ZDFheute: „Corona ist auch eine Chance“

„Corona ist auch eine Chance“ https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-unsicherheit-risikoforscher-100.html

Dieses Interview offenbart ein großes Problem: Das Unvermögen, statistische Erhebungen sinnvoll zu deuten, aber auch Defizite in der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Bruchrechnung. Oder anders ausgedrückt: Mathematik war für viel zu viele Menschen in der Schule etwas abstraktes, etwas, das mit unserem Leben recht wenig zu tun hat. Das war schon bei mir so, die ihre Schulzeit in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt hat. Mensch, war ich froh, als ich nach der 12. Klasse Mathe abwählen konnte… Irgendwie also kein Wunder, wenn Leute meiner Generation bei aktuellen Herausforderungen viel Skepsis mitbringen, wenn es um die Interpretation der unterschiedlichen Zahlenwerke geht. (Übrigens scheint es vielen Zeitungsredakteuren ähnlich zu gehen: Da werden in Artikeln munter Prozente und Brüche durcheinandergeschrieben, so dass man merkt, da wurden Zahlen aus Statistiken abgeschrieben, ohne sie zu verstehen… Das obliegt dann dem mathematisch mehr oder weniger gebildeten Leser🙄)

Daran hat sich aber auch offensichtlich nicht viel geändert, mir klingen die Klagen unserer jüngsten Tochter in den Ohren, Klagen darüber, wie wirklichkeitsfremd Textaufgaben in den Mathebüchern häufig sind. Und noch viel wirklichkeitsfremder die Ergebnisse dieser Aufgaben. Ist es da so unverständlich, dass Jugendliche im Unterricht innerlich „abschalten“?

Allein, mir fehlt trotz meiner optimistischen Grundeinstellung der Glaube daran, dass sich in unserem Bildungssystem viel ändern wird. Dabei geht es auch anders, wie Labor- und Reformschulen seit Jahrzehnten beweisen, Schulen, an denen Theorie und Praxis so verzahnt wird, dass das Wissen aus den Hirnen der Schüler in Bewusstsein und Körper übergeht. Und wenn wir ganz ehrlich sind, liegt das auch daran, dass wir Deutschen doch irgendwie unserer „German Angst“, der Vollkaskomentalität verhaftet sind und Veränderung scheuen.

Wege aus der Krise?

Nein, dieses Mal geht es nicht um Corona. Während die Welt je nach geographischer Lage mal mehr, mal weniger immer noch mit der Pandemie beschäftigt ist und mancherorts die Inzidenzen wieder in die Höhe steigen, lauert die (eigentlich schon seit vielen Jahren bekannte) Krise, die unser Leben auf Jahrzehnte noch viel stärker beeinflussen wird:

Der Klimawandel.

Und in Deutschland sind in knapp drei Monaten Bundestagswahlen. Was mich zurzeit vollkommen annervt, ist die Tatsache, dass wir augenblicklich mehr Informationen darüber bekommen, wo Frau Baerbock sich zugegebenermaßen ungeschickt angestellt hat, als über konkrete Klimapolitik der Mitbewerber.

Ob man nun die Grünen für wählbar hält oder nicht, das muss jeder für sich entscheiden, aber in unser aller Interesse ist es doch, zu erfahren, wie unser Land und unser Anteil an der Welt in dreißig Jahren aussehen soll. Wie es um die Lebensqualität bestellt sein soll, in einer Zeit, in der viele von uns alt sein werden, und dann zu unserem gesundheitlichen Schutz uns in besonders klimatisierten Räumen aufhalten müssen, nicht nach draußen gehen sollen, um den Kreislauf stabil zu halten. Dieselbe Situation wie in den Seniorenheimen letztes Jahr, nur mit anderen Vorzeichen.

Wenn ich mir das Wahlprogramm von CDU/CSU anschaue, fällt mir der Ausspruch ein:

Wer etwas erreichen will, findet Wege. Wer nichts erreichen will, findet Gründe.

Die Konservativen finden sehr viele Gründe…

Entfesselt

In den letzten Wochen bin ich vermehrt über das Wort „Entfesselung“ gestolpert, das zumindest Einwohnern von NRW bekannt vorkommen sollte, denn die Landesregierung versucht ja seit einiger Zeit auch schon, die Wirtschaft zu entfesseln.

