Auf zu neuen Ufern?

Geschafft. Sowohl der Pulli als auch ich.

Mein Erstling ist fertig. Endlich. Ich bin’s auch. Und einerseits freue ich mich, dass ich auch in der Lage bin, Kleidung zu nähen, andererseits ist schon wieder mein innerer Kritiker an der Arbeit, der mir zuflüstert: „Da ist die Naht unsauber, dort kräuselt es sich, wo es nicht hingehört, mit einer Ziernaht an der und der Stelle sähe es besser aus…“ Trotzdem überwiegt die Freude. Es funktioniert auch ohne Overlock-Maschine, allerdings mit leichten Abstrichen. Mangels Abschneidefunktion sind die Nähte natürlich nicht ganz so schön, aber da kann ich sicher auch noch meine Technik verbessern und bestimmt gibt es noch Funktionen und Stiche an meiner Maschine, die ich mit etwas Geduld und Ruhe noch viel besser kennenlernen kann.

Ich habe ja jetzt auch ein paar Stoffreste, mit denen ich experimentieren kann. Und nicht zuletzt: Im Gegensatz zu den Sachen, die ich sonst nähe, möchte ich Kleidung nur für den Eigenbedarf nähen, da soll nichts in den Verkauf. Es ist einfach schön zu wissen, dass ich in der Lage bin, mir nach meinen eigenen Vorlieben Pullis und Shirts zu nähen und dass ich nicht auf das Angebot der Modeindustrie angewiesen bin.

Und was mache ich jetzt? Reinige die Nähmaschine sorgfältig von allen Flusen, setze wieder die normale Nadel ein und nähe einen kleinen Berg Spültücher (Projekt Upcycling)und Topflappen (mit Obst und Gemüse, maritimen Motiven etc., alles, was im Sommerhalbjahr gut ankommt) für den Shop.

Nachtrag zu gestern

Beim Zähneputzen ist mir heute früh schlagartig bewusst geworden:

Wir sind die Generation, die später im Seniorenheim mit Bruce Springsteen, Bon Jovi, Bryan Adams, den Toten Hosen und den Ärzten vollgedudelt wird. Für die Frauenquote kommen Madonna, Cyndi Lauper, Tina Turner, Kim Wilde und Bonnie Tyler dazu. A-HA und Roxette bilden die Skandinavien-Fraktion. Michael Jackson lehrt uns kicksend und moonwalkend das Gruseln.

Zu Karneval werden wir mit der Neuen Deutschen Welle bespaßt und Weihnachtsstimmung kommt in der Dauerschleife von „Last Christmas“ und „Do they know it’s Christmas time“ (nicht) auf.

Und irgendwann werden wir zum x-ten Mal „Highlander“ gucken und uns mit Queen fragen „Who wants to live forever“?

Die Heime werden brechend voll sein mit uns, denn wir sind die „Boomer“-Generation. Na dann auf zur Polonäse Blankenese…

Übrigens vielen Dank an euch, ihr seid klasse. An diesen 80er Jahren hängen bei so vielen von euch schöne Erinnerungen. Selbst per Whatsapp erreichten mich Kommentare. Demnächst überlege ich dann mal, über welche Filme und Bücher wir uns dereinst in der Seniorensprechstunde austauschen werden😁

Die 80er – Der Soundtrack meines Lebens

Wink des Schicksals, dieses Thema muss nun sein. Eine kleine Retrospektive, mein „Coming-of-Age“, wie es heute so schön heißt. Erst kam am Samstagabend im WDR eine Sendung über dieses Jahrzehnt, das in manchen Aspekten heute noch Fremdscham auslöst, aber im Großen und Ganzen eine großartige Zeit war, vor allem im Rückblick. Und heute las ich bei Wortman seine Hommage an Cyndi Laupers „Girls just wanna have fun“, ein Song, der auch heute noch in meiner Spotify-Playlist ziemlich weit oben steht. Mit ihrem Look lag sie mir übrigens viel mehr als die spitzbrüstige Madonna in ihren S/M-Kostümen.

Alles schien möglich, wir wollten die Welt erobern, analog versteht sich, am liebsten in einem bunten VW-Bulli, ganz ohne Internet und Smartphone, von GPS und Navigationssystemen ganz zu schweigen. Es war das Jahrzehnt, in dem John Lennon starb, in dem die Grünen gegründet wurden, gegen Atomstrom demonstriert wurde ( und dann ja auch schließlich im Jahr 1986, haargenau am 20. Geburtstag meines damaligen Freundes, die Atomkatastrophe von Tschernobyl den Demonstranten recht gab). Das Jahrzehnt, in dem Mac Gyver (der Echte) und der Knight Rider Helden waren, aber auch Marty McFly und Doc Emmet Brown mit dem Kult-DeLorean in die Zukunft reisten.

Es war das Jahrzehnt, in dem ich vom lieben, angepassten Mädchen zu einer frechen Göre mutierte, wenn ich meinem Deutsch- und Politiklehrer in der 9. Klasse Glauben schenke. Tja. Auch ich wollte „Fun“ haben.

Kleidungstechnisch, und nun komme ich auf den Punkt, gab es den Aerobic-Look von Jane Fonda, blaumann-blaue Satinblusen mit Schulterpolstern, Vanilia-Hosen mit Pattentaschen seitlich am Oberschenkel (Der modische Vorläufer von Cargohosen à la Engelbert Strauss, nur im Popper-Style? Wer weiß.) Jeans mit weißen Biesen an der Außennaht oder gleich ganz bunt gefärbt. Knalleng und rot mussten sie sein! Blau-grünes Schottenkaro war im Winter angesagt. Gott, wie liefen wir bloß rum!

Mein Lieblingsteil war lange Zeit der alte Bademantel meiner Oma, A-Linie mit Kimono-Ärmeln, außen Velours und innen Frottee, Dunkelgrün mit psychedelischen Pinselstrichen in rot, pink, gelb und blau. Dazu trug ich eine schwarze Baskenmütze und eine Fledermaus baumelte am Ohr. Natürlich aus Metall.

