Ein entlastender Gedanke

Ich lese gerade als Rezensionsexemplar das Buch Demokratie als Zumutung, werde es auch später noch hier vorstellen. Aber es ist kein Buch, das man mal eben durchhecheln kann. Eher im Gegenteil, alle paar Absätze stoße ich auf Denkansätze, die mir neu oder zumindest nicht bewusst waren. Nicht verwunderlich, denn wenn man in ein Land, ein System hineingeboren wird, macht man sich recht wenig Gedanken darüber, man kennt es von klein auf und wächst intuitiv in die Abläufe und Werte hinein.

Ein bisschen ist es wohl wie in einer Beziehung: solange alles läuft, man sich prinzipiell einig ist, kann man mit den Macken des Partners gut umgehen. Passiert aber etwas, was dieses Grundgerüst stört, findet man auch andere Gewohnheiten, die plötzlich nicht mehr akzeptabel erscheinen (obwohl es sie schon lange gab) und dann muss man sich entscheiden, entweder an der ganzen Sache zu arbeiten oder sich zu verabschieden.

Genau so etwas ist (nicht nur) in Deutschland passiert. Corona, der Klimawandel und jetzt auch noch der Krieg in der Ukraine haben uns mit Wucht offenbart, dass wir doch nicht so in Einigkeit leben, wie es unsere Nationalhymne gerne hätte. Tendenzen, die es während der Finanzkrise und der Flüchtlingswelle schon gab, konnten noch übertüncht werden, aber irgendwann kam für viele ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Und hier kommt jetzt ein Gedanke des Autors zum Tragen, der bei näherer Überlegung geeignet ist, den Druck aus dem Kessel zu nehmen:

Nun könnte man einwenden, dieses Misstrauen gegenüber dem Staat und der Politik sei gerade ein Zeichen für eine »gesunde« Demokratie. Sind nicht die Möglichkeiten, gegen staatliches Handeln Einspruch zu erheben, eine zentrale Errungenschaft der Demokratie? Gegen jeden Verwaltungsbescheid kann man sich gerichtlich wehren. Und die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes soll ja nicht nur dem interessierten, sondern durchaus auch dem misstrauisch-kontrollierenden Blick des Wahlvolkes die freie Sicht auf das Parlament ermöglichen.

Der französische Ideenhistoriker Pierre Rosanvallon nennt diese Mechanismen der Kontrolle und des Einspruchs durch die Bürgerinnen und Bürger die »Gegen-Demokratie«. Jede kollektiv bindende Entscheidung, so seine These, kann wieder durch andere Mechanismen in Frage gestellt werden, durch Gerichte, Petitionen, den Gang zum EUGH. Demokratie und Gegen-Demokratie gehören immer zusammen.

Und in der Tat scheint es wichtig, als Gegenbegriff einer grundlegenden Entfremdung nicht so etwas wie Einklang zu imaginieren: Dass Bürgerinnen und Bürger einerseits und politische Eliten und staatliche Institutionen sich immer auch fremd sind, ist eher ein Zeichen für eine produktive Spannung. Denn ein vollends, ein ganz und gar zufriedenes »Volk« gibt es nur in Autokratien oder Diktaturen. Die Nationalsozialisten plakatierten Hitler-Bilder mit der Unterzeile »Denn Du bist Deutschland.« Eine (ja immer nur imaginierte) Identität von Regierenden und Regierten ist zweifelsohne brandgefährlich. Denn wo es Identität gibt oder diese behauptet wird, entfällt die Vermittlung. Dort kann es keine produktive Spannung mehr geben und daher auch keine Fortentwicklung von Argumenten oder Politikansätzen.

Überall dort, wo populistische Bewegungen behaupten, der leader sei ganz und gar »einer von uns«, ein Mann oder eine Frau »aus dem Volk«, sollte man hellhörig werden.

Eine Spannung zwischen Repräsentierten und Repräsentanten ist also nicht nur erwartbar, sondern sie kann auch produktiv sein. Der Politikwissenschaftler Winfried Thaa spricht in einem sehr einflussreichen Aufsatz von »Differenzrepräsentation«: Es sind gerade die Spannungen, die produktiv sein können, so Thaa. Die populistische Erwartung einer Identität zwischen dem ›authentischen‹ Volk einerseits und den Eliten macht im Umkehrschluss deutlich, worin repräsentative Demokratie auch besteht: aus der Repräsentation von Differenzen.

Der Satz »Ich fühle mich durch die da oben nicht repräsentiert!« wäre aus dieser Sicht zu hinterfragen. Erstens sind Parlamente und Regierungen nicht dazu da, Individuen zu repräsentieren, sondern um eine Vorstellung des Gemeinwohls zu formulieren. Zweitens wäre schon die Erwartung an eine Identität naiv: Entfremdung oder zumindest eine gewisse Fremdheit zwischen Repräsentierten und Repräsentanten besteht nicht nur aus logischen Gründen, sondern ist – in einem gewissen Maße – normativ als Voraussetzung für produktive Spannungen durchaus begrüßenswert.

Felix Heidenreich, Demokratie als Zumutung (Klett-Cotta)

Ein wichtiger Aspekt scheint mir zu sein, dass wir in grundsätzlichen Diskussionspunkten nicht mehr gewohnt sind, uns mit Argumenten anderer, vor allem Andersdenkender, auseinanderzusetzen. Das merke ich auch an mir selbst, obwohl ich es grundsätzlich versuche, mir unterschiedliche Blickpunkte anzusehen. Das ist ein Problem, das uns die Algorithmen des WWW bescheren. Es ist halt nicht nur so, dass uns aufgrund unserer Onlinebestellungen bestimmte Waren angeboten werden, sondern auch Meinungen anhand unseres Such- und Leseverhaltens in den Browser geschwemmt werden. Dass dieses sehr vielen Leuten überhaupt nicht bewusst ist, merkt man an der inflationär gebrauchten Aufforderung: „Googel doch selbst, dann siehst du es!“ Nein, sehe ich nicht. Denn ich suche meist ganz andere Sachen, da bekomme ich dann auch andere Vorschläge. Die Suchmaschinen sind nicht objektiv, sondern responsiv.

Wie auch immer, ich weiß noch nicht, wie es im Buch weitergeht. Ob diese These wiederum auf den Prüfstand gestellt und vielleicht sogar verworfen wird. Ich bin gespannt. Aber als ich den zitierten Absatz heute früh quasi als Nachtisch zum Frühstück las, empfand ich die Sichtweise als entlastend. Und das wollte ich unbedingt mit euch teilen.

Verspäteter Advent

„Meine Damen und Herren, der erste Advent hat heute voraussichtlich 12 Stunden Verspätung. Suchen Sie sich einen warmen und ruhigen Platz, genießen Sie einen Tee oder Kaffee und greifen zum selbstgekauften Spekulatius. Wir bitten herzlich um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, der stressige Alltag ist unvorhergesehen auf der Strecke liegengeblieben. Die finale Ankunft von Weihnachten wird von der Verzögerung nicht betroffen sein. Wir wünschen trotz aller Unannehmlichkeiten einen guten Start in die Adventszeit.“

So oder ähnlich hätte ich den Tag beginnen können. Wobei, so unvorhergesehen war das mit dem Alltag nicht. Es sind so viele unterschiedliche Dinge, die mich in den letzten Tagen und Wochen beschäftigten, es war eher eine Verspätung mit Ankündigung. Vor ein paar Jahren hätte das noch einen mittleren Nervenzusammenbruch bedeutet, aber ein ganz kleines bisschen Altersweisheit scheint sich doch bei mir breitzumachen. Denn seit einiger Zeit habe ich immer weniger Probleme damit, die Zeit des Advent langsam anzugehen und mich auf das Warten nicht nur einzustellen, sondern sogar die langsame Steigerung – na ja, nicht gerade zu genießen – aber für meine Begriffe gelassen hinzunehmen.

