Datensammelwut

Heute bekam ich den Newsletter unserer Tageszeitung, in der es vor ein paar Tagen thematisiert wurde, dass der Förderverein einer Schule im Landkreis sich dem sogenannten Charityprogramm des großen amerikanischen Gemischtwarenladens angeschlossen hat (0,5 % der getätigten Umsätze soll dabei an den guten Zweck fließen). In der Mail der Tageszeitung wurde auf einen Beitrag zu den Geschäftspraktiken auf Deutschlandfunk Nova verlinkt, den ich mir angesehen und darüber dann diesen gefunden habe:

„Die Daten, die ich rief“: Katharina Nocun darüber, was Amazon alles weiß · Dlf Nova (deutschlandfunknova.de)

So. Jetzt seid ihr dran. Überlegt euch gut, was ihr dieser Datensammelkrake noch alles in den Rachen schieben wollt…

Weihnachten mal anders

Erstens: Ich habe es tatsächlich geschafft, drei Tage lang den PC nicht einzuschalten. Ab und zu habe ich übers Smartphone geschaut, was so los ist, aber nicht oft, denn ich mag es nicht, immer hin und her zu wischen, um einen Blogbeitrag wirklich gut lesen zu können.

Heiligabend war ein merkwürdiges Gefühl, ungewohnt entspannt. In den letzten Jahren war immer ab 14 Uhr Gewusel, damit wir es als Mitarbeiter in die jeweiligen Gottesdienste schafften, Konfirmanden in die Kostüme stecken konnten, Texte ein letztes Mal abhören, Lesungen vorbereiten usw. Ich habe mich gefragt, wenn uns als Ehrenamtlichen es so geht, wie ist es dann erst für unsere Pfarrer, die Küsterin, die Kirchenmusiker, für die Weihnachten sonst der absolute Großeinsatz ist?

Keine Gottesdienste vor Ort bedeutete aber auch, dass wir die Zeit nutzen konnten, um einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wir haben uns auf Youtube durch die Online-Angebote der anderen Gemeinden im Kirchenkreis gezappt. Die vielen verschiedenen Ansätze waren spannend zu beobachten.

Von 21 bis 22:30 Uhr war unsere Kirche zur stillen persönlichen Andacht geöffnet, mit Orgelspiel im Hintergrund. An diesem Abend wurde das Angebot auch gut angenommen, einige Familien und Einzelpersonen verbanden es mit einem abendlichen Spaziergang. An den beiden Weihnachtstagen und am Sonntag gab es jeweils zur Gottesdienstzeit auch die offene Kirche und ich freue mich so richtig, dass mit diesem Format Menschen unser schönes altes Kirchengebäude manchmal sogar ganz neu wahrnehmen.

Ansonsten war es vor allem ein Weihnachtsfest mit viel Ruhe, einigen Märchenfilmen und deutlich weniger Essen als „normalerweise“. Und wenn ich mich so umgehört habe, hat die Vorbereitung auf dieses Weihnachten im „Krisenmodus“ einige Leute dazu gebracht, über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und Bräuche neu nachzudenken. In jede Richtung: was ist uns eigentlich wirklich wichtig, was schätzen wir? Das merken wir ja häufig erst dann, wenn es fehlt. Im Gegenzug aber auch: worauf können wir verzichten? Was ist eigentlich nur Fassade, weil „es immer so gemacht“ wurde?

Für mich persönlich hat sich herausgestellt, dass ich auf üppige Adventsdeko viel besser verzichten kann als auf einen Weihnachtsbaum. Mit dem Vorschlag von Edgar, in einer großen Vase Tannenzweige aus dem Garten aufzustellen, konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, Ökobilanz hin oder her😌. Und gefehlt hat mir das trubelige Zusammensein mit allen unseren Kindern, so vernünftig es auch war, darauf zu verzichten. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde, der Gänsehautmoment, wenn alle gemeinsam „Oh du fröhliche“ singen, ja, auch das hat gefehlt. Der vollgefressene (Sorry) Bauch dagegen, der hat mir ganz und gar nicht gefehlt.

