Verspäteter Advent

„Meine Damen und Herren, der erste Advent hat heute voraussichtlich 12 Stunden Verspätung. Suchen Sie sich einen warmen und ruhigen Platz, genießen Sie einen Tee oder Kaffee und greifen zum selbstgekauften Spekulatius. Wir bitten herzlich um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, der stressige Alltag ist unvorhergesehen auf der Strecke liegengeblieben. Die finale Ankunft von Weihnachten wird von der Verzögerung nicht betroffen sein. Wir wünschen trotz aller Unannehmlichkeiten einen guten Start in die Adventszeit.“

So oder ähnlich hätte ich den Tag beginnen können. Wobei, so unvorhergesehen war das mit dem Alltag nicht. Es sind so viele unterschiedliche Dinge, die mich in den letzten Tagen und Wochen beschäftigten, es war eher eine Verspätung mit Ankündigung. Vor ein paar Jahren hätte das noch einen mittleren Nervenzusammenbruch bedeutet, aber ein ganz kleines bisschen Altersweisheit scheint sich doch bei mir breitzumachen. Denn seit einiger Zeit habe ich immer weniger Probleme damit, die Zeit des Advent langsam anzugehen und mich auf das Warten nicht nur einzustellen, sondern sogar die langsame Steigerung – na ja, nicht gerade zu genießen – aber für meine Begriffe gelassen hinzunehmen.

Immerhin habe ich die Kisten mit der Deko schon seit einigen Tagen im Wohnzimmer stehen und gestern auch die (noch leere) Krippe aufgestellt. Übrigens eine Krippe aus alten Obstkistenlatten, auf einer Sperrholzplatte. Beim Krippenpersonal fehlt einem Schaf ein Bein, ich gebe mir immer Mühe, es so aufzustellen, dass es eine Stütze hat. Alles in Allem verbildlicht das Ensemble unsere kaputte Welt in meinen Augen ehrlicher als eine prächtige, vielleicht sogar mit Blattgold belegte Kulisse. Ich mag sie und sie ist der erste Schritt für mich, in die „besinnliche“ Zeit hineinzufinden.

Ich wünsche euch einen gesegneten und friedvollen ersten Advent, in dieser Zeit erst recht.

Ehe die Adventszeit losgeht

möchte ich den letzten Eintrag meines Vorjahresadventskalenders einmal in Erinnerung rufen. Weil wir Buchhändlerinnen in den allermeisten Fällen ausgesprochene „Weihnachtselfen“ sind und ganz viel Liebe für Buchgeschenke mitbringen.

Weil Bücher immer noch die Welten sind, die wir uns selbst eröffnen. Egal, ob wir uns den Krimi im Kopf gerade so blutig vorstellen können, wie wir es ertragen, ob wir uns auf Nordsee-Inseln in eine heile Welt träumen, mit Pippi Langstrumpf, dem Grüffelo oder den drei Fragezeichen Abenteuer erleben, Sprachen lernen, etwas über die Welt von vor-vor-vorgestern erfahren wollen …

Weil Buchhändler den Beruf ausüben, den sie lieben, auch wenn man damit nicht ins All oder gar zum Mars fliegen kann, weil man sich eine goldene Nase verdient.

Weil man bei uns in den Buchhandlungen zum Buch auch noch eine gute Flasche Wein, einen leckeren Tee oder sündhaft gute Schokolade kaufen kann und die Geschenke ohne viel Chichi nachhaltig verpackt werden.

Weil wir zur Hochform auflaufen, je näher Weihnachten kommt.

Weil wir Menschen mögen, die Bücher lieben.

Ich mag

Während ich die Überschrift tippe, fällt mir ein, dass es ein Lied von Rolf Zuckowski gibt mit diesem Titel. Was einem halt als Muttertier einfällt, zu vollkommen unpassenden Zeiten. Wie so alte 80er-Jahre Fetensongs, die sich immer mal wieder ungebeten als Ohrwurm einnisten, wenn das richtige Stichwort kommt. Ob nun eisgekühlter Bommerlunder, Black Betty oder 99 Luftballons. Sorry, ich schweife ab, aber ihr sollt schließlich auch etwas davon abbekommen😉.

Also, zurück zum Thema: Es gibt vieles, das ich mag. Und ebenso vieles, das ich überhaupt nicht leiden kann.
Ich mag die Provence, den Duft von Lavendel, warmen Wind vom Meer auf der Haut, Tapenade …, aber mir gruselt es vor schlabberigen Austern, Kopfschmerzen durch Mistral und Taschendieben im Gedränge südfranzösischer Altstädte.
Ich mag Cappuccino, Gelato und Pasta, aber mir kann die Mafia und das stinkige Müllproblem von Neapel gestohlen bleiben.
Ich mag die Appalachen und würde dort gern mal wandern gehen. Ich mag die Weite des amerikanischen Westens, die Hippiestädte Kaliforniens und würde auch gern mal im Central Park in New York Schlittschuhlaufen. Aber ich bin abgestoßen von Trump, Vertretern des Wohlstandsevangeliums und dem Waffenfetischismus in den USA.
Ich lebe gern in Deutschland, finde die vielfältigen Landschaften und Dialekte genial (auch wenn ich nicht alle verstehe) und auch manches Brauchtum, aber ich finde es vermessen und abartig, wenn einige Mitbürger anderen das Existenzrecht in unserem Land absprechen, ewiggestrige Parolen grölen und meinen, bestimmen zu dürfen, wer oder was „Deutsch“ ist.

Ich bin fasziniert von dem irre großen Land Russland, das sich über verschiedene Zeit- und Klimazonen erstreckt, der „russischen Seele“ mit ihrer Melancholie, gerade auch in der Literatur, der abwechslungsreichen Geschichte und vielen warmherzigen Menschen, aber ich kann es einfach nicht begreifen, wie eine machtgierige Elite dieses Land und seine Menschen mit üblen Methoden regiert und dann auch noch ein Nachbarland überfällt.
Ich ziehe den Hut vor Chinas reichhaltiger Kultur, grandiosen Leistungen wie der chinesischen Mauer, Erfindergeist und sogar der Selbstdisziplin sehr vieler Menschen dort, aber ich verurteile, wie sehr der Grad der Überwachung und das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung dort das tägliche Leben bestimmt.

Und so gibt es sehr vieles, das ich überall in der Welt und auch vor meiner eigenen Haustür faszinierend oder spannend finde, das ich bewundere, dem ich vielleicht sogar nachzueifern versuche. Aber ebenso gibt es auch überall, sogar in meinem persönlichen Umfeld, immer mal wieder Facetten, die ich schwer ertrage, Verhaltensweisen, denen ich nicht zustimmen kann und anderes, das mich abstößt.

Es gibt Menschen, die ich schätze, die aber schwer zu verdauende Äußerungen tätigen, und es gibt Menschen, die ich absolut nicht mag, aber auch die sagen mitunter Dinge, die ich bejahe. Und anderen geht es mit mir ähnlich. Das alles sollte eigentlich ganz normal sein, aber es macht mich in der letzten Zeit zunehmend verrückt, dass diese ganzen vielen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen unsere Realität besteht, erst übertüncht werden und dann das entstandene Bild in zwei Teile zerbrochen wird. In Schwarz und Weiß, in Dafür und Dagegen, Heiß und Kalt, Links und Rechts, Oben und Unten, Gut und Schlecht (oder sogar „teuflisch“). Es ist eine Verengung, die das Leben manchmal anstrengender macht, als es sein müsste. Es beschränkt uns und unseren Ideenreichtum. Es macht uns mürbe. Es ist manchmal echt frustrierend.

Ich bin verwirrt.

Recht und Ordnung?

Vorweg: Ich glaube grundsätzlich daran, dass wir in einem Land leben, in dem die Demokratie funktioniert, wir meist schlüssige Gesetze haben und auch im Großen und Ganzen angemessene Sanktionen gegen Straftäter ergriffen werden.