Immerhin habe ich die Kisten mit der Deko schon seit einigen Tagen im Wohnzimmer stehen und gestern auch die (noch leere) Krippe aufgestellt. Übrigens eine Krippe aus alten Obstkistenlatten, auf einer Sperrholzplatte. Beim Krippenpersonal fehlt einem Schaf ein Bein, ich gebe mir immer Mühe, es so aufzustellen, dass es eine Stütze hat. Alles in Allem verbildlicht das Ensemble unsere kaputte Welt in meinen Augen ehrlicher als eine prächtige, vielleicht sogar mit Blattgold belegte Kulisse. Ich mag sie und sie ist der erste Schritt für mich, in die „besinnliche“ Zeit hineinzufinden.

Ich wünsche euch einen gesegneten und friedvollen ersten Advent, in dieser Zeit erst recht.

Ehe die Adventszeit losgeht

möchte ich den letzten Eintrag meines Vorjahresadventskalenders einmal in Erinnerung rufen. Weil wir Buchhändlerinnen in den allermeisten Fällen ausgesprochene „Weihnachtselfen“ sind und ganz viel Liebe für Buchgeschenke mitbringen.

Weil Bücher immer noch die Welten sind, die wir uns selbst eröffnen. Egal, ob wir uns den Krimi im Kopf gerade so blutig vorstellen können, wie wir es ertragen, ob wir uns auf Nordsee-Inseln in eine heile Welt träumen, mit Pippi Langstrumpf, dem Grüffelo oder den drei Fragezeichen Abenteuer erleben, Sprachen lernen, etwas über die Welt von vor-vor-vorgestern erfahren wollen …

Weil Buchhändler den Beruf ausüben, den sie lieben, auch wenn man damit nicht ins All oder gar zum Mars fliegen kann, weil man sich eine goldene Nase verdient.

Weil man bei uns in den Buchhandlungen zum Buch auch noch eine gute Flasche Wein, einen leckeren Tee oder sündhaft gute Schokolade kaufen kann und die Geschenke ohne viel Chichi nachhaltig verpackt werden.

Weil wir zur Hochform auflaufen, je näher Weihnachten kommt.

Weil wir Menschen mögen, die Bücher lieben.

Black Friday mit Ohrwurm

Ich muss heute unbedingt mal ein bisschen albern sein. Seit gestern habe ich einen Ohrwurm, irgendwie kamen wir beim Mittagessen auf den Song, den unsere Tochter dann erstmal zum Besten gegeben hat. Wir hatten alle viel Spaß dabei und ich finde, er passt als Gegenpart zum heutigen „Black Friday“, an dem ich bereits frühmorgens mit Sondernewslettern bombardiert werde und mit stoischer Ruhe einen nach dem anderen wieder lösche.

Ich präsentiere:

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Kathrin und ich gemeinsam in jeden neuen Bibi & Tina-Film gingen, am liebsten an Neujahr, wenn es passte, weil wir versuchen, jedes Jahr mit einem Kinofilm zu beginnen. Es war jedes Mal eine spaßige Gelegenheit, die auch andere Mutter-Tochter-Gespanne oder Teeniegrüppchen wahrnahmen. In bester Disneymanier boten die Filme für alle Altersgruppen von Familien harmlose, aber witzige Unterhaltung. Geschenkt haben wir uns nur den neuesten Film, weil hier die Besetzung geändert wurde und wir uns das nicht so recht vorstellen konnten.

Ansonsten ist mir gerade eben die bisher erfolgsversprechenste Idee gekommen, wie ich dieses Jahr den Adventskalender hier auf dem Blog gestalten könnte. Manchmal brauche ich einen gewissen Druck, um in die Puschen zu kommen🙈.

Endgame – Apokalypse (now?)

Endzeitstimmung? Symbolfoto: pixabay

Lesungs- und Predigttext des gestrigen Ewigkeitssonntages beschäftigen mich immer noch. Die Texte aus der Offenbarung und dem Markus-Evangelium über die Endzeit der Menschheit und die Wiederkunft Christi lesen sich lange nicht so aktuell wie in diesem Jahr.

Der Lesungstext aus der Offenbarung Kapitel 21 war immer ein Text, der mir Hoffnung geschenkt hat:

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. 2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam. 3 Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. 4 Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.« 5 Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch, ich mache alles neu!« Und mich forderte er auf: »Schreib auf, was ich dir sage, alles ist zuverlässig und wahr.« 6 Und weiter sagte er: »Alles ist in Erfüllung gegangen. Ich bin der Anfang, und ich bin das Ziel, das A und O. Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken. 7 Wer durchhält und den Sieg erringt, wird dies alles besitzen. Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Kind sein.

https://www.bibleserver.com/HFA/Offenbarung21

Vor allem der Vers 4 ist der ultimative Trostgedanke. Wir werden alles, was uns in unserem Leben Leid und Schmerz bereitet, überwinden. Aus, vorbei, vielleicht nicht mal mehr eine Erinnerung wert, wird alles sein, was uns Kummer bereitet: Krankheit, Krieg, Klimawandel. Die modernen drei K’s, nicht nur für Frauen. Schade eigentlich, dass dafür erst alles den Bach runtergehen muss, denn es ist ja eine grundsätzlich sehr schöne Lebensumgebung, die wir drangeben müssen. Aber wir wissen natürlich nicht, wie es danach aussehen wird, bis auf die Bilder, die uns das 21. Kapitel der Offenbarung weiter liefert: Gold, Kristallglas, Edelsteine, Perlen etc. sehen aus unserer Sicht doch recht nach Großkapitalismus aus. Sie sind allerdings symbolisch für kostbare und seltene Dinge zu sehen, denn als das Buch der Offenbarung geschrieben wurde, wurden diese Schätze noch nicht im großen Stil mit industriellen Mitteln wie heutzutage gefunden und geschürft. Damals waren sie wirklich noch sehr besonders.

Ganz anders klingt der Predigttext, viel alarmistischer und drängender:

32 »Doch niemand weiß, wann das Ende kommen wird, auch die Engel im Himmel nicht, ja, noch nicht einmal der Sohn. Den Tag und die Stunde kennt nur der Vater. 33 Darum haltet die Augen offen und seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann es so weit ist. 34 Es wird dann so sein wie bei einem Mann, der vorhat, ins Ausland zu reisen. Bevor er sein Haus verlässt, überträgt er seinen Dienern die Verantwortung: Er weist jedem eine bestimmte Arbeit zu und befiehlt dem Pförtner, wachsam zu sein. 35 Genauso sollt auch ihr wach bleiben. Ihr wisst ja nicht, wann der Hausherr kommen wird, ob am Abend oder um Mitternacht, im Morgengrauen oder nach Sonnenaufgang. 36 Wenn er plötzlich kommt, soll er euch nicht unvorbereitet und schlafend antreffen. 37 Was ich euch sage, gilt auch für alle anderen Menschen: Ihr müsst immer wachsam und bereit sein!«

https://www.bibleserver.com/HFA/Markus13

Seid wachsam! Zur Zeit des Lebens Jesu Christi und auch in den Jahren nach seiner Kreuzigung lebten die Menschen in der sogenannten Endzeiterwartung. Sie gingen felsenfest davon aus, dass sie die Wiederkunft erleben würden. Voraussagen in die glorreiche Zukunft der Menschheit gab es nicht. Das Volk Israel lebte unter der römischen Besatzung, sie waren zum Teil fremdbestimmt, auf jeden Fall gab es mit der Herrscherdynastie des Herodes Marionettenkönige. Technologie als Zukunftsvision war unbekannt. Wachsamkeit war überlebenswichtig.

