Keine Abkühlung

Trotz etwas leichtem Landregen gestern Abend war es eine zu heiße Nacht, schon die siebte in Folge. Langsam geht es mir an die Substanz. Ich bin eher der Typ, der auch im Winter bei Minusgraden mit offenem Fenster schläft. Temperaturen von 25 Grad im Schlafzimmer sind Quälerei für mich, was sich inzwischen deutlich bemerkbar macht. Wenig Schlaf in schlechter Qualität ist etwas, das ich mit Anfang Zwanzig noch wegstecken konnte. Inzwischen macht es mich mürbe; zusammen mit den rheumabedingten Schlafproblemen kippt mein Zustand langsam.

Heute früh streikte dann auch noch mein Kreislauf, für meine Verhältnisse war ich für eine halbe Stunde kurz vor scheintot, erst eine salzige Gemüsebrühe und ein paar Brezeln sorgten für eine Annäherung an den Normalzustand meines Blutdrucks. Gut, dass ich heute zuhause bin und nicht in der Buchhandlung.

Ich dachte mir, wenn ich schon zu nichts anderem in der Lage bin, setze ich mich an die Nähmaschine. Dort bekomme ich von der Nähplatzbeleuchtung schon Schweißausbrüche, ehe ich auch nur eine Naht gesetzt habe. Bin mir selbst im Weg. Dazu noch die Grübelei, ob alles, was ich augenblicklich so mache in den unterschiedlichen Bereichen, wirklich das ist, was ich mir wünsche. Mit zunehmendem Alter bin ich immer weniger bereit, die Zeit mit Dingen zu verbringen, die mir keinen Sinn ergeben oder die ich nicht mag. Andererseits kann ich nicht jammern, denn ich durfte viele Jahre in einem Beruf arbeiten, der zwar nicht zu den bestbezahlten gehört, aber mir Spaß macht und in dem ich mich wohl fühle. Ich habe eine Familie, die ich nicht eintauschen möchte (auch wenn nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, aber das wäre auch langweilig und würde Stillstand bedeuten) Wir haben unser Auskommen, und wenn wir auch in einer 201 Jahre alten Dauerbaustelle wohnen, es ist immerhin unsere eigene Dauerbaustelle. Wir haben alles, was wirklich wichtig ist und mehr als viele andere.

Ich glaube, ich erwähnte es bereits, ich gehe mir selbst auf den Keks, ich mag es nicht, wenn ich so drauf bin wie heute, aber es tut gut, es mal rauszulassen. Abkühlung und zwei Nächte ordentlich schlafen wird sein übriges tun, aber darauf muss ich wohl noch warten.

Und bei all dem legen sich Lucy und Kalle draußen auf der Südseite auf die Terrasse, mittags bei 31 Grad im Schatten. Lucy als alte Dame legt sich zumindest noch in den Schatten unterm Tisch, aber Kalle bevorzugt die pralle Sonne. Er ist schon recht speziell, unser Knallkopp…

Lauter Fragezeichen…

Warum sehen wir uns so gern als Individuen, werten aber andere als eine undefinierbare Menge „DIE“ ab?

Warum nehmen wir für uns selbst häufig so selbstverständlich Dinge in Anspruch, die wir anderen nicht gönnen?

Warum ist es für viele von uns nicht möglich, andere Gedankengänge als gleichberechtigt im Raum stehen zu lassen?

Warum können immer mehr Menschen nicht mit Argumenten, sondern nur mit Verächtlich-machen hantieren?

Warum lernt die Spezies Mensch nicht endlich mal, absehbare Katastrophen zu vermeiden statt direkt hineinzusteuern?

Warum ist der einzige Weg, der uns die Zukunft ebnen soll, immer noch der des „höher, schneller, weiter“?

Warum versuchen wir Fragen von heute und morgen mit Lösungen von gestern und vorgestern zu beantworten?

Und warum bloß gibt es immer wieder, wenn ich gerade denke, ich hätte meinen Platz im Leben gefunden, Ereignisse, die mich wieder mal zweifeln und suchen lassen?

