Ausgangssperre – die ersten Tage

Mal ein Blick ins Nachbarland, wo die Ausgangssperre schon gilt. Merke: Franzosen sind auch nicht anders als Deutsche…

La vie en bleu

Es ist immer noch schönes Wetter und warm. Zum Glück!

Seit Dienstag Mittag befinden wir uns in Ausgangssperre. Ich bin jetzt froh darum. Ganz klare Ansagen, keine Ausnahmen, die Regeln dürften dem Hintersten und Letzten – vielleicht nicht gerade einleuchten, aber – bekannt sein.

Seit Mittwoch früh stellen wir uns vor jedem Verlassen des Boots ein Attest aus.

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Landfrauen

Gestern Abend habe ich es Bithya versprochen, hierüber zu schreiben, und heute habe ich festgestellt, dass es sehr gut zu

von René passt.

Wer hier mitliest, weiß vielleicht, dass ich vor drei Wochen einen Unfall hatte, der die Säulen der Annuschka (sprich: beide Beine) in den Grundfesten erschüttert hat. Shit happens. Direkt danach haben sich einige liebe Mitmenschen um mich und den Notfall bemüht, das habe ich auch beschrieben. Auch meine Familie hat sich rührend gekümmert.

Aber was ich noch nicht beschrieben habe, eine gute Bekannte aus dem Dorf, Landwirtin und Landfrau der Alten Schule, hat uns spontan bekocht mit einem leckeren Nudelauflauf (Kathrin hat direkt nach dem Rezept gefragt) und die ungebügelten Hemden des Mannes abgeholt, um sie gebügelt zurückzubringen. Im Augenblick kommt niemand außer mir mit unserer neuen Dampfbügelstation klar (Die Hände des Gatten sind zu massiv, er kommt ständig an die Sonderdampf-Taste. Was der Hersteller sich dabei wohl gedacht hat?)

Und dann erwähnte sie, dass sie von einer landwirtschaftlichen Kollegin ein Viertel Rind bekommen hat und sofort verarbeiten muss. Sie bereite morgen einige Rinderbraten zu, wir könnten gern einen haben. Klar habe ich ja gesagt. Es war ein himmlischer Braten, ganz zart, man brauchte fast kein Messer. Und einfrieren konnte ich auch noch etwas davon.

Genau dieses Verhalten war vor einigen Jahren noch gang und gäbe auf dem Land, wo jeder jeden kannte. Unser Dorf ist inzwischen gar nicht mehr so dörflich, es sind nur noch zwei Landwirte da. Und viele Menschen kennt man gar nicht mehr, weil alle woanders arbeiten, woanders Sport treiben, woanders in die Kirche gehen. So ist das heute eben.

Umso schöner, dass ich mich so sehr über diese ganz selbstverständliche Nachbarschaftshilfe freuen durfte (und nicht nur ich, Edgar und Kathrin auch).

Frühlingsmorgen

Samstag früh um viertel nach Acht. Seit zwei Stunden sitze ich in der Küche und habe ganz gemütlich die Zeitung gelesen. Draußen ist es saukalt, aber ein wunderbarer Frühlingsmorgen. Die Amseln zwitschern, Tau glitzert auf allen Pflanzen, Möwen fliegen übermütig über unser Haus und die Krähen krächzen wie immer, sind nach wie vor auf der Suche nach übriggebliebenen Nüssen vom Herbst. Alles wie jeden Samstag?

Jein. Meine Samstagmorgenroutine sieht eigentlich immer so aus. Viel Zeit für frischen Kaffee und die Zeitung, Mann und Kind schlafen lassen, bis die Hunde anfangen zu motzen, dass es jetzt doch endlich mal Frühstück geben müsse.

Und trotzdem ist es anders, gefühlt. Es ist der Tag, nachdem Deutschland sich einen teilweisen Stillstand verordnet hat. Schulen und Kitas schließen (nur MeckPomm hat sich noch nicht entschlossen, aber dort geht ja auch die Welt 50 Jahre später unter), die Bundesliga ist gestoppt!!! Das öffentliche Leben, Theater, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, alles ausgesetzt. Viele Eltern müssen sich jetzt reiflich überlegen, wie sie die Anforderungen von Familie und Arbeit unter einen Hut bekommen. Nicht alle haben es so gut wie Edgar und ich, denn wir arbeiten beide schon seit langen Jahren von zu Hause. Für uns ist es Alltag, aber das liegt an unserem Arbeitsfeld. Fabrikation, Pflege, Sicherheit, Handel, das geht nicht ohne aus-dem-Haus-gehen.

