Guten Morgen Winterzeit

Es war eine unruhige Nacht. Erst beschlagnahmten zwei Berufsjugendliche (deren pubertäre Phase eigentlich vor rund zehn Jahren abgeschlossen sein sollte) das Grillhäuschen an der Hafenpromenade und hörten lautstark Gangsta-Rap.

Dann fanden die zahlreichen Möwen nicht zur Ruhe. Schlafen die eigentlich auch mal oder machen die immer nur Krach?

Nachts hielt mich ein immer wiederkehrenden, wummerndes Hintergrundgeräusch wach, es hörte sich an, als ob vor dem Hafen ein Motorboot hin- und herfuhr. Und die Kirchenglocken der Stadtkirche hörte ich auch fast jede Stunde.

Ganz davon abgesehen macht sich jedes Gelenk und jede Sehne in meinem Körper schmerzhaft bemerkbar. Vor allem die Schulter. Dabei sind wir gestern nur ein ganz kleines bisschen gesegelt, bei moderatem Wind, einmal unter der Fehmarnsundbrücke hindurch und ein Stückchen weiter, dann auf Gegenkurs zurück.

Sowohl morgens im Ort als auch unterwegs hab ich viele Fotos gemacht, die ich später noch hochladen werde. Hier lauert an jeder Ecke und zu jeder Zeit und jedem Wetter mehr als ein Motiv. Wunderschön.

Aber jetzt erstmal ein Kaffee, der ist inzwischen fertig. Und dann Brötchen holen. Einen ausgeschlafenen Sonntag euch allen!

Das Haus am Deich

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Inspiriert wurde Regine Kölpin von der eigenen Familiengeschichte, herausgekommen ist eine Erzählung, die sich über drei Romane erstreckt. Dieser ist der erste davon.

Aus Stettin mussten die Familien von Frida und Erna fliehen. Was sich nach einer gemeinsamen Erfahrung anhört, könnte verschiedener nicht sein. Denn Frida ist die musisch sehr begabte Tochter eines Fischers, die nur aufgrund ihres außergewöhnlichen Talents das Konservatorium besuchen durfte. Während die musikalische Ausbildung von Erna eher dem Standesdünkel ihrer adligen Eltern als einer Begabung zu verdanken war. Die beiden Mädchen und ihre Familien lernten sich so kennen, und während die Erwachsenen auf ihren Platz in der Gesellschaft bedacht waren, begann eine innige Freundschaft der jungen Frauen, die zwischen Flucht und ungewisser Zukunft auch noch ihr Erwachsenwerden meistern mussten.

Beide Familien verschlug es auf unterschiedlichen Wegen an die Nordsee, in die Gegend von Butjadingen. Die einen als Gelegenheitsarbeiter in einen winzigen Küstenort, die anderen aufgrund von (nicht ganz astreinen) Beziehungen in eine verlassene Villa in Varel. Der Vater von Frida besaß den Stolz der kleinen und rechtschaffenen Leute und mühte sich um einen Neuanfang aus eigener Kraft; der von Erna dagegen, der in der NS-Zeit gute Kontakte zu den führenden Leuten besaß, schaffte es aufgrund der auch nach dem Krieg noch aktiven Netzwerke, wirtschaftlich und gesellschaftlich auf die Füße zu kommen.

Im Vordergrund steht aber die Freundschaft der Mädchen, die trotz aller Widrigkeiten fester als je zuvor hält und den beiden auch die notwendige Kraft gibt, ihre Schicksale anzunehmen und nach vorne zu sehen.

Ursprünglich hatte ich nur vor, das Buch quer zu lesen, denn es ist nicht der erste Roman in diesem Jahr, der sich mit der Thematik beschäftigt. Aber es ist einfach wunderschön geschrieben und die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen. Die Aufarbeitung der Nachkriegszeit ist eindeutig ein Trendthema, möglicherweise hat uns die ausgangsbeschränkte Coronapandemie zum Nachdenken gebracht, wir hatten mehr Muße, uns damit auseinanderzusetzen, fühlten uns vielleicht auch ähnlich wie unsere Eltern damals in einer Situation ohne Ausweg gefangen. Wir wollten wissen, wie man solche Zeiten meistern kann, und es fiel uns auf, wie wenig wir doch im Grunde darüber wussten. Weil unsere Eltern teilweise relativ wenig konkretes erzählten. Weil „meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich“ ihr Mantra war, um ihre eigenen Traumata zu bewältigen. Jedenfalls geht es mir so.

