In eigener Sache

Ich habe nichts gegen Diskussionen. Menschen sind unterschiedlicher Meinung, und das ist auch gut so. Wenn jemand meint, mich unbedingt „Gutmensch“ oder so nennen zu müssen, geschenkt. Solange alles in einem Rahmen bleibt, in dem der gegenseitige Respekt gewahrt ist.

Heute früh habe ich diese Bedingung erweitert um: Ich diskutiere nicht mit Menschen, die ein gefestigtes Weltbild haben, in dem sie meinen, bestimmte Menschengruppen in einer abwertenden Weise verunglimpfen zu müssen. Wahlweise als eine anonyme Masse „Die“ oder auch Leute des öffentlichen Lebens namentlich. Weil diese Menschen auf der Flucht vor Gewalt nach Deutschland kamen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, eine sexuelle Orientierung, die, sagen wir mal vom Standard abweicht, weil sie wie ganz normale Durchschnittsmenschen aussehen und nicht mit herausragender körperlicher Schönheit bedacht sind (wer definiert das eigentlich?). Oder weil sie eine andere politische Richtung vertreten.

Ich muss nicht mit allen Menschen befreundet sein, es darf Leute geben, die ich nicht leiden kann, es wird auch immer Personen geben, mit deren Handeln ich nicht klarkomme. Aber alle Menschen, auch der Verfasser des Kommentars, der mich heute früh erreichte, haben verdient, dass sie eine ordentliche, nicht menschenverachtende Ansprache bekommen.

Der Kommentar, den ich heute relativ kurz nach dem Aufstehen las, verwunderte mich zunächst, er war aber an sich vom Inhalt her so allgemein gehalten, dass ich mich auf die Diskussion eingelassen hätte. Nun bin ich aber so ein kleines bisschen neugierig und weiß ganz gern, wie die Person sonst so schreibt, die auf meinem Blog kommentiert. Als ich auf den Blog des Users schaute, fand ich eine bunte Zusammenstellung von dem, was ich oben beschrieben habe. Ob und in welcher Weise das justiziabel ist, weiß ich nicht, ich habe aber nach einigem Nachdenken den User auf meinem Blog gesperrt, also mein Hausrecht wahrgenommen.

Damit ihr wisst, worum es geht, der Kommentar lautete:
„Habe ich nicht gelesen. Werde ich nicht lesen. Kann weg. Genauso wenig wie ich das Kapital oder die Mao-Bibel gelesen habe. Politiker schwätzen viel, versprechen alles, lügen häufig und halten nichts. Und wer Kinderbücher schreibt, weiss, wie man Leute einlullt.“

Hier meine Antwort:

Prima, es gibt ja noch viele andere Bücher. Ich gebe Anregungen, jeder ist frei, sie anzunehmen oder nicht. „Das Kapital“ ist aber bestimmt mal sehr interessant. Im Übrigen heißt das Lesen von Sachbüchern noch lange nicht, dass man alles, was darin steht, genauso sieht. Es bedeutet nur die Bereitschaft, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Politiker sind außerdem genauso fehlbare Menschen wie alle anderen, manche sind integer, andere nehmen das nicht so genau. So ist das auch bei Unternehmern, Künstlern, Industriearbeitern, Eltern… und sogar bei selbsternannten „Patrioten“. Viel mehr macht mir die vermurkste Einstellung zu Kinderbüchern zu schaffen. Wer denkt, (gute) Kinderbücher sind nur dazu da, die Kinder „einzulullen“, hat entweder überhaupt keine oder die verkehrten Bücher gehabt als Kind.

Landleben

Oder: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…

Gestern habe ich eine Petition unterschrieben. Manchmal mache ich das, wenn mir ein Anliegen nach sorgfältiger Überlegung nicht als ein künstlicher Aufreger erscheint und ich es aus vollem Herzen unterstützen kann. Aber warum ist das hier eine Erwähnung wert?

Weil es sich um eine Petition handelt, mittels der erreicht werden soll, dass die Geräusche, die es auf dem Land gibt, dort auch erhalten bleiben dürfen. Zum Beispiel das Krähen der Hähne, darüber beschweren sich anscheinend besonders viele Menschen, die dem lauten Stadtleben den Rücken kehren wollen und auf dem Land eine Idylle suchen, die es so nicht gibt. Ich wage mal zu sagen, dass es noch nie in Dörfern paradiesische Ruhe gegeben hat. Denn Landwirtschaft macht Geräusche. Die wandeln sich zwar im Lauf der Zeiten, aber sie sind einfach da.