Und wir heute? Wir leben, als müsse alles ewig weitergehen. Alles Mögliche verschieben wir in die Zukunft:
– wenn ich in Rente bin, werde ich reisen…
– in 10 Jahren wird es eine Technologie geben, die das überflüssige CO2 aus der Atmosphäre holt
– in Zukunft wird die Menschheit sich anpassen an die neuen Gegebenheiten
– oder das Credo der Nachkriegsgeneration: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben

Es gibt da nur ein paar Störfaktoren in dieser Zukunftsmusik: einige Gruppen von Aktivisten, die ähnlich wie die ersten Christen in der Erwartung der Endzeit leben, allerdings nicht in der Erwartung der schönen neuen Zeit, sondern zunächst einmal in der Überzeugung, die Katastrophen und die Apokalypse, die alledem vorangehen werden, stehen unmittelbar bevor: Kriege, Erdbeben und andere Naturkatastrophen, Fluchtbewegungen, Verleumdung, Hassrede, Verrat, falsche Propheten. Aber sind sie deswegen nur weltfremde Spinner und Chaoten? Ich denke nicht. Im Angesicht großer Ängste reagieren manche Menschen mit der Verleugnung von Gefahren, andere mit anscheinenden Überreaktionen.

Denn das alles klingt nicht sooo abwegig und fremd, so gegen Ende des Jahres 2022. Aber: in Wellen war die Menschheit schon immer mal wieder davon überzeugt, unmittelbar vor dem Untergang zu stehen.
Die Wahrheit ist: Keiner von uns weiß es genau, niemand kann es vorhersagen, es kann sein, es kann aber auch noch ein Zeitalter weitergehen.

Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist doch eher: Wie verhalten wir uns angesichts der Unwägbarkeiten?
Lassen wir die Sau raus, volle Kanne in den Untergang, keine Panik auf der Titanic (auf der bis zuletzt Party und Musik war)?
Oder gehen wir in Sack und Asche, geißeln uns, ziehen das Büßerhemd an?

Mir persönlich sind diese beiden Extrempositionen fremd und daher keine Optionen. Ich ziehe es vor, im Angesicht der Ungewissheit ein gutes Leben zu führen. „Gut“ heißt für mich in dem Zusammenhang: möglichst ressourcenschonend, nach Möglichkeit niemandem unbedacht wehtun, keinen groben Unfug veranstalten und hoffentlich inspirierend sein für einige Menschen in meinem Umfeld. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite „vom Pferd fallen“ und noch ein wenig Geduld und andere Skills lernen.

Und auch wenn es altmodisch klingt: Ich möchte mir mein Grundvertrauen nicht nehmen lassen. Mein Vertrauen in die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Mein Vertrauen in das politische System unseres Landes (das trotz aller Luft nach oben halt auch nicht das Schlechteste ist). Mein Vertrauen, dass es Institutionen und Menschen gibt, die es gut und ehrlich meinen, mich nicht über den Tisch ziehen oder alles aus mir rauspressen wollen. Vertrauen auch in meinen Glauben, dass noch etwas Großes auf mich wartet, dass ganz am Ende keine Tränen mehr sein werden. Nicht blauäugig (obwohl ich blaue Augen habe), aber hoffnungsvoll. Ich möchte die Hoffnung auf keinen Fall verlieren. Denn sie ist es, die das Leben lebenswert macht.

Ich mag

Während ich die Überschrift tippe, fällt mir ein, dass es ein Lied von Rolf Zuckowski gibt mit diesem Titel. Was einem halt als Muttertier einfällt, zu vollkommen unpassenden Zeiten. Wie so alte 80er-Jahre Fetensongs, die sich immer mal wieder ungebeten als Ohrwurm einnisten, wenn das richtige Stichwort kommt. Ob nun eisgekühlter Bommerlunder, Black Betty oder 99 Luftballons. Sorry, ich schweife ab, aber ihr sollt schließlich auch etwas davon abbekommen😉.

Also, zurück zum Thema: Es gibt vieles, das ich mag. Und ebenso vieles, das ich überhaupt nicht leiden kann.
Ich mag die Provence, den Duft von Lavendel, warmen Wind vom Meer auf der Haut, Tapenade …, aber mir gruselt es vor schlabberigen Austern, Kopfschmerzen durch Mistral und Taschendieben im Gedränge südfranzösischer Altstädte.
Ich mag Cappuccino, Gelato und Pasta, aber mir kann die Mafia und das stinkige Müllproblem von Neapel gestohlen bleiben.
Ich mag die Appalachen und würde dort gern mal wandern gehen. Ich mag die Weite des amerikanischen Westens, die Hippiestädte Kaliforniens und würde auch gern mal im Central Park in New York Schlittschuhlaufen. Aber ich bin abgestoßen von Trump, Vertretern des Wohlstandsevangeliums und dem Waffenfetischismus in den USA.
Ich lebe gern in Deutschland, finde die vielfältigen Landschaften und Dialekte genial (auch wenn ich nicht alle verstehe) und auch manches Brauchtum, aber ich finde es vermessen und abartig, wenn einige Mitbürger anderen das Existenzrecht in unserem Land absprechen, ewiggestrige Parolen grölen und meinen, bestimmen zu dürfen, wer oder was „Deutsch“ ist.

Ich bin fasziniert von dem irre großen Land Russland, das sich über verschiedene Zeit- und Klimazonen erstreckt, der „russischen Seele“ mit ihrer Melancholie, gerade auch in der Literatur, der abwechslungsreichen Geschichte und vielen warmherzigen Menschen, aber ich kann es einfach nicht begreifen, wie eine machtgierige Elite dieses Land und seine Menschen mit üblen Methoden regiert und dann auch noch ein Nachbarland überfällt.
Ich ziehe den Hut vor Chinas reichhaltiger Kultur, grandiosen Leistungen wie der chinesischen Mauer, Erfindergeist und sogar der Selbstdisziplin sehr vieler Menschen dort, aber ich verurteile, wie sehr der Grad der Überwachung und das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung dort das tägliche Leben bestimmt.

Und so gibt es sehr vieles, das ich überall in der Welt und auch vor meiner eigenen Haustür faszinierend oder spannend finde, das ich bewundere, dem ich vielleicht sogar nachzueifern versuche. Aber ebenso gibt es auch überall, sogar in meinem persönlichen Umfeld, immer mal wieder Facetten, die ich schwer ertrage, Verhaltensweisen, denen ich nicht zustimmen kann und anderes, das mich abstößt.

Es gibt Menschen, die ich schätze, die aber schwer zu verdauende Äußerungen tätigen, und es gibt Menschen, die ich absolut nicht mag, aber auch die sagen mitunter Dinge, die ich bejahe. Und anderen geht es mit mir ähnlich. Das alles sollte eigentlich ganz normal sein, aber es macht mich in der letzten Zeit zunehmend verrückt, dass diese ganzen vielen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen unsere Realität besteht, erst übertüncht werden und dann das entstandene Bild in zwei Teile zerbrochen wird. In Schwarz und Weiß, in Dafür und Dagegen, Heiß und Kalt, Links und Rechts, Oben und Unten, Gut und Schlecht (oder sogar „teuflisch“). Es ist eine Verengung, die das Leben manchmal anstrengender macht, als es sein müsste. Es beschränkt uns und unseren Ideenreichtum. Es macht uns mürbe. Es ist manchmal echt frustrierend.

Ich bin verwirrt.

Winterzauber in den Dünen

|Werbung, unbezahlt|

Kleine Auszeit gefällig? Etwas Winterromantik? Aber bitte nicht die x-te Liebesgeschichte mit jungem, knackigen Personal?

Ja, das geht. Anja (witzig, den eigenen Namen ständig im Buch zu lesen) ist seit zwei Jahren Witwe, trauert noch immer und stößt deswegen auf Unverständnis. Als es nicht klappt, sich durch immer mehr Arbeit abzulenken, sondern sie im Gegenteil in eine tiefe Krise gerät, nimmt sie sich über Weihnachten eine Auszeit , und dann auch noch auf Juist, wo sie als Abiturientin ihre erste Liebe erlebte.
Im Gästebuch des Hotels findet sie einen Eintrag, der ihr verrät, dass Thomas, der Gegenstand dieser Liebe, vor kurzem ebenfalls dort im Urlaub war. Kurzerhand sucht und findet sie seine Kontaktdaten und schreibt ihm. Daraus entwickelt sich eine rege Korrespondenz, denn auch Thomas lebt allein, nachdem einige Jahre vorher seine Ehe gescheitert ist und die Söhne erwachsen wurden.