Es grummelt…

…, zieht sich zu und die Luft ist dicker als Kartoffelsuppe. Ein Gewitter liegt in der Luft und beim Blick auf das Regenradar fahre ich die Markise ein, der Sonnenschirm kann ebenfalls zugemacht werden, die Vögel draußen werden auch merklich ruhiger. Spannung liegt in der Luft.

Ich sehne mich regelrecht danach, dass dicke Tropfen auf den Boden klatschen, der dann beginnt zu dampfen von der Tageshitze. Ich kann die Würze in der Luft schon in meiner Vorstellung riechen, ich möchte im Regen tanzen.

Heute war es schon früh so heiß, dass ich sogar in unser alten Kirche mit den dicken Mauern ruhig sitzend Schweißausbrüche bekam. Zuhause war es noch wärmer, die Durchschnittstemperatur im Haus liegt bei knapp 28 Grad, nur im Keller hört das Thermometer bei 20 Grad auf zu steigen. Ich wollte für die schulpflichtigen Familienmitglieder Masken nähen, aber meine Hände kleben am Stoff und an der Nähmaschine fest. An die noch zu fertigenden Kinder-Kochmützen für den Kindergarten habe ich mich erst gar nicht herangetraut, das ist Neuland mit viel Fummelei, der Stress, den ich mir dabei selbst machen verursachen würde, der würde mich auch zum Schmelzen bringen, fürchte ich.

Unbeeindruckt von der Schwüle sind die fleißigen Bienen an meiner ungeplanten Sonnenblume, sie ernten schon den ganzen Tag in kleinen Trupps von 3-7 Tieren:

Mir ist gar nicht aufgefallen, dass es so diesig ist…

In die Gegend gedacht

Nach der Bücher-Challenge brauchte ich eine Pause. Es ist doch anstrengend, wenn auch nicht körperlich, jeden Tag einen Beitrag rauszuhauen oder für mehrere Beiträge vorzuschreiben, quasi auf Kommando. Wobei ich mich nicht beschweren will, denn es hat mich niemand gezwungen, mitzumachen. Es ist nur anders als einfach ins Blaue zu schreiben, wie der Schnabel gewachsen ist, weil gerade eine Idee im Kopf Form annimmt. Trotzdem hat ein vorgegebenes Thema Vorteile, weil man sich auch mit ungeliebten Gedankengängen beschäftigen muss. Denn das ist eine Qualität, die wir durch die diversen Filterblasen und Algorithmen der „sozialen“ Medien zunehmend verlernen oder zumindest vermeiden.

Jetzt ist es Samstag, 10:26 Uhr, und ich sitze hier schwitzend vor dem PC. Um 6 Uhr bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, die Gemüsepflanzen draußen ausgiebig gewässert und etwas Zeitung gelesen. Immerhin ist Samstag. Nach dem Frühstück habe ich im Nachthemd (unbestrittener Vorteil, wenn man einen großen und eingewachsenen Garten hat) die Terrasse gefegt, weil sie noch im Schatten lag. Duschen und Einkaufen folgte. Und eben habe ich zumindest noch das kleine Stück Wiese an der Terrasse gemäht, weil wir heute Abend mit allen Kindern und Schwiegerkindern grillen wollen. Als wir das verabredet hatten, haben wir im Traum nicht damit gerechnet, dass der Sommer 2020 mit Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke um die Ecke kommt. Naja, ist eben HOCHsommer.

