Wenn das Wasser kommt

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Den Zusatz „Ein Essay“ hatte ich doch glatt überlesen, als ich mir das Leseexemplar bei Netgalley runterlud. Aber so kam es, dass ich in einem Rutsch beim Warten auf die abendlichen Nachrichten das gesamte Büchlein durchlesen konnte.

Kann nicht. Darf nicht. Geht nicht.

So charakterisiert Rutger Bregman seine niederländische Heimat und ihre Menschen. Und diese Aussagen tragen sie so lange vor sich her, bis eine Katastrophe eintritt. Ab dann sind die Niederländer allerdings in der Lage, das Unmögliche möglich zu machen. Spätestens seit 1953 gäbe es sonst große Teile der Niederlande nicht mehr. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass dieser Essay 2020 geschrieben, für die deutsche Ausgabe aber um einige spezifisch deutsche Informationen durch Susanne Götze erweitert wurde.

Jedenfalls, ausgehend von der großen Flutkatastrophe 1953 in den Niederlanden und der neun Jahre später Hamburg verwüstenden Sturmflut breitet Bregman seine These aus, dass die Menschheit erstens ziemlich geschichtsvergessen ist und zweitens, dass immer die Neigung da ist, zu sagen „Wird schon nicht so schlimm kommen“. Bemerkenswert, denn eigentlich steht diese Haltung ja im krassen Gegensatz zur typischen „German Angst“.

Die surreale Absurdität liest sich dann beispielsweise so:
„Noch schlimmer trifft es die Ostfriesischen Inseln, deren Untergrund aus Sand besteht. Sie liegen ungeschützt gegen jede Sturmflut vor der Nordseeküste und ragen nur wenig über den Meeresspiegel hinaus. Viele dieser Inseln haben Schutzdünen aus Sand, auf denen sogar teilweise Häuser stehen. Bei einem Meeresspiegelanstieg ab einem Meter und einer Zunahme von Sturmfluten sind sie stark gefährdet, Hotels und Ferienhäuser erste Opfer der Fluten. Aus diesem Grund verklagte eine Familie von der Nordseeinsel Langeoog die Europäische Union auf schärfere Klimaziele – und scheiterte 2021 am Europäischen Gerichtshof.[41]Was manche Bewohner schon heute nicht mehr schlafen lässt, ist dem Immobilienmarkt offenbar komplett egal: Ein Grundstück auf Langeoog in der Nähe zum Strand kostet spektakuläre 7200 Euro pro Quadratmeter. Eine geeignete Versicherung, die künftige Schäden mit abdeckt, bietet allerdings niemand mehr an. (6. Kapitel)

Wie bitter muss es für die Journalistin Susanne Götze gewesen sein, ihr Nachwort mit diesen Worten zu beginnen:
„Kaum hatte ich den Stift für die Erweiterung des Textes von Rutger Bregman beiseitegelegt, da passierte es. Das Wasser kam. Noch hatte ich den Satz von Michael Kleyer aus Oldenburg im Ohr: «Natürlich gibt es unwahrscheinliche Konstellationen. […] Aber wir wissen, dass diese Extremwetter durch den Klimawandel zunehmen. Wir können das ernst nehmen – oder wie bei den großen Fluten Mitte des Jahrhunderts hoffen, dass alles nicht so schlimm kommt. »Es war unheimlich, fast surreal, dass dieser Essay so schnell von den Ereignissen überholt wurde. Erftstadt, Schuld, Altenahr – diese überschwemmten Orte in Westdeutschland haben im Juli 2021 die so «unwahrscheinlichen» Konstellationen erfahren. Die ganze Republik konnte tagelang verfolgen, dass die angebliche Sicherheit, in der wir uns in Deutschland wiegen, nur ein schöner Schein ist. Als die braunen Wassermassen zwischen den Fachwerkhäusern brausten, Menschen auf den Dächern auf die Helikopter warteten und Einwohner nach ihren Angehörigen suchten, wurde diese Illusion begraben. Das Unwahrscheinliche wurde wahr, aus Sicherheit wurde Angst, aus Schwarzmalern wurden plötzlich Propheten. All das, was dieser Text beschreibt, wurde uns in den vergangenen Monaten wie durch einen Spiegel vorgehalten. Doch nach fast 200 Toten, Tausenden zerstörten Existenzen und apokalyptischen Szenen aus den Flutgebieten dankt niemand den Propheten, die es ja schon wussten. Keiner vergibt Orden dafür, dass man recht hatte. Und wer wollte sie auch haben?“

