Heimat von außen betrachtet

Wir waren im Fernsehen. „Wir“, das heißt in diesem Zusammenhang nicht ich oder meine Familie oder auch nur irgendein besonderer Mensch, sondern „wir“ als Mindener Land, als Mühlenkreis. Als Heimat von Störchen, Wildschweinen, urbanen Wanderfalken und neuerdings auch wieder Bibern.

Im WDR Regionalprogramm wurde die Sendung ausgestrahlt, die ein regional verknüpfter Tierfilmer produziert hat. Vor allem durch viele tolle Luftaufnahmen bot sich mir ein ganz anderer, aber sehr spannender Blick auf meine Heimat, die ich seit über 50 Jahren kenne und doch noch nie in dieser Weise wahrgenommen habe.

Abenteuer Erde: Der wilde Norden: Das Mindener Land | ARD-Mediathek (ardmediathek.de)

Ist ja doch schon einiges zusammengekommen

Heute Nachmittag habe ich den Sonnenschein genutzt und bin mit meinen gesammelten Werken auf die Wiese gegangen. Einigermaßen erstaunt habe ich zur Kenntnis genommen, dass ich schon einige Projekte fertig habe. Es fehlen hier sogar Stücke, die schon verkauft oder verschenkt sind.

Bei den Kissenhüllen

sowie bei den Kleinteilen wie Utensilos oder Mug Rugs

ist auch die Preisfindung nicht weiter schwierig.

Bei Tischsets, Tischläufern oder erst recht bei den Mitteldecken gerate ich aber schon mal ins Schwimmen, da frage ich mich immer, ob die Preise, die eigentlich sowohl Material- als auch Arbeitskosten abbilden, überhaupt realistisch sind.

Das gilt vor allem auch für diese frühsommerliche Decke, die ich heute fertiggestellt habe. Allein das Quilten hat fast drei Stunden gedauert…

Die großen Decken, mit denen man sich selbst oder sogar ein Bett zudecken kann, habe ich bisher nur verschenkt. Eine solche Decke benötigt je nach Größe Stoffe für 100 € plus/minus, dazu Füllmaterial und mindestens 20 bis 30 Stunden Zeit.

Ich muss wohl einfach mal ins „kalte Wasser springen“ und dann schauen, wie es angenommen wird. Ist ja nicht so, dass ich mit solchen Problemen alleine dastehe, andere haben es bereits geschafft und ihre Nische und Zielgruppe gefunden.

Eine hat jedenfalls „Platz genommen“ und fühlte sich wohl:

Ob sie gemerkt hat, dass die Blaubeeren nicht echt sind?

Earth Day

Heute ist der internationale Earth Day, der Tag der Erde. Klar ist es ein eher symbolischer Gedenktag, aber genau das sollten wir tatsächlich tun, nicht nur heute: Der Erde gedenken, die uns täglich so viel zur Verfügung stellt, das wir als selbstverständlich empfinden. So vieles nutzen wir vollkommen gedankenlos (nicht mal bösartig gedankenlos, sondern es gibt ja noch eine Menge anderes, was uns im Kopf beschäftigt hält): Wasser, Luft, den Boden in unserem Garten, die Straßen, die eben durch ihren Ausbau kein fruchtbarer Acker mehr sind… Erdölprodukte, Metalle, seltene Erden für unsere Technologien, all das sind Stoffe, die innerhalb von vielen Jahrtausenden oder sogar Jahrmillionen entstanden sind – und wir verballern sie quasi mit einem Wimpernschlag.

Ich lege hier mal einen Link zum diesjährigen Newsletter: EDI NEWSLETTER II 2021 (earthday.de). Vieles darin ist eher auf Großstädte ausgerichtet, vermutlich, weil die Entfremdung zur Natur hier am stärksten wirkt. Aber ein paar gute Gedanken finden sich für jeden von uns. Ich möchte auch ausdrücklich betonen, es geht mir nicht darum, dass wir alle perfekte ökologische Lebensläufe hinbekommen, das ist unrealistisch und vermessen. Wichtig finde ich, dass wir uns alle immer wieder Gedanken machen, was für uns persönlich sinnvoll ist. Und das dann auch umsetzen. Einen Schritt nach dem anderen.

