Keinen Spaß…

… macht heute früh die Zeitungslektüre. Die Inzidenzzahlen schießen in die Höhe, sowohl im Bund als auch im Landkreis. Die nächste MPK soll am 9. Dezember sein. Fast zwei Wochen dauert es noch bis dahin.

Um es mal mit einem Bild zu sagen: Die „Ever Given“ kennen wir inzwischen alle, diesen Riesencontainerfrachter, der den Suezkanal blockiert hatte. Der fährt bildlich gerade im Hamburger Hafen mit Karacho auf die vollbesetzte Elphi zu und muss schnellstens wenden. Die Kaimauer kommt näher und näher…

Die Kitas in Ostwestfalen drohen zu kollabieren unter Personalmangel, Corona-Infektionen bei Kindern, zu viel Bürokratie und gleichzeitig der Unmöglichkeit, alle Hygienemaßnahmen umzusetzen. Denn die Alltagshelfer wurden ja im Sommer nicht mehr gebraucht. Die Politik braucht noch mehr Zeit als ein Frachtschiff, um das Ruder herumzuwerfen.

Der Weihnachtsmarkt in Minden läuft weiter. Ich verrate hier nicht zu viel, wenn ich sage: Niemand aus meiner Familie bekommt dieses Jahr ein Weihnachtsgeschenk, für das ich in die Stadt fahren muss! Das Impfzentrum soll nach wochenlangem Hickhack wieder eröffnet werden, aber nur in einem kleinen Teil der Sporthalle und nur stundenweise. Stattdessen stehen die Menschen bei Wind und Wetter stundenlang Schlange bei den mobilen Impfaktionen, egal ob alt oder jung, ob auf Rollator angewiesen oder mit Stehvermögen…

Gnade uns Gott!

Merkwürdige Zeit…

Im Nachhinein denke ich, das Jahr 2021 war noch merkwürdiger als 2020. Denn das war vor allem von Ruhe gekennzeichnet. Meist Zwangsruhe, aber eben Ruhe. 2021 habe ich bisher als eine Aneinanderreihung von Atemlosigkeiten empfunden. Weil keine Ruhe in den Entscheidungen der Politik lag, weil immer alle möglichen Leute was anderes wollten als andere Leute, weil gehetzt wurde, weil Menschen sich gegenseitig beschimpften, weil man Normalität um fast jeden Preis wollte, Urlaub, Kirmes, Volksfeste, Familienfeiern, jetzt Weihnachtsmärkte…

Die Gastronomen, Hoteliers, Künstler und Schausteller, denen in der Folge das zweite Weihnachtsgeschäft vermasselt wird, kann ich in ihrem Frust vollkommen verstehen, viele von ihnen haben stark investiert in unsicheren Zeiten, um ihren Gästen möglichst viel gesundheitliche Sicherheit zu bieten. Und obwohl sich Teile der Politik nicht mit Ruhm bekleckert haben, es einiges an Kompetenzgerangel gab und vieles hätte besser laufen können, ist es doch auch eindeutig so, dass jeder einzelne von uns selbst vieles entscheiden kann und damit in der Hand hat, in welche Richtung die Entwicklungen gehen.

Gestern fand der Mann ein Dokument aus dem Herbst 2020 mit den Vorgaben der Landeskirche für Gottesdienste: ab einer Inzidenz von 35 sollte nicht mehr gesungen werden, ab 50 sollte überhaupt kein Gottesdienst mehr stattfinden. Diese Zahlen schreckten vor einem Jahr noch ab, in diesem Jahr wünschte man sich so niedrige Zahlen wieder!

In Teilen Westdeutschlands warten Familien und Einzelpersonen immer noch auf warme Wohnungen oder gleich ganz auf Genehmigungen, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Seit gestern gibt es den Koalitionsvertrag der neuen Ampelregierung offiziell. Und sofort zerreißen sich einige das Maul darüber. Darunter solche, die 16(!) Jahre lang die Chancen verstreichen ließen, um Änderungen anzustoßen. Aber auch die Fraktion, die anscheinend am liebsten wieder fast ein Jahrhundert zurück möchte, kommt mit den neuen Zeiten, die möglicherweise anbrechen werden, nicht klar. Auch ich schreie nicht hurra bei allen Details, aber muss ich ja auch nicht, ich bin ja nur eine einzelne von ca. 80 Millionen Stimmen in diesem Land. Ich bin ein bisschen neugierig und möchte erst einmal der neuen Regierung die Chance geben, loszuarbeiten. Vieles wird sich dann noch zurechtruckeln. Es überwiegt die Erleichterung, dass zukünftig der Verkehrsminister nicht von der CSU gestellt wird und auch der bisherige Staatssekretär dort im Ministerium ausgedient hat.