Ein einziges Kleidungsstück aus dieser Zeit hat überdauert. Ich habe ein verwaistes Kätzchen darin großgezogen und trage sie bis heute noch, bei jeglichen Renovierungsarbeiten, die sich auch kontinuierlich darauf verewigen:

Meine geliebte Jeans-Latzhose. 40 Jahre hat sie jetzt auf dem Buckel. Das nenne ich noch Wertarbeit! (Und zum Glück hat sie an den Seiten Knöpfe, die man auch offen lassen kann. Wirkt noch lässiger und kaschiert die Tatsache, dass ich mehr Vorrat für schlechte Zeiten mit mir herumtrage.)

Und hier kommt der spezielle Soundtrack zur Jeans:

Gezeitenmord

|Werbung, unbezahlt|

Ich bin leider etwas nachlässig geworden mit meinen Buchbesprechungen, es war zu viel und vor allem zu viel unterschiedliches los in letzter Zeit. Aber nun.
Spaßigerweise habe ich an der deutschen Ostseeküste dieses Buch gelesen, das an der dänischen Nordseeküste spielt, im Grenzgebiet zu Deutschland:

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit skandinavischen Krimis, häufig sind sie mir zu düster, zu sehr von der langen dunklen Winterzeit im hohen Norden geprägt. Trotzdem bin ich schon bei der Beschreibung des Titels auf Netgalley neugierig geworden und habe es nicht bereut.

Zum Einen, weil der Plot sich gut entwickelt. Zum Anderen, weil mir das Kriminalistenduo sympathisch war. Das Grauen war da (immerhin ging es um Mord an Kindern mit eventuell pädophilem Hintergrund), aber es hielt sich in Grenzen, es handelt sich eben um den klassischen Ermittlerkrimi und nicht um einen atemberaubenden Thriller. Ganz nebenbei fließen einige dänische Erfahrungen aus der deutschen Besatzungszeit während des dritten Reiches als Hintergrundinformationen ein, ohne sich aber renitent in den Vordergrund zu schieben. Das lockert die Erzählatmosphäre in sofern auf, als es den Fokus manchmal von der reinen Krimihandlung auf die Umgebung und deren Geschichte lenkt, eine andere Dimension in die Geschichte bringt. Mancher mag das überflüssig finden, mir persönlich gefällt es.

Wer einen Krimi eines unverbrauchten Autors sucht, der sich gut lesen lässt, ohne den Schlaf zu rauben, der wird hier sicher gut bedient sein.

Bibliographische Angaben: Dennis Jürgensen, Gezeitenmord, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00241-6, € 16,-

Guten Tag, ich heiße Anja und ich habe…

… Bluthochdruck (und wegen familiärer Vorbelastung damit einhergehend ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall)

… Asthma (zwar „nur“ allergisches, aber auch das raubt mir manchmal die Puste)

… Psoriasis Arthritis („Bitte WAS? Hast du nun Schuppenflechte oder Rheuma???“)

Reicht, oder? Mir auch. Vorweg, mit allem komme ich die meiste Zeit gut klar. Wenn ich zum Arzt gehe (außerhalb von akuten Anlässen) und gefragt werde, wie es mir geht, sage ich meist aus vollem Herzen „Gut geht’s!“
Komme ich zu einer neuen Ärztin und bekomme die obligatorische Frage nach den Vorerkrankungen gestellt, muss ich mir ganz bewusst in Erinnerung rufen, dass ich drei chronische „Erkrankungen“ im Gepäck habe. Denn meistens schränken sie mich ja überhaupt nicht ein.
Das ist so ungefähr, wie ich mir auch in vielen Situationen bewusst machen muss, dass ich 54 Jahre alt bin und schon lange nicht mehr 25. Ich denke im Alltag so wenig an diese Dinge, die zu mir gehören wie meine straßenköterblonden Haare, ein paar Kilo Marschgepäck auf den Hüften und Schuhgröße 39. – Außer, wenn an einer Stelle gerade etwas hakt.

Denn dann beginnt es: Ich bekomme schlecht Luft. Und irgendjemand fragt „Wie kommt das? Du bist doch eigentlich recht fit (an dieser Stelle schwingt manchmal ein sehr charmantes ‚für dein Alter‘ mit)?“
Oder ich hinke, kann die Arme nicht über 90 Grad heben, mir fallen Gläser aus den Händen. Es folgt entweder dieselbe Frage wie bei der Luft oder „Du siehst aber doch so gesund aus.“ Auch Herzklabastern sieht man einer Person nicht unbedingt an.

In solchen Situationen fühle ich mich wie in einer Verteidigungshaltung. Ich muss mich (ob eingebildet oder tatsächlich) dafür rechtfertigen, dass ich offensichtlich gerade nicht so leistungsfähig bin wie ich optisch wirke. Das finde ich dann sehr unangenehm. Und zwar sowohl für mich als auch für meinen Gesprächspartner.
Deswegen habe ich mich vor einigen Jahren entschieden, offen über meine gesundheitlichen Einschränkungen zu reden. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema dieses Beitrages. Ich bringe mal ein paar Beispiele:

Meine Mutter hatte Osteoporose, ihre Wirbel sackten immer mehr in sich zusammen, sie erlitt einen Beckenbruch, konnte immer schlechter laufen. Sie bekam einen Rollator verschrieben, den sie aber nicht benutzte („die Leute“ hätten ja denken können, bei ihr stimme etwas nicht. Bingo!) Stattdessen lief sie jahrelang mit (nur einer) Unterarmgehstütze und wurde dabei immer schiefer, nur eben nicht nach vorne, sondern seitwärts. Und in der Stadt hielt sie vor jedem Schaufenster an und „bewunderte“ die Auslagen.  

Mein Mann hat MS. Seit einigen Jahren ist sie diagnostiziert, nicht schubweise, sondern fortschreitend. Sein Problem ist die Kommunikation des Hirns mit dem rechten Knie, da ist die Telefonleitung unterbrochen. Recht moderat also bisher, aber es reicht, um konzentriert gehen zu müssen, damit er nicht über den eigenen Fuß stolpert, weil er das Bein nicht komplett anhebt (und das dann nicht merkt). Als diese Problematik ihn nervte, machte er sich schlau über verschiedene Rollatoren, mit denen man Einkäufe transportieren und auch mal ins Gelände gehen konnte. Nicht nur das, er kaufte sich auch einen, ganz ohne Beteiligung der Krankenkasse. Damit er auch weiterhin mit uns in der Natur unterwegs sein kann. Und er freut sich, dass er mit dem Rollator sogar mal schneller ist als ich.

