Landleben II

Vor einigen Wochen hatte ich ja schon einmal einen Beitrag mit dem Titel „Landleben„, deswegen heißt der heutige halt „Landleben II“. Es soll schon übersichtlich bleiben.

Der Beitrag heute dreht sich nämlich um ein Buch, das den geplagten Großstädtern das Landleben schmackhaft machen soll.

Träumen vom Landleben“ heißt es, geschrieben wurde es von einer Frau, die aus der Großstadt nicht direkt in ein 500-Seelen-Dorf zog, sondern in eine Kleinstadt. Also nicht ganz so ein Kulturschock. Etwas schmunzeln musste ich bei den vorgestellten Kategorien, wann sich eine Ansiedlung von Häusern Dorf, Kleinstadt, Mittelstadt oder Großstadt nennt. Ganz kurz: weniger als 400 Menschen- Weiler, Siedlung (man könnte vermutlich auch „Kaff“ sagen); ab 400 – Dorf; ab 5000 – Kleinstadt; ab 20.000 – Mittelstadt; ab 100.000 – Großstadt. Schmunzeln musste ich, weil ich gleichzeitig in einem Dorf und in einer Mittelstadt lebe. Porta Westfalica hat rund 37.000 Einwohner, aber es ist eine Stadt, die erst 1973 bei der Gebietsreform zur Stadt wurde. Sie besteht aus 15 Dörfern, und unseres beherbergt ungefähr 1/10 aller Stadtbewohner, nämlich etwas mehr als 3.700.

Aber zurück zum Buch. Es ist ein schön anzusehendes Buch und es behandelt auch tatsächlich einige Bereiche, die man auf dem Land eher trifft als in der Stadt, beginnend bei Nachbarn (obwohl ich unsere zahlreichen Nachbarn eher im Auto, auf dem Trecker oder bestenfalls im Supermarkt treffe). Aber auch singende Vögel, wilde Vegetation und Sterne tauchen auf. Das klingt jetzt ein bisschen flapsig, und ein ganz kleines bisschen ist es auch so gemeint. Denn es gibt etwas, das mir bei diesen Aufzählungen tatsächlich fehlt, und das hat originär etwas mit dem ersten Landleben-Beitrag zu tun.

So schön das Loblied auf das Landleben nämlich anzuschauen und zu lesen ist, so sehr fehlt mir die Rückseite: Hähnekrähen, Kirchenglocken (auch sonntags um 9 Uhr), Gülle und anderes, das man aus der (Groß-)Stadt nicht unbedingt kennt und sich deswegen dann auch mal darüber empört. Aber auf dem Land ist eben nicht alles nur Idylle, sondern (harte) Arbeit, Geräuschkulisse und, ja, auch dann und wann Gestank. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…, nicht wahr?

Das ist aber der einzige Wermutstropfen, der mir Dorfkind auffällt. Insgesamt ist es ein sehr schön gestaltetes Buch für alle, die sich aus ihrem Hamsterrad rausträumen oder ihm gleich ganz entfliehen wollen. Mit Tipps für alle Jahreszeiten und Rezepten, schönen Illustrationen und stimmungsvollen Fotos ist es vor allem ein hübsches Geschenk.

Bibliographische Angaben:

Yvonne Adamek, Träumen vom Landleben, arsEdition, ISBN 978-3-8458-4131-1, € 12,99

Unser kleiner „ziviler Ungehorsam“

Urlaub auf Mallorca: erlaubt.

Urlaub im eigenen Land (auch wenn man sich durch die Wahl des Urlaubsdomizils isoliert): unerwünscht!

Ich glaube, urlaubsreif sind wir alle. Urlaub muss ja auch nicht bedeuten, dass man sich an irgendeinen Ort wie in eine Sardinenkonserve quetscht. Ein wenig mehr Phantasie und Entgegenkommen hätte ich mir (und allen anderen) schon sehr gewünscht.

Wir hatten für Ostern Schleswig-Holstein geplant. Und während der letzten drei Monate, die für den besten aller Ehemänner echt heftig mit 24/7-Arbeit angefüllt waren, war dieser Urlaub das Licht am Horizont, das Durchhalteversprechen. Naja, ihr wisst ja sicher, es gab keine touristischen Übernachtungen, die erlaubt wären. Es sei denn, man besitzt in SH eine Ferienwohnung, einen Dauerstellplatz auf einem Campingplatz oder ein Schiff mitsamt festem Liegeplatz. Und deswegen durften wir hin. Wer schon länger hier mitliest, weiß, was auf uns zutreffen könnte.

Das heißt nun weder, dass bei uns der Reichtum ausgebrochen ist, noch dass wir bei dem ganzen Unternehmen durchweg ein gutes Gewissen hatten. Auch wenn es um die Vorbereitung zur Erfüllung eines großen Traumes geht, uns war und ist bewusst, dass wir schon in einer relativ privilegierten Lage sind: Wir haben Arbeit, ein Dach (mit genügend Platz und technischer Ausrüstung für HomeOffice und HomeSchooling) über dem Kopf und meistens unser Auskommen. Allerdings war das nicht immer so, wir beide kennen aus eigenen Erfahrungen Firmenpleiten und das Gefühl, ohne Ausweg in einer Sackgasse zu stecken (inklusive Versagensscham).

So fuhren wir also zu dritt an Karfreitag gen Nordosten, die Hunde blieben zuhause bei den „großen“ Töchtern. Saukalt war es, aber es wurde vorgesorgt, so dass wir in eine geheizte Unterkunft kamen. Aber selten waren wir so allein wie an diesem Tag.

Samstag war super Wetter, wir gingen durch die Fußgängerzone ans Meer. Eine wunderbare und heilsame Aussicht, die Weite, die Frische, Eis und Fischbrötchen, alles tat gut und streichelte die Seele. Wir waren nicht die Einzigen, in dem Ort gab es so einige, die zu der Spezies der Zweitwohnsitzfraktion gehören, aber auch Einheimische genossen den Tag. In der Fußgängerzone waren die Gehrichtungen getrennt: es herrschte Rechtsverkehr, in der Mitte standen Baustellenabsperrungen, die Menschen waren freundlich, doch auf Abstand bedacht. Sehr entspannt.

