Entfesselt

In den letzten Wochen bin ich vermehrt über das Wort „Entfesselung“ gestolpert, das zumindest Einwohnern von NRW bekannt vorkommen sollte, denn die Landesregierung versucht ja seit einiger Zeit auch schon, die Wirtschaft zu entfesseln.

Heute prangt mir die Schlagzeile „Entfesselter Klimaschutz“ in der Tageszeitung entgegen. Denn es gibt seit neuestem eine „Klima-Union“ innerhalb der CDU/CSU. Bitte nicht falsch verstehen: ich befürworte vieles, das tatsächlich dem Klima hilft. Wenn ich aber weiterlese, wer als Personalie wie ein Sahnehäubchen auf dieser Gemeinschaft thront, bekomme ich echte Zweifel: Friedrich Merz, Vorzeige-Quasi-Mittelstand-Bürger, der bisher nicht unbedingt als Vorwärts-Denkmaschine in Erscheinung getreten ist. Sein Konzept als „Zurück in die Zukunft“ zu beschreiben, würde allerdings ein Film-Epos beleidigen.

Mal ganz abgesehen davon, dass auch in Reihen seiner Partei seit einem halben Jahrhundert bekannt ist: es kann mit neoliberalen Ansätzen nicht weitergehen! Daraufhin wurden vom Chef und seinen Strategen erst jetzt aber die 20er Jahre zum Modernisierungsjahrzehnt ausgerufen, mit jahrzehntelanger Verspätung! Aus Angst davor, dass die Grünen ihnen den ersten Platz streitig machen. Armselig. Die längste Zeit der vergangenen 50 Jahre wären sie in der Position gewesen, nachhaltig an der Bewahrung der Schöpfung durch ordnungspolitische und vorausschauende Regelwerke maßgeblich mitzuwirken.

Fast noch mehr verstört mich der inflationär benutzte Begriff „entfesselt“, denn damit verbinde ich entweder entfesselte Naturgewalten, wie der Tornado in Tschechien oder die Unwetter in Süddeutschland, oder aber Entfesselungskünstler, die sich anscheinend aus unlösbaren Fesseln befreien, aber letztlich Illusionisten sind. Da traue ich den Ehrlich-Brothers (die ganz aus unserer Nähe stammen, aus Bünde) doch mehr zu als so manchen entfesselten Unionspolitikern…

Blitz-Entfesselung | Die Ehrlich Brothers zaubern Euch die Langeweile weg (mit Auflösung!) – YouTube

(Ich bitte um Entschuldigung, dass ich euch ausgerechnet ein Video zeige, das von der BILD stammt, aber diesen Trick fand ich nur dort)

Edit: Es ist übrigens nicht so, dass ich Angehörigen der CDU überhaupt keine Kompetenzen in Umweltfragen zutraue. Ich frage mich nur, warum diese Leute und ihre Expertise nicht schon seit langem viel konsequenter eingesetzt werden.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

14 Kommentare zu „Entfesselt“

  1. Dein Beitrag trifft es auf den Punkt.
    Warum gibt es keine Mischung von Politikern, ganz gleich welcher Partei, die Gutes für das Land wollen?! Warum diese ‚entfesselten Alleingänger‘, die es auch nicht besser können, als der Rest. Alle existieren doch vor allem durch vorgegaukelte Tatsachen und Versprechungen, die unerfüllbar bleiben. Dann doch lieber die „Ehrlich Brothers“. Liebe Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela, diesen Denkansatz habe ich schon seit vielen Jahren immer mal wieder verfolgt, das wäre dann statt einer stabilen Regierungskoalition eine Art Expertenregierung. Hätte sicher was, würde aber durch wechselnde Mehrheiten möglicherweise andere Probleme hervorrufen. Vermutlich wäre es trotz allem einen Versuch wert, solange jemand dafür sorgt, dass die Spaltung im Land nicht noch tiefer wird.
      Wenn ich mir Bewegungen wie „taxmenow“ ansehe oder lese, dass der Klima-Bürgerrat bereit wäre, größere Einschränkungen in Kauf zu nehmen als die große C-Partei uns weismachen will, dann wünsche ich mir einfach: Mehr Demokratie wagen!
      Liebe Grüße retour, Anja