Es gibt Episoden aus meiner Familiengeschichte, die ich recht gut kenne, aber auch solche, wo ich mir erst in den letzten Jahren Fragen stelle, wie sich meine Eltern damals verhielten und positionierten. Ich muss dazu sagen, dass ich ein spätes Kind „alter Eltern“ war, mein Vater war noch als junger Mann Soldat an der Ostfront, meine Mutter musste zwangsweise zum BdM, obwohl (oder gerade weil) ihr Vater überzeugter Gewerkschafter und SPD-Mitglied war. Da meine Eltern beide nicht mehr leben und auch meine Tanten und Onkel alle verstorben sind, werde ich meine Fragen nicht mehr beantwortet bekommen. Umso berührender fand ich die Geschichte, die Regine Kölpin auf der Grundlage der eigenen Familienvergangenheit geflochten hat.

Ich werde in jedem Fall auch die beiden Folgebände lesen.

Bibliographische Angaben: Regine Kölpin, Das Haus am Deich – Fremde Ufer, Piper Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-492-31736-8, € 11,-

Barbara stirbt nicht

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War es der kryptische Titel des Buches, die quietschgelbe Farbe, die Illustration mit Kaffeekanne und Porzellanfilter einer international bekannten Firma aus meiner Heimatstadt Minden oder die sehr gelungene Kombination aus allen dreien, die mich neugierig gemacht hat? Die mich heute Mittag bewogen hat, das Leseexemplar herunterzuladen und dann auch komplett heute noch „einzuatmen“? Ich weiß es nicht und eigentlich ist es auch vollkommen egal, aber eins ist klar:

Wenn man Spaß hat an skurrilen Geschichten und Familienkonstellationen, wenn man Szenen wie einst von Loriot mag und einen lakonischen, eher sachlich-distanzierten Erzählstil, dann ist man mit diesem Buch von Alina Bronsky bestens bedient. Beim Lesen marschierten mir tatsächlich bruchstückhaft immer mal wieder Personen und Orte (typische 60er Jahre Siedlungshäuser mit Möbeln im Gelsenkirchener Barock, Gobelinvorhängen und runden Buntglasfenstern neben der Eingangstür) durchs Hirn, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kannte und die in den letzten Jahren alt geworden waren. Menschen, die das Rollenbild tatsächlich noch gelebt haben, das die Autorin hier genüsslich und mit der Faszination des leichten Grauens ausbreitet.

Was am Anfang noch an Loriot und Evelyn Hamann denken lässt, entwickelt sich zum Psychogramm einer „normalen“ Familie, in der mit spießbürgerlicher Gründlichkeit alles unter den Teppich gekehrt wurde, was eben nicht normal war. Und da entwickelt sich im Lauf der Geschichte so einiges: vom Trauma der Nachkriegsidentität mit Migrationshintergrund aus den Ostgebieten, dem behinderten Sohn, der im Heim ein tristes Leben führt, vor allem vom gestrengen Vater lange verleugnet; vom zweiten Sohn, der eine „Exotin“ geheiratet hatte, deren Namen anscheinend unaussprechlich war; von der Tochter, die mit ihrer „besten Freundin“ zusammenlebt. Und von dem traurigen Alltag eines Ehepaares, das in (vor allem für den Mann) perfekter Aufgabenteilung jahrzehntelang nebeneinander her lebt.

Obwohl es mich beim Lesen immer mal wieder etwas wohlig gegruselt hat vor lauter Vorspiegelung falscher Tatsachen und verdrehtem Spießbürgertum, hatte ich aber auch eine voyeuristische Freude daran, bei der Enthüllung aller Baustellen von außen zu beobachten und zu lauschen:

Ich habe es genossen!

Bibliographische Angaben: Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00072-6, € 20,-

Die Macht des Algorithmus

„Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“
( Quelle: https://gutezitate.com/zitat/134013)

Es war Juni 2013, als Angela Merkel diesen Satz sagte und einen der ersten Shitstorms dafür bekam. Ich muss gestehen, dass ich damals auch so ein bisschen gelästert habe. Wie weise dieser Satz aber eigentlich war, das erkannte ich zu der Zeit nicht. Acht Jahre später, zwei amerikanische Präsidenten weiter und etliche Krisen abgearbeiteter sieht die Sache etwas anders aus. Denn es ist auch klar geworden, dass Frau Merkel nicht die Generation von Digital Natives der Geburtsjahre diesseits der 2000 meinte, sondern uns, die sogenannten „Boomer“. Die letzte Generation, die noch komplett analog aufgewachsen ist, für die es noch drei Fernsehprogramme gab, einen Sendeschluss und die noch den Wandel vom Schwarzweiß- zum Farbfernseher als eine der größten Innovationen der Medienlandschaft erlebten. Die mit Algorithmen allenfalls im Matheunterricht der Oberstufe in Berührung kamen.