Zwischendurch fuhren wir dann doch recht plötzlich nach Hause, die gesundheitliche Lage von Kalle drohte zu eskalieren. So waren wir am Ostersonntag bereit, eine Tierklinik aufzusuchen, glücklicherweise war es dann doch nicht notwendig. Montag wieder auf der Autobahn, wie schon am Karfreitag war auf der A2 bis Hannover und auch auf der A1 zwischen Hamburg und Lübeck ziemlich viel Verkehr. Dazu durchfuhren wir drei Jahreszeiten: Sturm, Hagel, Schneetreiben, Sonne, April at it’s best!

Im Sehnsuchtsort: aufpassen, dass man nicht weggeweht wird. Warm machen, inzwischen wussten wir, wie es geht. Zweieinhalb Tage mit Lesen, Spazierengehen am Vormittag (dann schien die Sonne und der Wind war müde) und frischem Fisch, wahlweise mit Pommes oder im Brötchen. Ich wollte viel fotografieren, waagerechter Regen hat es leider verhindert. Auch der erhoffte Bernstein und die Hühnergötter mussten erstmal am Strand liegenbleiben, denn dummerweise plagte mich meine Schulter und die Halswirbelsäule so sehr, dass ich nicht mehr wusste, wie ich den Kopf halten sollte. Deswegen fuhren wir am Donnerstag wieder zu Töchtern und Heimweh-Hunden in Richtung Heimat.

Die letzten Urlaubstage verbringen wir mit dem Studium von Reiseführern, Kartenmaterial und der Vorfreude auf den nächsten Trip, der dann hoffentlich mit weniger Gewissensbissen möglich ist. Doch eins ist sicher: wir hatten in den Tagen dort weniger Kontakte als wir hier gehabt hätten, und die wenigen haben draußen stattgefunden, mit Maske und Abstand. Bei Windstärke 7-8 wehten außerdem sämtliche eventuell vorhandenen Aerosole mit einer Affengeschwindigkeit aufs Meer hinaus. Ansonsten waren wir auf unsere kleine Welt beschränkt, dankbar für die kurze Auszeit.  

Ich kann absolut nicht erkennen, warum solche Erlebnisse nicht für alle Menschen möglich sein sollen, es könnte wirklich dazu beitragen, nochmal die Kraft für weitere Anstrengungen zu mobilisieren.

Vor-Urteile und Whataboutism

Für mich sind diese beiden sehr große Übel unserer Zeit. Denn in den letzten Monaten bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Menschen (oder auch Situationen) mit einem Blick be- oder verurteilt werden. Noch schlimmer: ich habe auch an mir selbst festgestellt, dass es nicht immer möglich oder zumindest nicht einfach ist, sich selbst davon freizusprechen.

Fangen wir mal mit Diskussionskultur an. Für mich war es immer ganz normal, dass andere Menschen mal meine Ansichten teilten und mal nicht. In Bezug auf Corona bin ich aber dünnhäutig geworden, da geht es schnell ans Eingemachte, wir alle kennen es mehr oder weniger, dass die Mentalität „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ sich schnell durchsetzen kann. Aber auch in viel normaleren Zusammenhängen beobachte ich, dass es immer seltener passiert, dass jemand sagt: „Eigentlich ist … nicht meine (politische Einstellung, Glaubensgerüst, Geschmack…), aber in diesem Fall … kann ich die Position des Gegenübers oder einer dritten Person nachvollziehen oder sogar teilen.“ Kompliziert, ich weiß, aber ihr seid ja alle denkbegabte Leute.

In Zeiten, wo die gesamte CDU von Teilen der Gesellschaft wahlweise als „links-grün-versifft“ oder als „ein einziger korrupter Haufen“ angesehen wird (ohne Ansehen der einzelnen Postionen oder Personen), wo „Mainstream“ nur noch als Schimpfwort benutzt wird (das eigentlich relativ wertfrei nur etwas bezeichnet, was den Geschmack von großen Anteilen einer Gesellschaft trifft: die Tageszeitung mit den vier fetten Buchstaben ist demnach genauso Mainstream wie die andere vierbuchstabige, die nur wöchentlich erscheint, aber die Leserschaft dürfte mehrheitlich recht unterschiedlich sein), obwohl auch das demokratische System eine Art Mainstream darstellt durch die Mehrheitsverhältnisse; in diesen Zeiten ist das „sowohl-als auch“ häufig einem gnadenlosen „Entweder-oder“ gewichen. Jemandem, der offensichtlich anders tickt, einen Gedanken zugestehen, der sich mit meinem deckt, oder noch schlimmer: jemandem, mit dem ich eigentlich gut klarkomme, eine Fehlentscheidung oder eine menschliche Schwäche durchgehen zu lassen, ist nicht mehr sexy.

Wenn man selbst beispielsweise eine Partei präferiert, aber ein Repräsentant des politischen Gegners einen wertvollen Denkansatz oder eine nachvollziehbare Argumentation vorlegt, ist es für sehr viele Menschen schwieriger bis unmöglich geworden, dem zu folgen, auch wider den gesunden Menschenverstand. (Selbst über die Bedeutung dieses Wortes gibt es ja inzwischen wenig Konsens!)

Wenn ich zum Beispiel in den sozialen Netzwerken Beiträge von Anbietern im christlichen Bereich lese, kann ich schon fast Wetten darauf abschließen, wie je nach Ausrichtung (als Gegenparts zum Beispiel evangelisch.de einerseits oder Idea Spektrum andererseits) die Kommentare und Beleidigungen(!) aussehen, die sich LeserInnen der Portale gegenseitig an den Kopf schreiben. Kein Respekt für Meinungsvielfalt (oder unterschiedliche Glaubenswege). Jeder meint, den wahren Glauben gepachtet zu haben.

Ein bisschen erinnert mich das an die Geschichte mit den Blinden, die einen Elefanten ertasten sollen, und je nachdem, welchen Körperteil sie berühren, den armen Elefanten für alles mögliche halten, nur nicht für das, was er tatsächlich ist.