Aber manches bringt mich momentan ins Grübeln. Aktuell ist es ein sehr mulmiges Gefühl, wie zwiespältig das Rechtsempfinden gehandhabt wird. Ich weiß zu wenig über die konkreten Fälle und möchte deswegen nicht im großen Stil herumkrakeelen, aber ich empfinde ein gewisses Ungleichgewicht. Die Aktion der „letzten Generation“ in Berlin ist wirklich nicht das, was meine bevorzugte Protestform darstellt, aber den Klimaaktivisten hier eine Nähe zum Terrorismus zu unterstellen, weil Autofahrer im Stau keine Rettungsgasse gebildet haben, finde ich schon sehr gewagt. Wenn ich in Städten mit dem Auto unterwegs bin, gehören Staus aus ganz unterschiedlichen Gründen zum „Normalbild“. Ob Lieferwagen in der zweiten oder sogar dritten Reihe, die Müllabfuhr, Rettungseinsätze, Unfälle, Fahrer, die Kreuzungen blockieren, weil sie bei Grün einfach fahren, ohne darauf zu achten, ob sie aus dem Kreuzungsbereich auch wieder rauskommen, Feierabendverkehr, Baustellen, … Gründe gibt es reichlich. Mir ist aber in diesen ganzen alltäglichen Situationen noch nie aufgefallen, dass Rettungsgassen gebildet wurden oder auch nur möglich wären, weil ich oft das Gefühl habe, wenn ich jetzt die Kofferraumklappe öffne, fährt mir mein Hintermann da rein. Und wenn ich schonungslos ehrlich bin, im alltäglichen Stau verhalte auch ich mich nicht immer so, dass ich mit einem kühnen Schwenk sofort aus dem Weg fahren könnte. Weil diese Staus so allgegenwärtig sind, dass sie uns wie der Normalzustand vorkommen. Wir denken im Allgemeinen überhaupt nicht darüber nach.

In Bayern ist es aufgrund eines Gesetzes möglich und wird zurzeit auch angewendet: da sitzen Klimaaktivisten für dreißig (!) Tage präventiv im Gefängnis, weil die Möglichkeit besteht, dass sie sich nach ihrer Freilassung wieder auf die Straße kleben. Das wirft gleich mehrere Fragen auf: Wenn diese Leute nach einem Monat wieder rauskommen, sind die dann so „geläutert“, dass sie auf derartige Aktionen verzichten? Glaubt das ernsthaft irgendjemand? Oder werden sie dann eben gleich wieder eingebuchtet? Warum wird dieselbe Regel nicht angewendet, wenn irgendwelche Idioten Brandsätze auf Politikerbüros oder Flüchtlingsunterkünfte werfen? Und warum müssen sich andererseits Frauen, die gestalkt werden, immer wieder anhören, dass die Polizei machtlos sei, solange „nichts passiert“. Wobei es schon ein Hohn ist, wie die Definition für „nichts passiert“ lautet, denn Psychoterror ist alles, aber nicht „nichts“! Natürlich gibt es die Unschuldsvermutung. Und es ist grundsätzlich richtig, dass nicht jeder einfach in den Knast wandern darf, weil er seiner Ex mit einem Messer auflauern könnte. Aber mit welcher Begründung dürfen dann Menschen verhaftet werden, die sich eines Eingriffes in den Straßenverkehr strafbar machen könnten? Ist das Grundrecht der unbestimmten Masse „Verkehrsteilnehmer“ höher zu bewerten als das Grundrecht von ganz konkreten Frauen und Kindern auf körperliche und seelische Unversehrtheit oder das Recht von Flüchtenden auf eine sichere Unterbringung? Ich verstehe den Unterschied nicht so wirklich.

Wenn ein Spitzenpolitiker sich weigert, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, um ein Minimum an Klimaschutz zu gewährleisten, dann gibt es möglicherweise ein halbgares „Du Du!“ Er bleibt im Amt, er bekommt sein Gehalt, Zulagen und später seine Pension. Persönliche Folgen: Fehlanzeige. Ebenso wie Spitzenmanager, die eine Firma an die Wand fahren. Vielleicht bekommen sie ein Problem, wieder einen adäquaten Job zu finden, solange kein Gras über die Sache gewachsen ist, aber ansonsten gibt es keine Konsequenzen. Dafür sorgen Manager-Versicherungen, die bei krassen Fehlentscheidungen einspringen. Während Solo-Selbständige oder viele mittelständische Arbeitgeber mit ihrem Privatvermögen haften und im schlimmsten Fall zeitlebens nicht mehr auf die Füße kommen.

Es wird Gründe geben für diese Diskrepanzen, sie mögen sogar mitunter sinnvoll sein, aber mindestens eines läuft ganz gewaltig schief: Die Kommunikation. Wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass manche gleicher sind als der Rest, dann entstehen Probleme. Gewaltige Probleme, die wir als Gesellschaft uns nicht leisten können. Denn im Endeffekt steht viel mehr auf dem Spiel als Befindlichkeiten von einzelnen Personen oder Gesellschaftsgruppen. Viel mehr als Kernkraft ja oder nein. Mehr als Bürgergeld oder Hartz. Mehr als Gendern oder nicht. Oder was auch immer gerade kontrovers diskutiert wird. Wir verlieren uns auf Nebenschauplätzen, weil es uns unerträglich scheint, uns mit dem eigentlich Wichtigen zu befassen. Aber wenn wir im Grundsatz unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung erhalten wollen, dann müssen wir anfangen, uns gezielt von Gewohnheiten verabschieden, die zwar bequem sind, aber auf Dauer die Lebensgrundlagen zerstören. Denn mit zunehmenden Unsicherheiten in eben diesen Grundlagen kommen autoritäre und populistische Demagogen umso schneller zu ihren Zielen. Das kann sich niemand ernsthaft wünschen. (Nur ein Beispiel: wer sich hier noch immer in einer „Corona-Diktatur“ wähnt, der blicke doch mal ins Reich der Mitte, wo ein Husten eines Menschen ausreicht, um Tausende auf unbestimmte Zeit in überwachte Quarantäne zu verfrachten…)

Land(wirtschaft) II

Zurück zu mir. Ich habe hier im Umkreis viele Möglichkeiten, versuche auch, sie zu nutzen, aber natürlich gelingt mir das nicht immer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Für einige Angebote muss ich mich bewusst ins Auto setzen und eine längere Strecke fahren. Das versuche ich dann so zu legen, dass keine Einzelfahrten entstehen, sondern in der ungefähren Richtung mehrere Besorgungen anliegen. Die Landwirte beziehen teilweise auch schon solche Überlegungen der Kundschaft mit ein, indem sie untereinander Waren tauschen und in den Hofläden so eine breitere Auswahl anbieten. Rind und Schwein kommen sowieso nur noch selten auf den Tisch. Da kaufe ich dann sehr gezielt ein (beim Rind ist das dann immer eine Kiste mit allem, was das Tier so hergibt). Manchmal fehlt es an der Zeit, da muss der Einkauf „zwischen Suppe und Kartoffeln“ stattfinden – ja und manchmal ist auch ein bisschen Ebbe im Portemonnaie.
Anspruch und Wirklichkeit passen also nicht immer deckungsgleich übereinander. Aber das Bewusstsein ist da, die Auseinandersetzung mit dem, was auf den Tisch kommt oder auch nicht, die Überlegung, wo unser Essen eigentlich herkommt. Wir kochen kleinere Mengen, unsere Tochter nimmt am nächsten Tag Reste als Schulessen mit (die kalkuliert sie an ihren Kochtagen gleich mit ein). Oder wir kochen gleich im ganz großen Stil und frieren portionsweise ein. Bei Rot- und Grünkohl mache ich das ebenso wie bei Gulasch und Eintöpfen. Ich habe inzwischen auch verschiedene Kellen, die sich sehr gut zum Abschätzen der Portionsgrößen eignen, ein Übrigbleibsel aus der Kinderfreizeitphase.

Ich backe öfter selber Brot und Brötchen, taste mich an neue Rezepte heran und mache auch das eine oder andere selbst. Marmelade zum Beispiel, schon seit jeher und aus Überzeugung. Auch Joghurt und Frischkäse kommen ab und zu aus Eigenproduktion auf den Tisch. Oder Soßenbasis aus Knochenbrühe oder Suppengemüse. Demnächst möchte ich Truthahnsauerfleisch ausprobieren.
Bei alledem versuche ich aber vor allem, eine Balance zu finden: wenn ich fertige Lebensmittel einkaufe, sind viele Produktionsschritte zwar maschinell, aber effizient. Und damit ist die Herstellung oft energiesparender, es sei denn, wir legen hier zum Beispiel einen Backtag ein, an dem der Backofen nicht nur für zwei Bleche Plätzchen aufgeheizt wird, sondern nacheinander Brot, Brötchen, Kuchen und vielleicht zum Abendessen noch ein Auflauf gebacken werden.

Den eigenen Sauerteig zu pflegen ist auch nicht ohne Herausforderung in Zeiten, wo die Heizung öfter mal im Absenkmodus ist. Da wird sich noch zeigen, was diesen Winter sinnvoll ist.

Und damit bin ich am nächsten Punkt: Was für mich sinnvoll ist, kann in einem anderen Haushalt belastend sein. Was ich nicht auf die Reihe bekomme, kann drei Häuser weiter bestens funktionieren. Weil wir andere Familienkonstellationen haben, weil andere eventuell mit einem Kachelofen heizen, weil diejenigen, die sich zuhause kümmern, andere Arbeitszeiten haben oder, oder, oder ….