Ich kenne Tinder nur vom Hörensagen und benötigte zum Glück auch niemals Parship und Konsorten. Bin weder bei Linked-in eingehakt noch habe ich ein Xing-Profil. Der erhobene Daumen des Herrn Zuckerberg macht mir fast überhaupt keinen Spaß mehr, ich zwitschere auch nicht selbst, sondern schaue mir nur die abendlichen Zusammenfassungen auf dem Instant-Kanal an.

Auf letzterem poste ich relativ sparsam, Fotos von Ausflügen, so wie gestern, ab und zu einen Teaser für meine Buchtipps hier auf dem Blog oder Nähprojekte. Dort suche ich auch: Ernährungstipps, die favorisierten Bücher meiner BuchhändlerkollegInnen, Nachrichtenhäppchen, die Appetit auf „richtige“ Nachrichtensendungen machen. Ein bisschen Naturwissenschaft und ein wenig Spiritualiät würzen das Ganze. So richtig aktiv bin ich nur im Bloggerversum von WordPress, aber auch hier bin ich wählerisch. Die Grenze ziehe ich nicht so sehr thematisch oder danach, ob meine politische/religiöse/gesellschaftliche Meinung bestätigt wird, sondern nach dem Umgangston, der Würdigung des Mitbloggers oder meiner Neugier. Was aber ein absolutes No-Go für mich ist, ist justiziabler Inhalt, eine insgesamt menschenfeindliche Haltung oder das Bashing bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Da steige ich aus und überlege dann auch schon mal, ob ich es einfach so hinnehmen will, dass solche Dinge im Netz bleiben.

Im Ton immer so bleiben, als ob mir der Mensch mit der konträren Haltung persönlich gegenübersteht, das versuche ich zu praktizieren und den Grundsatz der Debatte zu bewahren, dass immer auch die reale Möglichkeit besteht, dass mein Gegenüber Recht hat und ich im Unrecht bin. Oder dass es Facetten gibt, die ich nicht kenne, dass es unendlich viele Grautöne gibt zwischen Schwarz und Weiß, dass Menschen unterschiedliche Lebenserfahrungen und Voraussetzungen mitbringen.

Eine interessante Folge der Show von Katrin Bauerfeind beschäftigt sich mit dem immer rauheren Umgangston „im Internet“ und was ich noch wichtiger finde: sie geht darauf ein, warum „googel doch mal selbst“ bei unterschiedlichen Menschen nicht zu demselben Ergebnis führt. Denn das ist einfach eines der Hauptprobleme: das fehlende Bewusstsein dafür, dass mein persönliches Internet aufgrund meiner Erfahrung, meiner Vorlieben und meiner Neugier ganz anders aussieht als das der allermeisten anderen Menschen. Schau mal rein, und auch wenn du vielleicht ganz anderer Meinung bist, es lohnt sich, über die Punkte der drei Personen in der Show nachzudenken!

https://www.ardmediathek.de/video/bauerfeind-die-show-zur-frau/auge-um-auge-hass-im-netz-s03-e02/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTdmNzdkNDhjLTVjMzItNGFmYi1hMDE4LWE5MTU3NDNhMjFmNQ/

Sonntagvormittagherbstausflug

Die jüngste Tochter ist mit Papa unterwegs, auf einem zwei-Väter-zwei-Töchter-Segelwochenende an der Ostsee. Und beim Sonntagsfrühstück scheint die Sonne aus allen Knopflöchern. Grund genug für eine Planänderung meinerseits: Die Nähmaschine steht auch nachher noch an ihrem Platz, außerdem möchte sie sowieso gern gereinigt werden, ehe ich weiternähe.

Also wird die mittlere Tochter kurzerhand angefragt, ob sie auch Lust auf Meer hat. Auf Steinhuder Meer. Hat sie. Und so machen wir uns um 9 Uhr auf nach Steinhude. Das Timing ist super, denn um kurz vor 10, als wir dort ankommen, ist noch viel Seepromenade sichtbar und wenig Leute. Perfekt. So kann ich einigermaßen in Ruhe fotografieren, ohne dass mir ständig jemand durchs Bild läuft!