Ebenso ist es mit den Beurteilungen: Wir sehen einen Menschen (den wir ansonsten überhaupt nicht kennen) in einer bestimmten Situation. Aus dem, was wir in einem recht kurzen Abschnitt seines Lebens mitbekommen, ziehen wir Rückschlüsse. Oft die falschen. Ein Beispiel: Eine Mutter, die im Linienbus mit ihren quengelnden Kindern die Geduld verliert. Wie schnell ist das (Vor-)Urteil da, dass diese Frau nicht geeignet ist, Kinder zu erziehen? Und wie gering ist die Bereitschaft, zu überlegen, ob die Frau eventuell gerade selbst schwer erkältet ist, eigentlich ins Bett gehört, aber niemanden hat, der sich in der Zeit um die Kinder kümmert? Oder: Beim Einkaufen begegnet uns immer wieder dieser unfassbar griesgrämige Mann, dem man nichts recht machen kann. Wir halten ihn für einen misanthropischen Kauz, dabei könnte es genauso gut sein, dass er frisch verwitwet ist und sich in einer für ihn ganz neuen Situation zurechtfinden muss?

Natürlich, es gibt die Fälle, in denen wir uns fragen (müssen), ob wir irgendwie einschreiten müssen, ob es sein kann, dass Eltern ihre Kinder misshandeln, wenn wir ein Kind immer wieder mit blauen Flecken sehen, und auch das ist wichtig. Aber was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass sich ein Grundmisstrauen gegenüber eines Grundvertrauens in vielen Lebensbereichen durchsetzt. Dass uns ein guter Instinkt oder das richtige Bauchgefühl immer mehr abhanden kommen, um angemessen zu reagieren.

Heute ist Ostersonntag, der zweite im Corona-Modus. Eigentlich könnte ich heute etwas schönes, optimistisches und Mut machendes schreiben. Noch eigentlicher wollte ich heute gar nichts schreiben und auch ganz woanders sein als vor meinem PC. Aber das ist mindestens eine andere Geschichte und die erzähle ich vielleicht am nächsten Wochenende. Die Gedanken von heute drängten ans Tageslicht.

Doch noch so viel: Unsere Kirchengemeinde ist in einem Jahr unheimlich kreativ geworden, um trotz allem die frohe Botschaft an die Menschen zu bringen:

Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und ich möchte ergänzen: er hat nie den einfachen Weg gewählt, sondern ist immer dort hingegangen, wo es wehtat.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin müde. Ja, ich weiß, Sie auch. Lange Debatte und wenig Schlaf. Aber nicht nur Sie und ich sind müde, sondern vermutlich an die 80 Millionen Menschen in unserem Land. Müde, sauer, resigniert.

Klar kann es sein, dass Sie gute Gründe für Ihre Entscheidungen hatten, aber dann erklären Sie die bitte so, dass es jede Mutter versteht, die sich Sorgen um die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder macht. Jeder Mann, der nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll, wenn das Ersparte für die Altersvorsorge aufgebraucht ist, weil seine Ein-Mann-Veranstaltungstechnik-Firma am Ende ist. Erklären Sie es denen, die in Branchen wie Facheinzelhandel, Tourismus, Gastronomie, Kunst und Kultur kein Licht am Horizont sehen, weil ihre Existenzen von kleinen inhabergeführten Betrieben abhängen und nicht von den Konzernen, die gepampert wurden.

Unzählige Menschen warten auf Signale, die einen Aufbruch signalisieren. Einen Aufbruch in eine Zeit, in der wir tatsächlich hoffentlich sagen können: „Wir haben einen Weg gefunden, mit diesem Virus zu leben.“ Am besten sogar: „Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden…“ Menschen so wie meine Familie und ich und viele andere, die bisher alles mitgemacht haben, was verlangt wurde. Manchmal auch wider besseres Wissen, aber im Bewusstsein, dass wir auch nicht die Patentlösung haben. Leute, die wütend sind auf diejenigen, die auf jegliche Regel und Vorsicht pfeifen und anscheinend trotzdem machen dürfen, was sie wollen! Unter den Augen des Staates. Leute, die aber trotz dieser Wut nicht auf die Idee kämen, sich hinter Kindern zu verschanzen, damit die Wasserwerfer nicht eingesetzt werden.

Mir ist bewusst, dass die Sicherheitskräfte einen sehr schwierigen Beruf haben, dass es stets eine Balance geben muss zwischen der Aufgabe, Recht und Gesetz durchzusetzen und dem nicht minder schwerwiegenden Selbstschutz, der zurzeit eben auch bedeutet, dass man sich tunlichst nicht anspucken lassen will. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es überhaupt keine bisher aufgetretenen Situationen gibt, die man als Blaupause verwenden und angemessen abwandeln kann.

Ich verstehe nicht, wie es möglich sein kann, dass Gesundheitspersonal, egal ob in Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Arztpraxen ständig am Anschlag arbeitet, auch öffentlichkeitswirksam nicht nur die Missstände anprangert, sondern auch Lösungsvorschläge anbietet, nicht viel mehr gehört wird. Oder weshalb sie vielleicht sogar gehört werden, aber niemand in die Hände spuckt und sagt „Dann gehen wir das jetzt an!“

Ich habe es oben schon erwähnt, ich gehe davon aus, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben, mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch mit anderen Gesundheitsbedrohungen. Dazu steht der Klimawandel wie ein Berg vor uns. Deswegen kann es doch keine Dauerlösung sein, die nächsten Jahre „auf Sicht“ zu fahren. Wir brauchen Ansätze, die es uns in der breiten Masse möglich machen, einigermaßen optimistisch in die Zukunft zu blicken, Kraft zu schöpfen und dann entschlossen die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.