Heute prangt mir die Schlagzeile „Entfesselter Klimaschutz“ in der Tageszeitung entgegen. Denn es gibt seit neuestem eine „Klima-Union“ innerhalb der CDU/CSU. Bitte nicht falsch verstehen: ich befürworte vieles, das tatsächlich dem Klima hilft. Wenn ich aber weiterlese, wer als Personalie wie ein Sahnehäubchen auf dieser Gemeinschaft thront, bekomme ich echte Zweifel: Friedrich Merz, Vorzeige-Quasi-Mittelstand-Bürger, der bisher nicht unbedingt als Vorwärts-Denkmaschine in Erscheinung getreten ist. Sein Konzept als „Zurück in die Zukunft“ zu beschreiben, würde allerdings ein Film-Epos beleidigen.

Mal ganz abgesehen davon, dass auch in Reihen seiner Partei seit einem halben Jahrhundert bekannt ist: es kann mit neoliberalen Ansätzen nicht weitergehen! Daraufhin wurden vom Chef und seinen Strategen erst jetzt aber die 20er Jahre zum Modernisierungsjahrzehnt ausgerufen, mit jahrzehntelanger Verspätung! Aus Angst davor, dass die Grünen ihnen den ersten Platz streitig machen. Armselig. Die längste Zeit der vergangenen 50 Jahre wären sie in der Position gewesen, nachhaltig an der Bewahrung der Schöpfung durch ordnungspolitische und vorausschauende Regelwerke maßgeblich mitzuwirken.

Fast noch mehr verstört mich der inflationär benutzte Begriff „entfesselt“, denn damit verbinde ich entweder entfesselte Naturgewalten, wie der Tornado in Tschechien oder die Unwetter in Süddeutschland, oder aber Entfesselungskünstler, die sich anscheinend aus unlösbaren Fesseln befreien, aber letztlich Illusionisten sind. Da traue ich den Ehrlich-Brothers (die ganz aus unserer Nähe stammen, aus Bünde) doch mehr zu als so manchen entfesselten Unionspolitikern…

Blitz-Entfesselung | Die Ehrlich Brothers zaubern Euch die Langeweile weg (mit Auflösung!) – YouTube

(Ich bitte um Entschuldigung, dass ich euch ausgerechnet ein Video zeige, das von der BILD stammt, aber diesen Trick fand ich nur dort)

Edit: Es ist übrigens nicht so, dass ich Angehörigen der CDU überhaupt keine Kompetenzen in Umweltfragen zutraue. Ich frage mich nur, warum diese Leute und ihre Expertise nicht schon seit langem viel konsequenter eingesetzt werden.

See you…

So, Leute, nun wird es ernst. Ich mache mal ein paar Tage Pause, lege mich ins Krankenhaus und lasse meine Schulter reparieren. Das Uralt-IPad nehme ich mit, aufgeladen mit einem guten Dutzend eBooks, dafür taugt es noch (und für Solitär und Sudokus…). Das hat den Vorteil, dass ich nicht beide Hände brauche und umblättern muss, sondern antippen kann. Denn ich kann mir momentan noch nicht so ganz vorstellen, wie das funktioniert so als einarmige Banditin auf Zeit. Wir werden sehen und dann schlauer sein.

Wenn ich mich wieder hier zu Wort melde, habe ich einige Bücher vorzustellen und ich werde auch die Kolumne „Glaubste?“ wieder etwas mehr bespielen. (Natürlich wird meine

mich ins KH begleiten.) In den letzten Monaten haben mich gesellschaftliche Entwicklungen außerhalb des Glaubensthemas so sehr in Beschlag genommen, dass ich sie aus den Augen verloren habe. Es war halt „dran“, sich mit anderem zu beschäftigen.