Und erst die Diagnose dessen, was wirksame Maßnahmen zu oft verhindert:
„Für eine echte Krisenvorsorge müsste die Politik aber weit vorausdenken. Dieses langfristige Denken fehlt in Politik und Wirtschaft.“
So lange das Denken und Handeln bestimmt ist von Legislaturperioden und Geschäftsjahren, so lange kann man kein vorausschauendes Denken, geschweige denn Handeln erwarten. Und so lange niemand zugeben mag, dass Verbesserungen erstmal weh tun können, ehe sich ihr Sinn zeigt, bleibt das Denken deswegen „Wird schon nicht so schlimm.“

Bibliographische Angaben: Rutger Bregmann/Susanne Götze, Wenn das Wasser kommt, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-00729-3, € 8,-

„Ohne Rücksicht!“

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Wer kennt sie nicht, die Zeitung mit den vier Großbuchstaben? Und wer kennt nicht den Ruf, der ihr vorauseilt? Als ich noch zur Schule ging, so Ende der 70er Jahre oder auch Anfang der 80er, kursierte der Spruch „Mutter drehte Kind durch den Fleischwolf. BILD sprach als erstes mit dem Klops!“ und ich wusste überhaupt nichts damit anzufangen, denn im Haus meiner Eltern fand die BILD schlichtweg nicht statt. Mit zunehmendem Alter sah ich die Schlagzeilen, wenn ich beim Bäcker in der Schlange stand oder nach der Schule im Kiosk mein Schokokuss-Brötchen holte. Ich fand sie stets sehr merkwürdig, dachte mir aber nicht so sehr viel dabei. Das änderte sich erst mit der Buchhändler-Ausbildung, denn es gab auch ein Zeitschriften-Regal in der Buchhandlung. Das tägliche Austauschen der Tageszeitungen und die wöchentlichen Remittenden gehörten zum Aufgabenbereich der Azubis im ersten Lehrjahr.

Also, ich hätte ja wissen können, was auf mich zukommt, wenn ich dieses Ebook in die Hand nehme. Allerdings ist es bis heute so, dass diese Zeitung nicht die Schwelle unseres Hauses überschreitet und ich daher nie so ganz genau weiß, was dort alles so geschrieben wird. Ich muss gestehen, für dieses Buch habe ich fast vier Monate gebraucht. Mit vielen Pausen zwischendurch, denn ich mochte mir die geballte Ladung wiedergegebenen Mist nicht auf einmal antun. Chapeau an die beiden Autoren, die alles, was sie beschreiben, sauber recherchiert und dokumentiert haben. Ich frage mich, was braucht man als Ausgleich, um bei dieser Tätigkeit seelisch gesund zu bleiben.

In den letzten Monaten hat man ja auch, wenn man nicht selbst dieses Blatt liest, mitbekommen, dass der Chefredakteur offensichtlich „Compliance“-Probleme hat, was sehr wohlklingend und elegant umschreibt, dass er keinerlei Skrupel hat, Frauen, Minderheiten und Opfer von Straftaten gnadenlos zu instrumentalisieren. Ich weiß nicht, was ich ekelhafter finden soll: Die absolut menschenverachtende Art, Journalismus zu betreiben, die Bereitschaft von ausgebildeten JournalistInnen, das beruflich mitzumachen oder die Treue von viel zu vielen Lesern zu diesem Blatt, in das ich nicht mal auf dem Wochenmarkt meinen Fisch eingewickelt haben möchte.