Aber bitte doch nicht mit so schlecht nachvollziehbaren Entscheidungen, wie Urlaub auf Mallorca für die Kunden von Lufthansa, TUI und wie die großen Anbieter alle heißen, zu erlauben, aber nicht ein paar Tage frische Nord- oder Ostseeluft auf einem Campingplatz oder in der Ferienwohnung. Ganz davon abgesehen, dass die Spanier es vermutlich eher mittelmäßig gut finden, wenn Deutschland neue Infektionen auf die Insel schleppt, die Festlandspanier derzeit nur auf alten Urlaubsfotos betrachten dürfen.

Nicht mit Bundesligaprofis, die sich zum Torjubel in die Arme fallen, weil sie ja bestens getestet sind, aber ich soll meine Freundin nicht zum Trost umarmen, weil wir ja potenzielle Virenschleudern sein könnten!

Ein weiteres No Go sind MPKs, über deren Ergebnisse bereits drei Tage vorher in der Boulevardpresse spekuliert wird, weil einige Themen offenbar durchgesickert sind. Und dann, nach deren Ende, oft die Tinte unter den Vereinbarungen noch nicht trocken ist, ehe die ersten Ministerpräsidenten ausscheren und verkünden, dass sie es aber anders machen. Wen wundert es, dass sich immer mehr Menschen nicht repräsentiert fühlen und der Meinung sind, sie hätten es mit einem Hühnerstall zu tun, in dem zu viele Hähne krähen.

Sie haben Referenten in Ihren Ministerien. Referenten für Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Lesen die eigentlich genau, was auf den Plattformen geschrieben wird? Nicht nur die Shitstorms, sondern auch die vielen klugen und kreativen Vorschläge, die von Ärzten, Lehrerinnen, Einzelhandelskaufleuten, Gastronomen, Kunstschaffenden…, also von Leuten gemacht werden, die jeden Tag in ihrem jeweiligen Metier praktisch arbeiten oder das zumindest gerne tun würden?

Gibt es irgendwo eine (virtuelle oder körperliche) Riesenpinnwand, an der man alle diese Ideen sammelt und für ein Brainstorming verwendet? Wer kennt sich denn besser in den Lebens- und Arbeitsbereichen aus als diejenigen, die sie Tag für Tag leben?

Ein weiterer Pool, der meiner Meinung nach in dieser Situation angezapft werden sollte, ist die Opposition. In diesem Boot sitzen wir alle, warum nicht die, deren Job quasi das Meckern über die Regierung ist, in die Verantwortung holen? Mosern darf nur, wer mindestens eine gute Idee mitbringt, wie es besser geht.

Wenn wir als Land einigermaßen gut und vielleicht sogar noch etwas gestärkt und mit Resilienz aus dieser Situation herauskommen wollen, dann gelingt das nur, wenn möglichst viele über alle Sichtweisen hinweg mitmachen, sowohl bei der Expertise als auch bei allem, was zu tun ist. Die Möglichkeiten, ein breit gefächertes Schwarmwissen anzuzapfen, waren doch noch nie so groß wie heute!

So. Und nun können Sie meinetwegen milde lächeln und mich als spinnerte Sozialromantikerin abtun. Ich habe es ja auch relativ einfach, ich trage nicht Ihre Verantwortung. Im Übrigen weiß ich es zu schätzen, dass Sie die auf sich genommen haben.

Ich bin fest davon überzeugt: Wir können mehr erreichen als das, was derzeit läuft. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir dazu ein Stück von der deutschen Gründlichkeit und (so leid es mir tut, unserer Gesellschaft diese Eigenschaft zuzuordnen) Überheblichkeit abgeben müssen. Hier passt keine DIN-Norm, hier ist Kreativität und Innovationsgeist gefragt. Im Augenblick kommt allerdings eher Mutlosigkeit an. Schade.

Bitte: Seien Sie mutig.

Mit freundlichem Gruß

Ich habe diesen ganzen Sermon heute als Offenen Brief an die Staatskanzleien gemailt. Nachdem ich heute früh die Ergebnisse der MPK hörte und las, war mir zum Heulen zumute.

Ich begreife so einiges nicht mehr. Ich begreife nicht, warum es besser sein soll, wenn vor Ostern ALLE am Samstag einkaufen, weil Donnerstag die Geschäfte geschlossen sind. Ich verstehe nicht, warum der Flieger nach Mallorca besser ist als der Strandspaziergang an der See oder eine Wanderung durch Eifel oder Heide.

Eben bekamen wir die Mitteilung, dass in der Schule ab morgen wieder Distanzunterricht ist. Dann werden wenigstens die Tests gespart, die natürlich erst am Freitag im Lauf des Tages dort angekommen waren. Nach Ostern wird es ja vermutlich irgendwann wieder losgehen.

Nur weil Anfang März der Mut nicht reichte, um zu sagen: „Wir halten jetzt noch bis zu den Osterferien die Füße still“ ? Was jetzt kommt, war doch mit Ansage. Und auch deswegen, weil (da müssen wir uns vermutlich so ziemlich alle ein wenig an die Nase fassen) wir unbedingt unsere „Freiheit und Selbstbestimmung“ zurück haben wollten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir müssen langsam wieder öffnen. Einen Bereich nach dem anderen, mit genauer Beobachtung, was passiert. Wir brauchen Perspektiven.

Was aber nicht geht, sind Szenen wie am Samstag in Kassel. Immer wieder heißt es, wir müssten doch denen, die nur ihre Freiheit verteidigen wollen, mit Verständnis begegnen. Aber nicht, indem man sämtliche Regeln bricht und nicht im Schulterschluss mit Antidemokraten!

Ganz klar gesagt: Ich habe nicht nur Freiheit, sondern auch die Verantwortung für meine Kinder, den Ehemann, den Rest der Familie. Und ich könnte kotzen, wenn ich wegen diverser chronischen Erkrankungen bei mir (gleich drei Risikofaktoren) und in der Familie vorsichtig bin und deswegen als Schlafschaf bezeichnet werde.

Deswegen habe ich mir die Mühe gemacht und die Email-Adressen der Staatskanzleien rausgesucht. Bremen und Hamburg habe ich aufgegeben, da hab ich mich auf den Homepages verfranst. Weil meine bescheidene Möglichkeit der Einflussnahme ist, meinen Frust kundzutun, relativ höflich, aber bestimmt. Mal sehen, ob sich jemand zurückmeldet…

Über Pest, Cholera und verbale Abrüstung

Die Nerven werden stündlich dünner. Seit einem Jahr begleiten uns Unsicherheiten und Widersprüche auf Schritt und Tritt.