Keiner von beiden ist sich sicher, was sich hier entwickelt. Schmetterlinge im Bauch mit Ende 50? Kann und darf man sich in diesem Alter noch einmal verlieben? Und wie soll das funktionieren, mit Falten, Zipperlein und dem einen oder anderen Kilo zu viel auf den Rippen? Fragen über Fragen. Kein Wunder, dass es bei den Mails zu Missverständnissen kommt, zumal Anja durch ihr Engagement für ein kleines Mädchen und dessen Tante mit Beschlag belegt wird und Thomas‘ Exfrau plötzlich auf ein Liebescomeback hofft…

Mir hat das Buch gefallen, es bietet ostfriesisches Inselflair, vorweihnachtliches Wetter und eiert auch nicht um die Fragen herum, die man sich im etwas fortgeschrittenen Alter bezüglich seiner Attraktivität und Anziehungskraft durchaus mal stellt. Abwechselnd Selbstzweifel und Überschwang der Gefühle sind eben keine Privilegien der Jugend. Und irgendwann ist Frau einfach damit durch, sich Gedanken über Kinderwunsch, die Alternativen Liebe oder Karriere und andere Themen zu machen, die mit Mitte/Ende 20 tatsächlich noch wichtig sind. Aber es bietet eine willkommene Ablenkung von allem, was unser Leben augenblicklich so unübersichtlich macht, und das ist in diesen Tagen manchmal einfach notwendig.

Bibliographische Angaben: Felicitas Kind, Winterzauber in den Dünen, Piper Taschenbuch, ISBN 978-3-492-31750-4, € 12,-

Recht und Ordnung?

Vorweg: Ich glaube grundsätzlich daran, dass wir in einem Land leben, in dem die Demokratie funktioniert, wir meist schlüssige Gesetze haben und auch im Großen und Ganzen angemessene Sanktionen gegen Straftäter ergriffen werden.

Aber manches bringt mich momentan ins Grübeln. Aktuell ist es ein sehr mulmiges Gefühl, wie zwiespältig das Rechtsempfinden gehandhabt wird. Ich weiß zu wenig über die konkreten Fälle und möchte deswegen nicht im großen Stil herumkrakeelen, aber ich empfinde ein gewisses Ungleichgewicht. Die Aktion der „letzten Generation“ in Berlin ist wirklich nicht das, was meine bevorzugte Protestform darstellt, aber den Klimaaktivisten hier eine Nähe zum Terrorismus zu unterstellen, weil Autofahrer im Stau keine Rettungsgasse gebildet haben, finde ich schon sehr gewagt. Wenn ich in Städten mit dem Auto unterwegs bin, gehören Staus aus ganz unterschiedlichen Gründen zum „Normalbild“. Ob Lieferwagen in der zweiten oder sogar dritten Reihe, die Müllabfuhr, Rettungseinsätze, Unfälle, Fahrer, die Kreuzungen blockieren, weil sie bei Grün einfach fahren, ohne darauf zu achten, ob sie aus dem Kreuzungsbereich auch wieder rauskommen, Feierabendverkehr, Baustellen, … Gründe gibt es reichlich. Mir ist aber in diesen ganzen alltäglichen Situationen noch nie aufgefallen, dass Rettungsgassen gebildet wurden oder auch nur möglich wären, weil ich oft das Gefühl habe, wenn ich jetzt die Kofferraumklappe öffne, fährt mir mein Hintermann da rein. Und wenn ich schonungslos ehrlich bin, im alltäglichen Stau verhalte auch ich mich nicht immer so, dass ich mit einem kühnen Schwenk sofort aus dem Weg fahren könnte. Weil diese Staus so allgegenwärtig sind, dass sie uns wie der Normalzustand vorkommen. Wir denken im Allgemeinen überhaupt nicht darüber nach.

In Bayern ist es aufgrund eines Gesetzes möglich und wird zurzeit auch angewendet: da sitzen Klimaaktivisten für dreißig (!) Tage präventiv im Gefängnis, weil die Möglichkeit besteht, dass sie sich nach ihrer Freilassung wieder auf die Straße kleben. Das wirft gleich mehrere Fragen auf: Wenn diese Leute nach einem Monat wieder rauskommen, sind die dann so „geläutert“, dass sie auf derartige Aktionen verzichten? Glaubt das ernsthaft irgendjemand? Oder werden sie dann eben gleich wieder eingebuchtet? Warum wird dieselbe Regel nicht angewendet, wenn irgendwelche Idioten Brandsätze auf Politikerbüros oder Flüchtlingsunterkünfte werfen? Und warum müssen sich andererseits Frauen, die gestalkt werden, immer wieder anhören, dass die Polizei machtlos sei, solange „nichts passiert“. Wobei es schon ein Hohn ist, wie die Definition für „nichts passiert“ lautet, denn Psychoterror ist alles, aber nicht „nichts“! Natürlich gibt es die Unschuldsvermutung. Und es ist grundsätzlich richtig, dass nicht jeder einfach in den Knast wandern darf, weil er seiner Ex mit einem Messer auflauern könnte. Aber mit welcher Begründung dürfen dann Menschen verhaftet werden, die sich eines Eingriffes in den Straßenverkehr strafbar machen könnten? Ist das Grundrecht der unbestimmten Masse „Verkehrsteilnehmer“ höher zu bewerten als das Grundrecht von ganz konkreten Frauen und Kindern auf körperliche und seelische Unversehrtheit oder das Recht von Flüchtenden auf eine sichere Unterbringung? Ich verstehe den Unterschied nicht so wirklich.

Wenn ein Spitzenpolitiker sich weigert, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, um ein Minimum an Klimaschutz zu gewährleisten, dann gibt es möglicherweise ein halbgares „Du Du!“ Er bleibt im Amt, er bekommt sein Gehalt, Zulagen und später seine Pension. Persönliche Folgen: Fehlanzeige. Ebenso wie Spitzenmanager, die eine Firma an die Wand fahren. Vielleicht bekommen sie ein Problem, wieder einen adäquaten Job zu finden, solange kein Gras über die Sache gewachsen ist, aber ansonsten gibt es keine Konsequenzen. Dafür sorgen Manager-Versicherungen, die bei krassen Fehlentscheidungen einspringen. Während Solo-Selbständige oder viele mittelständische Arbeitgeber mit ihrem Privatvermögen haften und im schlimmsten Fall zeitlebens nicht mehr auf die Füße kommen.

Es wird Gründe geben für diese Diskrepanzen, sie mögen sogar mitunter sinnvoll sein, aber mindestens eines läuft ganz gewaltig schief: Die Kommunikation. Wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass manche gleicher sind als der Rest, dann entstehen Probleme. Gewaltige Probleme, die wir als Gesellschaft uns nicht leisten können. Denn im Endeffekt steht viel mehr auf dem Spiel als Befindlichkeiten von einzelnen Personen oder Gesellschaftsgruppen. Viel mehr als Kernkraft ja oder nein. Mehr als Bürgergeld oder Hartz. Mehr als Gendern oder nicht. Oder was auch immer gerade kontrovers diskutiert wird. Wir verlieren uns auf Nebenschauplätzen, weil es uns unerträglich scheint, uns mit dem eigentlich Wichtigen zu befassen. Aber wenn wir im Grundsatz unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung erhalten wollen, dann müssen wir anfangen, uns gezielt von Gewohnheiten verabschieden, die zwar bequem sind, aber auf Dauer die Lebensgrundlagen zerstören. Denn mit zunehmenden Unsicherheiten in eben diesen Grundlagen kommen autoritäre und populistische Demagogen umso schneller zu ihren Zielen. Das kann sich niemand ernsthaft wünschen. (Nur ein Beispiel: wer sich hier noch immer in einer „Corona-Diktatur“ wähnt, der blicke doch mal ins Reich der Mitte, wo ein Husten eines Menschen ausreicht, um Tausende auf unbestimmte Zeit in überwachte Quarantäne zu verfrachten…)