Wir alle sind zurückgeworfen auf uns selbst, müssen uns mit einer Situation auseinandersetzen, die uns einschränkt, die Egoismus eigentlich verbietet, die geeignet ist, das Beste aus jedem von uns herauszukitzeln. Ja, ich habe meine Zweifel, ob es jedem gelingt, aber ich habe die Hoffnung, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es gut nur miteinander geht. Und ja, vielleicht bin ich eine hoffnungslose Sozialromantikerin, aber ich habe mich bewusst entschieden, dass ich keine miesepetrige Zynikerin sein möchte. Das würde die Lage ja nicht verbessern, sondern mir am Ende nur Magengeschwüre bescheren.

Was uns diese Situation bringt, werden wir erst später erkennen, bis dahin gilt: Leben kann man das Leben nur vorwärts. Aber bitte achtsam.

In diesem Sinne: lest gute Bücher. Und wenn eure Bücherstapel abgearbeitet sind, tauscht sie untereinander. Ruft die Buchhändler eures Vertrauens an, die beraten auch telefonisch und schicken euch die Lektüre ins Haus. Zumindest, solange die Geschäfte noch geöffnet sind. Singt! Singen gegen die Angst ist etwas wunderbares. Den Beitrag aus Italien gestern Abend mit den singenden Menschen in den Hochhaussiedlungen fand ich sehr berührend. Und wenn ihr allein in eurem Zimmer hockt, ist es auch egal, wie schief 😉

Schaut aus dem Fenster, hört den Vögeln zu, entdeckt eure Gärten neu, als Orte des Lebens, nicht der stummen Steine. Schreibt euren Lieben Briefe. Oder Mails. Egal. Und bleibt gesund, vor allem in Kopf und Seele.

Meine kleine Presseschau

Meine Beine brauchen noch Zeit, daher hat sich meine Morgenroutine etwas geändert. In der Zeit, wenn ich in der Frühe meine Beine im Bett sortiere, so gut es geht dehne und versuche, die Kraft zum Aufstehen zu sammeln, schau ich aufs Smartphone nach den Nachrichten. Überfliege sie kurz und stelle mich darauf ein, nach Frühstück und Tageszeitung (ohne geht gar nicht) nochmal genauer hinzulesen.

Dann, am Frühstückstisch, der Blick in die Zeitung. Corona beherrscht gefühlt alles, den Lokalteil, den Politikteil, die Börsennachrichten. „Gefühlt“ ist das wichtige Wort. Denn natürlich geht das restliche Leben weiter, und im Endeffekt drehen sich die meisten Artikel um ganz andere Themen, aber die Konditionierung auf „Corona“ bei uns Menschen funktioniert so zuverlässig wie die unserer Hunde auf „Leckerlecker“. Also bearbeite ich auch an dieser Stelle dieses Thema als erstes, dann habe ich es hinter mir und kann mich anderen Dingen zuwenden. Mein Highlight der Tageszeitung kommt am Schluss, aus psychologischen Gründen 😉

Erstmal etwas bemerkenswertes: Unsere Bundeskanzlerin hat gestern eine umfassende und gut durchdachte Erklärung zum Umgang von Bundesregierung und EU mit der Thematik abgegeben. Sachlich und auch empathisch. Ist dir auch aufgefallen, dass sie immer noch ein ziemliches Vertrauen in die Gesamtgesellschaft hegt, obwohl es nicht wenige Leute gibt, die ihr dieses Vertrauen, etwas gut und ordentlich anzupacken, längst entzogen haben? Sie vertraut darauf, dass es Verständnis, Mitgefühl und Vernunft in der deutschen Gesellschaft gibt, dass es eine Bereitschaft gibt, zusammenzuhalten, wenn es um Themen geht, die jeden einzelnen mittelbar oder unmittelbar betreffen können. Wer immer noch mit pauschaler Medienschelte über „Panik, geschürt von den Zwangsgebührenmedien“ spricht, will es vermutlich nicht verstehen. Denn das stimmt einfach nicht. Für Panikmache gibt es ganz andere Medien, die nicht so sehr auf sachliche Berichterstattung achten.