Nur ein paar Beispiele:

  • Erst hieß es, Masken nützen nichts, dann wurde diese Einschätzung revidiert und über den Umweg Alltagsmasken landeten wir beim heutigen Stand. (Ich weiß, dass Wissenschaft eine lebendige Sache ist, die von Erkenntnisgewinn lebt. Das ist nicht mein Problem.)
  • Ein und dieselbe Maßnahme ist den Einen zu lasch, den Nächsten zu restriktiv.
  • Der Inzidenzwert, der uns als Grenzwert genannt wurde, lag zunächst bei 50, dann bei 35 und jetzt ist er bei 100 (und wie es aussieht, hat diese Zahl 100 ziemlich unterschiedliche Interpretationen in einigen Bundesländern).
  • Wird regional entschieden, gibt es Regelwirrwarr und einen Geschäftstourismus aus Risikogebieten in Nicht-Risikogebiete. Wird deutschlandweit entschieden, ist das wie Sippenhaft.
  • Schützen wir durch AHA-L und vor allem durch das Impfen zunächst die vulnerablen Gruppen, bleibt die Infektiosität bei den jüngeren und aktiveren Menschen hoch, aber die Sterblichkeit sinkt (zunächst). Impfen wir aber bevorzugt diejenigen, die in der Öffentlichkeit arbeiten, sinkt die Infektrate, aber die Sterblichkeit bleibt höher.
  • Schicken wir die Kinder in Schulen und Kitas, steigt neben ihrer psychischen Gesundheit aber andererseits das Infektionsrisiko, das sie unter anderem in ihre Familien tragen können (was die Kids dann durch Schuldgefühle auch wieder belasten kann). Lassen wir sie zu Hause, steigt die (Mehrfach-) Belastung im familiären Umfeld.

Wir haben also so gesehen in vielen Fällen die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen. In jedem Fall hat jede unterschiedliche Ansicht ihre Berechtigung aus der Sicht Betroffener. Es ähnelt der Quadratur des Kreises. Als letztes Jahr um diese Zeit der erste Lockdown verkündet wurde, meinte ich zu Edgar: „Die werden machen können, was sie wollen, es wird immer falsch sein!“ Ich hätte mir gewünscht, mit dieser Aussage nicht ins Schwarze getroffen zu haben. Wisst ihr was, ich bin heilfroh, dass ich „nur“ Verantwortung für meine Familie und mein persönliches Umfeld habe. Ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Haut stecken von jemandem, der in der Position steht, mit seinen Entscheidungen auch über Gesundheit, berufliche Existenz, Bildungserfolg oder andere Lebensbereiche von 80 Millionen Menschen Verantwortung zu übernehmen.

Es ist unbestreitbar nicht nur vieles gut gemacht worden bisher, sondern es sind auch einige Dinge ganz gewaltig daneben gegangen, häufig übrigens gar nicht mal durch die Entscheidungen selbst, sondern entweder über schlechte Kommunikation oder durch die Tatsache, dass eine Runde von 17 Menschen etwas beschließt und mindestens die Hälfte davon etwas ganz anderes macht, oft schon, bevor die Tinte unter den Vereinbarungen trocken ist! Da ist es dann irgendwann kein Wunder mehr, dass die Regierten abschalten.

Das alles ist schon schwierig genug. Aber was mir so richtig gewaltig auf den Keks geht, ist die von Kriegsvergleichen und verbalen Waffen strotzende Rhetorik. Meist übrigens von den Herren der Schöpfung. Dabei ist es eigentlich sogar egal, ob sie auf der Regierungsbank oder in der Opposition sitzen. Die Damen sind da etwas feinfühliger mit der Wahl der Worte, aber insgesamt wünsche ich mir von allen Seiten einen sachlicheren Umgang. Ich wäre außerdem sehr dafür, dass man die Oppositionellen nicht nur Kontra geben lässt, sondern sie auffordert, mit konstruktiven Beiträgen zur Lösung einiger Probleme beizutragen. Denn in dieser Pampe sitzen wir alle gemeinsam!

Und nein, ich kann auch kein bisschen Verständnis dafür aufbringen, dass einige Politiker so dreist sind, diese Pandemie dazu ausnutzen, sich zu bereichern. Da wird noch ein langer Weg notwendig sein, Vertrauen wiederherzustellen, obwohl davon auszugehen ist, dass die meisten Parlamentarier ordentlich arbeiten.

Was mich in den letzten Tagen zunehmend befällt, ist ein wachsendes Gefühl der Hilflosigkeit. Mein Optimismus verkriecht sich stundenweise in ein Schneckenhaus. Ich bin ratlos, wenn ich sehe, dass Menschen, mit denen ich schon gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, den Weg des Konsens verlassen und nur noch schwarz oder weiß sehen. Ich möchte auch manchmal ausbrechen, aber wohin? Also mache ich weiter, ich mag unsere demokratische Gesellschaft nicht aufgeben, ich möchte mein Zutrauen nicht verlieren, dass wir gemeinsam eine ganze Menge schaffen können, und ich möchte mein Vertrauen in manche bisherigen Weggefährten nicht wegwerfen, aber ich habe auch Angst vor manchen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Nein, Angst trifft es auch nicht ganz. Es ist eher ein Gefühl der Ohnmacht.

Ein Gefühl von Verlust. Verlust einer Gesellschaft, die von Gemeinsamkeit und Aufbruch, aber auch von einem moralisch-ethischen Kompass geprägt ist. Hin zu einer Zusammenrottung von Individuen, die nur ihren eigenen Vorteil zum Maßstab ihres Handelns machen. Ach Scheibenhonig, ich will das nicht. Ich möchte mich viel lieber fröhlich auf den Frühling freuen.

An alle, die bis hier durchgehalten haben: danke fürs Auskotzen dürfen. Es wird schon wieder.