Land(wirtschaft) II

Zurück zu mir. Ich habe hier im Umkreis viele Möglichkeiten, versuche auch, sie zu nutzen, aber natürlich gelingt mir das nicht immer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Für einige Angebote muss ich mich bewusst ins Auto setzen und eine längere Strecke fahren. Das versuche ich dann so zu legen, dass keine Einzelfahrten entstehen, sondern in der ungefähren Richtung mehrere Besorgungen anliegen. Die Landwirte beziehen teilweise auch schon solche Überlegungen der Kundschaft mit ein, indem sie untereinander Waren tauschen und in den Hofläden so eine breitere Auswahl anbieten. Rind und Schwein kommen sowieso nur noch selten auf den Tisch. Da kaufe ich dann sehr gezielt ein (beim Rind ist das dann immer eine Kiste mit allem, was das Tier so hergibt). Manchmal fehlt es an der Zeit, da muss der Einkauf „zwischen Suppe und Kartoffeln“ stattfinden – ja und manchmal ist auch ein bisschen Ebbe im Portemonnaie.
Anspruch und Wirklichkeit passen also nicht immer deckungsgleich übereinander. Aber das Bewusstsein ist da, die Auseinandersetzung mit dem, was auf den Tisch kommt oder auch nicht, die Überlegung, wo unser Essen eigentlich herkommt. Wir kochen kleinere Mengen, unsere Tochter nimmt am nächsten Tag Reste als Schulessen mit (die kalkuliert sie an ihren Kochtagen gleich mit ein). Oder wir kochen gleich im ganz großen Stil und frieren portionsweise ein. Bei Rot- und Grünkohl mache ich das ebenso wie bei Gulasch und Eintöpfen. Ich habe inzwischen auch verschiedene Kellen, die sich sehr gut zum Abschätzen der Portionsgrößen eignen, ein Übrigbleibsel aus der Kinderfreizeitphase.

Ich backe öfter selber Brot und Brötchen, taste mich an neue Rezepte heran und mache auch das eine oder andere selbst. Marmelade zum Beispiel, schon seit jeher und aus Überzeugung. Auch Joghurt und Frischkäse kommen ab und zu aus Eigenproduktion auf den Tisch. Oder Soßenbasis aus Knochenbrühe oder Suppengemüse. Demnächst möchte ich Truthahnsauerfleisch ausprobieren.
Bei alledem versuche ich aber vor allem, eine Balance zu finden: wenn ich fertige Lebensmittel einkaufe, sind viele Produktionsschritte zwar maschinell, aber effizient. Und damit ist die Herstellung oft energiesparender, es sei denn, wir legen hier zum Beispiel einen Backtag ein, an dem der Backofen nicht nur für zwei Bleche Plätzchen aufgeheizt wird, sondern nacheinander Brot, Brötchen, Kuchen und vielleicht zum Abendessen noch ein Auflauf gebacken werden.

Den eigenen Sauerteig zu pflegen ist auch nicht ohne Herausforderung in Zeiten, wo die Heizung öfter mal im Absenkmodus ist. Da wird sich noch zeigen, was diesen Winter sinnvoll ist.

Und damit bin ich am nächsten Punkt: Was für mich sinnvoll ist, kann in einem anderen Haushalt belastend sein. Was ich nicht auf die Reihe bekomme, kann drei Häuser weiter bestens funktionieren. Weil wir andere Familienkonstellationen haben, weil andere eventuell mit einem Kachelofen heizen, weil diejenigen, die sich zuhause kümmern, andere Arbeitszeiten haben oder, oder, oder ….

Es ist also nicht hilfreich, sich in allen Richtungen umzuschauen, mit Neidgefühlen auf die Nachbarn zu schielen, die das alles (scheinbar) viel besser im Griff haben als man selbst oder selbst den erhobenen Zeigefinger auf andere zu richten, bei denen es offensichtlich Optimierungsbedarf gibt. Neugierig und aufgeschlossen sein, eine Ideen- oder eventuell sogar Tauschbörse ins Leben rufen, auf bekannten Nachhaltigkeitsportalen nach Lösungen forschen, das ist hingegen immer eine gute Möglichkeit.

Habt ihr regionale Initiativen in eurer Gegend, die ein saisonales und regionales Wirtschaften ermöglichen? Nutzt ihr sie? Wenn ja, wie und wenn nein, was hält euch davon ab? Ich freue mich über Antworten, Anregungen, aber auch konstruktive Kritik und auf einen regen Austausch.

Land(wirtschaft) I

Noch etwas habe ich beim Ausmisten meiner Favoritenliste gefunden:

Eine Dokumentation über die Probleme junger Landwirte, in Deutschland zu angemessenen Preisen Höfe erwerben zu können; über Auswege, unkonventionelle Lösungen, neue Ansätze.

Die musste ich mir dann sofort mal ansehen, und während ich damit noch beschäftigt war, fiel mir wieder ein, dass auch am Dienstag im ZDF eine Sendung über Bodenspekulation und andere Probleme der Landwirtschaft kam.
Ich frage mich auf der einen Seite natürlich, warum um alles in der Welt Investoren aus der Bau- und Immobilienbranche, der Möbelproduktion, Handelsketten und andere Branchenfremde ausgerechnet in Ackerland ihr Geld stecken. Die Frage ist rein rhetorisch: weil sie damit einen dicken Batzen Geld verdienen können. Und der deutsche Fiskus ihnen dabei auch noch sehr großzügig entgegenkommt😠. Was machen die eigentlich mit den hohen Subventionssummen, die um ein vielfaches höher sind als beim Durchschnittslandwirt um die Ecke? Die kaufen ja mit Sicherheit keine Mähdrescher oder andere Landmaschinen davon. (Ja, ja, auch diese Frage ist rhetorisch…)

Aber das ist ja nur eine Seite der Medaille, wenn man es richtig überlegt: denn auch wir Verbraucher sind nicht unschuldig an der Entwicklung. Im Gegensatz zu allen Nachbarländern rundum möchten wir anscheinend vor allem viel und billig essen. Wer einmal in Frankreich oder in den skandinavischen Ländern unterwegs war, den wundert das Preisniveau unserer Lebensmittel nur noch.

Vermutlich werden wir es mit unseren Lebensgewohnheiten nicht schaffen, von heute auf morgen nur noch saisonal und regional zu leben, wer möchte schon den ganzen Winter über Kohlgerichte, eingelegte Bohnen und Einkellerungskartoffeln essen. Aber ich persönlich freue mich, in einer Gegend zu leben, wo ich einiges aus der Direktvermarktung kaufen kann. Kartoffeln kaufe ich beim Nachbarn, der im Übrigen auch das Getreide anbaut, aus dem im Nachbardorf in der Mühle das Mehl produziert wird, das ich dort im Mühlenladen kaufe. In einem anderen Nachbardorf kann ich Schweinefleisch, Wurstwaren und Stippgrütze von Tieren kaufen, die ihre Ringelschwänze behalten dürfen und in geräumigen Laufställen mit viel Stroh leben, ehe sie in einer nahe gelegenen kleinen Landschlachterei geschlachtet werden. In 15 Kilometer Umkreis kann ich auch Biorindfleisch und antibiotikafreies Geflügel kaufen und bei Eiern habe ich sowieso die freie Auswahl, da die Hühnerhaltung schwer im Trend liegt.

Es gibt einen Anbieter von Ziegenkäse, der so guten Käse produziert, dass er bis nach Berlin ins Adlon verkauft. Es gibt gleich mehrere Galloway-Halter im Landkreis, die ihr Fleisch selbst vermarkten und noch einiges andere. Bekannte von uns imkern und verkaufen leckeren Honig. Und in Minden gibt es einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb, wo mit dem Pferd gepflügt wird, ehe das Gemüse angebaut wird.