Und dann sehe ich heute die Adventsbeleuchtung vieler Gärten. Bei manchen bekomme ich Augenkrebs. Ich mag diese Jahreszeit, ich mag auch beleuchtete Gärten. Aber grün-blau-rot blinkende Lichterketten um jedes einzelne Gestrüpp gewickelt, funkelnde Drahtrentiere mit ebensolchen Schlittenskeletten, aufblasbare Weihnachtsmänner mit Innenbeleuchtung oder Schneemänner, die mich an den Marshmallow-Mann aus „Ghostbusters“ erinnern, dazu Monster-Christbaumkugeln in Medizinballgröße, das überfordert mich eindeutig. Und inzwischen sehe ich das auch in Puncto Energieverbrauch und Lichtverschmutzung durchaus zwiespältig. Ein paar Schwibbögen aus Holz in den Fenstern, vielleicht noch eine mit kleinen warmweißen LEDs geschmückte Tanne (auch Laubbäume sehen damit hübsch aus) und ein Herrnhuter Stern hier und da, das würde mir vollkommen reichen.

Morgen hole ich den Weihnachtsschmuck vom Dachboden und wähle aus, was dieses Jahr zum Einsatz kommt. Ich ahne schon: weniger ist mehr, an der Haustür kommen frische Kerzen (so richtig retro, die müssen mit dem Feuerzeug oder Streichhölzern angezündet werden…) in die geputzten Eisenlaternen und Meisenringe mit roten Schleifen werden den Wacholder schmücken. Im Haus verteile ich Porzellanengel und ein paar kleine Wichtel strategisch auf den Fensterbänken und die vor einigen Jahren gesammelten Mammutbaumzapfen zieren das Adventstablett. Vielleicht nähe ich noch einige Sterne. Fertig. Advent kann kommen in diesem merkwürdigen Jahr 2021, das ich leichten Herzens verabschieden werde, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.

Einen schönen ruhigen Abend wünsche ich der versammelten Runde…

Wer etwas erreichen will…

…findet Wege. Wer nichts erreichen will, findet Gründe.

Ich weiß gerade nicht, von wem der Ausspruch stammt, aber ich frage mich aktuell, ob Teile der Gesellschaft vielleicht gar nicht aus der pandemischen Situation rauskommen wollen.

Oder warum finden Gewerkschaften, Parteigruppierungen, ganze Branchen und manche Milieus massenhaft Gründe, stärkere Maßnahmen zu verhindern?

Nein, es wird weder einfacher noch schneller gehen, wenn wir alle nicht mal endlich in die Pötte kommen.

Es nervt nur noch.

Montagsmüdigkeit Vol II

Glasgow ist Geschichte. Jedenfalls die Klimakonferenz in dem schottischen Ort. Was bei mir übrigbleibt – und da bin ich sicher nicht allein – ist ein schaler Nachgeschmack, ein nichtalkoholischer Kater. Und das Gefühl, dass bei vielen Staatenlenkern kein Mut und keine Vision vorherrscht. Es ist einfacher, Menschen ins All zu schicken als unser Mutterraumschiff in Ordnung zu halten.

Was mir auch bleibt, ist das Gefühl der Ohnmacht, dass es einer Handvoll Menschen möglich ist, Milliarden andere in Geiselhaft zu nehmen durch ihre Weigerung, das Notwendige in Angriff zu nehmen. Wobei ich zumindest noch anerkennen kann, wenn es sich um gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten geht nach dem Motto „Ihr Industrieländer habt Jahrzehnte Vorsprung und ihr wollt jetzt nicht, dass wir den aufholen“ handelt. Trotz allem wäre es wesentlich hilfreicher, wenn diese Länder nun statt dessen anfügen würden „Aber wir zeigen euch jetzt, dass man auch mit nachhaltigen Methoden viel erreichen kann“. Nur: Die Abhängigkeiten sind auch heute noch zu groß.

Was nach wie vor zu wenig beachtet wird: Unsere eine finale Abhängigkeit von einem lebensfreundlichen Planeten.

Aus. Ende. Mehr ist nicht dazu nicht zu sagen.

Andere Baustelle. Corona, die xxxte. Tendenz steigend, hier und rundum. Ja klar, auch ich habe keinen Bock mehr, ich möchte vieles wieder tun können, ohne ständig im Hinterkopf abwägen zu müssen, ob etwas gerade angebracht und sinnvoll ist. Aber es ist, wie es ist und es muss gehandelt werden, damit wir uns nicht irgendwann in einer tatsächlichen Endlosschleife finden. Ob nun geimpft oder nicht, das Testen scheint mir da im Moment das Mittel der Wahl zu sein neben dem Tragen der Maske. Ich sehe übrigens jeden Tag viele SchülerInnen von verschiedenen Schulen auf dem Weg zur Schule oder nach Hause. Und auch auf ihren Wegen, draußen an der frischen Luft, tragen die meisten davon ihre Masken. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit geworden.