Ein im wahrsten Sinn des Wortes „merk-würdiges“ Jahr geht zu Ende. Es hat uns vieles abverlangt und uns erschöpft zurückgelassen. Ich hoffe, wir merken uns, was wir als essentiell und gut empfunden haben und ich hoffe, wir merken, dass ein immer höher und immer weiter nicht die Zukunft sein kann.

Wir haben uns so schön eingerichtet..!

Ab Minute 6:49 können wir uns alle an die eigenen Nasen fassen, nicht nur beim Thema Religion

Ja, es ist eine klamaukige Satire-Sendung, nicht jedermanns Geschmack, ich weiß. Aber wie auch im politischen Kabarett steckt ein Kern drin, auf den wir draufbeißen und „Aua“ rufen. Ein Kern, der uns irgendwie trifft.

Dabei geht es mir in diesem Beitrag gar nicht mal so sehr um unsere Einstellung zu Glauben, Kirche und Religion, sondern dieser Bereich ist nur ein einzelner Baustein in einem Gebäude, das sich eigentlich jeder einzelne von uns mehr oder weniger erfolgreich zusammengebastelt hat.

In Europa leben wir seit 75 Jahren friedlich miteinander, die Staaten haben sich zusammengeschlossen für ein System der Gemeinsamkeit. Klar, dort ist auch nicht immer Friede, Freude , Eierkuchen. Aber das Prinzip stimmt zunächst.

Durch bahnbrechende Fortschritte in der Medizin leben wir immer länger, Krankheiten sind heilbar, an denen man vor 100 Jahren elendig verreckt wäre. Es gibt staatliche und kirchliche Daseinsfürsorge, die im Großen und Ganzen ein soziales Netz für jeden ausspannt, der es benötigt. Natürlich ist in allen genannten Beispielen immer noch Luft nach oben und auch manche persönliche Ungerechtigkeit kann nicht ausgebügelt werden. Trotzdem leben wir ganz allgemein so gut wie keine Generation vor uns.

Wir haben uns mit allen Annehmlichkeiten eingerichtet und betrachten ihr Vorhandensein als erweitertes Menschenrecht. Wir verwöhnten Mitteleuropäer kennen eigentlich keine Situation mehr, aus der wir uns nicht durch Innovation oder auch Kapitaleinsatz befreien können. Existenzielle Ängste, die Leib und Leben bedrohen, sind für die allermeisten von uns eine Randerscheinung.

Bis im Jahr 2019 ein neuartiges Virus auf den Plan kam. Ein Virus, das es nicht einen Deut scherte, ob Länder reich oder arm sind, ein Virus, das uns auf aufdringliche und aggressive Weise unsere Endlichkeit und Hilflosigkeit wie einen Stachel ins Fleisch bohrte. Unser mühselig aufgebautes Gebäude von oben droht zusammenzufallen wie ein Kartenhaus, und damit leider auch Teile unserer hochgelobten Zivilisation. Denn dieses Virus zeigt uns beide Seiten der Medaille:

Die Altruisten und die Hedonisten, die Verzagten und die Nassforschen, die Reichen und die Armen, die Fortschrittlichen und die Traditionalisten, die Alten und die Jungen, die Schlafschafe und die Erweckten… beliebig fortsetzbar. Das Wörtchen „und“ wird in der Wahrnehmung zunehmend ersetzt durch „gegen“.

Langsam kotzt es mich an. Tut mir leid, aber so ist es nun mal. „Ich will mein altes Leben zurück. Jetzt sofort und uneingeschränkt!“ kann ich genauso nicht mehr hören wie „Denk doch mal selbst!“ (von „beiden“ Seiten übrigens, die sich das selbstständige Denken gegenseitig absprechen). Meine Mutter sagte früher „Kinder, die was wollen, die kriegen eins an die Bollen.“ Nur das die „Kinder“ heute meist Erwachsene sind, die mitten im Leben stehen. Und wenn man denkt, kann je nach Informationslage das Ergebnis unterschiedlich aussehen. Miteinander reden, was so bitter nötig ist, findet leider oft nur noch als digitaler Schlagabtausch statt, die Wahl der Mittel wird immer unappetitlicher und teilweise menschenverachtend.