Aber alles das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, solange es keine strikten Regeln gibt, wie – und zwar nicht nur in Deutschland – mit landwirtschaftlichen Flächen und Erzeugnissen umgegangen wird. Wahllose Flächenversiegelung für Straßenbau, Energiegewinnung und Industrieflächen gehört genauestens reglementiert. Bodenspekulation zur Gewinnmaximierung oder als Abschreibungsmodell zwecks Steueroptimierung gehört ebenso geächtet wie Zinswetten auf kommende Getreideernten, ausfallende Kakaoernten oder ähnlich abartige Modelle.
Und die Subventionen müssen endlich danach verteilt werden, wie nachhaltig und emissionsarm Betriebe arbeiten, an die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe wie die oben beschriebenen bei uns im Mühlenkreis, statt „Der Teufel sch…t auf den dicksten Haufen“, wie Annette Frier im Beitrag so schön treffend sagte.

Dieser Themenblock ist so umfangreich, dass ein zweiter Beitrag folgen wird. Am Ende dieses Beitrages halte ich erstmal fest: Der größte Teil der Landwirte, ob konventionell oder Bio, möchte nichts weiter als gute Arbeit leisten, um unsere Ernährung sicherzustellen. Aber leicht gemacht wird ihnen das nicht, und zwar von allen Seiten. Dazu gehören leider auch wir Verbraucher, die sich auch gern mal hinstellen und den Bauern ihre Arbeit erklären wollen.

Beim Aufräumen gefunden

Ich sitze am Schreibtisch und räume auf. Und zwar die Favoritenliste meines Browsers, die mal wieder eher einem Zettelkasten mit zu vielen Notizen, Ausschnitten und anderen irgendwann mal gesammelten Schnipseln ähnelt.

Was ich früher (und wenn ich sehr, sehr ehrlich mit mir selbst bin, immer noch) in alten Schuhkartons gesammelt habe, schiebe ich heutzutage in die Favoriten. Für irgendwann mal, wenn ich Zeit und Muße habe, es zu lesen. Und neben all den Kochrezepten, Gartentipps, Strickanleitungen, Stoffhändlern, DIY-Lifehacks, Rechercheseiten, Reiseblogs, Tiervideos und was man sonst noch so unheimlich wichtig findet, gibt es natürlich auch wirklich wichtige Links: Bank, ELSTER, Tageszeitung, die Schule der Tochter, Netgalley, WordPress…
Ab und zu muss auch in diesen digitalen Schuhkartons ausgemistet werden, und weil ich heute den Vormittag sowieso am Schreibtisch verbringen werde, kann ich das tun, solange kein Kunde anruft und mir für mein aktuelles Schreibobjekt die zündende Idee fürs Fortkommen fehlt. Vielleicht stolpere ich ja beim Durchwühlen all der oben genannten Ordner und Homepages über den kreativen Gedanken, der mir gerade fehlt.

Es dauert auch erwartungsgemäß nicht lange, bis ich hängenbleibe. Und zwar auf der Homepage des Zukunftsinstitutes Horx. Ich scrolle durch die vergangenen Ausgaben der Zukunftskolumne und bleibe mit dem Blick kleben an der Überschrift von Kolumne 73: Frieden mit Corona. Ob es daran liegt, dass ich selbst gerade die Erkrankung hinter mir habe, ich weiß es nicht, aber der Titel macht mich neugierig. Ein Absatz hat mich ganz besonders berührt, da denke ich jetzt schon eine ganze Weile dran herum:

Ich nenne die Gefühlslage, in der wir im Modus der anklagenden Beschwerde verharren, den Empörismus. Das ist ein Zustand, in dem unser Hirn – unser »mind« – in eine Art Negativitäts-Trance verfällt. Wir scannen unsere Umwelt dann unentwegt im Raster eines Abwärtsvergleiches. Wenn andere Misserfolge haben, stärkt uns das in unserem Gefühl, überlegen zu sein. Wenn andere einen Vorteil haben, sind wir empört über die Ungerechtigkeit. Wir suchen fanatisch nach dem Negativen, um daraus einen inneren Mehrwert zu generieren.

Empörismus ist eine erprobte Methode, von den eigenen Gefühlen abzulenken. Man hält die eigenen Ängste besser aus, wenn man sie anderen in die Schuhe schiebt. Man transformiert Angst in Wut und Abwertung, und das fühlt sich einfach besser an als die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.
So entsteht der Corona-Schwurbel – in seinen vielfältigen Varianten.
In den Medien wird dieser Schwurbel bereitwillig aufgenommen und verstärkt. Was wäre besser für Clickraten und Einschaltquoten als permanente wütende Empörung?
Dasselbe gilt auch für den bösartigen Populismus. Der freut sich ganz besonders über jede geistige und emotionale Verwirrung.

Im Kern hat der Schwurbel mit unserem Anspruchssystem zu tun. Wir erwarten viel von der Welt. Wir erwarten vom Staat, dass er sich nicht einmischt. Uns nicht behelligt, belästigt, die Freiheit nimmt. Wir verlangen gleichzeitig perfekte Autobahnen. Ohne Geschwindigkeitsbeschränkung.
Im Ernstfall, in der Krise, erwarten wir allerdings Perfektion.

Wir erwarten von Technologie, dass sie die schnellen Lösungen bereitstellt. Aber wir blenden die Fehlerhaftigkeit von Technik aus. Und dass das menschliche Verhalten immer die zentrale Rolle spielt.

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne
Siehe auch: www.zukunftsinstitut.de

Etwas weiter unten führt Horx aus:

Wir werden die Krise bewältigt haben, wenn wir uns selbst verzeihen – unsere Dummheiten, Eitelkeiten, Aufregungen, Hysterien. Dann können wir der Krise irgendwann sogar dankbar sein.
Dankbar? Das geht jetzt vielleicht doch ein bisschen zu weit. Wäre das nicht zynisch?

Zynisch wäre nur, wenn wir die andere Seite verleugnen: Den Mut und die Größe, die Menschen in Millionen alltäglicher Situationen gezeigt haben. Die Geduld, das Durchhaltevermögen. Das Über-Sich-Hinauswachsen, das in unendlich vielen kleinen Geschichten auftauchte.
Alles, was wir gelernt und verstanden haben. Über uns selbst und die Welt. Über das, was kostbar ist. Und das, auf was wir verzichten können.
Eine Krise ist furchtbar. Aber sie beinhaltet die Möglichkeit, dass wir uns verwandeln. Diese Möglichkeit auszuschließen heißt, die Zukunft zu leugnen.

Es geht hier nicht um toxisches Positiv-Denken. Es geht um Einordnung. Nicht alles ist negativ. Und auch im größten Unglück kann man Augenblicke des Glücks verspüren, das darf und muss man sogar.
Mir fällt dabei eine Episode aus dem ersten Weltkrieg ein: sowohl 1914 als auch 1916 gab es den „Weihnachtsfrieden“, als Soldaten der verfeindeten Nationen gemeinsam Weihnachtslieder sangen, beteten und die Waffen schweigen ließen. Nicht „von oben verordnet“, sondern weil es ihnen ganz persönlich richtig erschien. Das macht den Krieg nicht besser, es leugnet nicht die vielen vollkommen unnötigen Kriegstoten. Aber es zeigt, dass auch in den übelsten Situationen nicht alles falsch läuft zwischen den Menschen, dass sich Solidarität, Empathie und Menschlichkeit immer wieder auch in solchen Situationen finden, in denen man nur das Schlechte sieht.

Ein letztes Zitat aus der Kolumne:

Aber die Wahrheit der Krise zeigt uns: Wandel besteht aus vielen kleinen Erkenntnissen, Einsichten, Wahrnehmungen, die uns befähigen, eine neue Wirklichkeit zu erzeugen. Wandel entsteht, indem wir in ihn hineinwachsen. 

Ich schätze mal, das alles, was in der Kolumne 73 geschrieben steht, trifft in mancher Facette nicht nur auf Corona zu. Krisen gibt es rund um uns herum reichlich. Ich kann nur empfehlen, die Kolumne komplett zu lesen. Ganz in Ruhe und vielleicht nicht nur einmal. Und wirken lassen. Mir zumindest hat sie eine Entspannung der Gedanken gebracht, die ich momentan ganz dringend brauche.

