Sag, wie hältst du’s mit dem Wasser? (Frei nach Goethes „Faust“)

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Und, welches Wasser bevorzugst du zum Essen? Gletscherwasser aus Island oder dem Himalaya, die Edelquelle aus Italien, mineralstoffreiches Tiefenwasser aus der Auvergne? Eifel, Rhön oder Bielefelder Ursprung?

Oder vielleicht ein exquisites „Eau du robinet“? Kennst du nicht? Obwohl ich rudimentär des Französischen mächtig bin, kannte ich den Ausdruck bis gestern auch noch nicht. „Leitungswasser“ klingt da wesentlich bekannter. Obwohl bei uns im Keller auch eine Kiste gekauftes Mineralwasser (in Glasmehrwegflaschen) herumdümpelt, für kurzfristig höheren Bedarf, im Allgemeinen kommt bei uns Kranenburger Entenwein auf den Tisch. Entweder direkt oder mit dem Umweg über den Aufsprudler, je nach Vorliebe. Seit Jahren schont das den Kofferraum meines Kleinwagens, meine Schultermuskulatur und nebenbei auch den Geldbeutel. Und es schmeckt uns auch, ostwestfälisches Wasser stößt auf ostwestfälische Menschen. Passt!

Nächste unangenehme Frage: Magst du Rosen? Und freust dich so richtig, wenn du einen dicken Strauß davon geschenkt bekommst? Wenn ja, steck bitte deine Nase nicht zu tief rein zum Schnuppern. Nicht nur, weil Edelrosen kaum duften. Die meisten Rosen (und Schnittblumen überhaupt) kommen nicht von den schönen Feldern, an denen selbstgebastelte Schilder zum Selberpflücken auffordern mit der Goodwill-Kasse nebendran. Nicht mal aus niederländischen Gewächshäusern. Die allermeisten kommen aus Ländern wie Kenia, Tansania oder Chile und werden auf großen Plantagen an Seen gezüchtet. Diese Seen liefern das massenhaft gebrauchte Wasser dafür, das aber im Gegenzug der örtlichen Bevölkerung nicht zur Verfügung steht. Naja, immerhin „dürfen“ die Leute auf den Plantagen arbeiten, bis zur Erschöpfung und bis ihnen die Allergien von den Pestiziden und anderen Chemikalien das Arbeiten unmöglich machen. Meist wissen sie nicht einmal, was sie dort alles so verspritzen und holen Trinkwasser in denselben Eimern, in denen sie die Pampe angerührt haben. So genau wusste ich das bislang auch noch nicht und ich bin irre froh, dass ich schon seit Jahren keine Schnittblumen zum Hochzeitstag bekomme (ich erzählte ja bereits, dass wir in stillschweigender Übereinkunft mitunter unseren Hochzeitstag vergessen😂).

Und dann, wenn man sich durch diesen Schrott schon durchgelesen hat, dann wird es richtig unappetitlich. Nein, nicht, was ihr jetzt möglicherweise gerade denkt. Es geht um Mikroplastik, um die Überreste unserer Plastiksucht, die überall auf der Welt im Wasser herumschwimmen und damit logischerweise auch in unserer Nahrungskette ankommen. Allen gelben Tonnen und grünen Punkten zum Trotz wird immer noch nur ein Bruchteil allen Kunststoffes recycelt, und der meiste Müll landet mal wieder dort, wo am wenigsten davon benutzt wird.

Das Kapitel lässt mich ein wenig desillusioniert und ratlos, aber auch etwas kämpferisch zurück. Hirschhausen regt am Ende an, auch ordnungspolitisch stärker tätig zu werden, und dieser Satz ließ mich nachdenklich am Küchentisch zurück. Gerade im aktuellen Wahlkampf wird von einigen Parteien alles, was zu sehr nach „Ordnung“ im Sinne von verbindlichen Regeln klingt, vehement zugunsten eines diffusen „Marktes“ an den Rand gedrängt. Und ich frage mich, warum in aller Welt der Markt etwas besser regeln soll als ein gemeinsames Regelwerk, eine Übereinkunft, wie wir alle, Produzenten und Verbraucher, das Leben miteinander gestalten werden. Denn „der Markt regelt das“ bedeutet, die Gestaltung einseitig vor allem der Wirtschaft zu überlassen. Wer das verlangt, hat meines Erachtens auch die Leistung des sog. „Wirtschaftswunders“ nicht verstanden, das ohne ordnungspolitischen Rahmen ganz anders ausgesehen hätte.

Und hier wie immer der Hinweis auf den Beginn des Lesetagebuches…

Was haben Avocado, Chia und Rindfleisch gemeinsam?

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In diesem Kapitel, „Essen & Verdauen“ geht es nicht nur um Rindfleisch, Soja und Methan. Auch nicht um den völligen Fleischverzicht. Es geht vor allem um Bewusstsein. Bewusster Konsum ebenso wie bewusster Verzicht. Das bewusst werden, dass wir mit jedem Kilogramm Fleisch eigentlich einen 20-Liter-Eimer Gülle mitkaufen müssten. Das Wissen darum, dass im Fleischpreis die Umweltfolgen der Produktion nicht im Geringsten berücksichtigt sind.

Warum essen so viele Menschen Fast Food, das bis auf die Kalorien und den Fettgehalt so ziemlich aller Nährstoffe beraubt ist, und meinen dann, sie müssten den Mangel mit teuren Vitamin-Präparaten ausgleichen? E.v.H. äußert die Vermutung, dass gesundes Essen viel erfolgreicher wäre, wenn man es in Pillen pressen und einblistern würde. Ich schätze, so ganz schief liegt er nicht damit.

