Tag der Erinnerungen…

Irgendwie ist heute ein Tag, der viele Erinnerungen bringt, danke Christiane und Puzzleblume, das Schreiben mit euch wühlt heute in mir.

Ich musste dann eben doch glatt mal googeln, wie der Song hieß, der immer die Jugenddisco im Dorfgemeinschaftshaus des Nachbarortes eröffnete. Was soll ich sagen, ich hab es gefunden🥳

https://youtu.be/FsFEIPvHkTo

Kopfkino: Vokuhila, Jeans mit weißen Biesen, Satinbluse mit mächtigen Schulterpolstern, Stiefeletten aus babyblauem Nubukleder🙈. Wir waren jung und liefen den Trends hinterher.

Vitaminstoß im Januar

Zur Schreibeinladung von Christiane geht es hier. Dort findest du auch die Vorgaben für die Textgestaltung, falls du die Etüden noch nicht kennst. Alles wichtige kannst du dort nachlesen, also lege ich sofort los:

Der Januar gehört nicht zu den vitaminreichen Monaten. Es sei denn, man isst abwechselnd Rotkohl, Grünkohl und Sauerkraut. Alle diese Kohlgerichte schmecken gut, aber irgendwie muss doch auch noch etwas anderes den Vitaminspiegel und die Laune hochhalten.

Also beschließe ich, Orangengelee zu kochen. Am nervigsten dabei sind immer die Vorbereitungen, doch heute kann mich das nicht erschüttern. Ich hole alles aus dem Keller, was ich brauche, also saubere Marmeladengläser und den großen 17-Liter-Kochtopf. Der ist so schön hoch, dass es garantiert keine Geleespritzer an den Wänden gibt und gleichzeitig sehr breit, so dass die Flüssigkeit gut einkochen kann.

In der Küche schließe ich das Smartphone an den Bluetooth-Lautsprecher an und suche mir eine fröhliche Playlist aus. Dann baue ich die Zitruspresse auf die Küchenmaschine, hole Orangen aus dem kühlen Vorbau* und lege los. Erstmal eine oder zwei Bioorangen heiß abwaschen und mit einem Zestenreißer von der äußeren Schale befreien, die brauche ich später noch.

Dann so viele Apfelsinen auspressen, dass 750 ml Saft entsteht. Manchmal presse ich auch noch eine Limette dazu, wenn ich gerade eine habe.

Der Saft wird mit einem Paket 2.1-Gelierzucker aufgekocht und 4-5 Minuten bei ständigem Rühren sprudelnd weitergekocht. Kurz vor Ende der Kochzeit gebe ich die Zesten dazu und für eine intensivere orange Farbe ein Schnapsgläschen Campari oder Granatapfelsirup, je nach Geschmack und Vorliebe. Wenn die Gelierprobe nach meiner Vorstellung ausfällt, fülle ich das Gelee zügig in die vorbereiteten (das heißt heiß ausgespülten) Gläser und verschließe sie fest. Auskühlen lassen und am liebsten auf frischen Brötchen genießen. Aber auch in Quark oder Joghurt gerührt mit etwas (selbstgemachtem) Knuspermüsli lecker. Das tröstet dann auch darüber hinweg, dass nach dem Kochen der Vitamingehalt vermutlich doch eher übersichtlich ist😉.

Nachkochen erwünscht. Guten Appetit und bleibt gesund!

(288 Wörter)

*Vorbau: so heißt bei uns in der Familie schon seit Generationen etwas, das auch als (Hauseingangs-)Erker oder Windfang bekannt ist. Denn er ist eben vor das Haus vorgebaut. Da er zwar geschlossen, aber nicht isoliert ist, kann ich ihn im Winter immer sehr gut als begehbaren Kühlraum benutzen, das ist echt praktisch.

