Es gibt ihn auch bei uns noch: Schnee!

Tja. Kurzes Gastspiel. Jetzt, wo ich zum Schreiben komme, ist er auch schon fast komplett wieder weg. Aber immerhin. Selbst vor ungefähr zwei bis drei Wochen, als auf unseren Gebirgszügen an der Porta Westfalica etwas Schnee lag und die Menschen das Sauerland stürmten, lag bei uns im Ort bestenfalls etwas „Puderzucker auf einer heißen Waffel“. Damit ich auch in der Zukunft noch weiß, dass es ganz sicher 2021 im Januar Schnee gab, liefere ich jetzt hier den Beweis.

Eigentlich hätte ich ganz gern ein Video hochgeladen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dafür auf Premium upgraden möchte. Reizvoll wäre es ja schon, ich muss mal etwas länger darüber nachdenken. Wer neugierig ist, findet das Video auf meinem Insta-Account. (Findest du auf meiner Seite „Über“)

Schwarz – weiß

Kennt ihr die folgende Situation? Ich wurde vor einiger Zeit mal gefragt, wer mir in meinem Leben als Vorbild dient. Hm, da gibt es einige. Meine Antwort war damals „Nelson Mandela“. Prompt kam von meinem Gegenüber die Antwort: „Aha, ja. – Aber der hat doch auch seine Frau geschlagen!“ Unausgesprochen klang mit, dass man so jemanden doch nicht als Vorbild angeben darf. Erstens, ich weiß es einfach nicht, ob er seine Frau geschlagen hat. Zweitens, und das wird heutzutage zwar niemandem passen, ich finde die Erwähnung trotzdem wichtig: auch Nelson Mandela war Kind seiner Zeit und seines Kulturraumes. Das soll nichts Falsches relativieren, nur erklären. Jeder von uns weiß wohl, wie sehr man geprägt wird von seinem Aufwachsen, auch wenn man meist „alles anders machen will als die Altvorderen“. (Zum Recht auf Züchtigen von Ehefrauen in der deutschen Geschichte habe ich zwar nichts finden können, bitte aber zu bedenken, dass viele Rechte, die uns Frauen von heute in Deutschland so selbstverständlich vorkommen, so alt auch noch nicht sind. Unsere Mütter hatten sie teilweise noch nicht und durchgesetzt sind auch nicht alle.) Und drittens gilt mir sein Umgang mit der Apartheid, seine feste Überzeugung, dass alle Menschen mit denselben unverbrüchlichen Menschenrechten ausgestattet sind, als Vorbild. Und auch sein nicht-revanchistischer Umgang mit den Weißen nach dem Ende der Apartheid.

Hätte ich damals „Mutter Theresa“ gesagt, wäre die Antwort möglicherweise gewesen: „Ach. Wusstest du denn, dass sie sehr lange Zeit ihres Lebens mit Gott gehadert hat? Wie darf denn eine solche Person eine führende Ordensfrau sein?“ Als ob das ihre praktische und fruchtbare Arbeit für die Ärmsten, die Leprakranken und die Frauen in Indiens Gesellschaft im Wert mindern würde.

Wenn man ein fußballbegeistertes Kind fragt, welches Vorbild es im Fußball hat, das Kind sagt begeistert „ich möchte mal so schön spielen können wie Ronaldo“ und man antwortet ihm: „Das würde ich mir an deiner Stelle nochmal überlegen, denn keiner kann so schön Schwalben fabrizieren, theatralisch auf dem Rasen liegen und leiden. Und die Steuer hat er auch hinterzogen!“, dann reduzieren wir das Vorbild des ehrgeizigen Sportlers auf seine menschlichen Schwächen.

Klar, wer in der Öffentlichkeit steht, sollte sich genau überlegen, ob Bekanntheit nicht auch gewisse Verantwortung in ethischer, moralischer oder gesetzlicher Hinsicht mit sich zieht, aber dadurch wird man nicht automatisch fehlerfrei.

Für praktisch jeden Menschen der Geschichte, der heute in irgendeiner Hinsicht Vorbildfunktion einnehmen kann, ist es möglich, vermeintlich dunkle Punkte oder Brüche in dessen Biografie zu finden. Ja natürlich! Es handelt sich um Menschen! Menschen, die Fehler machen, Menschen, deren Leben und Denken Entwicklungen mitmacht, nicht immer zum Guten, und oft ist es auch erst lange nach deren Lebenszeit möglich, die Folgen ihrer Überzeugungen und ihrer Arbeit abschließend zu beurteilen, wenn überhaupt. Mal ganz davon abgesehen, dass eine Würdigung oder Verurteilung ja dann auch noch immer vom persönlichen Weltbild des Betrachters abhängt.