Die eine war immer bemüht, ihre Zipperlein ausschließlich mit sich selbst auszumachen, der andere hat seine Einschränkung akzeptiert und geht ganz selbstverständlich damit um.

Das dritte Beispiel liegt bei Menschen, die ihre Krankheiten vor sich hertragen, mal wie ein Schutzschild, damit niemand es wagt, Ansprüche an sie zu stellen (und das kann ja auch manchmal reiner Selbstschutz aus schlechter Erfahrung sein) und auch mal, um Mitleid einzusammeln. Ja, auch diese Menschen gibt es, oft sind sie auch in anderer Hinsicht regelrechte Energiesauger, unabhängig davon, wie sehr man sie ansonsten schätzt; sie schaffen es immer wieder, alles aus ihren Mitmenschen herauszuholen, ohne etwas zurückzugeben.

Das Bedürfnis, scheinbare Makel und Hemmnisse zu verbergen, kann ich nachvollziehen. Zu einem großen Teil sind wir so erzogen worden, dass solche Dinge niemanden etwas angehen. Dass es eine ganz ureigene Verantwortung ist, mit Einschränkungen so umzugehen, dass niemand etwas merkt. (Das gilt übrigens ja nicht nur für gesundheitliche Probleme…)
Wenn ein Punkt erreicht ist, an dem wir ganz offensichtlich „behindert“ sind, egal ob körperlich, geistig oder seelisch, beginnt dann häufig zunächst die Phase der Scham. Ich selbst habe das vor zwei Jahren so empfunden, als ich auf einmal nicht mehr laufen konnte. Dabei war ich doch nicht aus eigenem Verschulden kurzfristig im Rollstuhl besser aufgehoben. Und selbst wenn, sollte ich nicht eigentlich eher dankbar sein, dass es solche Hilfsmittel gibt, die mir Teilhabe ermöglichen?

Aber in der Situation zeigte sich für mich, dass mir eine Mixtur aus Erziehung und mangelnden Erfahrungswerten im Weg stand. Mangelnde Erfahrungswerte deswegen, weil unsere Gesellschaft noch längst nicht barrierefrei ist, weder im Lebenslauf über Kindergarten und Schule, Uni und Beruf noch im alltäglichen Leben, wo „Behinderung“ immer noch zu häufig bedeutet, dass Menschen mit Einschränkungen behindert werden. Durch bauliche Hürden, durch Geräuschkulissen, reizüberflutende Umgebung, durch empathiearme oder schlicht gedankenlose Mitmenschen. Durch das Recht des Stärkeren. Durch bürokratische Vorgaben, die sich an Paragraphen statt an menschlichen Bedürfnissen orientieren; durch Gutachter, die keine Ahnung haben von den Auswirkungen, die Krankheitsbilder auf die Betroffenen haben. Durch das insistierende Anbieten von alkoholischen Getränken („ach komm, einer ist keiner…“), wenn jemand entweder aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer Suchterkrankung darauf verzichten möchte/muss oder auch einfach mal keinen Alkohol trinken will. Und, und, und …

Ganz persönlich finde ich es wichtig, dass wir voneinander wissen. Auf einer sachlichen Ebene, um unser Gegenüber nicht mit Anfragen und Aufgaben in Verlegenheit bringen, die sie oder er nicht erfüllen kann.
Auf einer persönlichen Ebene, weil wir uns gegenseitig unterstützen können, weil wir lernen, dass unsere Persönlichkeit vielschichtig ist, dass niemand makellos ist. Weil es ermöglicht, uns gegenseitig zu coachen, wenn es um die Bewältigung von Problemen geht.

Die Rheumaliga bringt es ganz gut auf den Punkt in ihrem Konzept des Selbstmanagements: Ich selbst bin im besten Fall Expertin in allem, was meinen Körper und meine Verfasstheit angeht. Das kann nicht meine Ärzteschaft leisten, weil die im Studium ganz bestimmte Symptome und Schemata lernen, die in der Praxis aber nicht unbedingt zutreffen müssen.
„Das Rheuma“ hat mit Sicherheit noch nie in einem Lehrbuch für innere Medizin gelesen, wie es sich verhalten muss, es pfeift darauf und macht, was es will.
Das können auch noch so wohlmeinende Mitmenschen nicht leisten, die immer noch vorgefertigte Bilder von alten Ömchen mit verformten Gelenken als das typische Erscheinungsmuster von Rheuma vor dem inneren Auge haben.
Die Expertise für mich selbst habe ich. Dabei ist es vollkommen wurscht, welchen Namen mein Handicap hat.

Aber weshalb schreibe ich hier in epischer Länge und Breite darüber? Ganz einfach, hier in unserer kleinen Community weiß ich, dass relativ viele von uns recht offen über diverse Baustellen schreiben.

Was mich nun wirklich interessiert, das ist die Frage: wie geht ihr im „Real Life“ mit bewegungseinschränkenden Erkrankungen, mit psychischen Belastungen, Suchterfahrungen, Fatigue, Autismus-Spektrum-Störungen, Krebs, Depression, kreisrundem Haarausfall und allem anderen um, das zu euch gehört wie ein bestens eingetragenes Paar Schuhe (oder auch mit dem, was noch eingelaufen werden muss, um im Bild zu bleiben)? Vor allem dann, wenn euch Unverständnis oder allzu viele „gute Ratschläge“ entgegengebracht werden? Wenn ihr vor Hürden steht, die eigentlich keine sein müssten? Wenn ihr für euch zustehende Rechte kämpfen müsst und euch vorkommt wie Don Quichote?

Denn ich finde es total wichtig, sich in solchen Belangen immer noch weiter zu vernetzen, Aufmerksamkeit (im positiven Sinn) zu erzielen, kurz und knapp „normal“ zu werden in seiner persönlichen Andersartigkeit. Weil unsere Gesellschaft nicht aus uniformierten Lebensläufen besteht. Weil jede/r von uns einzeln wichtig ist und trotzdem ein Herdenwesen bleibt.

Danke euch fürs Lesen und bestenfalls für eine rege Diskussion.

