Schwarz-weiß oder: Das personifizierte Böse?

Es gibt Menschen, die mag ich, es gibt auch solche, mit denen werde ich niemals warm. Es gibt auch welche, die mich anwidern. Und es gibt Menschen, mit denen ich Umgang pflegen muss, sei es in Beruf oder Ehrenamt, obwohl ich ganz andere Sichtweisen auf die mich umgebende Welt habe. Das alles ist weder gut noch schlecht, es ist einfach Alltag.

Sollte es zumindest sein. Die ersten Risse bekam das Gefüge im Jahr 2015, als ich mich den „Brückenbauern“ anschloss, einer Gruppe verschiedener Menschen aus unserem Ort, die sich für Geflüchtete einsetzten. Wir kamen aus verschiedenen Kirchengemeinden (Landes- und Freikirchen), aus der Lokalpolitik, aus den Sozialverbänden oder einfach als Privatpersonen. Und nach einiger Zeit wurde es notwendig, sich zu rechtfertigen, warum man das tat. Man wurde zum „Gutmenschen“, gerne „links-grün-versifft“, selbst diejenigen unter uns, die eher konservativ eingestellt waren. (Heute bin ich nicht mehr bei den Brückenbauern, aber das hat andere Gründe, ich kann einfach nicht auf jeder Hochzeit tanzen.)

Wenn wir damals gewusst hätten, dass dieses nur eine Ouvertüre darstellen würde für die Zeit der Pandemie, hätten wir uns (und unser Umfeld) besser wappnen können? Für ein besseres gesellschaftliches Klima sorgen? Wir alleine sicher nicht. Aber leider muss man sagen: Es ist damals tatsächlich eine Chance verpasst worden, aber von so ziemlich allen, nicht nur von der Politik.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber selbst bei Menschen, die ich ausgesprochen gern habe und die einen guten Platz in meinem Leben haben, kommt es doch vor, dass es Meinungsverschiedenheiten bis hin zu unvereinbaren Positionen in manchen Facetten gibt. Und auch denen, die ich nicht mag, gestehe ich zu, dass sie mitunter ganz vernünftige Ansichten haben zu Themen, die mich bewegen. Es dürfen auch gern unterschiedliche Sichtweisen friedlich nebeneinander existieren.

Ich habe zum Beispiel einmal ein Interview mit Wolfgang Kubicki (wahrlich nicht einer meiner Lieblingspolitiker) gelesen, da fand ich den Mann richtig sympathisch, aber letzte Woche hätte ich ihm am liebsten einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt, um ihn von seinem Baum zu holen.

Ob ich zur Einschätzung der gesundheitlichen Lage nun Hendrik Streeck, Christian Drosten oder Karl Lauterbach bevorzuge, die (wenn man sich die Mühe macht und genau hinhört) gar nicht so häufig komplett unterschiedlich in ihrer Einschätzung sind, aber sicherlich verschieden kommunikativ begabt, ist doch zweitrangig.

Wenn jemand große Angst vor Spritzen hat oder vor einem Wirkstoff, den es so noch nicht so lange gibt, dann kann ich das zwar persönlich als unbegründet ansehen, aber trotzdem diesem Menschen seine Angst zugestehen, denn seien wir mal ehrlich: Ängste haben so viele von uns in der Pandemiezeit entwickelt, vor allem möglichen und unmöglichen.

Als junge Mutter gab ich meinen Töchtern Schüsslersalze, wenn sie Ohrenschmerzen bekamen und ich hatte das Gefühl, es half ihnen. Aber bis heute kann ich nicht einschätzen, ob die „Hilfe“ nicht in erster Linie darin bestand, dass ich die Mädels aus dem Alltag herausnahm, mich besonders intensiv um sie kümmerte, sie warm hielt und Tee kochte… (Das, was Ärzte als „sprechende Medizin“ bezeichnen). Und im Kreißsaal war es in den 1990er Jahren gang und gäbe, dass man als werdende Mutter Globuli unter die Zunge bekam, also sperrte ich den Mund auf. Ob es half, kann ich nicht sagen, denn jede Geburt ist anders, nicht vergleichbar.

Halte ich also mal fest: Ja, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir sehen und hören können. Kein Thema, auch Spökenkiekerei oder Prophetie hat ihre Zeit. Ich bin bereit, vieles zu diskutieren, wenn die Diskussion diesen Namen auch verdient.

Was ich aber überhaupt nicht mehr ertragen kann und will, ist wenn jemand meinen Prozess der Meinungsbildung, der sich durch Grundhaltung, Lebenserfahrung und ein paar andere Zutaten im Lauf der Zeit herausgebildet hat, in Bausch und Bogen niederschreit, mich als „Schlafschaf“ bezeichnet, als willfährige Marionette des „Systems“ oder noch übleres.

Das habe ich nicht verdient, das hat eine große Mehrheit in unserem Land nicht verdient, das hat auch die Geschichte der politischen und gesellschaftlichen Konsensbildung seit dem Beginn der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg nicht verdient. Denn bei allem, was unbestritten immer mal wieder schief geht, stehen wir doch global gesehen seit langer Zeit auf der Sonnenseite.