Andere Situation: gestern hatten wir stundenlang kein Internet, heute ging der Kaffeevollautomat endgültig kaputt, nachdem wir letzte Woche noch ein Ersatzteil bestellt hatten und die Garantie im Frühjahr abgelaufen ist. Und ich versuche seit drei (!) Wochen, mehrere Facharzttermine zu bekommen, habe dabei aber immer mehr das Gefühl, in den Praxen liegen die Telefonhörer neben dem Telefon. Das kann doch nicht sein, dass beim Hautarzt, beim Orthopäden oder beim Kinderarzt solche Massen von Leuten anrufen, dass gefühlt 24/7 besetzt ist! Natürlich kann ich mich fragen: wem nützt das? Wer hat einen Vorteil davon, dass ich mich ärgere? (Mein Magengeschwür vielleicht?) Wer verdient daran? (Am ehesten noch der Hersteller der Kaffeemaschinen.) Ich kann darauf herumreiten, dass mir jetzt gerade in dieser Situation alles mögliche geschieht, dass mir jemand etwas Böses will, dass ich mich benachteiligt und nicht gehört fühle. Ich kann aber auch achselzuckend akzeptieren, dass es einfach blöde Zeiten gibt und weiter die Wahlwiederholung drücken.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich habe Verständnis für jeden, der sich in seiner beruflichen oder persönlichen Existenz angegriffen fühlt, denn dieser Angriff ist da. Da gibt es zweifellos eine globale Bedrohung, die das Zeug hat, auf die eine oder andere Weise Leben und Lebensentwürfe zu pulverisieren. Und da gibt es auch mehr oder weniger geschickte, mehr oder weniger taugliche Versuche der Regierungen, mit der Lage umzugehen. In diesen Regierungen sitzen Menschen! Ich bin auch nicht glücklich über manche Entscheidung, in einige Wirtschaftszweige Geld rein zu pumpen und andere zum Sozialamt zu schicken. Dass die Lufthansa mehr wert ist als funktionierende Konzepte in Schulen, kann man gutheißen, wenn man Arbeitnehmer bei der Lufthansa ist. Aber was, wenn man alleinerziehend ist und neben der Arbeit auch seine Kinder möglichst gesund durch die Zeit bringen muss? Warum stehen solche Instrumente wie Kaufprämien für Autos überhaupt erstmal zur Diskussion, aber ein Solo-Veranstaltungstechniker soll seine Altersvorsorge angreifen oder zum Bittsteller beim Jobcenter werden?

Die Gründe liegen oft überhaupt nicht in der aktuellen Krisensituation begründet, sondern in der Lebensweise, die wir uns in den letzten 50 Jahren angewöhnt haben. Wir alle, nicht nur die Politiker. Darüber wird auch zu reden bzw. zu streiten sein. Aber lasst uns doch jetzt als erstes sehen, dass wir durch diese Zeit jetzt einigermaßen mit Anstand und Respekt voreinander durchkommen. Lasst uns grundsätzlich so agieren, dass wir uns nicht gegenseitig als Schlafschafe und Aluhüte beschimpfen. Ist das denn so schwer?

Flucht?

Irgendwie bin ich selbst schuld. Ich neige manchmal dazu, so lange in einem Thema herumzuprokeln, bis es eine Art „Information Overkill“ in meinem Kopf gibt.

In den letzten Wochen habe ich viel wichtiges über aktuelle Probleme unserer und der Weltgesellschaft nachgelesen. Das allgegenwärtige C-Wort war ebenso dabei wie die Klimakrise, die mindestens genauso wichtig und drängend ist, aber auch ganz allgemeine Probleme, die sich zum Beispiel aus diesen beiden übermächtigen Themenkomplexen ergeben. Also: wie wollen wir Menschen eigentlich zusammen leben? Wollen wir überhaupt zusammen leben oder nur jeder einzelne so, wie er/sie es für richtig hält? Wollen wir einen gesellschaftlichen Konsens erzielen und die damit verbundenen Debatten aushalten und gestalten? Oder sollen nur noch die was zu sagen haben, die am lautesten krähen?

