Wohin Recherche führen kann

Eigentlich…

…wollte ich „nur“ etwas recherchieren.
…hätte ich gerade viele Fragen an meine Eltern.
…wäre es so gut gewesen, wenn ich mich als Jugendliche mehr dafür interessiert hätte.

Hätte, wäre, wenn. Nützt nur leider nichts. Mit 15, 16 Jahren liegt das ganze Leben vor dir, du hast so viele eigene wichtige Themen, dass die Erzählungen der Eltern fad und langweilig sind. Du hast gefühlt noch massig Zeit und stellst dir auch nicht vor, dass du deinen Vater in ein paar Jahren nicht mehr fragen kannst, was der Krieg mit ihm angestellt hat. Einiges, was er mir Anfang der 1980er Jahre erzählt hat, ist hängengeblieben bei mir – aber manchmal frage ich mich, wie zuverlässig meine Erinnerungen sind an eine Zeit, als ich zwischen Kindheit und Jugend hing. Als „Krieg“ etwas abstraktes war, von dem ich überhaupt keine Vorstellung hatte.

Inzwischen kenne ich genug Bilder aus aktuellen oder vergangenen (Bürger-) Kriegen: Balkan, Afrika, Syrien, Ukraine… Ich habe eine Ahnung, mehr nicht, davon, dass jeglicher Krieg die Seelen der unmittelbar (Soldaten usw) und auch der mittelbar (Bevölkerung, hier vor allem auch die Kinder) Beteiligten schädigt. Ich weiß, dass es nicht immer einfach möglich ist, zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden, und ja, auch, dass manche Menschen beides waren.

Lange Zeit war es undenkbar, vor allem den letztgenannten Gedanken konsequent zu Ende zu denken. Ebenso wie es schlicht nicht stattfand, die Traumata der deutschen Bevölkerung aufzuarbeiten, weil das Leid, das Deutschland über die Welt gebracht hatte, so viel schwerer wog. Im Rückblick war das sicher nicht der beste Weg, obwohl es irgendwie verständlich ist, aus welchem Grund es so gehandhabt wurde. Ich kann auch nicht sagen, dass ich in der damaligen Situation in den 1950er Jahren anders gehandelt hätte. Das kann und will ich nicht be- und verurteilen, ich wünschte mir nur, mit dem Wissen von heute würde es in anderen, aktuellen Fällen anders laufen.

Deswegen habe ich begonnen, die Bücher von Sabine Bode zu lesen, in denen sie vielen Fragen nachgeht, die bis heute sehr viele Menschen bewegen, da sich traumatische Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern auch bis heute auswirken in der Art, wie wir erzogen wurden, wie wir den Blick auf die Welt haben. Leider weiß ich es nicht, könnte mir aber vorstellen, dass in der ehemaligen DDR auch eine ganz eigene Art herrschte, um diesen riesigen rosa Elefanten im Raum der deutschen Geschichte zu ignorieren, was mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Auswirkungen bis in die Gegenwart hat.

Ich stehe noch am Anfang, aber hatte beim Lesen schon einige Aha-Erlebnisse. Und ich hatte mir vorgenommen, für meine Recherche Notizen zu machen von einzelnen Aspekten, stelle aber während der Lektüre fest, dass mir so viele Gedanken und Assoziationen in den Sinn kommen, dass ich (noch) nicht in der Lage bin, diese strukturiert zu verschriftlichen.

Es ist nicht einfach, diese Bücher zu lesen. Sie nehmen ziemlich mit, auch seelisch. Trotzdem kann ich sie nur empfehlen, unter mehreren Aspekten: unter anderem Erkenntnisgewinn, Verständnis wecken, aber vor allem stelle ich mir diese Frage immer öfter: Warum sind wir oft so ungnädig miteinander?

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

4 Kommentare zu „Wohin Recherche führen kann“

  1. Meine Mutter hat sehr viel über die Kriegs- und Nachkriegsjahre erzählt, und was sie, ihre sechs Geschwister und die Oma erlebt und erlitten hatten. Diese täglichen „Berieselungen“ zu allen Mahlzeiten hingen mir vor allem als rebellischer Teenager nachgerade zum Halse heraus. Mittlerweile bin ich dankbar für ihre Erzählungen. Und ich habe selbst immer noch damit zu kämpfen, dass sich die Traumata dieser Kriegsgeneration auch noch auf mich auswirken. Wofür ich sehr dankbar bin ist meine pazifistische Einstellung, die wohl daraus erwachsen ist.

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  2. Meine Eltern waren bei Kriegsende 10 und 11 Jahre jung. Sie sprachen wenig über diese Zeit, sind tief traumatisiert und haben sich ihr Leben lang abgelenkt mit den Segnungen des Kapitalismus. Jetzt im hohen Alter schlägt das voll durch … auch ich weiß um die Bedeutung von vererbten Traumas, als Betroffener. Die Bücher von der SB habe ich auch gelesen. sie war mit die erste, die das alles öffentlich gemacht hat.

    L.G., Reiner

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    1. Mein Vater war Jahrgang 1924, meine Mutter 1930. Als Jugendliche fand ich es manchmal nicht so toll, recht „alte“ Eltern zu haben, obwohl sie in anderen Bereichen abgeklärter reagierten als die „jungen“ Eltern meiner Freundinnen, die Ende der 60er Jahre gerade mal Anfang bis Mitte 20 gewesen sind. Aber es war schon merkwürdig, die einzige in der Klasse zu sein, deren Vater als Soldat im Krieg war…

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