Konfirmation im Herbst

Nachdem die aktuelle Geißel der Menschheit in diesem Frühjahr alles gründlich vermasselt hat, fand am letzten Wochenende die verschobene Konfirmation von 35 jungen Menschen in unserer Gemeinde statt. So viele Familien zusammen in einem Gottesdienst, das funktioniert in diesen Zeiten nicht, selbst mit einer (für ein Dorf anscheinend überdimensionierten) großen Kirche nicht. Ein großes Lob möchte ich daher unserer Gemeindeleitung aussprechen, mit dem ersten Oktoberwochenende hat sie eine tolle Wahl getroffen.

Dabei war das anfangs überhaupt nicht unumstritten, denn es gab durchaus Stimmen, die der Meinung waren, im Oktober könne man doch keine Konfirmation feiern, da sei es zu unbeständig, zu kalt, zu was weiß ich. Kathrins Reaktion: „Ist mir egal, wie das Wetter ist, ich will konfirmiert werden!“

Die Konstellation des Wochenendes mit dem Feiertag am 3. Oktober war für uns perfekt, so konnte das Geschehen auf drei Gottesdienste verteilt werden: je einen am Samstag vormittags und nachmittags und einen klassisch am Sonntagmorgen. Die Jugendlichen konnten eine Erst- und eine Zweitwahl treffen und dann wurde so lange hin- und hergeschoben, bis fast alle uneingeschränkt zufrieden waren. Dabei will ich nicht verschweigen, dass dieses Vorgehen, welches für die Konfi-Familien viel Entlastung bedeutete (zum Beispiel brauchte keiner eine Stunde vor dem GoDi die Kirchenbänke quasi „mit Handtüchern belegen“, weil jede Familie feste Plätze hatte) sehr viel zusätzliche Arbeit für alle am Gottesdienst Beteiligten bedeutete. Für Pfarrerin und Pfarrer, Küsterin, Mitglieder des Presbyteriums, Teamer aus der Konfirmandenarbeit, Band, Organistin … Heißen Dank an euch, ihr habt alles gegeben, um die Gottesdienste für Konfis und Familien toll zu gestalten!

Das Wetter spielte mit, vor allem am Samstag Nachmittag. Bei uns hieß das: Ich hatte durchs Haus verteilt Tische eingedeckt und dekoriert, aber schlussendlich saßen fast alle draußen auf der (wegen gegenteiliger Wettervorhersage nicht gefegten) Terrasse. Egal. War auch so in Ordnung. Wichtig ist ja nicht unbedingt, dass man vom Fußboden essen kann (geht bei uns sowieso nicht, überall und immer sind da Hundehaare ist da Aussie-Glitzer unterwegs). Wichtig ist die innere Einstellung.

Was haben wir gelernt? Nicht allein der (richtige?) Zeitpunkt bestimmt, ob etwas gut ist. Vor allem die Menschen und ihre Einstellung sind es, die zum Gelingen (oder auch nicht) beitragen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ungewöhnliche Wege zu gehen, anders zu denken, flexibel auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Im Gemeindekontext habe ich bei sehr vielen die Bereitschaft gesehen, allerdings gibt es auch ein paar wenige, die auf ein „Das war schon immer so und das muss so bleiben“ pochen. Es wäre verwunderlich, wenn es anders wäre, denn Gemeinde stellt auch immer einen Querschnitt durch die Gesamtgesellschaft dar. Dazu habe ich einmal folgendes Zitat gefunden:

”EIN GRUND DAFÜR, DASS DIE LEUTE SICH VOR VERÄNDERUNGEN FÜRCHTEN, IST, WEIL SIE SICH STETS AUF DAS KONZENTRIEREN, WAS SIE VERLIEREN, ANSTATT AUF DAS, WAS SIE DAZU GEWINNEN KÖNNTEN. “

Leider weiß ich nicht, von wem dieser Ausspruch stammt, aber ich feiere den Urheber jedenfalls! Ebenfalls nachdenkenswert ist auch folgendes Zitat:
„Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“ Das stammt von Gustav Heinemann.

