Wieder mal mit der Bahn unterwegs

Dass ich sehr gern mit der Bahn reise, darüber habe ich vor knapp drei Jahren („Gedanken beim Bahnfahren“) schon geschrieben. Während der Pandemiezeit war das nicht häufig, nur letzten Herbst die Fahrt nach Witten mit Julia und Yvonne, ausschließlich im Regionalexpress. Gestern durfte ich mal wieder das Leben „in vollen Zügen genießen“.

Bei diesem grandiosen Sonnenaufgang habe ich mich von Heiligenhafen verabschiedet…

Mein Startbahnhof war Oldenburg in Holstein. Als ich Kind war, nannte man zwei aneinandergekoppelte Wagen, die in beide Richtungen einen Führerstand hatten, noch „Schienenbus“, und vom Umfang her trifft das auch heute noch zu. Es handelte sich um eine Regionalbahn, die von Puttgarden nach Lübeck und retour fährt.

Ein Gleis. Das wird gleich noch ein Punkt sein. Aber der Reihe nach. Von Oldenburg ging die Strecke über Lensahn, Neustadt (dort fährt der Zug erst an der Abzweigung zum Bahnhof vorbei und rangiert dann rückwärts hinein, weil es ein Kopfbahnhof mit spitzem Winkel ist), Sierksdorf, Haffkrug und Timmendorfer Strand nach Lübeck. An einigen kleinen Bahnhaltepunkten war erkennbar, dass es auch mal mehrgleisige Zeiten gab:

Manche waren, wie auf dem Foto, nur mit Gras bewachsen, andere standen voll mit jungen Birken. Ich fand, das symbolisiert ganz gut die Prioritäten der deutschen Verkehrspolitik seit den 1990er Jahren, es gibt sogar eine Excel-Liste der stillgelegten Strecken, insgesamt 503 an der Zahl! Vor allem kleinere, regional genutzte Abschnitte überall in Deutschland wurden dichtgemacht, zu Draisinenstrecken oder „Nebengleisen“ degradiert oder einfach dem Verfall überlassen. Dabei sind solche scheinbar unwichtigen Streckenabschnitte überhaupt nicht uninteressanter als spektakuläre Hochgeschwindigkeitstrassen (im Gegenteil, man sieht wenigstens etwas von der umgebenden Landschaft) oder Viadukte und Tunnelabschnitte. Bei Haffkrug beispielsweise entdeckte ich mitten im Wald eine Art Wehrturm, richtig wie im Mittelalter, mit Zinnen und aus massivem Sandstein. Und fragte mich, was der dort wohl einmal für eine Funktion hatte… Im Zug waren übrigens sehr viele Studenten und ein paar Rentner. Eine Mutter mit Grundschulalter-Sohn. Und ich.

Aber weiter: In Lübeck hatte ich eine gute Viertelstunde Aufenthalt, der mir vor allem deswegen in Erinnerung bleiben wird, weil eine Halbliterflasche Mineralwasser beim Bäcker weit über 3 (!) Euronen kosten sollte. Die FDP wäre stolz auf diese geschäftstüchtigen Bäcker. Sorry. Der musste jetzt einfach sein.

Ab Lübeck bin ich aufgestiegen in der Hierarchie der Züge: Nach Hamburg fuhr ich in einem Regionalexpress weiter. Auf der anderen Seite im Gang saß ein Paar mit Blindenhund. (Der als offizieller Assistenzhund übrigens keinen Maulkorb brauchte. Ob er wohl wusste, wie gut er dran war?) Wir kamen ein wenig ins Gespräch über die Qualität der Bahn, weil es keine funktionierende Toilette gab. Die Fahrt über Reinfeld und Bad Oldesloe dauert ja auch nur 43 Minuten, das muss man schon aushalten…