So ziemlich jede Bevölkerungsgruppe ist schon in ehrverletzender Weise durch den Kakao gezogen worden (Das ist noch viel zu harmlos gesagt, denn zu häufig werden geradezu Existenzen zerstört!), vom Hartz-IV-Empfänger bis zum hochdotierten Wissenschaftler, Spitzensportler ebenso wie Spitzenpolitiker, von Frauen, queeren Personen, Migranten gar nicht erst zu reden. (Wer käme zum Beispiel auf den Gedanken, bei einem männlichen Fußballprofi in der Öffentlichkeit zu spekulieren, wie gut er denn „bestückt“ sei oder da sei in der Rückansicht ja ein prächtiger Knackarsch zu erkennen! Bei den Spielerinnen werden aber ständig Äußerlichkeiten betont, ehe auch nur ansatzweise auf die Leistung auf dem Spielfeld eingegangen wird.) Trotzdem lesen aus allen diesen gesellschaftlichen Gruppen Menschen tagtäglich diese Zeitung und mehr noch: selbst seriöse Parteien oder Medien nutzen die Berichte als Referenzen!

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass in diesem Herbst Zeitungspapier knapp ist? Bloß für ein Schmierenblatt mit dicken schwarzen und roten Lettern, da scheint genügend Kapazität vorrätig zu sein…

Mein Fazit: Ja, es mag den einen oder die andere geben, die mir bescheinigen, dass ich in manchen Dingen heillos naiv bin. Ich habe einfach riesige Schwierigkeiten, es auf die Kette zu kriegen, dass dieses Geschäftsmodell funktioniert. Obwohl ich weiß, dass es so ist. Aber dieses Buch habe ich trotz meiner Schwierigkeiten als sehr wichtig empfunden. Eine andere Rezensentin schrieb, die Leute, die total auf BILD stehen, erreiche man leider eher nicht und ich gebe ihr Recht mit dieser Einschätzung. Aber ich hoffe doch sehr, dass es Menschen gibt, die bisher eher gleichgültig waren und zukünftig diese Art „Journalismus“ nicht mehr hinnehmen wollen.

Bibliographische Angaben: Mats Schönauer/Moritz Tschermak, Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet; Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05354-8; € 18,-

PS: Beim Schreiben des Beitrags ging mir immer wieder von den Ärzten das Lied „Lasse reden“ durch den Kopf…

Achtung, Schreiben könnte explosiv sein!

Zuerst die guten Nachrichten:

Erstens: Schreiben klappt auch zuhause! Bei mir bevorzugt zu Zeiten, wo Lucy mich nicht mehr schlafen lässt (zurzeit jeden Morgen ein bisschen früher als am Tag zuvor, wir sind gerade bei viertel vor fünf🥱 angekommen…), aber der Kaffee schon fertig ist. Wobei: ich versuche sie ja immer noch ein bisschen zu vertrösten, aber sie ist genauso stur wie ich.

Zweitens: ich muss das Schreiben gar nicht mehr lernen! Ich schreibe ja bereits. Nicht nur hier auf dem Blog, ich habe auch etliche gefüllte Notizbücher, die ich mal wieder ausgraben sollte. Notizen und Beobachtungen von langen Bahnfahrten zum Beispiel. Wann immer ich in den letzten Jahren nach Köln, Berlin, Bremen, Würzburg oder sogar nach Lörrach musste, hatte ich Schreibzeug dabei und ich gestehe, Bahnfahrten lösen in mir eine voyeuristische Ader aus. Ich liebe es, Mitreisende zu beobachten; durch die Zunahme von Smartphones und Tablets ist es ja leider nicht mehr so einfach, mit dem Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen.