PS: Und mein digitaler Zettelkasten ist immer noch so voll wie vorher🙈😂…

Das Klimabuch

|Werbung, unbezahlt|

Vorweg: Dieser Post braucht ein wenig mehr Zeit, um ihn komplett zu lesen und nachzuvollziehen. Bitte versucht es trotzdem, ich denke, es lohnt sich. Nicht meinetwegen, sondern für die Zukunft.

Nur zwei Wochen, nachdem zwei Millionen Klimastreikende auf der ganzen Welt zu Beginn der Klimakonferenz COP25 in Madrid gegen deren Weiter-so-Politik protestiert hatten, wurde Anfang Dezember 2019 in Wuhan der erste Fall von SARS-CoV-2 beim Menschen registriert. Im Januar, als das Weltwirtschaftsforum in Davos sich ein neues Image als »Klimakonferenz« zu geben versuchte, wurden die ersten Todesfälle gemeldet. Im Februar, als die Welt außerhalb Chinas über das »neuartige Coronavirus« und seine Möglichkeiten, das Leben vieler Millionen zu bedrohen und aus den Angeln zu heben, in Panik geriet, starben weltweit 2718 Menschen an dieser Krankheit. Im selben Monat starben weltweit etwa 800 000 Menschen an den Auswirkungen der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Im Verlauf des Jahres wuchs der Preis an Menschenleben, den die Pandemie forderte, grausig an, obwohl jeder neue Sterblichkeits-Meilenstein oftmals weniger Schrecken und Entsetzen auslöste als der vorige, nach dem entmutigenden, aber durchaus bekannten Rhythmus, mit dem Katastrophen schnell zu etwas Normalem werden. Bis Ende 2021 waren innerhalb von zwei Pandemiejahren weltweit schätzungsweise mehr als 15 Millionen Menschen daran gestorben, was Covid-19 zu einer der sieben tödlichsten Pandemien der Menschheitsgeschichte machte. In keinem der beiden Jahre überstieg die Zahl dieser Todesopfer jedoch die jährlichen Sterbefälle, die durch Luftverschmutzung verursacht wurden.
Während der Pandemie setzte sich die Klimakrise unerbittlich fort und führte alle paar Wochen – manchmal auch alle paar Tage – zu Ereignissen, die man einst unmissverständlich als Vorzeichen kommender harter Prüfungen erkannt hätte. Zweihundert Milliarden Heuschrecken schwärmten über das Horn von Afrika, verdunkelten den Himmel in brummenden Wolken, groß wie Städte, fraßen so viel, wie zehn Millionen Menschen an einem Tag essen, und starben schließlich in so großen Mengen, dass die Haufen der Insektenkadaver, wenn sie herunterfielen, Züge zum Stillstand brachten – alles in allem waren es achttausend Mal mehr Heuschrecken, als ohne den Klimawandel zu erwarten gewesen wären.
In Kalifornien wüteten 2020 Brände auf einer doppelt so großen Fläche als je zuvor in der modernen Geschichte des Bundesstaates, der in einem einzigen Jahr fünf der sechs größten jemals verzeichneten Waldbrände erlebte. Etwa ein Viertel des weltweiten Sequoia-Bestandes verbrannte. Über die Hälfte der gesamten Luftverschmutzung im Westen der Vereinigten Staaten war auf Wald- und Buschbrände zurückzuführen, die mehr Feinstaub produzierten als sämtliche industriellen und menschlichen Aktivitäten zusammen. In Sibirien gab es »Zombiefeuer«, so genannt, weil sie den ganzen arktischen Winter hindurch weiterbrennen, und tauender Permafrost ließ den Öltank eines abgelegenen Kraftwerks bersten, wodurch 17 000 Tonnen Öl in einen örtlichen Fluss gerieten; 2021 wurde durch weltweite Flächenbrände annähernd so viel Kohlenstoff freigesetzt wie von den gesamten Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Emittenten der Welt. Ein Hurrikan der Kategorie 4 traf in Mittelamerika auf Land, nur wenige Kilometer von einem Gebiet entfernt, über das nur Wochen zuvor bereits ein Hurrikan der Kategorie 5 hinweggefegt war. Sechzig Millionen Chinesen wurden wegen harmlos klingender »Flussüberschwemmungen« evakuiert, verursacht durch Regenfälle, die den imposantesten Damm der Welt gefährdeten, die aber, gemessen an den Niederschlagsmengen und dem Ausmaß der Evakuierung, nur leicht über den jüngsten Durchschnittswerten lagen. Als das erste Pandemiejahr sich dem Ende näherte, wurden im Südsudan eine Million Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, durch Überschwemmungen vertrieben. Im zweiten Pandemiejahr starben in Westeuropa Hunderte durch Hochwasser, Dutzende wurden im Großraum New York getötet, als Regenfälle während des Hurrikans Ida Souterrainwohnungen volllaufen ließen, und über dem Pazifik überstieg die Hitzekuppel die früheren Rekorde so weit, dass Klimaforscher sich fragten, ob ihre Modelle und Projektionen falsch kalibriert seien – außerdem tötete diese Hitze mehrere hundert Menschen und einige Milliarden Meerestiere und schuf beste Bedingungen für Flächenbrände und Erdrutsche durch spätere so heftige Überschwemmungen, dass Vancouver praktisch von der Klimakatastrophe blockiert war, als der Herbst in den Winter überging. Kurz vor Silvester schürte ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über 140 Stundenkilometern einen urbanen Feuersturm in Vororten von Denver, wo der wärmste und zweittrockenste Herbst in 150 Jahren dem zerstörerischsten Brand in der Geschichte des Bundesstaates vorausgegangen war: Die Flammen tobten von Haus zu Haus durch Vororte und Sackgassen, die noch am Tag zuvor wie der Inbegriff einer brennbaren Moderne ausgesehen haben dürften.
Die ganze Welt schaute weg – abgelenkt von der hereinbrechenden Pandemie und durch die wachsenden Opferzahlen jüngster Katastrophen darauf trainiert, etwas, was sie früher vielleicht als brutalen Bruch der Lebenswirklichkeit wahrgenommen hätte, nun als logische Entwicklungen in einem bekannten Muster zu sehen. Aber was würden wir sehen, wenn wir die Lehren aus der Pandemie für die Zukunft der Klimamaßnahmen ziehen könnten? Vor allem, dass die Pandemie eine unerwartete Aufforderung zu ehemals unvorstellbar ehrgeizigen Maßnahmen darstellte, die die Welt als Ganze dann aber fatalerweise nicht ergriff. Man hätte die beispiellose Reaktion auf die Pandemie auch auf die beispiellose Herausforderung der Erderwärmung richten können, beseelt von einem wahrhaft globalen Geist und mit der Motivation, die ungleich verteilten Belastungen der schon jetzt am stärksten betroffenen Menschen zu mildern. Stattdessen wurde diese beispiellose Reaktion zur Verteidigung des Status quo genutzt, und die Führungsspitzen des globalen Nordens horteten neben ihren Emissionen nun auch Impfstoffe.
Covid-19 ist nicht so offenkundig als eine Episode des Klimawandels zu erkennen wie viele der Katastrophen, die wir in unserer Fokussierung auf die unmittelbarer erscheinende Bedrohung durch die Pandemie übersehen haben. Aber zu den zahlreichen beunruhigenden Lehren, die beide Krisen gemeinsam haben, gehört diese: Die Natur ist mächtig und kann beängstigend sein, und obwohl wir unser Zeitalter als das Anthropozän bezeichnen, haben wir die Natur weder besiegt, noch sind wir aus ihr ausgebrochen, sondern leben nach wie vor in ihr, sind immer noch ihren launischen Kräften unterworfen, ganz gleich, wo wir wohnen oder wie geschützt wir uns normalerweise auch fühlen mögen. Wir können uns nicht länger vormachen, wir würden die Regeln der Wirklichkeit in Konferenzen oder Seminarräumen selbst aufstellen, ohne zunächst die Umwelt zu berücksichtigen.

