Schämt euch! Alle zusammen!

„Ziel ist, weltweit alle Kräfte für die Forschung an Impfstoffen und Arzneimittel zu bündeln. Sobald es sie gibt, sollen die neuen Mittel allen Ländern zur Verfügung stehen − auch Ärmeren.“ Quelle: Neuer Spendengipfel für Impfstoff gegen SARS-CoV-2 Ende Juni (aerzteblatt.de)

Das war der Stand im Sommer 2020. Der globale Schock war zu diesem Zeitpunkt noch so groß, dass es hehre Ziele gab. Die ganze Welt (naja, fast die ganze Welt) wollte zusammenstehen, das Virus gemeinsam bekämpfen, als eine große Menschheitsfamilie. Stand heute kann ich leider nur sagen: Schön wär’s gewesen. Kaum ist Impfstoff da, kabbeln sich alle um das Zeug. Alle möglichen reichen Länder haben sich Mengen reserviert, die teilweise eine Überversorgung darstellen, Pharmaunternehmen haben angeblich (ich konnte es nicht verifizieren, aber wundern würde es mich nicht) Knebelverträge unter die Staatenlenker gebracht, die es verbieten, überschüssige Impfdosen an Drittländer weiterzugeben, die es sich nicht aus eigener Wirtschaftsleistung erlauben können. Jede Verzögerung wird zum Skandal hochstilisiert, dabei wird schon wieder komplett außenvor gelassen, dass Impfstoffentwicklung noch nie so schnell ging wie 2020! Statt mit einer gewissen Demut die einzelnen Chargen möglichst gerecht unter die Menschheit zu bringen, fletschen alle die Zähne und fallen übereinander her.

Großbritannien wollte unbedingt unabhängig sein. Diese Unabhängigkeit ist aber zumindest trotz der jahrelangen Vorbereitungen mehr als schlampig durchdacht worden. Als Folge davon vergammelt schottischer Fisch in inzwischen Nicht-mehr-Kühl-LKWs, aber zumindest soll dieser Fisch ja laut Aussage eines britischen Parlamentariers vorher glücklich gewesen sein, dass er britisch und nicht europäisch war. Meine Meinung: Kopf – Wand! Glauben diese Leute eigentlich den Stuss, den sie da erzählen? Die Wurststullen der Brummifahrer landen zurzeit genauso im Müll wie hunderte LKW-Ladungen an Schweinehälften, die auf den Transit warten. Was für eine gigantische Lebensmittelvernichtung findet da statt, sozusagen staatlich genehmigt! Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Heute früh lese ich in der Zeitung, dass Unbekannte die Videokonferenzschulstunden von Grundschulen kapern und den Kindern pornografische Aufnahmen zeigen. Ohne Worte. Dazu fällt mir echt nix gescheites und schreibbares ein, wie auch?

Aber zumindest eine Sache ist gut ausgegangen: Die Vendée Globe, die Einhandsegelregatta rund um die Welt. Der erste deutsche Teilnehmer Boris Herrmann hat es trotz der Kollision mit dem Trawler in der letzten Nacht auf See heile und gesund ins Ziel geschafft, eine menschliche und sportliche Leistung, die wohl außer den anderen beteiligten Skippern so schnell keiner nachmacht. Die Arbeit der Auswertung unzähliger wissenschaftlicher Erkenntnisse für Ozeanografie und Umweltschutz wird vermutlich jetzt erst so richtig losgehen, denn er hatte sein Boot mit den verschiedensten Sensoren ausgestattet, die dem Helmholtz-Institut wertvolle Erkenntnisse liefern werden.

Heute ist Samstag, der 30. Januar 2021. Seit etwas über einem Jahr leben wir mit dem Corona-Virus in Deutschland. Ich fürchte, sehr viel haben wir nicht gelernt in der Zeit. Erinnert euch doch mal an die Wünsche aus dem ersten Lockdown: Entschleunigung, Wertschätzung, weniger Verkehr, bessere Luft, Zusammenhalt der Gesellschaft… Wie vieles davon hat nicht mal ein Jahr überlebt?

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

6 Kommentare zu „Schämt euch! Alle zusammen!“

  1. Du hast völlig recht, es scheint sich nichts zu ändern. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander und jeder scheint sich selbst der Nächste zu sein. Dazu noch das Gemeckere vieler gegen die Einschränkungen, dass man nicht essen gehen, Party feiern und sonst was kann, anstatt mal zusammen zu stehen und gemeinsam durchzuhalten, bis diese Pandemie im Griff ist.

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  2. Das werde ich ganz bestimmt nicht beurteilen. Im Großen und Ganzen gehe ich aber davon aus, dass der Nutzen größer ist.
    Aber auch bei ganz „normalen“ Lebensmitteln wie z. B. Mehl gibt es Menschen, die sehr schwer allergisch darauf reagieren. Oder Bienengift. Deswegen wird weder Mehl verboten noch werden Bienen ausgerottet.

    Gefällt 1 Person

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