Das letzte Mal war auf der Heimfahrt aus Köln, und den Kunden, bei dem ich damals war, gibt es schon seit acht Jahren nicht mehr. Damals saß neben mir eine junge Frau, die aus Ostafrika heimkehrte. Es war Herbst, zwischen Wuppertal und Hagen hatten sich renitente nasse Blätter auf den Gleisen niedergelassen. Der Zug vor uns kam nicht mehr den Hügel hoch, so dass wir in Wuppertal-Barmen eine halbe Stunde festhingen. (Hieß es in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch „Die Bahn kommt“ mit einem feschen kleinen Bruder des ‚Greaseball‘ aus Starlight Express auf dem Plakat, so gibt es zunehmend vier Feinde der Bahn: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Ich weiß, der hat ’nen langen Bart…)

Diese junge Frau damals erzählte mir, dass sie durch halb Äthiopien mit einem alten, klapperigen Bus, der eine Nylonstrumpfhose als Keilriemenersatz hatte, ohne größere Probleme gereist sei, mit einer ostafrikanischen Airline, die nicht für ihre übergroße Zuverlässigkeit bekannt war, nach Köln-Bonn geflogen sei, ohne dass es Katastrophenalarm gab, nur um jetzt in einem hochmodernen deutschen Technikwunder festzusitzen. Naja, sie war etwas fassungslos…, so kurz vor der elterlichen Heimat.

Ich bin abgeschweift, und schon daran kann man sehen, wie schnell man doch ins Schreiben kommt, ins schriftliche Erzählen dessen, was einem zum Beispiel beim Reisen so vor die Füße fällt. Jedenfalls bin ich vom Bahnfahren extrem fasziniert, weil sich dort die wunderlichsten Beobachtungen machen lassen, seien es frühmorgendliche Felder mit Hundespaziergängern, die Rückseiten von Schrebergärten, die merkwürdigerweise so gern an Bahnstrecken zu finden sind oder halbverfallene Industrieruinen, wo ich dann am liebsten immer aus dem Zug springen würde, um sie zu fotografieren.

Aber, und nun kommt das Gefährliche am Schreiben: es schleicht sich unweigerlich etwas ganz intimes ein. Etwas von mir. Etwas, von dem ich oft bis zum Niederschreiben nicht wusste, dass ich es so empfinde. Und von dem ich erst recht nicht weiß, ob ich es in die große, weite Welt entlassen will.

Andererseits ist aber gerade dieses höchstpersönliche Etwas genau das, was der ausgedachten Szene erst Leben einhaucht, sie aus der grauen Theorie holt, sie zu etwas macht, das Leser nachempfinden können. Heute früh habe ich gedacht, so als kleine Schreibübung könnte ich mal den Nebelspaziergang, den ich vor einigen Wochen hier auf dem Blog beschrieben habe, mit Worten nachzeichnen. Ehe ich mich versah, bekam diese kleine Übung ein Eigenleben, das mich selbst erstaunte und ein bisschen auch erschreckte, denn ich wusste nicht, dass diese Gefühle, die ich niederschrieb, in mir wohnten. Ich weiß auch nicht, in wie weit es meine eigenen Gefühle sind oder solche, die ich jemand anderem ins Tagebuch schrieb.

Auf jeden Fall war ich nach einigen Minuten mit dem Nebel, dem Moor und der Person so im Fluss, dass ich quasi aus dem Stand einen Dialog schrieb, der ganze zehn Seiten in meiner Kladde benötigte. Vor meinem Auge formte sich eine Szene, die ich mir mit Bild, Geruch und Gefühl vorstellte, und die ich leider dann unterbrechen musste, weil wir zum Gottesdienst fahren wollten. Und das geniale ist, ich bin mir ganz sicher, dass ich diese Szene wiederbeleben kann, um sie fortzuschreiben. Dann muss ich mir nur noch überlegen, ob ich sie mit vielen anderen Szenen und einem Schauplatz, den ich mir auch für mich selbst und meine Familie wünsche, aber aus ganz vielen Puzzleteilen von verschiedenen Orten zusammenbastele, auf die Menschheit loslasse. Oder ob es mein eigener, kleiner, privater Traum bleibt. Nur noch. Klingt auch leichter, als es vermutlich sein wird. Mal sehen…

Schreiben in Cafés

Das Buch habe ich mir bestellt, nachdem ich das Foto von dem Buch beim Aufräumen der Handyfotos wiedergefunden habe. Ich freue mich schon sehr darauf, es zu lesen, hoffe ich doch unter anderem auf Inspiration und vielleicht auch ein klitzekleines bisschen Handwerkszeug.