In einem meiner nächsten Beiträge werdet ihr sehen, dass diese beiden Aussprüche nicht nur für den kirchlichen Bereich gelten, sondern für sehr viele Problemfelder, an denen unsere Welt derzeit zu knabbern hat.

Nun ja. Kathrin hatte eine wunderschöne Herbstkonfirmation, die der gesamten Familie gut gefallen hat in ihrer Durchführung. Das Album auf dem Beitragbild ist übrigens das dritte seiner Art, das ich gestaltet habe, denn auch Julia und Yvonne haben exakt das gleiche Album bekommen.

Zu einer anderen Zeitrechnung

Heute hat irgendjemand auf dem Blog diesen Beitrag aufgerufen. Ich wusste nicht mehr, wann ich ihn erstellt hatte oder wovon er handelt, deswegen habe ich mal nachgesehen. Ich hätte auf irgendwann letzten Herbst getippt und damit grandios falsch gelegen.

Erstaunt las ich, was ich am frühen Morgen des 1. Januar 2020 geschrieben habe, denn es kommt mir so weit weg vor. In einem anderen Leben? So krass eher nicht, aber es war eben in der Zeitrechnung „vor Corona“ – zumindest war Corona zu der Zeit noch etwas Exotisches, weit weg in China und es betraf uns nicht. Was müssen die auch so komische Sachen essen? Kann uns ja nicht passieren…

So schnell ändern sich Dinge, Situationen, Lebensentwürfe.

Aber darum geht es doch überhaupt nicht. Ein sorgenfreies Leben, immer auf der Sonnenseite, nie stolpern, nie fallen. Wie langweilig wäre das denn? Und wie sehr würde das Gute dadurch abgewertet, wenn es nie schwierig würde… Ich könnte das Schöne, was mir geschieht, nicht wertschätzen, wenn ich nicht auch die andere Seite kennen würde. 

Das habe ich „damals“ geschrieben. Und auch dieses:  Ich bin gespannt und neugierig auf dieses neue Jahr.

Ob ich mir wohl in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hätte, was das Jahr 2020 so alles mit sich bringt? Und ob ich dann auch so enthusiastisch und voller Erwartung gewesen wäre? Ich vermute, beides eher nicht. Aber der Absatz davor, der stimmt meiner Meinung nach immer noch. Obwohl es im Moment immer mehr Menschen gibt, die nur das „Gute, Schöne, Einfache“ wollen, diverse Schwierigkeiten aber ganz gern in andere EU-Länder verlagern wollen (oder am besten ganz raus aus Europa), als Auswüchse einer „Diktatur“ sehen oder sie am besten ganz leugnen.

Ich frage mich deshalb, war das Jahr bisher wirklich nur schlecht? Abseits von Beschränkungen (denen, die zum Infektionsschutz dienen ebenso wie meinen persönlichen durch den Unfall) gab es doch auch in diesem Jahr unheimlich viele schöne Begebenheiten. Situationen, die von Verständnis und Empathie getragen warten, Solidarität, unverhoffte Ruhepausen für die Umwelt, bei uns in der Familie auch noch eine Hochzeit, selbst die verschobene Konfirmation wird nun bald stattfinden. In meinem Garten ist trotz der phasenweisen Trockenheit vieles gewachsen, sogar mehr und anderes, als ich geplant hatte, aber immerhin, es ist gewachsen und nicht verdorrt.

Natürlich hat es auch Fehler gegeben, auf vielen unterschiedlichen Ebenen, wie immer, wenn Menschen Entscheidungen treffen. Einige Entscheidungen haben uns viel zusätzliche Arbeit beschert, während sie viel zu vielen (Künstlern und Selbständigen) die Arbeit komplett unmöglich gemacht haben. Andere treffen bis heute noch die schwächsten Gesellschaftsgruppen (Kinder, Alte, Kranke), wieder andere müssen regelmäßig auf den Prüfstand. Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir in Deutschland aber bisher ordentlich durchgekommen. So hat sich die Menschheit seit Jahrtausenden entwickelt, wir erleben augenblicklich eine Art Evolutionsgeschehen im Schnelldurchlauf. Und allen technologischen Errungenschaften zum Trotz sind wir immer noch nicht in der Lage, mit der Geschwindigkeit der Entwicklung verstandesgemäß mitzuhalten.