David Wallace-Wells „Lehren aus der Pandemie“ in: Thunberg, Das Klimabuch, Kap. 5.14

Hm. Ein bisschen lang, ja, gebe ich zu. Aber obwohl ich wirklich willens war, hier […] zu nutzen, weiß ich auch nach dreimal Lesen immer noch nicht, welche dieser überwältigenden Infos ich kürzen sollte.
Beim Lesen ist mir einmal wieder klar geworden, wie zweischneidig wir Menschen denken. Wir haben überhaupt kein Problem damit, mit Freunden und Verwandten auf anderen Kontinenten mittels Social Media zu chatten, uns virtuell zu verbünden, zu streiten, uns Komplimente zu machen oder Beschimpfungen an den Kopf zu knallen. Und sind dabei von diesen digitalen „Freundschaften“ so überzeugt, als hätte wir jahrelang miteinander die Schulbank gedrückt. Gleichzeitig übersteigt die bloße Information über Waldbrände auf anderen Kontinenten unser Vorstellungsvermögen, lassen uns Reportagen aus dem überschwemmten Pakistan kälter als solche aus Australien (obwohl das noch weiter entfernt ist als Pakistan, aber die armen Koalas…) Machen wir uns die Welt nicht alle ein bisschen nach der Prämisse Pippi Langstrumpfs?

Und das ist ja nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus all den vielen Aufsätzen in dem Buch. Ja, das Buch besteht aus Essays, aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Forschungsfeldern, von Fachleuten der jeweiligen Themen möglichst kurz und prägnant geschrieben. Und in allen ihren Facetten von Greta Thunberg editiert, mit eigenen Texten kommentiert und gewertet. Denn das, was unserem Klima nicht einfach so passiert, sondern von (einer global gesehenen Minderheit) Menschen mit unserem Planeten gemacht wird, beschränkt sich nicht auf CO2-Ausstoß. Wir beuten unser Lebenserhaltungssystem aus, systematisch und in einem enormen Ausmaß. Wenn man bedenkt, dass der größte Anteil der gesamten Menschheit durchaus nicht nur innerhalb, sondern weit unterhalb der Ressourcengrenzen lebt, sollten wir, die in reichen Ländern leben, sowieso sehr demütig werden. Demütig nicht im Sinn von „Ab in die Ecke und kräftig schämen“, sondern eher von „Anpacken und endlich gegensteuern“. Und uns auch hinterfragen, aber dabei nicht stehenbleiben.

Nun kann man möglicherweise darüber streiten, ob dieses Buch unter dem Label der Autorenschaft Thunbergs nicht eventuell eine Mogelpackung ist. Ob sie nicht vielleicht eher als Herausgeberin fungieren sollte. Aber ehrlich gesagt, angesichts der Dringlichkeit des Themas ist das zweitrangige Erbsenzählerei. Bei Zahnpasta und Antifaltencremes haben wir ja auch keine Probleme mit Werbemaßnahmen. Die einzelnen Autoren der Essays werden benannt, ebenso ihre Funktion und ihr Arbeitsschwerpunkt in Forschung, Lehre, Organisationen oder Publizistik. Und sie alle haben ihr Okay dafür gegeben, dass das Buch so heißt, wie es heißt.

Man kann sich auch darüber mokieren, dass Greta Thunberg „erst“ 19 Jahre jung ist und einen erheblichen Teil der letzten Jahre Schulschwänzerin war.
Zu den Eigenarten vieler Menschen im Autismus-Spektrum gehört es aber nun einmal, sich umfangreiches Wissen bis hin zur ausgewiesenen Expertise im Eigenstudium anzueignen, die Welt- und auch die neuere Geschichte weiß von vielen derartig begnadeten Autodidakten. Und man denke nicht, diese Fähigkeit sei nur beneidenswert. Sie kann auch einen enormen Leidensdruck verursachen, unter anderem weil das Gehirn nie innehält, ständig arbeitet, analysiert oder einordnet und außerdem mit den „Unzulänglichkeiten“ der Umwelt klarkommen muss. Und sich mitunter alles, einfach alles merkt. Extended Memory.

Aber nun zum Buch. Alles hängt mit allem zusammen. Diese Erkenntnis haben nicht nur diejenigen, die zum Verschwörungsglauben neigen. Und es ist eines der wenigen Dinge, mit denen sie recht haben. Wir können nicht ohne die Verknüpfung von Lieferketten, Transport, Reisen, Konsum, Artensterben, Eisschmelze, Waldbränden, Migration, Gesundheit, Ressourcenverbrauch und so weiter nur an Einzelteilen herumdoktern. Ohne auskömmliche Löhne in fernen Ländern haben die Menschen dort keine Perspektive und suchen ihr Heil in der Migration. Ohne Gesundheit brechen Lieferketten zusammen und damit der Konsum. Ohne das richtige Mikroklima in einem Anbaugebiet keine Nahrungsmittel in ausreichender Menge und Güte. Das sorgt für gesellschaftliche Destabilisierung, Putsche, Generalstreiks und damit wieder für Migrationsbewegungen.
Im Übrigen ein Zusammenhang, den all die „[hier eine beliebige Nation einsetzen] first“- Anhänger nicht begreifen (wollen): in dem Maße, wie man sich seine angeblichen Freiheiten nicht nehmen lassen will, sorgt man auf die Dauer dafür, dass genau das passiert, was man um jeden Preis vermeiden will. Diejenigen, die man als Billigdullis ansieht, die am anderen Ende der Welt für einen Appel und ein Ei unseren Wohlstand zusammenzimmern sollen, stehen auf einmal vor unserer Haustür und wollen auch etwas vom Kuchen haben. Vielleicht auch nur deswegen, weil ihr Billiglohnland schlicht und ergreifend absäuft.

Ehe ich mich jetzt hier in Rage schreibe: das sind einige Beispiele von vielen, die man auch mit der Schmetterlingstheorie veranschaulichen könnte. Ich habe das Buch bisher nur quergelesen, mir zunächst die Aufsätze herausgepickt, die mein Covid-geplagter Kopf verarbeiten konnte. Aber es hat ausgereicht, um mich zu ärgern. Ärgern darüber, dass nicht nur skrupellose Großkapitalisten, sondern auch Millionen Menschen, die sich selbst für recht plietsch halten, die meinen, sie hätten den Durchblick und sie wüssten, wo und wie der Hase läuft (also auch du und ich und andere intelligenzbegabte Individuen) sich so unglaublich selbst überschätzt haben. Dass wir uns von Marketingkampagnen an der Nase herumführen lassen, oft genug dadurch, dass wir uns einfach einlullen lassen wollen. Weil es bequem war und für viele auch noch ist. Weil es schier unmöglich ist, den Überblick zu behalten in dieser Welt. Und wer verspricht, eine ganz einfache Lösung für die vielfältigen Probleme bieten zu können, der ist schlichtweg unredlich oder hat unlautere Absichten.

Aber ich habe auch Hoffnung geschöpft. Weil ich ein großes Potential darin sehe, sich einen Überblick zumindest teilweise zu verschaffen und daraus kleine, lokale oder persönliche Ansätze zu beginnen. Nicht jeder von uns muss denselben Schwerpunkt setzen. Aber wenn viele unterschiedliche Ansätze entstehen und kommuniziert werden, wenn also eine Art Graswurzelbewegung entsteht, dann kann daraus etwas großes werden. Es ist halt nur wichtig, dass endlich konsequent angefangen wird, dass nicht immer wieder hinausgeschoben wird und jede Regierung, Organisation oder jedes Individuum darauf wartet, dass jemand anderes den ersten Schritt tut.

Darin sehe ich übrigens eine Stärke des Buches: Es muss nicht von vorne bis hinten in einem Rutsch durchgelesen werden. Man darf durchaus vorne ins Inhaltsverzeichnis schauen und mit dem anfangen, was man nachvollziehen kann, was einem logisch erscheint, wo man sich selbst fähig fühlt, zu beginnen.

Bibliographische Angaben: Greta Thunberg, Das Klima-Buch, S. Fischer Verlage, ISBN 978-3-10-397189-7, € 36,-
(Eventuell in der Bibliothek reservieren lassen, wenn die Anschaffung zu teuer ist. Oder als Gebrauchtbuch erwerben.)

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