzdem ist einiges passiert, was mich Dinge überdenken ließ, die uns sonst so selbstverständlich erscheinen. Zum Beispiel die Fähigkeit des Laufens. Wenn die auf einmal weg ist, fällt man in ein Loch. Die Überwindung, die es mich zunächst gekostet hat, einen Rollstuhl zu benutzen (wobei ich doch wusste, dass es nur übergangsweise sein würde), und noch mehr Überwindung, ihn in der Öffentlichkeit einzusetzen, brachte mir eine ungewohnte Perspektive ein: Bei Menschen, die mich nur flüchtig kennen, war Unsicherheit zu spüren: Sie wussten ja nicht, was ich wusste und überlegten sich, ob das jetzt zukünftig die „neue Anja“ sein würde. Wie sollten sie mit mir umgehen? Andere, die ein wenig mehr Einblick ins Geschehen hatten, freuten sich, dass ich (nach dem energischen Anstupsen durch Edgar, nicht aus eigenem Antrieb) eine so pragmatische und praktische Lösung gefunden hatte. Hey, und inzwischen kann ich zwar immer noch nicht so richtig vor einem ernsthaften Angreifer oder einem Lavafluss weglaufen, aber ein paar Tanzschritte zu „Jerusalema“ klappen schon wieder😄.

Von diesen ganzen Ereignissen wusste ich Anfang 2020 glücklicherweise noch nichts, als ich enthusiastisch mit einigen Freundinnen eine Ausmist-Challenge ins Leben rief. Über den ganzen Problemen, die im Laufe des Jahres über uns hereinbrachen, ist die Challenge zwar ziemlich lange gelaufen (zumindest bei denen, die auf zwei Beinen unterwegs waren), aber irgendwann bekamen andere Dinge Priorität und das ist natürlich auch ok. Unnötig zu erwähnen, dass ich alle meine Pläne für den Garten um ein Jahr verschoben habe.

Immerhin konnten wir im Juli eine knappe Woche Segelurlaub machen, ein Highlight des Jahres und eine kostbare (was für ein tolles Wort: es beinhaltet das volle Auskosten einer Sache oder Situation mit allen Sinnen) Zeit des unbeschwerten Zusammenseins mit mehreren Leuten. Das zweite Highlight war im September, da heirateten Julia und Jonas während einer kurzen Zeit des Aufatmens, als es zumindest möglich war, eine kleine Feier mit Eltern und Geschwistern zu gestalten. Ja, und selbst eine sehr schöne Konfirmationsfeier für Kathrin hatten wir in einer ungewohnten Jahreszeit, aber bei schönstem Wetter Anfang Oktober. Aller guten Dinge sind drei.

Über manche Gruppen unserer Gesellschaft werde ich kein weiteres Wort mehr verlieren, da haben wir uns schon zur Genüge ausgetauscht, oder?

Aber das bringt mich jetzt zu etwas, was ich für das kommende Jahr wichtig finde: Eine breite gesellschaftliche Diskussion über vieles, das in den letzten Jahren schon fürchterlich falsch gelaufen ist und im Endeffekt zu der aktuellen Spaltung beigetragen hat. Es ist nicht mehr damit getan, dass man irgendwann im nächsten September irgendwo ein bis zwei Kreuze auf langen Listen macht. Wir müssen reden, über das, was uns wichtig ist.

Zum Beispiel ein gut aufgestelltes Gesundheitssystem mit ordentlich ausgebildeten und adäquat bezahlten Akteuren anstelle von Klinikverbünden im Besitz von Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären möglichst viel Profit bringen sollen. Natürlich gibt es das Gebot des ordentlichen Wirtschaftens, aber Gesundheit sollte nicht vom Shareholder Value abhängig sein.

Oder Schulen, die (auch und gerade an jeder Milchkanne, Herr Scheuer!) mit stabilen und leistungsfähigen Internetleitungen und modernen Endgeräten ausgestattet sind, um auf Herausforderungen der Zukunft zu reagieren. Eine Lehrerausbildung, die ebenfalls gut gerüstetes Lehrpersonal hervorbringt, Administratoren, die sich um Hardware etc. kümmern. Und weniger Dogmatismus (ich weiß nicht, ob es dieses Wort bisher überhaupt gab, aber ich bin der Meinung, ein -ismus ist für das, was da läuft, die passende Bezeichnung)  in den Kultusministerien.