Es hat ebenfalls ganz sicher unnötig viele traurige Momente für eine Menge Menschen weltweit gegeben, das Jahr hat zu hohe Verluste gebracht, auf persönlicher, auf zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und auf wirtschaftlicher Ebene. Doch nirgendwo steht geschrieben, dass wir immer und jederzeit ein Anrecht auf den geringsten Widerstand oder ein Leben im Schlaraffenland haben. Vielleicht sollten wir als menschliche Gesellschaft einen Paradigmenwechsel herbeiführen:

Natur statt Infrastruktur, Resilienz statt Selbstoptimierung, Gelassenheit statt ständig neue Hypes, Qualität statt Quantität, Freundschaft statt Konkurrenz.

Utopie statt Dystopie…

PS: Das Foto ist heute früh im lippischen Bergland entstanden, wo ich zu einer Einkaufstour bei Direktvermarktern war. Erst jetzt im Großformat habe ich das Bushaltestellenschild entdeckt, das war mir wegen des Gegenlichtes nicht aufgefallen. Aber ich finde, es ist ein schönes Detail: Einfach mal an der Haltestelle stehen bleiben und den Sonnenaufgang genießen!

Übergang

Morgen fängt kalendarisch der Herbst an. Und heute ist nochmal Spätsommer. In einem anderen Zusammenhang hab ich es vor ein paar Tagen schon geschrieben: Der Herbst ist eine meiner vier Lieblingsjahreszeiten. Ja, eigentlich mag ich jede Jahreszeit, vor allem, wenn sie gerade beginnt.

Aber der Herbst mit seinem warmen Farbenspiel, den reifen Düften, der Apfel- und Kartoffelernte, warmen Sonnenstrahlen und kühlem Morgennebel einerseits; den tropfnassen grauen Tagen und den Stürmen, die uns zeigen, dass wir Menschen nicht alles kontrollieren können andererseits, dieser Herbst ist doch immer wieder etwas Besonderes. Es ist Abschiedsschmerz vom prallen Leben des Sommers und Vorfreude auf den neuen Abschnitt, der im Jahreslauf vielleicht auch eine Ruhephase einläutet.

Heute Abend war ich nach langer Zeit das erste Mal wieder mit beiden Hunden an der Leine im Feld, ich bin mit ihnen Kathrin entgegengegangen, die mit dem Fahrrad aus dem Nachbardorf kam. Als kleines Highlight konnte ich einen Heißluftballon beobachten, wie er langsam über dem Wald tiefer ging, sich aber dann noch mehrere hundert Meter weiter bis auf eine große Wiese „retten“ konnte und dort dann landete.

Auch wenn durch das starke Heranzoomen (ich war leider zu weit weg) das Bild nicht die beste Qualität hat, der Augenblick mit dem LKW im Hintergrund war einfach zu gut…
Schon merklich schlanker geworden ohne Hitzezufuhr
Selbst am Boden liegend noch imposant, vor allem, wenn man die kleinen Menschen daneben sieht.

Kathrin und ich hatten ein nicht alltägliches Erlebnis, die Hunde haben nach mehreren Monaten ihre „Hausstrecke“ neu erschnüffelt und ich spüre meine Oberschenkel brennen. So ungeduldig ich bin, es wird wohl leider immer noch eine Weile dauern, bis die Beine wieder so richtig fit sind. Aber es wird, das hoffe ich fest.

Systemrelevant

Gestern waren wir mehrere Stunden im Auto unterwegs. Eine Familienangelegenheit in Köln lag an. Wann hört man schon mal so ausgiebig Radio wie auf dem Weg über Deutschlands gefühlt längste Baustelle? Jedenfalls fuhren wir vormittags nach Köln und nachmittags zurück nach OWL.

