U18

Keine Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt. Nicht der Name eines U-Bootes. Und auch keine Nachfolgeband von U2. Sondern eine Bevölkerungsgruppe, die auf dem Papier zumindest noch nicht erwachsen ist. Eine Bevölkerungsgruppe, die sehr vieles von dem wird ausbaden müssen, wozu wir, die etablierten, reflektierten und stets ausgewogen urteilenden Erwachsenen nicht den Mut haben, es zu ändern.

Zurzeit laufen bei uns die U18-Wahlen. Und ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Gleichzeitig fordern immer mehr Parteien, Organisationen und Privatleute die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Des aktiven Wahlrechts, wohlgemerkt. Die Unterschiede zwischen aktivem und passivem Wahlrecht sind nicht immer jedem klar, aber hier können sie nachgelesen werden.

Wann immer Medien über diese Forderung berichten, kann man aus den Kommentarspalten vieles über den Zustand unseres Landes und seltsame Stilblüten des Demokratieverständnisses herauslesen. Wenn ich da solche Kommentare lese wie: „Dann müssen sie aber auch mit 14 Jahren die volle Härte des Strafrechts spüren!“ als Antwort auf „Wenn man mit 14 strafmündig wird, warum soll man dann nicht wählen dürfen?“ Zack! Schwarz oder weiß. Grau existiert nicht.

„Die haben doch noch gar keine Lebenserfahrung. Die wählen doch nur, was ihnen jetzt gerade wichtig ist!“ Ja, aber dafür haben sie noch eine entsprechend hohe Lebenserwartung. Oder vielleicht auch bald nicht mehr? Und seit wann wählen die meisten Menschen in die Zukunft? In eine lebenswerte für alle Generationen? Wenn die Wahlentscheidungen tatsächlich in die Zukunft weisen, dann heißt dieser Wegweiser zu häufig „Besitzstandswahrung“. Und es spricht nicht gerade für einen weiten Erkenntnishorizont oder eine besondere Qualität von Lebenserfahrung, dass wir noch zu häufig bereit sind, uns in die Tasche lügen zu lassen oder es sogar selbst zu tun, dass alles immer so weitergehen kann, ohne negative Konsequenzen.

Ein Beispiel, das mit Wahlen nichts zu tun hat, aber mit Lebenserfahrung: Die Verkäuferin an der Käsetheke meinte gestern entschuldigend zu mir, dass sie leider gerade nur kleine Goudascheiben abschneiden könne, denn der Käselaib gehe dem Ende zu. (Ist das nicht toll, der Käse wurde tatsächlich verkauft!!!) Auf meine erstaunte Antwort, selbstverständlich, Käse sei doch Käse und kleine Scheiben schmeckten schließlich genauso gut wie große, meinte sie erfreut, aber leicht resigniert, es gäbe halt sehr viele Leute, meist im Alter zwischen 50 und 70, die fänden es unter ihrer Würde, kleine Käsescheiben zu kaufen, die sähen dann auf der Aufschnittplatte so arm aus. Menschen, die mit dem Anspruch ihrer Eltern nach dem WW2 aufgewachsen sind „Mein Kind soll es einmal besser haben als ich“, empfinden es offensichtlich nicht gerade selten als ein Grundrecht, üppige Speisetafeln zu präsentieren.

Ja, ich weiß, das ist überspitzt dargestellt, nicht jeder „Boomer“ ist so, ich gehöre ja selbst noch dazu, aber ich stamme aus einem Haushalt einer selbstständigen Familie, wo wir zwar immer unser Auskommen hatten, aber uns dafür auch manchmal nach der Decke strecken mussten. Und noch vieles im Garten selbst angebaut wurde, nicht nur, weil es meiner Mutter Spaß machte und ihr „Erfüllung“ oder ein Achtsamkeitserlebnis brachte, sondern vor allem Geld sparte.

Ich weiß auch, dass es 16-jährige gibt, die nur Party, Saufen, Poppen und Spaß im Kopf haben. Solche gibt es aber auch zuhauf bei 33-jährigen Junggesellenabschiedsabsolventinnen, Midlifecrisisgeplagten echten und falschen Fuffzigern, Neurentnern („jetzt nochmal richtig einen draufmachen, so jung kommen wir nie mehr zusammen“) und allen Altersgruppen dazwischen. Wenn man die Wahlfähigkeit daran festmachen will, wie ernsthaft man sein Leben gestaltet, dann weiß ich echt nicht, wo da die roten Linien Schlange laufen sollen.

Bei unseren Kinderfreizeiten und Kinderbibelwochen haben wir jedenfalls jugendliche Mitarbeiter direkt nach ihrer Konfirmation eingeladen, parallel zur möglichen Schulung auf die JuLeiCa (Jugendleitercard) bekamen sie so ihre ersten, durchaus verantwortungsvollen Aufgaben, betreuten Kleingruppen, stellten abendfüllende Programme auf die Beine und wuchsen im Zeitraum von mehreren Jahren in immer größere Verantwortung für die ihnen anvertrauten Kinder hinein. Und die Eltern der Kinder, die mit uns unterwegs waren, wussten das. Sie vertrauten darauf, dass die Jugendlichen ihre „Jobs“ ordentlich machten und durch uns erwachsene Mitarbeiter gründlich angelernt wurden.

Mit Vertrauen geht so unendlich vieles. Auch U18-Wahl!

Wanderung am Morgen

Bisschen krakelig, aber so ungefähr bin ich gelaufen, im Nachhinein konnte ich es rekonstruieren.

Nachdem gestern früh ein leichter Hochnebel über unserer Gegend lag, beschloss ich, heute früh ins Hiller Moor zu fahren. Und zwar auf die mir bisher unbekannte Westseite. Von dort, vom Aussichtsturm, wollte ich den Sonnenaufgang über dem Moor fotografieren, so stellte ich es mir vor, eben mit diesem wunderschönen, zarten, herbstlichen Hochnebelschleier. Richtig schön kitschig-romantisch. Dachte ich zumindest.

Heute um kurz nach Sechs fuhr ich los, mit zwei Kameras im Gepäck, weil ich sie mal vergleichend nutzen wollte. Meine altbewährte Sony Alpha 37 mit Alltagsweitwinkelobjektiv, dazu die (für mich immer noch) neue Canon 250D mit einem „kleinen“ 270er Teleobjektiv, das ich gerade zum Ausprobieren habe. Das große Tele für die Sony kann ich überhaupt nicht benutzen, das krieg ich im Augenblick nicht mal angehoben. Und für wackelfreie Fotos brauche ich dann sowieso das Stativ. Außerdem hatte ich mich mit Kaffee in meinem Thermobecher bewaffnet.