Die Farben an diesem Tag sind einfach genial. Egal, ob eher kaltes Blau oder die warmen Farbtöne der Bäume, so klar sind sie selten. Ich kann mich gar nicht sattsehen.

Meiner Meinung nach die besten Fischbrötchen von Steinhude. Auf jeden Fall findet jeder in unserer Familie hier die passende Sorte😋

Zwischendurch haben wir in einer Eisdiele Tee mit Pflaumen-Zimt-Geschmack getrunken, um uns etwas aufzuwärmen, dann schlenderten wir zurück zum Parkplatz. Obwohl sich auf dem Rückweg ganz andere Perspektiven ergaben, habe ich nur noch zwei Fotos gemacht, weil inzwischen anscheinend halb Hannover einen Sonntagsausflug in Steinhude veranstaltete…

Auf dem Rückweg nach Hause hielten wir in Loccum an, um noch einen Besuch in der Klosterkirche und im Garten des Klosters abzustatten. Es lohnt sich, auch, wenn in den Außenbereichen noch Restbauarbeiten erledigt werden. In der Kirche habe ich nicht fotografiert, obwohl allein die tolle Orgel ein gutes Motiv gewesen wäre. Aber die hört man vermutlich sowieso sinnvoller, statt sie nur zu sehen.

In dem ehemaligen Zisterzienserkloster ist die evangelische Akademie und das Priesterseminar der hannoverschen Landeskirche untergebracht. Und die Pilger auf dem Pilgerweg Loccum-Volkenroda können hier auch übernachten. Wenn man aus dem Wald auf der Rückseite des Klosters wieder in den Klosterhof zurückgeht, merkt man auch überhaupt nicht, dass man im Hier und Jetzt ist, man könnte genauso gut zweihundert Jahre zurückversetzt sein…

Langsam wurde es Mittagszeit, unsere Mägen knurrten und die Fischbrötchen im Auto riefen ihnen eine verlockende Antwort zu, also beendeten wir unseren Rundgang am Eingangstor des Klosters und fuhren zurück nach Hause.

Ob das so eine Art Pförtnerwohnung ist? Auf jeden Fall wunderschön!

Nun bin ich mal gespannt, wie der Beitrag dann „in echt“ aussehen wird, der Editor und ich waren uns heute nicht sehr einig und auch die Vorschaufunktion hat seit ein paar Tagen eine eindeutig andere Vorstellung davon, was sie zu leisten hat. Manchmal finde ich Änderungen im System einfach ätzend.

Die Nähmaschine ist übrigens wieder einsatzbereit und durfte das auch schon unter Beweis stellen. Gleich geht es also am neuesten Projekt weiter, in ein paar Tagen werde ich unter der Rubrik „Northern Star by Annuschka“ den Werdegang und das Ergebnis vorstellen.

Biedermeier – Annuschkapedia

Eine neue Etüdenrunde. Herausfordernd empfinde ich die Wortspende von Puzzleblume. Zur Einladung bei Christiane geht es übrigens hier.

Oje, dachte ich zunächst. Einen Biedermeier-Sekretär hat vielleicht ja noch so mancher von uns im Wohnzimmer oder zumindest auf dem Dachboden stehen, aber wie ich den mit niederträchtigem flöten in Verbindung setzen sollte, das entzog sich meiner Kenntnis. Bis mir heute der Zettel wieder ins Auge fiel, den ich auf meinem Schreibtisch vor den Monitor gelegt hatte, um immer wieder an diese drei Worte erinnert zu werden. Was weiß ich eigentlich so wirklich über diese Epoche, außer dass ich das Bild vom armen Poeten (Spitzweg) natürlich gut kenne, denn aus irgendeinem Grund bekommen Buchhändler das immer mal wieder vor die Nase gesetzt. (Ja gut, wir verdienen uns im Allgemeinen nicht so dumm und dusselig wie Herr Bezos, aber wenn man nicht zum Mond fliegen will, was soll’s, es regnet doch bei den meisten von uns nicht durch.)

Also sichtete ich erstmal den Wikipedia-Eintrag, der mir als Quelle für meinen nicht ganz ernst gemeinten Lexikon-Eintrag dient:

„Die Zeit des Biedermeier ist eine Epoche, die es nur in Deutschland, Österreich und Skandinavien gibt. Sie wird heute, ich weiß nicht recht, ist es eher niederträchtig oder nur folgerichtig, abschätzig als eine spießbürgerliche und kleinliche Zeit angesehen.