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      1. Liebe Anja, danke für Deine Antwort. Alles gute Vorstellungen, nur haben alle unterschiedliche Standpunkte und damit unterschiedliche Sichtweisen. Viele sind für zu viele Freiheiten nicht geeignet und wollen sie auch nicht, denn das setzt ein großes Maß an Eigeninitiative voraus. Das kann bei Querdenkern nicht gut sein. Ich denke, jeder sollte erst mal bei sich selbst anfangen. Frage: Wen wählt man für mehr Demokratie? Jeder kocht doch sein eigenes Süppchen. LG Gisela

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      2. Vollkommen richtig. Die Frage, wer mehr Demokratie garantiert, muss von jedem Wähler/jeder Wählerin selbst beantwortet werden. Ich schätze, es ist am wichtigsten, dass wir Wahlvolk uns danach nicht bis zur nächsten Wahl zurücklehnen, sondern auch mal den Gewählten zwischendurch auf die Füße treten. Diese Möglichkeiten haben wir heute mehr denn je auf verschiedenen Kanälen. Dort kann man ja nicht nur rumpöbeln, sondern auch konstruktiv Kritik üben. Seufz. Es bleibt spannend. LG Anja

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  2. Diese Finte verschleiert ja nur, dass sie VertreterInnen des entfesselten Kapitalismus sind. Und als solche werden sie nur Lösungen zulassen, die die Gewinne ihrer Auftraggeber maximieren. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden das nicht die schnellsten und besten Lösungen sein. Die im Bundestag vertretenen Parteien unterscheiden sich dabei nur graduell. Sie sind kreidefressende Wölfe. Wir sollten nicht auf ihre Stimmen hören, sondern ihre Pranken auf unseren Fensterbrettern sehen.

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    1. Guten Morgen, ich muss gestehen, dass ich über deinen Kommentar erstmal eine Nacht schlafen musste. Stand jetzt würde ich sagen: bei der speziellen Gruppierung, die ich im Beitrag beschrieben habe, bin ich geneigt, dir zuzustimmen. Da sind einfach zu viele „Wölfe“ dabei, um sie für Herdenschutzhunde zu halten. (Wobei mir die Wölfe in diesem Vergleich leid tun, die können nichts dafür.)
      Ansonsten habe ich ja in letzter Zeit reichlich Muße, mich mit allen möglichen Publikationen auseinanderzusetzten, Podcasts, Bücher, Zeitungsartikel, bunt durcheinander. Daher ist die Lage meiner Ansicht nach differenzierter. Denn „Auftraggeber“ sind wir im Endeffekt alle. Wir neigen aber in der Masse und als lauter Individuen dazu, unseren Auftrag mit der Wahl als erfüllt anzusehen. Denn einzeln fehlt uns vieles, was uns durchsetzungsstark macht, wie Geld, Lautstärke, langer Atem. Insofern kann ich dir zustimmen.
      Aber „die Politik“ gibt es genauso wenig pauschal wie „das Volk“, da bin ich doch etwas optimistischer als du.
      Das wichtigste ist jedoch, dass wir es über unsere unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen hinweg schaffen, uns respektvoll darüber auszutauschen.
      Mich würde noch interessieren: Siehst du einen Ausweg? Und wie könnte der aussehen?
      Einen schönen Tag nach Berlin…(war doch Berlin, oder liege ich falsch?)