Frustriert schlage ich meine Online-Tageszeitung zu, einige Tage ohne Internet und Medien (außer Bücher natürlich😉) werden immer verlockender. Der Tag beginnt, Aufgaben warten.

Eins noch: Mein erstes Projekt, aus dem sich eventuell ein Buch entwickeln könnte, geht an den Start. Nach dem Motto „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ wird es kein Roman und das Thema wird auch in absehbarer Zeit keinen Platz hier auf dem Blog finden. Aus Gründen.

Manchmal kommt alles zusammen

Fünf Monate ist meine Schulter-OP nun her. Ging die Heilung zunächst ziemlich schnell vorwärts, beobachte ich seit einigen Wochen eine Stagnation. Und bin total genervt davon. Obwohl ich es ja vorher wusste, dass es kein Spaziergang, sondern eher ein Marathon wird. Ich ertappe mich morgens immer wieder, dass ich meine Arme hinter dem Kopf verschränkt habe, wenn ich wach werde, eine Haltung, die der rechten Schulter überhaupt nicht gut tut. Die ich aber häufig einnehme, wenn ich unruhig und schlecht schlafe.

An guten Schlaf ist aber in der letzten Zeit nicht wirklich zu denken. Drei Töchter haben wir und ich lerne zunehmend den Wahrheitsgehalt des Spruches „Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen“ kennen. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist gut und absolut richtig, dass Kinder, egal, wie alt sie sind, mit allen Sorgen und Nöten zu ihren Eltern kommen können. Das steht vollkommen außer Frage. Aber muss denn alles auf einmal passieren? Alle drei stehen ohne eigenes Verschulden vor Bergen von Problemen, wo wir als Eltern zuhören, nur teilweise nach Lösungsansätzen suchen können, unterstützen. Und ganz konkret einen Teil-Umbau im Haus in Angriff nehmen.

Zusätzlich zu eigenen Baustellen. Da ich seit einem halben Jahr kein Basismedikament bekomme und die Umstellung auf das neue frühestens im Dezember erfolgen wird (entgegen der Aussage des Rheumadocs war es nicht möglich, mir einen Zwischendurch-Termin zur Umstellung zu geben…😥), baut sich ein Schub auf, den ich so noch nicht hatte. Mit Müdigkeit, Sehnen- und Gelenkschmerzen, Augenproblemen… Der Mann und ich, wir werden halt nicht jünger.

Die Nachrichten blende ich immer häufiger aus. Corona-Infektionen, Glasgow, der Umgang mit Flüchtlingen, Rechtspopulismus, Klima… und bei alledem keine wirklich handlungsfähige Regierung. Bei der geschäftsführenden habe ich das Gefühl, die Leute sind innerlich schon in der Opposition angekommen und tun alles, um der zukünftigen, die noch nicht mit allen Verhandlungen durch ist und noch nicht im Amt steht, Knüppel zwischen die Beine zu werfen, wahlweise durch ein Weiter-So oder durch Verhinderung von Handeln, je nachdem wie es gerade passt. Bei Teilen der Ampel-Verhandler frage ich mich dagegen, ob sie die Zeichen der Zeit tatsächlich nicht erkannt haben oder fröhlich vor sich hinschieben.

Stopp! Jetzt mache ich genau das, worüber ich mich auch oft aufrege: Warum muss man alles schlechtreden, ehe es überhaupt begonnen hat? Kann man nicht erstmal auf Anfang gehen und dann auch Chancen nutzen, während des Weges nachzujustieren?

Wisst ihr was, Teile von mir sehnen sich nach einer Wiedereinführung des Lockdowns. Nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass es ein Allheilmittel sein könnte. Sondern weil mehr Übersichtlichkeit herrschte und ich mich ohne Rechtfertigungsdruck in ein kleines, gemütliches Schneckenhäuschen zurückziehen konnte. Andere Teile sagen: Alles, bloß das nicht. Ich wünsche mir doch auch eine entspannte Adventszeit und ein gutes Weihnachtsgeschäft in der Buchhandlung. Das ist jahrzehntelang die schönste Zeit im Buchhändlerjahr für mich.