Wer ein bisschen Zeit erübrigen möchte, ist eingeladen, sich die Petitionswebseite mal anzusehen, gerade auch die Diskussion, die dort geführt wird. In weiten Teilen respektvoll und sachlich, aber manche Statements sind auch recht abenteuerlich:

Pro & Contra: Ortsübliche Emissionen des Landlebens als kulturelles Erbe schützen – Online-Petition (openpetition.de)

Was ich einfach nicht verstehe, ist der Anspruch an eine nicht vorhandene Wirklichkeit, den manche stellen, wenn sie sich für ein Leben auf dem Land entscheiden. Es sieht in der Realität eben nicht alles so aus wie in den einschlägigen Magazinen, die im Titel das Wort „Land“ führen. Die Realität sind eben auch krähende Hähne, bei denen die innere Uhr anders tickt als bei Menschen. Die Realität ist manchmal auch eine Straße mit dicken Erdklumpen, verwehtes Maishäcksel am Straßenrand oder der Gülletanker. Klar frage ich mich auch, ob dieser Gülletourismus aus der Gegend um Vechta oder sogar aus den Niederlanden so heftig sein muss, aber grundsätzlich bin ich damit aufgewachsen, dass im Ort am Freitag niemand Wäsche draußen aufhängte. Denn freitags wurden Ställe ausgemistet, angerotteter Mist vom Misthaufen auf die Felder gefahren und auch mal Gülle ausgebracht. Und in den Gärten verbrannte man das Schnittgut von Bäumen und Sträuchern.

Wenn zum Beispiel unser Nachbar im September das eingefahrene Getreide mit der Trocknungsanlage vor dem Schimmeln bewahren muss (in den letzten drei Jahren kaum noch wegen der Trockenheit), dann ist das ganz bestimmt etwas nervig am Anfang (nach zwei, drei Tagen höre ich es nicht mehr), aber es ist letztendlich doch auch in meinem Interesse, dass sowohl Brot- als auch Futtergetreide schimmelfrei bleiben. Oder?

Das Beitragsbild stammt übrigens nicht aus unserem Dorf. Leider. Es stammt aus dem September 2019, als wir mit einer bunten Truppe einen Frauentag in Krelingen begangen hatten und auf dem Rückweg am Rande eines kleinen Ortes an einem Picknicktisch Pause machten.

Schwarze Schafe…

…gibt es überall. Obwohl, eigentlich können die Schafe ja nichts dafür, dass manMenschen, die Verfehlungen begehen, so nennt. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Die Gesellschaft funktioniert nur mit einem gewissen Grundvertrauen, so ähnlich, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Urvertrauen gründet. Nur eben in viel größerem Maßstab, weil eine Menge Menschen daran beteiligt sind.

Wenn ich einkaufe, dann vertraue ich doch zunächst einmal darauf, dass der Kaufmann, dem der Supermarkt gehört, redlich arbeitet. Seine Angestellten pünktlich bezahlt, seinen Kunden eine ordentliche Qualität bei den Frischwaren bietet, seine Steuern korrekt anmeldet. Ebenso vermute ich das im Restaurant oder in der Apotheke. Warum diese Beispiele? Weil aus der Sicht der Finanzverwaltung diese Branchen: Einzelhandel, Gastronomie und Apotheken permanent in der Versuchung sind, in großem Stil den Staat zu hintergehen, daher werden die Anforderungen an Warenwirtschafts- und Kassensysteme immer stärker reglementiert. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es die Verstöße nicht gibt bei einzelnen Akteuren in den Branchen. Aber im Grunde stehe ich mit meinem Vertrauen doch noch immer ganz gut da. Denn die allermeisten arbeiten eben ordentlich.

Es gibt Banker, Ärzte, (Abmahn-)Anwälte, Manager, … [um beliebige Berufsgruppen erweitern…], die lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben, um ihrer Klientel möglichst effektiv und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt Politiker, die ihren Beruf und ihre Partei danach gewählt haben, wo sie finanziell am besten dastehen. Es gibt korrupte Beamte und Sicherheitskräfte, die nicht die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen im Sinn haben. Es gibt Gelegenheits- und Berufsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger und alles Mögliche andere im kriminellen Spektrum.

