Fehlender Mindestabstand

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Wegen fehlendem Mindestabstand musste ich die Lektüre leider erstmal unterbrechen. Mir fehlte langsam der Mindestabstand zu meinem eigenen Unverständnis der Verhaltensweisen, die im Buch dargestellt werden. Mir rückten die teilweise kruden Thesen, die Menschen verbreiten und anscheinend auch glauben, zu sehr auf die Pelle durch die Beschäftigung damit. Kurz: Mir ging die Laune flöten…

Glücklicherweise besteht das Buch aus Essays, die unterschiedliche, auch internationale Facetten des Phänomens der Verbrüderung aller möglichen (und unmöglichen) Strömungen des Misstrauens in die Gesellschaft beleuchten. So versuche ich es höflich auszudrücken. Es ist erschreckend, dass im Zeitalter der Aufklärung wohl so mancher finstere Verschwörungsglaube nicht beseitigt, sondern nur notdürftig kaschiert wurde. Ich frage mich, wie um alles in der Welt es die Menschheit bis hier und heute gebracht hat, wenn sie scheinbar nur von Verbrechersyndikaten und korrupten Eliten regiert wurde und wird, aber vor allem stelle ich mir die große Frage:

Was bringt Menschen, die ich vor einem Jahr eher entweder im christlich-konservativen, liberalen oder linksalternativen Spektrum verortet hätte, dazu, mit offen rechtsextremen und teilweise demokratiefeindlichen Gruppen gemeinsam auf die Straße zu gehen? Dabei ist es vollkommen egal, ob aus Protest, Angst oder Besorgnis, einige ganz persönliche Motive kann ich sogar gut nachvollziehen. Aber, nein! Gruppierungen auf den Leim gehen, die auf komplizierte Probleme einfache Lösungen oder „Starke Männer“ aufstellen, das Nachplappern von teils jahrhundertealten Bedrohungsszenarien, die weltweite Bereitschaft, sich menschenwürdeverachtenden Rattenfängern anzuvertrauen, das kann ich nicht begreifen.

Regenbogenfahnen neben Reichsflaggen (Hallo! In dieser „guten alten Zeit“ landeten auch Homosexuelle und andere sich der heute als queer bezeichnenden Bewegung zugehörigen Menschen in KZs!)

Ein toxischer Cocktail aus Anthroposophie, verschiedenen wahlweise ökonomischen oder auch ökologischen Verschwörungsszenarien, Antisemitismus, Klimawandelleugnung, Deep State, NWO, Esoterik und Rassismus erinnert an den Zauberlehrling von Goethe.

Lesenswert ist das Buch allemal, aber bitte mit guten Nerven. Es ist ein bitterer Kirmes-Ersatz: ich erlebe eine Achterbahn im Gruselkabinett. Wohltuend sind da einige Interviews mit Menschen, die selbst teilweise auch bereits verbal oder auch tätlich angegangen wurden, aber trotzdem versuchen, einen differenzierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen.

Bibliographische Angaben:

Kleffner, Heike/Meisner, Matthias; Fehlender Mindestabstand; Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39037-1; € 22,.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

7 Kommentare zu „Fehlender Mindestabstand“

  1. Sie sind böse, weil die Realität sie aus ihrer spirituellen Kuschelecke drängt. So kann das gehen, wenn man sich in nicht alltagstauglichen Nischen flüchtet. Dann wird mit dem Grundgesetz unterm Arm von Freiheitsrechten fabuliert und von Meinungsfreiheit, die ihrer Meinung nach dazu berechtigt, gemeingefährlichen Blödsinn von sich zu geben. Gemeingefährlich, weil andere das möglicherweise auch glauben könnten und sich somit ebenso gangbaren Wegen aus einer gesellschaftlichen Krise wie die derzeitige Pandemie zu verweigern.

    Es ist immer leichter, an irgendwelche Verschwörungen zu glauben als sich den Erfordernissen der Zeit aus Einsicht anzupassen, derweil dies mit Verzicht verbunden. Selbst habe ich aufgegeben, mit solchen Menschen diskutieren zu wollen.