Zum Beispiel das Thema des Jahres, Lebensmittel: Ich weiß, viele klagen darüber, dass regionale und saisonale Versorgung schwierig ist, wenn man wenig Geld zur Verfügung hat. Teilweise stimme ich dem zu, aber ich habe auch beobachtet, dass man bei Sonderangeboten häufig mehr kauft, als man braucht, und statt das dann haltbar zu machen und später zu verwerten, schmeißen wir übriggebliebenes zu oft nach zwei Wochen in die Biotonne. Also lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit dem Thema zu befassen und zu versuchen, eine Nische zu finden, in der man Sparsamkeit und Regionalität verbinden kann. Gerade wenn man in der Stadt wohnt, gibt es da Apps wie „TooGoodToGo“. Ich habe die App, aber auf dem Land lohnt es sich weniger, da muss ich einfach zu weit fahren, um beispielsweise eine Brot- und Kuchenrestetüte für 3 € zu bekommen. Was ja nun wieder kontraproduktiv wäre… Stattdessen bin ich gestern Nachmittag lieber durch unseren Garten gestromert, habe hier etwas Sauerampfer, dort jungen Giersch, zarten Löwenzahn, Brennnesselspitzen, einige Gundermannblättchen, Zitronenmelisse und Schnittlauch gesammelt.

Und zu einem leckeren Abendessen verarbeitet. Einer unserer zahlreichen Nachbarn hat früher auch alles aus seinem Rasen geholt, was nicht lange und schmale Halme hatte, aber nicht, um es aufzuessen, sondern weil jedes Gänseblümchen und jeder Spitzwegerich eine Beleidigung für sein ästhetisches Empfinden war. Da fällt mir nichts zu ein!

Ach ja, nochmal zum Thema regionale Lebensmittel: bei uns hier schießen Hofläden wie Pilze aus dem Boden, für alles mögliche von Eiern und Frischmilch über Geflügelfleisch, Gemüse und Obst, Nudeln, Marmeladen und Liköre, vor allem aber Rind- und Schweinefleisch aus bäuerlicher Haltung (Schweine mit Ringelschwänzen, Strohbetten und Freilauf, Bullen aus muttergebundener Haltung, die auch ihren Papa kennenlernen konnten, Galloways, die das ganze Jahr über draußen sind). Geschlachtet wird erst dann, wenn alle Anteile des Tieres Abnehmer gefunden haben und zwar in einer regionalen Landschlachterei ohne langen Transport. Ja, manches ist auf den ersten Blick teurer, aber wenn der Tafelspitz seine Größe behält und nicht im Topf auf die Hälfte schrumpft, dafür aber butterweich und richtig lecker ist, dann hat nicht nur der Landwirt einen Vorteil davon, sondern auch ich. Fleisch ist für uns wieder zu etwas Besonderem geworden und nebenbei erweitern wir unseren Horizont bezüglich des Wissens um landwirtschaftliche Abläufe.

Aber das Beste daran: Es macht auch echt Spaß, sich mit guten Lebens-Mitteln (ja genau: den Mitteln, die wir zum Leben brauchen) zu beschäftigen!

Gar schön ist’s, übers Moor zu gehen

Auch wenn noch alles etwas nach Winterschlaf aussah, als wir den Weg ins Hiller Moor nahmen, der Frühling steckte schon dann und wann seine Vorboten in die Luft. Und glücklicherweise war der Weg auch nicht so überlaufen, wie es nach der Anzahl der Autos auf dem Wanderparkplatz aussah, es verläuft sich denn doch ziemlich in der Fläche. Obwohl es Naturschutzgebiet ist und man sich nur auf den Wanderwegen aufhalten darf. Mit lieben Freunden, deren und unserer Tochter und insgesamt drei Hunden zogen wir gut gelaunt los. Immer schön Corona-konform: Vorweg die beiden Mädels, in einigen Metern Abstand wir Frauen, die Männer bummelten hinterher. Endlich hatten wir so einmal wieder ausgiebig Zeit zum Unterhalten.