Oder eine gut ausgebaute Infrastruktur im ÖPNV, Steuern auf Flugbenzin, damit durch gestiegene Flugpreise der Umstieg auf die Bahn attraktiv wird. Denken und Planen in die Zukunft statt auf Technologien von vor 40 Jahren zu setzen. (Btw, hätte vor ca. 100 Jahren das Totschlagargument „Arbeitsplätze“ schon gegolten, hätte sich das Auto nie durchgesetzt und wir würden heute noch mit der Pferdedroschke fahren. Interessantes Gedankenspiel…)

Eine anerkennende Wertschätzung der Landwirtschaft und ihrer Produkte. Solange viele Verbraucher nur die billigsten Lebensmittel in möglichst großen Mengen haben wollen, solange wird auch zu ebendiesen Bedingungen hergestellt. (Während ich das hier schreibe, blockieren Landwirte mit ihren Traktoren die Zentrallager eines großen Discounters. Weil die Butter dort billiger werden soll. Warum…?) Das Umdenken muss natürlich im Landwirtschaftsministerium auch stattfinden, aber vor allem muss es in unser aller Köpfen passieren. Auch die Verstädterung hat sicher dazu beigetragen, dass so mancher von uns nicht mehr weiß, wie Lebensmittel produziert werden. Aber es liegt doch in unserer Hand, diesen Zustand zu ändern. Es geht nicht an, immer nur auf andere zu verweisen. Und ich gebe offen zu, dass ich da auch noch Entwicklungspotenzial habe, obwohl ich ein Landkind bin. 

Es gibt noch viele weitere Beispiele und es gibt zum Glück sehr viele Menschen, die sich in irgendeinem Bereich einbringen und dafür sorgen, dass „ihr“ Thema nicht vergessen wird. Es ist ganz logisch, dass nie die gesamte Gesellschaft mit ihrer Meinung deckungsgleich sein wird, das wäre auch überhaupt nicht wünschenswert. Aber mein großer Wunsch, meine Utopie ist: Wir reden wertschätzend miteinander statt uns gegenseitig niederzubrüllen. Wir hören einander zu statt uns ins Wort zu fallen. Wir bewegen miteinander etwas statt gegeneinander zu blockieren. Wir erlernen wieder die mühsame Arbeit der fruchtbaren Debatte und der Kompromissfindung. Wünschen darf man ja…

Vor allem wünsche ich euch allen ein friedliches und gesegnetes Jahr 2021 und möglichst viel Gesundheit.

Zwischen den Jahren

Schon merkwürdig, das „alte“ Jahr ist gefühlt zu Ende, obwohl da nach Weihnachten noch so ein paar Tage übrig sind. Jahresabschlussarbeiten stehen an, wie zum Beispiel das Vorbereiten der Inventur in vielen Firmen. Das „Neue“ hat noch nicht angefangen, obwohl ich in dieser Zeit immer den Drang habe, meinen Kalender für das kommende Jahr vorzubereiten.

Viel Aberglaube oder Volksglaube ist mit diesen Tagen verbunden. Rauhnächte, Perchten, wie auch immer es landschaftlich genannt wird, in dieser Zeit kommen sich diesseitige und jenseitige Welten nah. Einen interessanten Artikel dazu habe ich hier gefunden. Mit diesen ganzen Bräuchen kann ich aus eigener Erfahrung nichts anfangen, ich weiß nur noch, dass meine Mutter früher, als ich noch klein war, immer erzählte, man solle zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche waschen, weil das angeblich Unglück bringe.

Wie auch immer, genießen wir ziemlich klüngelig (= langsam) hier zuhause die Zeit, lesen, räumen ein bisschen (zum Beispiel habe ich im Nähzimmer alle Weihnachtsstoffe verräumt und verabschiedet), sind kreativ oder ruhen einfach mal nur aus. (Gewaschen habe ich übrigens trotzdem.)

Winterpause.