Noch ein Unterschied: Walnüsse wachsen bei mir im Garten, Avocados nicht…

Warum meinen wir, überteuerte „Superfoods“ aus weit entfernten Ländern zu benötigen, deren Produktion (fast ausschließlich für den Export) dort beispielsweise zu Wasserknappheit für die eigene Lebensmittelproduktion führt? Weil Chia besser klingt als Leinsamen? Oder Goji einen exotischen Touch hat, anders als Heidelbeeren?

Das sind nur einige wenige Denkanstöße aus diesem Kapitel. Weil das Thema Essen fast so viel Konfliktpotenzial bildet wie Religion oder Politik, ende ich hier und lasse euch allein grübeln, ob eine abwechslungsreiche, gleichermaßen gut schmeckende und gesunde Ernährung nicht auch ohne diesen Schnickschnack auskommt.

Zum Anfang dieses Lesetagebuches geht es hier, für alle, die den Einstieg verpasst haben.

Ein unordentliches Gefühl?

Laut eines Buchtitels von Richard David Precht ist das eine Definition von Liebe. Howard Jones besang im Jahr 1983 die Frage nach der Liebe „What is love?“ und Pat Benatar gab postwendend die Antwort „Love is a battlefield“. Eurythmics waren da schon einen Schritt voraus, denn „Love is a stranger“ erschien bereits 1982. Unvergessen aus dem Liebesfilm schlechthin, Pretty Woman, ist auch das vermeintliche Ende einer großen Love Story: „It must have been love“ von Roxette. Wesentlich früher schon sang Connie Francis im Jahr 1961 „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Ich schätze, es gibt kaum etwas, das über die Liebe nicht schon geschrieben oder gesungen wurde. Ganz davon abgesehen wäre Hollywood vermutlich fast pleite, wenn es die Irrungen und Wirrungen nicht gäbe. Nur von Superhelden, Serienmördern und Geschwindigkeitsjunkies kann Kino und TV nicht leben.

Selbst die Bibel, von manchem als strenges Sittengesetz angesehen, schwärmt in einem ganzen Buch über die Freuden der Liebe (Das Hohelied) und auch Paulus erkennt „Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte“ (1. Korinther 13,13).

Die alten Griechen unterschieden zwischen erotischer und platonischer Liebe. Vielleicht verschwimmen diese Grenzen auch ab und zu einmal. Kommt sicher vor, wie in Klaus Lages „1001 Nacht“. Oder es gibt in einer Ehe/langjährigen Beziehung zwischendurch Phasen, in denen man eher kameradschaftlich verbunden als leidenschaftlich entbrannt ist. Hauptsache ist doch, es fühlt sich für die Beteiligten gut an.

Liebe lässt uns himmelhoch jauchzen und alles in rosarot getaucht sehen. Liebe lässt uns aber auch in die tiefsten Abgründe stürzen und zieht sämtliche Farbe aus unserem Leben. Sie lässt die größte Freude zu und die stärkste Verzweiflung. Lachen, weinen, ärgern, alles das gehört dazu, das gibt es nur im Gesamtpaket.

Übrigens finde ich „Trauung“ eigentlich viel passender als „Hochzeit“. Wenn man getraut wird, traut man sich selbst und dem Gegenüber zu, das Leben in jeder Situation miteinander zu teilen. Geht man davon aus, dass die Hochzeit im wörtlichen Sinn der „schönste Tag des Lebens“ ist, kann es ja danach eigentlich nur noch bergab gehen. Vor allem verkennt diese Definition die Tatsache, dass Liebe und eine gelingende Beziehung nicht nur Gefühlsduselei ist, sondern auch Arbeit. Und eine immer wieder neu zu treffende Entscheidung für den geliebten Menschen.

Man kann jemanden wie den Frosch aus dem Märchen an die Wand klatschen wollen und trotzdem an der Liebe festhalten. Nicht umsonst heißt es „in guten wie in schlechten Zeiten“.

Das alles schreibe ich jetzt aus der Perspektive eines Menschen, bei dem nicht immer alles Zucker war, mit der Dankbarkeit, dass mein Partner zu mir gehalten hat, als ich vor fast 20 Jahren meine Existenz gegen die Wand gefahren hatte, aus der Perspektive eines Paares, das noch immer die Kurve gekriegt hat bei allen Zitronen, die uns auf die eine oder andere Weise im Weg lagen. Dann gab es Zitronenkuchen, Zitronenlimonade, manchmal ein paar Tage Diät, Zitronensouflée… und immer wieder die Erkenntnis, dass wir im Team vieles schaffen, was uns allein vor riesengroße Hindernisse stellen würde. Dass wir nach 29 Jahren Ehe immer noch gemeinsame Träume in Angriff nehmen können, auch wenn wir den einen oder anderen Traum schon (z. B. aus gesundheitlichen Gründen) begraben mussten. Aufhören zu träumen? Keine Alternative!

Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich heute so sentimental bin: Ich musste das dringend mal loswerden😊. Immer nur Klimakrise schlägt sonst noch aufs Gemüt.

Kapitel 2 – Kommen und Gehen

Kennst du den Film „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Jack Nicholson und Morgan Freeman? Wenn nicht, ändere das doch bitte. Nicht nur, weil der Film und seine Thematik in diesem Kapitel eine wichtige Rolle spielt, sondern weil es einfach ein sauguter Film ist.