Unter den Büchern werden allerdings auch wieder gesellschaftlich relevante Themen dabei sein: So habe ich mir von Frank Schätzing „Was, wenn wir einfach die Welt retten“ ebenso gesichert wie „Flucht – Eine Menschheitsgeschichte“ von Andreas Kossert. Mit Fränzi Kühne gehe ich diesem spannenden Phänomen auf den Grund: „Was Männer nie gefragt werden – Ich frage trotzdem mal.“

Als Ausgleich gibt es leichte literarische Kost, das muss dann einfach sein zwischendurch. Als Beispiel habe ich von Ewald Arenz „Der große Sommer“ im Gepäck und hoffe, dass es mir ebenso gut gefällt wie „Alte Sorten“. Da ich den Ostsee-Segelurlaub für mich canceln musste, begebe ich mich eben lesend nach Italien und besuche „Die kleine Eismanufaktur in Amalfi“ von Roberta Gregorio, obwohl ich Buchtitel mit dem Adjektiv „kleine“ eigentlich inzwischen als ein No-Go empfinde. Von Italien geht es über die Côte d’Azur („Intrigen an der Côte d’Azur“ von Christine Cazon, das dritte Buch von ihr, das ich lese) und die Côte Vermeille („Die Frauen von der Purpurküste – Claires Schicksal“ von Silke Ziegler) zurück an die deutschen Küsten. „Das Stranddistelhaus“ von Lina Behrens spielt auf Spiekeroog, „Apfelkuchen am Meer“ von Anne Barns auf Juist.

Auch einige analoge Titel liegen bereit, aber die werde ich dann in Angriff nehmen, wenn ich mich zuhause wieder gemütlich eingerichtet habe, mit Lesesessel oder Terrassenbank, Tee und bequemer Unterlage.

Also, ich bin bestens versorgt, literarisch und familiär sowieso. Bis demnächst auf diesem Medium. Habt einen schönen Sommer und bleibt gesund.

Ich bin Online!

„Wie bitte? Klar bist du Online!“ – Ja, aber seit heute bin ich zweimal Online. Ich habe es heute endlich wahr gemacht. Nur darüber nachdenken bringt es ja nicht, und wenn es nicht klappt, dann habe ich es wenigstens versucht.

Ich habe auf Etsy einen Shop eröffnet!

https://www.etsy.com/de/shop/AnjasNorthernStar

Warum ich so lange gezögert und es immer wieder nochmal durchdacht habe? Ich habe fast die Befürchtung, es könnte mir schwerfallen, mich von meinen „Babies“ zu trennen. Mund-Nasen-Masken, Mini-Utensilos, Osterkörbchen, ja sogar die Mug Rugs, sind kein Problem. Aber die Tischdecken und erst recht die größeren Quilts „herauszurücken“, das ist eine andere Hausnummer. Deswegen taste ich mich auch erst locker heran. Kissenhüllen und Mitteldecken, da ist der Aufwand überschaubar, die mütterliche Bindung geringer. Und ehrlich gesagt auch die Preisfindung einfacher.

Jetz füttere ich den Shop nach und nach ein bisschen und sehe mal zu, was passiert. In der Zwischenzeit habe ich einen Auftrag, Polster für ein selbstgebautes Lounge-Gartensofa aus Paletten zu nähen. Na dann los.

Landleben

Oder: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…

Gestern habe ich eine Petition unterschrieben. Manchmal mache ich das, wenn mir ein Anliegen nach sorgfältiger Überlegung nicht als ein künstlicher Aufreger erscheint und ich es aus vollem Herzen unterstützen kann. Aber warum ist das hier eine Erwähnung wert?

Weil es sich um eine Petition handelt, mittels der erreicht werden soll, dass die Geräusche, die es auf dem Land gibt, dort auch erhalten bleiben dürfen. Zum Beispiel das Krähen der Hähne, darüber beschweren sich anscheinend besonders viele Menschen, die dem lauten Stadtleben den Rücken kehren wollen und auf dem Land eine Idylle suchen, die es so nicht gibt. Ich wage mal zu sagen, dass es noch nie in Dörfern paradiesische Ruhe gegeben hat. Denn Landwirtschaft macht Geräusche. Die wandeln sich zwar im Lauf der Zeiten, aber sie sind einfach da.