Datensammelwut

Heute bekam ich den Newsletter unserer Tageszeitung, in der es vor ein paar Tagen thematisiert wurde, dass der Förderverein einer Schule im Landkreis sich dem sogenannten Charityprogramm des großen amerikanischen Gemischtwarenladens angeschlossen hat (0,5 % der getätigten Umsätze soll dabei an den guten Zweck fließen). In der Mail der Tageszeitung wurde auf einen Beitrag zu den Geschäftspraktiken auf Deutschlandfunk Nova verlinkt, den ich mir angesehen und darüber dann diesen gefunden habe:

„Die Daten, die ich rief“: Katharina Nocun darüber, was Amazon alles weiß · Dlf Nova (deutschlandfunknova.de)

So. Jetzt seid ihr dran. Überlegt euch gut, was ihr dieser Datensammelkrake noch alles in den Rachen schieben wollt…

Zwischen Boule und Bettenmachen

|Werbung, unbezahlt|

So ungefähr vor 15-20 Jahren ließ ich öfter mal den Spruch „Wenn es uns hier zu blöd wird, wandern wir ins Périgord aus und züchten Ziegen“. Tja, so schlimm ist es wohl doch nicht geworden, wir sind ja immer noch hier. Das heißt aber nicht, dass ich kein Interesse hätte an Aussteiger-Geschichten. Deswegen griff ich digital zu, als ich die Gelegenheit hatte.

Christine Cazon wollte eigentlich nur ein Jahr Auszeit nehmen, und es verschlug sie ausgerechnet auf einen Biobauernhof in den französischen Seealpen. Mit viel Humor, noch mehr Fragezeichen im Kopf und vermutlich einem „dicken Fell“ lebte und arbeitete sie sich dort ein, verliebte sich dort auch und lebt noch heute in Südfrankreich, wo sie erfolgreich Krimis schreibt. Das Buch ist eigentlich eine Summe ihrer Blogeinträge, die sie für das Print-Format bearbeitet hat. Es hat mir viel Spaß gemacht, vor allem die unfreiwillig komischen Situationen, in die man so als deutsche Frau hineintappen kann, wenn man die Gewohnheiten der Lieblingsnachbarnation nicht so richtig kennt.

Ich war über einige Dinge auch sehr erstaunt, zum Beispiel über den reichlichen Fleischkonsum. Ich wusste zwar (wer weiß es nicht), dass die Franzosen das Essen zelebrieren, aber irgendwie ging ich bisher davon aus, dass dort viel mehr Gemüseanteil im Essen steckt, das kennt man ja so von der Mittelmeerdiät… Überhaupt war ich echt geschockt davon, dass Biolandwirtschaft in Frankreich nicht im Ansatz so angesehen ist wie bei uns in Deutschland, wo es mir schon zu gering erscheint. Da die Erstausgabe des Buches ja schon 11 Jahre alt ist, kann ich nur hoffen, dass inzwischen ein Umdenken stattfindet.

Ebenfalls gestaunt habe ich über Christines Schilderungen des Laissez-faire-Stils, wenn es um Bürokratie ging. Von einer Blognachbarin, die mit ihrem Mann auf einem Hausboot lebt, habe ich in Sachen französischer Bürokratie ganz andere Sachen gelesen. Ich schätze mal, es ist möglicherweise im Süden lockerer als im Norden oder in Ostfrankreich (Paris ist weiter weg?) Herzhaft lachen musste ich über das Kapitel mit der Talzeitung, deren Layout sie zu verantworten hatte. Die Akribie, die sie beschreibt bezüglich ihres Anspruchs, kenne ich sehr gut: wenn ich das Layout für unseren Gemeindebrief mache, habe ich auch manchmal das Gefühl, eine miese Erbsenzählerin zu sein.

Alles in Allem bestätigt CC in dem Buch manches Klischee, das wir von den westlichen Nachbarn haben, andere widerlegt sie gekonnt (Ich frage mich, was das für ein Männer-Frauen-Ding ist, dass dort immer noch so viel getrennt nach Geschlechtern gemacht wird. Dass die französischen Machos immer noch so sind, wie sie sind. Obwohl, MeToo dürfte im Jahr 2021 inzwischen auch in Frankreich angekommen sein. Wo sind die unheimlich emanzipierten und selbstbewussten Frauen? Nur in Paris?), sie nimmt die französischen Macken ebenso wie ihre eigenen deutschen auf die Schippe. Das Buch ist ein lesenswerter Zeitvertreib, gerade jetzt, wo das Reisen am besten sowieso nur im Kopf stattfindet.

Ich schätze mal, wenn wir irgendwo Ziegen züchten wollen, werden wir es wohl vermutlich doch in Deutschland tun und nach Frankreich mal wieder in den Urlaub fahren. Obwohl das Land immer noch ein Sehnsuchtsziel für mich ist (damit bin ich nicht die Einzige in der Familie).