E.v.H. wartet jedenfalls nicht bis zum Schluss, sondern bringt das Thema Zeit, Endlichkeit und Vergänglichkeit relativ zu Beginn seines Buches. Dann wissen wir jedenfalls schon mal, worauf am Ende alles hinausläuft. Das Kapitel beginnt er mit der philosophischen Weisheit, dass wir Menschen die einzigen Lebewesen sind, die ein Bewusstsein für die Zukunft und die Endlichkeit des Lebens haben. Ich frage mich, warum wir uns dann so oft benehmen, als wenn es sie nicht gäbe? Mir geht durch den Kopf, dass wir viel zu oft „Entschuldigung“ sagen, und zwar zu häufig gedankenlos. Wir möchten Wiedergutmachung leisten für etwas, was wir verbockt haben, egal ob wissentlich oder aus Versehen. Aber beim Klima, bei aussterbenden Lebensformen und bei absaufenden Inselstaaten bringt das überhaupt nichts. Nichts kann so ungeschehen gemacht werden.

Ach ja, die Zeit. Verläuft sie linear oder als Kreislauf? Beides hat seine Berechtigung, das erläutert er im Kapitel. Ich schreibe das jetzt nicht auf, das ist etwas zum selber lesen und selber Gedanken machen. Meine Gedanken dazu gehen in diese Richtung: Warum haben wir eigentlich immer weniger Zeit, obwohl wir immer mehr technische Helferlein haben, die uns Dinge in einem Bruchteil der irgendwann dafür veranschlagten Zeit erledigen lassen? Was packen wir alles rein in unsere Zeit?

Btw, habe ich eigentlich schon erzählt, dass ich seit letztem Jahr eine Sense besitze? Eine ganz altmodische, ohne Motor, dafür mit einem echten Sensenblatt, nicht mit so einem ollen Nylonfaden! Ich brauche jetzt noch einen Dengelamboss und etwas Übung (am besten vermutlich einen Wochenendkurs zum Sensenmähen). Das langsame, bedächtige Arbeiten mit der Sense habe ich vor der OP ausprobiert und es fühlte sich gut an. Ich weiß, was ich da tue, ich sehe den Fortschritt, den ich als einzelner Mensch erzielen kann.

Ich schweife ab. Ich habe das Kapitel fast in einem Rutsch gelesen (mit einem Besuch beim Möbelschweden zwischendurch, wo Tochter und ich in rekordverdächtiger Geschwindigkeit und mit Scheuklappen durchgefegt sind, wir haben es bis auf zwei Tafeln Schokolade und eine Kiste Haferkekse auch geschafft, nur das zu kaufen, was gebraucht wurde!). Aber ich habe Schwierigkeiten, es in Highlights für euch zusammenzufassen, denn es ist ein sehr dichtes Kapitel mit sehr vielen Impulsen, denen es nachzufühlen lohnt.

Merkwürdig ist auf jeden Fall unser Umgang mit der Zeit, die wir zur Verfügung haben (wobei wir im Allgemeinen ja vorher nicht mal wissen, wieviel Zeit wir haben). Wir haben uns in den letzten Jahren und Jahrzehnten so sehr daran gewöhnt, uns über unsere vollen Terminkalender zu definieren (ich auch), dabei haben wir aus den Augen verloren, dass wir uns nur zu oft zu Sklaven ebendieser Kalender gemacht haben. Erinnert ihr euch noch an die Tage nach dem 17. März 2020, was viele von uns hier auf WP, aber auch auf Instagram, Twitter oder Facebook geschrieben haben? Wie wir durchgeatmet und uns über die Ruhe und Stille gefreut haben?

Und, welcher dieser Sprüche wird auf deinem Grabstein stehen? Jemand sagte einmal, auf meinem werde später stehen: „Geh still und leis‘ vorüber, sonst steht sie auf und jabbelt (redet) wieder.“

Tja, auch das längste Leben hat einmal ein Ende, und auch da gibt es Möglichkeiten, den letzten Weg mehr oder weniger klimafreundlich zu gestalten. Samt teilweise ulkiger Bestattungsrituale (Was haben Stripperinnen auf Beerdigungen zu suchen? Die Antwort könnt ihr nachlesen…). Ich kann euch aber versichern, dass ihr am Ende des Kapitels herzhaft lachen könnt. Wenn auch auf Kosten einiger Alpha-Männchen der menschlichen Spezies (selbst schuld, wem dieser Schuh passt).

Morgen geht es weiter mit dem Thema, dem an Wochenenden am Grill oder mit dem Dreigang-Menü gern viel Zeit gewidmet wird: Essen & Verdauen. Mahlzeit!

Und hier der obligatorische Spruch: Für alle Neu-LeserInnen gibt es hier die bibliographischen Angaben und den Startbeitrag.

And I think to myself: What a wonderful world…

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Das Singen kann einem im Hals stecken bleiben, wenn man sich mit der Klimakrise beschäftigt. Aber da es dadurch nicht weniger bedrohlich wird, geht mit Musik vielleicht doch alles besser? Wir werden sehen.