    Liebe Grüße, Reiner

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  2. Ich habe lange überlegt, ob ich dazu etwas schreibe … . Gerade war in den öffentlich rechtlichen Nachrichten ein Bericht über eine „Studie“ über die Querdenker. Ergebnis: Es handele sich zu einem überwiegenden Anteil um Akademiker und Menschen mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz. Die meisten hätten vor C. Parteien wie die GRÜNEN oder die Linke gewählt. Man fragte sich in der Sendung, warum solche Menschen gegen staatliche Maßnahmen demonstrieren. Auf die Idee, dass sie ja ganz eventuell einen Punkt haben könnten, kam man nicht. … . Man suchte Gründe, warum überdurchschnittlich intelligente und eher links eingestellte Menschen plötzlich so anders denken, als man selbst. Und selbstverständlich sah man den „Fehler“ in den anderen…. Wo auch sonst…?
    Liebe Grüße
    Maren

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    1. Da gibt es bestimmt das eine oder andere, worüber sich nachzudenken lohnt, für die Einzelpersonen. Aber die Gemengelage mit QAnon, Reichsbürgern und anderen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln zu Fall zu bringen, da ist für mich die rote Linie nicht nur erreicht, sondern überschritten.
      Da kann jemand noch so intelligent und akademisch sein.
      Und was daran intelligent sein soll, anderen das eigenständige Denken anzuerkennen, aber selbst auf jeden noch so fadenscheinigen Youtube- oder Telegrambeitrag aufzuspringen, erschließt sich mir auch nicht.
      Um diese Dinge dreht es sich im Buch, weniger um ernstzunehmende Probleme von Familien oder Einzelpersonen, denen die Lebensgrundlage wegbricht.
      Die letzteren haben konkrete Sorgen und werden oft benutzt und vor Karten gespannt.
      Und Fehler machen wir alle, dafür sind wir Menschen. Vieles lässt sich erst im Nachhinein beurteilen, siehe Erfindungen wie Atomspaltung…
      Liebe Grüße zurück, Anja

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  3. Es gibt natürlich insgesamt jede Menge Youtube – und sonstige Beiträge auf allen möglichen Kanälen. Dabei ist natürlich auch Abstruses.
    Die Beiträge, die ich mir ansehe, lassen Wissenschaftler aus verschiedenen Richtungen zu Wort kommen, lassen Diskussionen zu und stellen Fragen, die ich den offiziellen Medien leider vermisse. Denn viele (vielleicht sogar die meisten) der Kritiker können durchaus unterscheiden, ob es um irgendwelche QAnon-Geschichten geht in einem Video, oder um ein differenziertes kritisches Hinterfragen staatlicher Maßnahmen … . Und sie sehen eben auch, was in der Berichterstattung der gängigen Medien verschwiegen oder schief dargestellt wird. (Als Juristin sehe ich das, was schief oder verkürzt dargestellt wird, oft genug auch, ohne mir dafür Videos anschauen zu müssen, wenn es um rechtliche Fragestellungen geht.) Der Unterschied ist vielleicht nur, dass die Kritiker generell etwas weniger „Vertrauen“ haben in Medien (und Politik). Genau dieses mangelnde Vertrauen (und die damit einhergehende mangelnde Bereitschaft, einfach alles zu akzeptieren, obwohl das doch das Einfachste wäre) ist ja letztlich wohl auch der Hauptvorwurf an sie. Aber Menschen, die nicht bereit sind, einfach alles zu akzeptieren, sind deshalb noch lange keine „schlechten“ Menschen. Und es ging mir mit meiner Anmerkung eigentlich nur darum: Um die Frage, ob es dir vielleicht doch möglich sein könnte, diese Idee zuzulassen, dass diese Menschen vielleicht weder dumm sind, noch auf irgendeinen Zug aufspringen, noch sich vor den Karren von irgendjemanden spannen lassen, gerade keine „einfachen Lösungen“ suchen und eben auch nicht einfach nur nachplappern? Ich würde mich freuen.
    Einen schönen Abend dir!

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    1. Die Antwort darauf, warum die Leute sich trotzdem nicht gegen die Vereinnahmung von mehr oder weniger offen verfassungsfeindlichen Gruppierungen zur Wehr setzen, hat du mir aber leider immer noch nicht beantwortet. Schade.

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      1. Vielleicht, weil das mit der „Vereinnahmung“ deine Sichtweise ist und nicht meine.
        Es geht mir auch nicht darum, dass ich möchte, dass du meine Meinung zu dem C.-Thema teilst. Sondern nur um die Akzeptanz der jeweils anderen Meinung, ohne gleich die ganze Person zu „verurteilen“, weil sie die aus eigener Sicht „falsche“ Meinung hat.

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