Schwarze Schafe…

…gibt es überall. Obwohl, eigentlich können die Schafe ja nichts dafür, dass manMenschen, die Verfehlungen begehen, so nennt. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Die Gesellschaft funktioniert nur mit einem gewissen Grundvertrauen, so ähnlich, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Urvertrauen gründet. Nur eben in viel größerem Maßstab, weil eine Menge Menschen daran beteiligt sind.

Wenn ich einkaufe, dann vertraue ich doch zunächst einmal darauf, dass der Kaufmann, dem der Supermarkt gehört, redlich arbeitet. Seine Angestellten pünktlich bezahlt, seinen Kunden eine ordentliche Qualität bei den Frischwaren bietet, seine Steuern korrekt anmeldet. Ebenso vermute ich das im Restaurant oder in der Apotheke. Warum diese Beispiele? Weil aus der Sicht der Finanzverwaltung diese Branchen: Einzelhandel, Gastronomie und Apotheken permanent in der Versuchung sind, in großem Stil den Staat zu hintergehen, daher werden die Anforderungen an Warenwirtschafts- und Kassensysteme immer stärker reglementiert. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es die Verstöße nicht gibt bei einzelnen Akteuren in den Branchen. Aber im Grunde stehe ich mit meinem Vertrauen doch noch immer ganz gut da. Denn die allermeisten arbeiten eben ordentlich.

Es gibt Banker, Ärzte, (Abmahn-)Anwälte, Manager, … [um beliebige Berufsgruppen erweitern…], die lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben, um ihrer Klientel möglichst effektiv und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt Politiker, die ihren Beruf und ihre Partei danach gewählt haben, wo sie finanziell am besten dastehen. Es gibt korrupte Beamte und Sicherheitskräfte, die nicht die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen im Sinn haben. Es gibt Gelegenheits- und Berufsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger und alles Mögliche andere im kriminellen Spektrum.

In jedem Land der Erde, und auch nicht erst seit 2015 oder so. Keine Bevölkerung irgendeines Landes besteht aus Heiligen, keine Berufsgruppe der Welt ist unbestechlich, kein Mensch ist immun gegen Versuchungen.

Klischees gibt es immer und überall. Und bei manchen Dingen sind wir auch nicht zimperlich. Wer hat denn schon ernsthaft gesagt: „In Italien mache ich keinen Urlaub, das sind alles Mafiosi“ oder „Nach Thailand kann man nicht fliegen, dort ist ein einziger Sumpf von Drogen und Prostitution“. „Mallorca als Urlaubsziel geht ja gar nicht, da werden keine Umweltstandards eingehalten“ oder auch „Kreuzfahrten sind indiskutabel, was da an Abgasen in die Luft geblasen wird“. Nur mal so als Beispiel (es gibt da über so ziemlich alle Destinationen etwas zu sagen, was dort nicht in Ordnung ist!) Wenn wir in diesen Gebieten nun mal gerne Urlaub machen wollten, haben wir darauf vertraut, dass in den Urlaubsorten alles sauber und legal läuft, und wenn wir tatsächlich mal unsicher waren, dann haben wir lieber die Augen davor verschlossen, wir waren schließlich im Urlaub. Da belastet man sich nicht mit solchen Themen.

Von der derzeitigen Lage sind wir alle zwangsbetroffen, keiner kann sich rausmogeln, keiner hat sich das ausgesucht. Und das bereitet uns so viel Unbehagen, dass wir mangels Sündenbock (interessant: diese Redensweise ist biblisch. Im Alten Testament wird beschrieben, dass während der Wüstenwanderung der Israeliten symbolisch die „Sünden“ auf einen Ziegenbock übertragen wurden, der dann in die Wüste geschickt wurde) am liebsten alles auf „die Politiker“, „die Mainstream-Medien“, „die Staatsvirologen“ oder auch auf wahlweise „die Schlafschafe“ bzw. „die Covidioten“ schieben.

Ja, auch ich bin pandemiemüde, aber ich bin es noch mehr müde, dass uns das Grundvertrauen abhandengekommen ist. Ohne dieses Vertrauen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, es findet eine Zersplitterung in lauter Einzelinteressen und Einzelsichtweisen statt, es heißt „Wer nicht für mich ist, der ist dann eben gegen mich!“

Es gab in den letzten Monaten Dinge, die gut gelaufen sind, es gab Maßnahmen, die es wert sind, hinterfragt zu werden und es gab Situationen, wo den Entscheidern alles entglitten ist. Wie seit Jahrhunderten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von Fehlern, Irrtümern, unheilvollen Entscheidungen. Und trotzdem ging es immer weiter. Sogar aufwärts. Oft wurde der Fortschritt sogar durch Entscheidungen beschleunigt, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben.