Wir alle stehen ständig im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Oben und Unten, Richtig und Falsch. Zu oft vergessen wir die Nuancen dazwischen, die Dreidimensionalität, die Grautöne und erst recht die vielen unterschiedlichen Farben oder schlicht die Alltagsdinge, die uns zum Durchwurschteln zwingen. Zwei Sätze aus der Bibel fallen mir dazu ein:

„Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein [auf sie] werfen“ (Johannes 8,7b, Übersetzung: Hoffnung für Alle). Also: fassen wir uns mal alle zusammen an die eigene Nase. Ich, du, er sie, es, wir, ihr und sie.

Und der zweite Satz ist die Jahreslosung für 2021: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36, Luther 2017). In den letzten Jahren hatten wir gefühlt lange keine Jahreslosung, die so sehr auf die Herausforderungen des beginnenden Jahres passt. Bemerkenswert, weil die Jahreslosung immer drei (!) Jahre im Voraus ausgewählt wird.

Ach übrigens:

… es ist nicht alles schlecht in Deutschland. Es gibt sogar vieles, was richtig gut läuft. Aber im Augenblick sage ich einfach: es gibt auch sehr vieles, das wir eindeutig besser hinkriegen können. Ich prokele mit Wonne in den Wunden herum, damit es wehtut, damit wir aus den Puschen kommen, für uns und die vielen anderen hier im Land.

Wenn ich aus meiner derzeitigen Motz- und Meckerphase raus bin, dann schauen wir uns mal gemeinsam die anderen Seiten an, ok?

Einerseits -andererseits

Das Buch Unberechenbar klingt immer noch nach in mir, obwohl ich schon die nächsten Bücher „am Wickel“ habe. Heute früh war mal wieder die Lektüre der Tageszeitung der Anstoß. Bevor ich jetzt hier vom Leder ziehe, möchte ich betonen, dass ich keine Patentlösungen kenne, vermutlich gibt es die auch nicht, aber wir brauchen ein großes Nachdenken und eine breite Diskussion darüber, welche Werte uns wichtig sind, als einzelne Personen, als Kommunen oder Kirchengemeinden, als Bundesländer und auch als Deutschland. Wollen wir in der Zukunft auf eine möglichst gemeinsame (und trotzdem bunte und diverse) Gesellschaft setzen oder sehen wir die vielen höchst unterschiedlichen Menschen als „Human resources“ (also: Personal) an, die einfach möglichst reibungslos ihre Aufgabe erfüllen sollen?

Ich frage mich da beispielsweise: Lufthansa und TUI, große Konzerne im Bereich Touristik, werden mit Milliardenhilfen gestützt. Aber was ist mit kleinen Betrieben der Branche, vom unabhängigen Reisebüro über inhabergeführte Hotels und Campingplätze bis hin zur kleinen Frühstückspension, von Fahrgastschifffahrt bis Nationalparkguides? An allen diesen Kleinbetrieben hängen doch in der Summe nicht weniger menschliche Existenzen als an den Branchenriesen.

In der Pflege (sowohl Kranken- als auch Altenpflege und überhaupt im Gesundheitssektor) bahnt sich ein Kollaps an, ganz akut durch viel zu hohe Arbeitsbelastung und eigene Erkrankung bis hin zum Burnout und dem desillusionierten Verlassen der Branche. Hier fehlt mir ein energisches Gegensteuern. Ich überlege mir, wenn alle Stellen, die in diesem Bereich arbeiten, zu einem großen, deutschlandweiten Gesundheitsdienstleistungskonzern zusammengeschlossen wären, mit entsprechendem Umsatz, Aufsichtsratsposten und Lobbyisten im Bundestag, dann sähe das möglicherweise ganz anders aus.

