Gedankenspiel

Unser Finanzminister hat (neben vielem anderen) sinngemäß gesagt, mit dem 9€-Ticket habe es

  • viele unnötige Fahrten gegeben (Freizeit statt Berufspendeln)
  • wenn es weitergeführt werde, müssten Menschen, die ländlich wohnen und kaum ÖPNV haben, diesen für andere Regionen mitfinanzieren und das sei ungerecht
  • Die Forderung nach bezahlbarem ÖPNV sei „Linkes Framing“

Vor allem letzteres empfinde ich als reichlich unverschämt. Es dürfte genügend Leute geben, die nicht in dieses politische Spektrum passen und trotzdem gern einen guten ÖPNV unterstützen oder sogar darauf angewiesen sind.
Und selbst, wenn das alles so sein sollte: Die Fokussierung auf den Individualverkehr mit dem eigenen Auto/SUV/Porsche bringt seit Jahrzehnten

  • viele unnötige Fahrten, wenn Leute am Sonntag 500 Meter zum Brötchenholen, nach dem Frühstück ins Grüne fahren oder viele Menschen allein im Auto sitzen, statt Fahrgemeinschaften zu bilden – und auch ein künstlich gesenkter Spritpreis trägt ja nicht unbedingt dazu bei, das Auto stehen zu lassen.
  • die Aufteilung des öffentlichen Raumes zugunsten des Autoverkehrs: viel zu niedrige Parkgebühren für Dauerparker (im Allgemeinen ist es in deutschen Städten billiger, sein Auto durchschnittlich 90 % der Zeit ungenutzt in der Gegend rumstehen zu lassen als täglich mit dem Bus zur Arbeit zu fahren) ; alle Menschen, die kein Auto fahren (und das sind Viele!), müssen Platz machen, selbst auf zugeparkten Rad- und Gehwegen ausweichen, sind Verkehrslärm, Gestank und Schadstoffen (die Schwächsten unter ihnen, die Kinder im Kinderwagen/Buggy sogar auf Nasenhöhe) ausgeliefert, und
  • „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist kein Verteidigen der jedem Einzelnen zustehenden Freiheitsrechte, sondern staatlich zugelassener Irrsinn für die armen Raser, die nach einem Auslandsurlaub erstmal wieder so richtig Gas geben müssen, weil das Tempolimit in allen anderen Ländern rundum so deprimierend ist.

Übrigens bin ich in meinem Leben erst einmal geflogen: als Teenager hatte ich einen Rundflug über die Porta Westfalica mit so einem kleinen zweimotorigen Hüpfer gewonnen. Aber ich subventioniere seit Jahren fleißig den Flugverkehr und die Billigflieger, weil es auf Kerosin nach wie vor keine Steuern gibt. Ist das etwa gerecht?

Und warum will mir die „Freiheitspartei Deutschlands“ die Freiheit nehmen , für relativ kleines Geld mit dem Zug an die Küste, in die Berge oder gar in den Harz zu fahren? Die Freiheit, einigermaßen umweltschonend meine Freizeit zu genießen? Gibt es etwa Unterschiede bei der Freiheit? Linke Freiheit, rechte Freiheit, bürgerliche Mittelfreiheit oder gar Mittelklassefreiheit, Proletenfreiheit und Upperclassfreiheit? Sinnbefreite Freiheit? Freiheit ohne Verantwortung? Lieber keine Freiheit als falsche Freiheit?

Ich gehe nicht davon aus, dass dauerhaft 9 € der angemessene Preis ist, um einen guten ÖPNV zu gewährleisten, denn davon können weder die Infrastruktur oder der Personalbedarf bezahlt werden. Aber wenn ein einfaches, gut verständliches Tarifsystem nach dem KISS (Keep It Short and Simple) -Prinzip, eine vernünftige Taktung, funktionierende Technik (sowohl Weichen, Ticketautomaten als auch Zug-WCs und alles andere, was in den Bereich fällt), genügend Personal und Material – und als I-Tüpfelchen auch noch die Unterscheidung zwischen regional (nicht unbedingt Bundesland, sondern eher Umkreis von xx Kilometer) und bundesweit – vorhanden ist, dann darf es auch ruhig mehr sein. Nicht zu vergessen natürlich Platz für Familien mit Kindern, für Reisegepäck, Fahrräder und Mobilitätshilfen (Kinderwagen, Rollstühle/Rollatoren…).

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

7 Kommentare zu „Gedankenspiel“

  1. Ich hatte vorgestern wieder so ein „nettes“ Erlebnis mit der DB: Im Weilheimer Bahnhof hatte man die Bänder für die Zugansagen wohl falsch zusammengesetzt. So wurde permanent per Lautsprecher darauf hingewiesen, dass der Regionalexpress Richtung München auf Gleis 1 einfahren würde. Was waren die vielen Passagiere überrascht, als der Zug dann auf Gleis 3 einher brauste! Er stand dann zwar ein paar Minuten länger als geplant, aber Leute mit Kinderwagen und Behinderte mit Rollator, Gehhilfen oder Rollstuhl konnten, als wir endlich auf Gleis 3 eingetroffen waren, nur mehr hilflos die Rücklichter in der Ferne entschwinden sehen… Vielleicht würden solche Fehler weniger passieren, wenn man das Personal aufstocken und vor allem anständig bezahlen würde. Am Donnerstag war es nur eine falsch zusammengestückelte Bandansage, beim nächsten Mal ist es dann womöglich eine aus mangelnder Konzentration falsch gestellte Weiche. Ich bin seit langem bei jeder Zugfahrt schon höchst gespannt, wohin die Reise mich führen und wann und wie ich am Ziel ankommen werde…

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    1. Aber Personal ist ja, wie wir wissen, vor allem ein Kostenfaktor. Schmälert den Gewinn (welchen Gewinn eigentlich?). Traurig. Ich hoffe, du kommst noch lange Jahre heile an, wenn auch mit Verspätung…

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  2. Ich denke da ähnlich. So eine Art „flat rate“ für Mobilität, nicht zum Ramsch-Preis, aber attraktiv und simple so sollte das sein. Dann lässt sich der Tarif-Dschungel lichten und man muss nicht Unmengen Leute beschäftigen, die das ständig erklären und auch kontrollieren.

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    1. Verblüffenderweise sehen das sehr viele Leute so in der Richtung, aber es scheint irgendwie nicht so richtig zu den maßgeblichen Stellen durchzudringen… Und was die Verkehrsverbünde angeht, stecken wir immer noch knietief in der Kleinstaaterei wie vor 300 Jahren🙄

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