Wer ein bisschen Zeit erübrigen möchte, ist eingeladen, sich die Petitionswebseite mal anzusehen, gerade auch die Diskussion, die dort geführt wird. In weiten Teilen respektvoll und sachlich, aber manche Statements sind auch recht abenteuerlich:

Pro & Contra: Ortsübliche Emissionen des Landlebens als kulturelles Erbe schützen – Online-Petition (openpetition.de)

Was ich einfach nicht verstehe, ist der Anspruch an eine nicht vorhandene Wirklichkeit, den manche stellen, wenn sie sich für ein Leben auf dem Land entscheiden. Es sieht in der Realität eben nicht alles so aus wie in den einschlägigen Magazinen, die im Titel das Wort „Land“ führen. Die Realität sind eben auch krähende Hähne, bei denen die innere Uhr anders tickt als bei Menschen. Die Realität ist manchmal auch eine Straße mit dicken Erdklumpen, verwehtes Maishäcksel am Straßenrand oder der Gülletanker. Klar frage ich mich auch, ob dieser Gülletourismus aus der Gegend um Vechta oder sogar aus den Niederlanden so heftig sein muss, aber grundsätzlich bin ich damit aufgewachsen, dass im Ort am Freitag niemand Wäsche draußen aufhängte. Denn freitags wurden Ställe ausgemistet, angerotteter Mist vom Misthaufen auf die Felder gefahren und auch mal Gülle ausgebracht. Und in den Gärten verbrannte man das Schnittgut von Bäumen und Sträuchern.

Wenn zum Beispiel unser Nachbar im September das eingefahrene Getreide mit der Trocknungsanlage vor dem Schimmeln bewahren muss (in den letzten drei Jahren kaum noch wegen der Trockenheit), dann ist das ganz bestimmt etwas nervig am Anfang (nach zwei, drei Tagen höre ich es nicht mehr), aber es ist letztendlich doch auch in meinem Interesse, dass sowohl Brot- als auch Futtergetreide schimmelfrei bleiben. Oder?

Das Beitragsbild stammt übrigens nicht aus unserem Dorf. Leider. Es stammt aus dem September 2019, als wir mit einer bunten Truppe einen Frauentag in Krelingen begangen hatten und auf dem Rückweg am Rande eines kleinen Ortes an einem Picknicktisch Pause machten.

Schwarze Schafe…

…gibt es überall. Obwohl, eigentlich können die Schafe ja nichts dafür, dass manMenschen, die Verfehlungen begehen, so nennt. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Die Gesellschaft funktioniert nur mit einem gewissen Grundvertrauen, so ähnlich, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Urvertrauen gründet. Nur eben in viel größerem Maßstab, weil eine Menge Menschen daran beteiligt sind.

Wenn ich einkaufe, dann vertraue ich doch zunächst einmal darauf, dass der Kaufmann, dem der Supermarkt gehört, redlich arbeitet. Seine Angestellten pünktlich bezahlt, seinen Kunden eine ordentliche Qualität bei den Frischwaren bietet, seine Steuern korrekt anmeldet. Ebenso vermute ich das im Restaurant oder in der Apotheke. Warum diese Beispiele? Weil aus der Sicht der Finanzverwaltung diese Branchen: Einzelhandel, Gastronomie und Apotheken permanent in der Versuchung sind, in großem Stil den Staat zu hintergehen, daher werden die Anforderungen an Warenwirtschafts- und Kassensysteme immer stärker reglementiert. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es die Verstöße nicht gibt bei einzelnen Akteuren in den Branchen. Aber im Grunde stehe ich mit meinem Vertrauen doch noch immer ganz gut da. Denn die allermeisten arbeiten eben ordentlich.

Es gibt Banker, Ärzte, (Abmahn-)Anwälte, Manager, … [um beliebige Berufsgruppen erweitern…], die lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben, um ihrer Klientel möglichst effektiv und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt Politiker, die ihren Beruf und ihre Partei danach gewählt haben, wo sie finanziell am besten dastehen. Es gibt korrupte Beamte und Sicherheitskräfte, die nicht die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen im Sinn haben. Es gibt Gelegenheits- und Berufsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger und alles Mögliche andere im kriminellen Spektrum.

In jedem Land der Erde, und auch nicht erst seit 2015 oder so. Keine Bevölkerung irgendeines Landes besteht aus Heiligen, keine Berufsgruppe der Welt ist unbestechlich, kein Mensch ist immun gegen Versuchungen.