Weihnachten mal anders

Erstens: Ich habe es tatsächlich geschafft, drei Tage lang den PC nicht einzuschalten. Ab und zu habe ich übers Smartphone geschaut, was so los ist, aber nicht oft, denn ich mag es nicht, immer hin und her zu wischen, um einen Blogbeitrag wirklich gut lesen zu können.

Heiligabend war ein merkwürdiges Gefühl, ungewohnt entspannt. In den letzten Jahren war immer ab 14 Uhr Gewusel, damit wir es als Mitarbeiter in die jeweiligen Gottesdienste schafften, Konfirmanden in die Kostüme stecken konnten, Texte ein letztes Mal abhören, Lesungen vorbereiten usw. Ich habe mich gefragt, wenn uns als Ehrenamtlichen es so geht, wie ist es dann erst für unsere Pfarrer, die Küsterin, die Kirchenmusiker, für die Weihnachten sonst der absolute Großeinsatz ist?

Keine Gottesdienste vor Ort bedeutete aber auch, dass wir die Zeit nutzen konnten, um einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wir haben uns auf Youtube durch die Online-Angebote der anderen Gemeinden im Kirchenkreis gezappt. Die vielen verschiedenen Ansätze waren spannend zu beobachten.

Von 21 bis 22:30 Uhr war unsere Kirche zur stillen persönlichen Andacht geöffnet, mit Orgelspiel im Hintergrund. An diesem Abend wurde das Angebot auch gut angenommen, einige Familien und Einzelpersonen verbanden es mit einem abendlichen Spaziergang. An den beiden Weihnachtstagen und am Sonntag gab es jeweils zur Gottesdienstzeit auch die offene Kirche und ich freue mich so richtig, dass mit diesem Format Menschen unser schönes altes Kirchengebäude manchmal sogar ganz neu wahrnehmen.

Ansonsten war es vor allem ein Weihnachtsfest mit viel Ruhe, einigen Märchenfilmen und deutlich weniger Essen als „normalerweise“. Und wenn ich mich so umgehört habe, hat die Vorbereitung auf dieses Weihnachten im „Krisenmodus“ einige Leute dazu gebracht, über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und Bräuche neu nachzudenken. In jede Richtung: was ist uns eigentlich wirklich wichtig, was schätzen wir? Das merken wir ja häufig erst dann, wenn es fehlt. Im Gegenzug aber auch: worauf können wir verzichten? Was ist eigentlich nur Fassade, weil „es immer so gemacht“ wurde?

Für mich persönlich hat sich herausgestellt, dass ich auf üppige Adventsdeko viel besser verzichten kann als auf einen Weihnachtsbaum. Mit dem Vorschlag von Edgar, in einer großen Vase Tannenzweige aus dem Garten aufzustellen, konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, Ökobilanz hin oder her😌. Und gefehlt hat mir das trubelige Zusammensein mit allen unseren Kindern, so vernünftig es auch war, darauf zu verzichten. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde, der Gänsehautmoment, wenn alle gemeinsam „Oh du fröhliche“ singen, ja, auch das hat gefehlt. Der vollgefressene (Sorry) Bauch dagegen, der hat mir ganz und gar nicht gefehlt.

Ein im wahrsten Sinn des Wortes „merk-würdiges“ Jahr geht zu Ende. Es hat uns vieles abverlangt und uns erschöpft zurückgelassen. Ich hoffe, wir merken uns, was wir als essentiell und gut empfunden haben und ich hoffe, wir merken, dass ein immer höher und immer weiter nicht die Zukunft sein kann.

Mein kleines (Weihnachts-)licht

Weihnachten 2020 – mit welchen Ansprüchen war dieses Fest im Voraus überfrachtet worden. Irgendwie ja auch verständlich, denn dieses Jahr hatte uns schon so vieler Dinge beraubt, die uns seit vielen Jahren unverzichtbar erscheinen: Der Freiheit, jederzeit überall Kinos, Theater, Konzerte zu besuchen. Den Sommerurlaub mit dem Flugzeug in alle Welt mussten die meisten von uns streichen. Essen gehen wurde größtenteils eine etwas ungemütliche Veranstaltung mit Abstand und vielleicht sogar zwischen Plexiglaswänden… Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie häufig wir diese Freiheiten überhaupt in Anspruch nahmen, damals, vor der Pandemie. Wir konnten es aber zumindest theoretisch fast jederzeit.