So richtig voll wurde es dann in Hamburg, zwischenzeitlich hatte ich übrigens zunächst eine Mail erhalten, dass ich in Hamburg meinen Anschluss wohl nicht erreichen könnte, ein paar Minuten später kam die zweite Mail, dass es doch klappt. Ich stellte fest, dass von den ganzen ICEs, die dort angekündigt waren, kein einziger wirklich pünktlich war. In diesem Fall gut für mich. Kapiert habe ich es dennoch nicht, denn mein RE hatte bloß zwei Minuten Verspätung, ich sollte aber zwanzig Minuten Umsteigezeit haben. Blieben ja noch 18 übrig. Irgendwie rechnet die Bahn anders als der Rest der Welt.
Vor mir stieg eine junge Frau mit Baby im Buggy, dreijährigem Sohn, einer älteren Begleiterin und mehreren großen Koffern sowie Proviantbeuteln ein. Die entschuldigten sich schon im Vorfeld bei mir, dass es etwas länger dauert. Das Problem, ach was sage ich, die Latte an Problemen: 6er Abteil (übrigens dasselbe wie ich, was später noch zu netten Gesprächen führte). Enge Gänge. Kaum Platz für große Hartschalenkoffer (die haben sie dann über den Waggon verteilt irgendwo zwischenlagern müssen, es waren eben so große Koffer, wie man sie braucht, wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist und wer bekommt die denn in zwei Meter Höhe auf die sehr knapp bemessenen Ablagen gehievt…?), geschweige denn für den Buggy. Hatte man es endlich geschafft, den (eigentlich sehr gelenkigen) Buggy durch den engen Gang und die noch engere Abteiltür hineinzubekommen, passte keine Person mehr durch, ohne über die Sitze klettern zu müssen. Außer der kleinen Reisegesellschaft und mir musste aber noch eine junge Frau hineinpassen, die dort einen Platz gebucht hatte. Immerhin konnte ich online einchecken, die Schaffnerin wäre nicht zu mir durchgekommen. Hatte die vielleicht ein Glück!

Die junge Mutter saß neben mir, der kleine Junge hatte mir gegenüber den Fensterplatz und brauchte den gesamten Tisch für seine Reiseverpflegung😁. Die sollte ja schließlich bis Würzburg reichen. Ich musste schmunzeln und dachte: ob mit drei Jahren Zug fahren oder mit zehn im Reisebus auf Klassenfahrt, es macht nicht viel Unterschied. Zehn Minuten, nachdem wir Hamburg verlassen hatten, kam dann auch prompt die Frage: „Wie lange dauert es noch?“😂

Jedenfalls erzählte mir die Mutter, dass sie eigentlich total oft Bahn fährt mit den Kindern, weil es komfortabler sei als beim Fliegen, wo man den Kinderwagen nicht mit in die Kabine nehmen könne. Aber: wegen Corona gibt es weniger Platz in Familienabteilen (Sie meinte, pro ICE gäbe es EIN Familienabteil, und das würde nur an eine einzelne Familie vergeben; wenn das echt so ist, wie will man dann Familien vom Bahnfahren überzeugen???), das ist dann schon herausfordernd. Ich erinnerte mich an eine Bahnfahrt mit Julia und Yvonne, als die beiden noch ganz klein waren. Ich hatte Plätze in einem Familienabteil gebucht, wir reisten mit Rucksack, Buggy (Julia) und Maxi-Cosi (Yvonne); außer mir saßen nur Senioren in dem viel zu engen Abteil und beschwerten sich darüber, dass ich ein Baby wickeln musste😤.
Irgendwie hatte ich gehofft, in den letzten knapp 30 Jahren hätte sich da etwas grundlegend verbessert.

Um das Baby zur Ruhe zu bringen, machte sich die junge Frau mit dem Buggy, den sie mit viel Mühe wieder aus dem Abteil herausrangierte, auf den Weg durch den Zug, die ältere Dame blieb bei dem kleinen Jungen. Ich unterhielt mich angeregt mit ihr, der Lütte schlief irgendwann ein. Wir sprachen über das Anspruchsdenken in der Gesellschaft; über Erfahrungen, die wir in unserer jeweiligen Jugend gemacht hatten, sie im Allgäu, ich in Ostwestfalen, die sich aber teilweise ähnelten, wenn es um das Thema „Heizen einer Wohnung“ ging oder auch „Badetag“ mit Holzofen im Badezimmer. Und über Kirchentage. Es war eine angenehme Fahrt, wenn ich die stickige Klimaanlagenluft ausklammere. Als ich in Hannover ausstieg, sah ich die Mutter mit dem Buggy im Bistro, dort konnte sie neben dem Buggy auch noch ihre eigenen Beine einigermaßen komfortabel unterbringen…

