Merkwürdige Zeit…

Im Nachhinein denke ich, das Jahr 2021 war noch merkwürdiger als 2020. Denn das war vor allem von Ruhe gekennzeichnet. Meist Zwangsruhe, aber eben Ruhe. 2021 habe ich bisher als eine Aneinanderreihung von Atemlosigkeiten empfunden. Weil keine Ruhe in den Entscheidungen der Politik lag, weil immer alle möglichen Leute was anderes wollten als andere Leute, weil gehetzt wurde, weil Menschen sich gegenseitig beschimpften, weil man Normalität um fast jeden Preis wollte, Urlaub, Kirmes, Volksfeste, Familienfeiern, jetzt Weihnachtsmärkte…

Die Gastronomen, Hoteliers, Künstler und Schausteller, denen in der Folge das zweite Weihnachtsgeschäft vermasselt wird, kann ich in ihrem Frust vollkommen verstehen, viele von ihnen haben stark investiert in unsicheren Zeiten, um ihren Gästen möglichst viel gesundheitliche Sicherheit zu bieten. Und obwohl sich Teile der Politik nicht mit Ruhm bekleckert haben, es einiges an Kompetenzgerangel gab und vieles hätte besser laufen können, ist es doch auch eindeutig so, dass jeder einzelne von uns selbst vieles entscheiden kann und damit in der Hand hat, in welche Richtung die Entwicklungen gehen.

Gestern fand der Mann ein Dokument aus dem Herbst 2020 mit den Vorgaben der Landeskirche für Gottesdienste: ab einer Inzidenz von 35 sollte nicht mehr gesungen werden, ab 50 sollte überhaupt kein Gottesdienst mehr stattfinden. Diese Zahlen schreckten vor einem Jahr noch ab, in diesem Jahr wünschte man sich so niedrige Zahlen wieder!

In Teilen Westdeutschlands warten Familien und Einzelpersonen immer noch auf warme Wohnungen oder gleich ganz auf Genehmigungen, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Seit gestern gibt es den Koalitionsvertrag der neuen Ampelregierung offiziell. Und sofort zerreißen sich einige das Maul darüber. Darunter solche, die 16(!) Jahre lang die Chancen verstreichen ließen, um Änderungen anzustoßen. Aber auch die Fraktion, die anscheinend am liebsten wieder fast ein Jahrhundert zurück möchte, kommt mit den neuen Zeiten, die möglicherweise anbrechen werden, nicht klar. Auch ich schreie nicht hurra bei allen Details, aber muss ich ja auch nicht, ich bin ja nur eine einzelne von ca. 80 Millionen Stimmen in diesem Land. Ich bin ein bisschen neugierig und möchte erst einmal der neuen Regierung die Chance geben, loszuarbeiten. Vieles wird sich dann noch zurechtruckeln. Es überwiegt die Erleichterung, dass zukünftig der Verkehrsminister nicht von der CSU gestellt wird und auch der bisherige Staatssekretär dort im Ministerium ausgedient hat.

Und dann sehe ich heute die Adventsbeleuchtung vieler Gärten. Bei manchen bekomme ich Augenkrebs. Ich mag diese Jahreszeit, ich mag auch beleuchtete Gärten. Aber grün-blau-rot blinkende Lichterketten um jedes einzelne Gestrüpp gewickelt, funkelnde Drahtrentiere mit ebensolchen Schlittenskeletten, aufblasbare Weihnachtsmänner mit Innenbeleuchtung oder Schneemänner, die mich an den Marshmallow-Mann aus „Ghostbusters“ erinnern, dazu Monster-Christbaumkugeln in Medizinballgröße, das überfordert mich eindeutig. Und inzwischen sehe ich das auch in Puncto Energieverbrauch und Lichtverschmutzung durchaus zwiespältig. Ein paar Schwibbögen aus Holz in den Fenstern, vielleicht noch eine mit kleinen warmweißen LEDs geschmückte Tanne (auch Laubbäume sehen damit hübsch aus) und ein Herrnhuter Stern hier und da, das würde mir vollkommen reichen.

Morgen hole ich den Weihnachtsschmuck vom Dachboden und wähle aus, was dieses Jahr zum Einsatz kommt. Ich ahne schon: weniger ist mehr, an der Haustür kommen frische Kerzen (so richtig retro, die müssen mit dem Feuerzeug oder Streichhölzern angezündet werden…) in die geputzten Eisenlaternen und Meisenringe mit roten Schleifen werden den Wacholder schmücken. Im Haus verteile ich Porzellanengel und ein paar kleine Wichtel strategisch auf den Fensterbänken und die vor einigen Jahren gesammelten Mammutbaumzapfen zieren das Adventstablett. Vielleicht nähe ich noch einige Sterne. Fertig. Advent kann kommen in diesem merkwürdigen Jahr 2021, das ich leichten Herzens verabschieden werde, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.

Einen schönen ruhigen Abend wünsche ich der versammelten Runde…

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

6 Kommentare zu „Merkwürdige Zeit…“

  1. Du sprichst mir mit jedem Satz mal wieder aus dem Herzen!!!
    Die Quengler, Nörgler und Besserwisser haben immer Konjunktur. Wir sind ein Volk, dem es im Großen und Ganzen gut geht, Hilfsbereitschaft und ein Füreinander-da-sein gibt es zum Glück auch, besonders dann, wenn die Not uns zusammenrücken lässt, das hat die Flutkatastrophe ja wieder deutlich gezeigt.
    Warum kann es nicht immer so sein?

    Wir haben weihnachtlich geschmückt, auch wenn es aus Energiespar- und Umweltgründen durchaus immer fragwürdiger wird. Doch momentan ist so eine schwierige Zeit auf vielen Ebenen, dass ich mir wenigstens etwas Lichterglanz für die Seele gönnen möchte!
    Versuchen wir, gemeinsam durch diese Zeit zu kommen und sie verantwortungsbewusst zu nutzen und gestalten!

    Liebe Grüße dir!

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    1. Liebe Anna-Lena, danke für deine Gedanken dazu.
      Ja, zum Glück gibt es auch viel Empathie, sie ist einfach nur leiser unterwegs.
      Und übrigens, ich schmücke auch noch, aber seit einigen Jahren einfacher und zurückhaltender.
      Liebe Grüße auch dir.

      Gefällt 1 Person

  2. Als meine Geschwister und ich noch jung waren, liefen wir am 1.Weihnachtsfeiertag abends durchs Dorf und hielten unsere kleine, private Preisverleihung für die geschmackloseste Weihnachtsdekoration ab. Im Gedächtnis geblieben sind mir eine überdimensionierter aufblasbarer Weihnachtsmann, rosa Rentiere und die mit rot-grün-blau blinkenden Lichterkette überzogene Fassade eines neureichen Nachbarn…

    Gefällt 2 Personen

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