Blick aufs Handy, der DWD sendet eine Hitzewarnung der Stufe 1. Da wäre ich ohne nicht drauf gekommen. Immerhin war um 9:30 Uhr schon 25 Grad im Schatten. Das Regionalforstamt OWL lässt ab heute Waldbrandkontrollflüge über die Senne und den Teutoburger Wald fliegen, also auch bei uns hier. – Ich brauche die Hitze jetzt echt nicht mehr. War ich im Frühjahr durch die kaputten Sehnen gehandicapt, steckt mir jetzt die Hitze in den Gelenken. Wieder komme ich im Garten nicht so weiter wie ich es vorhatte. Die Wildnis nimmt überhand, inzwischen finde ich es nicht mehr ganz so schön wie vor drei Monaten. Aber meckern hilft ja auch nicht, also freue ich mich an Blumen und Kräutern, die unvermutet irgendwo wachsen, ernte Brombeeren und versuche, hier und da den Wildwuchs in die Schranken zu verweisen. Momentan mit mäßigem Erfolg.

Wenn ich ehrlich bin, ist das Lamentieren über zu viel Vegetation ein Jammern auf ziemlich hohem Niveau, verglichen mit vielen Dingen, die auf der Welt geschehen. Ich bräuchte so viele Köpfe wie Medusa Schlangen auf dem Haupt trägt, um sie alle zu schütteln, wenn ich an die Demo in Berlin letzte Woche denke. Für mich persönlich ist es das Bedenklichste daran, dass Menschen, die teilweise berechtigte Anliegen vertreten und Finger in Wunden der Corona-Politik legen (die es ja tatsächlich gibt, denn auch die Politik tastet sich vorsichtig durch unbekanntes Terrain), keinerlei Scheu haben, mit Extremisten jeglicher Couleur, Verschwörungsideologen und solchen, die demokratische Prozesse am liebsten nutzen würden, um die Demokratie abzuschaffen, gemeinsam aufzulaufen. Das kann ich einfach nicht nachvollziehen.

Angesichts der menschlichen, wirtschaftlichen und letztlich auch sich anbahnenden politischen Katastrophe in Beirut kann ich nicht anders als dankbar sein, hier im recht sicheren Deutschland zu leben. Was da alles auf die sowieso schon instabile Region Naher Osten zukommt, können wir heute überhaupt noch nicht absehen. Aber es tut gut, wenn ich mitbekomme, dass Menschen aus den unterschiedlichen Gegenden des Libanon nach Beirut reisen, um beim Aufräumen zu helfen. Es tut gut, dass auch viele Staaten helfen, obwohl sie an der heimischen Corona-Front alle ihre eigenen Probleme haben. Es tut gut, dass angesichts des großen Leides sogar die mit dem Libanon verfeindeten Staaten Israel und Iran mit anpacken wollen, auch wenn man getrost vermuten darf, dass sie es nicht ganz uneigennützig tun.

Vieles geht mir durch den Kopf, wenn ich dieser Tage Zeitung lese oder Nachrichten schaue. Manches werde ich in der nächsten Zeit mal hier anreißen. Auch Themen, über die man zurzeit gern unterschiedliche Meinungen haben darf. Aber immer mit Respekt dem anderen gegenüber und der Bereitschaft, sachlich zu argumentieren.

30 Days Book Challenge – Tag 30

*Werbung wegen Namensnennung, unbezahlt*

Die allerletzte Aufgabe steht heute an, es geht um „Ein Bildband, der zum Schmökern einlädt“.

Zunächst mal werden damit Erinnerungen an meine Ausbildung geweckt. Denn zu der Zeit kaufte ich mir jeden Monat einen Bildband. Da es das Ende der 1980er Jahre war, wurden die Fotos noch analog geknipst, allerdings schon mit ziemlich hoher Auflösung. Im Handel waren gerade bei den Verlagen mit modernem Antiquariat (kennt noch jemand den Pawlak Verlag oder Time Life?) auch noch recht viele Bände aus den 1970ern vorrätig. Die Qualität ließ dann leider oft zu wünschen übrig, die Bilder waren sehr grobkörnig (damals hieß es noch nicht „pixelig“). Je nach Thema war mir das aber manchmal auch egal. Die Ansprüche waren noch nicht so hoch…

Tolle Bildbände hatte schon immer Bruckmann oder National Geographic, die waren neben den fernwehweckenden Fotos auch immer informativ. Bis heute hat sich nichts daran geändert, dass ich die Kombi aus tollen Fotos und Hintergrundwissen sehr mag.