In jedem Land der Erde, und auch nicht erst seit 2015 oder so. Keine Bevölkerung irgendeines Landes besteht aus Heiligen, keine Berufsgruppe der Welt ist unbestechlich, kein Mensch ist immun gegen Versuchungen.

Klischees gibt es immer und überall. Und bei manchen Dingen sind wir auch nicht zimperlich. Wer hat denn schon ernsthaft gesagt: „In Italien mache ich keinen Urlaub, das sind alles Mafiosi“ oder „Nach Thailand kann man nicht fliegen, dort ist ein einziger Sumpf von Drogen und Prostitution“. „Mallorca als Urlaubsziel geht ja gar nicht, da werden keine Umweltstandards eingehalten“ oder auch „Kreuzfahrten sind indiskutabel, was da an Abgasen in die Luft geblasen wird“. Nur mal so als Beispiel (es gibt da über so ziemlich alle Destinationen etwas zu sagen, was dort nicht in Ordnung ist!) Wenn wir in diesen Gebieten nun mal gerne Urlaub machen wollten, haben wir darauf vertraut, dass in den Urlaubsorten alles sauber und legal läuft, und wenn wir tatsächlich mal unsicher waren, dann haben wir lieber die Augen davor verschlossen, wir waren schließlich im Urlaub. Da belastet man sich nicht mit solchen Themen.

Von der derzeitigen Lage sind wir alle zwangsbetroffen, keiner kann sich rausmogeln, keiner hat sich das ausgesucht. Und das bereitet uns so viel Unbehagen, dass wir mangels Sündenbock (interessant: diese Redensweise ist biblisch. Im Alten Testament wird beschrieben, dass während der Wüstenwanderung der Israeliten symbolisch die „Sünden“ auf einen Ziegenbock übertragen wurden, der dann in die Wüste geschickt wurde) am liebsten alles auf „die Politiker“, „die Mainstream-Medien“, „die Staatsvirologen“ oder auch auf wahlweise „die Schlafschafe“ bzw. „die Covidioten“ schieben.

Ja, auch ich bin pandemiemüde, aber ich bin es noch mehr müde, dass uns das Grundvertrauen abhandengekommen ist. Ohne dieses Vertrauen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, es findet eine Zersplitterung in lauter Einzelinteressen und Einzelsichtweisen statt, es heißt „Wer nicht für mich ist, der ist dann eben gegen mich!“

Es gab in den letzten Monaten Dinge, die gut gelaufen sind, es gab Maßnahmen, die es wert sind, hinterfragt zu werden und es gab Situationen, wo den Entscheidern alles entglitten ist. Wie seit Jahrhunderten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von Fehlern, Irrtümern, unheilvollen Entscheidungen. Und trotzdem ging es immer weiter. Sogar aufwärts. Oft wurde der Fortschritt sogar durch Entscheidungen beschleunigt, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben.

Weil es immer, zu jeder Zeit, viel mehr Menschen gab, die vieles (nicht alles) richtig gemacht haben, die visionär vorangegangen sind, die andere mitgenommen haben auf ihrem Weg. Die fehlertolerant waren und vertraut haben. Weil es immer Menschen gab, die sagten „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie!“

Auf der persönlichen Ebene kann ich viele Bedenken und Meinungen verstehen und nachvollziehen, die von meiner derzeitigen Einschätzung stark abweichen, zum Beispiel, wenn eigene Erfahrungen dahinterstehen. Auch ich bin ja durch meine (Familien-)Biographie zu meiner Sichtweise gekommen. Die Shitstorms und die Intoleranz, die aber vor allem in den sozialen Medien daraus gemacht werden, die werde ich wohl nie kapieren.

Vielleicht fehlt im Augenblick vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man selbst es auch nicht besser weiß oder entscheiden könnte. Und da sehe ich auch eine Lücke, in die manche unserer EntscheiderInnen springen müssten: Die Ehrlichkeit, zu Fehlentscheidungen zu stehen (die mitunter erst im Nachhinein als solche zu erkennen, manchmal aber auch von Anfang an fraglich waren). Zugeben, dass etwas nicht optimal war, statt Ausreden zu präsentieren.

Und Geduld ist auch nicht unsere Kernkompetenz. In einem Kommentar habe ich vor einigen Tagen geschrieben: „Wenn wir heute (hier in Deutschland/Mitteleuropa) einem Krieg in den Ausmaßen (sechs Jahre!) des zweiten Weltkrieges ausgesetzt wären, bräuchten die Gegner nur genügend Popcorn und sich dann genüsslich ansehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen…“

Wie gesagt: Auch ich kenne keine Patentlösung. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran, dass eine Gesellschaft zusammen sehr vieles schaffen kann.