Es dauerte nicht lange, festzustellen, dass der leichte Hochnebel von gestern heute früh seinen sehr großen Bruder, den Hulk unter den Frühnebeln, geschickt hatte. Und dass es nicht sehr günstig ist, in einer solchen Pampe eine Strecke zu fahren, die man zumindest im letzten Drittel noch nie gefahren ist… Aber ich bin tatsächlich angekommen, an meinem Ausgangspunkt, dem NABU Besucherzentrum Moorhus zwischen Gehlenbeck und Frotheim. Habe mir dort die „Lauschtour“-App aufs Handy geladen und GPS eingeschaltet, weil es so neblig war, dass ich kaum 50 Meter Sicht hatte. Die vielen Tautropfen, die ich im Nebel überlaut von den Bäumen tropfen hörte, machten aber wunderbare, filigrane Bauwerke sichtbar:

Auf dem dritten Foto erkennt man in der Mitte diagonal einen einzelnen Spinnfaden, der sich wie eine Seilbahn von einem hohen Baum links des Weges zu einem Brombeergebüsch auf der rechten Seite schwang. Da muss jemand mit viel Anlauf Tarzan gespielt haben. Natürlich habe ich mich darunter durch geduckt, ich mochte dieses Werk nicht zerstören. Auf dem Rückweg war es immer noch heile, obwohl mir inzwischen mehrere Menschen mit Hunden entgegengekommen waren. Schön, dass die auch so vorsichtig waren.

Auf dieser Seite des Moores, so erzählte mir die App, herrscht Niedermoor und Bruchwald vor. Früher wurde hier Torf abgebaut, vor allem für die ostwestfälischen „Bauernbäder“, so genannt, weil es keine mondänen Kurorte waren wie Bad Oeynhausen oder Bad Pyrmont, sondern es waren kleine Kurbäder auf den Dörfern rundum, wo auch die Landwirte auf kurzem Weg ihre Zipperlein kurieren lassen konnten. Die Heilkraft des Moores, hier häufig auch mit Schwefel angereichert (natürlich), ist schon lange bekannt. An zwei Stellen nahm ich auch deutlichen Schwefelgeruch wahr.

Ein Stück weiter bleibe ich stehen, mitten im Bruchwald, atme tief ein. Und wünsche mir Geruchsfotografie. Ein sehr würziger, holziger und nasser Geruch hängt in der Luft. Nicht zu vergleichen mit dem Giftcocktail, den ich gestern auf dem Fahrrad an der Bundesstraße einatmen musste. Kühl, feucht, ruhig ist dieser Morgen, der Nebel dämpft die Geräusche von den Straßen rund ums Moor, wo langsam der Berufsverkehr beginnt. Irgendwo fliegt laut rufend ein Fasan auf. Eine Gang Eichelhäher mischt mit lautem Gekrächze die Ruhe auf.

Vom Westturm aus sehe ich … nicht den erwarteten Sonnenaufgang, sondern Nebel, nichts als Nebel. Naja, ein bisschen Landschaft im Vordergrund. Als ich wieder runterkomme vom Turm, entdecke ich (weil ich mich auf die unmittelbare Nähe konzentrieren muss) Schnecken beim Frühstück.

An einer Kreuzung sagt die App, dass ich links abbiegen soll. Links ist erstens der Weg mit einem Schlagbaum abgesperrt und wird zweitens auch immer morastiger. Ich denke mir, dass es seinen Grund hat, wenn im Naturschutzgebiet Wege gesperrt sind, und gehe nach rechts. Mal sehen, wo ich rauskomme. Zur Not kann ich immer noch denselben Weg zurücklaufen.

Verwunschen. Hier tanzen bestimmt Wassermänner und Nixen…

Im Nebel trügen auch Geräusche. Leise wollte ich mich an einen Fasan heranschleichen, den ich in einem Brombeergestrüpp vermutete. Es war eine Henne, und als ich sie gerade bemerkte, flog sie auch schon weg – von ihrem Ausguck auf einem hohen Ast. Sie hatte mich eher gesehen als umgekehrt. Inzwischen bin ich auf einem Fahrdamm für die Landwirtschaft unterwegs. Es gibt eine Moorschäferei und auch Galloways beweiden extensiv Teile des Moores, damit sich nicht zu viele Bäume im Hochmoor breitmachen.

Ich denke beim Laufen darüber nach, dass dieses nicht die Wanderung geworden ist, die ich geplant hatte. Nicht mal mein Kaffee hält, was er verspricht, denn er schmeckt intensiv nach Pfefferminztee. Ich hatte ganz vergessen, dass ich vor der OP immer Kräutertee mit zur Arbeit genommen hatte. Bäh! Oh, ich bin wieder in einem Terrain angekommen, wo die App etwas zu sagen hat: Ich soll mal wieder links abbiegen (dieses Mal ist da tatsächlich ein Weg, der den Namen verdient) und dem Weg folgen. Na gut.

So grob weiß ich, dass ich mich wieder Richtung Ausgangspunkt bewege, immerhin etwas.

Zwischendurch entdecke ich Formationen im Nebel, die mich verstehen lassen, wieso die Menschen früher bei Nebel im Moor Ängste ausstanden. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich übrigens um einige dürre Sträucher, die sich in der Hauptwindrichtung ducken:

Mit etwas Phantasie kann man ein galoppierendes Pferd oder einen heulenden Wolf erkennen, je nachdem, wovor man sich mehr gruselt…

Von der offenen Landschaft bin ich inzwischen wieder im Wald. Und ich staune und freue mich, dass mein Weg so anders geworden ist als ich es geplant hatte. Denn diese alte Allee der Kopfweiden hätte ich sonst nie entdeckt. Was für Bäume!

Außerdem bemerke ich, dass ein Blick zurück auf den bereits gegangenen Weg häufig lohnt, um Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Denn das letzte Stück des Weges gehe ich wieder so zurück, wie ich gekommen bin. Und die Moorteiche bieten einen total anderen Anblick als auf dem Hinweg.

Was ich bei dieser Wanderung erfahren habe:

  • Nimm nie Kaffee mit in einem Becher, der vorher für Kräutertee benutzt wurde. Er erweist sich dann als unnötiger und geschmackloser Ballast.
  • Man geht nicht immer die Wege, die man geplant hat, aber wenn man sich mit ihnen anfreundet, lohnen sie sich oft.
  • Wenn wir eingefahrene Wege und Denkmuster verlassen, lernen wir viele neue Dinge und erweitern unseren Horizont
  • Wie schwer zwei Kameras um den Hals sind, merkt man erst, wenn man sie abnimmt.
  • Daraus folgt: manchmal muss man sich entscheiden, worauf man sich fokussieren will.
  • Nasse Füsse beim Wandern sind okay, beim Autofahren kann ich auch gut darauf verzichten>>>Ersatzschuhe im Kofferraum und ein Handtuch sind praktisch.
  • Nicht alles finden wir dort, wo wir es vermuten.
  • Ein Kompass (oder GPS) kann hilfreich sein.
  • Rot und Grün kann man auch dann verwechseln, wenn man keine Rot-Grün-Schwäche hat🤣 (Es gab einen roten und einen grünen Weg. Ich habe erst zum Schluss bemerkt, dass ich mich da vertan hatte.)
  • Etwas mehr Übung beim Fotografieren tut mir mal wieder gut.
  • Manchmal ist der Weg eben doch das Ziel!

Übrigens war immer noch dicker Nebel, als ich um 9:30 Uhr wieder zuhause war. Jetzt ist blauer Himmel, herrlicher Sonnenschein und ein wunderbarer Spätsommertag. C’est la vie!

Briefwahl

Edgar und ich haben unsere Briefwahlunterlagen bekommen. Ich werde am 26. September auf einem Yoga-Intensivseminar sein, Edgar könnte das Pech haben, an diesem Tag in Quarantäne zu sitzen, obwohl geimpft, man weiß ja nie.