Es ist also nicht hilfreich, sich in allen Richtungen umzuschauen, mit Neidgefühlen auf die Nachbarn zu schielen, die das alles (scheinbar) viel besser im Griff haben als man selbst oder selbst den erhobenen Zeigefinger auf andere zu richten, bei denen es offensichtlich Optimierungsbedarf gibt. Neugierig und aufgeschlossen sein, eine Ideen- oder eventuell sogar Tauschbörse ins Leben rufen, auf bekannten Nachhaltigkeitsportalen nach Lösungen forschen, das ist hingegen immer eine gute Möglichkeit.

Habt ihr regionale Initiativen in eurer Gegend, die ein saisonales und regionales Wirtschaften ermöglichen? Nutzt ihr sie? Wenn ja, wie und wenn nein, was hält euch davon ab? Ich freue mich über Antworten, Anregungen, aber auch konstruktive Kritik und auf einen regen Austausch.

Land(wirtschaft) I

Noch etwas habe ich beim Ausmisten meiner Favoritenliste gefunden:

Eine Dokumentation über die Probleme junger Landwirte, in Deutschland zu angemessenen Preisen Höfe erwerben zu können; über Auswege, unkonventionelle Lösungen, neue Ansätze.

Die musste ich mir dann sofort mal ansehen, und während ich damit noch beschäftigt war, fiel mir wieder ein, dass auch am Dienstag im ZDF eine Sendung über Bodenspekulation und andere Probleme der Landwirtschaft kam.
Ich frage mich auf der einen Seite natürlich, warum um alles in der Welt Investoren aus der Bau- und Immobilienbranche, der Möbelproduktion, Handelsketten und andere Branchenfremde ausgerechnet in Ackerland ihr Geld stecken. Die Frage ist rein rhetorisch: weil sie damit einen dicken Batzen Geld verdienen können. Und der deutsche Fiskus ihnen dabei auch noch sehr großzügig entgegenkommt😠. Was machen die eigentlich mit den hohen Subventionssummen, die um ein vielfaches höher sind als beim Durchschnittslandwirt um die Ecke? Die kaufen ja mit Sicherheit keine Mähdrescher oder andere Landmaschinen davon. (Ja, ja, auch diese Frage ist rhetorisch…)

Aber das ist ja nur eine Seite der Medaille, wenn man es richtig überlegt: denn auch wir Verbraucher sind nicht unschuldig an der Entwicklung. Im Gegensatz zu allen Nachbarländern rundum möchten wir anscheinend vor allem viel und billig essen. Wer einmal in Frankreich oder in den skandinavischen Ländern unterwegs war, den wundert das Preisniveau unserer Lebensmittel nur noch.

Vermutlich werden wir es mit unseren Lebensgewohnheiten nicht schaffen, von heute auf morgen nur noch saisonal und regional zu leben, wer möchte schon den ganzen Winter über Kohlgerichte, eingelegte Bohnen und Einkellerungskartoffeln essen. Aber ich persönlich freue mich, in einer Gegend zu leben, wo ich einiges aus der Direktvermarktung kaufen kann. Kartoffeln kaufe ich beim Nachbarn, der im Übrigen auch das Getreide anbaut, aus dem im Nachbardorf in der Mühle das Mehl produziert wird, das ich dort im Mühlenladen kaufe. In einem anderen Nachbardorf kann ich Schweinefleisch, Wurstwaren und Stippgrütze von Tieren kaufen, die ihre Ringelschwänze behalten dürfen und in geräumigen Laufställen mit viel Stroh leben, ehe sie in einer nahe gelegenen kleinen Landschlachterei geschlachtet werden. In 15 Kilometer Umkreis kann ich auch Biorindfleisch und antibiotikafreies Geflügel kaufen und bei Eiern habe ich sowieso die freie Auswahl, da die Hühnerhaltung schwer im Trend liegt.

Es gibt einen Anbieter von Ziegenkäse, der so guten Käse produziert, dass er bis nach Berlin ins Adlon verkauft. Es gibt gleich mehrere Galloway-Halter im Landkreis, die ihr Fleisch selbst vermarkten und noch einiges andere. Bekannte von uns imkern und verkaufen leckeren Honig. Und in Minden gibt es einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb, wo mit dem Pferd gepflügt wird, ehe das Gemüse angebaut wird.

Aber alles das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, solange es keine strikten Regeln gibt, wie – und zwar nicht nur in Deutschland – mit landwirtschaftlichen Flächen und Erzeugnissen umgegangen wird. Wahllose Flächenversiegelung für Straßenbau, Energiegewinnung und Industrieflächen gehört genauestens reglementiert. Bodenspekulation zur Gewinnmaximierung oder als Abschreibungsmodell zwecks Steueroptimierung gehört ebenso geächtet wie Zinswetten auf kommende Getreideernten, ausfallende Kakaoernten oder ähnlich abartige Modelle.
Und die Subventionen müssen endlich danach verteilt werden, wie nachhaltig und emissionsarm Betriebe arbeiten, an die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe wie die oben beschriebenen bei uns im Mühlenkreis, statt „Der Teufel sch…t auf den dicksten Haufen“, wie Annette Frier im Beitrag so schön treffend sagte.

Dieser Themenblock ist so umfangreich, dass ein zweiter Beitrag folgen wird. Am Ende dieses Beitrages halte ich erstmal fest: Der größte Teil der Landwirte, ob konventionell oder Bio, möchte nichts weiter als gute Arbeit leisten, um unsere Ernährung sicherzustellen. Aber leicht gemacht wird ihnen das nicht, und zwar von allen Seiten. Dazu gehören leider auch wir Verbraucher, die sich auch gern mal hinstellen und den Bauern ihre Arbeit erklären wollen.

Beim Aufräumen gefunden

Ich sitze am Schreibtisch und räume auf. Und zwar die Favoritenliste meines Browsers, die mal wieder eher einem Zettelkasten mit zu vielen Notizen, Ausschnitten und anderen irgendwann mal gesammelten Schnipseln ähnelt.

Was ich früher (und wenn ich sehr, sehr ehrlich mit mir selbst bin, immer noch) in alten Schuhkartons gesammelt habe, schiebe ich heutzutage in die Favoriten. Für irgendwann mal, wenn ich Zeit und Muße habe, es zu lesen. Und neben all den Kochrezepten, Gartentipps, Strickanleitungen, Stoffhändlern, DIY-Lifehacks, Rechercheseiten, Reiseblogs, Tiervideos und was man sonst noch so unheimlich wichtig findet, gibt es natürlich auch wirklich wichtige Links: Bank, ELSTER, Tageszeitung, die Schule der Tochter, Netgalley, WordPress…
Ab und zu muss auch in diesen digitalen Schuhkartons ausgemistet werden, und weil ich heute den Vormittag sowieso am Schreibtisch verbringen werde, kann ich das tun, solange kein Kunde anruft und mir für mein aktuelles Schreibobjekt die zündende Idee fürs Fortkommen fehlt. Vielleicht stolpere ich ja beim Durchwühlen all der oben genannten Ordner und Homepages über den kreativen Gedanken, der mir gerade fehlt.

Es dauert auch erwartungsgemäß nicht lange, bis ich hängenbleibe. Und zwar auf der Homepage des Zukunftsinstitutes Horx. Ich scrolle durch die vergangenen Ausgaben der Zukunftskolumne und bleibe mit dem Blick kleben an der Überschrift von Kolumne 73: Frieden mit Corona. Ob es daran liegt, dass ich selbst gerade die Erkrankung hinter mir habe, ich weiß es nicht, aber der Titel macht mich neugierig. Ein Absatz hat mich ganz besonders berührt, da denke ich jetzt schon eine ganze Weile dran herum:

Ich nenne die Gefühlslage, in der wir im Modus der anklagenden Beschwerde verharren, den Empörismus. Das ist ein Zustand, in dem unser Hirn – unser »mind« – in eine Art Negativitäts-Trance verfällt. Wir scannen unsere Umwelt dann unentwegt im Raster eines Abwärtsvergleiches. Wenn andere Misserfolge haben, stärkt uns das in unserem Gefühl, überlegen zu sein. Wenn andere einen Vorteil haben, sind wir empört über die Ungerechtigkeit. Wir suchen fanatisch nach dem Negativen, um daraus einen inneren Mehrwert zu generieren.

Empörismus ist eine erprobte Methode, von den eigenen Gefühlen abzulenken. Man hält die eigenen Ängste besser aus, wenn man sie anderen in die Schuhe schiebt. Man transformiert Angst in Wut und Abwertung, und das fühlt sich einfach besser an als die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.
So entsteht der Corona-Schwurbel – in seinen vielfältigen Varianten.
In den Medien wird dieser Schwurbel bereitwillig aufgenommen und verstärkt. Was wäre besser für Clickraten und Einschaltquoten als permanente wütende Empörung?
Dasselbe gilt auch für den bösartigen Populismus. Der freut sich ganz besonders über jede geistige und emotionale Verwirrung.