Ein Ursprung der Bezeichnung der Epoche dürfte in diesem Gedicht von Ludwig Pfau liegen:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

Die letzte Zeile inspiriert mich kurz zu der Frage: Gibt es in Teilen unserer Gesellschaft vielleicht eine Biedermeier-Renaissance-Bewegung? Ein Schelm, wer böses dabei denkt…

Zum politischen Hintergrund: Die Völkerschlacht bei Leipzig und die Schlacht von Waterloo waren zu dem sprichwörtlich letzteren von Kaiser Napoleon geworden. Die konservativen Kräfte Europas, namentlich Franz I. von Österreich, der russische Zar Alexander I. sowie der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. wünschten sich eine Restauration. Klar, dass diese drei sich Zustände wie vor der französischen Revolution wünschten. Den Ausspruch ihres Zeitgenossen Sören Kierkegaard „Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“ kannten sie offensichtlich nicht, es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass der dänische Philosoph diesen Ausspruch noch nicht im zarten Kindesalter getätigt hatte.

Wie dem auch sei: Hoch lebte die Gemütlichkeit des heimischen Herdes, auch die Hausmusik. Wie viele Kinder mussten wohl ein Instrument erlernen, um abendlich zu flöten und damit die gestrengen Eltern zu erfreuen? Kinder und Mütter haben sich ganz bestimmt entspannt zurückgelehnt, wenn der Patriarch des Hauses zum Stammtisch ging, der ebenfalls in dieser Zeitspanne seinen Anfang nahm.  Und auch das ist eine Parallele zu bestimmten Milieus heute: Die Frau war die Herrin am Herd, der Mann hatte außerhalb des Hauses das Sagen.

Positiv: Kindererziehung wurde wichtig, es gab die ersten Spielzeugfabriken, Kindermode, Kinderliteratur und der Pädagoge Fröbel gründete den ersten Kindergarten.“

300 Wörter. Puh!

Reblog eines wichtigen Anliegens

Vom chronischen Fatigue Syndrom hatte ich schon gehört, da ich mich im Umfeld der Autoimmunerkrankungen Rheuma und MS mit dem anfallsartigen Auftreten von Müdigkeit beschäftigt hatte. Aber ganz ehrlich: so richtig die Folgen durchdrungen hatte ich nicht.

Als ich heute früh auf dem Umweg über Christiane diesen Blog entdeckt habe, ging mir einmal mehr durch den Kopf, dass unser Gesundheitssystem zwar grundsätzlich ein sehr ordentliches ist, aber es doch Bereiche gibt, wo die zunehmend ökonomische Orientierung dazu führt, dass menschliche Schicksale hintenüber fallen. (Wie gesagt, ich möchte mit mancher Erkrankung auch nicht in den USA oder in GB leben, da fällt vermutlich noch viel mehr hinten runter als bei uns.)

Trotzdem sei die Frage hier einmal mehr gestellt: Ist das hohe Gut Gesundheit etwas, worüber im äußersten Fall Aktionäre von Gesundheitskonzernen oder Pharmazieimperien entscheiden sollen? Bitte nicht falsch verstehen, auskömmliches Arbeiten und Forschen muss sein. Wenn etwas Gewinn dabei herausspringt, um ihn dann zu reinvestieren, auch sinnvoll. Aber diesen ganzen Bereich als eine Hochleistungskuh zu betrachten, die immer mehr gemolken werden kann, ist ganz sicher ein Irrweg. Nur mal so zum Nachdenken…

Der Lack ist ab…

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…die Erfahrung machen ja wir alle irgendwann. Die einen früher, die anderen später (oder vielleicht auch nur durch Sachzwänge?), und ganz ehrlich, es ist doch schon mal beruhigend, dass auch männliche Schauspieler nicht frei sind von den entstehenden Herausforderungen (Probleme klingt von vornherein so negativ). Denn landläufig sagt man doch immer, dass es für Männer jenseits der 40 wesentlich einfacher ist, an gute Rollen zu kommen als für gleichaltrige Frauen, unter anderem weil Männer mit grauen Schläfen distinguiert wirken, Frauen dagegen nicht mehr taufrisch sind, sondern verbraucht (Mir ging als erstes „abgewirtschaftet“ durch den Kopf. Ist das nicht furchtbar, wie sehr man sich doch an Klischees orientiert, sogar wenn man alterstechnisch zur Zielgruppe von Ratgebern gehört? Und sich selbst auch natürlich ganz anders sieht?)