Ein Thema des Tages waren die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, zitiert wurde neben der Forderung von 4,8% mehr Gehalt auch ein Vertreter der kommunalen Arbeitgeber, der sinngemäß meinte, das sei zurzeit wegen der Einbrüche im Steueraufkommen nicht darstellbar. Beleuchtet wurde die Thematik von verschiedenen Standpunkten und mir ist durchaus bewusst, dass die Städte und Gemeinden keinen Goldesel im Garten haben. Mir ist aber ein ganz bestimmter Aspekt im Gedächtnis geblieben, da auch ein Sozialethiker interviewt wurde. Den Namen habe ich leider nicht mitbekommen, vermute aber, dass es sich um Stefan Heuser handelte.

Er regte ein Gedankenexperiment an: Was würde gesellschaftlich schief laufen, wenn Fußballprofis oder Formel-1-Fahrer sagen würden „Nö, mache ich nicht mehr!“ Ja, ich weiß, viele Männer hätten dann am Wochenende deutlich mehr Langeweile (manche Frauen auch). Aber vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt her würde halt nichts essentielles fehlen. Nun kommt die Gegenprobe: Was ist die Folge, wenn Pflegepersonal, Müllwerker oder ErzieherInnen im größeren Stil den Dienst quittieren/verweigern würden? Keine Alten- und Krankenpflege, wir würden in unserem Wohlstandsmüll ersticken, hätten niemanden für die Kinderbetreuung. Mit welchem Recht also wird einfach so hingenommen, dass Sportprofis exorbitante Summen verdienen, es unanständig hohe Ablösesummen gibt, aber die wirklich wichtigen Berufsgruppen mit Applaus abgespeist werden?

Den Grund dafür sieht der Sozialethiker unter anderem darin, dass die Fürsorgearbeiten beispielsweise früher meist im Verborgenen stattgefunden haben, nebenbei „ehrenamtlich“ (nein, eigentlich eher „selbstverständlich“) von den Hausfrauen mit erledigt wurden. Die Männer des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gingen zur Arbeit aus dem Haus, wurden öffentlich wahrgenommen. Was nicht sichtbar ist, wird auch weniger wertgeschätzt. (Wie die frisch geputzten Fenster😉.) Im Gegensatz zu dem Investmentbanker oder Betriebsberater (mehrheitlich handelt es sich auch heute noch um Männer), der mit der Luxuslimousine durch die Stadt kurvt und auf allen wichtigen Veranstaltungen auftaucht, möchten viele andere Menschen einfach nur in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können, ohne irgendwo im Mittelpunkt zu stehen.

Müssen daher jetzt zwingend alle Angehörigen der klassischen Fürsorgeberufe zu Rampensäuen werden? Oder müssen Gesellschaft und Politik vielleicht „einfach“ mal lernen, genauer hinzuschauen, nicht immer nur die lauten Stimmen wahrnehmen?

Auf die leisen Stimmen hören, von den Ruhigen lernen, das gilt im Übrigen in so vielen Bereichen. Aber den Krakeelern, den (narzisstischen) Selbstdarstellern wird Aufmerksamkeit gewidmet. Dazu zählen auch die Darsteller des Stürmchens in Berlin letztes Wochenende. Mir ist gestern Abend zwar auch echt übel geworden, als ich die Bilder vor dem Reichstagsgebäude sah, ich kapiere das einfach nicht, wie man so einen Schmarren von sich geben und glauben kann, aber ihnen ist eindeutig zu viel breite Aufmerksamkeit zuteil worden. Sie haben ihr Ziel erreicht. Leider.

Demokratie

Werte der Demokratie auf einem Scrabble-Feld legen ist schon schwierig. Wörter wie Akzeptanz, Freiheit, Rechte und Pflichten, Konsens, Mehrheit, Verfassung, Minderheitenschutz, Pressefreiheit, Grundrechte und was noch dazu gehört, lassen sich teilweise aus Platzgründen nicht darstellen, aber es fehlen auch schlichtweg die Buchstabenplättchen, um solche Begriffe darzustellen.