Im Kern hat der Schwurbel mit unserem Anspruchssystem zu tun. Wir erwarten viel von der Welt. Wir erwarten vom Staat, dass er sich nicht einmischt. Uns nicht behelligt, belästigt, die Freiheit nimmt. Wir verlangen gleichzeitig perfekte Autobahnen. Ohne Geschwindigkeitsbeschränkung.
Im Ernstfall, in der Krise, erwarten wir allerdings Perfektion.

Wir erwarten von Technologie, dass sie die schnellen Lösungen bereitstellt. Aber wir blenden die Fehlerhaftigkeit von Technik aus. Und dass das menschliche Verhalten immer die zentrale Rolle spielt.

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne
Siehe auch: www.zukunftsinstitut.de

Etwas weiter unten führt Horx aus:

Wir werden die Krise bewältigt haben, wenn wir uns selbst verzeihen – unsere Dummheiten, Eitelkeiten, Aufregungen, Hysterien. Dann können wir der Krise irgendwann sogar dankbar sein.
Dankbar? Das geht jetzt vielleicht doch ein bisschen zu weit. Wäre das nicht zynisch?

Zynisch wäre nur, wenn wir die andere Seite verleugnen: Den Mut und die Größe, die Menschen in Millionen alltäglicher Situationen gezeigt haben. Die Geduld, das Durchhaltevermögen. Das Über-Sich-Hinauswachsen, das in unendlich vielen kleinen Geschichten auftauchte.
Alles, was wir gelernt und verstanden haben. Über uns selbst und die Welt. Über das, was kostbar ist. Und das, auf was wir verzichten können.
Eine Krise ist furchtbar. Aber sie beinhaltet die Möglichkeit, dass wir uns verwandeln. Diese Möglichkeit auszuschließen heißt, die Zukunft zu leugnen.

Es geht hier nicht um toxisches Positiv-Denken. Es geht um Einordnung. Nicht alles ist negativ. Und auch im größten Unglück kann man Augenblicke des Glücks verspüren, das darf und muss man sogar.
Mir fällt dabei eine Episode aus dem ersten Weltkrieg ein: sowohl 1914 als auch 1916 gab es den „Weihnachtsfrieden“, als Soldaten der verfeindeten Nationen gemeinsam Weihnachtslieder sangen, beteten und die Waffen schweigen ließen. Nicht „von oben verordnet“, sondern weil es ihnen ganz persönlich richtig erschien. Das macht den Krieg nicht besser, es leugnet nicht die vielen vollkommen unnötigen Kriegstoten. Aber es zeigt, dass auch in den übelsten Situationen nicht alles falsch läuft zwischen den Menschen, dass sich Solidarität, Empathie und Menschlichkeit immer wieder auch in solchen Situationen finden, in denen man nur das Schlechte sieht.

Ein letztes Zitat aus der Kolumne:

Aber die Wahrheit der Krise zeigt uns: Wandel besteht aus vielen kleinen Erkenntnissen, Einsichten, Wahrnehmungen, die uns befähigen, eine neue Wirklichkeit zu erzeugen. Wandel entsteht, indem wir in ihn hineinwachsen. 

Ich schätze mal, das alles, was in der Kolumne 73 geschrieben steht, trifft in mancher Facette nicht nur auf Corona zu. Krisen gibt es rund um uns herum reichlich. Ich kann nur empfehlen, die Kolumne komplett zu lesen. Ganz in Ruhe und vielleicht nicht nur einmal. Und wirken lassen. Mir zumindest hat sie eine Entspannung der Gedanken gebracht, die ich momentan ganz dringend brauche.

PS: Und mein digitaler Zettelkasten ist immer noch so voll wie vorher🙈😂…

Gedanken vor der nächsten Rezension

Vorweg ein paar Überlegungen: Auf dem Buchmarkt bekomme ich hunderte Bücher zum Klimawandel, der Klimakrise, gar der Klimakatastrophe. Je nach persönlicher Meinung, politischer Ausrichtung oder Sympathien für bestimmte wissenschaftliche Sichtweisen kann ich aussuchen, ob ich alarmistische, pragmatische, leugnende oder ausgewogene Literatur aussuche. Wobei: was ist eigentlich ausgewogen bei dieser Thematik? 🤷‍♀️ Ich habe außerdem das Gefühl, nach der angenommenen, weil seit Jahrzehnten bekannten Seriosität der Verlage kann ich auch keine verlässliche Auswahl treffen, denn wen wundert’s: Verlage sind ja nun mal in erster Linie Wirtschaftsunternehmen.

Zunehmend bin ich ratlos, habe ich doch in letzter Zeit ganz unterschiedliche Ansätze und Perspektiven gefunden, bei AutorInnen, die ich einzeln für ihre Expertise schätze, die aber zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Und dabei bin ich schon bei einem großen Problem unserer Zeit angekommen:
Die Weltlage ist innerhalb kürzester Zeit immer unübersichtlicher und unberechenbarer geworden. Ein schier unüberwindlicher Wust aus geopolitischen Interessen, überbordendem Turbokapitalismus, verlangter politischer Korrektheit, Bürokratiemonstern, Wetterkatstrophen, globalen Fluchtbewegungen, Pandemie, toxischer Männlichkeit (immer noch, leider), persönlichen Schicksalsschlägen und so weiter bricht wie ein Tsunami über uns herein. Fühlen wir zumindest. Ein großer Teil davon ist vermutlich nie anders gewesen. Aber in den Zeiten vor Social Media, vor der Vermengung von seriösem, handwerklich gut gelernten Journalismus und ungehemmter Meinungsverbreitung à la „Bürgerjournalismus“, der teilweise auch schon durch vorauseilende Mutmaßungen selbst von anerkannten Nachrichtenportalen orakelhaft durch den Äther geistert, haben wir von dem allermeisten nichts mitbekommen.
Was vor 50 Jahren am Stammtisch kolportiert wurde, wird heute auf Facebook in die Welt gerotzt. Was vor 30 Jahren noch auf dem Marktplatz diskutiert wurde, verstopft heute die Kommentarspalten von Instagram, Twitter und Co.

Was wir in unserer Jugend auf einer Fete im Partykeller der Eltern unter uns ausmachten, posten junge Leute heutzutage auf Tiktok oder SnapChat. Menschen aller Altersgruppen und jeglichen Milieus machen sich überhaupt keine Gedanken, dass etwas, was sie im Rausch oder Höhenflug digital festhalten, auf Ewigkeiten durchs Netz geistern wird.

Dazu kommt noch eine Tendenz, der Wissenschaft zunehmend skeptisch gegenüber zu stehen. Was jahrhundertelanger Konsens war, nämlich die Aufgabe der Wissenschaft (in Abgrenzung zur Aufgabe von Politik und Gesellschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen in konkretes Handeln) wird in Frage gestellt. Das selbstverständliche, das eigentlich jeder Mensch erwartet, nämlich die Anerkennung des erworbenen Fachwissens während der Ausbildung und die Berufserfahrung, wird vielen Wissenschaftlern immer häufiger vorenthalten.

In dieser ganzen Gemengelage wünschen wir uns vor allem eines: Eindeutigkeit. In diesem sehr verständlichen Wunsch driften manche Menschen ab in unterschiedliche Richtungen: die einen in Alarmismus und Weltuntergangsszenarien, die anderen in Verweigerungshaltung, Schmollwinkel und Reaktionismus. Hilfreich ist beides nicht.