Wie ich in einem früheren Beitrag schon erwähnte, ist das Buch in erster Linie ein Ratgeber für Männer, die sich in diesem gefährlichen Alter (eine Nachbarin nennt es „zweite Pubertät“, ich finde, das trifft es bei so manchem ganz gut) befinden. Je nachdem, wie gut man so jemanden kennt und wie weit man sich auf vermintes Gebiet vorwagen mag oder darf, kann es also durchaus mal abends auf dem Sofatisch liegen oder zu einem passenden Geburtstag verschenkt werden😉. Übrigens war ich, als ich schrieb, ich sei mir nicht sicher, ob ich das alles wissen wolle, was er beschreibt, bei dem Themenkomplex „Hämorrhoiden, Prostata und Darmspiegelung“. Da reichen mir doch eindeutig die frauenspezifischen Problemchen.

Im weiteren Verlauf des Buches geht es aber auch um alltägliche Vergesslichkeit (nein, nicht jedes tüddelig sein ist gleich ein Vorbote von Demenz, puh), um die Perspektive der eigenen Endlichkeit, die sinnlosen Vergleiche mit anderen, die wir offenbar krankhaft verinnerlicht haben (Und wozu die sozialen Medien Vorschub leisten, denn wer stellt schon Selfies bei Instagram ein, wenn er einen Hexenschuss hat oder eine Trigeminus-Neuralgie?) In diesem Zusammenhang fühlte ich mich so richtig heimelig bei dem Kapitel über Klassentreffen.

Mein Fazit: Ja, in erster Linie ein Männerbuch. Es hat mich als Frau aber auch nicht umgebracht, sondern an manchen Stellen amüsiert und an anderen zum Nachdenken gebracht. Nicht alles ist neu, was Kai Wiesinger schreibt, aber so manches gehört in die Kategorie „das muss mir immer mal wieder jemand sagen, damit ich es verinnerliche“. Klar, die eine oder andere Stereotype über das Verhältnis von Männern und Frauen oder über angeblich typische weibliche Verhaltensweisen fehlt auch nicht, aber wenn sich die Herren der Schöpfung dann besser fühlen, geschenkt. Ach so, wichtig ist vielleicht noch folgende Info: Da Herr Wiesinger Schauspieler ist, nicht Arzt, Psychologe oder was auch immer, hat er zu den einschlägigen Themen nicht in die Gegend phantasiert, sondern sich bei entsprechenden Fachleuten über die Hintergründe informiert. So etwas sollte normal sein, aber wir alle wissen, dass man es in der heutigen Zeit besser mal explizit erwähnt😉.

Bibliographische Angaben: Kai Wiesinger, Der Lack ist ab, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70677-8, € 11,-

Zettelwirtschaft

Es ist Montag, noch relativ früh am Arbeitstag und ich habe schon einiges erledigt. Die Woche ist jung und der Schwung noch frisch.

Kalle hat in aller Herrgottsfrühe einen Igel entdeckt, der über Nacht offenbar ein kuscheliges Plätzchen suchte – unter dem Tomatenkübel, den ich auf Ziegeln aufgebockt an der Hauswand stehen habe. Ob die halbreifen Tomaten, die noch an der kraftlosen Pflanze bis auf den Boden hingen, ihn dorthin gelockt haben, weiß ich nicht. Was ich jetzt aber sicher weiß: Heute oder morgen kommt das Tomatengestrüpp weg, da reift jetzt auch nichts mehr. Endgültig für dieses Jahr. Es war schwierig, den Hund vom Igel wegzubekommen, vielleicht hätte ich ihn auch einfach die pieksige Erfahrung machen lassen sollen, aber ich hatte einfach Mitleid mit dem kleinen Stachelball, der versuchte, noch tiefer unter den Kübel zu schlüpfen. Glücklicherweise hat er sich nicht „festgefahren“, eine Stunde später schaute ich ohne Hund noch einmal nach, da hatte er das Weite gesucht.

Ich habe bereits Wäsche zusammengelegt, an einem digitalen Leseexemplar von Kai Wiesingers „Der Lack ist ab“ weitergelesen (Mädels, es ist echt ein Männerratgeber für die Midlifecrisis. Ich werde später noch darüber berichten, bin mir aber schon jetzt nicht sicher, ob ich wirklich all das erfahren möchte, was er über die sensible männliche Befindlichkeit offenbart…)

Sogar zwei Rechnungen habe ich schon geschrieben und die private Haushaltsbuchführung der letzten Woche erledigt. Für letzteres kann ich mir breit grinsend selbst auf die Schulter klopfen (aber nicht zu doll, weil „Aua“), denn oft sitze ich am Monatsende vor einem Berg Supermarkt- und Baumarktquittungen und ächze beim entknittern… (Jaaa, Leute, ich bin ein bekennender Freak, ich führe seit über einem Jahrzehnt Haushaltsbuch und ich liebe es🙈, nicht so sehr, weil wir dann weniger ausgeben, sondern auch weil ich spätestens am Ende eines jeden Monats absehen kann, über welche Anschaffung wir uns übernächstes Jahr ärgern werden! Etwas regulierende Wirkung hat es aber auf jeden Fall.)