Bibliografische Angaben: Christine Cazon, Zwischen Boule und Bettenmachen; Verlag Kiepenheuer & Witsch; ISBN 978-3-462-00063-4; 12 €

Tragische Corona-Liebesgeschichte – ohne Happy End

Die letzten Wochen habe ich eindeutig zu viele Politik-Podcasts gehört und zu wenig Musik. Heute zum Putzen habe ich mir eine neue Playlist erstellt und siehe da, aus vielen der Songs konnte ich eine tragische Geschichte für die aktuelle Situation zusammenbasteln. Ziemlich denglisch, etwas um die Ecke gedacht, aber immerhin:

Die letzten Monate waren langweilig. Immer saß sie nur dort, Spending my times watching the days go by. Das Bruttosozialprodukt im Eimer, naja, Life is a rollercoaster… Plötzlich bekam sie eine WhatsApp-Nachricht: „Every thing I do, I do it for you, That’s amore!“ Sie schrieb zurück: „Girls just wanna have fun, I wanna dance with somebody„. Er wieder: „I can’t dance“ Etwas unwillig antwortete sie: „Ich gehe tanzen. With or without you!“

Er flehte: „Nein, bitte: Let it be! We don’t need another hero! Aber na gut, ich gehe mit. Alles aus Liebe. I was made for loving you“ Sie dachte nur „What’s love got to do with it?“All for love zog er mit ihr durch die Straßen. Spät am Abend bat er: „Tell me if you wanna go home, Can you feel the love tonight? You’ll be in my heart

Ach was soll’s, dachte sie, Life is for living und I want it that way und ging mit ihm nach Hause. In der Nacht flüsterte er ihr zu: „I wanna see Daylight in your eyes“ und sie fragte neckisch zurück: „Und If tomorrow never comes?“ Doch bald ging die Sonne auf, Morning has broken. Sie hatten dann noch Another day in paradise, doch nach einigen Tagen fragte sie ihn „Every breathe you take funktioniert ja immer schlechter!“ Er kam ins Krankenhaus und ehe sie ihn in Narcotic versetzten, brach es aus ihm heraus: „Stayin‘ alive ist alles was ich will, aber I’ve had the time of my life.“ Als sie ihn unterbrechen wollte, flüsterte er noch: „Don’t stop me now! Ich find dich scheiße! Du trägst keine Liebe in dir! It’s my life, mit dem du gespielt hast! Weißt du, was du tust? Killing me softly! I just died in your arms!“

Am Tag, als Conny Kramer starb, fühlte sie sich wie ein Zombie Out oft he dark. Voller Selbstvorwürfe dachte sie: Warum hatte ich bloß nicht mehr Self control? If I could turn back time… Sie hatte eine Total eclipse of the heart und fragte sich Who wants to live forever?

Am Grab stand sie, die Lady in Black, Black Velvet. Sie entzündete eine Candle in the wind und versprach: „I will always love you.“ Vom Band wurde die Unchained melody gespielt. Sie sinnierte reuig: Werde ich jetzt Livin‘ on a prayer können oder bin ich Losing my religion? Es war doch nur ein Schrei nach Liebe.

So verging der Circle of life, der Winter und der Frühling verging, der Sommer kam ins Land. Everybody dachte, haben wir alles Nur geträumt? What a wonderful world! Sie tanzten Mambo No 5 All summer long, fuhren Ab in den Süden zum Sailing, feierten das Leben Let’s get loud und hofften So soll es bleiben! Wouldn’t it be good? Und so ging es, bis am Ende der Ferien die allgemeine Aufforderung kam: Take me home, country roads!

Uff. Schräg, makaber und das weibliche Wesen kommt eindeutig ziemlich schlecht dabei weg, sorry Mädels. Aber das war die Musikauswahl, nicht ich🤣. Die Männer mögen sich gebauchpinselt fühlen.

Ich versuche in den nächsten Tagen noch ein bisschen mehr Songs für bessere Stimmung zu finden, oder ihr schreibt mir einfach eure Geschichten mit dem Soundtrack eures Lebens…

Einen schönen Sonntag Abend.