Ich frage mich: Wenn wir durch steigende Energiekosten, fragile Lieferketten und kurzfristiges Fehlen der 100. Joghurtsorte anscheinend schon am Rande des Zusammenbruches unserer Zivilisation stehen, was wird das erst geben, wenn wir auch in Deutschland den Anstieg des Meeresspiegels spüren oder der Süßwassermangel der letzten Jahre sich verstetigt. Wenn die Kartoffeln dauerhaft keine Pommesgröße mehr erreichen, die Landwirte ihr Milchvieh nicht mehr in der gewohnten Masse durchbringen können und wir unseren englischen Rasen nicht mehr pflegen dürfen. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind ganz schöne Waschlappen geworden.
A propos. Meine Theorie zu dem Waschlappen-Shitstorm gegen Herrn Kretschmann ist: es war den Leuten unangenehm bewusst, dass er nur das Offensichtliche ausgesprochen hatte. Die längste Zeit ist die Menschheit ohne tägliche Dusche ausgekommen. Dabei fällt mir ein, letztens verstarb der „schmutzigste Mann der Welt“, ein Iraner, der über ein halbes Jahrhundert nicht geduscht hatte. Er war überzeugt davon, dass Sauberkeit ihn krank macht. Tragischerweise starb er ein paar Monate, nachdem er von wohlmeinenden Nachbarn „zwangsgeduscht“ wurde. (Merke: Korrelation ≠ Kausalität)

Augenblicklich lese ich mich (neben dem Klimawandel, der auch zu Wort kommt) wieder durch das 13. Jahrhundert in England und ziehe Vergleiche zu dem, worüber wir heute gern jammern. Ich fürchte, wir wären gnadenlos ausgestorben, wenn damals so viel gemeckert worden wäre. Wir sind schon ganz schön schizophren. Wir schauen uns mit wohligem Gruseln Hollywood-Blockbuster an: Waterworld, Mad Max (I-III), The Day after Tomorrow, Armageddon, Outbreak… und kuscheln uns mit Popcorn und Nachos in den Kinosessel oder das heimische Sofa. Vor dem, was vor unserer Haustür passiert, stecken wir aber oft lieber den Kopf in den Sand.

Nur eins ist sicher: Die Erde kriegt die Kurve, die hat schon ganz anderes überstanden. Die Frage ist halt, ob mit oder ohne uns.

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Du siehst krank aus. Wie geht es dir?“ Antwortet der andere:“ Boah, gerade nicht so gut, ich habe Menschen…“ Darauf der erste wieder: „Du Ärmster, hatte ich auch schon. Das vergeht auch wieder!“

Sorry für die merkwürdigen Gedankengänge, die möglicherweise etwas fiebrig rüberkommen. Wird bestimmt auch wieder besser. Krank sein ist doof.

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Waldorf und Statler aus der Muppet Show

Wer sich jetzt fragt, warum ich ausgerechnet dieses Bild poste: Gestern Abend vor dem Einschlafen ging mir durch den Kopf, dass ich in den letzten Wochen manchmal das Gefühl habe, als säßen diese beiden distinguierten und vor allem sehr scharfzüngigen Herren nicht in ihrer Theaterloge, sondern beide in meinem Kopf und lieferten sich dort eine Rhetorikschlacht.
Da schreibe ich immer wieder von Ausgleich, Differenzierung und solchen Dingen und es fällt mir immer schwerer, mich selbst daran zu halten. Was unter anderem dazu führte, dass ich in einem Gruppenchat recht ironisch wurde, ohne es eigentlich zu wollen. Weil ich gerade mit diesem Team unheimlich gern zusammenarbeite, sogar dann, wenn wir uns mal nicht einig sind. Denn dort gibt es einen wertschätzenden Umgang miteinander und wir hören einander wirklich zu. Das war schmerzhaft, vor allem für mich selbst. Die rote Linie ist nicht nur erreicht, sondern überschritten.

Ich möchte gern mal wieder Luftholen. Ganz bewusst schreibe ich nicht „Ich werde“, weil ich mich ja schon ein paar Jahre kenne😉😅. Also nehme ich einfach mal einen Gang raus. Möchte mich beim Lesen, kommentieren und schreiben zurückhalten. Oder zumindest bewusst auf ein paar schöne und inspirierende Themen konzentrieren. Offline schreiben. Nähen, in den Garten gehen, lesen, stricken, das Haus in Ordnung bringen, solche Sachen. Den Advent auf dem Blog schon mal grob planen vielleicht.

Und sonst so? Heute beginnt die Buchmesse. Mein Buchhändler-Ich möchte nach vielen Jahren Abstinenz gern hin. Aber momentan ist es für mich keine gute Idee, mich so in Massenevents zu stürzen. Ich habe es bis hierher geschafft, dem Coronavirus zu entkommen und jetzt ist nicht der Zeitpunkt, fahrlässig zu werden. Wenn hoffentlich bald (wobei bald ein dehnbarer Begriff ist) unsere Tochter mit dem Enkelchen aus dem Krankenhaus entlassen wird, möchte ich ihn doch auch endlich „in Echt“ kennenlernen. Fotos sind ja gut und schön, aber naja.

Mal sehen, wie lange meine Vorsätze halten. Wir lesen uns!

Funktioniert in beide Richtungen

Wenn ich morgens aufstehe und Kaffee koche, halte ich bereits das erste Buch des Tages in der Hand. Zurzeit ist das von Susanne Götze und Annika Joeres
Die Klimaschmutzlobby
und zwar die aktualisierte Ausgabe, erschienen im Januar 2022 (also vor dem Ukraine-Krieg), redaktionell wurde es vor allem in der Zeit der neuen Koalitionsbildung bearbeitet. Das sind kleine, aber nicht unwichtige Details.

Manche/r wird den Kopf schütteln und sich fragen, warum um alles in der Welt ich mir so etwas um 6 Uhr in der Frühe antue. Ganz einfach: ich stehe auf und mein Kopf möchte etwas zu tun haben. Denn morgens ist er noch aufgeräumt und aufnahmebereit. Die leichte Lektüre gibt es abends vor dem Einschlafen.

Heute bin ich über folgenden Abschnitt gestolpert: (Ab hier bitte ruhig und beherrscht weiterlesen, denn ich habe es auch ruhig geschrieben, selbst wenn es sich nicht durchgängig so anhört. Die Wutbrille verzerrt nur alles. Ein wenig Sarkasmus dagegen schadet nicht😉)

Götze / Joeres, Die Klimaschmutzlobby, S. 44

Also, kurz zusammengefasst: Da beschäftigt sich jemand sein gesamtes Berufsleben lang mit einem umfangreichen Themenkomplex, forscht, promoviert und habilitiert, gründet ein wissenschaftliches Institut mit internationaler Reputation, führt von Bundesministerien geförderte Studien durch, berät sogar die Bundesregierung. Im Rahmen seiner gesammelten Expertise kommt dieser Mensch zu Schlussfolgerungen, die er den maßgeblichen Akteuren in Politik und Wirtschaft vorstellt, und die kanzeln ihn ab und sagen quasi: „Ist ja alles ganz schön und gut, aber das wollten wir nicht hören. Thema verfehlt, sechs, setzen.“

Witzigerweise (nein, eigentlich traurigerweise) passiert hier dem studierten und erfahrenen Experten dasselbe, was den Aktivisten von FFF und speziell auch Greta Thunberg entgegenschlägt, nur mit dem gegenteiligen Argument. Schließlich kann man diesem gestandenen Mann ja nicht vorhalten: „Geh erstmal lernen und arbeite in einem anständigen Beruf, dann kannst du was dazu sagen.“
Was denn nun? Ob also aus dem Herzen oder aus dem Wissen:
Was die Entscheider nicht hören wollen, wollen sie nicht hören. Da wird Sorge ebenso abgebügelt wie Expertise, wie im Kindergarten kneifen sie die Augen zu, stecken sich die Finger in die Ohren und singen dagegen an „Nana nanana…“

Ach übrigens: Greta hat ja doch auf einmal voll den Durchblick und bekommt wohlwollenden Applaus von denen, die bisher ganz unverdächtig waren, auf sie zu hören.
(Und das, obwohl sie immer noch Schülerin ist und immer noch keine drölfzigtausend Jahre Berufserfahrung hat. Ich denke, das sagt enorm viel über die gespaltene Wahrnehmung der Politiker und Wirtschaftsleute aus.)
Weil sie Atomkraft als das kleinere Übel bezeichnet hat. Für diese Äußerung wird sie gefeiert, von erzkonservativen Journalisten, die vorher kein gutes Haar an ihr ließen, von neoliberalen Politikern, von fossilen Wirtschaftsbossen. Meist Männer, ja, so ist es.
Unter den Tisch fällt dabei aber, dass sie ihre Aussage dadurch relativierte, dass sie Windkraft als noch bessere Lösung ansieht. Und wieder haben die angeblich so plietschen Nadelstreifenträger nur das gehört, was sie hören wollten und vor dem Rest die Ohren verstopft. Ein Schelm …, ihr wisst schon.

Das ganze Interview ist hier zu finden:
https://www.ardmediathek.de/video/maischberger/klimaaktivistin-greta-thunberg-im-exklusiv-interview/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL21lbnNjaGVuIGJlaSBtYWlzY2hiZXJnZXIvYTBhNzg3MjItMmVlZC00YWJlLWFhNGQtOGRlNTBhMWQxMWE4
(Ab Minute 9 geht es um die AKWs)

Ich bin der Meinung, niemand hat in diesen ganzen komplexen Fragen allein die Weisheit mit Löffeln gefressen, es braucht viele verschiedene Ansätze, je nach konkreter Problemstellung. Und noch viel mehr braucht es sehr viele und noch mehr Menschen, die mitmachen. Aber es muss endlich ernsthaft losgehen, sonst wird das alles nichts.

