Gepampert und gehelicoptert

Symbolbild: Pixabay

Warum erwarten wir eigentlich, dass „der Staat“ alle Unannehmlichkeiten ausräumt? Genau dieser Staat, der sich doch ansonsten gefälligst nach Möglichkeit aus unserem Leben heraushalten soll. Bei der frühmorgendlichen Zeitungslektüre (online, also samt Leserkommentaren) fiel mir mal wieder etwas auf. Und mir wurde klar, warum ich seit einigen Wochen schon mit Unbehagen herumlaufe, wenn ich manche Wortmeldungen höre:

„Das ist nicht zumutbar mit den Preisen!“ (Wahlweise Energie, Mobilität, Lebensmittel…) ist etwas, das ich seit Beginn des Ukrainekrieges immer öfter höre. Bemerkenswert dabei: die Klage bezieht sich nicht auf so etwas wie – sagen wir mal – horrende Mieten in Ballungsgebieten. Darauf, dass zum Beispiel medizinisches Personal in München knapp wird, weil sich die potenziellen Beschäftigten das Wohnen dort nicht leisten können. Denn wenn für solche Probleme nach Lösungen gesucht wurden, die möglicherweise auch in Richtung Vergesellschaftung von Wohnraum gingen, dann lautete der Aufschrei: „Das ist Sozialismus pur, das wollen wir nicht!“ Das ist jetzt verkürzt dargestellt, aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.

Wird aber der Sprit teurer, das Gas zum Heizen, der Strom, der behagliches Ambiente ermöglicht, das Steak oder der Käse, dann geht es plötzlich jeden an und es wird nach der Regulierung durch den Staat gerufen.

Wir wissen (zumindest theoretisch), dass es nicht weitergehen kann mit ökonomischem Wachstum ins Unendliche, wir wissen ganz praktisch, dass Heilsversprechen von Technologie nur sehr begrenzt hilfreich sind (denn bisher hat sich noch jede Technologie im Nachhinein als nachteilsbehaftet erwiesen), wir wissen eigentlich sogar, dass wir den Zenit überschritten haben und uns bescheiden müssen.
Aber wenn es konkret wird, dann rückt einerseits das St. Florians-Prinzip („Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!“) in den Vordergrund und andererseits haben viele von uns Angst, im Vergleich zu anderen über den Tisch gezogen zu werden.

Und dann vergessen auch Viele, dass sie sich, als es einfach war, aufwärts ging, jede Einmischung des Staates energisch verbeten haben, auf ihre Selbstverantwortung gepocht haben, verächtlich auf jene geschaut haben, die schon die Grenzen ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit (und: ja, manche auch ihrer Leistungsbereitschaft) hinter sich gelassen hatten.

Mir ist durchaus bewusst, dass sehr viele Menschen anpacken, wo es nötig tut, den Gürtel ohne zu mucken enger schnallen, leise und selbstverständlich ihre Ansprüche runterschrauben. Aber es gibt eben auch jene, die laut den Schnabel aufreißen, selbst wenn sie immer noch am oberen Ende der Skala stehen. Sich ans Bein gepinkelt fühlen, wenn eine Handvoll junger Leute ihnen erklärt, dass sie gerade dabei sind, den nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage entziehen und darauf nicht anders antworten können als mit einem verächtlichen „Leiste du erstmal was!“
Und ein wenig verwundert frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass aus einer Gesellschaft, die sich nach dem WW2 mit viel Fleiß, Erfindergeist und Hartnäckigkeit wieder einen guten Ruf in der Welt erworben hatte, eine laute Horde hervorgehen konnte, die jammernd ihren Wohlstandsbauch vor sich herschiebt und anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt.

Sorry. Dystopischer Anfall. Ich habe manches verallgemeinert, aber ein wenig davon tatsächlich als bewusste Provokation. Nicht, weil ich auf alles eine Antwort habe. Sondern weil die Ratlosigkeit mich bald zum Platzen bringt. Wird schon wieder…

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

12 Kommentare zu „Gepampert und gehelicoptert“

  1. Volles Verständnis für deinen Ausbruch. Ich darf aus der Ferne ja nicht mehr urteilen, ziehe meine Einschätzungen aus dem, was ich lese und höre, in offiziellen Medien wie in Sozialen, von Verwandten und Freunden, nicht mehr aus dem eigenen Leben in Deutschland. Deine Punkte treffen Eindrücke, die ich nur schwer formulieren kann. Dir ist es gelungen.
    Hab trotz allem Groll ein erholsames Wochenende, liebe Anja!

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    1. Danke, liebe Anke. Ich weiß gar nicht, ob es Groll ist. Ich würde vermutlich eher „Unverständnis“ sagen, aber doch, irgendwie ist Groll auch treffend. Es geht mir einfach auf den Keks.
      Als Ausgleich bin ich heute Nachmittag bei einem großen Filmprojekt der Jugendlichen in unserer Gemeinde für das Catering unterwegs, das wird mich auf jeden Fall wieder fröhlicher stimmen, da ist viel positive Energie.
      Dir auch ein schönes Wochenende.
      Liebe Grüße!

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  2. Ich verstehe deinen dystopischen Anfall sehr gut. Bei all dem Schreien nach dem Staat vergessen immer wieder sehr Viele, dass jede/r einzelne von uns doch ein Teilchen eben dieses Staates ist. Wir sollten allesamt in diesen Zeiten gefälligst mal zusammen stehen, und jede/r sollte sein/ihr kleines Scherflein dazu beitragen, die Situation zu erleichtern. Und das Motzen, Meckern, Nölen, Anklagen, Beschweren, Hetzen und Hassen sein lassen. Damit wäre schon verdammt viel gewonnen.

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Werner, DANKE! Das hat lange nicht mehr funktioniert, dass ich gleichermaßen betroffen, bestätigt und amüsiert von etwas war. Allein die Vorstellung „Helene Fischer und/oder Weltuntergang“ ist köstlich. Der Abschnitt über die Inflation und ihre Auswirkungen bzw. die andere Sichtweise darauf bringt es sehr gut auf den Punkt, was mein diffuses Unbehagen mir eigentlich sagen will.
      Ironischerweise kam ich eben nach Hause und auf meiner Tastatur lag ein Brief von unseren Stadtwerken mit den neuen, höheren Gaspreisen. Sehr passend.
      Und der Abschnitt über den Corona-Bildband zaubert mir Augenpipi – aber von der schönen, erleichternden Sorte.
      Aber so richtig WUMS hat dieser Abschnitt:
      „Wir sollten nicht vergessen: Am anderen Ufer der hysterischen Infantilität, mit der wir dauernd auf die Krisen einschlagen, stehen grinsend die Populisten, die Autokraten und Diktatoren. Sie freuen sich sehr über unsere Verwirrungen und Angstschwurbeleien. Sie bieten einfache Antworten, die auf Gewalt, Lügen und Nostalgie basieren. Das endet immer in der Katastrophe.“

      Es hilft, alles wieder ein wenig in meinem Kopf zurechtzurücken.
      Liebe Grüße
      Anja

      Gefällt 2 Personen

    1. So empfinde ich es auch. Und gerade, wenn ich in den Nachrichten Bilder aus der Ukraine, Pakistan und anderen Krisengebieten sehe, denke ich immer, wie gut wir es doch haben. Selbst wenn man nicht auf Rosen gebettet ist.

      Gefällt mir

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