Weil es immer, zu jeder Zeit, viel mehr Menschen gab, die vieles (nicht alles) richtig gemacht haben, die visionär vorangegangen sind, die andere mitgenommen haben auf ihrem Weg. Die fehlertolerant waren und vertraut haben. Weil es immer Menschen gab, die sagten „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie!“

Auf der persönlichen Ebene kann ich viele Bedenken und Meinungen verstehen und nachvollziehen, die von meiner derzeitigen Einschätzung stark abweichen, zum Beispiel, wenn eigene Erfahrungen dahinterstehen. Auch ich bin ja durch meine (Familien-)Biographie zu meiner Sichtweise gekommen. Die Shitstorms und die Intoleranz, die aber vor allem in den sozialen Medien daraus gemacht werden, die werde ich wohl nie kapieren.

Vielleicht fehlt im Augenblick vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man selbst es auch nicht besser weiß oder entscheiden könnte. Und da sehe ich auch eine Lücke, in die manche unserer EntscheiderInnen springen müssten: Die Ehrlichkeit, zu Fehlentscheidungen zu stehen (die mitunter erst im Nachhinein als solche zu erkennen, manchmal aber auch von Anfang an fraglich waren). Zugeben, dass etwas nicht optimal war, statt Ausreden zu präsentieren.

Und Geduld ist auch nicht unsere Kernkompetenz. In einem Kommentar habe ich vor einigen Tagen geschrieben: „Wenn wir heute (hier in Deutschland/Mitteleuropa) einem Krieg in den Ausmaßen (sechs Jahre!) des zweiten Weltkrieges ausgesetzt wären, bräuchten die Gegner nur genügend Popcorn und sich dann genüsslich ansehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen…“

Wie gesagt: Auch ich kenne keine Patentlösung. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran, dass eine Gesellschaft zusammen sehr vieles schaffen kann.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

9 Kommentare zu „Schwarze Schafe…“

  1. Ich fürchte, mir fehlt tatsächlich dieses Grundvertrauen, dass alle immer nur mein Bestes wollen… 😉. Vielleicht, weil ich deinen obigen Satz über Kreuzfahrten schon immer gesagt habe…? Vielleicht, weil ich zwar nie sagen würde, dass ALLE Italiener Mafiosi seien, aber immer überzeugt war, dass es in Italien (und nicht nur dort) eine starke Mafia gibt, deren Verbindungen auch in „hohe Kreise “ reichen dürften. Ich würde nie Einzelhändler pauschal der Steuerhinterziehung verdächtigen. Aber mir erscheint es selbstverständlich, dass Aktienunternèhmen wie Pharmaunternehmen oder die Ernährungskonzerne in ERSTER Linie die Interessen und Renditeerwartungen ihrer Aktionäre im Blick haben (müssen) – und dass diese nicht identisch sind mit meinen Interessen als Patientin oder Kundin….
    Tja, und die Interessen, von denen Politik geleitet wird, da sage ich jetzt lieber nichts zu. Aber wo ich dir eindeutig recht gebe: Eine Gesellschaft kann zusammen Vieles schaffen. Voneinander lernen, von unterschiedlichen/ abweichenden Meinungen lernen, statt diese pauschal abzulehnen und sich gegenseitig zu bekämpfen.

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    1. Siehst du, so hat jeder von uns ein Päckchen mitbekommen. Bei mir ist es zum Beispiel das „Erbe“ meines SPD-Großvaters, der zur NS-Zeit unliebsame Bekanntschaft mit der Gestapo schließen musste, aber sich nie von seinem Weg abbringen ließ. Das Erbe meines Vaters, der mir ganz früh schon beibrachte „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. In etwas anderer Form bin ich dem Satz im Neuen Testament wiederbegegnet.
      Nein, nicht jeder will mein Bestes. Aber ich umgebe mich meist mit den Menschen, die mir zumindest nicht die Pest an den Hals wünschen.
      Ich sage mir, dass die allermeisten Menschen einfach versuchen, ihr Leben so gut wie möglich zu leben.
      Was die große Ökonomie angeht: Ich weiß, dass da einiges im Argen liegt, aber es gibt auch da gegenüber den bekannten Großen und den Offshore-Unternehmen, die Recht und Gesetz beugen bis zum geht-nicht-mehr, ebenso viele ehrliche und verantwortungsbewusste Unternehmer. Außerdem: ohne die vielen Anleger, die Rendite sehen wollen (was ja auch oft Versicherungsunternehmen oder Rentenfonds sind), wären die Haie im Aquarium auch nur kleine Fische. Viel zu viele glauben den neoliberalen Versprechen vom großen Reibach. Siehe Gamestop…

      Für mich ganz persönlich ist ein Leben ohne Vertrauen nicht möglich. Was nicht bedeutet, den Kopf in den Sand zu stecken und sich in einer Idylle zu verstecken, sondern da wo ich kann zu netzwerken. Und zu schreiben.