Bei den Fotos oben bekommt man eine Ahnung, warum Menschen Moore früher als gefährliche und unheimliche Orte wahrgenommen haben. Gestern war es teils sonnig, teils bedeckt und relativ windstill. Stelle ich mir dieselbe Landschaft bei Regen, Sturm oder Gewitter vor, und dann noch auf dem normalen Bildungsniveau von vor 200 Jahren, dann sieht es ganz anders aus. Dazu kommt, dass das Hiller Moor in den letzten Jahrzehnten erstmal renaturiert werden musste, ein Vorgang, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Wiedervernässung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, schätze ich mal.

Meist ein wenig zögerlich, aber an manchen Stellen auch schon recht grün, macht sich der Frühling dieses Jahr spät bemerkbar. Das Entenpärchen begegnete uns an verschiedenen Stellen. Der Rundweg, den wir nahmen, ist nur drei Kilometer lang, aber an verschiedenen Stellen machten wir halt, damit Kalle sich etwas hinlegen und ausruhen konnte, um seine Beine zu schonen. An einer Schutzhütte gibt es einen Schlickpfuhl mit Geländer, da kann man barfuß drin herumstapfen. Um hinterher die Füße wieder sauber zu bekommen, gibt es diese Pumpe (aus der bräunliches Moorwasser kommt):

Naja, vielleicht im Sommer mit kurzen Hosen…

So eine schöne Landschaft haben wir fast vor der Haustür. Im Hintergrund zieht sich das Wiehengebirge entlang.

Ich nehme mir fest vor, diese wunderschöne Landschaft dieses Jahr öfter zu erleben, in verschiedenen Jahreszeiten, zum Beispiel zur Wollgrasblüte, später auch, wenn die Heide blüht, und natürlich auch im grauen November. Vielleicht lerne ich dann doch noch den Schauder kennen?

Gestern standen wir am Abgrund…

… und heute sind wir schon einen Schritt weiter. Diesen Spruch kennt ihr vermutlich alle. Heute geht es mir genauso, und trotzdem bedeutet die Erkenntnis keinen Sprung über die Klippe, sondern eine Perspektive.

Vorletzte Woche machten wir uns Gedanken um Kalle und seine offensichtlich schwer angeschlagene Gesundheit. Außerdem wusste ich nicht, wie ich meinen Kopf halten sollte, bekam den rechten Arm nicht über Schulterhöhe und alles war irgendwie doof.

Einer meiner Hausärzte (klingt luxuriös, bedeutet aber nur, dass es eine Gemeinschaftspraxis ist und ich immer dort hingehe, wo ich schneller einen Termin bekomme bzw. wer halt gerade Dienst hat) fackelte dieses Mal nicht lange, sondern griff zum Handy und machte mir ratzfatz einen Termin fürs MRT, nur mit drei Tagen Wartezeit (das Wochenende plus eins). Morgens um kurz nach 7 wusste ich dann am Dienstag, dass die nächste Sehne sich auf ein „Farewell“ vorbereitet. Die Hauptsehne in der Schulter ist angerissen, nicht durch Unfall oder so, sondern höchstwahrscheinlich heimlich, still und leise im Lauf der Zeit. Schließlich krebse ich ja schon seit vier Jahren immer mal wieder mit diesem Körperteil rum. Physiotherapie soll jetzt helfen, die Muskulatur so weit aufzupäppeln, dass sie die Arbeit der Sehne teilweise übernehmen kann. Aber: Keine Hauruck-Arbeiten mehr, alles etwas sinnig angehen.

Wer mich kennt, wird sich hier ein Grinsen nicht verkneifen können. Denn die meiste Zeit ist es in meinem Hirn noch nicht ganz angekommen, dass ich eben keine 30 mehr bin. Ist ja auch kein Wunder, wenn man im MRT die größten Hits der 80er auf die Kopfhörer bekommt und im Geiste laut mitsingen kann. Naja, also ich muss da mal an mir und meiner Selbstwahrnehmung basteln. Das wird schon (irgendwann).