Die beiden Bildbände, die ich für heute ausgesucht habe, machen da keine Ausnahme.

Erstens

Gelungen: Einerseits stimmungsvolle Fotos von Orten an den deutschen Pilgerwegen, andererseits aber auch handfeste Infos zu den Strecken. Zum Mitnehmen ist das Buch aber nix. Auf der aufgeschlagenen Doppelseite (sorry für die Bildqualität, ich war ungeduldig) ist übrigens das Bückeburger Schloss ganz in meiner Nähe abgebildet.

Zweitens

Die Reihe „Culinaria“ aus dem Taschen Verlag ist bei mir in der Küche mit vier Bänden vertreten, leider habe ich es nicht geschafft, ein paar mehr davon zu sammeln. Ich mag daran sehr gern die kulturellen Hintergrundinfos, zum Beispiel in dem USA-Band, wie die jeweiligen Gebiete besiedelt wurden und wie sich das auf die regionale Küchen auswirkte. So findet man in den USA lokale Spezialitäten aus den Kochtöpfen der Natives ebenso wie schwedische, italienische, deutsche, jüdische, afrikanische, karibische… Einflüsse.

Ansonsten tummeln sich geographische oder Reisebildbände bei mir ebenso wie archäologische oder kulturhistorische, Tiere neben Pflanzen.

Ein letztes Mal danke an Ulrike , pünktlich bevor ich nächste Woche wieder beginne, stundenweise in einer Buchhandlung zu arbeiten, habe ich mir mal wieder einen Monat lang ins Bewusstsein gerufen, warum Buchhändlerin nach wie vor mein Traumberuf ist.

30 Days Book Challenge – Tag 29

Uff. Kurz vor knapp nochmal so ein Hammer für mich: „Ein Gedicht, das du magst“. Ich muss mich jetzt doch mal outen – es bleibt mir nichts übrig. Seitdem ich im Deutsch-Leistungskurs gefühlt übermäßig viele Gedichte, oft von Benn, Trakl und ähnlich „düsteren“ Verfassern interpretieren musste, mache ich ziemlich oft einen großen Bogen um Gedichte. Obwohl es tatsächlich auch einige gibt, die ich mag. Zarte und poetische Naturlyrik ebenso wie eher kraftvolle und satirische Spottgedichte. Deswegen habe ich für heute eines von Erich Kästner herausgesucht, von dem ich augenblicklich das Gefühl habe, er trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf!

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Sagt das jetzt eigentlich mehr über mich oder mehr über die Menschheit aus? Ich weiß es nicht und es ist auch egal. Es zeigt auf jeden Fall, dass es sich kaum ändert: Auf Herausforderungen von heute versuchen wir mit den Antworten von gestern oder sogar vorgestern zu kontern. (Musste ich heute früh auch mal wieder feststellen, als ich mich mit einem geplanten Bauvorhaben in unserem [angeblich] rudimentären Dorf beschäftigte… Aber das ist eine andere Baustelle)

Zum vorletzten Mal danke ich Ulrike für ihre vielfältigen und nicht immer bequemen Herausforderungen an unsere Literaturgewohnheiten. Schau gern bei ihr nach, wer sich noch so alles mit spannenden Beiträgen daran beteiligt hat!

30 Days Book Challenge – Tag 28

„Ein Held/eine Heldin, der/die dein Herz berührt hat“ ist das heutige Thema. Ok. Es drängen sich unterschiedliche real existierende Personen auf, die in ihrem Leben Starkes geleistet haben, gegen Widerstände gekämpft, mal gewonnen und oft auch leider verloren haben in ihrem Bemühen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Aber ich wähle heute bewusst niemanden von diesen, weil ich dann eine Wertung vornehmen müsste, zu der ich mich nicht durchringen kann.