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      1. Liebe Anja, ich habe deinen Kommentar jetzt mehrfach gelesen und habe daraus das Gefühl mitgenommen, dass du dich von meinem Kommentar angegriffen gefühlt zu haben scheinst. Nachdem ich lange in mich gegangen bin…😉, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieses Gefühl wohl nicht völlig „unberechtigt “ wäre, mein Kommentar war wirklich unnötig scharf. Dafür möchte ich mich entschuldigen! Ich war von dem Wort „wir“ in deinem Beitrag getriggert worden. Das hatte meinen Widerstand geweckt nach dem Motto „wieso WIR? Ich denke doch ganz anders… . Und so kam dann der Kommentar zustande..
        Liebe Grüße und schönes Restwochenende
        Maren

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      2. Liebe Maren, ach Mensch, nee. Vielleicht war dein Kommentar scharf, aber erstens hast du ganz andere Erfahrungen gemacht als ich, zweitens kannst du ja auch nicht unbedingt wissen, dass ich das Wort „wir“ gerne mal benutze, um kollektive gesellschaftliche Abläufe zu beschreiben, die aber nicht jede/r Einzelne von uns allen so gemacht haben muss. Und drittens braucht es doch noch ein bisschen mehr, um mich angegriffen zu fühlen. Hätten wir beiden uns beim Tee oder Kaffee gegenüber gesessen, wäre es sicher einfacher gewesen, diese Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen.
        Eigentlich wollte ich dir nur erklären, wie ich zu meinem Weltbild gekommen bin, mit dem ich im Großen und Ganzen seit mehr als einem halben Jahrhundert gut durchs Leben komme.
        Ich sehe natürlich, dass vieles in der Gesellschaft schief läuft, und das nicht erst seit Corona, sondern schon mindestens 20-30 Jahre. Gewachsen ist in dieser Zeit aber erst die Erkenntnis (und zwar für mich persönlich, das darf jeder ganz anders sehen), dass ich nur meckern darf/will/kann, wenn ich im Gegenzug bereit bin, einen Lösungsansatz oder zumindest etwas konstruktives zum Geschehen beizutragen. Nun mag ich aber zurzeit keine Parteipolitik, daher nutze ich, was ich ganz gut drauf habe, ich schreibe. Und zumindest in meinem Umfeld, in der Jugendarbeit der Gemeinde zum Beispiel, trage ich dazu bei, dass gerade die jungen Leute es lernen, Dinge differenziert und über den Tellerrand hinaus zu betrachten.
        Also, kein Grund, sich zu entschuldigen, wobei ich es dir sehr anrechne, dass du dir diese Gedanken gemacht und es für angebracht angesehen hast.
        Ich weiß nicht, auf welcher Seite des zweigeteilten Wetters du dieses Wochenende sitzt, aber mach das Beste draus⛄. Liebe Grüße, Anja

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      1. Wenn das Reisen mal wieder entspannt möglich ist. Dieses Jahr treibt es uns erstmal wieder aufs Wasser (Ostsee), da ist der Abstand gewahrt…
        Dir auch die besten Grüße (ich lerne noch italienisch mit dir, hihi😅)

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  2. Ich teile deine Ansicht und Hoffnung, liebe Annuschka. Auch wenn es in dieser Zeit manchmal schwer ist, optimistisch zu bleiben.
    Es geht um das gesunde Vertrauen, nicht das blinde, ganz klar. Zu gesundem Vertrauen als Basis einer Gemeinschaft zählt, sich um konstruktive Kritik zu bemühen und vorurteilsfrei in Diskussion zu treten. Das geht nur wenn man ähnliche Interessen verfolgt und eine gemeinsame Basis hat. Die gegenwärtige Krise, in der alle gereizt sind und viele tatsächlich um ihre Existenz bangen, legt die Nerven blank und viele lassen sich zu vorschneller, besserwisserischer Kritik hinreißen. Das Vertrauen in die Wissenschaft und die gewählten Verantwortlichen sollte aber die Grundlage bleiben, auf der man verhandelt und sich gemeinsam (!!!) um Lösungen bemüht.
    Und richtig, wie du im Kommentar sagst: darüber reden und schreiben! Auch und vor allem im Privaten, wo es nicht immer einfach ist. Ich versuche es, versprochen!

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