Bei Kalle ist es etwas diffiziler gewesen. Ich habe mir eine tierärztliche Zweitmeinung eingeholt, und das war sehr gut so. Mein Hauptproblem beim bisherigen Tierarzt war sein mangelndes Mitteilungsbedürfnis, was er denn beim Hund diagnostiziert habe. Irgendwie ist es nicht toll, wenn man ein Medikament mitbekommt und zuhause erstmal googeln muss, wofür das eigentlich gut sein soll. Ich muss allerdings zugute halten, dass ich auf höfliche Anforderung sowohl die Blutergebnisse als auch die Röntgenaufnahmen bekommen habe. Die Tierärztin, für die ich mich entschieden habe, ging ganz anders an den Hund ran. Sie ließ ihn im Sprechzimmer herumlaufen und schaute sich sein Gangbild in Ruhe an, in der Zeit erzählte ich. Und erst nachdem Kalle sich akklimatisiert hatte und auch ein paar Streicheleinheiten abgeholt hatte, untersuchte sie ihn genau, und zwar setzte sie sich dazu auf den Fußboden. Auf den Untersuchungstisch musste er erst, als es darum ging, Fieber zu messen, Blut und Lymphe abzunehmen.

Gestern Vormittag waren wir noch einmal dort, und ich konnte erleichtert aufatmen, denn die durch die stark geschwollenen Lymphknoten als möglich erkannte Tumorerkrankung war ausgeschlossen. Eine rheumatische Erkrankung wurde dagegen wahrscheinlicher, weil Kalle immer noch große Probleme sowohl beim Hinlegen als auch beim Aufstehen hat. Er tippelt umher, dreht sich im Kreis und lässt sich irgendwann einfach fallen, wenn er sich hinlegen will, und „Sitz“ funktioniert überhaupt nicht. Beim Aufstehen hat er richtig Mühe, den Po hochzubekommen, die Beine rutschen ihm weg.

Jedenfalls hatte die Ärztin mit einem Kollegen aus Bielefeld über den Fall telefoniert und dieser wollte dann gern, dass ich direkt mit Kalle zu ihm komme. Also machten wir uns nach dem Mittagessen auf den Weg nach Bielefeld. Auch dort waren die Leute sehr nett und redeten sowohl mit mir als auch mit dem Hund selbst. Er wurde noch einmal geröntgt, dieses Mal aber ganz gezielt die Läufe, denn diesem Tierarzt war auch aufgefallen, was ich seit ein paar Tagen beobachte, nämlich dass alle vier Läufe, aber vor allem hinten, sehr nachgaben, also er ging nicht auf den Zehen, sondern setzte den gesamten „Fuß“ auf, wenn ich es mal mit menschlicher Anatomie vergleiche. Und die Hinterbeine gaben immer wieder nach. Ganz davon abgesehen sind die Sprunggelenke geschwollen, was ich vermutete und der Arzt bestätigte.

Nach dem Röntgen war das Bild dann ziemlich klar: Kalle hat eine Polyarthritis, was auch durch den stark erhöhten CRP-Wert im Blut schon wahrscheinlich war. Nun muss er erstmal weiter abspecken, wie bei uns Menschen geht jedes Kilo zu viel auf die Gelenke. Und über das letzte Jahr hatte er ganz gut zugelegt. Parallel dazu bekommt er Schmerztabletten, die auch entzündungshemmend wirken, wenn es ihm damit besser geht, kann erstmal auf Kortison verzichtet werden. Springen ist tabu, ebenso wie Spiele, die auf die Gelenke gehen. Also keine Bälle werfen, keine Zerrspiele, lieber entspannte Spaziergänge mit Kopfaufgaben. Das kommt uns beiden zugute. Und uns ist allen ein Stein vom Herzen gefallen. Nur die Pilgertour mit Hund, die ich gern mal machen würde, muss ich mir vermutlich abschminken.

Landleben II

Vor einigen Wochen hatte ich ja schon einmal einen Beitrag mit dem Titel „Landleben„, deswegen heißt der heutige halt „Landleben II“. Es soll schon übersichtlich bleiben.

Der Beitrag heute dreht sich nämlich um ein Buch, das den geplagten Großstädtern das Landleben schmackhaft machen soll.