Warum?

Im Augenblick dreht sich bei mir ein ganzes Knäuel von Fragen im Kopf. Und alle beginnen mit „Warum…?“

Begonnen hat das vor ein paar Tagen, als ein Artikel in der Zeitung stand über Greta Thunberg und ihr Buch, das demnächst erscheint. Zugegeben, ich fand die Headline des Artikels etwas unglücklich, sie lautete: „Thunberg: Asperger half mir, «Bullshit» zu durchschauen“. Wobei es ja nicht mal grundfalsch ist, haben doch viele Menschen, die im Spektrum angesiedelt sind, sehr gute analytische Fähigkeiten, weil sie Themen von allen Seiten gründlichst durchleuchten und sehr detailversessen sind. (Möglicherweise ist es aber auch genau das, was andere wiederum auf die Palme bringt, wer weiß.)
Und darunter ein Leserkommentar, der in dem bekannten Tenor verfasst war, sie habe zwar nichts gelernt und nichts erreicht, aber heutzutage könne man ja auch so eine Menge Geld verdienen (Ja, das gibt es tatsächlich, ich weiß. Wann wurde Influencer eigentlich zum Beruf?) Inzwischen habe ich geradezu körperliches Unbehagen, wenn ich solche Dinge lese oder höre.

Nicht nur als Mutter einer Betroffenen schmerzt mich ein solches pauschales Abkanzeln einer Person, von der man nichts weiß als das, was in den Medien berichtet wird. Es ist vielmehr die um sich greifende Bereitschaft, Tatsachen, Meinungen, Haltungen oder Erkenntnisse, die man für sich selbst als unwichtig abgelegt hat, in Bausch und Bogen runterzumachen.

Ich halte es für menschlich und normal, dass sich nicht jeder Mensch auf der Erde für die Einzelheiten der Klimakrise so interessiert. Es gibt ja auch eine Menge andere Themen, die ebenfalls wichtig sind. Natürlich wäre es wünschenswert, dass sich möglichst viele für einen Umgang mit der Umwelt einsetzen, der auch zukünftigen Generationen noch eine lebenswerte Welt ermöglicht. Aber erzwingen kann man das eher nicht. Das ist auch nicht so sehr mein Problem.

Es ist vielmehr dieses diffuse Gefühl, dass Menschen nicht zur Differenzierung bereit sind. Nach dem Motto „Und wenn du nicht mein Freund bist, kannst du nur mein Feind sein“.
Mal ganz ernsthaft, wer lobt denn immer alles in den Himmel, was der eigene Lebenspartner, die Mutter oder das Kind, die beste Freundin, der Kumpel mit der absoluten Ahnung von Motoren oder sonst jemand im eigenen Umfeld von sich gibt? Wie langweilig wäre es denn, wenn wir immer alle derselben Meinung wären und dieselbe Sichtweise auf bestimmte Dinge hätten?

Es gäbe dann keinen Versöhnungssex, keine Erziehung, keine Kompromisse, vor allem keinen wissenschaftlichen, technologischen oder gesellschaftlichen Fortschritt. Alle diese Sachen sind auf konstruktiv geäußerte und angehörte Meinungsunterschiede angewiesen.

Ich kann jemanden von ganzem Herzen lieben und trotzdem sagen: „Was du da sagst, ist aus meiner Sicht und Erfahrung Käse“ und ich kann auch Menschen (zum Beispiel Politiker oder Journalisten), die absolut nicht für das einstehen, was mir gut und wichtig erscheint, anerkennend zugestehen, wenn sie zu einem umstrittenen Thema etwas zu sagen haben, was ich auch so unterschreiben würde. Dabei fällt niemandem ein Zacken aus der Krone. Ebenso wenig, wenn ich Menschen ausreden lasse und mir anhöre, was sie zu sagen haben und warum sie zu bestimmten Schlüssen kommen. Aber in solchen Situationen kommt das „Warum“ häufig viel zu kurz. Weil manche schlicht nicht an Hintergrundinformationen oder anderen Lebenserfahrungen interessiert sind.

Selbst bei ganz einfachen Themen schießen die Überreaktionen ins Kraut: mehrere Leute hatten bei der Lokalzeitung angerufen, weil eine A400 im Tiefflug über Minden gesichtet wurde. Man stelle sich vor: Es gibt sie noch, die Menschen, die der Meinung sind, Lokalredakteure könnten über solche Vorgänge Bescheid wissen. Die Redakteure haben recherchiert (also „ihren Job gemacht“) und das Ergebnis in einem kurzen Hintergrundartikel veröffentlicht (Es ist im Grunde ganz einfach: Die Maschine war im Anflug auf den Fliegerhorst Wunstorf. Der ist nicht so weit weg von uns hier, die Teile sind dort stationiert und wer hier schon länger wohnt, kennt die Transalls, die lange Jahre nördlich der Gebirgskette entlangflogen. Aber: nicht alle wohnen schon seit Generationen hier.) Leserkommentar: „Und am Samstag fuhr ein blauer LKW über die Weserbrücke. Das war aufregend!“ Haha. Ist eventuell ein klitzekleiner Unterschied zwischen einem LKW und einem Transportflugzeug der Bundeswehr. Zumal in der aktuellen Zeit, wo sich die Leute auch bei den jährlichen BW-Übungen an der Weser stets bange fragen, ob man sich da schon auf Krieg vorbereitet.
Ja. Genau dafür üben die das. Immer wieder. Aber nicht für den Ukrainekrieg. Sondern grundsätzlich. Profi-Fußballer trainieren auch jeden Tag, ebenso Starpianisten. Nur üben Soldaten etwas, wovon sich niemand wünscht oder gar erhofft, einmal teilzunehmen. Von einigen gut bezahlten Söldnertruppen mal abgesehen.

Während ich dieses hier schreibe, kommt mir ein Zitat aus dem Buch „Wir können auch anders“ in den Sinn, wo Maja Göpel einen Sozialwissenschaftler zitiert, ungefähr so: Wir leben in der besten und (gleichzeitig) schlimmsten Zeit. Ich bekomme das nicht wörtlich auf die Reihe, habe es auch leider nicht notiert, aber jetzt gerade kommt mir dieser Ausspruch so logisch vor.

Anscheinend leben wir in der Matrix und es gibt einen schwerwiegenden Ausnahmefehler in der Software. Hoffen wir, dass der oberste Programmierer bald ein Hotfix sendet. Oder gibt es am Ende gar keine Matrix und erst recht keinen obersten Programmierer?

Mit dieser herausfordernden Fragestellung wünsche ich allerseits ein schönes Herbstwochenende.

Mittwoch – und die Woche nimmt kein Ende

Außer der Mitte der Woche ist heute nachrichtentechnisch ein merkwürdiger Tag. Ein Tag, der das gesellschaftliche Phänomen der kognitiven Dissonanz so richtig auf den Punkt bringt, wenn ich unser lokales Presseerzeugnis aufschlage.

Habeck und Baerbock sind nicht mehr die beliebtesten Politiker Deutschlands. Abgelöst wurden sie von – tädää – Markus Söder. Ja, der Söder-Markus. Der Mann aus dem Süden Deutschlands, der zu allem einen schlauen Spruch auf den Lippen hat, alles besser weiß und in sehr konkreten Situationen entweder auffallend unkonkret wird oder auch einfach mal seine Meinung um 180 Grad dreht. Der außer seinem eigenen Freistaat nichts anführen muss und deswegen zu allem möglichen etwas beisteuern kann, ohne jemals in die Verlegenheit zu geraten, dazu auch in unbequemen Situationen stehen zu müssen. Im Gegensatz zu erstgenannten Personen. Und überhaupt, der „Beliebtheitswert“ eines Politikers sagt rein gar nichts darüber aus, wie integer und sorgfältig er seine Arbeit macht. Mehr als Facelifting ist es nicht, aber es klingt halt gut. Abgehakt.