Schämt euch! Alle zusammen!

„Ziel ist, weltweit alle Kräfte für die Forschung an Impfstoffen und Arzneimittel zu bündeln. Sobald es sie gibt, sollen die neuen Mittel allen Ländern zur Verfügung stehen − auch Ärmeren.“ Quelle: Neuer Spendengipfel für Impfstoff gegen SARS-CoV-2 Ende Juni (aerzteblatt.de)

Das war der Stand im Sommer 2020. Der globale Schock war zu diesem Zeitpunkt noch so groß, dass es hehre Ziele gab. Die ganze Welt (naja, fast die ganze Welt) wollte zusammenstehen, das Virus gemeinsam bekämpfen, als eine große Menschheitsfamilie. Stand heute kann ich leider nur sagen: Schön wär’s gewesen. Kaum ist Impfstoff da, kabbeln sich alle um das Zeug. Alle möglichen reichen Länder haben sich Mengen reserviert, die teilweise eine Überversorgung darstellen, Pharmaunternehmen haben angeblich (ich konnte es nicht verifizieren, aber wundern würde es mich nicht) Knebelverträge unter die Staatenlenker gebracht, die es verbieten, überschüssige Impfdosen an Drittländer weiterzugeben, die es sich nicht aus eigener Wirtschaftsleistung erlauben können. Jede Verzögerung wird zum Skandal hochstilisiert, dabei wird schon wieder komplett außenvor gelassen, dass Impfstoffentwicklung noch nie so schnell ging wie 2020! Statt mit einer gewissen Demut die einzelnen Chargen möglichst gerecht unter die Menschheit zu bringen, fletschen alle die Zähne und fallen übereinander her.

Großbritannien wollte unbedingt unabhängig sein. Diese Unabhängigkeit ist aber zumindest trotz der jahrelangen Vorbereitungen mehr als schlampig durchdacht worden. Als Folge davon vergammelt schottischer Fisch in inzwischen Nicht-mehr-Kühl-LKWs, aber zumindest soll dieser Fisch ja laut Aussage eines britischen Parlamentariers vorher glücklich gewesen sein, dass er britisch und nicht europäisch war. Meine Meinung: Kopf – Wand! Glauben diese Leute eigentlich den Stuss, den sie da erzählen? Die Wurststullen der Brummifahrer landen zurzeit genauso im Müll wie hunderte LKW-Ladungen an Schweinehälften, die auf den Transit warten. Was für eine gigantische Lebensmittelvernichtung findet da statt, sozusagen staatlich genehmigt! Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Heute früh lese ich in der Zeitung, dass Unbekannte die Videokonferenzschulstunden von Grundschulen kapern und den Kindern pornografische Aufnahmen zeigen. Ohne Worte. Dazu fällt mir echt nix gescheites und schreibbares ein, wie auch?

Aber zumindest eine Sache ist gut ausgegangen: Die Vendée Globe, die Einhandsegelregatta rund um die Welt. Der erste deutsche Teilnehmer Boris Herrmann hat es trotz der Kollision mit dem Trawler in der letzten Nacht auf See heile und gesund ins Ziel geschafft, eine menschliche und sportliche Leistung, die wohl außer den anderen beteiligten Skippern so schnell keiner nachmacht. Die Arbeit der Auswertung unzähliger wissenschaftlicher Erkenntnisse für Ozeanografie und Umweltschutz wird vermutlich jetzt erst so richtig losgehen, denn er hatte sein Boot mit den verschiedensten Sensoren ausgestattet, die dem Helmholtz-Institut wertvolle Erkenntnisse liefern werden.

Heute ist Samstag, der 30. Januar 2021. Seit etwas über einem Jahr leben wir mit dem Corona-Virus in Deutschland. Ich fürchte, sehr viel haben wir nicht gelernt in der Zeit. Erinnert euch doch mal an die Wünsche aus dem ersten Lockdown: Entschleunigung, Wertschätzung, weniger Verkehr, bessere Luft, Zusammenhalt der Gesellschaft… Wie vieles davon hat nicht mal ein Jahr überlebt?