Fällt uns auf die Füße, dass der ordnungspolitische Rahmen der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland in den letzten 30 Jahren durch einen Laissez-faire-Stil der Neoliberalisten verwässert und damit zum Spielball von Investoren wurde? Auf dem Altar des Credo „Der Markt wird es richten“ Menschlichkeit und Gemeinsinn geopfert wurde?

Nein, ich bin keine Verfechterin eines irgendwie gearteten Sozialismus, genauso wenig glaube ich an die reine Marktmacht. Ich bin eher der Meinung, dass die unterschiedlichen Interessen immer wieder mühsam austariert werden müssen. Das ist anstrengend, das bedeutet Kompromissbereitschaft und über den eigenen Schatten springen zu müssen. Und hier vermisse ich bei vielen Akteuren den Mut und vielleicht sogar die Fähigkeit dazu. Und wenn diese Akteure sich gegenseitig in Talkshows ins Wort fallen, angiften und alles besser wissen, wie sollen dann alle „Normalos“ Debattenkultur lernen? Deswegen bin ich es so müde augenblicklich. Nicht überdrüssig, nur müde. Ich brauche einen Ausgleich.

Vielleicht sollte ich mal wieder einen ganz einfach gestrickten „Schmachtfetzen“ lesen? Oder einen geliebten Tanzfilm aus den 90er Jahren schauen? Ich mache es anders: Ich tauche ab ins Nähzimmer, werde kreativ, versuche, einfach etwas Schönes zu schaffen als Gegengewicht zu allem, was mich an der Welt und den Menschen gerade so abtörnt. In der Buchhandlung haben wir gestern schöne Adventstees und leckere (klaro, haben wir sofort verkostet) Pralinen bekommen. Da lassen sich doch bestimmt mit Stoffkörbchen schöne Geschenkideen zaubern…

Zumindest dadurch, den lieben Menschen in meinem Umfeld eine Freude zu machen, kann ich den misanthropischen Anwandlungen entgegentreten. Dazu kommt heute eine neue Stofflieferung an, so dass ich einen konkreten Auftrag fertigmachen kann. Der Tag kann kommen, jetzt ruft zunächst das Bügeleisen. Und dann der Frühstückstisch😋

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis…

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… ist in der Praxis immer größer. Oder auch: es gibt Diskrepanzen zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Handeln. Sven Plöger nennt es in seinem Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß“ auf Seite 60 dementsprechend „dissoziative Identitätsstörung“, also gespaltene Persönlichkeit.

Er bezieht das an der Stelle konkret auf Ergebnisse einer internationalen und repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2018, nach deren Auswertung weltweit 67% und deutschlandweit 71% der Menschen den Klimawandel als größte Bedrohung (für ihren Wohlstand) empfinden. In Deutschland hat es aber zumindest nicht dazu geführt, dass die Menschen daraufhin freiwillig ihr Verhalten geändert hätten, im Gegenteil: 2019 war in Deutschland das Jahr der meisten Flugreisen, der meisten PKW-Zulassungen (mit dem höchsten SUV-Anteil), der meisten Kreuzfahrten, des meisten Plastikmülls.

Ich stelle auch seit langem, natürlich auch bei mir selbst mitunter, fest: Zwischen dem, was wir als Bedrohung wahrnehmen und den Konsequenzen, die wir daraus ziehen, liegen Welten. Aber nicht nur in diesem Bereich merken wir das.