In unserem Landkreis gibt es Moorflächen und an diese angrenzende, ebenfalls moorige Gebiete von hohem Rang. Sogar international ist dieses Naturschutzgebiet und die Umgebung bedeutsam (siehe unter anderem Wikipedia). Aber die Gegend wird auch landwirtschaftlich genutzt. Im Moor selbst nur extensiv durch Beweidung mit einer Schafherde, die verhindert, dass zu viele Bäume aufwachsen können und damit das Moor seinen Charakter und teilweise auch die Funktion verliert. Die angrenzenden Bastauwiesen werden teilweise entwässert und als Ackerland genutzt. Gerade in der aktuellen Zeit, in der regional hergestellte Lebensmittel wieder mehr in den Fokus rücken, tut sich hier ein Interessenskonflikt auf, dessen Lösung der Quadratur des Kreises gleicht: Die Landwirte fürchten um ihre Existenzgrundlage, wenn sie nicht mehr so stark entwässern dürfen, weil dann kein Ackerbau mehr möglich ist. Die Naturschutzbehörden sehen, dass die CO2-Senke gefährdet ist und sich sogar zu einer CO2-Schleuder wandeln könnte, wenn weiterhin große Gebiete entwässert werden.
Ich kann Argumente auf beiden Seiten bestens nachvollziehen, und dann kommt ja auch noch ein dritter Akteur, der (Gesundheits-)Tourismus ins Spiel. Naturverträglicher Tourismus, aber auch die sogenannten „Bauernbäder“ der Gemeinde Hille, die unter anderem Rheumapatienten mit Moor behandeln.
Ich frage mich einerseits, wie wichtig eine gesunde Ernährung und Lebensweise ist, wenn die Umweltbedingungen zerstörerisch sind und andererseits, wie man eine nachhaltige Umwelt entwickeln kann, wenn die Menschen um ihr Auskommen fürchten. Diesen Knoten müssen nicht nur die Akteure hier im Kreis lösen, sondern überall auf der Welt.

Vielleicht wäre hier bei uns eine Kompromissfindung möglich, zum Beispiel, indem man versucht, die landwirtschaftliche Nutzung an die Gegebenheiten der Umgebung (statt umgekehrt) anzupassen: durch extensive Haltung von Wasserbüffeln und die Käserei von Büffelmozzarella beispielsweise und den Verkauf der entstandenen Produkte unter anderem auch an den biologischen Stationen, mit einem lokalen Siegel der Behörden versehen. Irgendwas in dieser Richtung.

Anderes Thema, aber im Grunde genommen ähnliche Ausrichtung: Energiesicherheit bzw. der befürchtete Mangel an ebendieser. Die Angst vor Blackouts (schon Marc Elsberg gelesen?) geht um, ebenso die Angst vor unerträglicher Kälte (und Schimmel!) im Winter.
Von der Politik wird erwartet, diese tatsächlichen und befürchteten Probleme zu lösen, und zwar Pronto! Aber weder durch den Zubau von regenerativen Energien (man möchte doch bitte keine Windräder in der eigenen Umgebung), noch durch das Weiterlaufen von fossilen Brennstoffen (kein Abbaggern von Dörfern mehr für Braunkohle), weder importiertes Frackinggas (wer möchte schon gern auf die Scheichs angewiesen sein, obwohl wir das auch beim Öl lange waren, oder im schlimmsten Fall in drei Jahren wieder auf den orangenen Golfer aus den USA). Für und gegen alles davon gibt es valide und nachvollziehbare Gründe.
UND ERST RECHT KEINE PERSÖNLICHEN EINSCHRÄNKUNGEN!
Dann doch lieber weiter das bekannte Übel nutzen, das da Atomstrom heißt (aber die Endlagerung vertagen wir auf später, dann erleben wir das nicht mehr) oder auch gleich weiter beim russischen Bären einkaufen (der verdient sich ja so oder so eine goldene Nase, da können wir dann auch ruhig den Gegenwert in Gas bekommen).
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Not in my Backyard. Hannemann, geh du voran. Wie im Kindergarten: „Aber der…, dann darf ich auch…!“ Samt Schmoll-Schnute.
Kopf – Wand.
Solange wir es nicht schaffen, aus diesem Hamsterrad herauszufinden, fällt es mir schwer, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Ich versuche es trotzdem, aber manchmal (ver-)zweifele ich am Konzept Menschheit.

Übrigens bringt die Sendung „Maischberger“ vom 4. Oktober diese sehr zwiespältige Haltung gut auf den Punkt. Auch wenn ich kein Talkshow-Fan bin, hier hatte ich das Gefühl, man ging mit Differenzierung an die Themen heran, ordnete ein und trotzdem konnte ich bei der ernsthaften Thematik dann und wann herzhaft schmunzeln (eine gewisse Katharsis ist auch wichtig).

Abschließend noch dieses: Ich bin oft ratlos, ich weiß auch nicht, wie die vielen Krisenherde zu lösen sind. Aber bei einem bin ich mir sicher: es klappt nicht, wenn alle aufeinander eindreschen, wenn unkonventionelle Lösungsansätze niedergemacht und Kritiker von allen Seiten mundtot gemacht werden. Es klappt aber auch nicht, wenn man einfach denen nachläuft und die hofiert, denen menschliche, ethische und gesellschaftliche Werte nichts gelten, die manchmal sogar wörtlich über Leichen gehen und alles platt machen, was je an Konsens gewonnen wurde.

3. Oktober

Heute war ich schon recht früh mit Kalle unterwegs, es gab einiges nachzudenken, da kam mir der herbstliche, etwas verhangene Sonnenaufgang ziemlich gelegen.

Es ist schon merkwürdig. Werden und vergehen, ein ewiger Kreislauf von Leben und Sterben, Altes geht und Neues kommt. In der Natur, die unsere Lebensgrundlage bildet (auch wenn wir uns das viel zu selten bewusst machen), aber auch in unseren menschlichen Gesellschaften. In unseren Ideen, wie wir Menschen gut zusammenleben können. Und weil es ein Kreislauf ist, ist es möglicherweise auch nicht ganz verwunderlich, warum auch alte, längst abgearbeitet geglaubte Visionen von Großreichen und Ideologien immer mal wieder aufkeimen.

Während ich also mit Kalle die Landschaft durchstreife, versuche ich zu verstehen, warum es immer wieder passiert, dass Menschen ihre Stimme denen geben, die rückwärts wollen. Selbst in einem Land wie unserem, das die letzten Jahre immer noch recht gut durch alle Krisen gekommen ist, zumindest im Vergleich mit anderen Ländern. Gerade am heutigen Feiertag macht mich das ratlos und betroffen. Natürlich ist mir bewusst, dass es auch bei uns Luft nach oben gibt, wo gibt es das nicht? Und auch, dass vor 32 Jahren nicht alles nur gut gelaufen ist, weil es „Investoren“ und andere zwielichtige Gestalten gab, die nur Reibach machen wollten, weil es Kungeleien gab, die nicht in Ordnung waren und weil viele dem Osten nur den Westen überstülpen wollten, statt einen Kultur- und Wissenstransfer in beide Richtungen ins Leben zu rufen. Ein Geben und Nehmen zu initiieren. Auch wir im Westen hätten viel mehr lernen können.

Kurz entschlossen nehmen wir die Route durch den Wald zurück in Richtung Dorf. Einer meiner bevorzugten „Spielplätze“, als ich so 10-12 Jahre alt war, mein Rückzugsort als Jugendliche, wenn ich mit der Welt und Mitmenschen haderte. Selbst der Bach sieht heute nicht mehr aus wie damals. Unsere Staudämme und auch die, die noch von der Generation Dorfkinder nach uns gebaut wurden, sind längst weg. Der Bach ist schmaler geworden, ein Rinnsal fast, kein Wunder nach diesem letzten Sommer. Landmarken, die mir vor 40 Jahren immer zuverlässig zeigten, wo ich mich befinde, sind überwuchert.
Überwuchert wie dieses hier:

Es ist kaum erkennbar und zu glauben, aber dieses sind die letzten Überreste einer großen Waage. Im Wald gab es einen Steinbruch. Als ich ganz klein war, habe ich noch ein paar letzte Transporte von Sandstein erlebt, die dort abgebaut, verladen und gewogen wurden. Als halbwüchsige Kinder fanden wir es lustig, mit mehreren auf dieser Anlage herumzuhüpfen, weil wir neugierig waren, ob wir die Waage zum Schwingen bringen. Seither wächst alles zu, das Wiegehaus ist schon lange komplett verschwunden. Und den Steinbruch, in dem wir als Heranwachsende herumgeklettert sind und taten, als seien wir berühmte Archäologen (und sogar den einen oder anderen Ammoniten fanden), erahnt man heute bestenfalls hinter dichten, wildwachsenden Bäumen, Brombeerhecken und Brennnesseln.

Den Weg nach Hause, den gibt es noch. Wenigstens etwas. Dem folgten wir, denn eine Lust auf Kaffee (nur bei mir) und Frühstück (bei uns beiden) kam auf.

Erntedankbrot, gebacken aus heimischem Getreide, gespendet vom Müller aus dem Nachbarort, gibt es jedes Jahr nach dem Erntedankgottesdienst für alle. Ich lasse es mir schmecken und denke an meinen Liebsten, der ab heute über den Kanal nach England segelt und wieder zurück. Ein kleines Abenteuer und ein lange gehegter Wunsch.