Es heißt ja, dass es ohne Cafés keinen Harry Potter geben würde, weil J.K. Rowling dort ihr erstes Manuskript auf Servietten schrieb. Ok, das stelle ich mir sehr unkomfortabel vor, schon wegen der Papierqualität… Schreibpapier kann ich also ohne Weiteres selber mitbringen.

Schwieriger finde ich die Tatsache, dass die Café-Dichte ständig abnimmt. Nicht nur durch Corona, in Minden habe ich es vorher schon erlebt, dass Cafés geschlossen wurden, und wenn denn in den Räumen wieder Gastronomie einzog, dann oft als Burgerladen oder Tapas-Bar. Und das empfinde ich als Problem. Warum, willst du wissen?

Eine üppige Sahnetorte oder auch gedeckten Apfelkuchen, eine Waffel mit heißen Kirschen oder Käsekuchen isst man im Allgemeinen gepflegt mit der Gabel, trinkt ab und zu ein Schlückchen Kaffee, Tee oder heiße Schokolade und beobachtet ansonsten interessiert die Umgebung. Das bietet sowohl Inspiration als auch saubere Hände zum Schreiben.

Aber seit 53 Jahren schaffe ich es nicht, einen Burger ohne Zuhilfenahme der Finger zu essen, ehrlich gesagt benutze ich dafür auch nur äußerst ungern Messer und Gabel. Denn wenn ich mir mal einen bestelle, dann reicht nicht die labberige Mekkes-Basisvariante, höchstens 1,5 cm dick und mit nichts als einer Gummibulette belegt, sondern er muss schon üppig gefüllt sein, egal ob fleischig oder vegetarisch. Mit Käse, Tomaten, Gurken, gern auch Aubergine, frischen oder gerösteten Zwiebeln und reichlich Soße plus Senf. Da bräuchte ich statt der Gabel ja schon mindestens eine Mistforke! Und als Messerersatz eine Motorsäge. Also quetsche ich mir die Dinger halt zwischen die Pfoten, da besteht wenigstens die reale Chance, dass er nicht komplett auseinanderrutscht, weil ich alle Finger zum Käfig um den Burger forme. Dazu Pommes, die ich ebenso immer noch am liebsten infantil mit den Fingern in den Ketchup tunke. Wie soll ich denn dabei schreiben oder erst recht Leute beobachten, ob die sich beim Essen genauso doof anstellen wie ich?

Also, ich werde als erstes mal die Eiscafés auf ihre Tauglichkeit als Schreibstuben testen, ehe die Spezies der italienischen Eisverkäufer zum Überwintern in den Süden zieht (Ich kann sie gut verstehen, schließlich hatten sie ja außer viel Arbeit vor allem mitunter über alles meckernde Deutsche im Sommer.) Mit dem Buch, einer Kladde und einem flüssig schreibenden Stift. Mal schauen was dabei herauskommt, ich berichte dann später…

Das kommt davon

Nachdem ich die letzte Etüde verpasst habe (was nicht an der Wortspende, sondern an meiner Schusseligkeit lag), mache ich dieses Mal wieder mit bei den abc-Etüden. Die Einladung von Christiane findest du hier, ebenso wie die Regeln.

Nur mit der Überschrift hapert es etwas. Ach was, ich nenne die Etüde kurzerhand

Das kommt davon!

