Gedanken vor der nächsten Rezension

Vorweg ein paar Überlegungen: Auf dem Buchmarkt bekomme ich hunderte Bücher zum Klimawandel, der Klimakrise, gar der Klimakatastrophe. Je nach persönlicher Meinung, politischer Ausrichtung oder Sympathien für bestimmte wissenschaftliche Sichtweisen kann ich aussuchen, ob ich alarmistische, pragmatische, leugnende oder ausgewogene Literatur aussuche. Wobei: was ist eigentlich ausgewogen bei dieser Thematik? 🤷‍♀️ Ich habe außerdem das Gefühl, nach der angenommenen, weil seit Jahrzehnten bekannten Seriosität der Verlage kann ich auch keine verlässliche Auswahl treffen, denn wen wundert’s: Verlage sind ja nun mal in erster Linie Wirtschaftsunternehmen.

Zunehmend bin ich ratlos, habe ich doch in letzter Zeit ganz unterschiedliche Ansätze und Perspektiven gefunden, bei AutorInnen, die ich einzeln für ihre Expertise schätze, die aber zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Und dabei bin ich schon bei einem großen Problem unserer Zeit angekommen:
Die Weltlage ist innerhalb kürzester Zeit immer unübersichtlicher und unberechenbarer geworden. Ein schier unüberwindlicher Wust aus geopolitischen Interessen, überbordendem Turbokapitalismus, verlangter politischer Korrektheit, Bürokratiemonstern, Wetterkatstrophen, globalen Fluchtbewegungen, Pandemie, toxischer Männlichkeit (immer noch, leider), persönlichen Schicksalsschlägen und so weiter bricht wie ein Tsunami über uns herein. Fühlen wir zumindest. Ein großer Teil davon ist vermutlich nie anders gewesen. Aber in den Zeiten vor Social Media, vor der Vermengung von seriösem, handwerklich gut gelernten Journalismus und ungehemmter Meinungsverbreitung à la „Bürgerjournalismus“, der teilweise auch schon durch vorauseilende Mutmaßungen selbst von anerkannten Nachrichtenportalen orakelhaft durch den Äther geistert, haben wir von dem allermeisten nichts mitbekommen.
Was vor 50 Jahren am Stammtisch kolportiert wurde, wird heute auf Facebook in die Welt gerotzt. Was vor 30 Jahren noch auf dem Marktplatz diskutiert wurde, verstopft heute die Kommentarspalten von Instagram, Twitter und Co.

Was wir in unserer Jugend auf einer Fete im Partykeller der Eltern unter uns ausmachten, posten junge Leute heutzutage auf Tiktok oder SnapChat. Menschen aller Altersgruppen und jeglichen Milieus machen sich überhaupt keine Gedanken, dass etwas, was sie im Rausch oder Höhenflug digital festhalten, auf Ewigkeiten durchs Netz geistern wird.

Dazu kommt noch eine Tendenz, der Wissenschaft zunehmend skeptisch gegenüber zu stehen. Was jahrhundertelanger Konsens war, nämlich die Aufgabe der Wissenschaft (in Abgrenzung zur Aufgabe von Politik und Gesellschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen in konkretes Handeln) wird in Frage gestellt. Das selbstverständliche, das eigentlich jeder Mensch erwartet, nämlich die Anerkennung des erworbenen Fachwissens während der Ausbildung und die Berufserfahrung, wird vielen Wissenschaftlern immer häufiger vorenthalten.

In dieser ganzen Gemengelage wünschen wir uns vor allem eines: Eindeutigkeit. In diesem sehr verständlichen Wunsch driften manche Menschen ab in unterschiedliche Richtungen: die einen in Alarmismus und Weltuntergangsszenarien, die anderen in Verweigerungshaltung, Schmollwinkel und Reaktionismus. Hilfreich ist beides nicht.

Ich frage mich: Wenn wir durch steigende Energiekosten, fragile Lieferketten und kurzfristiges Fehlen der 100. Joghurtsorte anscheinend schon am Rande des Zusammenbruches unserer Zivilisation stehen, was wird das erst geben, wenn wir auch in Deutschland den Anstieg des Meeresspiegels spüren oder der Süßwassermangel der letzten Jahre sich verstetigt. Wenn die Kartoffeln dauerhaft keine Pommesgröße mehr erreichen, die Landwirte ihr Milchvieh nicht mehr in der gewohnten Masse durchbringen können und wir unseren englischen Rasen nicht mehr pflegen dürfen. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind ganz schöne Waschlappen geworden.
A propos. Meine Theorie zu dem Waschlappen-Shitstorm gegen Herrn Kretschmann ist: es war den Leuten unangenehm bewusst, dass er nur das Offensichtliche ausgesprochen hatte. Die längste Zeit ist die Menschheit ohne tägliche Dusche ausgekommen. Dabei fällt mir ein, letztens verstarb der „schmutzigste Mann der Welt“, ein Iraner, der über ein halbes Jahrhundert nicht geduscht hatte. Er war überzeugt davon, dass Sauberkeit ihn krank macht. Tragischerweise starb er ein paar Monate, nachdem er von wohlmeinenden Nachbarn „zwangsgeduscht“ wurde. (Merke: Korrelation ≠ Kausalität)

Augenblicklich lese ich mich (neben dem Klimawandel, der auch zu Wort kommt) wieder durch das 13. Jahrhundert in England und ziehe Vergleiche zu dem, worüber wir heute gern jammern. Ich fürchte, wir wären gnadenlos ausgestorben, wenn damals so viel gemeckert worden wäre. Wir sind schon ganz schön schizophren. Wir schauen uns mit wohligem Gruseln Hollywood-Blockbuster an: Waterworld, Mad Max (I-III), The Day after Tomorrow, Armageddon, Outbreak… und kuscheln uns mit Popcorn und Nachos in den Kinosessel oder das heimische Sofa. Vor dem, was vor unserer Haustür passiert, stecken wir aber oft lieber den Kopf in den Sand.

Nur eins ist sicher: Die Erde kriegt die Kurve, die hat schon ganz anderes überstanden. Die Frage ist halt, ob mit oder ohne uns.

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Du siehst krank aus. Wie geht es dir?“ Antwortet der andere:“ Boah, gerade nicht so gut, ich habe Menschen…“ Darauf der erste wieder: „Du Ärmster, hatte ich auch schon. Das vergeht auch wieder!“

Sorry für die merkwürdigen Gedankengänge, die möglicherweise etwas fiebrig rüberkommen. Wird bestimmt auch wieder besser. Krank sein ist doof.

Autor: Annuschka

Ostwestfälisch beharrlich, meistens gut gelaunt, Buchhändlerin, Ehefrau, Mutter von drei tollen Töchtern, Hundemama, Jugendarbeiterin (in zeitlicher Reihenfolge des Auftretens). Mit vielen Interessen gesegnet oder geschlagen, je nach Sichtweise ;-)

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