Datensammelwut

Heute bekam ich den Newsletter unserer Tageszeitung, in der es vor ein paar Tagen thematisiert wurde, dass der Förderverein einer Schule im Landkreis sich dem sogenannten Charityprogramm des großen amerikanischen Gemischtwarenladens angeschlossen hat (0,5 % der getätigten Umsätze soll dabei an den guten Zweck fließen). In der Mail der Tageszeitung wurde auf einen Beitrag zu den Geschäftspraktiken auf Deutschlandfunk Nova verlinkt, den ich mir angesehen und darüber dann diesen gefunden habe:

„Die Daten, die ich rief“: Katharina Nocun darüber, was Amazon alles weiß · Dlf Nova (deutschlandfunknova.de)

So. Jetzt seid ihr dran. Überlegt euch gut, was ihr dieser Datensammelkrake noch alles in den Rachen schieben wollt…

Weihnachten mal anders

Erstens: Ich habe es tatsächlich geschafft, drei Tage lang den PC nicht einzuschalten. Ab und zu habe ich übers Smartphone geschaut, was so los ist, aber nicht oft, denn ich mag es nicht, immer hin und her zu wischen, um einen Blogbeitrag wirklich gut lesen zu können.

Heiligabend war ein merkwürdiges Gefühl, ungewohnt entspannt. In den letzten Jahren war immer ab 14 Uhr Gewusel, damit wir es als Mitarbeiter in die jeweiligen Gottesdienste schafften, Konfirmanden in die Kostüme stecken konnten, Texte ein letztes Mal abhören, Lesungen vorbereiten usw. Ich habe mich gefragt, wenn uns als Ehrenamtlichen es so geht, wie ist es dann erst für unsere Pfarrer, die Küsterin, die Kirchenmusiker, für die Weihnachten sonst der absolute Großeinsatz ist?

Keine Gottesdienste vor Ort bedeutete aber auch, dass wir die Zeit nutzen konnten, um einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wir haben uns auf Youtube durch die Online-Angebote der anderen Gemeinden im Kirchenkreis gezappt. Die vielen verschiedenen Ansätze waren spannend zu beobachten.

Von 21 bis 22:30 Uhr war unsere Kirche zur stillen persönlichen Andacht geöffnet, mit Orgelspiel im Hintergrund. An diesem Abend wurde das Angebot auch gut angenommen, einige Familien und Einzelpersonen verbanden es mit einem abendlichen Spaziergang. An den beiden Weihnachtstagen und am Sonntag gab es jeweils zur Gottesdienstzeit auch die offene Kirche und ich freue mich so richtig, dass mit diesem Format Menschen unser schönes altes Kirchengebäude manchmal sogar ganz neu wahrnehmen.

Ansonsten war es vor allem ein Weihnachtsfest mit viel Ruhe, einigen Märchenfilmen und deutlich weniger Essen als „normalerweise“. Und wenn ich mich so umgehört habe, hat die Vorbereitung auf dieses Weihnachten im „Krisenmodus“ einige Leute dazu gebracht, über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und Bräuche neu nachzudenken. In jede Richtung: was ist uns eigentlich wirklich wichtig, was schätzen wir? Das merken wir ja häufig erst dann, wenn es fehlt. Im Gegenzug aber auch: worauf können wir verzichten? Was ist eigentlich nur Fassade, weil „es immer so gemacht“ wurde?

Für mich persönlich hat sich herausgestellt, dass ich auf üppige Adventsdeko viel besser verzichten kann als auf einen Weihnachtsbaum. Mit dem Vorschlag von Edgar, in einer großen Vase Tannenzweige aus dem Garten aufzustellen, konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, Ökobilanz hin oder her😌. Und gefehlt hat mir das trubelige Zusammensein mit allen unseren Kindern, so vernünftig es auch war, darauf zu verzichten. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde, der Gänsehautmoment, wenn alle gemeinsam „Oh du fröhliche“ singen, ja, auch das hat gefehlt. Der vollgefressene (Sorry) Bauch dagegen, der hat mir ganz und gar nicht gefehlt.

Ein im wahrsten Sinn des Wortes „merk-würdiges“ Jahr geht zu Ende. Es hat uns vieles abverlangt und uns erschöpft zurückgelassen. Ich hoffe, wir merken uns, was wir als essentiell und gut empfunden haben und ich hoffe, wir merken, dass ein immer höher und immer weiter nicht die Zukunft sein kann.

Wir haben uns so schön eingerichtet..!