Ich frage mich, warum die Bildungsgerechtigkeit, die seit einem knappen Jahr das große Mantra der Bildungspolitiker ist, in den letzten Jahrzehnten so wenig Beachtung fand. Im Gegenteil: Schulgebäude gammelten vor sich hin, die Vorsprünge in der Digitalisierung vor allem in den skandinavischen Ländern wurden kleingeredet, von wegen, dafür würden dann aber althergebrachte Kulturtechniken vernachlässigt (ich sag nur: das Eine tun und das Andere nicht lassen). Es hieß, inklusives Lernen (auch vor allem bei den Skandinaviern) wäre bei uns nicht möglich, weil die langsameren Schüler den schnelleren quasi Zeit klauen (mein Ausdruck, das kann man bestimmt auch positiver ausdrücken😜). Bildung ist in Deutschland, seit Jahren beklagt und trotzdem unverändert, ein Gut, das anscheinend untrennbar mit dem sozialen Status des Elternhauses verknüpft ist. Im Augenblick kann ich noch keine bahnbrechende Änderung daran erkennen.

Müssten sich die etablierten Medien, vor allem die eher reißerischen, aber auch diejenigen, die mit mehr Ruhe und Seriosität arbeiten, nicht alle mal von der Schlagzeilenmentalität verabschieden? Glücklicherweise werden wir nicht von einem erratischen Präsidenten regiert, der morgens nach dem Aufwachen erstmal medial einen raushauen muss, damit die Verdauung ordentlich funktioniert. Aber die Verkürztheit, mit der augenblicklich manche Entscheidungen, so fraglich sie sein mögen, in die Medienlandschaft getragen werden, die nervt mich total, weil ich davon ausgehe, dass sich unsere Volksvertreter in den meisten Fällen tatsächlich erstmal irgendwelche Gedanken dazu gemacht haben, was sie da sagen. Zumindest die Entscheidungsfindung kurz darstellen sollte meiner Meinung nach Standard werden. Das bedeutet nicht, dass alle zum „Erklärbären“ mutieren müssen. Wenn ich aber die Entwicklungen der letzten Monate bedenke, sehnen sich Menschen nach Erklärung, sonst würden sie sich nicht in immer größerer Zahl denen zuwenden, die Erklärungen bieten, auch wenn sie noch so abstrus sind.

Wisst ihr, was ich als sehr wohltuend empfunden habe in den letzten Tagen? Die Art und Weise, wie die Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen öffentlich ihre Fehleinschätzungen des Infektionsgeschehens kommuniziert haben bis hin zu der Entschuldigungsbitte von Bodo Ramelow bei der Bundeskanzlerin. Beide gehören nicht unbedingt Parteien an, die ich persönlich präferiere, aber beide zeigen in dieser Situation Rückgrat, was ich auf jeden Fall sehr zu würdigen weiß.

Fortsetzung folgt.

Beitragsbild: Pixabay, weil ich nicht mehr so eine schöne Waage besitze und die alte Schweinewaage auf dem Dachboden nicht so fotogen ist…

Unberechenbar – 11.1.2021

|Werbung, unbezahlt|

Zielgerade. Das letzte Kapitel heißt „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft“. Handwerkerphilosophie, oder eher Heimwerker? Naja, bei so manchem ist es total okay (zum Beispiel wenn ich die Tapete etwas schief angeklebt oder den Teppich am Rand etwas krumm zugeschnitten habe) , aber es gibt nun mal auch Gewerke, da sollte alles ganz genau passen. Wasser- oder Gasleitungen sollten eher kein „Spiel haben“. Aber was bedeutet es denn, wenn etwas „wackelt und Luft hat“? Es bedeutet, dass Entwicklungsspielraum da ist. Eine gewisse Freiheit, Unberechenbarkeit, Uneindeutigkeit.

Uneindeutigkeit? Stopp, das wollen wir ja wohl überhaupt nicht. Vor allem wir Deutschen, quasi die Erfinder der Normierung: was bei uns alles unter DIN-Normen fällt… In den letzten Monaten haben wir eine große Sehnsucht nach Normierung und Eindeutigkeit gehabt: Immer dann, wenn neue Corona-Verordnungen erlassen wurden, die dieses Mal ganz bestimmt für alle Bundesländer gelten sollten, aber dann machte am Ende doch jedes Bundesland irgendetwas anders als die anderen.