Dazu kommt noch, dass ich so gern alles belastende im Gebet vor meinen Gott bringen würde. Aber das Gefühl habe, da ist gerade Sendepause, Funkloch oder was auch immer. Ich kann momentan einfach nicht beten und mehr als ein hilfloses Gestammel bringe ich nicht zustande.

Ich weiß selbst gerade nicht. Danke fürs Auskotzen dürfen und dafür, dass ihr den Mist auch noch lest. Es gibt sich auch wieder. Bestimmt.

Immerhin darf man in NRW ohne Maske schunkeln. Alaaf und Helau…

Ich kann es einfach nicht lassen

Rom – Glasgow – Kleinkleckersdorf

Das erste, was ich mich in dem Zusammenhang gefragt habe: Warum war eigentlich zeitlich zuerst das G20-Treffen und die Klimakonferenz erst danach? Andersherum wäre möglicherweise beim G20 ein etwas besseres Ergebnis herausgekommen. Mehr Druck auf die Möchtegern-Bosse der Welt.

Außerdem habe ich mir den Podcast „Mal angenommen“ der ARD https://www.ardaudiothek.de/episode/der-tagesschau-zukunfts-podcast-mal-angenommen/kohleausstieg-2030-was-dann-oder-gedankenexperiment/tagesschau/94547176/ angehört. Und fand ihn interessant und bedenkenswert.

Vorweg: Ich kann jeden einzelnen Menschen verstehen, der vor dem Aus seiner beruflichen Existenz steht, wenn sein Arbeitsplatz in den „alten“ Industrien wegfallen wird. Ich kann aber auch jeden verstehen, der heute die Hoffnung hat, dass „sein“ Dorf nicht mehr abgebaggert werden muss. Denn auch, wenn diese beiden Menschen anscheinend auf gegenüberliegenden Seiten stehen, so ist doch beiden übel mitgespielt worden, von Teilen von Politik und Wirtschaft, die mit Sicherheit selbst die Zeichen der Zeit zwar erkannt haben, aber sich hartnäckig weigern, danach zu handeln. Aus Angst vor Wählern und Aktionären. Aus Angst vor uns. Ist ihnen nicht klar, dass sie durch Prokrastination irgendwann noch viel mehr zu verlieren haben? Was nützt es der Wirtschaft, wenn (Atom-/Gas-/Kohle-)Kraftwerke an Flüssen immer wieder abgeschaltet werden müssen, weil entweder zu wenig und zu warmes Wasser zum Kühlen vorhanden ist oder im Gegenteil eine Überschwemmung der Anlagen droht? Wenn die großen Konzerne nicht mehr beliefert werden können, weil die Lieferketten zusammenbrechen aufgrund von Extremwetterereignissen? Für alle diese Szenarien hatten wir seit 2018 schon Beispiele.

Seit 1965 warnen Wissenschaftler:Innen verschiedenster Fachrichtungen immer lauter werdend unermüdlich vor dem, was uns bevorsteht. Aber die Meisten ziehen es vor, lieber auf die zu hören, die jegliche Verantwortung immer weiter auf künftige Generationen abschieben. Es ist frustrierend, sich vorzustellen, wo wir stehen könnten, wenn von Anfang an gehandelt worden wäre. Es wäre im Vergleich zu heute fast paradiesisch.

Wer heute noch der Meinung ist, den menschengemachten Klimawandel (der ja auf den natürlichen noch on top kommt) gäbe es nicht, der wohnt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf Sylt, Wangerooge, einer Hallig oder in anderen küstennahen Regionen. Wenn die Malediven absaufen, wen kümmert es? Okay, eine Tauch-Destination weniger, aber tote Korallen wegen der Korallenbleiche im immer wärmeren Meerwasser will ja sowieso keiner sehen! Wenn in küstennahen Gebieten Afrikas, aber auch beispielsweise in Spanien, das Grundwasser versalzt und nichts mehr angebaut geschweige denn getrunken werden kann, wer nimmt dann die Klimaflüchtlinge auf?

Solche Fragen gibt es zuhauf. Die jungen Leute von FFF stellen sie, viele NGOs stellen sie, Wissenschaftler aller Disziplinen stellen sie. Aber wer gibt die Antworten? Und wer will die Antworten hören? Lassen wir uns nicht viel lieber weiter Sand in die Augen streuen? Vor der BTW2021 habe ich in einer Dokumentation gesehen, dass von Seiten der CDU in den deutschen Hochwassergebieten gegen den Umweltschutz gehetzt wurde. Den Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, wurde erzählt, die Brücken seien durch Totholz aus flussnahen Naturschutzgebieten verstopft und zerstört worden. Durch morsche, vermodernde Baumstämme sei das Hochwasser so zerstörerisch gewesen. Sicher ist auch das abgeflossen, aber seit Jahren morsches Holz dürfte längst nicht so viel Zerstörungspotenzial bieten wie LKWs, Wohnwagen, Autos oder halbe Häuser, die man auf den Fernsehbildschirmen entlangschwimmen sah. Und viele haben es geglaubt. Irgendwie sogar verständlich, denn wer möchte in einer solchen Situation denn eingestehen, dass auch der eigene Lebensstil mit zu der Katastrophe beigetragen hat? Vielleicht wäre es mir sogar ähnlich ergangen?