Ab Minute 6:49 können wir uns alle an die eigenen Nasen fassen, nicht nur beim Thema Religion

Ja, es ist eine klamaukige Satire-Sendung, nicht jedermanns Geschmack, ich weiß. Aber wie auch im politischen Kabarett steckt ein Kern drin, auf den wir draufbeißen und „Aua“ rufen. Ein Kern, der uns irgendwie trifft.

Dabei geht es mir in diesem Beitrag gar nicht mal so sehr um unsere Einstellung zu Glauben, Kirche und Religion, sondern dieser Bereich ist nur ein einzelner Baustein in einem Gebäude, das sich eigentlich jeder einzelne von uns mehr oder weniger erfolgreich zusammengebastelt hat.

In Europa leben wir seit 75 Jahren friedlich miteinander, die Staaten haben sich zusammengeschlossen für ein System der Gemeinsamkeit. Klar, dort ist auch nicht immer Friede, Freude , Eierkuchen. Aber das Prinzip stimmt zunächst.

Durch bahnbrechende Fortschritte in der Medizin leben wir immer länger, Krankheiten sind heilbar, an denen man vor 100 Jahren elendig verreckt wäre. Es gibt staatliche und kirchliche Daseinsfürsorge, die im Großen und Ganzen ein soziales Netz für jeden ausspannt, der es benötigt. Natürlich ist in allen genannten Beispielen immer noch Luft nach oben und auch manche persönliche Ungerechtigkeit kann nicht ausgebügelt werden. Trotzdem leben wir ganz allgemein so gut wie keine Generation vor uns.

Wir haben uns mit allen Annehmlichkeiten eingerichtet und betrachten ihr Vorhandensein als erweitertes Menschenrecht. Wir verwöhnten Mitteleuropäer kennen eigentlich keine Situation mehr, aus der wir uns nicht durch Innovation oder auch Kapitaleinsatz befreien können. Existenzielle Ängste, die Leib und Leben bedrohen, sind für die allermeisten von uns eine Randerscheinung.

Bis im Jahr 2019 ein neuartiges Virus auf den Plan kam. Ein Virus, das es nicht einen Deut scherte, ob Länder reich oder arm sind, ein Virus, das uns auf aufdringliche und aggressive Weise unsere Endlichkeit und Hilflosigkeit wie einen Stachel ins Fleisch bohrte. Unser mühselig aufgebautes Gebäude von oben droht zusammenzufallen wie ein Kartenhaus, und damit leider auch Teile unserer hochgelobten Zivilisation. Denn dieses Virus zeigt uns beide Seiten der Medaille:

Die Altruisten und die Hedonisten, die Verzagten und die Nassforschen, die Reichen und die Armen, die Fortschrittlichen und die Traditionalisten, die Alten und die Jungen, die Schlafschafe und die Erweckten… beliebig fortsetzbar. Das Wörtchen „und“ wird in der Wahrnehmung zunehmend ersetzt durch „gegen“.

Langsam kotzt es mich an. Tut mir leid, aber so ist es nun mal. „Ich will mein altes Leben zurück. Jetzt sofort und uneingeschränkt!“ kann ich genauso nicht mehr hören wie „Denk doch mal selbst!“ (von „beiden“ Seiten übrigens, die sich das selbstständige Denken gegenseitig absprechen). Meine Mutter sagte früher „Kinder, die was wollen, die kriegen eins an die Bollen.“ Nur das die „Kinder“ heute meist Erwachsene sind, die mitten im Leben stehen. Und wenn man denkt, kann je nach Informationslage das Ergebnis unterschiedlich aussehen. Miteinander reden, was so bitter nötig ist, findet leider oft nur noch als digitaler Schlagabtausch statt, die Wahl der Mittel wird immer unappetitlicher und teilweise menschenverachtend.