Klischees gibt es immer und überall. Und bei manchen Dingen sind wir auch nicht zimperlich. Wer hat denn schon ernsthaft gesagt: „In Italien mache ich keinen Urlaub, das sind alles Mafiosi“ oder „Nach Thailand kann man nicht fliegen, dort ist ein einziger Sumpf von Drogen und Prostitution“. „Mallorca als Urlaubsziel geht ja gar nicht, da werden keine Umweltstandards eingehalten“ oder auch „Kreuzfahrten sind indiskutabel, was da an Abgasen in die Luft geblasen wird“. Nur mal so als Beispiel (es gibt da über so ziemlich alle Destinationen etwas zu sagen, was dort nicht in Ordnung ist!) Wenn wir in diesen Gebieten nun mal gerne Urlaub machen wollten, haben wir darauf vertraut, dass in den Urlaubsorten alles sauber und legal läuft, und wenn wir tatsächlich mal unsicher waren, dann haben wir lieber die Augen davor verschlossen, wir waren schließlich im Urlaub. Da belastet man sich nicht mit solchen Themen.

Von der derzeitigen Lage sind wir alle zwangsbetroffen, keiner kann sich rausmogeln, keiner hat sich das ausgesucht. Und das bereitet uns so viel Unbehagen, dass wir mangels Sündenbock (interessant: diese Redensweise ist biblisch. Im Alten Testament wird beschrieben, dass während der Wüstenwanderung der Israeliten symbolisch die „Sünden“ auf einen Ziegenbock übertragen wurden, der dann in die Wüste geschickt wurde) am liebsten alles auf „die Politiker“, „die Mainstream-Medien“, „die Staatsvirologen“ oder auch auf wahlweise „die Schlafschafe“ bzw. „die Covidioten“ schieben.

Ja, auch ich bin pandemiemüde, aber ich bin es noch mehr müde, dass uns das Grundvertrauen abhandengekommen ist. Ohne dieses Vertrauen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, es findet eine Zersplitterung in lauter Einzelinteressen und Einzelsichtweisen statt, es heißt „Wer nicht für mich ist, der ist dann eben gegen mich!“

Es gab in den letzten Monaten Dinge, die gut gelaufen sind, es gab Maßnahmen, die es wert sind, hinterfragt zu werden und es gab Situationen, wo den Entscheidern alles entglitten ist. Wie seit Jahrhunderten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von Fehlern, Irrtümern, unheilvollen Entscheidungen. Und trotzdem ging es immer weiter. Sogar aufwärts. Oft wurde der Fortschritt sogar durch Entscheidungen beschleunigt, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben.

Weil es immer, zu jeder Zeit, viel mehr Menschen gab, die vieles (nicht alles) richtig gemacht haben, die visionär vorangegangen sind, die andere mitgenommen haben auf ihrem Weg. Die fehlertolerant waren und vertraut haben. Weil es immer Menschen gab, die sagten „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie!“

Auf der persönlichen Ebene kann ich viele Bedenken und Meinungen verstehen und nachvollziehen, die von meiner derzeitigen Einschätzung stark abweichen, zum Beispiel, wenn eigene Erfahrungen dahinterstehen. Auch ich bin ja durch meine (Familien-)Biographie zu meiner Sichtweise gekommen. Die Shitstorms und die Intoleranz, die aber vor allem in den sozialen Medien daraus gemacht werden, die werde ich wohl nie kapieren.

Vielleicht fehlt im Augenblick vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man selbst es auch nicht besser weiß oder entscheiden könnte. Und da sehe ich auch eine Lücke, in die manche unserer EntscheiderInnen springen müssten: Die Ehrlichkeit, zu Fehlentscheidungen zu stehen (die mitunter erst im Nachhinein als solche zu erkennen, manchmal aber auch von Anfang an fraglich waren). Zugeben, dass etwas nicht optimal war, statt Ausreden zu präsentieren.

Und Geduld ist auch nicht unsere Kernkompetenz. In einem Kommentar habe ich vor einigen Tagen geschrieben: „Wenn wir heute (hier in Deutschland/Mitteleuropa) einem Krieg in den Ausmaßen (sechs Jahre!) des zweiten Weltkrieges ausgesetzt wären, bräuchten die Gegner nur genügend Popcorn und sich dann genüsslich ansehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen…“

Wie gesagt: Auch ich kenne keine Patentlösung. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran, dass eine Gesellschaft zusammen sehr vieles schaffen kann.