Schwarz – weiß

Kennt ihr die folgende Situation? Ich wurde vor einiger Zeit mal gefragt, wer mir in meinem Leben als Vorbild dient. Hm, da gibt es einige. Meine Antwort war damals „Nelson Mandela“. Prompt kam von meinem Gegenüber die Antwort: „Aha, ja. – Aber der hat doch auch seine Frau geschlagen!“ Unausgesprochen klang mit, dass man so jemanden doch nicht als Vorbild angeben darf. Erstens, ich weiß es einfach nicht, ob er seine Frau geschlagen hat. Zweitens, und das wird heutzutage zwar niemandem passen, ich finde die Erwähnung trotzdem wichtig: auch Nelson Mandela war Kind seiner Zeit und seines Kulturraumes. Das soll nichts Falsches relativieren, nur erklären. Jeder von uns weiß wohl, wie sehr man geprägt wird von seinem Aufwachsen, auch wenn man meist „alles anders machen will als die Altvorderen“. (Zum Recht auf Züchtigen von Ehefrauen in der deutschen Geschichte habe ich zwar nichts finden können, bitte aber zu bedenken, dass viele Rechte, die uns Frauen von heute in Deutschland so selbstverständlich vorkommen, so alt auch noch nicht sind. Unsere Mütter hatten sie teilweise noch nicht und durchgesetzt sind auch nicht alle.) Und drittens gilt mir sein Umgang mit der Apartheid, seine feste Überzeugung, dass alle Menschen mit denselben unverbrüchlichen Menschenrechten ausgestattet sind, als Vorbild. Und auch sein nicht-revanchistischer Umgang mit den Weißen nach dem Ende der Apartheid.

Hätte ich damals „Mutter Theresa“ gesagt, wäre die Antwort möglicherweise gewesen: „Ach. Wusstest du denn, dass sie sehr lange Zeit ihres Lebens mit Gott gehadert hat? Wie darf denn eine solche Person eine führende Ordensfrau sein?“ Als ob das ihre praktische und fruchtbare Arbeit für die Ärmsten, die Leprakranken und die Frauen in Indiens Gesellschaft im Wert mindern würde.

Wenn man ein fußballbegeistertes Kind fragt, welches Vorbild es im Fußball hat, das Kind sagt begeistert „ich möchte mal so schön spielen können wie Ronaldo“ und man antwortet ihm: „Das würde ich mir an deiner Stelle nochmal überlegen, denn keiner kann so schön Schwalben fabrizieren, theatralisch auf dem Rasen liegen und leiden. Und die Steuer hat er auch hinterzogen!“, dann reduzieren wir das Vorbild des ehrgeizigen Sportlers auf seine menschlichen Schwächen.

Klar, wer in der Öffentlichkeit steht, sollte sich genau überlegen, ob Bekanntheit nicht auch gewisse Verantwortung in ethischer, moralischer oder gesetzlicher Hinsicht mit sich zieht, aber dadurch wird man nicht automatisch fehlerfrei.

Für praktisch jeden Menschen der Geschichte, der heute in irgendeiner Hinsicht Vorbildfunktion einnehmen kann, ist es möglich, vermeintlich dunkle Punkte oder Brüche in dessen Biografie zu finden. Ja natürlich! Es handelt sich um Menschen! Menschen, die Fehler machen, Menschen, deren Leben und Denken Entwicklungen mitmacht, nicht immer zum Guten, und oft ist es auch erst lange nach deren Lebenszeit möglich, die Folgen ihrer Überzeugungen und ihrer Arbeit abschließend zu beurteilen, wenn überhaupt. Mal ganz davon abgesehen, dass eine Würdigung oder Verurteilung ja dann auch noch immer vom persönlichen Weltbild des Betrachters abhängt.

Wir alle stehen ständig im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Oben und Unten, Richtig und Falsch. Zu oft vergessen wir die Nuancen dazwischen, die Dreidimensionalität, die Grautöne und erst recht die vielen unterschiedlichen Farben oder schlicht die Alltagsdinge, die uns zum Durchwurschteln zwingen. Zwei Sätze aus der Bibel fallen mir dazu ein:

„Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein [auf sie] werfen“ (Johannes 8,7b, Übersetzung: Hoffnung für Alle). Also: fassen wir uns mal alle zusammen an die eigene Nase. Ich, du, er sie, es, wir, ihr und sie.

Und der zweite Satz ist die Jahreslosung für 2021: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36, Luther 2017). In den letzten Jahren hatten wir gefühlt lange keine Jahreslosung, die so sehr auf die Herausforderungen des beginnenden Jahres passt. Bemerkenswert, weil die Jahreslosung immer drei (!) Jahre im Voraus ausgewählt wird.