Das ist eben das Dilemma: Wir möchten einerseits ganz verständlich überall dieselben Regeln, weil wir dann wissen, wie wir uns zu verhalten haben und weil es unser Gerechtigkeitsempfinden berührt. Aber andererseits fordert dasselbe Gerechtigkeitsempfinden, dass nicht alles über einen Kamm geschoren wird, sondern nach der gesundheitlichen Lage vor Ort entschieden wird. Ambiguität (Mehrdeutigkeit) nennt sich das Phänomen, das wir nur mit großen Schwierigkeiten aushalten können. Diese Schwierigkeiten dürften auch aktuell dazu beitragen, dass wir nicht freimütig sagen können: Ja, du bist anderer Meinung als ich, und ich kann deine Gründe auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, aber für mich gelten in dem Punkt andere Prioritäten, daher bewerte ich die Frage anders. Wir haben beide Vorteile und Nachteile auf der Hand, jetzt lass uns damit konstruktiv umgehen. (Ganz klar, damit meine ich natürlich nicht diejenigen, die vor lauter Eindeutigkeitswahn keinem Argument mehr zugänglich sind und lieber in Verschwörungserzählungen abtauchen). Wir müssen uns nicht nur passiv damit abfinden, dass unsere menschliche Existenz weder berechenbar noch eindeutig ist: wenn wir es gut machen, dann können wir genau auf dieser Welle der Unberechenbarkeit und Ambiguität unser Leben surfen!

Die bibliografischen Angaben findest du hier.

Unberechenbar – 7.1.2021

|Werbung, unbezahlt|

Heute geht es um Grenzen. Zu Beginn des Kapitels vergleichen die Autoren das Auftauchen des Coronavirus mit einem zerstörerischen Dinosaurier, der in einem schicken Upper-Class-Wohnzimmer wütet. Dieser Vergleich, der mich anfangs amüsiert, ist aber ein gutes Bild: So, wie wir dem Dinosaurier mangels Kommunikationsmöglichkeit keinen Einhalt gebieten können (und ja erstmal sowieso nicht mit seinem Auftauchen gerechnet haben), so geht es uns auch mit dem Virus: Es führt uns an ungeahnte Grenzen! Uns, den Menschen, die Meister sind im Verschieben von Grenzen, zeigt es unsere Begrenzung. Die zeitliche ebenso wie die räumliche.

Auch auf das zweite große Thema unserer Zeit trifft es zu, dass wir als Menschheit uns wenig um Grenzen scheren: Klimawandel. Wir bemerken ihn zwar, aber wir begreifen ihn nicht als Grenze, wir versuchen eher, ihn mit immer mehr Technologie und mit unserem Eindringen in den Weltraum vor uns her zu schieben.

Grenzen begreifen wir vor allem als Einschränkung, aber ohne Selbstbegrenzung wird es nicht weiter funktionieren. Für uns klingt „Begrenzung“ aber sehr nach „Verbot“ und wer will das schon? Auch und gerade in der Politik suchen wir, ob bewusst oder unbewusst, nach einer ganz anderen Qualifikation: Tadaaa! Ich präsentiere den Gestalter (ich habe lange überlegt, ob ich das jetzt gendere, habe mich aber bewusst dagegen entschieden😉. Denn gestern ließ Herr Lindner verlautbaren, dass seine Partei so richtig Bock auf Gestaltung hat…)

Zurück zum Thema und zu den Grenzen. Die Fragen kennen wir alle: „Warum immer den großen SUV im Stadtverkehr herummanövrieren? Warum nicht einfach etwas weniger Fleisch essen?“ (S. 110) Auch der teuerste Markengrill fühlt sich nicht unmännlich, wenn man Gemüse drauflegt, denke ich mal so. Es ist also nicht nur eine Frage des „Männergrillens“ oder des „Frauengrillens“, um es mal mit einer Werbekampagne aus 2019 zu formulieren. Ernüchternde Antwort: Forderungen der (Selbst-)Begrenzung sehen viel zu viele von uns immer noch als Ideologie (gern links-grün-versifft, man denke an den verunglückten Vorschlag zum Veggie-Day), nicht als Notwendigkeit. Indem wir uns weigern, uns zu begrenzen, rauben wir Lebensgrundlagen. Natürlich nicht unsere eigenen, sondern die der Nachfolgegenerationen, aber das spüren wir ja dann vermutlich nicht mehr.

Um hier gegenzusteuern, braucht es vor allem Grenzen für eine unserer heiligsten Kühe: für das Wirtschaftswachstum. Bereits seit 1972 plädiert der Club of Rome für Wachstumsbegrenzung. Ich selbst bin der Meinung, wir setzen zu häufig auf das verkehrte Wachstum.

Es geht noch ein bisschen weiter in diesem Kapitel und die Autoren plädieren aus ihren jeweiligen Fachgebieten* heraus für ganz ähnliche Dinge wie andere AutorInnen, die ich im vergangenen Jahr gelesen und hier beschrieben habe.