Zwischen die ganzen Sachinformationen und Denkanstöße hat E.v.H. einige Seiten eingeschoben, auf denen er sehr anschaulich anhand eines medizinischen Beispiels von der Intensivstation die gesamt lebensbedrohliche Lage darstellt und einige Klimafakten hinzufügt. Die müsst ihr aber unbedingt selbst lesen, das kann und will ich nicht alles abschreiben. Ich kann euch auf jeden Fall versprechen, es lohnt sich für den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Eltern und ErzieherInnen kennen das folgende Beispiel: „Wenn wir etwas in Unordnung gebracht haben, müssen wir dafür geradestehen und das Ganze wieder aufräumen, das lernen wir bereits im Kindergarten. Wir machen allerdings auch die Erfahrung, dass in der Regel jemand kommt und unseren Dreck wegräumt, wenn wir ihn nur lange genug liegen lassen. Nun ist die Welt in Unordnung – und wer räumt auf? Mir kommt es so vor, als warte die nationale wie internationale Klimapolitik auf die Erzieher:innen und ducke sich mit der Begründung weg, man habe das Chaos ja nicht alleine verursacht.“ (S. 78)

In den ärmsten Ländern der Welt gab es in den letzten Jahrzehnten häufig positive Entwicklungen, was Gesundheit, Wirtschaft und Ernährung betraf. Durch den Klimawandel (und auch die Pandemie) sind diese Fortschritte massiv gefährdet. Die Länder sind oft sehr landwirtschaftlich geprägt, vor allem durch Selbstversorger. Durch die Ausbreitung von Dürregebieten oder auch Überschwemmungskatastrophen werden im kommenden Jahrzehnt viele, sehr viele Menschen dort zur Flucht gezwungen sein.

Und diejenigen, die „Deutschland den Deutschen“ rufen, sollten sich endlich mal darüber klar werden, dass diese Menschen zu einem großen Teil in unsere Richtung kommen werden. Was auch nur logisch und folgerichtig ist, denn unser Lebensstil trägt maßgeblich dazu bei, ihnen die Lebensgrundlage zu nehmen. Und auch innerhalb der EU gibt es ein Nord-Süd-Gefälle der Emissionsungerechtigkeit.

„In der EU verursachen die einkommensstärksten zehn Prozent der Haushalte über ein Viertel der gesamten CO2-Last. Das ist mehr als der Beitrag der gesamten unteren Hälfte. Noch krasser wird die Diskrepanz, wenn man sich das oberste Prozent anschaut: Die Haushalte mit dem größten Wohlstand haben einen jährlichen Pro-Kopf-Ausstoß von fünfundfünfzig Tonnen CO2. Der Durchschnittswert in Europa liegt mit rund acht Tonnen etwas siebenmal niedriger. Dauerhaft verkraften kann die Erde pro Mensch etwa 1 bis 1,5 Tonnen.“ (S. 81) Wer jetzt denkt: Puh, davongekommen, ich mit meinem Durchschnittseinkommen gehöre nicht zu den Dreckschleudern, dem sei die Information von S. 78 dazu gegeben: „Denn zu diesem fiesen Club ( zu den 10 Prozent der reichsten Erdenbewohner) gehört bereits jeder mit einem Jahreseinkommen von rund zwölftausend Euro, also tausend Euro im Monat.“

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir vieles hiervon bis heute früh nicht bewusst war. Anlass, sich in Grund und Boden zu schämen? Ich glaube nicht. Wir leben in einer Welt, die sich gefühlt immer schneller dreht und entwickelt, es ist einfach unmöglich, in jedem Bereich jederzeit auf dem Laufenden zu sein. Aber wenn ich diese Informationen einmal bekommen habe, dann kann ich doch nicht einfach so tun, als ob das nicht meine Baustelle wäre. Ich kann mir nicht jeden Schuh anziehen, aber ich kann mit offenen Augen, Ohren und mit offenem Herzen durch diese Zeit gehen, ich kann mir andere Perspektiven ansehen und zuhören, wenn Menschen aus wesentlich weniger privilegierten Gegenden der Welt von ihren Nöten erzählen. Und dann muss ich das tun, was mir möglich ist. Sorgsam mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Energie und anderen Ressourcen umgehen. Das Auto öfter stehen lassen. – Ich bin seit 9 Wochen Fußgängerin, wenn auch aus medizinischen Gründen. Und stelle fest, dass ich immer schneller ans Ziel komme und dabei auch noch Ordnung in meine Gedanken bekomme. Und wenn ich dann so zu Fuß unterwegs bin, dann sehe ich nicht nur die Großbaustelle bei uns im Dorf, wo ein Logistikzentrum gebaut wird (und letztes Jahr noch der Klatschmohn blühte). Nicht nur die Schottergärten des Grauens, wo ich vor 45 Jahren noch beim Rübenhacken „half“.

Ich sehe Menschen (die mir aber fast immer im Auto entgegenkommen), ich sehe Greifvögel über dem Ort kreisen, Löwenzahn in Gehwegfugen seinen Weg suchen, und auch liebevoll gestaltete Kleingärten, die auf ihrem begrenzten Platz Obstbäumchen und Himbeersträucher enthalten, sowie Spatzen, die sich um vom Wagen gefallenes Getreide am Straßenrand zanken. Und dann kommt auch mir dieses Lied mitunter in den Sinn:

Ein Klassiker, immer wieder schön. Und hoffnungsvoll…

Ich musste länger suchen. In einem Beitrag vom3. Mai 2019 habe ich das Video schon einmal verlinkt…

Musik hilft doch. Nicht immer unbedingt, alles besser zu machen, aber den Blick zu weiten und die Hoffnung zu bewahren.