 „Was ist das für eine sperrige Kiste?“ Ächzend wuppte Tibor, der Bühnenarbeiter, einen schrankgroßen Holzkasten mit fünf stabilen Schlössern durch die überbreite Tür ins Materiallager. „Und überhaupt: Wieso baut man eine Sperrholzkiste und sichert sie dann wie Fort Knox? Ein gezielter Axthieb und ich komme trotz des vielen Metalls an den Inhalt!“

Sabine, die Lagerleiterin des Theaters, stand mit einem Klemmbrett unter dem Arm daneben und blickte über ihre Lesebrille. „Untersteh dich gefälligst. Diese Kiste gehört Willi Wahnsinn, unserem neuen Geheimkünstler für die Illusionsshows! Du willst nicht wissen, was der mit dir anstellt, wenn du in seine Geheimnisse eindringst und ihn bloßstellst!“

Tibor schnaubte belustigt: „Was soll er denn schon großartig tun können? Passiert ist passiert. Aber keine Bange, ich war doch nur einen Tucken neugierig. Das Ding ist nämlich sauschwer. Müssen ja gewichtige Illusionen sein, die der Herr Wahnsinn im Gepäck hat. Fast so schwer wie die Harley der Ehrlich-Brothers, aber die kann man wenigstens fahren…“

„Wie, du bist tatsächlich mal mit der Harley von den beiden gefahren? Das ist ja irre! – Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Die Spezialität von Willi Wahnsinn ist es, den Menschen absoluten Unfug so erfolgreich einzureden, dass sie sich total merkwürdig verhalten. Wenn er dir suggeriert, dass du ein Teekessel bist, dann pfeifst du, als ob das Wasser überkocht, sollst mal sehen!!!“

Ungläubiges Lachen war die Antwort von Tibor, das abrupt in ein jämmerliches Miauen überging, während er sich auf alle Viere fallen ließ und seinen Kopf an Sabines Bein rieb. Hinter der Tür feixte Willi Wahnsinn, der ihm gerade noch aus dem Hintergrund zugeflüstert hatte: „Kater Tibor, du hast großen Hunger und bettelst bei deinem Frauchen Sabine um eine Dose Thunfisch…“

„Siehste! Sag ich doch.“ war Sabines einzige Reaktion, bevor sie das Lager verließ. „Das kommt davon!“

295 Wörter

Nicht einer meiner besten Einfälle, aber ich hatte heute nach einem murksigen Tag das tiefe Bedürfnis nach Albernheit. Wer weiß, wofür es gut ist. Immerhin habe ich noch einen langen Lernabend vor mir. Macht’s gut.

In Gottes Dunkelkammer

©Pixabay

Na, das ist aber Old School, denkst du vielleicht jetzt. Dunkelkammern, wer braucht die denn noch? Oder vielleicht sogar: Was ist das überhaupt, eine Dunkelkammer?

In einer anderen Zeit, bevor es Digitalfotografie gab, legte man Zelluloidfilme in seine Kamera, wenn man fotografieren wollte. Da passten dann 12, 24, 36 oder in der Luxusvariante auch mal 72 Fotos drauf. Und wenn man wissen wollte, ob die Bilder gelungen waren, musste man den Film in ein Labor geben oder selber in die Dunkelkammer gehen, zum Entwickeln des Films.

In ziemlicher Dunkelheit und mit stinkigen Chemikalien. In einer bestimmten Reihenfolge wurde der Film durch Bäder mit chemischen Lösungen gezogen, zwischendurch musste er immer wieder trocknen und es durfte kein Licht in die Dunkelkammer geraten. Viel Geduld brauchte es dafür, genau wie Konzentration, und wenn man Pech hatte, waren einzelne Fotos „nichts geworden“, weil sie überbelichtet oder verwackelt waren oder weil sie einen doofen Bildausschnitt hatten.

Aber was hat das denn mit unserem Glauben zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Der Ausdruck stammt auch übrigens nicht von mir, er ist mir bei einem Willow-Creek-Kongress begegnet, in einem Vortrag einer australischen Gemeindeleiterin. Und seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

Erstens, weil es beruhigend ist, dass nicht nur ich kleine und unwichtige Person aus Porta Westfalica mich manchmal so fühle, sondern dass es auch international bekannten Größen aus den Mega-Churches passieren kann. 