Ich könnte vermutlich stundenlang weiterschreiben und Beispiele finden, warum wir als gesamte Menschheit so träge sind, vor allem als westliche, gesättigte Industrienationen, die nicht in erster Linie an der Front stehen (ich mag diese militärischen Ausdrücke nicht, aber für die Menschen in den Südseestaaten zum Beispiel ist es Kampf und Krieg! Endgame!)

Ich könnte auch die Schultern zucken, den nächsten Roman von meinem Stapel nehmen und den Sonntag genießen. Was geht mich das an?

Aber das kann ich nicht, und so lese ich mich weiter wie die Raupe Nimmersatt durch die Bücher, die mir Erklärungen bieten, mir Argumente liefern und mir hoffentlich helfen können, das mir mögliche zu tun, um doch noch eine große Vollbremsung hinzubekommen. Eins ist sicher: Die Erde kann ohne uns Menschen gut klarkommen. Umgekehrt funktioniert das nicht. Das ändern auch die Herren Bezos, Branson und Musk mit ihren Weltraumeroberungsfantasien nicht.

Die Macht des Algorithmus

„Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“
( Quelle: https://gutezitate.com/zitat/134013)

Es war Juni 2013, als Angela Merkel diesen Satz sagte und einen der ersten Shitstorms dafür bekam. Ich muss gestehen, dass ich damals auch so ein bisschen gelästert habe. Wie weise dieser Satz aber eigentlich war, das erkannte ich zu der Zeit nicht. Acht Jahre später, zwei amerikanische Präsidenten weiter und etliche Krisen abgearbeiteter sieht die Sache etwas anders aus. Denn es ist auch klar geworden, dass Frau Merkel nicht die Generation von Digital Natives der Geburtsjahre diesseits der 2000 meinte, sondern uns, die sogenannten „Boomer“. Die letzte Generation, die noch komplett analog aufgewachsen ist, für die es noch drei Fernsehprogramme gab, einen Sendeschluss und die noch den Wandel vom Schwarzweiß- zum Farbfernseher als eine der größten Innovationen der Medienlandschaft erlebten. Die mit Algorithmen allenfalls im Matheunterricht der Oberstufe in Berührung kamen.

Ich kenne Tinder nur vom Hörensagen und benötigte zum Glück auch niemals Parship und Konsorten. Bin weder bei Linked-in eingehakt noch habe ich ein Xing-Profil. Der erhobene Daumen des Herrn Zuckerberg macht mir fast überhaupt keinen Spaß mehr, ich zwitschere auch nicht selbst, sondern schaue mir nur die abendlichen Zusammenfassungen auf dem Instant-Kanal an.

Auf letzterem poste ich relativ sparsam, Fotos von Ausflügen, so wie gestern, ab und zu einen Teaser für meine Buchtipps hier auf dem Blog oder Nähprojekte. Dort suche ich auch: Ernährungstipps, die favorisierten Bücher meiner BuchhändlerkollegInnen, Nachrichtenhäppchen, die Appetit auf „richtige“ Nachrichtensendungen machen. Ein bisschen Naturwissenschaft und ein wenig Spiritualiät würzen das Ganze. So richtig aktiv bin ich nur im Bloggerversum von WordPress, aber auch hier bin ich wählerisch. Die Grenze ziehe ich nicht so sehr thematisch oder danach, ob meine politische/religiöse/gesellschaftliche Meinung bestätigt wird, sondern nach dem Umgangston, der Würdigung des Mitbloggers oder meiner Neugier. Was aber ein absolutes No-Go für mich ist, ist justiziabler Inhalt, eine insgesamt menschenfeindliche Haltung oder das Bashing bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Da steige ich aus und überlege dann auch schon mal, ob ich es einfach so hinnehmen will, dass solche Dinge im Netz bleiben.

Im Ton immer so bleiben, als ob mir der Mensch mit der konträren Haltung persönlich gegenübersteht, das versuche ich zu praktizieren und den Grundsatz der Debatte zu bewahren, dass immer auch die reale Möglichkeit besteht, dass mein Gegenüber Recht hat und ich im Unrecht bin. Oder dass es Facetten gibt, die ich nicht kenne, dass es unendlich viele Grautöne gibt zwischen Schwarz und Weiß, dass Menschen unterschiedliche Lebenserfahrungen und Voraussetzungen mitbringen.