Wenn wir uns im November alle „ein bisschen“ einschränken, dann können wir Weihnachten feiern wie gewohnt, so hatten es uns die MinisterpräsidentInnen Ende Oktober ausgemalt: im Kreis der gesamten Familie, mit allen, die uns lieb und wertvoll sind, die wir vielleicht lange nicht sehen konnten. Mir kam es so vor, als würde dieses ganze Weihnachten romantisch verklärt. Hoffentlich ein bisschen Schnee, rechtzeitig zum Kirchgang an Heiligabend, warme Lichter, Glockenklang, Weihnachtslieder und ein gemütliches Zuhause, wo im liebevoll geschmückten Wohnzimmer die Bescherung stattfindet. Ein Bild wie von der Werbeindustrie gezeichnet.

Bitte versteht mich nicht falsch, an alledem ist überhaupt nichts verkehrt, wenn man es in der Familie immer so macht, sich alle dabei wohlfühlen und niemand sich dafür verbiegen muss. Verkehrt wird es dann, wenn alle Erwartungen, die sich das ganze Jahr lang nicht erfüllt haben, auf dieses „heilige Fest der Familie“ gelegt werden. Wenn unbedingt noch ein bisschen „Heile Welt“ sein muss, um dieses vermaledeite Jahr zu einem einigermaßen guten Abschluss zu bringen. Wenn Traditionen herhalten müssen, um Erwartungen zu erfüllen.

Was bedeutet Weihnachten denn heute noch? Ungeachtet der Tatsache, dass auch ich stundenweise im Einzelhandel arbeite, dass es mir vor allem sehr viel Spaß macht, für die unterschiedlichsten KundInnen genau das richtige Buch zu finden, macht es mich traurig, dass an Weihnachten immer stärker Geschenke den Zweck erfüllen, den eigentlich ganz andere Werte erfüllen sollten. Zeit, zuhören, Gemeinsamkeit. Ganz abgesehen von der eigentlichen Bedeutung von Weihnachten: Hoffnung ins Dunkel zu bringen, nicht mit einem großen und mächtigen König, sondern verkörpert von einem kleinen, hilflosen Kind, in Armut geboren.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, in diesem Jahr war der Advent für mich bisher eine ganz besondere Zeit. Zeit, darüber nachzudenken, wie privilegiert doch die allermeisten von uns sind, selbst dann, wenn wir finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, selbst wenn wir keine große intakte Familie haben, die uns Halt gibt. Sogar dann noch, wenn nicht wenige von uns in eine ungewisse Zukunft blicken, nicht wissen, was zum Beispiel mit dem Arbeitsplatz wird. Denn im Gegensatz zu sehr vielen Menschen auf der Welt und auch in unserem Land haben wir, die dieses lesen können, ein Zuhause, mit fließendem Wasser, mit Heizung und mit einem Kühlschrank, in den wir hineingreifen können, wenn wir Hunger haben. Wir sind über vielfältige technische Möglichkeiten mit anderen Menschen verbunden. Wie bescheiden auch immer, wir sind relativ behütet.

Wenn ich durch die Straßen fahre, genieße ich auch die geschmückten Häuser (solange es nicht so übertrieben ist wie in einigen amerikanischen Weihnachtsfilmen😉), habe aber für mich selbst beschlossen, recht zurückhaltend zu sein, was die Beleuchtung angeht.

In Betlehem, vor 2000 Jahren, da war es ein einziger heller Stern, der den Weg wies. Für mich ist es eine kleine Kerze, die in der Finsternis das Licht bringt, die Hoffnung aufzeigt, es wird nicht für immer dunkel sein. Mein eigenes kleines Licht reicht, gemeinsam mit den vielen tausend kleinen Lichtern der Anderen ergibt es das Lichtermeer, das uns die Hoffnung bringt.