So ihr Lieben, das erste Kapitel haben wir geschafft. Morgen geht es weiter. Bis dann. Und wer hier neu mitliest: Hier gibt es den Auftakt und die bibliographischen Angaben.

PS: Meine Buchbesprechungen bekommen einen eigenen Hashtag, mit denen ihr sie hier und auf Instagram finden könnt: #lesenmitannuschka. Vielen herzlichen Dank an meine Tochter Julia für diesen genialen Einfall!

„Klima ist wie Bier – warm ist scheiße!“ *

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Früher war alles besser – so pauschal kann man das nicht sagen.
Aber es kommt doch gerade so manches zurück, was unsere Großeltern schon wussten und praktizierten.

„Was werden zukünftige Geolog:innen an Überresten aus unserer Epoche in Museen ausstellen? Nespresso-Kaffee-Kapseln? Autokarosserien anstelle von Saurierskeletten? Jede Menge Knochen von immer derselben Sorte Nutztieren wird die Forscherinnen und Forscher rätseln lassen, welchem Fleischkult wir unsere Zukunft geopfert haben. […]“ (S. 59)

„Der Mensch hat keine >natürlichen Feinde< mehr – außer sich selber.“ (S. 61)

Unter der Überschrift „Kann man als Arzt unpolitisch sein?“ kommt Hirschhausen auf die freitäglichen Schulstreiks des Jahres 2019 zu sprechen (während ich das schreibe, kommt es mir vor wie in einem anderen Leben), und auf Christian Lindners Ansicht, die Schülerimmen und Schüler mögen doch bitte nach Schulschluss streiken. (In dieser Logik weitergedacht hätten Bahnkunden dieser Tage keine Probleme, denn die Lokführer würden alle erst nach ihrem jeweiligen Dienstschluss streiken. Merkste selbst, Herr Lindner, oder?)

Das nächste Eigentor schoss sich die Politik mit der Forderung, die Jugendlichen sollten die Bewertung dieser Problematik den „Fachleuten“ überlassen. Besagte Fachleute fackelten nicht lange (das war vermutlich ihr Stichwort), innerhalb einiger Tage kamen rund 26.000 „Scientists for Future“ zusammen.

Als Buchhändlerin hege ich übrigens öfter den Verdacht, dass gerade konservative und liberale Politiker nicht oft als Stammkunden in Buchhandlungen kommen. Allein der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, erschienen bereits 1972 (!) verkaufte sich in meinem ersten Ausbildungsjahr (Herbst 1987) immer noch regelmäßig. Mit allen Publikationen, die seither zu dem Themenkomplex erschienen sind, könnte man eine Buchhandlung füllen.

Eckart hatte in anderer Rolle (Arzt, Wissenschaftsjournalist, Komiker) offensichtlich ähnliche Erkenntnisse, denn für ihn war das Ganze ein Initialzünder, er bekam eine neue Rolle als Klimaaktivist dazu. Ich kann seine Zerrissenheit gut nachfühlen, denn in einem viel kleineren Maßstab geht es mir gerade ähnlich. Meine Reichweite ist begrenzt, meine Netzwerke sind kleiner, aber ich kann nicht mehr anders, ich will und muss sie nutzen.

Rund um meinen Geburtsjahrgang gibt es doch so viele, die Anfang der 1980er Jahre in der Anti-Atom-Bewegung waren, die wie E. v. H. in Wackersdorf demonstriert haben, sich irgendwo an Gleise ketteten oder betend auf den Kirchentagen für eine bessere, nachhaltigere Welt eintraten. Wir hatten Tschernobyl! (Diese Katastrophe passierte genau am 20. Geburtstag meines damaligen Freundes, werde ich nie vergessen…) Jahrelang fragten wir uns, ob die Milch verseucht sei, wir aßen weder Wild noch Wildpilze. Wann zum Henker sind wir so arriviert geworden?

Ihr seht, die Lektüre des Buches bringt in mir viele Saiten zum Klingen, ich hoffe, bei euch auch. Wichtig ist noch dieser Denkanstoß, den ich für heute als Schlussbemerkung und Ansporn setze. Es ist Zeit, einige der kernigen Thesen der „Weiter so -Wachstum über alles“- Verfechter vom Kopf auf die Füße zu stellen:
„Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf den Zugewinn an Lebensqualität statt Diskussionen über angebliche Verluste und Verbote.“ (S. 69)

Hier findet ihr die bibliographischen Angaben.

* S. 70, einer der Sprüche von FFF

Los geht’s!

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Ich beginne mal ganz sachte, mit ein paar Statements aus dem Vorwort und dem ersten Kapitel des Buches. Achtet bitte trotzdem darauf, dass ihr gut und fest irgendwo sitzt, denn auch dieser Einstieg hat es in sich!

„Was hinterlassen wir, die Kinder von Wirtschaftswunder, Wachstumsglaube, Freiheit und Frieden, den nächsten Generationen? Wie viele Ressourcen darf jeder von uns verbrauchen? Stimmt es, dass wir in den letzten fünfzig Jahren so viele fossile Brennstoffe in die Luft gejagt haben wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, dass so viele Arten ausgerottet wurden wie seit den Dinosauriern nicht mehr und wir vor einem Kollaps unserer Zivilisation stehen, den wir uns selber eingebrockt haben? Und wenn das so ist: Warum regt das nur so wenige wirklich auf? Haben wir das Thema gezielt ausgeblendet oder falsch kommuniziert?“ (S. 16)

Regt es tatsächlich nur wenige auf oder haben wir resigniert? Aus dem Gefühl heraus, dass wir selbst doch viel zu klein und unbedeutend sind, um einen Unterschied zu machen? Hat es vielleicht auch, gerade in Deutschland, mit unserer Neigung, wenn wir etwas anpacken, dann aber bitte perfekt – und im Gegensatz dazu der Erkenntnis, dass wir „perfekt“ einfach nicht hinbekommen, zu tun? Das sind Fragen, die mir dazu durch den Kopf gehen.