Ein Buch, das bei mir schon seit einigen Jahren im Regal steht und auch schon mindestens zweimal das Bett mit mir teilen durfte, ist Morgen kommt ein neuer Himmel von Lori Nelson Spielman. Für mich genau der richtige Schmöker, der vereint, was ich für ein tiefes Eintauchen in eine literarische Parallelwelt brauche. Nicht hochliterarisch, nein, sondern ein Buch, um den Alltag auszublenden. Ich konnte nicht nur beim ersten Lesen mitlachen, mitweinen, mitfiebern bei der Entwicklung, welche die Heldin Brett im Lauf der Geschichte durchgemacht hat. Als Teenager hatte sie eine Liste mit Lebenszielen verfasst, aber bekanntlich ist Leben das, was passiert, während wir andere Pläne machen. Mit Mitte 30 ist sie „etabliert“, wie man so schön sagt, mit einem Beruf, der „passend“ ist (ob er auch erfüllend ist, who cares?), einem Freund, der Karriere macht, und was halt so dazugehört. Die Liste ihres jüngeren Ichs hat sie längst vergessen. Doch ihre Mutter hat sie aufbewahrt, und als sie überraschend stirbt, vermacht sie ihrer Tochter diese Liste zum Abarbeiten quasi als Voraussetzung dafür, ihr Erbe antreten zu können.

Was mich so an Brett fasziniert, ist der innere Zwiespalt, den vermutlich sehr viele Frauen (ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Männer das im gleichen Ausmaß kennen) aus eigenem Erleben kennen. Nicht immer ist der Mut da, aus den Träumen Realität werden zu lassen. Manchmal geht frau Kompromisse ein, weil die Lebenswirklichkeit eines geliebten Menschen ganz anders aussieht. Und manchmal ändern sich die Träume auch schlicht und einfach gemeinsam mit diesem geliebten Menschen. Manchmal begräbt frau aber auch die alten Träume und Pragmatismus macht sich breit. Nicht immer muss das negativ sein und im Desaster enden, aber immer finden im Leben Entwicklungen statt, die man nicht steuern kann oder will. Es war für mich sehr berührend, wie Brett im Roman gegen innere und äußere Widerstände schließlich zu sich selbst findet.

Auch wenn es keine Berührungspunkte zu meinem eigenen Leben gibt, hat mich das Buch angeregt, mir mal über meinen Lebenslauf Gedanken zu machen und dabei festzustellen, auch wenn es natürlich immer Luft nach oben gibt, wenn nicht alles glatt ging, Brüche stattgefunden haben, die schwer verdaulich waren, es gibt für mich keine Veranlassung zu sagen: Wenn ich nochmal neu anfangen könnte, würde ich alles anders machen. Genauso, wie mein Leben bisher gelaufen ist, hat es mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Mit allen Macken und Eigenheiten.

Danke an Ulrike, die in diesen Wochen der Challenge einiges an Gedankengängen aus mir herausgekitzelt hat, die vermutlich einfach mal gedacht werden sollten…

30 Days Book Challenge – Tag 27

Langsam beginnt der Endspurt. Heute, am Tag 27, lautet die Aufgabe „Ein Werk, das vertont worden ist, z.B. als Hörbuch oder Hörspiel“

Am Hörbuch scheiden sich die Geister, das weiß ich aus der Praxis in der Buchhandlung ebenso wie aus den Beiträgen und Kommentaren derer, die mir in der Challenge mindestens einen Tag voraus sind. Ist ja auch vollkommen in Ordnung, denn zum Glück haben wir nicht alle dieselben Geschmäcker und Vorlieben. Ich persönlich mag sie, wenn sie gut eingelesen sind. Als vor inzwischen ziemlich langer Zeit die ersten Hörbücher auf den Markt kamen, war das nicht immer der Fall. Oft wurde vom Autor gelesen, nicht immer die beste Wahl, denn nicht jeder, der gut schreiben kann, hat auch eine gute Lesestimme. Zu dünn oder zu piepsig, ohne Modulation, das bringt es nicht.