Ein kleiner Musiktipp dafür:

Bruce Springsteen with the Sessions Band – This Little Light of Mine (Live In Dublin) – YouTube

(Es gibt unterschiedliche Versionen. Ich habe mich für diese entschieden, weil ich den „Boss“ mag und die Performance als sehr kraftvoll empfinde)

Ich wünsche euch von Herzen gesegnete Weihnachten, auch und gerade dann, wenn dieses Jahr alles anders ist.

Annuschka/Anja

Tag 1 – Keine Bibel

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„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. …“ Diesen Beginn der „Weihnachtsgeschichte“ dürften wohl die allermeisten kennen. Im klassischen Krippenspiel treffen sich Maria und Josef mit hartherzigen Wirten, später dann mit Hirten vom Feld mit ihren Schafen, die von Engeln geschickt wurden und oft auch noch mit drei weisen Männern aus dem Morgenland bei Ochs und Esel im Stall.

Diese Darstellung ist aber das Ergebnis aus einer Zusammenfassung gleich mehrerer Berichte von der Geburt Jesu. Wie vieles in der Bibel kann das schon mal zum Grübeln bringen, wenn jemand feststellt, dass etwas, das in den Weihnachtsgottesdiensten auf eine gewisse Weise rüberkommt, in den schriftlichen Quellen anders aussieht. (Btw, vergleich mal die Verfilmung der „unendlichen Geschichte“ mit dem Buch.)

Die Bibel, das zentrale Schriftwerk der Christenheit, steckt von Anfang an voller teils widersprüchlichen Darstellungen, Missverständnisse und vielem, das uns unverständlich oder gar grausam erscheint. Viele sind dadurch auch abgeschreckt. Das hat auch Christian Nürnberger umgetrieben, und so hat er sich daran gemacht, die essentiellen Geschichten der Bibel, ähnlich wie in einer Kinderbibel, zusammenzufassen. Damit endet die Ähnlichkeit aber auch schon. Denn Nürnberger blendet die Probleme nicht aus, die beim Lesen der Bibel beim Leser entstehen werden, sondern er versucht sie einzuordnen, er dröselt es auf in Form von „Zwischenrufen“. Wie kann es sein, dass Gott im Alten Testament immer wieder anscheinende Totalversager im menschlichen Umgang miteinander einsetzt, um seine Leute anzuleiten? Wie um alles in der Welt kann es einen „Sohn Gottes“ geben und was hat die Jungfrauengeburt damit zu tun? Und wer von uns modernen Menschen soll diese ganzen Wundergeschichten eigentlich glauben, die über Jesus aufgeschrieben wurden?

Mir hat an dem Buch gefallen, dass die LeserInnen als mündige Personen mitgenommen werden. Nicht nur versucht Nürnberger, Ereignisse einzuordnen, die uns heute unverständlich bis paranormal vorkommen, er fragt auch umgekehrt, ob denn alles, was wir heute hineininterpretieren, denn der Weisheit letzter Schluss sein könne?

Ich schätze mal, mit einigem Abstand zu dieser Zeit der kurzen Buchvorstellungen werde ich euch noch ein paar konkrete Beispiele näher zeigen, für heute ist Schluss.

Bibliografische Angaben: Christian Nürnberger, Keine Bibel, Gabriel Verlag, ISBN 978-3-522-30541-9, € 15,- (Österreich € 15,50)

PS: Mit meinen Büchertipps bin ich erstmal durch. Weihnachten und die Zeit zwischen den Jahren kann ich hoffentlich nutzen, um in das eine oder andere Buch genauer reinzulesen oder es sogar (wie revolutionär) in einem Rutsch zu verschlingen. Die großen Highlights des Jahres habt ihr möglicherweise nicht gefunden (warum sollte ich auch den Fitzeck vorstellen, wenn der sowieso gekauft wird wie geschnitten Brot?), aber hoffentlich einen kleinen Überblick über die Vielfalt gewonnen. Auch wenn ich natürlich meine literarischen Steckenpferde habe.