Hannover Hauptbahnhof ohne Menschen, aber mit Hinterlassenschaft

In Hannover stieg ich in den schon bereit stehenden IC, checkte wieder online ein und sinnierte vor mich hin. (Manchmal fühle ich mich so ein bisschen wie eine Eisenbahnphilosophin😂.) Es gibt einiges, was ich seit meiner Kindheit mit Bahnfahrten verbinde, denn damals bin ich zum Beispiel noch mit meinen Eltern per Bahn nach Reit im Winkl in den Urlaub gefahren. Da buchte man die Reise (Personenbeförderung, Gepäcktransport, Shuttle, der damals noch nicht Shuttle hieß, und die Frühstückspension) noch im Reisebüro. Dort bekam man bunte Tickets und ebenso bunte Gepäckanhänger für die Koffer, denn: Tadaaa!!! Es gab am Zug einen Extra-Gepäckwagen! Die Koffer wurden am Bahnhof abgegeben, mit so kleinen Transportflitzern zu den Zügen gebracht und am Zielbahnhof wieder herausgeholt. Was heutzutage nur noch am Flughafen funktioniert, das war auch bei der Deutschen Bahn üblich.
Die Gepäckwagen sind aber nicht das Einzige, was ich vermisse: am allermeisten fehlt mir beim Zugfahren immer frische Luft. (Und mitunter ein funktionierendes WC). Von dieser weichgespülten Kabinenluft werde ich auf längeren Strecken immer ganz beduselt, die FFP2-Maske zurzeit verstärkt diesen Effekt noch. Und nach zwei sturmumtosten Draußen-Tagen sowieso.

Gestern ging mir unterwegs durch den Kopf: bessere Bedingungen für Familien mit Kindern, Tieren und/oder Körperbehinderten, Waggons mit zuverlässig funktionstüchtigen Toiletten und komfortable Umsteigezeiten finde ich persönlich viel wichtiger als einen knapp bemessenen Deutschlandtakt, bei dem alles auf Kante genäht ist. Aber was soll ich von einer Bahn halten, bei der anscheinend nur Männer in Entscheidungspositionen sitzen, welche die Care-Arbeit anderen überlassen, dafür aber alles auf Geschwindigkeit trimmen wollen und bestenfalls dafür sorgen, dass Gadgets wie das Online-Einchecken klappen? Gibt es da überhaupt keine Leute, die solche profanen Alltagssituationen wie oben beschrieben kennen? Ich fürchte nicht. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren…

„Sssänk ju for trävelling wis Deutsche Bahn“.
Ich tu’s trotzdem immer wieder. (Und nehme damit möglicherweise den Veränderungsdruck weg, wie vermutlich viele andere Menschen auch.)

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

4 Kommentare zu „Wieder mal mit der Bahn unterwegs“

  1. Deinem letzten Abschnitt stimme ich voll und ganz zu! Und mache mir jetzt schon Gedanken darüber, wie ich wohl in einer Woche mit dem Rollator in den ICE nach Hamburg kommen werde, denn behindertengerecht sind die Einstiege in diesen Zug ja auch nicht grade, und dann wieder zurück. Oder ob ich doch statt dem Rollator die Wanderstöcke mitnehmen sollte. Aber mit dem Rolli kann ich halt eigentlich besser laufen als mit den Stöcken, und bräuchte noch dazu mein Gepäck nicht schleppen… 😉

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  2. Ja, da gibt es sicher so Einiges zu verbessern, aber das Positive daran ist doch langfristig gesehen, dass die Bahn wieder Zukunft hat und das wird sich auch wieder in Investments niederschlagen. Ganz sicher

    Gefällt 1 Person

    1. Ich hoffe ja auch immer, dass solcher Optimismus angebracht ist.
      Aber da muss sich vom Kopf her was ändern. Von da, wo der Fisch anfängt zu stinken. Aber nicht mit ehemaligen Politikern oder Fluggesellschaftschefs…

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