Während ich dieses schreibe, spielt unsere Tochter auf dem Klavier die Begleitstimme zu Nothing else matters, was ich als passend und wunderschön empfinde.

Erntedank 2022

Ich empfinde das Erntedankfest in diesem Jahr ganz besonders. Der Krieg in der Ukraine und die lange Trockenheit im Sommer, die Ungewissheit, was im Winter an gesundheitlichen und energietechnischen Einschränkungen auf uns zukommen mag, machen nachdenklich.
Gestern hat sich unser Nachbar bei mir fast schon für die kleinen Kartoffeln entschuldigt. Warum? Wer auch nur ein Fünkchen nachdenkt, kann ohne Wasser keine fetten Feldfrüchte erwarten. Und satt machen auch kleine Kartoffeln. Aber die Erwartungshaltung ist halt oft eine andere.

Die Erntegaben in unserer Kirche

Hier ist der Predigttext für heute, den 2. Oktober 2022 – Erntedankfest

5. Mose 8, 7-18 (Gutes Leben Übersetzung)

7 Denn der HERR, euer Gott, bringt euch in ein gutes Land. Dort gibt es Flüsse, Seen und Quellen, die in den Tälern und Bergen entspringen,
8 und Weizen und Gerste, Weinstöcke und Feigenbäume, Granatäpfel, Ölbäume und Honig.
9 Es ist ein Land, in dem ihr euch satt essen könnt und es euch an nichts fehlen wird. Ein Land, in dem die Steine Eisen enthalten und aus dessen Bergen du Kupfer abbauen kannst.
10 Wenn ihr dann gegessen habt und satt seid, sollt ihr den HERRN, euren Gott, für das gute Land, das er euch gegeben hat, loben.
11 Passt aber auf, dass ihr den HERRN, euren Gott, nicht vergesst und dann seine Gebote, Vorschriften und Gesetze, die ich euch heute gebe, nicht mehr befolgt.
12 Wenn ihr genug zu essen habt und euch prächtige Häuser baut und darin wohnt,
13 und wenn eure Schaf-, Ziegen- und Rinderherden groß werden und ihr viel Gold, Silber und vieles andere besitzt,
14 dann werdet nicht überheblich und vergesst nicht den HERRN, euren Gott, der euch aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.
15 Er hat euch durch die große, schreckliche Wüste mit ihren wasserlosen Gegenden, ihren Giftschlangen und Skorpionen geführt. Er ließ euch Wasser aus dem Felsen sprudeln
16 und gab euch in der Wüste Manna zu essen, eine Speise, die eure Vorfahren bis dahin nicht kannten. Auf diese Weise wollte er euch demütig machen und auf die Probe stellen, um euch letztendlich mit Gutem zu beschenken.
17 Denkt nur nicht, ihr wärt aus eigener Kraft und Anstrengung reich geworden.
18 Erinnert euch vielmehr daran, dass es der HERR, euer Gott, ist, der euch die Kraft gibt, Reichtum zu erwerben. Denn er erfüllt den Bund, den er mit euren Vorfahren schloss und der jetzt noch gilt.

Der Text ist uralt. Er handelt von der sogenannten „Landnahme Israels“, der Eroberung Kanaans. Historisch gesehen hat es sich vermutlich eher nicht so abgespielt wie in der Bibel erzählt. (Ehrlich gesagt, finde ich das auch zweitrangig, ob es eins zu eins so stattgefunden hat. Wichtiger ist der Sinn hinter der Erzählung)

Etwas verkürzt und gestrafft ausgedrückt:
Es ist kein ganzes „Volk“ im heutigen Sinne durch die Wüste gezogen und hat ein komplettes anderes „Volk“ von seinem angestammten Boden vertrieben. Insgesamt waren es vermutlich eher kleinere Stammesverbände, die sich über einen längeren Zeitraum ein Gebiet angeeignet haben. Die bisherigen Bewohner dürften teilweise parallel zu den Neuankömmlingen an ihren Wohnorten weitergelebt haben, sich auch durch Heirat miteinander vermischt haben, einige sind bestimmt auch fortgezogen. Die allermeisten Menschen lebten damals in den Ländern des nahen Ostens sowieso zumindest halbnomadisch.

Der Zeitraum, in dem das geschah, war um das 12. Jahrhundert vor Chr. herum, verschriftlicht wurde das alles wahrscheinlich sogar erst Jahrhunderte später, während des babylonischen Exils der Israeliten (rd. 600 -530 v. Chr.). Denn erst dort, im Exil, bildete sich ein tragfähiges religiöses Bewusstsein mitsamt einer Historie. Das brauchten die Menschen, um sich ihrer Identität in der Fremde bewusst zu werden und nicht haltlos zu werden.
(Um es mal zu vergleichen: Was wir heute als „deutsche Geschichte“ betrachten, ist auch über lange Jahrhunderte die Geschichte zahlreicher rivalisierender Kleinstaaten, Dynastien, Fürstentümer, die je nach Gusto des jeweiligen Landesherrn nach der Reformation auch noch entweder katholisch oder reformiert waren. Die Preußen, Habsburger, Hohenzollern und wie sie alle hießen, jagten sich gegenseitig Gebiete ab, verbündeten oder bekämpften sich, schlossen und brachen Allianzen und heirateten sich gegenseitig oft aus politischen und strategischen Erwägungen.)

Während ich den Bibeltext lese und mir meine Gedanken dazu mache, den Hintergrund aufschreibe, denke ich daran, wie wenig sich doch im Grunde geändert hat. Wie aktuell der Text doch eigentlich immer noch ist.

Ob wir uns Gott als einen alten Mann mit Rauschebart und weißem Gewand vorstellen oder als ein Auge in einem Dreieck, das über einer Wolke schwebt, eine eher diffuse Ahnung haben, mit einem göttlichen Prinzip überhaupt nichts zu tun haben wollen oder einfach dem Geld huldigen, ist dabei total egal.

Solange es uns gutgeht, solange wir alles haben, was wir zum Leben brauchen oder zu brauchen meinen, noch dazu ein kleines (oder gern auch größeres) „Nice to have“ obendrauf sitzt und alles glatt geht, nehmen wir es als selbstverständlich hin.

Aber sobald etwas passiert, was uns dieser Selbstverständlichkeit beraubt, eine Naturkatastrophe, ein kriegerischer Aggressor oder auch nur unser jahrzehntelanger schluderiger Umgang mit der Welt, suchen wir Schuldige. Und zwar immer sehr gern bei „den Anderen“, nie bei uns selbst. Unsere eigene Fahrlässigkeit oder Gleichgültigkeit unterschlagen wir gern.

Und jetzt bleibe ich ein bisschen ratlos zurück nach meiner Analyse. Denn ich selbst bin ja auch nicht besser. Ich bin viel zu oft ein Teil der gedankenlosen Masse. Ich habe auch kein Patentrezept, wie wir das alles überwinden können.
Ich glaube, ich wünsche uns allen einfach nur mehr Bewusstsein für die Welt, ihre Geschöpfe und wunderbaren Landschaften, die Einzigartigkeit unseres blauen Planeten als Lebensgrundlage in diesem riesigen Universum. Und Dankbarkeit.

Einen schönen und dankbaren Erntedanktag wünsche ich allen.

Ineffizient

Nehmen wir die Getreideengpässe, die der Krieg gegen die Ukraine auslöst. Wie lautet die aktuelle Ansage? Ziele zum Schutz der Biodiversität aussetzen, die Flächen sofort für Anbau verwenden – aber bloß nicht die Tierbestände reduzieren, deren Mägen wir in Deutschland mit sechzig Prozent dieser benötigten Erzeugnisse füllen und für die wir global siebzig Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche als Weideland und Äcker für den Futteranbau nutzen.163 Um 1 Kilogramm Rindfleisch zu erhalten, brauchen wir dann rund 25 Kilogramm Futter – Mais, Soja, Rüben –, und von den darin enthaltenen Proteinen gehen auf dem Weg durch die Kuh zum Menschen 94 Prozent verloren. In Energiewerten, also Kalorien gerechnet, ist der Umwandlungsprozess noch unökonomischer: Nur 1,8 Prozent des Brennwertes der Futtermittel sind noch übrig, wenn das Rind auf dem Teller liegt.

Maja Göpel, Wir können auch anders

Ja, sorry, ich muss einfach nochmal damit nerven. Als ich das heute früh las, fiel mir die Kinnlade runter. Natürlich wusste ich schon, dass Fleisch ineffektiv ist, aber das Ganze einmal so ungeschminkt zu lesen, ist doch noch mal eine andere Hausnummer. Und das ist keine ausgedachte Zahl, sondern hier nachzulesen.

Ein Finanzinvestor, dem ein solches Anlageprodukt verkauft werden sollte, würde nur müde lächeln und abwinken.

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