32-16-8

Der Code zum Tresor in meinem Kopf, randvoll gefüllt mit unnützem Wissen aus den 1980er Jahren. Der Tresor, der pickepacke voll steckt mit Songtexten und Erinnerungen an Klassen- oder Jahrgangsstufenfeten, Freitagabend-Diskos auf Schützenfesten oder beim Portaner Stadtfest, an Geburtstags- oder Silvesterpartys. Also lauter Dinge, die Jugendliche von heute zumindest in den letzten beiden Jahren nur vom Hören kennen. Das Gefühl von Euphorie am jeweiligen Abend (und ehrlich gesagt auch mitunter der Katzenjammer am nächsten Tag) gehört natürlich auch dazu.

Ich schätze mal, bei der Zahlenkombination der Titelzeile gibt es einige hier auf der Plattform, die sofort dieselben Assoziationen an Rosies Telefonnummer haben und bei denen zuverlässig das „dü-dü-dü-dü-dü-dü-dü-dü“ des Synthezizers im Hinterkopf anspringt. Bei mir klingt es seit Tagen im Kopf herum und deswegen muss ich jetzt einfach darüber schreiben, auch wenn die Lage vielleicht noch so unpassend für solche Erinnerungen scheint. Damals gab es noch den eisernen Vorhang, den kalten Krieg und die Welt war, zumindest auf den ersten Blick und für uns Jugendlichen aus dem Westen, fein säuberlich in schwarz und weiß oder auch gut und böse aufgeteilt. Aber es war auch die Zeit, in der Nena mit ihren 99 Luftballons inmitten der Neuen Deutschen Welle eine ganz andere Art von Protestsong etablierte.

Unser Protest klang nicht mehr nach Woodstock, Joan Baez oder Bob Dylan. Unser Protest fantasierte vom Abfackeln der Schule, verbreitete Halbwissen über Prostituierte in München oder thematisierte psychiatrische Kliniken. Er brachte uns den Pop-Dadaismus (sowohl aus Großenkneten als auch per Ausflug nach GB mit der Police-Variante „De doodoodoo, de Dadada“) ebenso wie den Sternenhimmel nahe, und überhaupt, der Weltraum: unendliche Weiten wurden entdeckt, mit Major Tom, der leider nicht mehr zurückkam, vielleicht blieb er bei Fred vom Jupiter? Dafür brachte Codo der Dritte uns die Liebe im Sauseschritt, und auf der Erde waren wir verschossen in irgendwelche Sommersprossen, die wir mit einem Knutschfleck übertünchten. Wir gerieten im Tretboot in Seenot und erklommen hohe Berge. Nebenbei steigerten wir das Bruttosozialprodukt, aßen Spaghetti Carbonara und himmelten das Model an.

Irgendwann stellte sich heraus, dass alles nur geträumt war. Wir rieben uns den Sand der Fata Morgana aus den Augen, stiegen vom Leuchtturm herunter und in den Sonderzug nach Pankow. Und hörten irgendwann dann auch wieder ganz normale Musik. Unser damaliger Schulleiter atmete genauso auf wie diejenigen, deren Job es war, vor dem Fetenkeller der Schule „Schmiere zu stehen“ und nachzusehen, ob gestrenges Lehrpersonal um die Ecke kam, weil in der Schule verbotenes, subversives Liedgut abgespielt wurde.

Ende des Kapitels… und ihr so?

Hunderunde

Kalle trauert noch. Es wird zwar weniger, aber er wartet noch häufig am Gartentor, ob Lucy wiederkommt. Ich habe extra ihr Bett nicht weggeräumt, da liegt er auch regelmäßig. Es riecht halt noch nach ihr.

Heute früh habe ich zum ersten Mal wieder mit ihm die lange Runde durchs Feld gemacht, die wir jahrelang zu dritt gelaufen sind, bis Lucy nicht mehr so lange Wege machen konnte.

Blick zurück: Während wir in den Sonnenaufgang gelaufen sind, ging hinter uns der Mond unter.

Weil er ausgiebig frei laufen durfte und einige sehr nette Hundebegegnungen hatte, machte uns beiden der Spaziergang großen Spaß und ich hatte nicht viel Gelegenheit zur Wehmut.

Zuletzt spielte er mit einem jungen Labrador, der ihm ausdauermäßig ebenbürtig war. Da er vorher sämtliche Bäche einem gründlichen Wassertest unterzogen hatte, panierte er sich so richtig schön beim Wälzen im Getreidefeld…

Was soll ich sagen, wer sich dreckig macht, muss auch die Dusche danach akzeptieren. Wobei das nur ein paar Eimer warmes Wasser waren, dann durchrubbeln, der Rest fällt von allein ab, wenn er trocken ist. Wir sind beide keine Freunde von allzu gründlichem Baden oder Hundeshampoo. Und da er bisher bestens damit klarkommt, keine Allergien oder so bekommen hat, ändern wir daran auch nichts.

Zweifel einer Schreiberin

So. Doch geschafft. Selbst ausgetrickst habe ich mich.
Danke an Christiane für die Einladung zu dieser Runde der abc.etüden und ebenfalls danke an Katha für die Wortspende. Und Glückwünsche für die Auszeichnung, sie ist hochverdient, finde ich.

Einen ganzen Roman zu schreiben traue ich mir echt nicht zu. Dabei ist das doch der Traum eines jeden Buchhändlerwesens, gefühlt zumindest. So viel Erzählstoff, dass es für rund 500 Seiten reicht? Niemals schaffe ich es, so lange bei einem Thema zu bleiben. Dafür habe ich viel zu viele ganz unterschiedliche Ideen. Manchmal sind mir ja schon die dreihundert Wörter für die abc.etüden zu viel.
Bei den ganzen Sachen, die rundum passieren, muss ich mich des Öfteren mehr als nur sanft daran erinnern und aufraffen, dass ich dabeibleiben will; dass ich es möglichst schaffen möchte, keine zu verpassen. Dann braucht es schon einen gedachten Tritt in den Allerwertesten. Und manchmal fällt mir auch zu den Wörtern einfach nichts ein. Schwarzes Loch im Hirn. Tilt!
Ich denke dann an die Zeit meiner Gemeindepädagogik-Ausbildung zurück, als wir eine kleine Challenge hatten: Reihum musste jeder von uns eine Andacht halten. Zu einem zugelosten Bibelspruch. Als ob das allein nicht schon herausfordernd genug wäre, dachten sich die anderen im Kurs jeweils drei Wörter aus, die dann in der Andacht untergebracht werden mussten. So kam es dann vor, dass eine Andacht zum Thema „Fischzug des Petrus“ gehalten wurde, bei der Sauerkraut, ein Pinguin und Flipflops eine Rolle spielten. Da sollte es doch kein Problem darstellen, zu drei zufällig ausgesuchten Wörtern eine vollkommen frei ausdenkbare Geschichte zu erfinden, oder?