Nachdem ich den dicken Umschlag geöffnet und hineingeschaut habe, konnte ich ein kleines bisschen aufatmen. „Nur“ 27 Parteien in NRW, und sogar nur ZEHN in meinem Wahlkreis. Das ist ja direkt übersichtlich! Ich wurde neugierig und schaute mal nach, wie denn überhaupt so die Eckdaten zur Bundestagswahl aussehen. Viele Informationen findet man auf der Homepage des Bundeswahlleiters:

So gibt es circa 60,4 Millionen Wahlberechtigte, davon 2,8 Millionen (4,6%) Erstwähler. Auf der anderen Seite sind allerdings mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten 50 Jahre oder älter.

Insgesamt nehmen 47 Parteien an der BTW21 teil, aber nicht alle treten in allen Bundesländern an. Extrembeispiele: Die Grünen fehlen im Saarland und die CSU tritt nur in Bayern an. Dafür kann man dort die CDU nicht wählen. Außer der CSU gibt es noch zehn weitere Parteien, die nur in einem Bundesland antreten. Diese haben es also sowieso schon einmal schwer, über die 5%-Hürde zu kommen (also außer die CSU in Bayern…).

Ein Problem, das mir persönlich zu schaffen macht (aus der langjährigen Erfahrung des Ehrenamts): Viele der kleinen Parteien haben neben einer immensen Arbeitsbelastung durch relativ wenig Man/Woman-Power und eine miserable Finanzierung auch häufig eine Konzentration auf wenige thematische Schwerpunkte. Das muss in der Sache nicht mal ein Nachteil sein, weil die Expertise und das Verantwortungsgefühl dadurch in diesen Bereichen steigt, aber ob es ausreicht, sich für eine Gesamtgesellschaft zuständig zu fühlen, da bin ich mir nicht sicher. Ich habe eine monothematische Partei gefunden, die in ihrem Programm den Passus enthält: „…und alle ihre Mitglieder haben verstanden, dass andere Themen nicht Gegenstand dieser Partei sind. Dem einzelnen Mitglied steht es frei, sich bei anderen Themen in anderen demokratischen Parteien zu engagieren.“ Klingt ja gut, allerdings dürfen diese Mitglieder zumindest dann nicht für den Bundestag kandidieren, da dieses im Bundeswahlgesetz (§ 21) ausgeschlossen wird. Spätestens hier liegt die Krux: ohne „andere Themen“ (egal, was das Thema sein soll) kann man ein Land nicht regieren. Uns liegen so viele brandaktuelle Themen vor den Füßen, die alle dringlich sind, wo keines davon ausgeklammert werden darf, das geht einfach nicht. Allerdings habe ich mir mehrere Wahlprogramme angesehen und war doch überrascht, wie ausdifferenziert (wenn auch manchmal utopisch) manche Programme sind.

In der großen Vielfalt der Themen, um die Politik sich kümmern muss, bräuchte es meiner Meinung nach also eine große Bandbreite von Partikularinteressen, um in allen gesellschaftlichen Bereichen ausreichend informiert und handlungsfähig zu sein. So etwas nennt man, wenn es zustande kommt, eine „Expertenregierung“. Wenn ich mich gerade nicht sehr irre, hatte unter anderem Italien schon solche Regierungsmodelle (Anke, falls du das hier liest, stimmt das?) und sie waren nicht wirklich belastbar. Schwierig erweist sich hierbei unter anderem die Konsensbildung. Ein weiteres Problem bei der Vielfalt ist die 5%-Hürde. Von der ist meines Wissens nur der Südschleswigsche Wählerverband befreit, weil er eine offizielle Minderheitenvertretung darstellt. Die „romantische“* Vorstellung einer Allparteien-Koalition, die ich einige Jahre lang übrigens auch sehr charmant fand, habe ich für mich begraben.

So oder so, ich weiß vor allem, wen ich unter keinen Umständen wählen werde. Und halte es allen Unzulänglichkeiten zum Trotz immer noch für vertretbar, eine Partei aus dem Spektrum der jetzt schon im Parlament vertretenen zu wählen und dann eben nicht mit meiner demokratischen Beteiligung wieder vier Jahre zu warten und die Hände in den Schoß zu legen, sondern den Parlamentariern auch mal auf den Zahn zu fühlen. Es ist definitiv nicht alles gut, und manches verursacht mir mehr als beiläufiges Unbehagen, aber vieles hängt eben auch an unser aller Beteiligung. Nicht am Rummotzen auf Instagram.

*“romantisch“ meine ich hier analog zur literarischen Epoche. Der Wunsch nach der Verwirklichung eines Ideals, heute würde man vielleicht mit Mrs. Undercover „Weltfrieden“ sagen…

Wer sich bemüßigt fühlt, diesen Beitrag zu kommentieren, der möge das bitte mit Respekt und Achtung tun. Aber ich bin sicher, wir wissen alle, wie das funktioniert😉.

Pause

Der Sommer legt eine Pause ein. Das ist weder besonders gut noch besonders schlecht, es ist einfach so. Unterschiedlich sind nur unsere Sichtweisen darauf.

Ein Landwirt, der noch mit der Getreideernte beschäftigt ist, kann zurzeit keinen Regen gebrauchen.

Eine Wandergruppe verzichtet wegen der Laune der TeilnehmerInnen vermutlich auch lieber darauf, stundenlang im Nassen unterwegs zu sein.

Jemand, der auf Hitze und Sonne gesundheitlich angeschlagen reagiert, freut sich dagegen über Wetter zum Durchatmen.

Die Geschäftsführerin der Stadtwerke, die den Überblick über die Trinkwasservorräte in ihrem Zuständigkeitsgebiet behalten muss, sehnt den Regen möglicherweise geradezu herbei.

Einunddasselbe Wetter bestätigt für manche Menschen die Auswirkungen des Klimawandels, während es anderen die Gewissheit gibt, dass es einfach nur Wetter ist, das es schon immer mal gegeben hat.

Und selbst in mir ruft die Wetterlage widerstreitende Gefühle hervor. Wenn ich morgens um halb sechs aufstehe und die Hunde rauslasse, ist es noch so dunkel, dass ich mit dem Auffüllen des Vogelfutterhauses lieber warte, bis ich besser sehen kann. Und eine kühle Luft streicht um meine Beine. Ich mag diese Morgenstimmung, sie ruft auch in mir drin ein Gefühl der Ruhe wach. Aber sie kündet auch von der Vergänglichkeit, vom Ende des Sommers, vom sich immer drehenden Rad der Jahreszeiten. Und gibt damit auch der Melancholie Raum.

Der Frauenmantel wartet auf den Friseur, während der Borretsch unverdrossen blüht und die Bienen ernährt. Das Springkraut springt munter vor sich hin und erobert mit den Brennsesseln gemeinsam die Kiesfläche (die eigentlich eine kleine Sitzmöglichkeit beherbergen sollte).

So wie auf dem Foto streiten das Bedürfnis nach einer gewissen Ordnung und die kindliche Freude am Chaos in mir. Und wie auch auf den folgenden Bildern, die ich recht schnell und nebenbei heute früh aufgenommen habe, finde ich überall den Kontrast und auch die Notwendigkeit von Werden und Vergehen.