Beim Nachdenken über Grenzen geht mir jedoch ein ganz anderes Bild nicht aus dem Kopf: Unruhige Babys „puckt“ man, das heißt, man wickelt sie fest in Tücher, so dass sie rund um ihren Körper eine deutliche Grenze spüren. Wenn unsere größeren Kinder Ausraster haben, können wir ihnen recht effektiv damit helfen, dass wir sie fest in den Arm nehmen und halten, bis sie sich beruhigt haben. „Gehalten werden“ ist übrigens auch wichtig zur Trauerbewältigung. Erwachsene, die unter unruhigen Schlafstörungen leiden, benutzen besonders schwere Bettdecken, um unter dieser spürbaren Begrenzung zur Ruhe zu kommen.

Im Endeffekt gehen sogar die neuesten Corona-Bestimmungen in diese Richtung, wenn auch recht abstrakt.

Was passieren kann (oder zwangsweise passieren muss?), wenn Menschen Grenzen außer Kraft setzen wollen, das mussten die US-Amerikaner gestern leider in Washington erleben…

Es geht immer noch um:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

*Harald Lesch ist Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator. Auch als erfolgreicher Buchautor ist er bekannt. Thomas Schwartz ist Theologe und Philosoph, geweihter Priester (Pfarrer in Mehring) und lehrt Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Augsburg.

Guten Morgen, neues Jahr!

Noch etwas verkatert von einem Glas Sekt. Ich bin es eben so gar nicht gewohnt, Alkohol anders als in Fingerhut-Mengen zu mir zu nehmen, wenn überhaupt. Die Hunde habe ich bis kurz nach sechs ignoriert, aber dann wurde mir das Gejammer doch zu laut. Zahnputzkaustangen für beide, Kaffeekochen und durchs Haus lüften.

Jetzt sitze ich schon seit mehr als einer Stunde in der Küche vor dem noch recht leeren neuen Kalender. Eigentlich ist doch seit gestern nur eine Nacht vergangen. Und doch starre ich ehrfürchtig auf die Seiten, die in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten von mir gefüllt werden wollen.

Es erscheint mir, als hätte ich es bisher nie nötiger gehabt, ein neues Jahr mit positiven Gedanken und Vorhaben zu beginnen, gleichzeitig ist das Bangen da, dass es letztlich doch anders kommt. Trotzdem ist es „the same procedure as every year“. In zehn Jahren lache ich womöglich über die Ehrfurcht und Unsicherheit, mit der ich heute hier saß.

Unsere Kellerbewohnerin nervt. Das wird auf jeden Fall mein Januar-Projekt. Hier ist kein Platz für uns beide und ich beabsichtige zu bleiben. Leider wohnen wir auf dem Ratten-Highway zwischen dem Hühner-und Taubenstall des einen und dem Kartoffel- und Getreidespeicher des anderen Nachbarn. Paradiesische Zustände. Und wir haben noch einen gestampften Lehmboden im Keller. Für das florierende Tiefbauunternehmen der Firma Ratte und Co ein willkommener Zwischenstopp. Für mich Mietnomadentum.

Schon merkwürdig, aus der philosophischen Betrachtung des noch unbeschriebenen Jahres in die profanen Dinge der Schädlingsbekämpfung abzudriften.

Ich mache jetzt lieber mal etwas produktives und backe Brötchen aus dem Teig, den ich letztes Jahr noch angesetzt habe. Einen guten Start (aus irgendeinem Grund habe ich im Hinterkopf einen Ohrwurm von ABBAs „Happy new Year“🤭)

Tschüss und auf ein Neues

Ein neuer Tag bricht an…

Uff. Abgearbeitet…! Ausgerechnet dieses Jahr war auch noch einen Tag länger als „normal“. Ich habe noch einmal nachgelesen, wie ich 2019 verabschiedet habe. Im Rückblick kann ich sagen: Ich habe so schief gelegen wie die Astrologen bei der Überlegung, was mich 2020 den größten Teil des Jahres beschäftigen könnte. Naja. Leben ist, was passiert, während wir andere Pläne machen. 

Mein erster Beitrag des Jahres 2020 dagegen, der hat sich auf gewisse Weise bestätigt, aber so heftig hätte ich es mir nicht vorgestellt. Wobei ich selbst und meine Familie noch sehr gut durch das Jahr gekommen sind. Wir wurden vor dem Virus (bisher) bewahrt, wir hatten alle jederzeit Arbeit, kein Grund zum Klagen also.