Andere Situation: gestern hatten wir stundenlang kein Internet, heute ging der Kaffeevollautomat endgültig kaputt, nachdem wir letzte Woche noch ein Ersatzteil bestellt hatten und die Garantie im Frühjahr abgelaufen ist. Und ich versuche seit drei (!) Wochen, mehrere Facharzttermine zu bekommen, habe dabei aber immer mehr das Gefühl, in den Praxen liegen die Telefonhörer neben dem Telefon. Das kann doch nicht sein, dass beim Hautarzt, beim Orthopäden oder beim Kinderarzt solche Massen von Leuten anrufen, dass gefühlt 24/7 besetzt ist! Natürlich kann ich mich fragen: wem nützt das? Wer hat einen Vorteil davon, dass ich mich ärgere? (Mein Magengeschwür vielleicht?) Wer verdient daran? (Am ehesten noch der Hersteller der Kaffeemaschinen.) Ich kann darauf herumreiten, dass mir jetzt gerade in dieser Situation alles mögliche geschieht, dass mir jemand etwas Böses will, dass ich mich benachteiligt und nicht gehört fühle. Ich kann aber auch achselzuckend akzeptieren, dass es einfach blöde Zeiten gibt und weiter die Wahlwiederholung drücken.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich habe Verständnis für jeden, der sich in seiner beruflichen oder persönlichen Existenz angegriffen fühlt, denn dieser Angriff ist da. Da gibt es zweifellos eine globale Bedrohung, die das Zeug hat, auf die eine oder andere Weise Leben und Lebensentwürfe zu pulverisieren. Und da gibt es auch mehr oder weniger geschickte, mehr oder weniger taugliche Versuche der Regierungen, mit der Lage umzugehen. In diesen Regierungen sitzen Menschen! Ich bin auch nicht glücklich über manche Entscheidung, in einige Wirtschaftszweige Geld rein zu pumpen und andere zum Sozialamt zu schicken. Dass die Lufthansa mehr wert ist als funktionierende Konzepte in Schulen, kann man gutheißen, wenn man Arbeitnehmer bei der Lufthansa ist. Aber was, wenn man alleinerziehend ist und neben der Arbeit auch seine Kinder möglichst gesund durch die Zeit bringen muss? Warum stehen solche Instrumente wie Kaufprämien für Autos überhaupt erstmal zur Diskussion, aber ein Solo-Veranstaltungstechniker soll seine Altersvorsorge angreifen oder zum Bittsteller beim Jobcenter werden?

Die Gründe liegen oft überhaupt nicht in der aktuellen Krisensituation begründet, sondern in der Lebensweise, die wir uns in den letzten 50 Jahren angewöhnt haben. Wir alle, nicht nur die Politiker. Darüber wird auch zu reden bzw. zu streiten sein. Aber lasst uns doch jetzt als erstes sehen, dass wir durch diese Zeit jetzt einigermaßen mit Anstand und Respekt voreinander durchkommen. Lasst uns grundsätzlich so agieren, dass wir uns nicht gegenseitig als Schlafschafe und Aluhüte beschimpfen. Ist das denn so schwer?

Flucht?

Irgendwie bin ich selbst schuld. Ich neige manchmal dazu, so lange in einem Thema herumzuprokeln, bis es eine Art „Information Overkill“ in meinem Kopf gibt.

In den letzten Wochen habe ich viel wichtiges über aktuelle Probleme unserer und der Weltgesellschaft nachgelesen. Das allgegenwärtige C-Wort war ebenso dabei wie die Klimakrise, die mindestens genauso wichtig und drängend ist, aber auch ganz allgemeine Probleme, die sich zum Beispiel aus diesen beiden übermächtigen Themenkomplexen ergeben. Also: wie wollen wir Menschen eigentlich zusammen leben? Wollen wir überhaupt zusammen leben oder nur jeder einzelne so, wie er/sie es für richtig hält? Wollen wir einen gesellschaftlichen Konsens erzielen und die damit verbundenen Debatten aushalten und gestalten? Oder sollen nur noch die was zu sagen haben, die am lautesten krähen?

Fällt uns auf die Füße, dass der ordnungspolitische Rahmen der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland in den letzten 30 Jahren durch einen Laissez-faire-Stil der Neoliberalisten verwässert und damit zum Spielball von Investoren wurde? Auf dem Altar des Credo „Der Markt wird es richten“ Menschlichkeit und Gemeinsinn geopfert wurde?

Nein, ich bin keine Verfechterin eines irgendwie gearteten Sozialismus, genauso wenig glaube ich an die reine Marktmacht. Ich bin eher der Meinung, dass die unterschiedlichen Interessen immer wieder mühsam austariert werden müssen. Das ist anstrengend, das bedeutet Kompromissbereitschaft und über den eigenen Schatten springen zu müssen. Und hier vermisse ich bei vielen Akteuren den Mut und vielleicht sogar die Fähigkeit dazu. Und wenn diese Akteure sich gegenseitig in Talkshows ins Wort fallen, angiften und alles besser wissen, wie sollen dann alle „Normalos“ Debattenkultur lernen? Deswegen bin ich es so müde augenblicklich. Nicht überdrüssig, nur müde. Ich brauche einen Ausgleich.

