Kognitive Dissonanz

Definition laut Gablers Wirtschaftslexikon (hier der Link)

  1. Begriff: Kognitionen sind Erkenntnisse des Individuums über die Realität. Einzelne Kognitionen können in einer Beziehung zueinander stehen. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn zwei zugleich bei einer Person bestehende Kognitionen einander widersprechen oder ausschließen. Das Erleben dieser Dissonanz führt zum Bestreben der Person, diesen Spannungszustand aufzuheben, indem eine Umgebung aufgesucht wird, in der sich die Dissonanz verringert oder selektiv Informationen gesucht werden, die die Dissonanz aufheben.
  2. Beispiel: Das Wissen über ein erhöhtes Krebsrisiko kann bei Rauchern kognitive Dissonanz hervorrufen, denn die positive Einstellung zum Rauchen steht im Widerspruch zu den unerwünschten Konsequenzen.
  3. Möglichkeiten der Dissonanzreduktion:
    (1) Vermeidung von kognitiver Dissonanz durch Nichtwahrnehmung oder Leugnen von Informationen;
    (2) Änderung von Einstellungen oder Verhalten (Verzicht auf das Rauchen, Abwerten der Glaubwürdigkeit medizinischer Forschungsergebnisse);
    (3) selektive Beschaffung und Interpretation dissonanzreduzierender Informationen (z.B. ein starker Raucher wurde 96 Jahre alt).
    […]

Warum mute ich euch so einen drögen Stoff zu? Weil wir alle immer mal wieder davon betroffen sind und ich in den letzten Monaten das Gefühl habe, dass diese Wahrnehmungslücken zu einer Art Volkskrankheit werden.

Vorweg: auch ich ärgere mich über handwerkliche Schludrigkeiten in der Art, dass zum Beispiel spätestens zwei Tage vor einer MPK die möglichen Ergebnisse derselben bereits in der vielfältigen Medienlandschaft ausgebreitet und diskutiert werden, ehe überhaupt etwas beschlossen ist. Ebenso, dass die Halbwertszeit der Einigung in den Konferenzen immer kürzer wird und Stunden später ein Bundesland nach dem anderen erklärt, was es denn alles anders macht als die anderen. Das Hauptproblem ist noch vor der Glaubwürdigkeit, die aufs Spiel gesetzt wird, aber vor allem die be…scheidene Kommunikation, die einfach nicht wahrhaftig wirken kann.

Die Frage ist nur, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Ich kann mich natürlich in einen Schmollwinkel zurückziehen, nur noch News- und Infoportale aufsuchen, die mich in meiner Sicht bestätigen und mich in dem Unglück suhlen, dass um mich herum nur unfähige, korrupte und menschlich völlig verwahrloste Leute in Entscheidungspositionen sitzen.

Ich kann aber auch ganz anders an die Sache herangehen und mir überlegen, dass die überwiegende Zahl der PolitikerInnen, ÖkonomInnen und sonstigen EntscheiderInnen einfach nur versucht, ihren jeweiligen Job gut zu machen. Und dass sie dabei häufig nicht nur dem ganz normalen Risiko von Versuchungen und Fehleranfälligkeit ausgesetzt sind wie Otto und Luise Normalverbraucher, denen eben nicht mal im Gang ein Lobbyist mit schicken Vergünstigungen winkt. Ohne Frage gibt es Menschen, die ihre wichtigen Positionen missbräuchlich ausfüllen, aber die große Masse besteht nicht aus diesen, wir nehmen sie nur mehr wahr, weil sie in der Öffentlichkeit viel mehr Resonanz haben.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Mehrheit der Menschen rein verstandesgemäß weiß, dass es so ist (sonst dürfte man keine Kopfschmerztabletten mehr einnehmen, kein Auto mehr fahren, keine Konsumgüter mehr einkaufen…), dann frage ich mich wirklich, warum wir uns von den Negativbeispielen oft so viel mehr beeinflussen lassen als von allem, was gut läuft.

Außer beim Klima, da sollten wir viel alarmierter sein, lassen uns aber nur zu gern von lobbygesteuerten Beschwichtigungen einlullen (klar, da geht es ja auch um Verhaltensänderungen bei uns selbst, nicht bei anderen).

Fun Fact und aktuelles Beispiel für kognitive Dissonanz: Im Vorfeld der Terra X-Folge vom 28. Februar machte das Team auf Instagram eine Umfrage zum Thema Biofleisch. Vorweg brachten sie die Info, dass der allergrößte Anteil des verkauften Fleisches in Deutschland (ich habe mir die genaue Zahl nicht gemerkt, es war aber jedenfalls über 80%), aus konventioneller Landwirtschaft und Haltungsform stammt. Dann wurden die Leser gefragt, was für Fleisch sie kaufen: 98% der Teilnehmer kaufen demnach Biofleisch. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Entweder nahmen kaum Käufer von Preiskampf-Fleisch an der Umfrage teil, oder die Antworten fielen anders aus als die Kaufentscheidungen. Vermutlich von beidem etwas. Ich ziehe es zum Beispiel auch vor, Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen, fahre dafür auch neuerdings zu einem Hof, auf dem Mutterkuhhaltung, und zwar meist auf der Weide, betrieben wird und kaufe dort ein Sechzehntel Rind plus Knochen für Suppe und die Hunde. Eingefroren reicht das dann für mindestens ein halbes Jahr. Aber für das bisschen Aufschnitt, das wir in der Familie mit zwei fleischessenden Personen benötigen, lohnt es sich meist nicht, ihn in so großen Mengen zu kaufen, dass sich die Fahrt zum Hofladen rentiert, denn der ist nicht um die Ecke.

Auch ich bin also, wenn ich eine solche Umfrage beantworten will, in einer Zwickmühle: Antworte ich realistisch oder idealistisch? Oder liegt das Problem darin, dass die Umfrage nur ein „entweder-oder“ zulässt und kein „sowohl-als auch“?

Im Endeffekt bin ich jedenfalls dafür, nicht nur andere, sondern auch sich selbst immer mal wieder zu hinterfragen. Nicht mit einem inneren Tribunal, sondern mit Ruhe und einer gewissen Demut.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

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