Die Brombeeren wachsen einfach überall, sie sind wie ungebetene Gedanken, die sich mitten in der Planung für ein Projekt ausbreiten und auch vor bereits abgetöteten Vorhaben nicht Halt machen.

Kürbisse sind faszinierend, sie wachsen besonders gut auf Abfällen, auf Kompost oder Mist. Farbenfroh, schön anzusehen und auch noch gleichermaßen lecker und gesund. Vielleicht sollten wir öfter mal Kürbisse zum Vorbild nehmen und überlegen, was wir aus dem Mist unseres Lebens machen können?

Die Hagebutten werden mal wieder nicht alle gleichzeitig reif. Die wilde Rose, an der sie wachsen, ist aus einem Wurzelüberrest einer zartlila Edelrose entstanden, die meine Mutter vor ungefähr 40 Jahren gepflanzt hatte, die aber nie so richtig was wurde, weil Rosen nun mal nur mit viel Zwang dazu gebracht werden können, hell-lila zu blühen. Irgendwann hatte ich die Faxen dicke mit diesem Kümmerling und buddelte sie aus. Nach einigen Jahren und mit viel Überlebenswillen erblickte dann dieser wilde Abkömmling das Tageslicht und darf seither dort wachsen. Vereinzelte radikale Kurzhaarschnitte nimmt sie mir bis heute nicht übel. Und nun stehe ich wie jedes Jahr davor und überlege, ob es für Marmelade reicht, ob ich die Früchte für Tee trockne oder ob sie einfach Powerfood für die winterliche Ernährung der Spatzen und Meisen bleiben, die nebenan im Wacholder wohnen.

Noch nicht fertig ist der Holunder. Ich freue mich, wenn ich ihn bald ernten und zu Gelee und Saft verarbeiten kann. Denn zumindest die Marmeladenkocherei kann ich in Maßen wieder bewältigen. Andere Arbeiten haben immer noch Pause, große Pause sozusagen. Den kleinen Rasenmäher bekomme ich nicht in Gang , denn den Zug kann ich noch lange nicht betätigen. Beim Trecker kann ich den Fangkorb nicht ausleeren, dazu benötigt man auch die volle Kraft des rechten Arms, denn an der rechten Seite befindet sich der Hebel dafür.

Ich schneide Rosen, Brombeeren und ähnliches, aber spätestens nach einer halben Stunde ist Schluss, dann schmerzt der Arm und der Nacken, die Muskulatur ist eben zu Wackelpudding geworden (aber daran arbeite ich jetzt ja schon wieder). Alle Arbeiten, die viel Kraft oder Schwung oder vollen Aktionsradius erfordern, müssen noch ein paar Wochen warten.

Warten muss heute auch das Buch „Mensch Erde“, denn nach dem atemberaubenden Kapitel von gestern brauche ich eine Atempause, muss den Kopf freibekommen. Daher schreibe ich dieses und gehe gleich mal ein wenig Hausputz machen. Da auch das in den letzten Wochen eher in homöopathischen Dosen erfolgte, wegen wenig Beweglichkeit und Kraft, kann ich da wenigstens sicher sein, dass das Ergebnis sichtbar ist, im Gegensatz zu manchen „Klimaschutzmaßnahmen“.

Aber jeder Spitzenpolitiker, jede Anwärterin auf einen Posten in der zukünftigen Regierung, sollte ein Buchpaket als Pflichtlektüre bekommen. Und anschließend abgefragt werden, was denn so hängengeblieben ist vom Inhalt.

Ein unordentliches Gefühl?

Laut eines Buchtitels von Richard David Precht ist das eine Definition von Liebe. Howard Jones besang im Jahr 1983 die Frage nach der Liebe „What is love?“ und Pat Benatar gab postwendend die Antwort „Love is a battlefield“. Eurythmics waren da schon einen Schritt voraus, denn „Love is a stranger“ erschien bereits 1982. Unvergessen aus dem Liebesfilm schlechthin, Pretty Woman, ist auch das vermeintliche Ende einer großen Love Story: „It must have been love“ von Roxette. Wesentlich früher schon sang Connie Francis im Jahr 1961 „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Ich schätze, es gibt kaum etwas, das über die Liebe nicht schon geschrieben oder gesungen wurde. Ganz davon abgesehen wäre Hollywood vermutlich fast pleite, wenn es die Irrungen und Wirrungen nicht gäbe. Nur von Superhelden, Serienmördern und Geschwindigkeitsjunkies kann Kino und TV nicht leben.

Selbst die Bibel, von manchem als strenges Sittengesetz angesehen, schwärmt in einem ganzen Buch über die Freuden der Liebe (Das Hohelied) und auch Paulus erkennt „Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte“ (1. Korinther 13,13).

Die alten Griechen unterschieden zwischen erotischer und platonischer Liebe. Vielleicht verschwimmen diese Grenzen auch ab und zu einmal. Kommt sicher vor, wie in Klaus Lages „1001 Nacht“. Oder es gibt in einer Ehe/langjährigen Beziehung zwischendurch Phasen, in denen man eher kameradschaftlich verbunden als leidenschaftlich entbrannt ist. Hauptsache ist doch, es fühlt sich für die Beteiligten gut an.

Liebe lässt uns himmelhoch jauchzen und alles in rosarot getaucht sehen. Liebe lässt uns aber auch in die tiefsten Abgründe stürzen und zieht sämtliche Farbe aus unserem Leben. Sie lässt die größte Freude zu und die stärkste Verzweiflung. Lachen, weinen, ärgern, alles das gehört dazu, das gibt es nur im Gesamtpaket.

Übrigens finde ich „Trauung“ eigentlich viel passender als „Hochzeit“. Wenn man getraut wird, traut man sich selbst und dem Gegenüber zu, das Leben in jeder Situation miteinander zu teilen. Geht man davon aus, dass die Hochzeit im wörtlichen Sinn der „schönste Tag des Lebens“ ist, kann es ja danach eigentlich nur noch bergab gehen. Vor allem verkennt diese Definition die Tatsache, dass Liebe und eine gelingende Beziehung nicht nur Gefühlsduselei ist, sondern auch Arbeit. Und eine immer wieder neu zu treffende Entscheidung für den geliebten Menschen.

Man kann jemanden wie den Frosch aus dem Märchen an die Wand klatschen wollen und trotzdem an der Liebe festhalten. Nicht umsonst heißt es „in guten wie in schlechten Zeiten“.

Das alles schreibe ich jetzt aus der Perspektive eines Menschen, bei dem nicht immer alles Zucker war, mit der Dankbarkeit, dass mein Partner zu mir gehalten hat, als ich vor fast 20 Jahren meine Existenz gegen die Wand gefahren hatte, aus der Perspektive eines Paares, das noch immer die Kurve gekriegt hat bei allen Zitronen, die uns auf die eine oder andere Weise im Weg lagen. Dann gab es Zitronenkuchen, Zitronenlimonade, manchmal ein paar Tage Diät, Zitronensouflée… und immer wieder die Erkenntnis, dass wir im Team vieles schaffen, was uns allein vor riesengroße Hindernisse stellen würde. Dass wir nach 29 Jahren Ehe immer noch gemeinsame Träume in Angriff nehmen können, auch wenn wir den einen oder anderen Traum schon (z. B. aus gesundheitlichen Gründen) begraben mussten. Aufhören zu träumen? Keine Alternative!

Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich heute so sentimental bin: Ich musste das dringend mal loswerden😊. Immer nur Klimakrise schlägt sonst noch aufs Gemüt.

Steinhuder Meer

Die Tochter macht einen Wochenend-Segelkurs, um den Segel-Grundschein zu erwerben. Sie darf dann auf dem Steinhuder Meer eine Jolle chartern (wenn sie es sich leisten kann). Los ging es am Freitag Nachmittag um 16 Uhr, aber wegen der Arbeit kamen wir erst mit ungefähr 10 Minuten Verspätung los. Wie sich unterwegs in Bad Rehburg herausstellte, hat uns das möglicherweise davor bewahrt, in einen sehr schweren Autounfall verwickelt zu werden. Als Ausgleich dafür mussten wir den Umweg über Mardorf und Neustadt a. Rübenberge nehmen, also einmal ganz um den See herumfahren. Nicht weiter schlimm, dauerte halt länger.

Die Zeit in Steinhude verbrachten der Mann und ich dann auf der Badeinsel, saßen dort direkt am Ufer im Bistro-Außenbereich und genossen einfach den späten Nachmittag.

Später an der Segelschule hatte ich noch die Gelegenheit, einige tierische Schönheiten mit der Kamera einzufangen. Mit der „Neuen“ übe ich immer noch. Der Mensch ist doch ein ganz schönes Gewohnheitstier…

Bitte mal ganz links in der Bildmitte schauen. Dort sitzt ganz unauffällig der Grund, weshalb die Enten nicht ans Ufer gingen, auf der Lauer…

Am Samstag war das Wetter sehr launisch, es gab heftigen Wind, in Böen stürmisch, da fühlten sich auf dem Wasser nur Surfer und Kite-Surfer wohl. Und die Gänse natürlich. Für den Segelkurs war Theorie angesagt. Dafür haben wir Eltern in Steinhude die Leinenfabrik entdeckt. Ich sag nur: Portemonnaie festhalten! Wunderschöne Gebrauchswäsche aus Leinen, Halbleinen und Baumwolle, Tischwäsche, Geschirr- und Handtücher, Kissenhüllen und sogar Stofftaschentücher! Das alles wird dort vor Ort gewebt, teilweise mit wunderbaren uralten Maschinen. Dazu ein Café, das in die Fabrik integriert ist und ein kleines Museum. Einfach schön. Ich habe jetzt einige neue Geschirrtücher und kann im Gegenzug ein paar kaputte mit alten Handtüchern zusammen zu neuen Spültüchern verarbeiten. Win-Win-Situation!

Heute ist wieder Segelwetter, frühes Anfangen war angesagt. Warten, bis (fast) alle am Hafen sind und schnell noch ein paar Bienchen beim Frühstück am Wasser beobachtet…

Und eine Regatta war auch schon unterwegs, beobachtet von den Gänsen:

Zwischendurch habe ich jetzt zuhause das erste Mal nach der OP wieder selber die Betten bezogen und ich feier‘ es. Noch die Küche aufgeräumt, nun hat der Arm und die Schulter die verdiente Pause. In einer Stunde juckeln wir wieder los, abholen und den Tag gemeinsam beschließen.

Kaum zu glauben, sieben Monate sind schon wieder vorbei.

Morgens…

… um Sieben ist die Welt noch in Ordnung. Wer kennt das kleine gelbe rororo-Taschenbüchlein noch oder die Fernsehserie, die daraus entstand? Ist lange her, in einer anderen Zeitrechnung möglicherweise.

Meine kleine Wildnis nach einem Jahr Nichtstun wegen Beinen und einem halben wegen Schulter, aber sie beschert uns mal wieder viele Tagpfauenaugen… Leider nur ein schnelles herangezoomtes Handyfoto, bei den Kameras muss ich erstmal die Akkus aufladen.

Darum geht es auch überhaupt nicht. Eher darum, dass meine kleine Welt morgens um Sechs noch ziemlich in Ordnung ist, jedenfalls heute, am 30. Juli, kurz vor Beginn des Altweibersommers. Den Begriff mag ich übrigens genauso gern wie die dazugehörige Jahreszeit, auch wenn er sich für manchen despektierlich anhört.

So ein frischer Spätsommermorgen lädt mich ein, durchzuatmen, ich inspiziere und gieße meine Gemüsepflanzen, die gestern sehr vom Wind zerzaust wurden, obwohl sie sich an die geschützte und warme südliche Hauswand ankuscheln. Im Nachthemd oder Shorty streicht mir der kühle Wind um die Beine, ich genieße es, diese Frührunde durch den Garten, der so groß und eingewachsen ist, dass ich dabei niemandem begegne, der sich an meinem Outfit stören könnte. Die Schulter fühlt sich recht ausgeruht, obwohl ich nach der zweiten Impfung am Dienstag mal wieder auf dem Rücken schlafe. Auf der rechten Seite traue ich mich noch nicht, weil dabei immer unwillkürlich die Schulter nach vorn kommt und ich sie lieber bewusst nach hinten und unten ziehe. Und links ist der Impfarm dieses Mal sehr druckempfindlich. Naja, wird sich geben.

Dieser sehr lebhafte Wind gestern wollte unbedingt mit der Tomatenernte anfangen. Ich warte lieber ungeduldig darauf, dass sich in Sachen Farbwechsel endlich was tut. Und stelle heute fest, dass zwei Tomatenpflanzen abgeknickt wurden. Windig ist es immer noch und mit anderthalb Armen kann ich sie nicht wieder hochbinden. Ich hoffe, sie schaffen es.

In der Küche pröttelt die Kaffeemaschine, das Gemüse ist versorgt, die Vögel sind gefüttert. Der Tag kann beginnen. Habt einen gesegneten.

„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“

Dieser Spruch steht im Evangelium des Lukas: Lk 12,48 (Basis-Bibel)

Unsere älteste Tochter meint immer, meine Andachten seien politisch. Kann sein. Ist vermutlich so. Aber meiner Meinung nach kann Glaube eigentlich auch überhaupt nicht unpolitisch sein, denn mit dem Bekenntnis meines Glaubens stelle ich mich in die Gesellschaft und gebe ein Statement ab, ob ich will oder nicht. Ich beziehe damit Stellung, wie ich zu anderen Menschen und auch nichtmenschlichen Mitgeschöpfen stehe. Wie ich die Welt um mich herum sehe. Und im Jahr 2021 auch, wem ich zutraue, nach der #btw2021 meine Interessen zu vertreten, wenn es um diesen persönlichen Blick auf die Welt geht.

An dieser Stelle will ich kein Fass aufmachen, welche Partei das sein könne oder auch nicht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, das muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen, und selbstverständlich habe ich auch nichts dagegen, dass man da zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann (solange sie demokratisch agierende Parteien betrifft).