„Ständig stieß ich auf Probleme, von deren Existenz ich vorher noch nicht einmal wusste, geschweige denn, wie sehr wir gerade auf dem Holzweg sind. Da konnte auch einem Berufskomiker das Lachen vergehen. Aber vielleicht fehlte ja auch gerade der Humor, der Perspektivwechsel, das Um-die-Ecke-Denken, um zu verstehen, wie tief wir in der Tinte sitzen?“ (S. 18)

Hm. Mit Humor geht alles besser. Auch wenn es manchmal Galgenhumor ist. Humor befreit, hoffentlich auch das Denken. Auf jeden Fall kann es helfen, auch bei so schwerer Kost mal herzhaft zu lachen. Danke dafür.

Im ersten Kapitel schreibt Eckart von Hirschhausen von einigen Begegnungen mit Menschen, die sich schon sehr lange mit verschiedenen Facetten von Natur, Naturschutz und deren Problemen auseinandersetzten. Zum Beispiel hat er sich mit Jane Goodall unterhalten, der berühmten Schimpansenforscherin, die im hohen Alter immer noch all ihre Energie aufbringt, um für das zu kämpfen, was sie als wichtig und richtig erkannt hat. Sie stellt die Frage: „Wie kann es sein, dass die intellektuellste Kreatur, die jemals auf diesem Planeten gewandelt ist, dabei ist, ihr eigenes Zuhause zu zerstören?“ (S. 30) Außerdem finde ich in ihren Aussagen wenigstens eine mögliche Antwort auf meine Fragen von oben: „Vielleicht erscheint es als ein kaum spürbarer Unterschied bei jedem Einzelnen, aber es ist ein großer, wenn eine Milliarde Menschen ethisch bessere Entscheidungen treffen.“ (S. 32)

Zoologie ist vielleicht nicht so deine Wissenschaft? Bitte, auch ein Physiker gibt Anregungen. Im Gespräch mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der zum Beispiel Präsident des Wuppertal Instituts war und auch dem Club of Rome verbunden ist. Sein Ansatz ist entsprechend ganzheitlich physikalisch und da zitiert er Herman Daly (langjähriger führender Ökonom bei der Weltbank) : „Alle Religionen und auch ökonomischen Leitgedanken sind in einer leeren Welt entstanden. Die Menschen lebten verstreut, die Ozeane und die Urwälder blieben stets intakt. Der Anspruch >Macht euch die Erde untertan< war gar nicht anstößig, denn die Natur war unermesslich groß und die Menschheit sehr klein. […]“ (S. 35) Das Zitat geht noch weiter und bietet einen spannenden Einblick, aber ich will ja hier nicht nur spoilern…

Einen hab ich noch, denn dieser Gedanke, den Hirschhausen aufwirft, ist uns in den letzten Monaten und insbesondere Wochen schmerzlich bewusst geworden und er ist immens wichtig, damit wir den Hintern hoch bekommen und zu handeln beginnen:

Wenn wir von>globalen Entwicklungen< sprechen, meinen wir immer: irgendwo anders, Hauptsache nicht hier bei uns. Es ist ein großer Sprung für uns, aus unserem Wohnzimmer, über unserern Stamm, unsere >hood<, unser >Veedel<, unseren >Kiez< hinauszudenken. Global ist nicht irgendwo, sondern überall und damit eben auch hier. (S. 43)

So, einige Denkanreize aus dem Beginn des Buches habe ich euch für heute „aufgegeben“. Ich bin inzwischen schon einige Seiten weiter, es geht ans Eingemachte, aber: mit einer guten Prise Humor und vor allem sehr anschaulichen Beispielen, die schwierige Zusammenhänge begreifbar machen.

Ich erspare mir die bibliographischen Angaben an dieser Stelle, schaut einfach hier nach.

Lesetagebuch 2.0

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Sommer adé? Nicht unbedingt, aber nach so viel leichter Lektüre (und dem ersten persönlichen Autorinnenfeedback zu einer Besprechung, ich war ganz geflasht…) muss ich doch mal wieder dem Ernst der Situation auf den Zahn fühlen.

Gestern wurde der aktuelle Bericht des IPCC veröffentlicht, heute ist die Presse – gedruckt, online und via Podcasts – voll davon. Unsere Tageszeitung hat die Weseranrainer-Kommunen befragt, wie deren Pläne für Hochwasser oder Starkregen-Szenarien so aussehen, die Ergebnisse lassen teilweise ratlos zurück. Frust macht sich breit. Innerhalb der Familie, des Bekanntenkreises, gesellschaftlich.

Während die Einen einen Zickzackkurs schlingern, vor drei Wochen nicht wegen eines Wetterereignisses die Politik ändern wollten und heute früh bei Insta schon wieder den starken Klimaschützer heraushängen lassen, werden die nächsten nicht müde, zu betonen, dass das alles aber nur mit Technologie zu machen sei, nicht mit Verhaltensänderung. Eine weitere Fraktion steckt den Kopf in den Sand: Siehst du mich nicht, seh‘ ich dich auch nicht. Und Schuld sind wir Menschen sowieso nicht.