Seit Jahren geht der Trend aber eindeutig in die Richtung, von erfahrenen Schauspielern oder ausgebildeten Synchronsprechern lesen zu lassen, was der gesamten Hörbuchproduktion und auch Nachfrage Aufwind gegeben hat. Wenn dann noch der Sprecher/die Sprecherin genau wie es im Film der Fall wäre, die perfekte Besetzung für das Thema des Buches ist, macht es wirklich Spaß. Auch dabei kann Kino im Kopf entstehen. Ein Paradebeispiel ist für mich nach wie vor die Vertonung der Harry-Potter-Bücher mit Rufus Beck in sämtlichen Rollen. Er schafft es, den Erzähler sowie die Charaktere durch sein Repertoire an unterschiedlichen Stimmen zum Leben zu erwecken, das ist schon Klasse.

Das Schauspieler-Ehepaar Andrea Sawatzki und Christian Berkel, die „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer, einen Email-Roman in Dialogform, eingelesen haben, trifft die Atmosphäre des Buches ziemlich genau.

Sehr gern höre ich die Stimme von Detlef Bierstedt, der vor allem als Synchronstimme von Bill Pullman (Independence Day), Stellan Skarsgård (Mamma Mia) oder George Clooney bekannt wurde. Ben Becker und Hannes Jaenicke sind ebenfalls Vertreter der dichten Atmosphäre beim Lesen. Bei den Sprecherinnen mag ich auch die Stimme von Regina Lemnitz, Synchronstimme von Whoopi Goldberg. Sie liest in so unterschiedlichen Genres wie Kinderhörspiel und Krimilesungen.

Du siehst also, mein Interesse an Hörbüchern ist etwas komplexer, ich erwarte außer einem guten Inhalt auch noch die passende Stimme. Wenn beides zusammenpasst, Daumen hoch!

Mehr zur Challenge findest du wie immer bei Ulrike.

Off topic: dies war gerade mein 200. Blogbeitrag. Hätte ich nie für möglich gehalten, dass ich mal so weit komme. Und immer noch das Gefühl habe, ich bin gerade noch am Anfang…

Der Soundtrack meines Lebens

Bei einem Streamingdienst habe ich mir eine Playlist angelegt mit vielen Songs, die mir in meiner Jugend und in meinen 20ern viel bedeutet haben. Sie heißt „When I was young“. Denn auch wenn mir das meistens nicht wirklich im Bewusstsein ist, diese Zeit ist einfach vorbei. Bei vielen Songs davon kann ich heute noch sofort mitsingen oder habe sogar das Musikvideo vor Augen (gerade läuft nebenbei „Take on me“ von a-ha, wohl neben „Thriller“ von Michael Jackson das Video, was mir noch am besten in Erinnerung ist).

Es gibt auch solche Songs, die mit ganz anderen Ereignissen verknüpft sind. So hatte ich um die Jahrtausendwende herum ein Album von Sinead O’Connor, das ich mir später nie wieder anhören konnte, ohne an 9/11 zu denken, weil bei den Fernsehbildern der einstürzenden Türme des World Trade Centers immer „Only time“ im Hintergrund abgespielt wurde.

Aber auch dieses gehört dazu:

Die Szenen im Video stammen aus dem Film „Schrei nach Freiheit“ nach dem Buch von Donald Woods, verfilmt von Sir Richard Attenborough

Fast 43 Jahre (am 12. September) ist es her, dass Steve Biko an den Folgen der Misshandlungen starb, die ihm im Polizeigewahrsam zugefügt wurden. Ja, vieles hat sich seither verbessert, die Apartheid ist abgeschafft worden. Aber wer meint, es ist gut geworden, verschließt die Augen vor der Realität, die in den meisten Teilen der Welt und auch hier in Deutschland, bis heute Menschen nach Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung teilt und in Schubladen packt.

„Sail away, dream your dreams…“

Kennst du den Song aus der Bier-Werbung? Mit dem Segelschiff „Alexander von Humboldt“ (auf der man übrigens auf Zeit anheuern kann) mit den markanten grünen Segeln?