Es ist allerdings so, dass ich bei der Beschäftigung mit den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien und den Analysen, die dazu getätigt wurden, wer von den Versprechungen der einzelnen Ausrichtungen wie stark betroffen ist, an den Lukas-Vers denken musste. Vor relativ genau vier Jahren war es meine Aufgabe, eine Andacht zu diesem Vers zu schreiben. Ich gebe sie euch hier einmal zum Lesen:

Ich habe ein Bild mitgebracht. Auf dem Bild sieht man Menschen im Kreis stehen mit hochgereckten Händen. Sie sind bereit, eine Frau aufzufangen, die sich von irgendwo her fallen lässt.
Diese Übung kennt vermutlich jeder, der schon mal eine Teambildungsmaßnahme mitgemacht hat. Es ist ein starkes Bild. Es zeugt von Mut und Vertrauen: vom Mut der Frau, sich fallen zu lassen. Sind die anderen Menschen stark genug, sie aufzufangen? Sie vertraut fest darauf. „Diese Leute werden mich nicht fallen lassen. Sie lassen nicht zu, dass mir etwas geschieht!“
Auch die Menschen im Kreis sind mutig: Wie schwer ist die Frau? Lässt sie sich locker fallen oder verkrampft sie sich? Können wir sie auffangen? Und sie vertrauen. „Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“
Die Menschen vertrauen einander. Und sie ahnen, dass es gut wird.
Eine andere Art von „sich fallen lassen“ hat mich persönlich die letzten Wochen beschäftigt. Die Aufgabe, eine Andacht zu schreiben zu einem Spruch, der durch das Los entschieden wurde. Eine Andacht zu einem Thema, in dem ich mich zuhause fühle, das ist eine Sache. Aber so ein „Sprung ins kalte Wasser“, das ist eine andere Hausnummer.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ (Lk 12,48, Basis-Bibel)
Wie geht es dir, wenn du diesen Spruch hörst?
Wenn er als Wochenspruch zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird. Du hörst ihn einmal und dann geht es schon weiter mit der Liturgie. Ist der Spruch dir bekannt?
Weißt du, in welchem Zusammenhang Jesus ihn gebraucht?
Ist der Spruch sonnenklar zu verstehen oder geht es dir vielleicht genau wie mir?
Ich habe diesen Spruch gelesen, den ich zugelost bekam. Und als erstes habe ich gedacht: „Oh nein, was ist denn das für ein blöder Spruch? Dazu fällt mir niemals etwas Gescheites ein.“
Als nächstes schoss mir ein Sprichwort durch den Kopf: „Der Mensch wächst mit den Aufgaben.“ Das dürfte auch bekannt sein. Manchmal wird es als Floskel gebraucht. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen und bin mir unsicher, ob ich die Verantwortung auch ausfüllen kann. Dann wird mir dieser Satz an den Kopf geknallt. Völlig gedankenlos und wenig hilfreich.
Es kann aber auch sein, dass sich jemand aufrichtig dafür interessiert, wie es mir ergeht. Mit demselben Satz drückt er oder sie dann aus: „Hey, wenn man dir die Aufgabe übertragen hat, dann traut man sie dir auch zu. Man schätzt dich und ist sicher: Du wirst dir das erarbeiten. Du wirst nicht scheitern. Du wirst daran wachsen und reifen!“
Den Unterschied erkennen wir am Tonfall, an der Gestik und Mimik des Sprechers.
Aber wenn ich den Bibelvers lese, sehe ich keine Gestik, keine Mimik. Also konzentrieren wir uns jetzt auf die genaue Wortwahl des Verses.
Als erstes fällt mir auf: Der erste Satzteil ist jeweils bereits erfolgt, während der zweite Teil sich fortdauernd ereignet.
Und dann fesseln mich zwei Wortpaare. Erstens: gegeben und verlangt. Zweitens: anvertraut und gefordert. Klingt auf Anhieb gar nicht so unterschiedlich. Trotzdem findet eine deutliche Steigerung statt: Im ersten Satz geht es um eine Gabe, ein Geschenk. Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es, einfach so, weil man da ist. Vom Empfänger der Gabe wünscht sich der Geber, sich dieser Gabe würdig zu erweisen, das Vertrauen zu rechtfertigen.
Im zweiten Satz geht Jesus noch weiter: Es geht darum, jemandem etwas anzuvertrauen. Das ist ein so starkes Wort! Im Duden steht dazu „vertrauensvoll übergeben“. Wenn man jemandem etwas anvertraut, dann ist man fest davon überzeugt, derjenige wird nicht nur zuverlässig darauf aufpassen, er wird auch etwas Gutes daraus machen. Daraus erwächst eine Forderung. Der Duden sagt:
„Eine Forderung ist ein nachdrücklich zum Ausdruck gebrachter Wunsch, etwas fordern bedeutet: einen Anspruch erheben.“
Starker Tobak, den Jesus seinen Hörern an der Stelle zumutet. Doch er stellt nicht einfach eine Behauptung in den Raum, er spricht in eine konkrete Situation hinein. Dieser Vers steht in der Mitte des Evangeliums. Zur Halbzeit sozusagen. Jesus lehrt die Menge, die ihm folgt, mit verschiedenen Gleichnissen.
Seine Jünger sind immer dabei, aber ähnlich wie der Rest der Leute verstehen auch sie zum Teil nur Bahnhof.
Deswegen fragt Petrus zwischendurch einfach mal nach: „Sag mal, was du da erzählst, klingt ja ganz gut, aber für wen gilt das eigentlich? Ist das nur für uns wichtig oder auch für den Rest der Menschheit?“
Jesus stellt an dieser Stelle bereits ganz deutlich klar: Das, was ich euch sage, ist wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Nicht nur jetzt und hier, sondern auch zukünftig und für alle.
Und er hat einen besonderen Auftrag für seine Nachfolger. „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt.“ Alle, die Jesus nachfolgen, sind „begabt“. Denn Jesus hat für sie alle den Tod am Kreuz erlitten. Die Menschen, die Jesus nachfolgen, sollen ihre Gabe, ihre Erkenntnis und ihr Vertrauen weitergeben, damit viele davon erfahren und sich anschließen. Christus-Nachfolger tragen in der Welt eine höhere Verantwortung als Menschen, die ihn und sein Wort nicht kennen.
Die Jünger aber sind noch mehr gefordert. Ebenso alle, die nach ihnen durch Leitungspositionen Verantwortung für die wachsende Gemeinde Christi tragen: „Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Natürlich ist das eine Zu-Mutung: „Sorgt IHR dafür, dass die Gemeinde nach meinen Maßstäben lebt und wächst“. Aber auch eine starke Zu-Sage steckt darin: „Ich traue es euch zu, dass ihr das schafft!“.
Lukas ist der einzige Evangelist, der die Begebenheit aus Kapitel 12,48 beschreibt. Er ist der Einzige, der den Missionsbefehl so ausführlich und persönlich darstellt. Und er ist der Einzige, der als „Fortsetzung“ aufgeschrieben hat, wie es dann weiterging mit der Verbreitung des Christentums.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Anfangs hatte ich dich gefragt: Wie geht es dir mit diesem Vers? Die Frage stelle ich jetzt noch einmal in den Raum.
Hat der Vers etwas mit deinem konkreten Leben hier und heute zu tun?
Ich kann dir versichern, bei mir ist beides der Fall. Meine Wahrnehmung hat sich geändert. Ich sehe nicht mehr nur den Berg von Verantwortung vor mir, sondern auch den ermutigenden Zuspruch und den Vertrauensbeweis.
Und wenn in den Medien in den letzten Wochen und Monaten Berichte kursieren über die schwindende Relevanz von Religion allgemein, von Gemeinde im Besonderen, dann ruft mir dieser eine Vers zu:
„Pfeif auf diese undefinierbare Masse namens „Gesellschaft“. Es liegt an jedem einzelnen, es liegt an dir! Du kannst Gemeinschaft in das Gemeindeleben bringen! Es ist deine Aufgabe, jedem so zu begegnen, wie er oder sie es gerade braucht. Den Mitmenschen mit Achtung zu begegnen. Ihnen Respekt und Liebe entgegenzubringen. Und du schaffst das auch! Du wirst nicht scheitern. Du wirst vielmehr daran wachsen.
Kreide nicht alles, was schief läuft in der Gemeinschaft, der Leitung an. Ja, es stimmt, die hat ganz besondere Aufgaben bekommen, aber trotzdem kommt es auch auf dich an.“
Und weißt du was? Das gelingt mir nicht immer. Es gibt Tage, da könnte ich an meinen eigenen Erkenntnissen und Ansprüchen ersticken. Geht dir genauso? Das finde ich beruhigend.
Aber wir sind nicht allein mit unserem Scheitern. Wir alle sind wie die Jünger: Wir verstehen manchmal nur Bahnhof. Wir fallen hin, wir leugnen. Aber das ist nicht schlimm, solange wir dranbleiben, aufstehen und bekennen.
Und das tolle, das unfassbare ist: Jesus hat den Grundstein seiner Kirche mit solchen Leuten gelegt. Er hat sich fallen gelassen, voller Vertrauen. Wie die Frau auf dem Foto.