Wenn sich herausstellt, dass „Wohnen am Flussufer“ erhöhte Gefahren durch Hochwasser mit sich bringt, werden nicht die Bauvorschriften geändert, sondern höhere Deiche gebaut. Gut, hier setzt langsam eine Veränderung ein, aber jahrzehntelang war es so. Im Frühjahr betonten im Zuge der Vorkommnisse in der fleischverarbeitenden Industrie (das Wort bleibt mir fast in der Tastatur stecken) immer mehr Verbraucher, dass sie Biofleisch und überhaupt Biolebensmittel haben wollen. Aber ich frage mich, wie auf einmal gerade die Discounter so schnell ihr Biosortiment aufstocken konnten und vor allem, zu welchen Kampfpreisen! Wo soll das denn auf einmal in den Massen herkommen, wenn es ein jahrelanger Prozess für Landwirte ist, ihre Arbeitsweise für Biozertifikate umzustellen? Die schießen doch nicht wie Pilze aus dem Boden! Und warum darf ein gutes Lebensmittel dann nicht auch den Preis haben, den es verdient (wenn es tatsächlich zu guten Bedingungen hergestellt wurde)?

Warum wollen wir Verbraucher minderwertiges Fleisch haben, wie zum Beispiel in dieser Doku gezeigt wird:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-wegwerfkaelber-100.html

Nach Recherchen Sven Plögers sagen „68% der Deutschen, dass sie sofort bereit wären, mehr Geld für Biofleisch auszugeben, wenn entsprechend auf das Tierwohl geachtet würde. Im Supermarkt kaufen 73% der Kunden dann das günstigste Fleisch.“ Sein Fazit: „Man muss wohl nicht lange darüber diskutieren, dass der Fleischkonsum ein anderer wäre, wenn jeder sein Wild selbst jagen, häuten, zerlegen und einlagern müsste.“

Fortsetzung folgt…

Quälend langsam

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Das Thema lässt mich dieses Jahr nicht los. Es begegnet mir überall: In der Literatur, in den Podcasts, denen ich folge, in der Tagespresse und ja, vor allem auch jeden Tag in meiner Lebenswirklichkeit.

Klimawandel, Verlust der Biodiversität, damit verbunden auch Verlust an Lebensqualität und das schlechte Gewissen gegenüber meinen Nachfolgegenerationen.

Entsprechend vielfältig sind die Gedanken, die mir dazu immer mal wieder durch den Kopf schießen, manche davon destruktiv und vollkommen ungebeten, wie zum Beispiel die Frage, ob es denn überhaupt eine Art Grundrecht darauf gibt, dass wir Menschen dauerhaft unseren Planeten „besitzen“ (denn um das „Bewahren“ aus der Schöpfungsgeschichte der Bibel scheint es im großen Stil schon lange nicht mehr zu gehen).

In schlauen Podcasts wie Daily Quarks, Was jetzt?, Das Politikteil oder mal angenommen stehen die Themen immer wieder auf dem Programm, es vergeht kaum eine Woche ohne mehrere Meldungen von Umweltkatastrophen in Presse und TV, allein die Neuerscheinungen dieses Jahres zum Themenkomplex könnte gleich ein Dutzend Bestsellerlisten füllen. Ich habe bisher erst drei davon gelesen, alle aus unterschiedlichen Expertisen geschrieben (Wirtschaftswissenschaft, Wissenschaftsjournalismus, Meteorologie), aber obwohl sie unabhängig voneinander geschrieben wurden, ziehen sie alle an verschiedenen Stellen dieselbe Schlussfolgerung: Wir dürfen nicht so weitermachen wie bisher. Technologie kann und wird nicht die Lösung sein, und sei sie noch so „grün“.

Lesen lohnt sich bei allen dreien. Kleiner Spoiler: es gibt immer mal wieder Gelegenheiten, befreiend zu lachen, damit man nicht total frustriert ist!

Demnächst wird noch von Jonathan Franzen der Titel „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ dazukommen, ein Literat, der den Finger in die Wunden legt.