Schämt euch! Alle zusammen!

„Ziel ist, weltweit alle Kräfte für die Forschung an Impfstoffen und Arzneimittel zu bündeln. Sobald es sie gibt, sollen die neuen Mittel allen Ländern zur Verfügung stehen − auch Ärmeren.“ Quelle: Neuer Spendengipfel für Impfstoff gegen SARS-CoV-2 Ende Juni (aerzteblatt.de)

Das war der Stand im Sommer 2020. Der globale Schock war zu diesem Zeitpunkt noch so groß, dass es hehre Ziele gab. Die ganze Welt (naja, fast die ganze Welt) wollte zusammenstehen, das Virus gemeinsam bekämpfen, als eine große Menschheitsfamilie. Stand heute kann ich leider nur sagen: Schön wär’s gewesen. Kaum ist Impfstoff da, kabbeln sich alle um das Zeug. Alle möglichen reichen Länder haben sich Mengen reserviert, die teilweise eine Überversorgung darstellen, Pharmaunternehmen haben angeblich (ich konnte es nicht verifizieren, aber wundern würde es mich nicht) Knebelverträge unter die Staatenlenker gebracht, die es verbieten, überschüssige Impfdosen an Drittländer weiterzugeben, die es sich nicht aus eigener Wirtschaftsleistung erlauben können. Jede Verzögerung wird zum Skandal hochstilisiert, dabei wird schon wieder komplett außenvor gelassen, dass Impfstoffentwicklung noch nie so schnell ging wie 2020! Statt mit einer gewissen Demut die einzelnen Chargen möglichst gerecht unter die Menschheit zu bringen, fletschen alle die Zähne und fallen übereinander her.

Großbritannien wollte unbedingt unabhängig sein. Diese Unabhängigkeit ist aber zumindest trotz der jahrelangen Vorbereitungen mehr als schlampig durchdacht worden. Als Folge davon vergammelt schottischer Fisch in inzwischen Nicht-mehr-Kühl-LKWs, aber zumindest soll dieser Fisch ja laut Aussage eines britischen Parlamentariers vorher glücklich gewesen sein, dass er britisch und nicht europäisch war. Meine Meinung: Kopf – Wand! Glauben diese Leute eigentlich den Stuss, den sie da erzählen? Die Wurststullen der Brummifahrer landen zurzeit genauso im Müll wie hunderte LKW-Ladungen an Schweinehälften, die auf den Transit warten. Was für eine gigantische Lebensmittelvernichtung findet da statt, sozusagen staatlich genehmigt! Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Heute früh lese ich in der Zeitung, dass Unbekannte die Videokonferenzschulstunden von Grundschulen kapern und den Kindern pornografische Aufnahmen zeigen. Ohne Worte. Dazu fällt mir echt nix gescheites und schreibbares ein, wie auch?

Aber zumindest eine Sache ist gut ausgegangen: Die Vendée Globe, die Einhandsegelregatta rund um die Welt. Der erste deutsche Teilnehmer Boris Herrmann hat es trotz der Kollision mit dem Trawler in der letzten Nacht auf See heile und gesund ins Ziel geschafft, eine menschliche und sportliche Leistung, die wohl außer den anderen beteiligten Skippern so schnell keiner nachmacht. Die Arbeit der Auswertung unzähliger wissenschaftlicher Erkenntnisse für Ozeanografie und Umweltschutz wird vermutlich jetzt erst so richtig losgehen, denn er hatte sein Boot mit den verschiedensten Sensoren ausgestattet, die dem Helmholtz-Institut wertvolle Erkenntnisse liefern werden.

Heute ist Samstag, der 30. Januar 2021. Seit etwas über einem Jahr leben wir mit dem Corona-Virus in Deutschland. Ich fürchte, sehr viel haben wir nicht gelernt in der Zeit. Erinnert euch doch mal an die Wünsche aus dem ersten Lockdown: Entschleunigung, Wertschätzung, weniger Verkehr, bessere Luft, Zusammenhalt der Gesellschaft… Wie vieles davon hat nicht mal ein Jahr überlebt?