Selbstbild(nis)

Heute gibt es mal wieder eine kleine Presseschau. Im „Panorama“-Teil unserer Tageszeitung (daher möglicherweise auch in vielen anderen Tageszeitungen) steht ein Artikel über den neuesten Trend bei Schönheitsoperationen, vor allem in den USA (und damit ist schon fast vorprogrammiert, dass es über kurz oder lang hier ankommen wird):

Durch Lid- und Halsstraffung, Hautglättung per Laser, Botox-Spritzen und das Entfernen von Tränensäcken mehr „Zoom-Selbstvertrauen“. Menschen sehen sich das erste Mal „live in action“, wenn Besprechungen nur noch am Bildschirm stattfinden. Und sie halten es mit sich selbst nicht aus.

Wie kommt das zustande? Ich denke mal, es ist wichtig und richtig, dass wir ein positives Bild von uns selbst haben. Und wann schauen wir uns im Spiegel an? Meist doch dann, wenn wir uns „präsentabel“ machen. Beim Rasieren, Zähneputzen, Schminken. Aber in diesen Situationen sind wir hochkonzentriert, uns nicht das Gesicht zu zerschnippeln, alle Zahnbeläge weg- und stattdessen den Lidstrich genau in der richtigen Stärke hinzubekommen.

Hier gibt es keine anderen, die eine Personalbeurteilung abgeben, eine flapsige Bemerkung über eine Marketingkampagne machen, eine politische Berichterstattung kommentieren. Also solche Situationen verursachen, bei denen wir im Gespräch nach Luft schnappen, das Gesicht verziehen oder sonst irgendwie spontan unserer Gefühlsregung Ausdruck verleihen. Und normalerweise sehen wir uns selbst nicht, wie wir in diesen Augenblicken aus der Wäsche gucken. Zoom, Teams oder wie die ganzen Apps heißen, sorgen aber dafür, dass wir in diesen Momenten nicht nur mit den Reaktionen unserer Mitmenschen konfrontiert sind, sondern uns selbst quasi von außen beobachten. Und das ist oft schwierig, denn ein Stück weit zerbricht dabei unser Selbstbild. Wir sind vielleicht nicht immer so eloquent und kommen nicht so souverän rüber, wie wir es uns wünschen. Aber bis 2020 wurden wir damit eher auf Videos von Familienfeiern konfrontiert, also im Umgang mit Leuten, die uns von klein auf kennen. Und konnten es vielleicht auch noch auf zu reichlichen Alkoholkonsum schieben. Jetzt sehen wir, dass wir auch im beruflichen Umfeld manchmal etwas schräg oder unbeholfen wirken, und durch die Live-Umgebung besteht nicht einmal die Möglichkeit, mit Photoshop oder Filter-Apps zumindest einen (vermeintlich) ästhetischeren Anblick zu liefern.

Dazu fällt mir eine Frage ein: Die meisten Menschen, die uns über Zoom zu sehen bekommen, kennen uns doch schon länger auch persönlich. Und sie arbeiten trotzdem (oder gerade deswegen?) immer noch mit uns zusammen, ob an großen Projekten oder in ehrenamtlichen Kreisen. Wir können davon ausgehen, dass sie nicht bei jeder Begegnung darüber nachdenken, wann wir endlich mal was gegen unsere unerträglichen Schlupflider unternehmen oder dass an den Falten an unserem Hals unser wahres biologisches Alter zu erkennen ist.

Oder machst DU das permanent mit deinen Gesprächspartnern? Wenn zu viele von uns auf diese Frage mit „Ja“ antworten, dann haben wir als Gesellschaft allerdings ein Problem, das auch mit Skalpell und Botox nicht zu lösen ist.

Sehr wichtig hierbei: Mir ist durchaus bewusst, dass es nicht wenige Menschen gibt, die unter ihrem Aussehen sehr leiden. Sei es, weil sie von Geburt an unter bestimmten körperlichen Merkmalen leiden, die nicht alltäglich sind oder weil sie als Unfallfolgen oder ähnliches mit Entstellungen zu kämpfen haben. Für diese Menschen ist die kosmetische Chirurgie ein Segen. In diesem Beitrag spreche ich von Menschen mit einem ganz durchschnittlichen (normal trifft es nicht, auch durchschnittlich ist etwas schief, aber ich hoffe, ihr wisst was ich meine) Aussehen, bei denen ich es einfach schade finde, wenn sie sich so stark von Äußerlichkeiten lenken lassen, dass sie einen Teil ihrer gelebten Geschichte wegmachen lassen. Menschen, die mitten im Leben stehen, beruflich etabliert sind und in ihre persönlichen Netzwerke eingebunden.

Ich möchte anregen, darüber nachzudenken, warum wir so auf Eigenwirkung programmiert sind. Eine meiner Baustellen in dem Bereich ist übrigens: auf Fotos, wo ich mich unbehaglich fühle, wirke ich verkniffen. Fotos, die extrem gute Laune bei mir zeigen, zeigen eine Frau, die beim herzhaften Lachen Ähnlichkeit mit einem flehmenden Pferd aufweist. Gegen beides kann ich auch mit Chirurgie nichts ausrichten, das gehört einfach zu mir wie meine unperfekten Zähne. Deswegen mag ich Bilder von mir, auf denen ich erstens unbemerkt fotografiert wurde und zweitens ich mit mir selbst im Reinen bin oder mich in einem Umfeld bewege, wo ich die Menschen und die Thematik kenne.

Im beruflichen Umfeld heißt das: Wo ich mich in der Materie auskenne und Urteilskraft habe, da wirke ich unabhängig von der Stirnfalte und der etwas knolligen Nase kompetent und hoffentlich einigermaßen sympathisch. Wenn ich mit faltenfreiem Gesicht und Zahnpastareklamelächeln Stuss erzähle, bleibt es trotzdem Stuss und ich kann wetten, dass mindestens einer in der Runde das auch klar erkennt.