Eine interessante Folge der Show von Katrin Bauerfeind beschäftigt sich mit dem immer rauheren Umgangston „im Internet“ und was ich noch wichtiger finde: sie geht darauf ein, warum „googel doch mal selbst“ bei unterschiedlichen Menschen nicht zu demselben Ergebnis führt. Denn das ist einfach eines der Hauptprobleme: das fehlende Bewusstsein dafür, dass mein persönliches Internet aufgrund meiner Erfahrung, meiner Vorlieben und meiner Neugier ganz anders aussieht als das der allermeisten anderen Menschen. Schau mal rein, und auch wenn du vielleicht ganz anderer Meinung bist, es lohnt sich, über die Punkte der drei Personen in der Show nachzudenken!

https://www.ardmediathek.de/video/bauerfeind-die-show-zur-frau/auge-um-auge-hass-im-netz-s03-e02/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTdmNzdkNDhjLTVjMzItNGFmYi1hMDE4LWE5MTU3NDNhMjFmNQ/

Reblog eines wichtigen Anliegens

Vom chronischen Fatigue Syndrom hatte ich schon gehört, da ich mich im Umfeld der Autoimmunerkrankungen Rheuma und MS mit dem anfallsartigen Auftreten von Müdigkeit beschäftigt hatte. Aber ganz ehrlich: so richtig die Folgen durchdrungen hatte ich nicht.

Als ich heute früh auf dem Umweg über Christiane diesen Blog entdeckt habe, ging mir einmal mehr durch den Kopf, dass unser Gesundheitssystem zwar grundsätzlich ein sehr ordentliches ist, aber es doch Bereiche gibt, wo die zunehmend ökonomische Orientierung dazu führt, dass menschliche Schicksale hintenüber fallen. (Wie gesagt, ich möchte mit mancher Erkrankung auch nicht in den USA oder in GB leben, da fällt vermutlich noch viel mehr hinten runter als bei uns.)

Trotzdem sei die Frage hier einmal mehr gestellt: Ist das hohe Gut Gesundheit etwas, worüber im äußersten Fall Aktionäre von Gesundheitskonzernen oder Pharmazieimperien entscheiden sollen? Bitte nicht falsch verstehen, auskömmliches Arbeiten und Forschen muss sein. Wenn etwas Gewinn dabei herausspringt, um ihn dann zu reinvestieren, auch sinnvoll. Aber diesen ganzen Bereich als eine Hochleistungskuh zu betrachten, die immer mehr gemolken werden kann, ist ganz sicher ein Irrweg. Nur mal so zum Nachdenken…

Zettelwirtschaft

Es ist Montag, noch relativ früh am Arbeitstag und ich habe schon einiges erledigt. Die Woche ist jung und der Schwung noch frisch.

Kalle hat in aller Herrgottsfrühe einen Igel entdeckt, der über Nacht offenbar ein kuscheliges Plätzchen suchte – unter dem Tomatenkübel, den ich auf Ziegeln aufgebockt an der Hauswand stehen habe. Ob die halbreifen Tomaten, die noch an der kraftlosen Pflanze bis auf den Boden hingen, ihn dorthin gelockt haben, weiß ich nicht. Was ich jetzt aber sicher weiß: Heute oder morgen kommt das Tomatengestrüpp weg, da reift jetzt auch nichts mehr. Endgültig für dieses Jahr. Es war schwierig, den Hund vom Igel wegzubekommen, vielleicht hätte ich ihn auch einfach die pieksige Erfahrung machen lassen sollen, aber ich hatte einfach Mitleid mit dem kleinen Stachelball, der versuchte, noch tiefer unter den Kübel zu schlüpfen. Glücklicherweise hat er sich nicht „festgefahren“, eine Stunde später schaute ich ohne Hund noch einmal nach, da hatte er das Weite gesucht.

Ich habe bereits Wäsche zusammengelegt, an einem digitalen Leseexemplar von Kai Wiesingers „Der Lack ist ab“ weitergelesen (Mädels, es ist echt ein Männerratgeber für die Midlifecrisis. Ich werde später noch darüber berichten, bin mir aber schon jetzt nicht sicher, ob ich wirklich all das erfahren möchte, was er über die sensible männliche Befindlichkeit offenbart…)

Sogar zwei Rechnungen habe ich schon geschrieben und die private Haushaltsbuchführung der letzten Woche erledigt. Für letzteres kann ich mir breit grinsend selbst auf die Schulter klopfen (aber nicht zu doll, weil „Aua“), denn oft sitze ich am Monatsende vor einem Berg Supermarkt- und Baumarktquittungen und ächze beim entknittern… (Jaaa, Leute, ich bin ein bekennender Freak, ich führe seit über einem Jahrzehnt Haushaltsbuch und ich liebe es🙈, nicht so sehr, weil wir dann weniger ausgeben, sondern auch weil ich spätestens am Ende eines jeden Monats absehen kann, über welche Anschaffung wir uns übernächstes Jahr ärgern werden! Etwas regulierende Wirkung hat es aber auf jeden Fall.)