Vielleicht sollte ich mal wieder einen ganz einfach gestrickten „Schmachtfetzen“ lesen? Oder einen geliebten Tanzfilm aus den 90er Jahren schauen? Ich mache es anders: Ich tauche ab ins Nähzimmer, werde kreativ, versuche, einfach etwas Schönes zu schaffen als Gegengewicht zu allem, was mich an der Welt und den Menschen gerade so abtörnt. In der Buchhandlung haben wir gestern schöne Adventstees und leckere (klaro, haben wir sofort verkostet) Pralinen bekommen. Da lassen sich doch bestimmt mit Stoffkörbchen schöne Geschenkideen zaubern…

Zumindest dadurch, den lieben Menschen in meinem Umfeld eine Freude zu machen, kann ich den misanthropischen Anwandlungen entgegentreten. Dazu kommt heute eine neue Stofflieferung an, so dass ich einen konkreten Auftrag fertigmachen kann. Der Tag kann kommen, jetzt ruft zunächst das Bügeleisen. Und dann der Frühstückstisch😋

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis…

| Werbung wegen Namensnennung, unbezahlt|

… ist in der Praxis immer größer. Oder auch: es gibt Diskrepanzen zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Handeln. Sven Plöger nennt es in seinem Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß“ auf Seite 60 dementsprechend „dissoziative Identitätsstörung“, also gespaltene Persönlichkeit.

Er bezieht das an der Stelle konkret auf Ergebnisse einer internationalen und repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2018, nach deren Auswertung weltweit 67% und deutschlandweit 71% der Menschen den Klimawandel als größte Bedrohung (für ihren Wohlstand) empfinden. In Deutschland hat es aber zumindest nicht dazu geführt, dass die Menschen daraufhin freiwillig ihr Verhalten geändert hätten, im Gegenteil: 2019 war in Deutschland das Jahr der meisten Flugreisen, der meisten PKW-Zulassungen (mit dem höchsten SUV-Anteil), der meisten Kreuzfahrten, des meisten Plastikmülls.

Ich stelle auch seit langem, natürlich auch bei mir selbst mitunter, fest: Zwischen dem, was wir als Bedrohung wahrnehmen und den Konsequenzen, die wir daraus ziehen, liegen Welten. Aber nicht nur in diesem Bereich merken wir das.

Wenn sich herausstellt, dass „Wohnen am Flussufer“ erhöhte Gefahren durch Hochwasser mit sich bringt, werden nicht die Bauvorschriften geändert, sondern höhere Deiche gebaut. Gut, hier setzt langsam eine Veränderung ein, aber jahrzehntelang war es so. Im Frühjahr betonten im Zuge der Vorkommnisse in der fleischverarbeitenden Industrie (das Wort bleibt mir fast in der Tastatur stecken) immer mehr Verbraucher, dass sie Biofleisch und überhaupt Biolebensmittel haben wollen. Aber ich frage mich, wie auf einmal gerade die Discounter so schnell ihr Biosortiment aufstocken konnten und vor allem, zu welchen Kampfpreisen! Wo soll das denn auf einmal in den Massen herkommen, wenn es ein jahrelanger Prozess für Landwirte ist, ihre Arbeitsweise für Biozertifikate umzustellen? Die schießen doch nicht wie Pilze aus dem Boden! Und warum darf ein gutes Lebensmittel dann nicht auch den Preis haben, den es verdient (wenn es tatsächlich zu guten Bedingungen hergestellt wurde)?

Warum wollen wir Verbraucher minderwertiges Fleisch haben, wie zum Beispiel in dieser Doku gezeigt wird:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-wegwerfkaelber-100.html

Nach Recherchen Sven Plögers sagen „68% der Deutschen, dass sie sofort bereit wären, mehr Geld für Biofleisch auszugeben, wenn entsprechend auf das Tierwohl geachtet würde. Im Supermarkt kaufen 73% der Kunden dann das günstigste Fleisch.“ Sein Fazit: „Man muss wohl nicht lange darüber diskutieren, dass der Fleischkonsum ein anderer wäre, wenn jeder sein Wild selbst jagen, häuten, zerlegen und einlagern müsste.“

Fortsetzung folgt…