Alles muss sich ändern…

„…damit alles bleibt, wie es ist.“ Dieser Satz stammt aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa und beschreibt den Übergang zwischen Adelsherrschaft und Demokratie im Italien des 19. Jahrhunderts. Klingt vielleicht paradox, aber in einer Welt des Umbruchs kann nur Wandel zu einer Konstanten führen.

„Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden.“ sagte Sokrates. Gilt für Politiker genauso wie für manche Geschwister im Glauben.

Wer es eher mit Filmzitaten hält, kennt vielleicht dieses: „Wenn ich mich ändern kann, dann könnt ihr euch auch ändern, dann muss sich die ganze Welt ändern können.“ Das sagte der Boxer Rocky Balboa, dargestellt von Sylvester Stallone in den „Rocky“-Filmen. Finde ich weise, denn Veränderung kann nie nur eine einseitige Sache sein. Pingpong besteht eben immer sowohl aus Ping wie auch aus Pong.

Stephen Hawking wiederum konstatierte: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen.“ Naja, hört sich etwas elitär an, aber so eine Art Basisintelligenz setze ich mal voraus.

Ich halte es nach Möglichkeit und Kräften (und da, wo es mir wirklich wichtig ist) am liebsten mit Mahatma Gandhis Wahlspruch „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Wohl wissend, dass es eine oftmals kräftezehrende Sache ist, ist es aber in einer Demokratie genau das, was meine Möglichkeit ist: Für Veränderungen aktiv und konstruktiv arbeiten, nicht nur meckern. Rein verstandesgemäß weiß das vermutlich fast jeder, aber die Umsetzung ist eben mühsam.

In der Realität habe ich es häufig eher mit „Alles soll sich ändern, aber bleiben, wie es ist“ * zu tun und ich finde das äußerst frustrierend. Dabei ist es eigentlich ziemlich egal, ob es sich um Kommunalpolitik, gesellschaftliche Debatte, Klimaschutz oder Gemeindearbeit handelt, die Beharrungskräfte für den vermeintlichen Status Quo sind überall groß. Ich habe verschiedene Facetten ja auch hier im Blog schon thematisiert.

Ich frage mich manchmal: Die Menschen, die sich nichts so sehr wünschen wie den Erhalt des jetzigen Zustandes, sind die sich bewusst, dass eben dieser Zustand, der für sie eine gemütliche Umgebung darstellt, die sie nicht verlassen möchten, andererseits für andere Menschen eine unbequeme Situation darstellt? Ein Hinnehmen einer Umgebung, die ihnen Unbehagen verursacht, schmerzlich ist oder sogar den Zugang zu einer Teilhabe verwehrt, die ihnen eigentlich auch zusteht? (Was ist überhaupt der jetzige Zustand? Im Moment, wo ich das Wort „jetzt“ schreibe, ist es schon wieder Vergangenheit.) Ist es den Beharrlichen, so will ich es einmal positiv benennen, egal, dass ihre Beharrlichkeit für Menschen mit anderen Bedürfnissen verletzend sein kann, wenn sie so weit geht, dass sie Normen diktiert, die vermeintlich den einzig richtigen Weg markieren?

Nun ist auf der anderen Seite aber auch die Veränderung selbst kein absoluter Wert. Natürlich gibt es Traditionen, gesellschaftliche Normen und Tabus, die unbedingt sinnvoll sind und die sich unter anderem in Gesetzen und Chartas niederschlagen (Grundgesetz, Charta der Vereinten Nationen, UN-Menschenrechtskonvention…). Es ist eine große Errungenschaft, dass man über Menschenrechte nicht immer wieder neu verhandeln muss. Das tägliche Miteinander allerdings, die Art und Weise, wie wir es ausgestalten und mit Leben füllen, das muss immer wieder neu ausgehandelt werden, anders ist keine Weiterentwicklung möglich. Auch unsere Vorfahren haben das immer wieder machen müssen, leider oft durch kriegerische Auseinandersetzungen, blutige Revolutionen oder Kirchenkämpfe. Die Herausforderung ist, friedlich und inklusiv eine Balance aus Bleiben und Weitergehen zu erzielen.

Einen hab ich noch: „Den Fortschritt verdanken wir den Nörglern. Zufriedene Menschen wünschen keine Veränderung!“    H. G. Wells, seines Zeichens Soziologe, Historiker und Schriftsteller, nicht nur von Science Fiction-Romanen.

*Zeile des Liedes „Das war schon immer so“ von Duo Camillo, bezieht sich auf die mühselige Arbeit des „Klavierschiebens“ in Kirchengemeinden. „Klavierschieben“ ist ein Synonym dafür, Veränderungen langsam und leise zu etablieren, also bildlich gesehen das Klavier nicht von einer Woche auf die andere im Altarraum auf die gegenüberliegende Seite zu bugsieren.

Ansage zum Schluss: Ich werde an dieser Stelle keine Diskussion zulassen um beschnittene Grundrechte, falsche Corona-Politik oder irgendwelche Verschwörungen! Deshalb behalte ich mir vor, Kommentare in dieser Richtung zu löschen. Es gibt unbestritten einiges, was in dem Bereich, der uns seit einem Jahr im Bann hält, schief gelaufen ist, mir geht es aber um gesellschaftliche Bereiche, die unser gemeinsames Leben außerhalb von Corona betreffen, und das schon lange und auch in Zukunft!

Ostern kommt näher…

…und ich habe mal ein paar Kleinigkeiten ausprobiert. Die Mug Rugs haben schon vor Weihnachten mit entsprechenden Motiven guten Absatz gefunden. Am besten gefallen mir die ganz kleinen Körbchen, da passen auch ein paar edle, frühlingsfrische Pralinen hinein (die man in der Buchhandlung, in der ich arbeite, in ein paar Tagen wieder kaufen kann🥰).

Wenn nur das händische Annähen der Knöpfe nicht so kniffelig wäre, meine rechte Hand hat da leider manchmal so ganz eigene Vorstellungen, was sie mit der Nähnadel anfangen will: wahlweise fallenlassen oder in meinen linken Daumen stechen… Naja, ein bisschen Verlust hat man immer.