Trotzdem ist einiges passiert, was mich Dinge überdenken ließ, die uns sonst so selbstverständlich erscheinen. Zum Beispiel die Fähigkeit des Laufens. Wenn die auf einmal weg ist, fällt man in ein Loch. Die Überwindung, die es mich zunächst gekostet hat, einen Rollstuhl zu benutzen (wobei ich doch wusste, dass es nur übergangsweise sein würde), und noch mehr Überwindung, ihn in der Öffentlichkeit einzusetzen, brachte mir eine ungewohnte Perspektive ein: Bei Menschen, die mich nur flüchtig kennen, war Unsicherheit zu spüren: Sie wussten ja nicht, was ich wusste und überlegten sich, ob das jetzt zukünftig die „neue Anja“ sein würde. Wie sollten sie mit mir umgehen? Andere, die ein wenig mehr Einblick ins Geschehen hatten, freuten sich, dass ich (nach dem energischen Anstupsen durch Edgar, nicht aus eigenem Antrieb) eine so pragmatische und praktische Lösung gefunden hatte. Hey, und inzwischen kann ich zwar immer noch nicht so richtig vor einem ernsthaften Angreifer oder einem Lavafluss weglaufen, aber ein paar Tanzschritte zu „Jerusalema“ klappen schon wieder😄.

Von diesen ganzen Ereignissen wusste ich Anfang 2020 glücklicherweise noch nichts, als ich enthusiastisch mit einigen Freundinnen eine Ausmist-Challenge ins Leben rief. Über den ganzen Problemen, die im Laufe des Jahres über uns hereinbrachen, ist die Challenge zwar ziemlich lange gelaufen (zumindest bei denen, die auf zwei Beinen unterwegs waren), aber irgendwann bekamen andere Dinge Priorität und das ist natürlich auch ok. Unnötig zu erwähnen, dass ich alle meine Pläne für den Garten um ein Jahr verschoben habe.

Immerhin konnten wir im Juli eine knappe Woche Segelurlaub machen, ein Highlight des Jahres und eine kostbare (was für ein tolles Wort: es beinhaltet das volle Auskosten einer Sache oder Situation mit allen Sinnen) Zeit des unbeschwerten Zusammenseins mit mehreren Leuten. Das zweite Highlight war im September, da heirateten Julia und Jonas während einer kurzen Zeit des Aufatmens, als es zumindest möglich war, eine kleine Feier mit Eltern und Geschwistern zu gestalten. Ja, und selbst eine sehr schöne Konfirmationsfeier für Kathrin hatten wir in einer ungewohnten Jahreszeit, aber bei schönstem Wetter Anfang Oktober. Aller guten Dinge sind drei.

Über manche Gruppen unserer Gesellschaft werde ich kein weiteres Wort mehr verlieren, da haben wir uns schon zur Genüge ausgetauscht, oder?

Aber das bringt mich jetzt zu etwas, was ich für das kommende Jahr wichtig finde: Eine breite gesellschaftliche Diskussion über vieles, das in den letzten Jahren schon fürchterlich falsch gelaufen ist und im Endeffekt zu der aktuellen Spaltung beigetragen hat. Es ist nicht mehr damit getan, dass man irgendwann im nächsten September irgendwo ein bis zwei Kreuze auf langen Listen macht. Wir müssen reden, über das, was uns wichtig ist.

Zum Beispiel ein gut aufgestelltes Gesundheitssystem mit ordentlich ausgebildeten und adäquat bezahlten Akteuren anstelle von Klinikverbünden im Besitz von Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären möglichst viel Profit bringen sollen. Natürlich gibt es das Gebot des ordentlichen Wirtschaftens, aber Gesundheit sollte nicht vom Shareholder Value abhängig sein.

Oder Schulen, die (auch und gerade an jeder Milchkanne, Herr Scheuer!) mit stabilen und leistungsfähigen Internetleitungen und modernen Endgeräten ausgestattet sind, um auf Herausforderungen der Zukunft zu reagieren. Eine Lehrerausbildung, die ebenfalls gut gerüstetes Lehrpersonal hervorbringt, Administratoren, die sich um Hardware etc. kümmern. Und weniger Dogmatismus (ich weiß nicht, ob es dieses Wort bisher überhaupt gab, aber ich bin der Meinung, ein -ismus ist für das, was da läuft, die passende Bezeichnung)  in den Kultusministerien.