Aber jetzt, nach montäglichen viereinhalb Stunden zufriedenen Vor-mich-hin-werkelns, bekommt mein Tag den ersten Riss. Und das liegt mal wieder an dem unsäglichen Zettelkram, den man in viel zu vielen Supermärkten seit ein paar Jahren zusammen mit dem Kassenbon ausgehändigt bekommt: Je nachdem, was ich eingekauft habe, bekomme ich wahlweise Rabattcoupons für Fleisch oder Käse an der Frischtheke, gültig bis xx.yy.zzzz (wenn ich für mindestens 5 Euronen solches einkaufe), Vergünstigungen bei Damenbinden, Zahnpasta oder Weichspüler (das wundert mich dann doch immer, denn ich kaufe aus Prinzip nie Weichspüler, immer nur Waschpulver). Daran ärgert mich nicht nur der allgegenwärtige Algorithmus, der bereits beim Scannen der Ware auswertet, was ich denn so zu bezahlen habe, womit man mich beim nächsten Einkauf ködern könne, sondern auch die vollkommen unnötige Papierverschwendung.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich aus Millionen Einkäufern die Einzige bin, die diese Bons oft nicht einmal genauer ansieht, ehe das Gültigkeitsdatum abgelaufen ist. Ja, ich weiß, Marketingstrategien und so. Hab ich auch mal gelernt, aber es geht mir zunehmend so was von auf den Keks! Wir lernen diesen Herbst, dass das Vorhandensein von ausreichendem Druckpapier für Tageszeitungen und ganze Buchproduktionen (nicht nur für die Aspiranten der Bestsellerliste, sondern unter anderem auch Schulbücher!) keine Selbstverständlichkeit ist. Aber für alle möglichen Werbemaßnahmen, seien es nun diese oberüberflüssigen Coupons an der Supermarktkasse oder den gefühlt 25. Küchenmöbelprospekt (zur Abwechslung auch mal megabreite Sofas oder Boxspringbetten) gilt das anscheinend nicht. Es nervt. Und es ist alles andere als nachhaltig.

Hm, jetzt habe ich mich in dieses Thema dermaßen tief reinmanövriert, dass ich nicht in die Schlusskurve komme, die aber laut meinem ehemaligen Deutschlehrer Herr Schnickmann unumgänglich für den versöhnlichen Abschluss einer Abhandlung ist. Vielleicht funktioniert es so:

Ebenfalls nervt es, dass das zarte Pflänzchen Koalitionsverhandlung schon vor seinem Aufkeimen wahlweise kaputtgeredet oder in den Himmel gehypt wird. Leute, ich habe nur eine Bitte: Piano! Lasst die drei Parteien doch erstmal so richtig ins Schaffen kommen. Bisher war es nur das Vorgeplänkel, die echte Arbeit beginnt doch erst noch. Und dann lasst sie zeigen, was sie können oder auch nicht. Alles ist besser als Stillstand, aber irgendwie echt deutsch: Alles soll sich ändern, aber dabei bleiben, wie es ist.

In diesem Sinn, eine schöne Woche und lasst euch am Donnerstag nicht wegpusten.

Achtung, Schreiben könnte explosiv sein!

Zuerst die guten Nachrichten:

Erstens: Schreiben klappt auch zuhause! Bei mir bevorzugt zu Zeiten, wo Lucy mich nicht mehr schlafen lässt (zurzeit jeden Morgen ein bisschen früher als am Tag zuvor, wir sind gerade bei viertel vor fünf🥱 angekommen…), aber der Kaffee schon fertig ist. Wobei: ich versuche sie ja immer noch ein bisschen zu vertrösten, aber sie ist genauso stur wie ich.