Träumen vom Landleben“ heißt es, geschrieben wurde es von einer Frau, die aus der Großstadt nicht direkt in ein 500-Seelen-Dorf zog, sondern in eine Kleinstadt. Also nicht ganz so ein Kulturschock. Etwas schmunzeln musste ich bei den vorgestellten Kategorien, wann sich eine Ansiedlung von Häusern Dorf, Kleinstadt, Mittelstadt oder Großstadt nennt. Ganz kurz: weniger als 400 Menschen- Weiler, Siedlung (man könnte vermutlich auch „Kaff“ sagen); ab 400 – Dorf; ab 5000 – Kleinstadt; ab 20.000 – Mittelstadt; ab 100.000 – Großstadt. Schmunzeln musste ich, weil ich gleichzeitig in einem Dorf und in einer Mittelstadt lebe. Porta Westfalica hat rund 37.000 Einwohner, aber es ist eine Stadt, die erst 1973 bei der Gebietsreform zur Stadt wurde. Sie besteht aus 15 Dörfern, und unseres beherbergt ungefähr 1/10 aller Stadtbewohner, nämlich etwas mehr als 3.700.

Aber zurück zum Buch. Es ist ein schön anzusehendes Buch und es behandelt auch tatsächlich einige Bereiche, die man auf dem Land eher trifft als in der Stadt, beginnend bei Nachbarn (obwohl ich unsere zahlreichen Nachbarn eher im Auto, auf dem Trecker oder bestenfalls im Supermarkt treffe). Aber auch singende Vögel, wilde Vegetation und Sterne tauchen auf. Das klingt jetzt ein bisschen flapsig, und ein ganz kleines bisschen ist es auch so gemeint. Denn es gibt etwas, das mir bei diesen Aufzählungen tatsächlich fehlt, und das hat originär etwas mit dem ersten Landleben-Beitrag zu tun.

So schön das Loblied auf das Landleben nämlich anzuschauen und zu lesen ist, so sehr fehlt mir die Rückseite: Hähnekrähen, Kirchenglocken (auch sonntags um 9 Uhr), Gülle und anderes, das man aus der (Groß-)Stadt nicht unbedingt kennt und sich deswegen dann auch mal darüber empört. Aber auf dem Land ist eben nicht alles nur Idylle, sondern (harte) Arbeit, Geräuschkulisse und, ja, auch dann und wann Gestank. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…, nicht wahr?

Das ist aber der einzige Wermutstropfen, der mir Dorfkind auffällt. Insgesamt ist es ein sehr schön gestaltetes Buch für alle, die sich aus ihrem Hamsterrad rausträumen oder ihm gleich ganz entfliehen wollen. Mit Tipps für alle Jahreszeiten und Rezepten, schönen Illustrationen und stimmungsvollen Fotos ist es vor allem ein hübsches Geschenk.

Bibliographische Angaben:

Yvonne Adamek, Träumen vom Landleben, arsEdition, ISBN 978-3-8458-4131-1, € 12,99

Teekesselchen?

Neue Runde, neuer Text. Danke wie immer an Christiane, die dieses Mal nicht nur für die Organisation, sondern mit Ludwig Zeiler gemeinsam auch für die Wörter sorgt. Sie lauten dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren

And here we go:

Nachdenklich stand Luise im Garten vor dem Staudenbeet. Ganz nebenbei griff sie mit der linken Hand zur rechten Schulter, um den verspannten Nacken zu massieren. Georg trat zu ihr und fragte neugierig: “ Was geht dir durch den Kopf? Ich sehe doch, dass es in dir arbeitet.“ „Einen ganz bestimmten Sonnenhut könnte ich noch gebrauchen, den habe ich neulich in der Gärtnerei gesehen und die Farbe fehlt mir noch in meiner Sammlung. In der Mitte ist er rotbraun, außen herum orange bis lachsfarben mit cremefarbenen Spitzen. Ich glaube, ‚Flamingo‘ heißt er.“

„Aha“, meinte Georg nur. Nach einer Minute Schweigen dann: „Du, ich habe beim Einkaufen etwas vergessen, das fehlt mir dann nachher, ich muss nochmal los.“ Und weg war er. Luise hörte noch den Wagen vom Hof fahren, dann herrschte Ruhe. Sie schnitt hier ein wenig, zupfte dort, überlegte, wie Lücken im Beet zu füllen seien und suchte deswegen im Schuppen nach Saatgut für rasch wachsende einjährige Sommerblumen, als Georg schnaufend zurückkam. Er hielt eine große Hutschachtel in den Händen und strahlte übers ganze Gesicht.