Oder eine gut ausgebaute Infrastruktur im ÖPNV, Steuern auf Flugbenzin, damit durch gestiegene Flugpreise der Umstieg auf die Bahn attraktiv wird. Denken und Planen in die Zukunft statt auf Technologien von vor 40 Jahren zu setzen. (Btw, hätte vor ca. 100 Jahren das Totschlagargument „Arbeitsplätze“ schon gegolten, hätte sich das Auto nie durchgesetzt und wir würden heute noch mit der Pferdedroschke fahren. Interessantes Gedankenspiel…)

Eine anerkennende Wertschätzung der Landwirtschaft und ihrer Produkte. Solange viele Verbraucher nur die billigsten Lebensmittel in möglichst großen Mengen haben wollen, solange wird auch zu ebendiesen Bedingungen hergestellt. (Während ich das hier schreibe, blockieren Landwirte mit ihren Traktoren die Zentrallager eines großen Discounters. Weil die Butter dort billiger werden soll. Warum…?) Das Umdenken muss natürlich im Landwirtschaftsministerium auch stattfinden, aber vor allem muss es in unser aller Köpfen passieren. Auch die Verstädterung hat sicher dazu beigetragen, dass so mancher von uns nicht mehr weiß, wie Lebensmittel produziert werden. Aber es liegt doch in unserer Hand, diesen Zustand zu ändern. Es geht nicht an, immer nur auf andere zu verweisen. Und ich gebe offen zu, dass ich da auch noch Entwicklungspotenzial habe, obwohl ich ein Landkind bin. 

Es gibt noch viele weitere Beispiele und es gibt zum Glück sehr viele Menschen, die sich in irgendeinem Bereich einbringen und dafür sorgen, dass „ihr“ Thema nicht vergessen wird. Es ist ganz logisch, dass nie die gesamte Gesellschaft mit ihrer Meinung deckungsgleich sein wird, das wäre auch überhaupt nicht wünschenswert. Aber mein großer Wunsch, meine Utopie ist: Wir reden wertschätzend miteinander statt uns gegenseitig niederzubrüllen. Wir hören einander zu statt uns ins Wort zu fallen. Wir bewegen miteinander etwas statt gegeneinander zu blockieren. Wir erlernen wieder die mühsame Arbeit der fruchtbaren Debatte und der Kompromissfindung. Wünschen darf man ja…

Vor allem wünsche ich euch allen ein friedliches und gesegnetes Jahr 2021 und möglichst viel Gesundheit.

Zwischen den Jahren

Schon merkwürdig, das „alte“ Jahr ist gefühlt zu Ende, obwohl da nach Weihnachten noch so ein paar Tage übrig sind. Jahresabschlussarbeiten stehen an, wie zum Beispiel das Vorbereiten der Inventur in vielen Firmen. Das „Neue“ hat noch nicht angefangen, obwohl ich in dieser Zeit immer den Drang habe, meinen Kalender für das kommende Jahr vorzubereiten.

Viel Aberglaube oder Volksglaube ist mit diesen Tagen verbunden. Rauhnächte, Perchten, wie auch immer es landschaftlich genannt wird, in dieser Zeit kommen sich diesseitige und jenseitige Welten nah. Einen interessanten Artikel dazu habe ich hier gefunden. Mit diesen ganzen Bräuchen kann ich aus eigener Erfahrung nichts anfangen, ich weiß nur noch, dass meine Mutter früher, als ich noch klein war, immer erzählte, man solle zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche waschen, weil das angeblich Unglück bringe.

Wie auch immer, genießen wir ziemlich klüngelig (= langsam) hier zuhause die Zeit, lesen, räumen ein bisschen (zum Beispiel habe ich im Nähzimmer alle Weihnachtsstoffe verräumt und verabschiedet), sind kreativ oder ruhen einfach mal nur aus. (Gewaschen habe ich übrigens trotzdem.)

Winterpause.

Mein kleines (Weihnachts-)licht

Weihnachten 2020 – mit welchen Ansprüchen war dieses Fest im Voraus überfrachtet worden. Irgendwie ja auch verständlich, denn dieses Jahr hatte uns schon so vieler Dinge beraubt, die uns seit vielen Jahren unverzichtbar erscheinen: Der Freiheit, jederzeit überall Kinos, Theater, Konzerte zu besuchen. Den Sommerurlaub mit dem Flugzeug in alle Welt mussten die meisten von uns streichen. Essen gehen wurde größtenteils eine etwas ungemütliche Veranstaltung mit Abstand und vielleicht sogar zwischen Plexiglaswänden… Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie häufig wir diese Freiheiten überhaupt in Anspruch nahmen, damals, vor der Pandemie. Wir konnten es aber zumindest theoretisch fast jederzeit.