Ich wünsche euch viel Ruhe zum Lesen und entdecken. Wir lesen uns…

Tag 2 – Die Verzauberung der Welt

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Ganz kurz zunächst: hat man meinem Beitrag von gestern angemerkt, dass ich ein kleines bisschen auf Krawall gebürstet war? Wenn ja, dann lag es daran, dass mir auch in den letzten Tagen, als sich in unserem Landkreis die Corona-Zahlen so erhöhten, dass die Landrätin sich genötigt sah, nächtliche Ausgangsbeschränkungen zu verhängen, die ab heute gelten sollen, immer wieder Menschen begegneten, die ihre Masken auf Halbmast trugen (hängen eure Schlüpper eigentlich auch in den Kniekehlen?) oder trotz der Mitteilung am Schaufenster der Buchhandlung, Beratung sei nur telefonisch möglich, an die Scheibe klopfen und fragen, ob wir sie nicht kurz reinlassen könnten, sie bräuchten noch ein paar Buchgeschenke zu Weihnachten. Puh! Ohne Worte.

Aber nun zum Buchtipp von heute: In diesem verrückten Jahr habe ich festgestellt, das das Grundgesetz und die Bibel eine Gemeinsamkeit haben: Es wird sich aus dem reichhaltigen Inhalt etwas herausgepickt, was gerade für das eigene Weltbild genehm ist, der Rest fällt mehr oder weniger elegant unter den Tisch. Während das GG in der Geschichte seiner Entwicklung von heute noch lebenden Personen allerdings bis in seine Geburtsstunde nachvollziehbar ist, hat es die „Frohe Botschaft“ da ungleich schwerer.

Erschwerend kommt hinzu, dass natürlich die Geschichte des Christentums eine Geschichte von Menschen ist, und da gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten weniger anfällig für erratisches Denken war als heute. Seit dem Tod am Kreuz und der Auferstehung Jesu versuchen die Generationen an Theologen, Kirchenhistorikern und Laien eine Deutung der unerhörten Ereignisse. Die vielfältigen Berichte aus der Geburtsstunde des Christentums werden einsortiert, klassifiziert, auf ihre Relevanz untersucht. An unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Und mit unterschiedlichen Fragestellungen. Daher hat sich das Christentum auch äußerst dynamisch entwickelt, unterschiedliche Ausprägungen und Frömmigkeitsstile entwickelt, nicht immer zum Guten. Auch Fehlinterpretationen und Missbrauch (damit meine ich zunächst einmal in diesem Zusammenhang den Missbrauch der geistlichen Erkenntnisse, um Menschen klein zu halten) hat es gegeben, weil, wie gesagt: die Auslegung lag immer in der Hand von Menschen, die unter anderem anfällig für Eitelkeit und Geltungsdrang sind.

Aber es hat auch wunderbare Entwicklungen gegeben: Die tiefen Glaubenserfahrungen der Mystiker, die dem Glauben nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen nachspürten. Die Gemeinschaften in den Klöstern, die sich um Alte, Kranke, Witwen und Waisen sowie um Ausgestoßene der Gesellschaft kümmerten, in ihren Gärten Heilkräuter für Medizin anbauten und die neben geistlicher auch „geistige“ Nahrung in Form von Bier und Branntwein anboten.

Im Namen des Christentums wurden Maler und Dichter inspiriert zu Werken, die die Kunstgeschichte bereicherten, aber leider gab es auch Hexenverfolgung und Pogrome gegen Andersgläubige, die auf Kirchenmänner zurückzuführen waren. In Deutschland gab es zudem die sogenannten „deutschen Christen“, die dem Nazi-Regime folgten.

Bei allem, was uns Menschen betrifft, gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern unendlich viele Grauabstufungen. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille und unterschiedliche Deutungen. Also auch in diesem so elementaren Bereich, der Spiritualität. (Nebenbei: so ist es in jeder Religion und auch in der „Weltreligion“ Atheismus, die mir manchmal den Eindruck macht, sie sei die vehementeste von allen, wenn ich gewissen Vertretern zuhöre.)

Wenn wir heute Dinge oder Situationen bewerten wollen, deren Ursprung in einer weltweiten Entwicklung der Menschheit liegen, dann können wir nicht anders, wir müssen diese Geschichte mitdenken. Das Buch ist daher nicht nur ein wunderschön gestalteter Band, sondern ein Schatz an Wissen über die vergangenen Jahrhunderte. Man kann es von vorne bis hinten durchlesen oder aber sich gezielt über Themen und Epochen informieren, ganz wie man es möchte.