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      1. Guten Morgen, ich halte alle im Bundestag vertretenen Parteien für fremdbestimmt (Indizien dazu liefert sei Jahrzehnten (?) Albrecht Müller mit seinen NachDenkSeiten). Des Wahlvolks einzige Aufgabe in dem System ist, alle vier/fünf Jahre die üblichen Parteien zu wählen. Und da liegt auch schon die Lösung des Problems: konsequent Parteien wählen, die nicht in den Parlamenten vertreten sind. In der Regel finden sich dort Menschen aus der Lebenswirklichkeit und nicht aus dem politischen Wolkenkuckucksheim. Die Fädenzieher im Hintergrund sind der sogenannte militärisch-industrielle Komplex; Präsident Eisenhower hat es (leider erst) in seiner Abschiedsrede gewagt, dies öffentlich auszusprechen. Ein Bundespräsident Köhler musste wegen des Bennens des Elefanten im Raum zurücktreten. Doch ich möchte niemanden davon abhalten, weiterhin zwischen den Fassaden der Kulissen (Manfred Lütz: Bluff – Die Fälschung der Welt) zu leben, die die Herrschenden seit dem Wiederaufbau Europas errichtet und in denen wir es uns gemütlich gemacht haben. Also, der Ausweg ist, Praktiker und politisch Unbelastete in die Parlamente zu wählen. Alternative Konzepte findet man allerorten (nur nicht im Mainstream, die großen Printmedien und die Öffentlich-Rechtlichen kommen ihrem Auftrag zur Aufklärung nicht nach und verschweigen oder verstecken alternative politische Handlungsmöglichkeiten). Liebe Grüße vom Mittelrhein, Bernd

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      2. Oje, dann entschuldige ich mich zunächst dafür, dass ich den Mittelrhein nach Berlin geworfen habe🙈. Irgendwie bin ich da durcheinandergekommen.
        Albrecht Müller habe ich vor Jahren mal sehr geschätzt, aber in der letzten Zeit kommt er mir etwas abgedreht vor. Das ist aber meine ganz persönliche Einschätzung. Zur Abwahl der etablierten Parteien: ich kann die Motivation erkennen und nachvollziehen, aber in der Praxis sehe ich Probleme auf das Land zukommen, wenn zum Beispiel viele Menschen eine der Kleinparteien wählen, die ihren jeweiligen Partikularinteressen entgegenkommen: einer legt Wert auf Tierschutz, eine andere auf bibeltreues Christentum, ein dritter möchte Senioren stärker vertreten haben und noch andere treten für veganes Leben ein. Es gibt für viele unterschiedliche Lebensentwürfe „passgenaue“ Parteien, aber wie soll dann eine arbeitsfähige Regierung aussehen? Selbst mit einer angenommenen Wahlbeteiligung von 100%, die sogar in der DDR rein illusorisch war, käme dann kaum eine Gruppierung über die 5%-Hürde. Als Utopie nicht uninteressant, aber ich schätze, die Spaltung im Land würde damit nicht beseitigt, sondern vorangetrieben.
        Liebe Grüße aus Ostwestfalen, das nach meiner Geographie dann irgendwo in Westpolen sein müsste😅

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      3. Die anstehenden, überlebenswichtigen Probleme, brauchen keine ideologischen Koalitionen, sondern eine Allparteien-Koalition, die das Erforderlich unverzüglich umsetzt. Je mehr Parteien im Bundestag vertreten sind, desto besser für die Akzeptanz. Und diejenigen, die Jahrzehnte Zeit hatten, das Erforderliche unverzüglich zu tun, die sollten sich kleinlaut in die letzte Reihe setzen. Die Spaltung im Land wird aber ganz gewiss nicht von denen überwunden werden, die sie seit Jahrzehnten betrieben: die im Bundestag vertretenen Parteien. Ein in Agonie dahindümpelnde Politik braucht frisches Personal von außen. Und gleichgültig, wo wir wohnen, wir sind Lebewesen derselben Erde. Liebe Grüße, Bernd