„Schau mal, der sieht zwar nicht ganz so aus wie du ihn beschrieben hast, aber das war der einzige, der irgendwie ähnlich aussah. Heißt allerdings ‚Sombrero‘ und nicht ‚Flamingo‘. Er steht dir aber bestimmt sehr gut und er hält auch mit der breiten Krempe super die Sonne vom Gesicht fern!“ Etwas hilfesuchend schaute Luise ihn an, öffnete dann die Hutschachtel und begann nach einem Blick haltlos zu lachen. „Georg!“ prustete sie, „Ich meinte doch nicht einen Sonnenhut zum Aufsetzen! Ich meinte eine ganz bestimmte Sorte Echinacea…“

261 Wörter

Tädäää! Ich habe es tatsächlich mal geschafft und mir etwas fiktionales ausgedacht. Naja, obwohl diese Echinacea „Flamingo“ mich tatsächlich reizt. Aber im Moment ist wettertechnisch überhaupt noch nicht an Pflanzen zu denken, die eigentlich in der Prärie zuhause sind. Kommt Zeit, kommt Sonnenhut😉.

Unser kleiner „ziviler Ungehorsam“

Urlaub auf Mallorca: erlaubt.

Urlaub im eigenen Land (auch wenn man sich durch die Wahl des Urlaubsdomizils isoliert): unerwünscht!

Ich glaube, urlaubsreif sind wir alle. Urlaub muss ja auch nicht bedeuten, dass man sich an irgendeinen Ort wie in eine Sardinenkonserve quetscht. Ein wenig mehr Phantasie und Entgegenkommen hätte ich mir (und allen anderen) schon sehr gewünscht.

Wir hatten für Ostern Schleswig-Holstein geplant. Und während der letzten drei Monate, die für den besten aller Ehemänner echt heftig mit 24/7-Arbeit angefüllt waren, war dieser Urlaub das Licht am Horizont, das Durchhalteversprechen. Naja, ihr wisst ja sicher, es gab keine touristischen Übernachtungen, die erlaubt wären. Es sei denn, man besitzt in SH eine Ferienwohnung, einen Dauerstellplatz auf einem Campingplatz oder ein Schiff mitsamt festem Liegeplatz. Und deswegen durften wir hin. Wer schon länger hier mitliest, weiß, was auf uns zutreffen könnte.

Das heißt nun weder, dass bei uns der Reichtum ausgebrochen ist, noch dass wir bei dem ganzen Unternehmen durchweg ein gutes Gewissen hatten. Auch wenn es um die Vorbereitung zur Erfüllung eines großen Traumes geht, uns war und ist bewusst, dass wir schon in einer relativ privilegierten Lage sind: Wir haben Arbeit, ein Dach (mit genügend Platz und technischer Ausrüstung für HomeOffice und HomeSchooling) über dem Kopf und meistens unser Auskommen. Allerdings war das nicht immer so, wir beide kennen aus eigenen Erfahrungen Firmenpleiten und das Gefühl, ohne Ausweg in einer Sackgasse zu stecken (inklusive Versagensscham).

So fuhren wir also zu dritt an Karfreitag gen Nordosten, die Hunde blieben zuhause bei den „großen“ Töchtern. Saukalt war es, aber es wurde vorgesorgt, so dass wir in eine geheizte Unterkunft kamen. Aber selten waren wir so allein wie an diesem Tag.

Samstag war super Wetter, wir gingen durch die Fußgängerzone ans Meer. Eine wunderbare und heilsame Aussicht, die Weite, die Frische, Eis und Fischbrötchen, alles tat gut und streichelte die Seele. Wir waren nicht die Einzigen, in dem Ort gab es so einige, die zu der Spezies der Zweitwohnsitzfraktion gehören, aber auch Einheimische genossen den Tag. In der Fußgängerzone waren die Gehrichtungen getrennt: es herrschte Rechtsverkehr, in der Mitte standen Baustellenabsperrungen, die Menschen waren freundlich, doch auf Abstand bedacht. Sehr entspannt.