In meinem ganzen Nachdenken habe ich mir die Andacht mehrfach durchgelesen, vieles sehe ich auch mit vier Jahren Abstand noch so, aber bei einigen Facetten hat sich meine Wahrnehmung verändert oder erweitert. Und nun kommt die politische Dimension dazu. J.F. Kennedy hat es so formuliert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst!“ Ich weiß, klingt etwas pathetisch. Aber so ganz unrecht hatte er nicht. Auch rund 60 Jahre später nicht. Wir erwarten so viel von unserer Regierung, von den Parlamenten, von unseren Repräsentanten. Aber sind wir auch bereit, etwas von uns einzubringen, außerhalb von ein paar Kreuzchen auf einem langen Zettel mit Möglichkeiten alle paar Jahre mal? Wissen wir und vertrauen wir darauf, dass es auch auf uns ankommt?

Oder aus einer ganz anderen Perspektive, und das geht jetzt an die Parteien, deren Credo „der Markt“ ist, der alles regelt: Wie regelt der Markt das denn? Im Allgemeinen nämlich nicht so, wie Lukas es formuliert hatte, sondern eher umgekehrt: Die Lasten verteilen sich zu häufig auf den Rücken derer, die sowieso schon nicht allzu viel besitzen, denn die „Leistungsträger“ (kann übersetzt werden mit „die Vermögenden“) dürfen nicht über Gebühr belastet werden. An die Adresse der Marktgläubigen (die mitunter eine Partei mit dem „C“ im Namen präferieren) stelle ich daher die Frage: Menschen in prekären Verhältnissen, die von ihrer Arbeit kein ordentliches Auskommen haben, sind die keine Leistungsträger? Seht ihr die nur als Masse, die dem Rest auf der Tasche liegt? Oder traut ihr denen zu, etwas wichtiges zum Gesamten beizutragen? Jeder nach seiner Möglichkeit?

Oder auch: Warum darf denn das Fleisch nicht teurer werden? Damit sich auch „die Ärmeren“ ab und zu mal ein ordentliches Steak auf dem Teller gönnen können? Seit wann seid ihr Freunde dieser Gesellschaftsgruppe? Aber vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte dürfen gern das doppelte bis dreifache des Koteletts kosten, denn das sind „Lifestyle-Produkte“. „Die Ärmeren“ sollen also nicht das Recht haben, auch eine fleischarme und abwechslungsreiche Ernährung auf den Teller zu bekommen, egal ob aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen? Ich wünsche mir da ein wenig mehr Empathie und Reflexion.

Wie die Jünger Jesu sind auch wir alle und unsere Politiker Menschen, Menschen mit Fehlern und Schwächen, und manchmal verstehen auch wir nur Bahnhof. Aber sind wir auch bereit, alle um uns herum so anzunehmen und gemeinsam etwas zum Guten zu bewegen?

„Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“ So arbeiten die Menschen aktuell in den Flutgebieten zusammen und so kann das auch in größerem Zusammenhang laufen. Mit Mut und Vertrauen.

Nochmal Klimawandel…

Ich muss euch das einfach noch einmal zumuten. Inzwischen bin ich beim Kapitel über die Landwirtschaft angekommen, das heißt, die Stromversorgung, den Tourismus und die Sicherheit habe ich noch nicht einmal erreicht. Aber gerade bei den Themen Verkehr und Wirtschaft wurde es mir so richtig mulmig. Denn das sind die klassischen Themen, an die wir Deutschen (und wahrscheinlich sind wir damit nicht allein) nicht so wirklich ran wollen. Und vor allem ein großer Teil der Politik wehrt sich hier gegen regulierende Eingriffe. Könnte ja Wählerstimmen oder Arbeitsplätze kosten. Nur nicht zu viel auf einmal zumuten…

Nun, das Gegenteil wird dann zwangsläufig eintreten und uns noch mehr zumuten. Und dabei ist es auch vollkommen wurscht, ob jemand „daran glaubt“, dass der Klimawandel menschengemacht ist oder ob das alles natürlich ist. Das ist dem Klimawandel aber auch sowas von egal, er steht nämlich nicht vor der Tür und klopft höflich an, er hat sich bereits ungebeten ins Wohnzimmer gedrängelt und wird bleiben. Schlimmer als die schlimmste Schwiegermutter! (Sorry an alle Schwiegermütter)

Reagieren müssen wir also, so oder so. Entweder wir lassen alles weiterlaufen, weil wir zu viel Angst vor Veränderung haben. Dann hat sich die Zivilisation, wie wir sie heute noch kennen, in spätestens einem halben Jahrhundert erledigt. Es wird gekämpft, um immer knapper werdenden Lebensraum, weniger Lebensmittel und sauberes Wasser zu immer höheren Preisen, weniger Ressourcen für Bau, Handel und alles andere Lebensnotwendige. Es wird Massenfluchten geben und bürgerkriegsartige Zustände. Ausbaden werden es vor allem diejenigen, die auch jetzt schon wenig haben, während sich bis dahin Milliardäre vielleicht schon endgültig in den Weltraum absetzen können. Vielleicht werden wir auch die modernen Dinosaurier und rotten uns einfach aus.

Oder wir erkennen an, was seit Jahren bekannt ist, dass sich vieles ändern muss, dass große Industrieanlagen an Flüssen vielleicht nicht mehr die beste Idee sind, weil das Risiko, entweder zu wenig Wasser (keine Kühlung, aufgeheiztes Flusswasser, Schiffsverkehr unmöglich, Fischsterben) oder aber viel zu viel Wasser (Überflutung von kritischer Infrastruktur oder Chemikalientanks, beides unkalkulierbare Risiken und verseuchen zudem das Grund-/Trinkwasser!) unberechenbar wird. Wer bedenkt im Alltag, dass viele Arbeiten (Bau, Straßenbau…) in heißen Sommern nicht mehr möglich sein werden? Wer bedenkt, dass sich mit dem veränderten Wetter und Klima die Palette der landwirtschaftlichen Produkte verringern und verändern wird? Wer denkt darüber nach, dass auch unsere Transportwege angreifbar sind? Diese ganzen Facetten müssen immer und überall mit bedacht werden, ob bei Stadtplanungen, Infrastrukturprojekten, ökonomischen Prognosen, Umbau der Landwirtschaft oder der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Diese Bereiche können nicht unabhängig voneinander oder nach Partikularinteressen sortiert betrachtet werden, sie sind Puzzleteile des Großen und Ganzen.