Immer mehr gelange ich zu dem Schluss, dass die Menschheit jahrzehntelang gepennt hat. Die Menschheit (vor allem in der reichen westlichen Welt), nicht die Staatenlenker oder Konzernbosse allein. Denn diese beiden Berufsgruppen neigen dazu, sich der Mehrheit anzupassen, wenn sie Erfolg haben, gewählt werden bzw. ihre Produkte verkaufen wollen. Wir alle haben gepennt, weil wir nicht über unseren eigenen Tellerrand sehen (können oder wollen) und weil wir irgendwie immer wieder der Meinung sind, wir können es schludern lassen und dann irgendwann den Lenker rigoros herumreißen. Und das funktioniert nicht!

Zum einen, weil der riesige Tanker, den wir zu steuern versuchen, nur sehr träge reagiert, zum anderen, weil nachhaltige Veränderung Zeit braucht. Beispielsweise hat man herausgefunden, dass eine kleine persönliche Verhaltensänderung mindestens drei Wochen enorme Selbstdisziplin erfordert. Je länger man eine bestimmte Gewohnheit innehatte, desto länger dauert die Veränderung. Wenn ich also dreißig Jahre lang Toastbrot mit Nussnougatcreme zum Frühstück gegessen habe und nun beschließe, dass ich künftig Müsli und Früchte frühstücken möchte, dann muss ich mir über einen längeren Zeitraum jeden Morgen neu die Aufgabe stellen, mich gesund zu ernähren, bis die alte Gewohnheit (und damit verbunden das bisherige Geschmackserlebnis sowie die „Tradition“) durch das neue Frühstücksritual ersetzt ist.

Ein großer Teil unserer Probleme ist es, dass wir viel zu lange damit gewartet haben, eine Verhaltensweise nach der anderen auf den Prüfstand zu stellen, denn es ist auch erwiesen, dass ein Mensch nicht allzu viele Gewohnheiten auf einmal ändern kann. Eine nach der anderen, und immer erst dann die nächste, wenn eine Baustelle beseitigt ist. Wenn jetzt innerhalb kürzester Zeit unheimlich viele Transformationen notwendig werden, dann streiken wir aus Überforderung. Warum sollte das, was im Kleinen, Privaten gilt, nicht auch im großen Maßstab Gültigkeit haben?

Eine weitere Krux: Der Glaube, dass es in allen Bereichen für alle dieselben Lösungen für Probleme gibt. Alle machen jetzt mal das und das; fahren beispielsweise E-Autos statt Verbrenner. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Wenn genauso viele E-Autos im Umlauf sind wie aktuell konventionelle, wo kommen dann die Batterien her? Wo der Strom? Welche Auswirkungen hat das auf die Gegenden, wo die Rohstoffe gewonnen werden? Und zwar Auswirkungen auf Umwelt (Lebensraum für Mensch und Tier) und auf Arbeitskräfte (Ausbeutung, Kinderarbeit). Eigentlich kann hierfür die Lösung nur sein: Weniger Autos statt mehr davon. Beschränkung auf die Notwendigkeit statt den Komfort im Blick zu haben, dass jederzeit ein Auto zu meiner Verfügung steht. (Das erfordert natürlich erstmal Investitionen in Öffis, ohne die ich zu vielen Zielen nur mit dem eigenen Auto hinkomme.)

Im Kleinen bedeutet es für mich: klar möchte ich gern auf Kunststoffprodukte verzichten, wo es mir möglich ist. Ich habe aber auch Arthrose in den Händen, die mich mitunter in einen absoluten Tolpatsch verwandelt. Für mich persönlich ist es also sinnvoller, Essensvorräte und -rohstoffe in der Küche in Kunststoffdosen aufzubewahren, die ich lange verwenden kann, als öfter mal eine Mischung aus Scherben und Mehl/Haferflocken/Nudeln zu entsorgen, weil mir wieder mal ein Glas aus den Händen geglitten ist. Von dem Gewichtsunterschied mal ganz zu schweigen.