Zwischendurch fuhren wir dann doch recht plötzlich nach Hause, die gesundheitliche Lage von Kalle drohte zu eskalieren. So waren wir am Ostersonntag bereit, eine Tierklinik aufzusuchen, glücklicherweise war es dann doch nicht notwendig. Montag wieder auf der Autobahn, wie schon am Karfreitag war auf der A2 bis Hannover und auch auf der A1 zwischen Hamburg und Lübeck ziemlich viel Verkehr. Dazu durchfuhren wir drei Jahreszeiten: Sturm, Hagel, Schneetreiben, Sonne, April at it’s best!

Im Sehnsuchtsort: aufpassen, dass man nicht weggeweht wird. Warm machen, inzwischen wussten wir, wie es geht. Zweieinhalb Tage mit Lesen, Spazierengehen am Vormittag (dann schien die Sonne und der Wind war müde) und frischem Fisch, wahlweise mit Pommes oder im Brötchen. Ich wollte viel fotografieren, waagerechter Regen hat es leider verhindert. Auch der erhoffte Bernstein und die Hühnergötter mussten erstmal am Strand liegenbleiben, denn dummerweise plagte mich meine Schulter und die Halswirbelsäule so sehr, dass ich nicht mehr wusste, wie ich den Kopf halten sollte. Deswegen fuhren wir am Donnerstag wieder zu Töchtern und Heimweh-Hunden in Richtung Heimat.

Die letzten Urlaubstage verbringen wir mit dem Studium von Reiseführern, Kartenmaterial und der Vorfreude auf den nächsten Trip, der dann hoffentlich mit weniger Gewissensbissen möglich ist. Doch eins ist sicher: wir hatten in den Tagen dort weniger Kontakte als wir hier gehabt hätten, und die wenigen haben draußen stattgefunden, mit Maske und Abstand. Bei Windstärke 7-8 wehten außerdem sämtliche eventuell vorhandenen Aerosole mit einer Affengeschwindigkeit aufs Meer hinaus. Ansonsten waren wir auf unsere kleine Welt beschränkt, dankbar für die kurze Auszeit.  

Ich kann absolut nicht erkennen, warum solche Erlebnisse nicht für alle Menschen möglich sein sollen, es könnte wirklich dazu beitragen, nochmal die Kraft für weitere Anstrengungen zu mobilisieren.

Vor-Urteile und Whataboutism

Für mich sind diese beiden sehr große Übel unserer Zeit. Denn in den letzten Monaten bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Menschen (oder auch Situationen) mit einem Blick be- oder verurteilt werden. Noch schlimmer: ich habe auch an mir selbst festgestellt, dass es nicht immer möglich oder zumindest nicht einfach ist, sich selbst davon freizusprechen.

Fangen wir mal mit Diskussionskultur an. Für mich war es immer ganz normal, dass andere Menschen mal meine Ansichten teilten und mal nicht. In Bezug auf Corona bin ich aber dünnhäutig geworden, da geht es schnell ans Eingemachte, wir alle kennen es mehr oder weniger, dass die Mentalität „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ sich schnell durchsetzen kann. Aber auch in viel normaleren Zusammenhängen beobachte ich, dass es immer seltener passiert, dass jemand sagt: „Eigentlich ist … nicht meine (politische Einstellung, Glaubensgerüst, Geschmack…), aber in diesem Fall … kann ich die Position des Gegenübers oder einer dritten Person nachvollziehen oder sogar teilen.“ Kompliziert, ich weiß, aber ihr seid ja alle denkbegabte Leute.

In Zeiten, wo die gesamte CDU von Teilen der Gesellschaft wahlweise als „links-grün-versifft“ oder als „ein einziger korrupter Haufen“ angesehen wird (ohne Ansehen der einzelnen Postionen oder Personen), wo „Mainstream“ nur noch als Schimpfwort benutzt wird (das eigentlich relativ wertfrei nur etwas bezeichnet, was den Geschmack von großen Anteilen einer Gesellschaft trifft: die Tageszeitung mit den vier fetten Buchstaben ist demnach genauso Mainstream wie die andere vierbuchstabige, die nur wöchentlich erscheint, aber die Leserschaft dürfte mehrheitlich recht unterschiedlich sein), obwohl auch das demokratische System eine Art Mainstream darstellt durch die Mehrheitsverhältnisse; in diesen Zeiten ist das „sowohl-als auch“ häufig einem gnadenlosen „Entweder-oder“ gewichen. Jemandem, der offensichtlich anders tickt, einen Gedanken zugestehen, der sich mit meinem deckt, oder noch schlimmer: jemandem, mit dem ich eigentlich gut klarkomme, eine Fehlentscheidung oder eine menschliche Schwäche durchgehen zu lassen, ist nicht mehr sexy.