Auch in unserer gelebten Demokratie fehlt einiges. Nur sind es dort leider keine Buchstabenplättchen, die für die Mitspieler nicht mehr verfügbar sind, sondern es fehlt immer häufiger an den Grundwerten der Demokratie selbst, an der Bereitschaft, das zu leben, was elementar zur Demokratie gehört. Denn im Gegensatz zu Diktatur oder Oligarchie ist das Leben in der Demokratie anstrengend. Wie häufig hören wir zum Beispiel augenblicklich „Denk doch mal selbst“, gern gebraucht von Personen, die das selbständige Denken all jenen aberkennen wollen, die keine Probleme mit demokratischen Abläufen haben.

Ja, selbst denken – und dann auch zu Schlüssen gelangen, ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen in einer Demokratie. Die Demokratie kann und muss es auch aushalten, dass diese Schlüsse unterschiedlich sind.

Aber! Wenn ich mich aktuell informiere, was denn bei der anstehenden Kommunalwahl auf mich zukommt, fange ich mitunter an zu zweifeln, was anscheinend immer mehr Leute unter Demokratie verstehen. Mitunter klingt das in Anlehnung an Henry Fords „Jeder Kunde kann ein lackiertes Auto in jeder gewünschten Farbe haben, solange es schwarz ist.“ eher nach „Ihr könnt jede Meinung vertreten, solange es meine ist“

Klar, dieses Jahr ist Wahlkampf schwierig, Straßenwahlkampf kaum möglich, man muss andere Wege gehen. Unsere lokale Tageszeitung macht das mit Vorstellungsrunden in den einzelnen Orten für die jeweiligen BürgermeisterkandidatInnen, zentral in Minden für die Landratswahl. Das wird live übertragen und anschließend ist es auch auf Youtube anzusehen. Vorab können Fragen eingereicht werden, selbst während der Fragerunden können noch Fragen gestellt werden, die sich aus vorherigen Antworten ergeben. Eine tolle Idee.

Im Allgemeinen präsentieren sich KandidatInnen auch gut vorbereitet und gesprächsoffen über Parteigrenzen hinaus. Bei allen Gesprächsrunden, die ich mir bisher angeschaut habe, fällt mir aber auf, dass es Parteien und teilweise auch freie Wählergruppierungen gibt, deren BewerberInnen durch Ahnungslosigkeit und mangelnde Kenntnis glänzen und auch nicht willens sind, die erprobten demokratischen Wege des sachlichen Streitgesprächs zu nutzen. Aus mehreren Orten unseres Landkreises habe ich Antworten gehört im Tenor „Da werde ich mich reinarbeiten, wenn ich Bürgermeister werde“ oder „Da wächst man dann rein“. Hallo! Ist es zu viel verlangt, dass jemand, der sich für ein öffentliches Amt bewirbt, bereits vorher intensiv damit auseinandersetzt, was dieses Amt bedeutet und wie die Themen vor Ort gesetzt sind? Schließlich handelt es sich um einiges mehr als den Vorsitz der Klassenpflegschaft!

Ganz davon abgesehen, weiß ich nicht, ob es unserem Zusammenleben guttut, wenn sich immer mehr Splittergruppierungen gründen, die sich nur auf ihre eigenen Anliegen konzentrieren und das große Ganze beiseiteschieben. Die notwendige Fähigkeit zum Kompromiss wird dadurch immer geringer, die Frustrationsgrenze immer niedriger. (Das Phänomen kenne ich übrigens auch aus einigen kirchlichen Kreisen. Wenn die theologische Ausrichtung der Gemeinde für einige Leute nicht mehr passt, oft heißt das: nicht streng genug ist, dann wird eine neue Gemeinde gegründet.) Meinungspluralität ist natürlich wichtig, immer im Zusammenhang mit gegenseitigem Respekt; aber wenn es dazu führt, dass sich immer mehr (Meinungs-)Gruppen bilden, deren Meinungsvielfalt damit aber immer eingeschränkter wird, dann verlieren wir die elementaren Errungenschaften, die für Gemeinschaften nun einmal notwendig sind.