In den Kommentarspalten von Facebook, Instagram und Co. liest man inzwischen zwar erfrischend viele ermutigende Kommentare, die für unser Zusammenleben hoffen lassen, aber auch solche Sprüche: „Irgendwann ist halt jeder mal dran. So what?“ oder „Mir doch alles egal. Nicht mein Problem. Ich mach weiter wie bisher“. Ganz besonders schockierte mich eine Kommentatorin, die schrieb: „Wenn man schon 75 oder 80 Jahre gelebt hat, dann ist es doch egal, ob man heute stirbt oder in 5 Jahren“. Ich unterstelle der Frau, dass auch sie Verwandtschaft hat, Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel… Ob sie diesen Post wohl denen einfach so unter die Nase halten würde? Oder sind solche Leute einfach nur geil auf Klicks und Likes?

Es ist doch nicht zu viel verlangt, sich so zu verhalten, dass man nicht wissentlich seinem Umfeld schadet. Zwischendurch kommt mir immer wieder der Gedanke, dass Gott vielleicht einen besonders schrägen Humor hat. Oder dass dieses Virus das Potenzial hat, unsere Lebensweise, unsere Hybris, unser Wirtschaftsmodell mal auf ein Normalmaß zurück zu stutzen.

Was gesellschaftlich bei manchen nicht richtig läuft, lässt auch die Überschrift „Eine Menge illegalen Mülls erfasst“ ahnen. Vermutlich sieht es in anderen Regionen nicht anders aus, aber in unserem Landkreis ist es zunehmend ein Problem, dass irgendwelche Asozialen (Definition: die Gemeinschaft / Gesellschaft schädigenden) ihren Sperrmüll, Hausmüll, Sondermüll oder auch gelbe Säcke einfach in der Landschaft oder in abgelegenen Ecken der Städte abladen. Dabei gibt es genügend Möglichkeiten, dieses alles legal und umweltverträglich zu entsorgen. Mich macht so etwas einfach fassungslos. Im Endeffekt müssen die Entsorgungen dann von allen Bürgern der jeweiligen Kommune bezahlt werden. Geld, das an anderen wichtigen Stellen dann nicht zur Verfügung steht.

Zum Beispiel hier: „Ministerin räumt Sanierungsstau an Schulen ein“. Um dann im nächsten Satz aber zu betonen, dass dieser Stau ja nicht erst seit Schwarz/Gelb in NRW bestehe. Okay, NRW hat viele SPD-Regierungen gehabt. Aber zumindest von 2005 bis 2010 gab es allein in diesem Jahrhundert bereits eine CDU/FDP-Regierung. Da ist aber offensichtlich auch nicht viel gemacht worden. Ich denke ja, der Fehler liegt im System. Merkt man bei jeglicher Art der öffentlichen Infrastruktur: Erst wird etwas gebaut, und wenn das dann fertig ist, vergisst man es lange Jahre. Ein privater Bauherr, der ein Haus baut, wird von der Fertigstellung an normalerweise laufend etwas Geld an die Seite legen, um für spätere Reparaturen vorzusorgen. Ein Beispiel: Als die öffentliche Kanalisation hier Ende der 50er Jahre errichtet wurde, erhoben die Städte Gebühren für den Erhalt. Da in den ersten Jahren alles in Ordnung war und noch kein Bedarf für Sanierungen, wurde das zurückgelegte Geld zweckentfremdet verwendet. Als die ersten Reparaturen notwendig wurden, war dieses Geld nicht mehr vorhanden, musste also wieder irgendwo anders abgegraben werden. Neverending Story…

So. Ehe es hier zu meckerig wird, kommt mein Highlight des Zeitungstages:

„Mit Gesang und Gitarre“ Ein Integrationsangebot der anderen Art. Es geht darum, Senioren und Kinder zusammenzubringen durch Musik. Diese beiden so weit voneinander entfernten Bevölkerungsgruppen zählen zu denen, die am meisten singen, schätze ich mal. Und so gibt es ein Projekt der Hiller Musikschule, diese in Kontakt zu bringen. Eine Win-Win-Situation, denn vielen Kindern fehlt der regelmäßige Kontakt mit der Großelterngeneration, weil die eigenen Großeltern nicht mehr zwingend in täglicher „Besuchsentfernung“ wohnen. Und viele alleinstehende Senioren kennen es nicht, sich mit Kindern zu beschäftigen. Sie verstehen deren Sichtweisen einfach nicht. Deswegen mag ich solche Angebote sehr gern. Wie ich es übrigens auch begrüßen würde, wenn den Konfirmanden erfahrene Gemeindeglieder als „Paten“ oder „Mentoren“ zur Seite gestellt werden, um einen Generationenaustausch und auch Perspektivtausch als selbstverständlich zu etablieren.

PS: So ein Gemeinschaftsgefühl wie auf dem Beitragsbild kann meiner Meinung nach nicht nur entstehen, wenn man wie die Sardinen in der Büchse in einem Fußballstadion sitzt oder steht. Auch mit etwas Distanz voneinander, lächelnd oder gute Wünsche austauschend, ist das möglich.

PPS: Ich lese gerade „Kain und Abel“ von Jeffrey Archer. Und da komme ich gerade bei der Weltwirtschaftskrise an. Erschreckend aktuell…

Mein neuer Lebensabschnittsgefährte

Der Abschnitt wird aber überschaubar sein. Und eine Challenge der ganz anderen Art, da es mit dem Ausmisten auch jetzt noch nicht so richtig vorangehen kann.

Seit Donnerstag weiß ich, dass im rechten Oberschenkel die Sehne komplett gerissen ist, dort, wo sie im Becken festgemacht ist. Links „nur“ teilweise. Seit Freitag weiß ich, dass sowas nicht operiert wird (puh🤪), sondern von allein heilen muss. Dauert pi mal Daumen 4-5 Wochen.

Also zu Ostern darf ich hoffen, wieder richtig gehen zu können. Augenblicklich darf ich die Beine nur langsam wieder stärker belasten, also mit Gehstützen. Wie soll ich denn so einen Haushalt führen? Und fünf Wochen nur mit dem Kopf arbeiten, da werde ich bekloppt.

Edgar hatte bereits recht früh den Gedanken, einen Rollstuhl zu mieten. Bei mir dauerte es ehrlich gesagt zwei Nächte, bis ich das soweit durchdacht hatte, dass ich es auch für eine praktikable Lösung hielt. Nun darf er sich freuen…

Es ist Kopf – und Erziehungssache. Meine Mutter ging bis kurz vor Lebensende mit einer Unterarmgehstütze ( und wurde dabei immer krummer) statt mit dem verordneten Rollator. Denn damit sah es ja immer so ein bisschen nach akut statt chronisch aus. Ich habe mich also überwunden.

Und es ist echt praktisch. Ich muss nicht immer jemanden herumkommandieren: „Bring mir mal den Wäschekorb in die Waschküche. Ich brauche eine Flasche Wasser.“

Ich stelle mir den Wäschekorb einfach auf die Knie und bin schon auf der richtigen Höhe für die Waschmaschine. Ich fahre Wasser durch die Gegend, ob nun in Flaschen oder Gießkannen. Ich kann kochen. Bloß der Abwasch klappt nicht so recht. Den machen dann Kathrin und Edgar.

Ich kann mit zum Einkaufen und bin auf der perfekten Höhe für jegliches Suppengemüse sowie für die günstigen Produkte unten in den Regalen.

Bei manchem, der mich erkennt, fangen die Rädchen im Kopf an zu arbeiten: was ist denn da passiert? Darf ich danach fragen oder trete ich ihr zu nahe? Heute früh beim Gottesdienst war das alles ziemlich einfach. Die Menschen, die mich zum größten Teil lange Jahre kennen, kamen und fragten einfach. Ganz freundlich und unbefangen. Und freuten sich mit mir, erstens dass ich so eine pragmatische Lösung gefunden habe und zweitens, dass ich bald wieder auf Erwachsenenhöhe mitreden kann statt zu jedem aufzuschauen.

Ich bin der Meinung, jeder Parkegoist, der den Behindertenparkplatz widerrechtlich nutzt, sollte neben der Bußgeldzahlung ein Rollitraining für eine Woche aufgebrummt bekommen. Nichts ist so hilfreich wie ein Perspektivwechsel.