Datensammelwut

Heute bekam ich den Newsletter unserer Tageszeitung, in der es vor ein paar Tagen thematisiert wurde, dass der Förderverein einer Schule im Landkreis sich dem sogenannten Charityprogramm des großen amerikanischen Gemischtwarenladens angeschlossen hat (0,5 % der getätigten Umsätze soll dabei an den guten Zweck fließen). In der Mail der Tageszeitung wurde auf einen Beitrag zu den Geschäftspraktiken auf Deutschlandfunk Nova verlinkt, den ich mir angesehen und darüber dann diesen gefunden habe:

„Die Daten, die ich rief“: Katharina Nocun darüber, was Amazon alles weiß · Dlf Nova (deutschlandfunknova.de)

So. Jetzt seid ihr dran. Überlegt euch gut, was ihr dieser Datensammelkrake noch alles in den Rachen schieben wollt…

Weihnachten mal anders

Erstens: Ich habe es tatsächlich geschafft, drei Tage lang den PC nicht einzuschalten. Ab und zu habe ich übers Smartphone geschaut, was so los ist, aber nicht oft, denn ich mag es nicht, immer hin und her zu wischen, um einen Blogbeitrag wirklich gut lesen zu können.

Heiligabend war ein merkwürdiges Gefühl, ungewohnt entspannt. In den letzten Jahren war immer ab 14 Uhr Gewusel, damit wir es als Mitarbeiter in die jeweiligen Gottesdienste schafften, Konfirmanden in die Kostüme stecken konnten, Texte ein letztes Mal abhören, Lesungen vorbereiten usw. Ich habe mich gefragt, wenn uns als Ehrenamtlichen es so geht, wie ist es dann erst für unsere Pfarrer, die Küsterin, die Kirchenmusiker, für die Weihnachten sonst der absolute Großeinsatz ist?

Keine Gottesdienste vor Ort bedeutete aber auch, dass wir die Zeit nutzen konnten, um einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wir haben uns auf Youtube durch die Online-Angebote der anderen Gemeinden im Kirchenkreis gezappt. Die vielen verschiedenen Ansätze waren spannend zu beobachten.

Von 21 bis 22:30 Uhr war unsere Kirche zur stillen persönlichen Andacht geöffnet, mit Orgelspiel im Hintergrund. An diesem Abend wurde das Angebot auch gut angenommen, einige Familien und Einzelpersonen verbanden es mit einem abendlichen Spaziergang. An den beiden Weihnachtstagen und am Sonntag gab es jeweils zur Gottesdienstzeit auch die offene Kirche und ich freue mich so richtig, dass mit diesem Format Menschen unser schönes altes Kirchengebäude manchmal sogar ganz neu wahrnehmen.

Ansonsten war es vor allem ein Weihnachtsfest mit viel Ruhe, einigen Märchenfilmen und deutlich weniger Essen als „normalerweise“. Und wenn ich mich so umgehört habe, hat die Vorbereitung auf dieses Weihnachten im „Krisenmodus“ einige Leute dazu gebracht, über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und Bräuche neu nachzudenken. In jede Richtung: was ist uns eigentlich wirklich wichtig, was schätzen wir? Das merken wir ja häufig erst dann, wenn es fehlt. Im Gegenzug aber auch: worauf können wir verzichten? Was ist eigentlich nur Fassade, weil „es immer so gemacht“ wurde?

Für mich persönlich hat sich herausgestellt, dass ich auf üppige Adventsdeko viel besser verzichten kann als auf einen Weihnachtsbaum. Mit dem Vorschlag von Edgar, in einer großen Vase Tannenzweige aus dem Garten aufzustellen, konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, Ökobilanz hin oder her😌. Und gefehlt hat mir das trubelige Zusammensein mit allen unseren Kindern, so vernünftig es auch war, darauf zu verzichten. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde, der Gänsehautmoment, wenn alle gemeinsam „Oh du fröhliche“ singen, ja, auch das hat gefehlt. Der vollgefressene (Sorry) Bauch dagegen, der hat mir ganz und gar nicht gefehlt.

Ein im wahrsten Sinn des Wortes „merk-würdiges“ Jahr geht zu Ende. Es hat uns vieles abverlangt und uns erschöpft zurückgelassen. Ich hoffe, wir merken uns, was wir als essentiell und gut empfunden haben und ich hoffe, wir merken, dass ein immer höher und immer weiter nicht die Zukunft sein kann.