Aber jetzt, nach montäglichen viereinhalb Stunden zufriedenen Vor-mich-hin-werkelns, bekommt mein Tag den ersten Riss. Und das liegt mal wieder an dem unsäglichen Zettelkram, den man in viel zu vielen Supermärkten seit ein paar Jahren zusammen mit dem Kassenbon ausgehändigt bekommt: Je nachdem, was ich eingekauft habe, bekomme ich wahlweise Rabattcoupons für Fleisch oder Käse an der Frischtheke, gültig bis xx.yy.zzzz (wenn ich für mindestens 5 Euronen solches einkaufe), Vergünstigungen bei Damenbinden, Zahnpasta oder Weichspüler (das wundert mich dann doch immer, denn ich kaufe aus Prinzip nie Weichspüler, immer nur Waschpulver). Daran ärgert mich nicht nur der allgegenwärtige Algorithmus, der bereits beim Scannen der Ware auswertet, was ich denn so zu bezahlen habe, womit man mich beim nächsten Einkauf ködern könne, sondern auch die vollkommen unnötige Papierverschwendung.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich aus Millionen Einkäufern die Einzige bin, die diese Bons oft nicht einmal genauer ansieht, ehe das Gültigkeitsdatum abgelaufen ist. Ja, ich weiß, Marketingstrategien und so. Hab ich auch mal gelernt, aber es geht mir zunehmend so was von auf den Keks! Wir lernen diesen Herbst, dass das Vorhandensein von ausreichendem Druckpapier für Tageszeitungen und ganze Buchproduktionen (nicht nur für die Aspiranten der Bestsellerliste, sondern unter anderem auch Schulbücher!) keine Selbstverständlichkeit ist. Aber für alle möglichen Werbemaßnahmen, seien es nun diese oberüberflüssigen Coupons an der Supermarktkasse oder den gefühlt 25. Küchenmöbelprospekt (zur Abwechslung auch mal megabreite Sofas oder Boxspringbetten) gilt das anscheinend nicht. Es nervt. Und es ist alles andere als nachhaltig.

Hm, jetzt habe ich mich in dieses Thema dermaßen tief reinmanövriert, dass ich nicht in die Schlusskurve komme, die aber laut meinem ehemaligen Deutschlehrer Herr Schnickmann unumgänglich für den versöhnlichen Abschluss einer Abhandlung ist. Vielleicht funktioniert es so:

Ebenfalls nervt es, dass das zarte Pflänzchen Koalitionsverhandlung schon vor seinem Aufkeimen wahlweise kaputtgeredet oder in den Himmel gehypt wird. Leute, ich habe nur eine Bitte: Piano! Lasst die drei Parteien doch erstmal so richtig ins Schaffen kommen. Bisher war es nur das Vorgeplänkel, die echte Arbeit beginnt doch erst noch. Und dann lasst sie zeigen, was sie können oder auch nicht. Alles ist besser als Stillstand, aber irgendwie echt deutsch: Alles soll sich ändern, aber dabei bleiben, wie es ist.

In diesem Sinn, eine schöne Woche und lasst euch am Donnerstag nicht wegpusten.

Wenn das Wasser kommt

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Den Zusatz „Ein Essay“ hatte ich doch glatt überlesen, als ich mir das Leseexemplar bei Netgalley runterlud. Aber so kam es, dass ich in einem Rutsch beim Warten auf die abendlichen Nachrichten das gesamte Büchlein durchlesen konnte.

Kann nicht. Darf nicht. Geht nicht.

So charakterisiert Rutger Bregman seine niederländische Heimat und ihre Menschen. Und diese Aussagen tragen sie so lange vor sich her, bis eine Katastrophe eintritt. Ab dann sind die Niederländer allerdings in der Lage, das Unmögliche möglich zu machen. Spätestens seit 1953 gäbe es sonst große Teile der Niederlande nicht mehr. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass dieser Essay 2020 geschrieben, für die deutsche Ausgabe aber um einige spezifisch deutsche Informationen durch Susanne Götze erweitert wurde.