Ach übrigens:

… es ist nicht alles schlecht in Deutschland. Es gibt sogar vieles, was richtig gut läuft. Aber im Augenblick sage ich einfach: es gibt auch sehr vieles, das wir eindeutig besser hinkriegen können. Ich prokele mit Wonne in den Wunden herum, damit es wehtut, damit wir aus den Puschen kommen, für uns und die vielen anderen hier im Land.

Wenn ich aus meiner derzeitigen Motz- und Meckerphase raus bin, dann schauen wir uns mal gemeinsam die anderen Seiten an, ok?

Einerseits -andererseits

Das Buch Unberechenbar klingt immer noch nach in mir, obwohl ich schon die nächsten Bücher „am Wickel“ habe. Heute früh war mal wieder die Lektüre der Tageszeitung der Anstoß. Bevor ich jetzt hier vom Leder ziehe, möchte ich betonen, dass ich keine Patentlösungen kenne, vermutlich gibt es die auch nicht, aber wir brauchen ein großes Nachdenken und eine breite Diskussion darüber, welche Werte uns wichtig sind, als einzelne Personen, als Kommunen oder Kirchengemeinden, als Bundesländer und auch als Deutschland. Wollen wir in der Zukunft auf eine möglichst gemeinsame (und trotzdem bunte und diverse) Gesellschaft setzen oder sehen wir die vielen höchst unterschiedlichen Menschen als „Human resources“ (also: Personal) an, die einfach möglichst reibungslos ihre Aufgabe erfüllen sollen?

Ich frage mich da beispielsweise: Lufthansa und TUI, große Konzerne im Bereich Touristik, werden mit Milliardenhilfen gestützt. Aber was ist mit kleinen Betrieben der Branche, vom unabhängigen Reisebüro über inhabergeführte Hotels und Campingplätze bis hin zur kleinen Frühstückspension, von Fahrgastschifffahrt bis Nationalparkguides? An allen diesen Kleinbetrieben hängen doch in der Summe nicht weniger menschliche Existenzen als an den Branchenriesen.

In der Pflege (sowohl Kranken- als auch Altenpflege und überhaupt im Gesundheitssektor) bahnt sich ein Kollaps an, ganz akut durch viel zu hohe Arbeitsbelastung und eigene Erkrankung bis hin zum Burnout und dem desillusionierten Verlassen der Branche. Hier fehlt mir ein energisches Gegensteuern. Ich überlege mir, wenn alle Stellen, die in diesem Bereich arbeiten, zu einem großen, deutschlandweiten Gesundheitsdienstleistungskonzern zusammengeschlossen wären, mit entsprechendem Umsatz, Aufsichtsratsposten und Lobbyisten im Bundestag, dann sähe das möglicherweise ganz anders aus.

Ich frage mich, warum die Bildungsgerechtigkeit, die seit einem knappen Jahr das große Mantra der Bildungspolitiker ist, in den letzten Jahrzehnten so wenig Beachtung fand. Im Gegenteil: Schulgebäude gammelten vor sich hin, die Vorsprünge in der Digitalisierung vor allem in den skandinavischen Ländern wurden kleingeredet, von wegen, dafür würden dann aber althergebrachte Kulturtechniken vernachlässigt (ich sag nur: das Eine tun und das Andere nicht lassen). Es hieß, inklusives Lernen (auch vor allem bei den Skandinaviern) wäre bei uns nicht möglich, weil die langsameren Schüler den schnelleren quasi Zeit klauen (mein Ausdruck, das kann man bestimmt auch positiver ausdrücken😜). Bildung ist in Deutschland, seit Jahren beklagt und trotzdem unverändert, ein Gut, das anscheinend untrennbar mit dem sozialen Status des Elternhauses verknüpft ist. Im Augenblick kann ich noch keine bahnbrechende Änderung daran erkennen.