Es wollte und musste raus. Jetzt, sofort. Ich wäre sonst geplatzt.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

16 Kommentare zu „Schwarz-weiß oder: Das personifizierte Böse?“

  1. Ich sehe das ganz ähnlich: Leben und leben lassen. Solange man nicht beginnt, mich in irgendeiner Weise missionieren zu wollen, soll es mir recht sein. Nach meinem Eindruck verhält es sich nun allerdings so, dass ein verstärkter Hang zur immer weiter um sich greifenden Globulisierung gleichzeitig zu einer massiven Abneigung der Schulmedizin führt, und von da aus auf die Straße, um gegen die „Diktatur“ zu protestieren. Sogar hier im ansässigen Mittelzentrum an der Grenze eurem schönen Bundesland gingen unlängst 180 dieser Personen „nur spazieren“, mutmaßlich, um ihre Chakren wieder ins Gleichgewicht zu bekommen.

    Kurz: Meinetwegen kann jemand sich Globuli und Schüsslerssalze einwerfe, soviel er oder sie will – man kann dann höchstens einwerfen, dass eine medizinische Wirkung bis heute nicht adäquat nachgewiesen ist und allerhöchstens in psychischer Hinsicht stattfindet, womit beides aber auch schon wieder seine Berechtigung hätte -, wenn man gleichzeitig die Schulmedizin pauschal ablehnt, wirds dagegen kribbelig.

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    1. Als Komplementärmedizin hat einiges (längst nicht alles!)seine Berechtigung, vor allem, um als Mensch, nicht nur Patient, wahrgenommen zu werden.
      Allgmeingefährlich wird es, wenn bei z.B. Krebserkrankungen nur auf solche „Heil“-Methoden gesetzt wird, das ist dann schon kriminell.
      Ich versuche, bei meinem Rheuma durch Ernährung und auch einige Heilpflanzen den Körper zu unterstützen, aber ich merke schon nach einem guten halben Jahr ohne Basistherapie, dass nur auf diesem Weg Schübe nicht unterdrückt werden können.
      Von allem, was anthroposophische Wurzeln hat, habe ich dagegen schon lange Abstand genommen. Steiner war gruselig…

      Gefällt 3 Personen

  2. Sprechende Medizin ist ebenso effektiv wie Schulmedizin, bestimmt. Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung heilen ebenso, meist unterstützend, aber auch mitunter alleinig. Und unter der für uns sichtbaren und begreifbaren Oberfläche gibt es noch so viel mehr, dessen bin ich mir sicher, auch, wenn es nur spür-, oder erahnbar ist.

    Gesellschaft? Du sprichst mir aus der Seele. Ich wünsche mir einen wehrhaften Staat, der all jenen, die mit ihrer großen Fresse pöbelnd durch die Straßen ziehen, alles und jeden verfluchend, der nicht so strubbelig tickt wie sie selbst, mal zügig ihre Grenzen aufzeigt.

    Liebe Grüße & Danke für deine klare Positionierung!

    Gefällt 2 Personen

  3. Was raus muss, muss raus und dem sollte dann auch Raum gegeben werden.
    Sehe ich alles ähnlich. Bei bestimmten Fragestellungen kann und muss ich auch mal meine Comfort-Zone verlassen, aber gewisse Dinge sind indiskutabel und da bewege ich mich keinen Meter, wenn sich der/die andere nicht auch auf mich zu bewegt

    Gefällt 1 Person

  4. Eine Zeit lang war ich auch mit Globuli zugange gewesen; das war ein Kinderarzt, der eine zusätzliche homöopathische Ausbildung hatte. Allerdings funktioniert das Ganze nur, wenn man daran glaubt. Mittlerweile weiß ich auch, dass liebevoll angelegte Halswickel gut gegen Halsschmerzen und Wadenwickel gegen Fieber wirken.
    Ich denk mal, dieses sich intensiv mit dem Kranken befassen, ist schon die halbe Miete. Ein überzeugender Schamane wär bestimmt auch gut.

    Wenn ich mir die Argumentationen der Pseudo-Erwachten so anschaue, dann werd ich einfach nur noch müde. Du kommst da nicht gegen an. Man könnte ja mal in der Welt so rumschauen, ob es nicht ein Land gibt, das Covid einfach laufen ließ. Nicht mal der Brasilianische Präsidentendarsteller konnte sich mit seinem is-ja-nur-ne-Grippe durchsetzen. Dank der lokalen Kräfte ist selbst dort die Impfquote recht hoch.

    Da demonstrieren dann Nazis neben Querdenkern, die Sophie Scholl Zitate vor sich her tragen ….
    Nee ich hör jetzt auf und stimme dir einfach zu.

    Schöne 🎄Tage wünscht
    Sabine

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    1. Liebe Sabine, ich sehe das ähnlich wie du. Nach dem Beitrag habe ich jetzt auch für mich beschlossen, den Rest des Jahres einfach für mich und meine Familie gut zu gestalten und ansonsten mal die Ohren auf Durchzug zu stellen.
      Wünsche dir auch schöne Weihnachten. LG Anja

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  5. Leben und leben lassen – das ist quasi hier im Süden das oberste Gebot, und danach richte ich mich gerne… Was die sogenannten Quer“denker:Innen“ allerdings anbelangt, da bekomme ich regelmäßig einen ziemlich dicken Hals. Ich habe lange versucht, mit diesen Wesen – Mitmenschen möchte ich dazu gar niccht mehr sagen – ruhig und sachlich zu diskutieren, das war vergebene Liebesmüh. Was mir großen Trost bereitet und mich immer wieder aufbaut ist die Tatsache, dass die große Mehrheit hierzulande vernünftig und besonnen agiert.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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