Zweitens, weil die letzten eineinhalb Jahre mir teilweise auch so vorkamen. Durch Corona und die Lockdowns gab es einen Zustand, der an die finstere und muffige Dunkelkammer erinnerte. Es ging nicht weiter, es gab keine Entwicklung; alles, was wir in den letzten Jahren geplant und eingeführt hatten, lag brach und war verloren. Nichts geworden! Wir hatten Kinder mit Freizeiten begeistert, Jugendliche an die Arbeit mit den Kindern herangeführt, nicht wenige hatten sogar die Basix-Schulungen mitgemacht. Und nun konnten wir bei aller Motivation nicht weitermachen.

Und dann schwand diese Motivation mit der Dauer der Einschränkungen.

Und das ja nicht nur bei der Jugendarbeit. Ob in Schule oder Beruf, in Sportvereinen, Feuerwehr oder Skatrunden, alles stand still, nirgendwo gab es Möglichkeiten für Beschäftigung und Treffen.

Ich weiß nicht, was diese Zeit für dich und deinen Glaubensweg bedeutete, für mich bedeutete es zunächst viel Gebet, Zeit zum Nachsinnen oder auch kreatives Herangehen. Mit der Dauer der Pandemie hatte ich jedoch das Gefühl, alle kreative Energie würde sich verflüchtigen, ich hätte längst genug nachgedacht und mein Gebet würde ungehört verhallen. Die Zeit der Lockdowns erwies sich nicht nur als Chance zur Verlangsamung des Lebens, sondern auch als gewaltiger Energieräuber.

Aber auch in diesen Momenten gab es immer wieder die Zusagen aus der Bibel, die mir halfen, die Hoffnung und den Mut nicht zu vollends zu verlieren:

Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. (Jos 1,9 HfA)

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)

Am meisten aber hat es mich immer wieder beruhigt, wenn ich den 121. Psalm gelesen habe:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Seit einiger Zeit ist nun wieder „Land in Sicht“. Das gesellschaftliche Leben wird, auch dank der Impfungen, wieder freier und vielfältiger. Veranstaltungen finden wieder statt, manche etwas zaghaft und vielleicht sogar ungelenk, aber wir können wieder durchatmen. Gemeinschaft erleben.

Am letzten Wochenende habe ich mit zwei meiner Töchter ein Intensivseminar für christliches Yoga besucht. Zum ersten Mal seit langen Monaten sind wir mit der Bahn gefahren, zum ersten Mal haben wir wieder längere Zeit mit „fremden“ Menschen verbracht, zum ersten Mal sind wir wieder mit einer Gruppe sportlich aktiv geworden, zum ersten Mal konnten wir in einer Gemeinschaft wieder geistlich auftanken und auch zum ersten Mal wieder mit mehreren Menschen eine lebendige Bibelarbeit erleben. Und was meinst du, was für eine Freude es war, dass der Psalm 121 eine wichtige Rolle spielte!

Zum ersten Mal erlebten wir so intensiv, dass die Zeit der Dunkelkammer dem Ende zugehen wird, dass die Entwicklung absehbar abgeschlossen sein wird. Bis die Filme irgendwann wieder voll sind. Bis die Dunkelkammer uns wieder ruft.

Aber bis dahin: Genießen wir die Zeit in der Sonne, im warmen Licht, in der Gemeinschaft.

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Jugendarbeit unserer Gemeinde, dort war ich gebeten worden, etwas zu schreiben. Für alle hier, denen die Schilderung des Procedere in der Dunkelkammer arg verkürzt vorkommt: es war keine exakte Arbeitsbeschreibung, sondern nur das Prinzip für die „Generation Handyfoto“ kurz umrissen😉.)

So viel Neues in einer Woche…

Es ist Erntedankfest. Das klassische Datum, um das vergangene Erntejahr Revue passieren zu lassen. Der Tag begann mit einem Ausflug mit dem Gatten, um für den Gottesdienst 120 Brote bei einer Landbäckerei in Hille abzuholen, die der Neeser Müller wie jedes Jahr zum Erntedankfest gespendet hatte.