Letzte Woche haben wir das gemacht. Das Schiff (die Friendship vom Beitragsbild) war ein bisschen kleiner (38 Fuß, also ca. 11,60 m), das Meer auch (das Ijsselmeer), aber das Erlebnis war super. Dienstag und Donnerstag hatten wir auch reichlich Wind, nicht immer aus der bevorzugten Richtung, aber das ist eben so. Der Mittwoch war ein ruhiger Tag für uns, das war auch in Ordnung, weil wir fast alle blutige Anfänger waren. Auf jeden Fall war es eine knappe Woche Entschleunigung pur.

So eine Yacht ist ja quasi eingerichtet wie ein Wohnwagen, zumindest war es damit für uns alle nicht neu, wie das Zusammenleben auf diesem kleinen Raum ist, wie das Kochen funktioniert und dass alles rüttelfest verpackt sein muss.

Montag Abend. Die erste Ausfahrt aus der Marina hatten wir da schon hinter uns gebracht, um ein Gefühl für das Schiff zu bekommen und Anlegemanöver zu üben.

Der Ortsteil von Lemmer, wo der Yachtvercharterer ansässig ist, ist ins Wasser hineingebaut, und so hat fast jedes Haus nicht nur ein Auto vor dem Haus an der Straße, sondern auch ein Boot hinterm Haus zur Wasserseite liegen. Gefällt mir sehr gut.

Der erste Abend klang schön ruhig aus.

Am Dienstag ging es dann aufs Ijsselmeer. Und zwar mitten durch die Innenstadt von Lemmer. Zwei Klappbrücken und eine Schleuse mussten wir dafür passieren, an der ersten Brücke stand ein Brückenwärter (höchst amtlich) mit einer Angel, an der ein Klompen (Holzschuh) befestigt ist. Wenn er die Angel auswarf, musste jemand auf den passierenden Schiffen den Klompen auffangen und das Brückengeld hineinlegen.

Fahrt durch Lemmer. Es lagen dort allerdings an beiden Tagen der Durchfahrt so viele Schiffe, dass wir nicht zwischendurch festmachen konnten, um an Land zu gehen.

Die Fahrt ging nach Enkhuizen, also einmal quer rüber. Der Wind war ziemlich entgegenkommend, im wahrsten Sinn des Wortes. Kreuzen war angesagt, und der Wellengang sorgte auch noch dafür, dass wir fast die Markierungen der Fischernetze nicht rechtzeitig gesehen hätten (warum sind die auch schwarz, das fällt gegen die Sonne kaum auf) und dann eine rasante Wende mit Segeleinholen fahren mussten. Den Rest sind wir dann unter Motor gefahren, so weit war es auch nicht mehr.

Wohnschiffe in Enkhuizen

Obwohl der Hafen in Enkhuizen einen recht vollen Eindruck machte, bekamen wir einen schönen Liegeplatz am äußeren Steg zugewiesen, wo wir bequem „rückwärts einparken“ konnten.

So wie hier saßen in Enkhuizen überall Schwalben auf den Relings der Boote.

Witzig, ich käme nie auf die Idee, hier in Deutschland über einen Parkplatz zu schlendern und mir Gedanken zu den abgestellten Autos zu machen. Aber am Dienstagabend, wenn wir zum Hafengebäude gingen oder zurück, begutachteten wir die unterschiedlichen Schiffe. Kleine Kreuzer, die liebevoll in Schuss gehalten waren ebenso wie Yachten, die offensichtlich seit längerer Zeit ungenutzt und in miesem Zustand dort lagen. Großprotzige Motoryachten, PS-stark und überdimensioniert, restaurierte Schlepper, holländische Schokker, klassische und hypermoderne Segelyachten. Alles war vertreten.

Die Plattbodenschiffe mit den charakteristischen Seitenschwertern sind teilweise noch als Lastkähne im Einsatz, auf anderen kann man Freizeiten buchen.