In der Zeit tingelt eine nimmermüde Truppe durch Deutschland und versucht, die Menschen aufzurütteln, dass eben doch noch etwas machbar ist, wenn wir uns alle etwas am Riemen reißen und die ehemals große alte Tante der Parteienlandschaft ist immer noch merkwürdig ausgeblichen unterwegs. Von den Dunkelroten höre ich ziemlich wenig.

Die Splitterparteienlandschaft scheint noch in irgendeinem Koma zu liegen, oder sie sind auf anderen Kanälen aktiv als ich. Wo auch immer. Vielleicht sollte ich „Die Grauen Panther“ oder wie sie jetzt heißen, die ÖDP, die Tierschutzpartei und all die anderen mal auf TikTok suchen😅?

Weil mir das alles mächtig auf den Keks geht, mache ich also wieder ein Lesetagebuch auf. Es ist mir (fast) egal, welcher Partei ihr vertraut, aber ich möchte euch teilhaben lassen an den Inhalten des Buches, denn eines geht 2021 überhaupt nicht mehr: Sich keinen Kopf machen über das, was mit uns passiert. Richtig, mit UNS, denn die Erde kommt auch ohne uns Menschen aus. Nur umgekehrt wird das nix. Und die meisten von uns werden noch leben, wenn die Kipppunkte erreicht sind. Es ist übrigens auch vollkommen Wumpe, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht. Das ändert nicht das Geringste an den Auswirkungen.

Wenn ich an die dystopischen Filme der 1980er und 90er Jahre denke, wie „Mad Max“ 1-3, „Waterworld“ oder „The day after tomorrow“, dann merke ich, dass diese Dystopien nicht so weit hergeholt waren wie man vermutet.

Also, ich lade euch ein, mit mir das Buch „Mensch, Erde“ zu entdecken, und ich lade euch ein, es euch auch selbst zu kaufen. Nicht nur, weil ich Buchhändlerin bin und etwas verkaufen möchte. Sondern auch, weil wir die komplexen Gedankengänge nicht allein entwirrt bekommen. (Ich habe mir das Buch auch gekauft, es gab kein Leseexemplar davon…)

Bibliographische Angaben:

Dr. Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben, dtv, ISBN 978-3-423-28276-5, € 24,- (auch als Hörbuch erhältlich)

Liebe, lavendelblau

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Als ich das Buch vor einer Stunde durchgelesen (man könnte auch „gehechelt“ sagen) hatte, musste ich erstmal eine kleine Runde bügeln, um wieder im profanen Hier und Jetzt anzukommen, so zauberhaft hat mich diese leichte und doch auch irgendwie gehaltvolle Sommergeschichte berührt.

Leicht, weil sie ganz flüssig zu lesen ist und die typischen Provence-Klischees und die Träume von Lavendel, Oliven, ockerfarbener Erde und warmer Sonne auf der Haut bedient. Kostprobe gefällig?

„Zuerst fällt mir ein Tisch mit verschieden eingelegten grünen und schwarzen Oliven auf. Von ihnen möchte ich mir nachher welche abfüllen lassen. Die Düfte, die mich umschweben, sind in ihrer Vielfalt geradezu berauschend. Ich rieche Thymian und Rosmarin, Knoblauch und Käse, und ein Stand mit Salamiwürsten verströmt einen Hauch von Trüffelaroma und Walnuss. Es gibt auch Kleidung und Kosmetik, Seifen in verschiedensten Farb- und Duftrichtungen, einen wunderschönen Blumenstand mit Hortensien. Außerdem Hüte und Tischdecken, die kunstvoll mit Ornamenten und Blütenmotiven bestickt sind. Und ich sehe jede Menge farbenfrohe Basttaschen, von denen ich eine in Knallpink mit Verzierungen in die Höhe hebe. Ich stelle sie zurück. Wie von selbst gleitet meine Hand über ein sommerliches Blumenkleid in provenzalischem Stil. In Hamburg würde kaum jemand so eines tragen, doch hier sehe ich viele Frauen, die sich mit beneidenswert natürlicher Eleganz darin bewegen. Vor einem Spiegel dreht sich gerade eine Französin. Die Händlerin berührt das Kleid und macht ihr irgendein Kompliment. Wie sie darin aufblüht, diese Frau, ich kann den Blick kaum von ihr abwenden und möchte ihr am liebsten zurufen: Kauf es!“ (aus Kapitel 11)

Gehaltvoll, weil die Geschichte auch die schwierigen Passagen einfühlsam erzählt. Eine Trennung ist nicht mal so einfach nebenbei, ebenso wenig, wie man aus einer Urlaubslaune heraus sein bisheriges Leben auf den Kopf stellt, zack – jetzt ist alles anders. Ausnahmen bestätigen die Regel, klar, aber im Allgemeinen setzt man sich mit diesen Dingen auseinander.