Aber dann gibt es auch wieder diese Wortkombis, die etwas in mir vibrieren lassen, fast schon wie ein elektrischer Impuls. Wörter, bei denen der Text nur so aus mir herausfließt. Möglicherweise könnte es klappen, wenn ich mir für die Kapitel auch solche Stichwörter per Zufallsgenerator aussuche und die dann einbauen muss? Diese Spur werde ich auf jeden Fall weiterverfolgen. Jetzt gerade bin ich jedenfalls sehr froh, dass diese Überlegungen genau für dreihundert Wörter Inspiration boten. Mission accomplished!

Merci beaucoup. Wenn ich dann mit dem „großen deutschen Gesellschaftsroman“ auf Lesereise gehe, bekommt ihr Etüdenfans alle Freikarten und Autogramme. Wird nur nie passieren, aber träumen darf man ja mal😂

Verantwortung

Symbolbild: Pixabay

Aus aktuellem Anlass frage ich mich, was wir eigentlich meinen, wenn wir fordern, jemand müsse „Verantwortung übernehmen“. Im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe 2021 mussten jetzt (nach langem und unwürdigen Winden) zwei Ministerinnen zurücktreten.

So flott, wie das nach Agenturmeldungen klingt, mag ich das Thema nicht abhaken. Vorab: Ja, ich denke auch, dass beide Rücktritte sein mussten. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass auch Ministerinnen ein Recht auf Familienleben, Urlaub oder Erholung haben. Ich gestehe auch beiden zu, dass sie, wie übrigens ein großer Teil der Bevölkerung, schwierige private Situationen zu bewältigen hatten. Und dass es in beiden Fällen noch dazu so gelagert war, dass diese Frauen trotz ihrer Ämter auch noch einen großen Teil des „Mental Load“ tragen mussten, den Familienleben mit sich bringt. Es geht mir auch nicht darum, dass es eine bittere Erkenntnis ist: Frauen werden an dieser Stelle immer noch anders behandelt als Männer. Denn, Hand aufs Herz: es liegt nicht am Geschlecht, ob jemand aus familiären Gründen von beruflichen Karriereschritten absieht, da gibt es genügend Beispiele. Aber es ist immer noch für Männer einfacher, sich neu in ihren Businessplan einzuklinken, wenn die private Situation es wieder zulässt. Frauen haben dann deutlich öfter „den Anschluss verloren“.

Katastrophal war bei beiden Frauen die Kommunikationsstrategie, die spätestens bei Christian Wulff nicht mehr funktioniert hat: Verdecken, leugnen, lügen, sich winden, scheibchenweise mit dem herausrücken, was sich nicht mehr unter dem Teppich halten lässt. Das ist es, was ich beiden (und ihren PR-Beratern natürlich) ankreide. Dazu das desaströse Bild, dass beide quasi das vermeintliche Ass aus dem Ärmel gezogen haben, gegen das tausende von Frauen sich zur Wehr setzen („Wenn es Spitz auf Knopf kommt, geht Familie vor Amt“), so dass Merz und Konsorten sich die Hände reiben können (mit derselben Begründung übrigens…).

Als Gesamtgesellschaft müssen wir uns daher immer wieder fragen, was wir eigentlich unter „Verantwortung“ verstehen und warum wir Frauen und Männer immer noch mit unterschiedlichen Maßstäben beurteilen. Letzteres dürfte auch heute noch viel mit unserer Sozialisation zu tun haben, es dauert eben mehr als eine Generation, solche gesellschaftlichen Traditionen aus den Köpfen und Herzen zu bekommen.

Was die politische oder auch wirtschaftliche Verantwortung angeht, so frage ich mich schon seit vielen Jahren, warum das meist bedeutet, dass jemand geschasst wird und jemand anderes den Schlamassel des Vorgängers ausbaden muss. Erstens kollidiert das mit meiner Überzeugung, dass man für einen angerichteten Schaden verantwortlich und damit zur Wiedergutmachung oder zumindest zur Schadensbegrenzung verpflichtet ist. Zum anderen ist das doch eine Art Persilschein, wenn ich weiß: „Egal, ob ich Mist baue, ausbügeln muss ich das nicht mehr. Ich bekomme trotzdem eine Pension und kann sicher sein, dass irgendwann keiner mehr dran denkt.“ Mir sträubt sich das Nackenfell, wenn ich an „Managerversicherungen“ und andere nette Annehmlichkeiten denke, die ich als Normalbürger nicht in Anspruch nehmen kann. Es ist auch kein gutes Vorbild für künftige Generationen.

Wo sich aber jeder einzelne von uns immer wieder Gedanken machen und auch an die eigene Nase fassen muss (ich auch):
Welche Erwartungshaltungen haben wir an unsere Repräsentanten? Sind die vielleicht mitunter drastisch zu hoch, könnte das ein Grund sein, warum es zum Beispiel immer weniger Menschen gibt, die sich lokalpolitisch engagieren? Weil wir dort keine Bürger, sondern Übermenschen sehen wollen?
Wie gehen wir mit Wahrhaftigkeit um? Sehen wir sie als Stärke oder doch eher als Schwachpunkt, weil jemand nicht gewieft genug ist, sich am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen?
Wie steht es um unsere Fehlertoleranz? Gestehen wir anderen zu, was wir uns für uns selbst auch wünschen? Einen offenen, ehrlichen und respektvollen Umgang mit Fehlleistungen?
Und vor allem: Sind wir bereit, alles das auch jemandem zuzugestehen, der nicht unseren eigenen Standpunkt vertritt?

In den letzten Jahren zweifele ich zunehmend an Konzepten wie „Political Correctness“ oder auch „Identitätspolitik“, weil wir vor lauter Eifer auf der anderen Seite vom Pferd runterzufallen drohen. Ich verstehe die Intentionen, aber ich empfinde ein großes Unbehagen damit, weil wir dazu neigen, dem Konzept mehr zu vertrauen als den Menschen dahinter. Weil wir vor lauter Bemühen, inklusiv zu werden, schon wieder exkludieren.
Oder, wie meine Mutter früher immer sagte: „Was wir mit den Händen aufbauen, reißen wir mit dem Hintern wieder ein.“

Was wir nach meinem Empfinden deutlich mehr brauchen, für uns selbst und vor allem für andere: Demut und Respekt. Und Vergebung.