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      4. Frisches Personal, ja, auf jeden Fall. Und ich kann dir auf jeden Fall versprechen, über die Sache mit der Allparteien-Koalition gründlich nachzudenken. Ich wäre sehr angenehm überrascht, wenn so ein Modell klappen würde. Deinen letzten Satz unterstreiche ich sofort bedingungslos, allein diese Erkenntnis fehlt allzu vielen…

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  3. Da traust du der Union mehr zu als ich. Ich habe wirklich Angst, sie könnten damit bei den Wahlen durch kommen und wieder eine Mehrheit bekommen. Denn ich kann mir inzwischen wirklich nicht mehr vorstellen, dass es ihnen um mehr geht als das: Wahlen gewinnen. Und wenn die Wahlen mal gewonnen sind, wird, so fürchte ich, von dieser Klima-Union nicht mehr viel übrig bleiben. (Bis auf Subventionierung von sauberer Kohle und dem Verbot von Windrädern, die ja die Vögel irritieren und lauter sind als Autobahnen. Sorry für die Ironie, musste sein.) Ich frage mich, ob im Kapitalismus, wie er im Moment aussieht, eine langfristige Lösung überhaupt möglich ist. Ich kann mir da kein Szenario vorstellen. Aber vielleicht bin ich da zu pessimistisch?

    Mal was anderes: Wie schaffst du es, Links so in den Text einzubauen? Seit WordPress dieses neue System hat kann ich nur noch URLs einbauen, was mitten im Text extrem kacke aussieht.

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    1. Hallo Bithya, Ah, ich weiß nicht, der CDU als Gesamtpartei traue ich auch gerade nicht sehr viel zu, das liegt aber daran, dass dort zu viele Gestrige das Sagen haben. An der Parteibasis, in den Kommunen, sitzen inzwischen auch viele junge Menschen, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben und einfach werteorientiert sind, aber die dringen nicht durch.
      Im Süden und Südwesten Deutschlands (habe ich in einer Doku gesehen, ich weiß nur leider gerade nicht mehr, wo) gibt es aber gelungene Beispiele von Kommunen, die ökologisch vorbildlich handeln, obwohl sie eine konservativ geprägte Lokalpolitik haben. Diese Beispiele stellen aber zwischen den Zeilen der Bürgerschaft ein gemischtes Zeugnis aus: Solange Windkraft beispielsweise einfach vor Ort hingestellt werden sollte, ohne Partizipation der Bürger, bekam sie Gegenwind. Wurde aber genossenschaftlich gearbeitet, jeder hatte die Möglichlkeit, Anteile zu erwerben und damit Gewinne zu erzielen, sah die Lage schnell ganz anders aus. Mehrere (politische) Gemeinden stehen so inzwischen sehr gut aufgestellt da.

      Das zeigt, dass wir in erster Linie wohl doch „Homo oeconomicus“ sind. Wir brauchen Vorteile. Statt darauf immer mit der Moralkeule draufzuhauen, könnten wir auch einfach diesen Antrieb ganz pragmatisch nutzen. Ich schätze, ich werde da mal einen eigenen Beitrag erstellen, sobald ich wieder besser mit beiden Händen schreiben kann.

      Wie ich das mit den Links mache? Weiß ich auch nicht so genau, ich mache es einfach so, wie ich es gewohnt bin. Ich versuche beim nächsten Mal, darauf zu achten😅.
      Ich wünsche dir einen gesegneten Tag.

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      1. Naja, man kann ja ruhig der Bevölkerung Anteile gönnen, warum denn nicht? Ich glaube, dieses auf die eigenen Vorteile bedacht sein ist aber auch sehr stark ein Ergebnis der Sozialisierung, auf längere Sicht kann sich da eine Gesellschaft mit Sicherheit auch ändern und auch auf das Kollektiv schauen und darauf, was für andere gut ist. Dafür bräuchte man aber Zeit, die wir nicht haben. Also dann doch lieber Genossenschaften. 🙂

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