Kognitive Dissonanz

Definition laut Gablers Wirtschaftslexikon (hier der Link)

  1. Begriff: Kognitionen sind Erkenntnisse des Individuums über die Realität. Einzelne Kognitionen können in einer Beziehung zueinander stehen. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn zwei zugleich bei einer Person bestehende Kognitionen einander widersprechen oder ausschließen. Das Erleben dieser Dissonanz führt zum Bestreben der Person, diesen Spannungszustand aufzuheben, indem eine Umgebung aufgesucht wird, in der sich die Dissonanz verringert oder selektiv Informationen gesucht werden, die die Dissonanz aufheben.
  2. Beispiel: Das Wissen über ein erhöhtes Krebsrisiko kann bei Rauchern kognitive Dissonanz hervorrufen, denn die positive Einstellung zum Rauchen steht im Widerspruch zu den unerwünschten Konsequenzen.
  3. Möglichkeiten der Dissonanzreduktion:
    (1) Vermeidung von kognitiver Dissonanz durch Nichtwahrnehmung oder Leugnen von Informationen;
    (2) Änderung von Einstellungen oder Verhalten (Verzicht auf das Rauchen, Abwerten der Glaubwürdigkeit medizinischer Forschungsergebnisse);
    (3) selektive Beschaffung und Interpretation dissonanzreduzierender Informationen (z.B. ein starker Raucher wurde 96 Jahre alt).
    […]

Warum mute ich euch so einen drögen Stoff zu? Weil wir alle immer mal wieder davon betroffen sind und ich in den letzten Monaten das Gefühl habe, dass diese Wahrnehmungslücken zu einer Art Volkskrankheit werden.

Vorweg: auch ich ärgere mich über handwerkliche Schludrigkeiten in der Art, dass zum Beispiel spätestens zwei Tage vor einer MPK die möglichen Ergebnisse derselben bereits in der vielfältigen Medienlandschaft ausgebreitet und diskutiert werden, ehe überhaupt etwas beschlossen ist. Ebenso, dass die Halbwertszeit der Einigung in den Konferenzen immer kürzer wird und Stunden später ein Bundesland nach dem anderen erklärt, was es denn alles anders macht als die anderen. Das Hauptproblem ist noch vor der Glaubwürdigkeit, die aufs Spiel gesetzt wird, aber vor allem die be…scheidene Kommunikation, die einfach nicht wahrhaftig wirken kann.

Die Frage ist nur, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Ich kann mich natürlich in einen Schmollwinkel zurückziehen, nur noch News- und Infoportale aufsuchen, die mich in meiner Sicht bestätigen und mich in dem Unglück suhlen, dass um mich herum nur unfähige, korrupte und menschlich völlig verwahrloste Leute in Entscheidungspositionen sitzen.

Ich kann aber auch ganz anders an die Sache herangehen und mir überlegen, dass die überwiegende Zahl der PolitikerInnen, ÖkonomInnen und sonstigen EntscheiderInnen einfach nur versucht, ihren jeweiligen Job gut zu machen. Und dass sie dabei häufig nicht nur dem ganz normalen Risiko von Versuchungen und Fehleranfälligkeit ausgesetzt sind wie Otto und Luise Normalverbraucher, denen eben nicht mal im Gang ein Lobbyist mit schicken Vergünstigungen winkt. Ohne Frage gibt es Menschen, die ihre wichtigen Positionen missbräuchlich ausfüllen, aber die große Masse besteht nicht aus diesen, wir nehmen sie nur mehr wahr, weil sie in der Öffentlichkeit viel mehr Resonanz haben.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Mehrheit der Menschen rein verstandesgemäß weiß, dass es so ist (sonst dürfte man keine Kopfschmerztabletten mehr einnehmen, kein Auto mehr fahren, keine Konsumgüter mehr einkaufen…), dann frage ich mich wirklich, warum wir uns von den Negativbeispielen oft so viel mehr beeinflussen lassen als von allem, was gut läuft.

Außer beim Klima, da sollten wir viel alarmierter sein, lassen uns aber nur zu gern von lobbygesteuerten Beschwichtigungen einlullen (klar, da geht es ja auch um Verhaltensänderungen bei uns selbst, nicht bei anderen).

Fun Fact und aktuelles Beispiel für kognitive Dissonanz: Im Vorfeld der Terra X-Folge vom 28. Februar machte das Team auf Instagram eine Umfrage zum Thema Biofleisch. Vorweg brachten sie die Info, dass der allergrößte Anteil des verkauften Fleisches in Deutschland (ich habe mir die genaue Zahl nicht gemerkt, es war aber jedenfalls über 80%), aus konventioneller Landwirtschaft und Haltungsform stammt. Dann wurden die Leser gefragt, was für Fleisch sie kaufen: 98% der Teilnehmer kaufen demnach Biofleisch. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Entweder nahmen kaum Käufer von Preiskampf-Fleisch an der Umfrage teil, oder die Antworten fielen anders aus als die Kaufentscheidungen. Vermutlich von beidem etwas. Ich ziehe es zum Beispiel auch vor, Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen, fahre dafür auch neuerdings zu einem Hof, auf dem Mutterkuhhaltung, und zwar meist auf der Weide, betrieben wird und kaufe dort ein Sechzehntel Rind plus Knochen für Suppe und die Hunde. Eingefroren reicht das dann für mindestens ein halbes Jahr. Aber für das bisschen Aufschnitt, das wir in der Familie mit zwei fleischessenden Personen benötigen, lohnt es sich meist nicht, ihn in so großen Mengen zu kaufen, dass sich die Fahrt zum Hofladen rentiert, denn der ist nicht um die Ecke.

Auch ich bin also, wenn ich eine solche Umfrage beantworten will, in einer Zwickmühle: Antworte ich realistisch oder idealistisch? Oder liegt das Problem darin, dass die Umfrage nur ein „entweder-oder“ zulässt und kein „sowohl-als auch“?

Im Endeffekt bin ich jedenfalls dafür, nicht nur andere, sondern auch sich selbst immer mal wieder zu hinterfragen. Nicht mit einem inneren Tribunal, sondern mit Ruhe und einer gewissen Demut.