Die Stadt hat uns sehr gut gefallen, unter anderem gab es am Abend von einem Kirchturm aus ein Glockenspielkonzert. In den umliegenden Straßen hatten sich einige Menschen Campingstühle auf die Bürgersteige gestellt und lauschten der Musik. Andere hatten Staffeleien oder Skizzenbücher dabei und zeichneten die Kirche oder deren Umgebung. Überhaupt hat mir persönlich die Freundlichkeit und Gelassenheit der Leute sehr gefallen.

Kirche mit Glockenspiel in Enkhuizen

Am Mittwoch führte uns die Fahrt grob nach Süden, Urk war unser Ziel. An diesem Tag hatten alle die Gelegenheit, mal am Steuer zu stehen, es war ein ruhiger und entspannter Tag, bis wir Urk erreichten. Denn dieser Hafen war tatsächlich so voll, dass wir zunächst nicht sicher waren, ob wir einen Platz bekommen. Die Lösung verriet mir der Hafenwärter, als ich ihn anrief: „Bilden Sie ein Päckchen, wo, ist egal“. Im Klartext, wir sollten an einem anderen Schiff anlegen, über das wir dann immer rübersteigen mussten, um an Land zu kommen. Diese übliche Gepflogenheit ist erstmal für Landratten gewöhnungsbedürftig, dort ist man ja immer auf Abstand bedacht, um ja nicht die Privatsphäre des Nachbarn zu stören. In Häfen ist es umgekehrt eher ungehörig, jemandem das Andocken zu verwehren, denn es ist unsolidarisch, einem anderen Segler den Zugang zur Hafeninfrastruktur nicht zu ermöglichen. Man muss sich halt mit dem Nachbarn auf Zeit einig werden, wann man wieder ablegt, damit beide zu ihrem Recht kommen. Wenn ich es mir recht überlege, wird dort ein Umgang gepflegt, der sich durchaus gesellschaftlich mal wieder mehr etablieren sollte.

Seite an Seite mit unserem belgischen Nachbarn.

Urk war vor langer Zeit eine Insel in der Zuiderzee, eine Vergangenheit, die bis heute durch die Struktur des Ortes sichtbar ist. Es ist ein sehr hübsches kleines Städtchen, vom Fischfang und Tourismus gleichermaßen geprägt. Von dort fuhren wir am Donnerstag wieder nach Lemmer zurück, diesmal wieder mit mehr Wind, der uns jetzt aber anschob.

Den Abend ließen wir gemeinsam ruhig ausklingen, denn man glaubt es kaum, obwohl man sich den ganzen Tag nur auf knapp 36 Quadratmetern bewegt, merkt man am Abend den Tag ziemlich in den Beinen, gerade bei mehr Wind. Ganz unbewusst ist man nämlich ständig damit beschäftigt, die Schaukelbewegungen des Schiffes auszugleichen. A propos schaukeln, ich bin jetzt, wo ich dieses schreibe, seit über 72 Stunden nicht mehr auf dem Schiff, aber in meinem Kopf schwankt es immer noch leicht. Am Samstag mochte ich noch nicht selber Auto fahren. Ich hoffe, wenn ich morgen wieder ebenso lange an Land bin wie ich vorher an Bord war, ist alles wieder im Lot in meinem Hirn…

Am Freitag hieß es dann Klar Schiff machen, alles wieder in den Autos verstauen, nach Hause fahren. Mit ein wenig Wehmut, aber ich selbst war auch froh, dass meine Beine nicht mehr herumklettern mussten (um rauf und wieder runter vom Boot zu kommen), denn zweimal hatte es im linken Oberschenkel an der Sehnenansatzstelle gerupft, was mich doch etwas alarmierte. Wir hatten eine wunderschöne Woche mit gutem Wetter, einer prima Gemeinschaft an Bord und die Hilfe von superlieben Familienangehörigen und einer ebensolchen Freundin, die uns das Ganze ermöglicht haben, indem sie Häuser, Wohnung, Hunde und Katzen gehütet haben.