Jedenfalls, ausgehend von der großen Flutkatastrophe 1953 in den Niederlanden und der neun Jahre später Hamburg verwüstenden Sturmflut breitet Bregman seine These aus, dass die Menschheit erstens ziemlich geschichtsvergessen ist und zweitens, dass immer die Neigung da ist, zu sagen „Wird schon nicht so schlimm kommen“. Bemerkenswert, denn eigentlich steht diese Haltung ja im krassen Gegensatz zur typischen „German Angst“.

Die surreale Absurdität liest sich dann beispielsweise so:
„Noch schlimmer trifft es die Ostfriesischen Inseln, deren Untergrund aus Sand besteht. Sie liegen ungeschützt gegen jede Sturmflut vor der Nordseeküste und ragen nur wenig über den Meeresspiegel hinaus. Viele dieser Inseln haben Schutzdünen aus Sand, auf denen sogar teilweise Häuser stehen. Bei einem Meeresspiegelanstieg ab einem Meter und einer Zunahme von Sturmfluten sind sie stark gefährdet, Hotels und Ferienhäuser erste Opfer der Fluten. Aus diesem Grund verklagte eine Familie von der Nordseeinsel Langeoog die Europäische Union auf schärfere Klimaziele – und scheiterte 2021 am Europäischen Gerichtshof.[41]Was manche Bewohner schon heute nicht mehr schlafen lässt, ist dem Immobilienmarkt offenbar komplett egal: Ein Grundstück auf Langeoog in der Nähe zum Strand kostet spektakuläre 7200 Euro pro Quadratmeter. Eine geeignete Versicherung, die künftige Schäden mit abdeckt, bietet allerdings niemand mehr an. (6. Kapitel)

Wie bitter muss es für die Journalistin Susanne Götze gewesen sein, ihr Nachwort mit diesen Worten zu beginnen:
„Kaum hatte ich den Stift für die Erweiterung des Textes von Rutger Bregman beiseitegelegt, da passierte es. Das Wasser kam. Noch hatte ich den Satz von Michael Kleyer aus Oldenburg im Ohr: «Natürlich gibt es unwahrscheinliche Konstellationen. […] Aber wir wissen, dass diese Extremwetter durch den Klimawandel zunehmen. Wir können das ernst nehmen – oder wie bei den großen Fluten Mitte des Jahrhunderts hoffen, dass alles nicht so schlimm kommt. »Es war unheimlich, fast surreal, dass dieser Essay so schnell von den Ereignissen überholt wurde. Erftstadt, Schuld, Altenahr – diese überschwemmten Orte in Westdeutschland haben im Juli 2021 die so «unwahrscheinlichen» Konstellationen erfahren. Die ganze Republik konnte tagelang verfolgen, dass die angebliche Sicherheit, in der wir uns in Deutschland wiegen, nur ein schöner Schein ist. Als die braunen Wassermassen zwischen den Fachwerkhäusern brausten, Menschen auf den Dächern auf die Helikopter warteten und Einwohner nach ihren Angehörigen suchten, wurde diese Illusion begraben. Das Unwahrscheinliche wurde wahr, aus Sicherheit wurde Angst, aus Schwarzmalern wurden plötzlich Propheten. All das, was dieser Text beschreibt, wurde uns in den vergangenen Monaten wie durch einen Spiegel vorgehalten. Doch nach fast 200 Toten, Tausenden zerstörten Existenzen und apokalyptischen Szenen aus den Flutgebieten dankt niemand den Propheten, die es ja schon wussten. Keiner vergibt Orden dafür, dass man recht hatte. Und wer wollte sie auch haben?“

Und erst die Diagnose dessen, was wirksame Maßnahmen zu oft verhindert:
„Für eine echte Krisenvorsorge müsste die Politik aber weit vorausdenken. Dieses langfristige Denken fehlt in Politik und Wirtschaft.“
So lange das Denken und Handeln bestimmt ist von Legislaturperioden und Geschäftsjahren, so lange kann man kein vorausschauendes Denken, geschweige denn Handeln erwarten. Und so lange niemand zugeben mag, dass Verbesserungen erstmal weh tun können, ehe sich ihr Sinn zeigt, bleibt das Denken deswegen „Wird schon nicht so schlimm.“

Bibliographische Angaben: Rutger Bregmann/Susanne Götze, Wenn das Wasser kommt, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-00729-3, € 8,-

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