Bibliografische Angaben: Jörg Lauster, Die Verzauberung der Welt. C.H. Beck, ISBN 978-3-406-66664-3, € 34,- (Österreich € 35,-), gebundene Ausgabe, gibt es aber auch als Taschenbuch.

Tag 3 – Grundgesetz

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Bitte entschuldigt die Verspätung, obwohl ich bereits um kurz nach 7 im Supermarkt angekommen bin, hat es etwas länger gedauert, bis ich meinen Krempel zusammen hatte. Teils dem süßen Senf geschuldet, den brauchen wir nur sehr selten, es gibt aber zumindest in dem Laden nur große Gläser, egal wie intensiv ich gesucht habe. Egal, da bin ich.

Heute geht es um ein Buch, das immer wieder neu aufgelegt wird, im Jurastudium zur Grundausstattung gehört und in Auszügen im Verlauf dieses Jahres immer wieder zitiert wurde. Allerdings häufig verkürzt auf wenige Sätze und beschränkt auf das Herauspicken der vermeintlich gerade wichtigen „Rosinen“ aus diesem Teig des Gesetzes. Daher täte es uns allen vermutlich mal sehr gut (mich natürlich eingeschlossen), wenn wir unser wichtigstes Gesetzeswerk in Deutschland einmal genauer unter die Lupe nehmen und im Ganzen lesen. Dann könnten wir nämlich feststellen, dass dieses Gesetz sehr umfassend ist und auch alles andere als statisch. Klar, an den Paragraphen an sich ändert sich nicht besonders viel, sie werden aber ab und an mal ergänzt, an aktuelle Entwicklungen angepasst und immer wieder neu mit Leben gefüllt.

Wer dann noch nicht vor dem Amtsdeutsch kapituliert, kann auch noch mit dem bürgerlichen Gesetzbuch oder dem Strafgesetzbuch weitermachen😁.

Oder das GG vergleichen mit anderen wichtigen Texten und Selbstverpflichtungen wie der UN-Charta der Menschenrechte, der Magna Charta, dem Code Civil, den 10 Geboten oder dem Doppelgebot der Liebe. Es könnte erhellend sein. Wobei ich mich keinen Illusionen hingebe: Diejenigen, die in diesem Bereich des Miteinanderlebens dringend Nachhilfe bräuchten, werden vermutlich auf meinen Vorschlag eher nicht eingehen. C’est la vie.

Bibliografische Angaben:

Grundgesetz GG

(mit Menschenrechtskonvention, Verfahrensordnung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, Bundesverfassungsgerichtsgesetz, Parteiengesetz, Untersuchungsausschussgesetz, Gesetz über den
Petitionsausschuss, Vertrag über die Europäische Union, Vertrag über Arbeitsweise der Europäischen Union, Charta der Grundrechte der Europäischen Union)

dtv, ISBN 978-3-423-53045-3, € 8,90 (für interessierte Österreicher: € 9,20, aber ihr habt bestimmt etwas vergleichbares…)

Tag 4 – Reisen ohne Limit

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Als Buchhändlerin ist man finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, diese Erkenntnis kam relativ schnell nach Beginn meiner Ausbildung. Großartige Reisen sind da nicht unbedingt drin, jedenfalls nicht, wenn man auf einen gewissen Grundkomfort nicht verzichten möchte. Daher begann ich schon bald damit, meine Traum-Reiseziele in Form von Bildbänden zu sammeln. Einige davon habe ich heute noch, obwohl damals, gegen Ende der 80er Jahre noch viel ziemlich „pixeliges“ (also grobkörniges) Bildmaterial vorhanden war.

An das Reisen auch an die entlegensten Orte der Welt und die angesagtesten Insta-Hotspots sind wir inzwischen mehrheitlich gewöhnt. Naja, wir als Familie nicht unbedingt, denn wir fahren nur dort hin, wo wir mit unserem Wohnwagen (oder neuerdings mit einem Boot) hinkommen und mehrheitlich unsere Hunde mitkommen können. 2020 hat da sehr vielen eine lange Nase gezeigt. Wohin oder auch wohin nicht uns das nächste Jahr bringt, wissen wir noch nicht. Aber als Tipp für euch habe ich heute die Reisebildbände vom Bruckmann Verlag herausgesucht.