So, das könnte ich jetzt natürlich beliebig lange fortsetzen, aber das ist nicht meine Absicht. Ich möchte eher dazu einladen, dass wir versuchen, einzelne Verhaltensweisen auf den Prüfstand zu stellen und uns, immer schön eine nach der anderen, bessere und auch sparsamere Angewohnheiten zu schaffen. Nehmt euch nicht zu viel auf einmal vor, das erhöht die Chancen.

Und nochmal der Verweis auf die schon vorher gebrachten Zitate:

”EIN GRUND DAFÜR, DASS DIE LEUTE SICH VOR VERÄNDERUNGEN FÜRCHTEN, IST, WEIL SIE SICH STETS AUF DAS KONZENTRIEREN, WAS SIE VERLIEREN, ANSTATT AUF DAS, WAS SIE DAZU GEWINNEN KÖNNTEN. “ Unbekannter Verfasser

Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte. Gustav Heinemann.

Nur mal so

Nur, weil ich etwas „im Internet“ gelesen oder sogar selbst geschrieben habe, ist es noch lange nicht „die reine Wahrheit“. Ich kann bewusst gelogen haben, ich kann aber auch schlicht meine persönliche WahrNEHMUNG niedergeschrieben oder beim Lesen bestätigt gefunden haben. Ist schon etwas schwierig, das auseinanderzuhalten… für manche Menschen zumindest🤷‍♀️

Demokratie

Werte der Demokratie auf einem Scrabble-Feld legen ist schon schwierig. Wörter wie Akzeptanz, Freiheit, Rechte und Pflichten, Konsens, Mehrheit, Verfassung, Minderheitenschutz, Pressefreiheit, Grundrechte und was noch dazu gehört, lassen sich teilweise aus Platzgründen nicht darstellen, aber es fehlen auch schlichtweg die Buchstabenplättchen, um solche Begriffe darzustellen.

Auch in unserer gelebten Demokratie fehlt einiges. Nur sind es dort leider keine Buchstabenplättchen, die für die Mitspieler nicht mehr verfügbar sind, sondern es fehlt immer häufiger an den Grundwerten der Demokratie selbst, an der Bereitschaft, das zu leben, was elementar zur Demokratie gehört. Denn im Gegensatz zu Diktatur oder Oligarchie ist das Leben in der Demokratie anstrengend. Wie häufig hören wir zum Beispiel augenblicklich „Denk doch mal selbst“, gern gebraucht von Personen, die das selbständige Denken all jenen aberkennen wollen, die keine Probleme mit demokratischen Abläufen haben.

Ja, selbst denken – und dann auch zu Schlüssen gelangen, ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen in einer Demokratie. Die Demokratie kann und muss es auch aushalten, dass diese Schlüsse unterschiedlich sind.

Aber! Wenn ich mich aktuell informiere, was denn bei der anstehenden Kommunalwahl auf mich zukommt, fange ich mitunter an zu zweifeln, was anscheinend immer mehr Leute unter Demokratie verstehen. Mitunter klingt das in Anlehnung an Henry Fords „Jeder Kunde kann ein lackiertes Auto in jeder gewünschten Farbe haben, solange es schwarz ist.“ eher nach „Ihr könnt jede Meinung vertreten, solange es meine ist“

Klar, dieses Jahr ist Wahlkampf schwierig, Straßenwahlkampf kaum möglich, man muss andere Wege gehen. Unsere lokale Tageszeitung macht das mit Vorstellungsrunden in den einzelnen Orten für die jeweiligen BürgermeisterkandidatInnen, zentral in Minden für die Landratswahl. Das wird live übertragen und anschließend ist es auch auf Youtube anzusehen. Vorab können Fragen eingereicht werden, selbst während der Fragerunden können noch Fragen gestellt werden, die sich aus vorherigen Antworten ergeben. Eine tolle Idee.