Entzückender Dieb

Diese kleine Szene, die ich eben „bewundern“ durfte, hat definitiv meinen Tag erhellt. Als ich in der Küche alle Sachen für den Abwasch bereitstellte und draußen eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm, schaute ich genauer hin und schnappte mir fix das Handy, denn die Kamera lag natürlich mal wieder im Büro.

Aber wer rechnet auch beim Abwasch mit einem hungrigen Eichhörnchen, das die Meisenknödel offensichtlich viel interessanter findet als die bereitgestellten Nüsse. Die Fotos sind zwar durch das starke Heranzoomen und den Blick durch das Fensterglas etwas unscharf, angesichts der Möglichkeit, die akrobatische Einlage für die Ewigkeit festzuhalten, war mir das aber ziemlich egal.

Auch wenn Eichhörnchen es mit den Eigentumsverhältnissen nicht immer so genau nehmen, ich mag die kleinen Räuber.

Wieder mal mit der Bahn unterwegs

Dass ich sehr gern mit der Bahn reise, darüber habe ich vor knapp drei Jahren („Gedanken beim Bahnfahren“) schon geschrieben. Während der Pandemiezeit war das nicht häufig, nur letzten Herbst die Fahrt nach Witten mit Julia und Yvonne, ausschließlich im Regionalexpress. Gestern durfte ich mal wieder das Leben „in vollen Zügen genießen“.

Bei diesem grandiosen Sonnenaufgang habe ich mich von Heiligenhafen verabschiedet…

Mein Startbahnhof war Oldenburg in Holstein. Als ich Kind war, nannte man zwei aneinandergekoppelte Wagen, die in beide Richtungen einen Führerstand hatten, noch „Schienenbus“, und vom Umfang her trifft das auch heute noch zu. Es handelte sich um eine Regionalbahn, die von Puttgarden nach Lübeck und retour fährt.

Ein Gleis. Das wird gleich noch ein Punkt sein. Aber der Reihe nach. Von Oldenburg ging die Strecke über Lensahn, Neustadt (dort fährt der Zug erst an der Abzweigung zum Bahnhof vorbei und rangiert dann rückwärts hinein, weil es ein Kopfbahnhof mit spitzem Winkel ist), Sierksdorf, Haffkrug und Timmendorfer Strand nach Lübeck. An einigen kleinen Bahnhaltepunkten war erkennbar, dass es auch mal mehrgleisige Zeiten gab:

Manche waren, wie auf dem Foto, nur mit Gras bewachsen, andere standen voll mit jungen Birken. Ich fand, das symbolisiert ganz gut die Prioritäten der deutschen Verkehrspolitik seit den 1990er Jahren, es gibt sogar eine Excel-Liste der stillgelegten Strecken, insgesamt 503 an der Zahl! Vor allem kleinere, regional genutzte Abschnitte überall in Deutschland wurden dichtgemacht, zu Draisinenstrecken oder „Nebengleisen“ degradiert oder einfach dem Verfall überlassen. Dabei sind solche scheinbar unwichtigen Streckenabschnitte überhaupt nicht uninteressanter als spektakuläre Hochgeschwindigkeitstrassen (im Gegenteil, man sieht wenigstens etwas von der umgebenden Landschaft) oder Viadukte und Tunnelabschnitte. Bei Haffkrug beispielsweise entdeckte ich mitten im Wald eine Art Wehrturm, richtig wie im Mittelalter, mit Zinnen und aus massivem Sandstein. Und fragte mich, was der dort wohl einmal für eine Funktion hatte… Im Zug waren übrigens sehr viele Studenten und ein paar Rentner. Eine Mutter mit Grundschulalter-Sohn. Und ich.

Aber weiter: In Lübeck hatte ich eine gute Viertelstunde Aufenthalt, der mir vor allem deswegen in Erinnerung bleiben wird, weil eine Halbliterflasche Mineralwasser beim Bäcker weit über 3 (!) Euronen kosten sollte. Die FDP wäre stolz auf diese geschäftstüchtigen Bäcker. Sorry. Der musste jetzt einfach sein.

Ab Lübeck bin ich aufgestiegen in der Hierarchie der Züge: Nach Hamburg fuhr ich in einem Regionalexpress weiter. Auf der anderen Seite im Gang saß ein Paar mit Blindenhund. (Der als offizieller Assistenzhund übrigens keinen Maulkorb brauchte. Ob er wohl wusste, wie gut er dran war?) Wir kamen ein wenig ins Gespräch über die Qualität der Bahn, weil es keine funktionierende Toilette gab. Die Fahrt über Reinfeld und Bad Oldesloe dauert ja auch nur 43 Minuten, das muss man schon aushalten…

So richtig voll wurde es dann in Hamburg, zwischenzeitlich hatte ich übrigens zunächst eine Mail erhalten, dass ich in Hamburg meinen Anschluss wohl nicht erreichen könnte, ein paar Minuten später kam die zweite Mail, dass es doch klappt. Ich stellte fest, dass von den ganzen ICEs, die dort angekündigt waren, kein einziger wirklich pünktlich war. In diesem Fall gut für mich. Kapiert habe ich es dennoch nicht, denn mein RE hatte bloß zwei Minuten Verspätung, ich sollte aber zwanzig Minuten Umsteigezeit haben. Blieben ja noch 18 übrig. Irgendwie rechnet die Bahn anders als der Rest der Welt.
Vor mir stieg eine junge Frau mit Baby im Buggy, dreijährigem Sohn, einer älteren Begleiterin und mehreren großen Koffern sowie Proviantbeuteln ein. Die entschuldigten sich schon im Vorfeld bei mir, dass es etwas länger dauert. Das Problem, ach was sage ich, die Latte an Problemen: 6er Abteil (übrigens dasselbe wie ich, was später noch zu netten Gesprächen führte). Enge Gänge. Kaum Platz für große Hartschalenkoffer (die haben sie dann über den Waggon verteilt irgendwo zwischenlagern müssen, es waren eben so große Koffer, wie man sie braucht, wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist und wer bekommt die denn in zwei Meter Höhe auf die sehr knapp bemessenen Ablagen gehievt…?), geschweige denn für den Buggy. Hatte man es endlich geschafft, den (eigentlich sehr gelenkigen) Buggy durch den engen Gang und die noch engere Abteiltür hineinzubekommen, passte keine Person mehr durch, ohne über die Sitze klettern zu müssen. Außer der kleinen Reisegesellschaft und mir musste aber noch eine junge Frau hineinpassen, die dort einen Platz gebucht hatte. Immerhin konnte ich online einchecken, die Schaffnerin wäre nicht zu mir durchgekommen. Hatte die vielleicht ein Glück!