Wenn man selbst beispielsweise eine Partei präferiert, aber ein Repräsentant des politischen Gegners einen wertvollen Denkansatz oder eine nachvollziehbare Argumentation vorlegt, ist es für sehr viele Menschen schwieriger bis unmöglich geworden, dem zu folgen, auch wider den gesunden Menschenverstand. (Selbst über die Bedeutung dieses Wortes gibt es ja inzwischen wenig Konsens!)

Wenn ich zum Beispiel in den sozialen Netzwerken Beiträge von Anbietern im christlichen Bereich lese, kann ich schon fast Wetten darauf abschließen, wie je nach Ausrichtung (als Gegenparts zum Beispiel evangelisch.de einerseits oder Idea Spektrum andererseits) die Kommentare und Beleidigungen(!) aussehen, die sich LeserInnen der Portale gegenseitig an den Kopf schreiben. Kein Respekt für Meinungsvielfalt (oder unterschiedliche Glaubenswege). Jeder meint, den wahren Glauben gepachtet zu haben.

Ein bisschen erinnert mich das an die Geschichte mit den Blinden, die einen Elefanten ertasten sollen, und je nachdem, welchen Körperteil sie berühren, den armen Elefanten für alles mögliche halten, nur nicht für das, was er tatsächlich ist.

Ebenso ist es mit den Beurteilungen: Wir sehen einen Menschen (den wir ansonsten überhaupt nicht kennen) in einer bestimmten Situation. Aus dem, was wir in einem recht kurzen Abschnitt seines Lebens mitbekommen, ziehen wir Rückschlüsse. Oft die falschen. Ein Beispiel: Eine Mutter, die im Linienbus mit ihren quengelnden Kindern die Geduld verliert. Wie schnell ist das (Vor-)Urteil da, dass diese Frau nicht geeignet ist, Kinder zu erziehen? Und wie gering ist die Bereitschaft, zu überlegen, ob die Frau eventuell gerade selbst schwer erkältet ist, eigentlich ins Bett gehört, aber niemanden hat, der sich in der Zeit um die Kinder kümmert? Oder: Beim Einkaufen begegnet uns immer wieder dieser unfassbar griesgrämige Mann, dem man nichts recht machen kann. Wir halten ihn für einen misanthropischen Kauz, dabei könnte es genauso gut sein, dass er frisch verwitwet ist und sich in einer für ihn ganz neuen Situation zurechtfinden muss?

Natürlich, es gibt die Fälle, in denen wir uns fragen (müssen), ob wir irgendwie einschreiten müssen, ob es sein kann, dass Eltern ihre Kinder misshandeln, wenn wir ein Kind immer wieder mit blauen Flecken sehen, und auch das ist wichtig. Aber was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass sich ein Grundmisstrauen gegenüber eines Grundvertrauens in vielen Lebensbereichen durchsetzt. Dass uns ein guter Instinkt oder das richtige Bauchgefühl immer mehr abhanden kommen, um angemessen zu reagieren.

Heute ist Ostersonntag, der zweite im Corona-Modus. Eigentlich könnte ich heute etwas schönes, optimistisches und Mut machendes schreiben. Noch eigentlicher wollte ich heute gar nichts schreiben und auch ganz woanders sein als vor meinem PC. Aber das ist mindestens eine andere Geschichte und die erzähle ich vielleicht am nächsten Wochenende. Die Gedanken von heute drängten ans Tageslicht.

Doch noch so viel: Unsere Kirchengemeinde ist in einem Jahr unheimlich kreativ geworden, um trotz allem die frohe Botschaft an die Menschen zu bringen:

Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und ich möchte ergänzen: er hat nie den einfachen Weg gewählt, sondern ist immer dort hingegangen, wo es wehtat.