Zweitens: ich muss das Schreiben gar nicht mehr lernen! Ich schreibe ja bereits. Nicht nur hier auf dem Blog, ich habe auch etliche gefüllte Notizbücher, die ich mal wieder ausgraben sollte. Notizen und Beobachtungen von langen Bahnfahrten zum Beispiel. Wann immer ich in den letzten Jahren nach Köln, Berlin, Bremen, Würzburg oder sogar nach Lörrach musste, hatte ich Schreibzeug dabei und ich gestehe, Bahnfahrten lösen in mir eine voyeuristische Ader aus. Ich liebe es, Mitreisende zu beobachten; durch die Zunahme von Smartphones und Tablets ist es ja leider nicht mehr so einfach, mit dem Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen.

Das letzte Mal war auf der Heimfahrt aus Köln, und den Kunden, bei dem ich damals war, gibt es schon seit acht Jahren nicht mehr. Damals saß neben mir eine junge Frau, die aus Ostafrika heimkehrte. Es war Herbst, zwischen Wuppertal und Hagen hatten sich renitente nasse Blätter auf den Gleisen niedergelassen. Der Zug vor uns kam nicht mehr den Hügel hoch, so dass wir in Wuppertal-Barmen eine halbe Stunde festhingen. (Hieß es in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch „Die Bahn kommt“ mit einem feschen kleinen Bruder des ‚Greaseball‘ aus Starlight Express auf dem Plakat, so gibt es zunehmend vier Feinde der Bahn: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Ich weiß, der hat ’nen langen Bart…)

Diese junge Frau damals erzählte mir, dass sie durch halb Äthiopien mit einem alten, klapperigen Bus, der eine Nylonstrumpfhose als Keilriemenersatz hatte, ohne größere Probleme gereist sei, mit einer ostafrikanischen Airline, die nicht für ihre übergroße Zuverlässigkeit bekannt war, nach Köln-Bonn geflogen sei, ohne dass es Katastrophenalarm gab, nur um jetzt in einem hochmodernen deutschen Technikwunder festzusitzen. Naja, sie war etwas fassungslos…, so kurz vor der elterlichen Heimat.

Ich bin abgeschweift, und schon daran kann man sehen, wie schnell man doch ins Schreiben kommt, ins schriftliche Erzählen dessen, was einem zum Beispiel beim Reisen so vor die Füße fällt. Jedenfalls bin ich vom Bahnfahren extrem fasziniert, weil sich dort die wunderlichsten Beobachtungen machen lassen, seien es frühmorgendliche Felder mit Hundespaziergängern, die Rückseiten von Schrebergärten, die merkwürdigerweise so gern an Bahnstrecken zu finden sind oder halbverfallene Industrieruinen, wo ich dann am liebsten immer aus dem Zug springen würde, um sie zu fotografieren.

Aber, und nun kommt das Gefährliche am Schreiben: es schleicht sich unweigerlich etwas ganz intimes ein. Etwas von mir. Etwas, von dem ich oft bis zum Niederschreiben nicht wusste, dass ich es so empfinde. Und von dem ich erst recht nicht weiß, ob ich es in die große, weite Welt entlassen will.

Andererseits ist aber gerade dieses höchstpersönliche Etwas genau das, was der ausgedachten Szene erst Leben einhaucht, sie aus der grauen Theorie holt, sie zu etwas macht, das Leser nachempfinden können. Heute früh habe ich gedacht, so als kleine Schreibübung könnte ich mal den Nebelspaziergang, den ich vor einigen Wochen hier auf dem Blog beschrieben habe, mit Worten nachzeichnen. Ehe ich mich versah, bekam diese kleine Übung ein Eigenleben, das mich selbst erstaunte und ein bisschen auch erschreckte, denn ich wusste nicht, dass diese Gefühle, die ich niederschrieb, in mir wohnten. Ich weiß auch nicht, in wie weit es meine eigenen Gefühle sind oder solche, die ich jemand anderem ins Tagebuch schrieb.

Auf jeden Fall war ich nach einigen Minuten mit dem Nebel, dem Moor und der Person so im Fluss, dass ich quasi aus dem Stand einen Dialog schrieb, der ganze zehn Seiten in meiner Kladde benötigte. Vor meinem Auge formte sich eine Szene, die ich mir mit Bild, Geruch und Gefühl vorstellte, und die ich leider dann unterbrechen musste, weil wir zum Gottesdienst fahren wollten. Und das geniale ist, ich bin mir ganz sicher, dass ich diese Szene wiederbeleben kann, um sie fortzuschreiben. Dann muss ich mir nur noch überlegen, ob ich sie mit vielen anderen Szenen und einem Schauplatz, den ich mir auch für mich selbst und meine Familie wünsche, aber aus ganz vielen Puzzleteilen von verschiedenen Orten zusammenbastele, auf die Menschheit loslasse. Oder ob es mein eigener, kleiner, privater Traum bleibt. Nur noch. Klingt auch leichter, als es vermutlich sein wird. Mal sehen…