Es bleibt kompliziert. Auch wir Menschen. Denn einerseits streben wir eine persönliche Optimierung an, eine Anpassung an angebliche „Standards“ (zum Beispiel körperliche Fitness, Aussehen, Ansehen), pochen aber andererseits darauf, dass „Mainstream“ der letzte Mist ist. Schizophren…

Edit: Habe gerade den Hnweis erhalten, dass auf dem Scrabble-Brett beim Wort „Gemeinsam“ das „I“ fehlt. Ich habe absolut keine Lust, das alles nochmal zu legen. Hiermit also die Feststellung, dass unsere Gemeinsamkeit schon etwas vorgeschädigt ist🤔.

Mitglied, das – Substantiv, Neutrum

So lautet der Eintrag im Duden, nach wie vor Nummer Eins, wenn es um Fragen der korrekten Rechtschreibung, Grammatik oder des Stils geht. Gerade in der 28. Auflage neu erschienen mit 3.000 neuen Wörtern (Coronavirus und Lockdown sind jetzt aus Gründen auch dabei, da sag mal einer, analoge Medien können nicht schnell auf aktuelle Themen reagieren). So weit, so klar.

Als ich heute früh meinen beruflichen Email-Eingang durchsah, fiel mir bei einer Nachricht folgende Anrede auf:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitgliederinnen und Mitglieder…“

Kurzfristig sind mir fast die Fußnägel hochgeklappt. Dabei habe ich grundsätzlich überhaupt nichts gegen gendergerechte Sprache, wenn sie sinnvoll ist. Ich zucke zwar bei „Gästin“ als weibliche Form zu „Gast“ auch noch ein bisschen zusammen, kann es aber wenigstens einigermaßen nachvollziehen, warum diese Form benutzt wird. Statt „Putzfrau“, was schon abseits der Beschränkung auf ein weibliches Wesen etwas abwertend klingt, heißt es „Reinigungskraft“. Auch das ist eine weibliche Form, aber hier kommt niemand auf die Idee, eine männliche Reinigungskraft als „…krafterich“ zu bezeichnen. Eine Fachkraft jeglicher Fachrichtung wird allgemein als eine Person (aha, auch DIE Person wird geschlechterneutral verwendet) definiert, die in einer bestimmten Sache Expertise und Erfahrung aufweisen kann.

Kathrin meinte gestern, im englischen Sprachgebrauch hätten sie ja offensichtlich dieses Problem eher weniger, denn ein weiblicher Lehrer heißt Teacher und nicht Teacheress. Ein Friend ist je nach Zusammenhang eine Freundin oder ein Freund, kein Gegenüber in einer festen Beziehung, dort wird es dann doch genauer definiert als Girlfriend oder Boyfriend.

In der Sach- und Fachliteratur wird in den letzten Jahren auch immer mehr auf gendergerechte Sprache geachtet, das ist beim Lesen nicht weiter schwierig, aber beim Vorlesen von Buchkapiteln (findet bei uns regelmäßig statt, denn dann lese ich, Edgar und Kathrin hören zu und wir können das [Vor-]Gelesene anschließend diskutieren) ist es eine Herausforderung, die ich öfter mal umgehe. Trotz allem kenne ich die Absicht, die hinter diesem Sprachgebrauch steht und auch die gesellschaftliche Bedeutung, ungefähr die Hälfte der Bevölkerung sichtbarer zu machen.

Aber ein Wort zu gendern, das von Haus aus neutral ist, bloß um auf Teufel komm raus eine besondere Korrektheit zu vermitteln, da endet es bei mir mit dem Verständnis und das gibt der Duden auch nicht her:

Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Mitglied

Wenn ich hier auf dem Blog schreibe, benutze ich aus Lesbarkeitsgründen, aber auch aus meinem umfassenden Verständnis, dass ich meistens sowieso alle anspreche, oft die überkommenen meist männlichen Formen. Möglicherweise gefällt das nicht allen von euch, aber beschwert hat sich auch noch niemand. Andererseits habe ich festgestellt, dass es relativ viele so halten. Und ich glaube nicht, dass es aus Respektlosigkeit so gehandhabt wird, gerade auch weil viele von euch selbst auch Frauen sind. Das ist natürlich meine persönliche Meinung, ich bin für respektvolle Kritik jederzeit zu haben. Und nun beende ich diesen Beitrag (der fast ganz ohne Corona ausgekommen ist) mit dem Zitat Adams aus der Lutherbibel:

Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 1. Mose 2, 23

Sommermorgen

Heute früh um viertel vor sechs hat mich nichts mehr im Bett gehalten, der frühe Spätsommermorgen lockt. Erstmal habe ich die Hunde mit einer Kaustange versorgt, draußen das Vogelhaus aufgefüllt, die Kaffeemaschine angeschmissen und dann alle Fenster weit aufgerissen. Meine Morgenroutine. Dann ein bisschen die Atmosphäre im Garten genossen. Nur 19 Grad, eine angenehme Kühle, die Natur atmet ebenso auf wie ich, denke ich. Der leichte Frühdunst lässt meine Wildnis etwas verwunschen erscheinen.

Auf dem Weg zum Regenspeicher konnte ich schon ein paar Brombeeren naschen. Taufeucht, kühl und süßsauer zergehen sie auf der Zunge. Das Gemüse an der Hauswand bekommt ordentlich Wasser, ich den ersten Kaffee. Unwillkürlich kommt mir ein Liedanfang in den Kopf „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang…“, vielen wahrscheinlich eher bekannt als „Morning has broken“

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Sweet the rain’s new fall, sunlit from heaven
Like the first dew fall on the first grass
Praise for the sweetness of the wet garden
Sprung in completeness where His feet pass

Mine is the sunlight
Mine is the morning
Born of the One Light Eden saw play
Praise with elation, praise every morning
God’s recreation of the new day

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Übrigens ist es kein originärer Song von Cat Stevens, sondern die Melodie eines alten gälischen Volksliedes, für das die Kinderbuchautorin Eleanor Farjeon Anfang der 1930er Jahre einen Text für eine geistliche Liedersammlung schrieb. In der deutschen Textfassung steht es im evangelischen Gesangbuch und wie ich über Wikipedia herausfand, auch in der österreichischen Ausgabe des Gotteslob der katholischen Kirche.

Ich bereite mich auf meine heutige Aufgabe im Gottesdienst vor, genieße noch ein wenig die wunderbare Morgenatmosphäre, ehe die angekündigte Hitze des Tages mich ausbremst und freue mich schon auf die kommenden Spätsommerwochen; eine Jahreszeit, die ich immer wieder mit einer Mischung von Abschiedswehmut und Vorfreude auf die neue Jahreszeit erlebe.

Ich wünsche euch einen gesegneten Sonntag.

Schon wieder dicht!

Die erste Schule bei uns im Mühlenkreis hat nach zwei Tagen den ersten Corona-Fall und schließt vorsorglich bis einschließlich Montag. Steht heute als großer Artikel auf Seite Eins der Tageszeitung. Wundert es eigentlich irgendjemanden?

Klar wünsche ich mir auch, dass dieses Schuljahr kein verlorenes wird, über den Stellenwert von Bildung müssen wir hier nicht diskutieren. Ich frag mich bloß, warum musste mit der Brechstange ein „Normalalltag“ her, es musste doch jedem klar denkenden Menschen einleuchten, dass wir auf unabsehbare Zeit keinen „Zustand vor Corona“ mehr haben, möglicherweise nie mehr bekommen werden, denn es ist einfach nicht mehr „vor Corona“ . Vielleicht sollte nicht unbedingt versucht werden, einen Alltag wie vorher zu erzielen, sondern einen neuen Alltag zu etablieren.

Es war schon vor den Ferien absehbar, dass die Pandemie uns alle noch lange begleiten wird, es wäre also durchaus möglich gewesen, die Zeit für ein Digitalkonzept (das den Namen dann auch verdient hat) und die benötigten Endgeräte für alle SchülerInnen zu nutzen. Den Ausbau von Breitbandverbindungen zu priorisieren, selbst wenn dafür sechs Wochen denn doch nicht ausreichen. Geld in Jugend (= Zukunft) ebenso wie in die Konzerne zu stecken. Und dann im Wechsel mit Präsenz und Distanz für jeweils halbierte Klassenstärken arbeiten.