Unbestrittener Vorteil ist, dass man reisen kann, wohin man möchte, ohne aus dem Sessel aufzustehen. In aller Ruhe kann man die begehrten Fotomotive in den entlegensten Eckchen der Welt betrachten, ohne dass einem immer wieder andere Leute durchs Bild laufen, das Naturschutzgebiet zum Trampelpfad und zur heimlichen Müllhalde wird. Das Budget ist auch sehr übersichtlich und die Foto- und Textqualität eindeutig besser und anspruchsvoller als vor 30 Jahren.

Schaut euch doch einfach mal um auf der Verlagshomepage: Verlagshaus24.de .

Und dann nicht vergessen, die Bände beim örtlichen Buchhandel zu bestellen😉.

Tag 5 – Egoismus

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2020 dürfte als ein Jahr in die Geschichte eingehen, in der die Spaltung der Gesellschaft einen traurigen Höhepunkt erreicht hat. Und in dem alle, die ihr eigenes Wohl über das der Gesamtgesellschaft stellen, als gnadenlose Egoisten abgestempelt werden, teilweise vollkommen zu Recht.

Offen zur Schau getragener Egoismus nervt uns alle vermutlich. Aber wenn wir ganz ehrlich sind, versteckt sich auch hinter vermeintlich altruistischen Motiven oft eine ganze Menge Ego-Schmeichlerei. Erik Flügge geht diesem Phänomen nach und stellt fest, dass Egoismus zu uns Menschen einfach dazugehört. Deswegen war ich etwas erstaunt und gleichzeitig erleichtert über seinen Ansatz: es geht ihm nicht (nur) darum, diverse Egoismen abzuschaffen, sondern sie im Gegenteil dazu zu nutzen, einen gesellschaftlichen Vorteil für möglichst viele Menschen zu erzielen. Das ganze hat er aufgeteilt in unterschiedliche Lebensbereiche, mit denen jeder einzelne von uns in Kontakt kommt: zum Beispiel Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit…

Aber auch das, was von vielen augenblicklich in Frage gestellt wird (es läuft bei den großen gesellschaftlichen Playern ja auch tatsächlich nicht alles rund), nämlich Parteien und Kirche, nimmt er nicht aus. In einer Zeit, in der Parteienverdrossenheit, Politikmüdigkeit und das Gefühl von mangelnder Relevanz der Kirchen um sich greift, tritt Flügge dafür ein, dass diese Institutionen wichtig sind. Aber er gibt auch Denkansätze, wie die Arbeit der Institutionen mehr an den Menschen ausgerichtet sein könnte, denen sie dienen sollen.

Alles in allem kein Buch, das zu radikalem Umdenken auffordert, sondern das mit den menschlichen Schwächen arbeitet. Dazu kein dicker Wälzer, sondern ein handliches kleines Format, in der Handtasche mitzunehmen, wenn man irgendwo warten muss und diese Zeit sinnvoll nutzen möchte. Das finde ich gut, auch weil vermutlich niemand Lust hat, sich stundenlang darüber zutexten zu lassen, was wir alles so falsch machen und wo wir nur an uns denken. Kurze, knackige Denkanstöße, an denen wir dann Stück für Stück arbeiten können, bei mir zumindest kommt das gut an und es hat mir auch schon wertvolle Impulse gegeben.

Bibliografische Angaben: Erik Flügge, Egoismus, Dietz Verlag, ISBN 978-3-8012-0577-5, € 10,- (Österreich € 10,30)

Tag 6 – Martin Luther King

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Bitte entschuldigt, ich werde heute wieder einmal ins Archiv greifen und euch diesen Titel noch einmal sehr empfehlen. Erstens, weil das mit der Gewaltfreiheit immer noch ein großes Thema ist, zweitens, weil zwei große Rotkohlköpfe plus ein Dutzend Boskop-Äpfel darauf warten, verarbeitet zu werden.