„Wenn es dein Wunsch ist – fang damit an, und zwar noch heute!“ Oje, dieser Spruch arbeitet in mir. Eine Binsenweisheit? Vielleicht, aber manchmal braucht man einen Anstupser von außen. Ich habe drei Wünsche (wie von der berühmten Fee…) , aber das Anfangen ist aus unterschiedlichen Gründen eine ganz andere Sache. Meinen Garten endlich so hinzubekommen wie ich es vor meinem inneren Auge habe, ist die letzten eineinhalb Jahre an den blöden Sehnenrissen gescheitert, also immerhin noch im Bereich des Möglichen, wenn ich wieder komplett einsatzfähig bin. Meine kleine Nähmanufaktur etwas mehr zu professionalisieren, ist schon kniffeliger. Dazu muss ich nicht nur Herrin meiner Arme sein, sondern ich brauche auch mehr Zeit dazu, denn immer zwischendurch wieder aufhören, weil das Telefon klingelt und irgendjemand meine Hilfe braucht, ist nervig. Und einen Roman zu schreiben, dafür würde ich mich am liebsten erstmal zwei Wochen irgendwo einigeln und komplett aus dem Verkehr ziehen. Eine Idee schlummert im Hinterkopf, aber die Ruhe fehlt, sie ordentlich auszuarbeiten. Also bleibt es für den Moment beim fragmentarischen Bloggen und dem Rezensieren von anderen Büchern…

Genug geschwafelt, zurück zum aktuellen Exemplar. Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen, ich habe nicht einmal ein ganzes Wochenende gebraucht, um sie durchzulesen. Hatte Kopfkino von provenzalischen Wochenmärkten inklusive Dufthalluzinationen, ich konnte mir das unglaublich türkisblaue Wasser des Lac de Sainte-Croix bildlich vorstellen, obwohl ich bisher nur aus Reiseführern von seiner Existenz wusste, ich verspürte die deutliche Sehnsucht, wieder einmal nach Südfrankreich zu fahren. Auch wenn es nur für einen Urlaub wäre.

Dazu kommt, dass der Roman eine einfühlsame und manchmal fast poetische Sprache hat, die Stimmungen leise und eindrücklich wiedergibt. Es hat mir einfach sehr viel Spaß gemacht, Sarahs Geschichte zu lesen. Daumen hoch!

Bibliographische Angaben:

Hannah Juli: Liebe, lavendelblau; Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06440-6, € 10,99

Krimi-Urlaub in Frankreich

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Früher waren es lange Zeit die englischen Krimis, die mich begeisterten, zwischendurch machte ich den unvermeidlichen kriminalistischen Ausflug nach Venedig. Die winterlangen skandinavischen Abgründe des Menschlichen konnten mich nie so richtig überzeugen, die sind mir meist zu düster. Und nach langer Abstinenz von allem, was mit Mord und Totschlag zu tun hatte, zog mich Frankreich an. Zunächst das Perigord, dann die Bretagne und seit einigen Monaten mache ich jetzt mit Commissaire Duval die Côte d’Azur unsicher.

Auf die Bücher gestoßen bin ich über einen Umweg, denn zunächst hatte ich von der Autorin etwas ganz anderes gelesen und bin dabei auch auf ihre Krimis neugierig geworden. Diese spielen in Cannes, wo Christine Cazon auch wohnt. Die Stadt kannte ich bisher nur von den Filmfestspielen, nun lerne ich sie auch von einer ganz anderen, weniger glitzernden Seite kennen, aber gleich der erste Fall für den Commissaire findet immerhin im Dunstkreis des Festivals statt.

Außer dem Lokalkolorit (Ähm, ich habe da eine ganz neue Eigenart entwickelt, ich schaue mir die Orte per Google Earth von oben an. Gilt das schon als neurotisch oder ist das noch ein Spleen?) gefällt mir die Person des Commissaires, er ist ein ziemlich normaler Mensch für einen Krimiprotagonisten. Klar, er trägt seine kleinen Baustellen mit sich herum, aber alles im Rahmen. Und sie nehmen nicht zu viel Raum ein in der Handlung.

Bemerkenswert finde ich es, dass in französischen Krimis das Zelebrieren der Mittagspause mit qualitativ unterschiedlichem Essen, einem Vin du table und dem Kaffee danach mindestens genauso wichtig ist wie die Lösung des Falles. Man muss Prioritäten setzen und es ist ja auch ganz logisch, dass der Verstand nur dann gut arbeiten kann, wenn der Körper ordentlich gefüttert wurde.

Im Laufe der letzten Wochen habe ich mich also durch die ersten drei Duval-Bände gelesen und dabei etwas über die südfranzösische Mentalität gelernt, erfahren, dass Cannes eher eine kleinere Stadt ist (Irgendwie hatte ich immer die gesamte Stadt für so glamourös gehalten wie das Festival. Denkste!) und auch über die Probleme, die Menschen in Südfrankreich beschäftigen. Denn die Konflikte, die auftreten, wenn großer Reichtum auf bittere Armut trifft, konservatives Hinterwäldlertum auf liberale Weltoffenheit und europäische auf nordafrikanische Mentalität, sie werden immer mal wieder ganz beiläufig thematisiert.

Die drei Bücher, die ich bisher kenne, haben mich auf mehr neugierig gemacht und auch mal wieder das Fernweh angeheizt. Ist lange her, dass wir zuletzt in Südfrankreich waren. Die kleinen Dörfer, wilden Bergbäche, die Märkte mit den vielen Düften, Geschmäckern und der Farbexplosion, das würde mich schon mal wieder reizen…

Christine Cazon: Mörderische Côte d’Azur (ISBN 978-3-462-04642-7, €11,-), Intrigen an der Côte d’Azur (ISBN 978-3-462-04751-6, € 9,99), Stürmische Côte d’Azur (ISBN 978-3-462-04883-4, € 9,99), alle Kiepenheuer & Witsch