Ebenfalls kurz vor „Dicht“ steht die Baubranche in der Gegend. Weniger als die Hälfte der angebotenen Ausbildungsplätze für die unterschiedlichen Gewerke sind bisher vergeben. Auch hier sehe ich zumindest teilweise Versäumnisse der Bildungspolitik in den letzten Jahren. Denn das Erreichen eines möglichst hohen Bildungsabschlusses wurde (möglicherweise als Folge von PISA, obwohl da Äpfel mit Birnen verglichen werden) auf den Thron gehoben. Handwerk und der gesamte Bereich Pflege/Fürsorge fielen logischerweise in der Bewertung der Gesellschaft und damit auch der Jugendlichen hinten runter. Die Folgen: Diese ganzen Branchen, die dafür sorgen, dass wir Dach überm Kopf, Infrastruktur und menschliche Fürsorge haben, suchen händeringend Personal. Meine Mutter sagte schon vor 30 Jahren: Was nutzt es, wenn viele Leute Häuser planen können, aber es ist keiner da, der das Klo einbaut…

Und so ende ich ratlos, denn ich sehe nicht, dass sich an dem kurzfristigen Denken in Politik und Gesellschaft in der nächsten Zeit etwas ändern wird zugunsten einer längerfristigen Vorstellung, wie unser gemeinsames Leben aussehen soll. Und sei es nur, weil immer irgendwo irgendein Wahlkampf ist…

Lauter Fragezeichen…

Warum sehen wir uns so gern als Individuen, werten aber andere als eine undefinierbare Menge „DIE“ ab?

Warum nehmen wir für uns selbst häufig so selbstverständlich Dinge in Anspruch, die wir anderen nicht gönnen?

Warum ist es für viele von uns nicht möglich, andere Gedankengänge als gleichberechtigt im Raum stehen zu lassen?

Warum können immer mehr Menschen nicht mit Argumenten, sondern nur mit Verächtlich-machen hantieren?

Warum lernt die Spezies Mensch nicht endlich mal, absehbare Katastrophen zu vermeiden statt direkt hineinzusteuern?

Warum ist der einzige Weg, der uns die Zukunft ebnen soll, immer noch der des „höher, schneller, weiter“?

Warum versuchen wir Fragen von heute und morgen mit Lösungen von gestern und vorgestern zu beantworten?

Und warum bloß gibt es immer wieder, wenn ich gerade denke, ich hätte meinen Platz im Leben gefunden, Ereignisse, die mich wieder mal zweifeln und suchen lassen?

Es grummelt…

…, zieht sich zu und die Luft ist dicker als Kartoffelsuppe. Ein Gewitter liegt in der Luft und beim Blick auf das Regenradar fahre ich die Markise ein, der Sonnenschirm kann ebenfalls zugemacht werden, die Vögel draußen werden auch merklich ruhiger. Spannung liegt in der Luft.

Ich sehne mich regelrecht danach, dass dicke Tropfen auf den Boden klatschen, der dann beginnt zu dampfen von der Tageshitze. Ich kann die Würze in der Luft schon in meiner Vorstellung riechen, ich möchte im Regen tanzen.

Heute war es schon früh so heiß, dass ich sogar in unser alten Kirche mit den dicken Mauern ruhig sitzend Schweißausbrüche bekam. Zuhause war es noch wärmer, die Durchschnittstemperatur im Haus liegt bei knapp 28 Grad, nur im Keller hört das Thermometer bei 20 Grad auf zu steigen. Ich wollte für die schulpflichtigen Familienmitglieder Masken nähen, aber meine Hände kleben am Stoff und an der Nähmaschine fest. An die noch zu fertigenden Kinder-Kochmützen für den Kindergarten habe ich mich erst gar nicht herangetraut, das ist Neuland mit viel Fummelei, der Stress, den ich mir dabei selbst machen verursachen würde, der würde mich auch zum Schmelzen bringen, fürchte ich.

Unbeeindruckt von der Schwüle sind die fleißigen Bienen an meiner ungeplanten Sonnenblume, sie ernten schon den ganzen Tag in kleinen Trupps von 3-7 Tieren:

Mir ist gar nicht aufgefallen, dass es so diesig ist…