Die junge Mutter saß neben mir, der kleine Junge hatte mir gegenüber den Fensterplatz und brauchte den gesamten Tisch für seine Reiseverpflegung😁. Die sollte ja schließlich bis Würzburg reichen. Ich musste schmunzeln und dachte: ob mit drei Jahren Zug fahren oder mit zehn im Reisebus auf Klassenfahrt, es macht nicht viel Unterschied. Zehn Minuten, nachdem wir Hamburg verlassen hatten, kam dann auch prompt die Frage: „Wie lange dauert es noch?“😂

Jedenfalls erzählte mir die Mutter, dass sie eigentlich total oft Bahn fährt mit den Kindern, weil es komfortabler sei als beim Fliegen, wo man den Kinderwagen nicht mit in die Kabine nehmen könne. Aber: wegen Corona gibt es weniger Platz in Familienabteilen (Sie meinte, pro ICE gäbe es EIN Familienabteil, und das würde nur an eine einzelne Familie vergeben; wenn das echt so ist, wie will man dann Familien vom Bahnfahren überzeugen???), das ist dann schon herausfordernd. Ich erinnerte mich an eine Bahnfahrt mit Julia und Yvonne, als die beiden noch ganz klein waren. Ich hatte Plätze in einem Familienabteil gebucht, wir reisten mit Rucksack, Buggy (Julia) und Maxi-Cosi (Yvonne); außer mir saßen nur Senioren in dem viel zu engen Abteil und beschwerten sich darüber, dass ich ein Baby wickeln musste😤.
Irgendwie hatte ich gehofft, in den letzten knapp 30 Jahren hätte sich da etwas grundlegend verbessert.

Um das Baby zur Ruhe zu bringen, machte sich die junge Frau mit dem Buggy, den sie mit viel Mühe wieder aus dem Abteil herausrangierte, auf den Weg durch den Zug, die ältere Dame blieb bei dem kleinen Jungen. Ich unterhielt mich angeregt mit ihr, der Lütte schlief irgendwann ein. Wir sprachen über das Anspruchsdenken in der Gesellschaft; über Erfahrungen, die wir in unserer jeweiligen Jugend gemacht hatten, sie im Allgäu, ich in Ostwestfalen, die sich aber teilweise ähnelten, wenn es um das Thema „Heizen einer Wohnung“ ging oder auch „Badetag“ mit Holzofen im Badezimmer. Und über Kirchentage. Es war eine angenehme Fahrt, wenn ich die stickige Klimaanlagenluft ausklammere. Als ich in Hannover ausstieg, sah ich die Mutter mit dem Buggy im Bistro, dort konnte sie neben dem Buggy auch noch ihre eigenen Beine einigermaßen komfortabel unterbringen…

Hannover Hauptbahnhof ohne Menschen, aber mit Hinterlassenschaft

In Hannover stieg ich in den schon bereit stehenden IC, checkte wieder online ein und sinnierte vor mich hin. (Manchmal fühle ich mich so ein bisschen wie eine Eisenbahnphilosophin😂.) Es gibt einiges, was ich seit meiner Kindheit mit Bahnfahrten verbinde, denn damals bin ich zum Beispiel noch mit meinen Eltern per Bahn nach Reit im Winkl in den Urlaub gefahren. Da buchte man die Reise (Personenbeförderung, Gepäcktransport, Shuttle, der damals noch nicht Shuttle hieß, und die Frühstückspension) noch im Reisebüro. Dort bekam man bunte Tickets und ebenso bunte Gepäckanhänger für die Koffer, denn: Tadaaa!!! Es gab am Zug einen Extra-Gepäckwagen! Die Koffer wurden am Bahnhof abgegeben, mit so kleinen Transportflitzern zu den Zügen gebracht und am Zielbahnhof wieder herausgeholt. Was heutzutage nur noch am Flughafen funktioniert, das war auch bei der Deutschen Bahn üblich.
Die Gepäckwagen sind aber nicht das Einzige, was ich vermisse: am allermeisten fehlt mir beim Zugfahren immer frische Luft. (Und mitunter ein funktionierendes WC). Von dieser weichgespülten Kabinenluft werde ich auf längeren Strecken immer ganz beduselt, die FFP2-Maske zurzeit verstärkt diesen Effekt noch. Und nach zwei sturmumtosten Draußen-Tagen sowieso.

Gestern ging mir unterwegs durch den Kopf: bessere Bedingungen für Familien mit Kindern, Tieren und/oder Körperbehinderten, Waggons mit zuverlässig funktionstüchtigen Toiletten und komfortable Umsteigezeiten finde ich persönlich viel wichtiger als einen knapp bemessenen Deutschlandtakt, bei dem alles auf Kante genäht ist. Aber was soll ich von einer Bahn halten, bei der anscheinend nur Männer in Entscheidungspositionen sitzen, welche die Care-Arbeit anderen überlassen, dafür aber alles auf Geschwindigkeit trimmen wollen und bestenfalls dafür sorgen, dass Gadgets wie das Online-Einchecken klappen? Gibt es da überhaupt keine Leute, die solche profanen Alltagssituationen wie oben beschrieben kennen? Ich fürchte nicht. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren…

„Sssänk ju for trävelling wis Deutsche Bahn“.
Ich tu’s trotzdem immer wieder. (Und nehme damit möglicherweise den Veränderungsdruck weg, wie vermutlich viele andere Menschen auch.)

Weite pur

Ein paar Eindrücke vom Wochenende:

Wasser, Wind, Wellen. Das Gefühl von Weite und auch Freiheit, das ist es, was mich immer wieder ans Wasser zieht. Seit Edgar und ich zusammen sind, hat zwar immer mal das Ziel gewechselt: französische Atlantikküste – Mecklenburgische Seenplatte – Schleswig-Holstein – aber Wasser war immer ein Muss. Selbst wenn es mal in die Berge ging mit dem Wohnwagen, stets war ein See dabei: Keutschacher See, Natterer See, Hopfensee oder Pilsensee.