Deshalb an dieser Stelle nochmal eine deutliche Leseempfehlung für das Buch aus dem vorherigen Beitrag.

Deutschland 2050

Achtung, wer gerade zu sehr betroffen ist von der Lage in NRW, RLP, Sachsen und Oberbayern oder auch in den Nachbarländern, sollte die Lektüre dieses Beitrages verschieben.

|Werbung, unbezahlt|

Es ist schwierig. Denn am Freitag, den 16. Juli, am zweiten Tag, nachdem große Bereiche in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und auch eine Region in Sachsen mit Flut und Zerstörung zu kämpfen haben lese ich gerade das Kapitel 4 mit der Überschrift „Wasser: Viel zu nass und viel zu trocken“. Das Buch ist Anfang Mai erschienen, inzwischen ist die dritte Auflage im Verkauf, und ich schätze mal, die Autoren (obwohl sie sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigen) hätten sich nicht unbedingt träumen lassen, dass zwei Monate nach Erscheinen das vierte Kapitel um einige neue Einträge erweitert werden könnte. Leseprobe gefällig?

Starkregen können beschauliche Bäche in reißende Ströme verwandeln – und ganze Ortschaften verwüsten Braunsbach und Simbach wissen, was das heißt. Beide Kommunen liegen in engen Tälern, und nach heftigen Starkregen verwandelten die sich in reißende Flussbetten. Das baden-württembergische Braunsbach, die »Perle im Kochertal«, wurde im Mai 2016 von einer Sturzflut verwüstet; Simbach am Inn in Niederbayern Anfang Juni 2016 von einem sogenannten tausendjährigen Hochwasser, im Fachjargon »HQ 1000«. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet. Simbach glich danach einem Trümmerfeld, in Braunsbach türmte das Wasser meterhohe Geröllberge mitten in den Ort: Auf 70 Millionen Euro bezifferten die Versicherungen allein die materiellen Schäden in den beiden kleinen Orten, fünf Menschen starben. »HQ 1000« bedeutet, dass ein solches Ereignis statistisch einmal in tausend Jahren vorkommt – in menschlichen Zeithorizonten gedacht, also praktisch nie. »Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem Phänomen in einer neuen Ausprägung zu tun haben«, sagt Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im bayerischen Umweltministerium und Professor an der Technischen Universität München.[88] Oder anders formuliert: So sieht der Klimawandel aus. Längst sind schwere Sturzfluten keine Seltenheiten mehr. Ständig gibt der Deutsche Wetterdienst Unwetterwarnung heraus, auf den Warnkarten und Wetterapps sind dann tiefrote bis violette Flächen zu sehen. 2017 traf es Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, Dudeldorf zum Beispiel, Kyllburg oder Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. […] Meteorologen haben für solche Phänomene einen festen Namen etabliert. Sie nennen die Großwetterlage »Tief Mitteleuropa« – ein in der Regel sehr stationäres Tiefdruckgebiet, also eines, das sich kaum bewegt. »Die Wetterlage ist häufig mit sehr starken Niederschlägen verbunden«, erklärt Thomas Deutschländer, Hydrometeorologe beim Deutschen Wetterdienst: ein ortsfestes Tief, »das feucht-warme Luftmassen aus dem Mittelmeerbereich nach Mitteleuropa führt«. Hier treffen diese Luftmassen dann auf kältere Strömungen aus dem Norden. »Und das führt dann eben dazu, dass es zu diesen heftigen Starkniederschlägen kommt.“ (S. 125/126 meiner eBook-Ausgabe)

Nach der Querbeet-Lektüre des Buches kommt bei mir an: Wir denken oftmals viel zu eindimensional. Jeder von uns hat ein „Herzensthema“, ob es nun das Reisen ist, das Wirtschaftswachstum, die Energieversorgung, der Beruf als Landwirt, das Leben in der Großstadt… Alles richtig, alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Aber vor allem muss bedacht werden, dass alle diese Facetten und noch mehr gemeinsam zu einem großen Ganzen gehören und überhaupt nicht auseinanderdividiert werden können.

(Das sind übrigens die Punkte, die ich den sogenannten „wirtschaftsliberalen“ Parteien ankreide: Der Fokus wird zu einseitig gesetzt. Der klimagerechte Umbau der Wirtschaft wird zu häufig als Nachteil angesehen und viel zu selten als Chance. Und ich kann es auch nicht mehr hören, dass immer der „Wettbewerbsnachteil“ beim ambitionierten Klimaschutz betont wird. In vielen Bereichen haben andere Länder einfach mal darauf gewartet, dass eines den Anfang macht und haben dann nachgezogen.)

Da unser Boot an der Ostsee liegt und wir alle das Meer lieben, habe ich die letzten Monate immer mal wieder das Gedankenspiel „Was, wenn wir an die See zögen?“ durchgespielt. Aber mal ehrlich, im Augenblick fühle ich mich hier in OWL ganz gut aufgehoben. Wir brauchen keine aufwendigen Küstenschutzmaßnahmen, es ist auf unserer Seite des Gebirgszuges recht wenig hügelig, wird auch nicht so sehr von Bächen durchzogen, die zu reißenden Strömen werden können und die Weser ist auch hoffentlich weit genug weg. Ab und zu drückt bei Regen von außen und unten Wasser in den Keller, aber das tut es schon seit 202 Jahren, weil der Keller aus gestapelten groben Sandsteinen besteht und nicht abgedichtet ist. Das Haus steht immer noch, und das ganz ordentlich. Trotzdem weiß ich (auf einer eher abstrakten Ebene), dass auch bei uns ein solch sintflutartiger Regen üble Folgen hätte…

Edit: Am Freitag hatte ich Skrupel, den Beitrag zu veröffentlichen, habe ihn deswegen erst als Entwurf gespeichert. Inzwischen ist Sonntag und der Regen hat in weiteren Regionen Deutschlands und in angrenzenden Ländern zugeschlagen. Soeben habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen, jetzt den Post hochzuladen. Es wird nicht besser, eher im Gegenteil.

Wer von uns nicht akut betroffen ist, mag zwar aufatmen, aber sollte sich bewusst sein, dass unsere Komfortzonen enger werden. Ich möchte niemandem vorschreiben, wen er oder sie im September zu wählen hat, macht das mit eurem Gewissen aus. Aber informiert euch, unter anderem mit der Lektüre von Wissenschaftsjournalismus, was Stand der Dinge ist. Es kann eigentlich schon seit vielen Jahren niemand mehr sagen „Aber das habe ich nicht gewusst“ und trotzdem zögern wir immer wieder, wenn es um konkretes Handeln geht.

Bibliographische Angaben:
Nick Reimer / Toralf Staud, Deutschland 2050, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00068-9, € 18,-