Wenn wir uns im November alle „ein bisschen“ einschränken, dann können wir Weihnachten feiern wie gewohnt, so hatten es uns die MinisterpräsidentInnen Ende Oktober ausgemalt: im Kreis der gesamten Familie, mit allen, die uns lieb und wertvoll sind, die wir vielleicht lange nicht sehen konnten. Mir kam es so vor, als würde dieses ganze Weihnachten romantisch verklärt. Hoffentlich ein bisschen Schnee, rechtzeitig zum Kirchgang an Heiligabend, warme Lichter, Glockenklang, Weihnachtslieder und ein gemütliches Zuhause, wo im liebevoll geschmückten Wohnzimmer die Bescherung stattfindet. Ein Bild wie von der Werbeindustrie gezeichnet.

Bitte versteht mich nicht falsch, an alledem ist überhaupt nichts verkehrt, wenn man es in der Familie immer so macht, sich alle dabei wohlfühlen und niemand sich dafür verbiegen muss. Verkehrt wird es dann, wenn alle Erwartungen, die sich das ganze Jahr lang nicht erfüllt haben, auf dieses „heilige Fest der Familie“ gelegt werden. Wenn unbedingt noch ein bisschen „Heile Welt“ sein muss, um dieses vermaledeite Jahr zu einem einigermaßen guten Abschluss zu bringen. Wenn Traditionen herhalten müssen, um Erwartungen zu erfüllen.

Was bedeutet Weihnachten denn heute noch? Ungeachtet der Tatsache, dass auch ich stundenweise im Einzelhandel arbeite, dass es mir vor allem sehr viel Spaß macht, für die unterschiedlichsten KundInnen genau das richtige Buch zu finden, macht es mich traurig, dass an Weihnachten immer stärker Geschenke den Zweck erfüllen, den eigentlich ganz andere Werte erfüllen sollten. Zeit, zuhören, Gemeinsamkeit. Ganz abgesehen von der eigentlichen Bedeutung von Weihnachten: Hoffnung ins Dunkel zu bringen, nicht mit einem großen und mächtigen König, sondern verkörpert von einem kleinen, hilflosen Kind, in Armut geboren.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, in diesem Jahr war der Advent für mich bisher eine ganz besondere Zeit. Zeit, darüber nachzudenken, wie privilegiert doch die allermeisten von uns sind, selbst dann, wenn wir finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, selbst wenn wir keine große intakte Familie haben, die uns Halt gibt. Sogar dann noch, wenn nicht wenige von uns in eine ungewisse Zukunft blicken, nicht wissen, was zum Beispiel mit dem Arbeitsplatz wird. Denn im Gegensatz zu sehr vielen Menschen auf der Welt und auch in unserem Land haben wir, die dieses lesen können, ein Zuhause, mit fließendem Wasser, mit Heizung und mit einem Kühlschrank, in den wir hineingreifen können, wenn wir Hunger haben. Wir sind über vielfältige technische Möglichkeiten mit anderen Menschen verbunden. Wie bescheiden auch immer, wir sind relativ behütet.

Wenn ich durch die Straßen fahre, genieße ich auch die geschmückten Häuser (solange es nicht so übertrieben ist wie in einigen amerikanischen Weihnachtsfilmen😉), habe aber für mich selbst beschlossen, recht zurückhaltend zu sein, was die Beleuchtung angeht.

In Betlehem, vor 2000 Jahren, da war es ein einziger heller Stern, der den Weg wies. Für mich ist es eine kleine Kerze, die in der Finsternis das Licht bringt, die Hoffnung aufzeigt, es wird nicht für immer dunkel sein. Mein eigenes kleines Licht reicht, gemeinsam mit den vielen tausend kleinen Lichtern der Anderen ergibt es das Lichtermeer, das uns die Hoffnung bringt.

Ein kleiner Musiktipp dafür:

Bruce Springsteen with the Sessions Band – This Little Light of Mine (Live In Dublin) – YouTube

(Es gibt unterschiedliche Versionen. Ich habe mich für diese entschieden, weil ich den „Boss“ mag und die Performance als sehr kraftvoll empfinde)

Ich wünsche euch von Herzen gesegnete Weihnachten, auch und gerade dann, wenn dieses Jahr alles anders ist.

Annuschka/Anja