Ich mag auch die ostfriesischen Inseln sehr gern, aber zum Segeln ist die Ostsee etwas einfacher, weil man nicht ständig den Tidenkalender parat haben muss. Dafür hat sie andere Herausforderungen: viele militärische Übungsgebiete und sehr flaches Wasser zwischen den Inseln der dänischen Südsee (auf den Tiefgang achten!). Und reichlich Fährverkehr.

Bei diesem April-Aufenthalt zog das Wetter mal wieder sämtliche Register und machte seinem Namen alle Ehre, das ganze Wochenende herrschte heftiger Westwind. An diesem Wochenende fand auch das Frauen-Skippertraining statt, zu dem ich mich ursprünglich auch anmelden wollte. Wegen meiner Schulter bin ich froh, dass ich es nicht getan habe, ich bin aber ziemlich sicher, dass diese Frauen demnächst bei jedem Wetter mit den Booten klarkommen, denn sie hatten definitiv ein Schwerwettertraining mit im Paket😄.

Für mich war der Kurzurlaub zwar schon am Montagmorgen wieder beendet, während Edgar mit den Mädels noch ein paar Tage bleiben kann, aber ich zeige euch noch ein paar Eindrücke von unserer Wanderung am Sonntag und habe auch noch ein paar Bahnfahrt-Erlebnisse, die ich im nächsten Beitrag erzählen werde.

Die Steilküste zwischen Weissenhäuser Strand und Heiligenhafen ist schon spannend. An einigen Stellen haben bei starker Brandung Surfer ihren Spaß, aber in weiten Teilen ist weder Schwimmen noch Surfen angebracht, weil da einfach riesige Findlinge im Wasser herumliegen. Die Steilküste ist auch Steinküste. Und Brutgebiet für Wasservögel, daher teilweise abgesperrt, damit die Leute nicht die Gelege der Strandbrüter zertrampeln. Dafür haben wir ein bisschen Alm-Feeling bekommen, weil ein Wander- und Radweg mitten über eine Galloway-Weide führt. Sehr hübsche Rinder, sie erinnerten mich an ein Bilderbuch mit dem Titel „Hello, my Name is Betty“ (über eine Highland-Kuh, die auf einen norddeutschen Bauernhof kommt).

Gleich werde ich erstmal ein paar Stunden in der Buchhandlung eckige Ostereier an die Menschheit bringen, den Rest erzähle ich später.

Seeluft schnuppern

Kleine Auszeit. Für mich bedeutet das ein Wochenende an der Ostsee, Edgar bleibt mit den Mädels noch ein paar Tage länger.

Heute ist noch viel Wind, wir werden wohl Heiligenhafen und den Strand wiederentdecken. Im Gegensatz zum April 2021 ist es viel lebendiger, das tut gut.

Ich werde mich gleich mal mit meiner Kamera auf den Weg machen.

MacGyver

https://de.wikipedia.org/wiki/MacGyver

Wenn ich heute früh in die Zeitung schaue, ist der allgemeine Tenor (neben dem Scheitern der Impfpflicht und den neuesten Entwicklungen in der Ukraine) mit einem Wort der MANGEL.

Mangel an Solarmodulen, Mangel an Handwerkern, die die nicht vorhandenen Module auf die Dächer bauen, Mangel an Lieferketten, Sonnenblumenöl, Mehl … und Stahlnägeln😯? Kein Witz, die Titelzeile „Stahl-Nägel gehen aus“ steht über einem kleinen Einspalter, und zwar klagen darüber die Palettenhersteller (da man mit Paletten nicht nur Waren transportiert, sondern auch den Möbelschweden ersetzen kann, ist ja auch die Nachfrage nach Europaletten rasant gestiegen).

Meine Empfehlung: Schaut euch mal sämtliche verfügbaren MacGyver-Folgen an, je nach Altersgruppe und persönlicher Vorliebe entweder die Originale mit Richard Dean Anderson oder auch die Remakes mit Ich-weiß-nicht-wie-er-heißt. Sammelt Paketschnüre, Kaugummis, Gaffa-Tape und tragt immer ein Schweizer Taschenmesser mit euch herum. Wer weiß, vielleicht werden das die demnächst gebrauchten ultimativen Fähigkeiten, aus diesen unscheinbaren Zutaten weltrettende Lösungen zusammenzufrickeln.

Wie heißt es so schön? „Nichts hält so lange wie ein Provisorium“.

Limitiert…

…leider nicht das Tempo, sondern die kognitiven Fähigkeiten.

„Von einer vorübergehenden Senkung halte er nichts.“ oder „Man müsste entsprechende Schilder aufstellen, wenn man das für drei Monate macht, und dann wieder abbauen“
Ich beiße gleich ins nicht vorhandene Verkehrsschild (je nach Geschwindigkeit VZ-Nr. 274-60 bis 274-63, entsprechend Tempo 100 bis 130)!

Wenn das Ganze per Gesetz geregelt wird und ALLGEMEIN gültig ist, braucht es keine Schilder. Und wenn es unbegrenzt gültig ist, erst recht nicht.

Es kostet ein bisschen Hirnschmalz und Debattenzeit, danach die Veröffentlichung, aber es reisst kein Loch in Herrn Lindners Staatssäckel wie die Spritpauschale.
Es bringt einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss, weniger Spritverbrauch, bessere Luft, zeigt den Erdöl-Lieferanten die lange Nase. Und mehr Sicherheit bekommen wir on Top. Außerdem schont es das Nervenkostüm.

Aber ganz besonders nervt mich der letzte Absatz. Gefühlt gibt es nämlich nur noch zwei Parteiklientel, die sich mit Händen und Füßen wehren. Und die spalten nicht die gesamte Gesellschaft, das wünschen die sich nur, dass sie so viel Einfluss haben.
Ich habe vor längerer Zeit mal hier geschrieben, dass ich die FDP trotz allem für eine wichtige Partei halte. Ich distanziere mich in aller Form von dieser Aussage. Was ich retromäßig im Hinterkopf hatte, war die FDP von Genscher, Baum und Leutheusser-Schnarrenberger, nicht die aktuelle viagragepushte Gurkentruppe!

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