Müssten sich die etablierten Medien, vor allem die eher reißerischen, aber auch diejenigen, die mit mehr Ruhe und Seriosität arbeiten, nicht alle mal von der Schlagzeilenmentalität verabschieden? Glücklicherweise werden wir nicht von einem erratischen Präsidenten regiert, der morgens nach dem Aufwachen erstmal medial einen raushauen muss, damit die Verdauung ordentlich funktioniert. Aber die Verkürztheit, mit der augenblicklich manche Entscheidungen, so fraglich sie sein mögen, in die Medienlandschaft getragen werden, die nervt mich total, weil ich davon ausgehe, dass sich unsere Volksvertreter in den meisten Fällen tatsächlich erstmal irgendwelche Gedanken dazu gemacht haben, was sie da sagen. Zumindest die Entscheidungsfindung kurz darstellen sollte meiner Meinung nach Standard werden. Das bedeutet nicht, dass alle zum „Erklärbären“ mutieren müssen. Wenn ich aber die Entwicklungen der letzten Monate bedenke, sehnen sich Menschen nach Erklärung, sonst würden sie sich nicht in immer größerer Zahl denen zuwenden, die Erklärungen bieten, auch wenn sie noch so abstrus sind.

Wisst ihr, was ich als sehr wohltuend empfunden habe in den letzten Tagen? Die Art und Weise, wie die Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen öffentlich ihre Fehleinschätzungen des Infektionsgeschehens kommuniziert haben bis hin zu der Entschuldigungsbitte von Bodo Ramelow bei der Bundeskanzlerin. Beide gehören nicht unbedingt Parteien an, die ich persönlich präferiere, aber beide zeigen in dieser Situation Rückgrat, was ich auf jeden Fall sehr zu würdigen weiß.

Fortsetzung folgt.

Beitragsbild: Pixabay, weil ich nicht mehr so eine schöne Waage besitze und die alte Schweinewaage auf dem Dachboden nicht so fotogen ist…

Unberechenbar – 11.1.2021

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Zielgerade. Das letzte Kapitel heißt „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft“. Handwerkerphilosophie, oder eher Heimwerker? Naja, bei so manchem ist es total okay (zum Beispiel wenn ich die Tapete etwas schief angeklebt oder den Teppich am Rand etwas krumm zugeschnitten habe) , aber es gibt nun mal auch Gewerke, da sollte alles ganz genau passen. Wasser- oder Gasleitungen sollten eher kein „Spiel haben“. Aber was bedeutet es denn, wenn etwas „wackelt und Luft hat“? Es bedeutet, dass Entwicklungsspielraum da ist. Eine gewisse Freiheit, Unberechenbarkeit, Uneindeutigkeit.

Uneindeutigkeit? Stopp, das wollen wir ja wohl überhaupt nicht. Vor allem wir Deutschen, quasi die Erfinder der Normierung: was bei uns alles unter DIN-Normen fällt… In den letzten Monaten haben wir eine große Sehnsucht nach Normierung und Eindeutigkeit gehabt: Immer dann, wenn neue Corona-Verordnungen erlassen wurden, die dieses Mal ganz bestimmt für alle Bundesländer gelten sollten, aber dann machte am Ende doch jedes Bundesland irgendetwas anders als die anderen.

Das ist eben das Dilemma: Wir möchten einerseits ganz verständlich überall dieselben Regeln, weil wir dann wissen, wie wir uns zu verhalten haben und weil es unser Gerechtigkeitsempfinden berührt. Aber andererseits fordert dasselbe Gerechtigkeitsempfinden, dass nicht alles über einen Kamm geschoren wird, sondern nach der gesundheitlichen Lage vor Ort entschieden wird. Ambiguität (Mehrdeutigkeit) nennt sich das Phänomen, das wir nur mit großen Schwierigkeiten aushalten können. Diese Schwierigkeiten dürften auch aktuell dazu beitragen, dass wir nicht freimütig sagen können: Ja, du bist anderer Meinung als ich, und ich kann deine Gründe auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, aber für mich gelten in dem Punkt andere Prioritäten, daher bewerte ich die Frage anders. Wir haben beide Vorteile und Nachteile auf der Hand, jetzt lass uns damit konstruktiv umgehen. (Ganz klar, damit meine ich natürlich nicht diejenigen, die vor lauter Eindeutigkeitswahn keinem Argument mehr zugänglich sind und lieber in Verschwörungserzählungen abtauchen). Wir müssen uns nicht nur passiv damit abfinden, dass unsere menschliche Existenz weder berechenbar noch eindeutig ist: wenn wir es gut machen, dann können wir genau auf dieser Welle der Unberechenbarkeit und Ambiguität unser Leben surfen!

Die bibliografischen Angaben findest du hier.