Mir bescherte der Besuch in dieser Bäckerei einen kleinen Déjà-vu-Effekt, weil die Shop-in-Shop mit einem kleinen Edeka-Laden und einem Verkauf eines örtlichen Metzgers eine Einheit bietet. Fehlte nur noch die Dorfkneipe, dann wäre es ein ähnliches Ensemble wie der Dorfladen aus meiner Kindheit.

Das Jahr 2021 war bis jetzt natürlich ausbaufähig, Luft nach oben ist ja bekanntlich immer. Aber die Region, in der ich lebe, hatte weder mit Dürren noch mit Überschwemmungen zu kämpfen, und bisher gab es auch keinen verheerenden Sturm. Bei der Wahl letzten Sonntag gab es keine bemerkenswerten Ausschläge in extreme Lager, auch das ist eigentlich schon ein Erfolg. Und mindestens zwei Parteien versuchen ernsthaft, ihre Animositäten zugunsten eines gemeinsamen Stilwandels in der Politik zu überwinden.

Ich bemühe mich, wieder regelmäßig Yoga-Einheiten in meinen Alltag einzubauen. Gestern hatte ich noch dazu meine erste Motorboot-Fahrstunde auf dem Mittellandkanal. Uff! Ich glaube, die Hälfte der Zeit bin ich im Schlingerkurs gefahren, als ob ich einen im Tee hätte. Fiel aber vermutlich nicht ganz so stark auf, weil die gesamte Fahrstunde aus An- und Ablegen bestand, von einer Seite des Kanals auf die andere… Ich bin echt gespannt, wie viele Fahrstunden ich brauchen werde, bis ich prüfungstauglich bin. Knoten und Navigation lerne ich eindeutig schneller. Aber auch zum Segeln mit einer Yacht, die einen Motor hat, braucht man nun mal den Sportbootführerschein (in meinem Fall See).

Heute war ich mit Daniela nach dem Gottesdienst in Osnabrück, auf dem holländischen Stoffmarkt, der coronakonform wieder tingelt. Obwohl alles draußen stattfindet, trugen fast alle Aussteller und Besucher Masken. Das war auch gut so, denn vor manchen Ständen herrschte schon ein recht großes Gedränge. Ich habe für mich nicht so sehr viel gefunden, da in diesem Jahr Jersey, French Terry, Cord und ähnliches beim Angebot überwiegt. Corona hat die Menschen dazu gebracht, sich wieder selbst Klamotten zu nähen. Was ja zunächst mal positiv ist, denn was man selbst gemacht hat, ist mit Sicherheit dann keine „Fast Fashion“.
Aber mit außergewöhnlichen Farben und Breiten für Schrägband habe ich mich ein wenig eingedeckt, und einen Stand gab es tatsächlich, der auf Quilter spezialisiert war. Schneidematten in allen Größen, reiche Auswahl an Rollschneidern, Quiltnadeln… und Stoffe, allerdings „nur“ von Moda und Hoffman Batics, dafür gab es Jelly Rolls (42 vorgeschnittene 2,5 Inch breite Streifen, zu einer Schnecke gerollt), Layer Cakes und Charm Packs (jeweils Quadrate, die einen etwas größer, die anderen etwas kleiner)

Es gab auch andere Stände, die unter anderem Baumwollwebstoffe hatten, sogar Westfalenstoffe konnte ich entdecken. Die passten nur leider nicht zu meinen aktuellen Projekten. Was ich nicht gefunden habe, war mein bevorzugtes Quiltgarn und Baumwollflanell als Rückseitenstoff (also muss ich das Bettengeschäft entern und auf Biberbettlaken hoffen), aber zumindest hat mein Portemonnaie sich gefreut, dass es nicht überstrapaziert wurde.

Und ansonsten bin ich jetzt bereit für den Herbst. Neuer Lesestoff ist schon im Haus, kreative Ideen habe ich reichlich (den Platz dafür eher weniger, aber da wird sich hoffentlich eine Lösung finden) und in der Buchhandlung haben wir leckere Süßigkeiten reinbekommen (ich sag nur: Karamellcreme mit gesalzener Butter😍). Läuft. Erstmal…