Im Allgemeinen präsentieren sich KandidatInnen auch gut vorbereitet und gesprächsoffen über Parteigrenzen hinaus. Bei allen Gesprächsrunden, die ich mir bisher angeschaut habe, fällt mir aber auf, dass es Parteien und teilweise auch freie Wählergruppierungen gibt, deren BewerberInnen durch Ahnungslosigkeit und mangelnde Kenntnis glänzen und auch nicht willens sind, die erprobten demokratischen Wege des sachlichen Streitgesprächs zu nutzen. Aus mehreren Orten unseres Landkreises habe ich Antworten gehört im Tenor „Da werde ich mich reinarbeiten, wenn ich Bürgermeister werde“ oder „Da wächst man dann rein“. Hallo! Ist es zu viel verlangt, dass jemand, der sich für ein öffentliches Amt bewirbt, bereits vorher intensiv damit auseinandersetzt, was dieses Amt bedeutet und wie die Themen vor Ort gesetzt sind? Schließlich handelt es sich um einiges mehr als den Vorsitz der Klassenpflegschaft!

Ganz davon abgesehen, weiß ich nicht, ob es unserem Zusammenleben guttut, wenn sich immer mehr Splittergruppierungen gründen, die sich nur auf ihre eigenen Anliegen konzentrieren und das große Ganze beiseiteschieben. Die notwendige Fähigkeit zum Kompromiss wird dadurch immer geringer, die Frustrationsgrenze immer niedriger. (Das Phänomen kenne ich übrigens auch aus einigen kirchlichen Kreisen. Wenn die theologische Ausrichtung der Gemeinde für einige Leute nicht mehr passt, oft heißt das: nicht streng genug ist, dann wird eine neue Gemeinde gegründet.) Meinungspluralität ist natürlich wichtig, immer im Zusammenhang mit gegenseitigem Respekt; aber wenn es dazu führt, dass sich immer mehr (Meinungs-)Gruppen bilden, deren Meinungsvielfalt damit aber immer eingeschränkter wird, dann verlieren wir die elementaren Errungenschaften, die für Gemeinschaften nun einmal notwendig sind.

Es bleibt kompliziert. Auch wir Menschen. Denn einerseits streben wir eine persönliche Optimierung an, eine Anpassung an angebliche „Standards“ (zum Beispiel körperliche Fitness, Aussehen, Ansehen), pochen aber andererseits darauf, dass „Mainstream“ der letzte Mist ist. Schizophren…

Edit: Habe gerade den Hnweis erhalten, dass auf dem Scrabble-Brett beim Wort „Gemeinsam“ das „I“ fehlt. Ich habe absolut keine Lust, das alles nochmal zu legen. Hiermit also die Feststellung, dass unsere Gemeinsamkeit schon etwas vorgeschädigt ist🤔.

Warum muss alles „klein“ sein?

Nur mal ganz kurz zwischendurch. Ich schaue gerade Verlagsvorschauen durch, was so im Herbst verkäuflich sein könnte. Und dabei stolpere ich bei den unterhaltsamen Frauenromanen immer wieder über das Wort „klein“. Der Trend ist keineswegs neu, seit einigen Jahren fluten KLEINE Buchhandlungen, Teeläden, Bäckereien … die Regale. Und ich frage mich, woran das liegt.

Trauen die Autorinnen ihren Heldinnen nicht mehr zu als „klein“? Das mag ich nicht glauben. Bücher, die eher „Männerromane“ oder zumindest interessant für beide Geschlechter sind, werben jedenfalls nicht mit diesem Attribut. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit oder die realistische Einschätzung, dass es immer besser ist, klein anzufangen und zu wachsen, als mit einer großen Sache grandiosen Schiffbruch zu erleiden?

Ich merke trotzdem jedenfalls, dass mir die literarische Aneinanderreihung „kleiner“ Geschäftsideen zunehmend auf den Nerv geht, obwohl viele dieser Romane durchaus lesenswert sind, wenn man einfach mal genüsslich Luft holen möchte oder muss.

So ging es mir nach der „Wanderhure“ auch mit den durchs Mittelalter ziehenden Geschäftsfrauen, die alle nach ihrem Berufsstand tituliert wurden. In unseren Verlagen sitzen doch fähige LektorInnen, müssen die denn immer einen Gaul reiten, bis er tot umfällt?