Und ich weiß jetzt auch, welche Baustellen in unserem Haus ich bei den nächsten Renovierungsarbeiten noch barrierefreier umgestalten muss. Was noch wichtiger ist: ich bekomme eine Ahnung, welche Barrieren ich im Kopf in Angriff nehmen sollte.

PS: Heute ist Weltfrauentag. Da ist ganz sicher noch viel Luft nach oben, bis die Hälfte der Menschheit nicht mehr benachteiligt ist. Aber wie sieht es mit Minderheiten jeglicher Art aus? Auch das geht mir in der aktuellen Situation durch den Kopf. Dazu hast du bestimmt schon bemerkt, dass ich ungern sprachlich gendere. Das liegt bei mir meist daran, dass ich uns alle als zugehörig zu der Gattung „der Mensch“ betrachte, wie ich das Wort „Mensch“ ja sowieso gern und häufig benutze.

Deutsche Befindlichkeiten – Finale

Was ist eigentlich „Deutsch“?

Schützenfest in Hannover oder Westfalen, Oktoberfest (inzwischen nicht nur in München), Hamburger Dom, Kirchweih im Rheinland, Hafengeburtstag, Hanse Sail, Weihnachtsgottesdienst. Aber vielleicht auch Chanukka, Zuckerfest und Holi? Zumindest letzteres schießt wie Pilze aus dem Boden, und ich schätze mal, kaum jemand kennt den Ursprung im Hinduismus. Es ist übrigens in Indien ein Fest, bei dem alle Kasten- und Standesunterschiede für die Dauer des Festes überwunden sind, und die Farben werden vorher auch gesegnet. Es hat sowohl spirituelle als auch verbindende Funktion.

Sauerkraut, Labskaus, Currywurst mit Pommes Schranke, Krautwickel, Maultaschen (Herrgottsb’scheißerle), Thüringer Klöße, Spreewaldgurken, Krabbenbrötchen, Borschtsch… Schrippe, Semmel, Brötchen, Wecke. Aber zu unseren regionsübergreifenden Lieblingsessen gehören auch Pizza, Lasagne, Chop Suey, Döner mit scharfer Soße, Chili con Carne, Gyros. Argentinische Steaks nicht zu vergessen.

Starkbier, Weißbier, Malzbier, Pilsner, Berliner Weiße, aber auch Heinecken, Guiness, Foster oder … Corona 😉

Hohe Berge, dunkle Tannen, Buchenwälder, Maisfelder, Lüneburger Heide, Wattenmeer, Kreideküste, Elbsandsteingebirge, Harz, Rennsteig, Eifel, Mallorca, Antalya, Hurghada.

Das ist schon unübersichtlich mit unseren Regionen, oder? Und es mogelt sich immer wieder etwas „fremdländisches“ darunter.

Was ich wirklich interessant finde: In einer anderen Zeit (Long, Long time ago) in den USA, da wurde jede Tradition der Einwanderer genommen und integriert. St. Patricks Day in Chicago ist genauso amerikanisch wie das chinesische Neujahrsfest in einer der unzähligen Chinatowns.

Jetz komme ich zu meinem Highlight:

Was haben deutsche alte Männer (Entschuldigung, das ist nicht respektlos gemeint, nur zur Verdeutlichung des Gegensatzes) und syrische, afghanische oder irakische Jugendliche gemeinsam? Die Erfahrung, im Krieg aufzuwachsen. Das war für eine Männerrunde in Minden Grund genug, diese Jugendlichen einzuladen, zu Kaffee, Kuchen und Gesprächen. Aus Interesse und auch sicher aus Neugier. Und so kamen Gespräche zustande, nationen- und generationenübergreifend. Es wurde das Gemeinsame gesucht, nicht der Unterschied. So werden aus Fremden vielleicht nicht gerade Freunde, aber Menschen, die voneinander wissen und sich gegenseitig schätzen können. Das Gemeinsame suchen anstelle des Trennenden, das ist doch ein schöner Ansatz. Am Ende des Tages sind wir alle Kinder, Geschwister, Eltern, Freunde von irgendjemandem. Egal wo. Egal an wen oder ob wir glauben. Egal, wen wir lieben. Egal, wie funktionstüchtig unser Körper ist.

Deutsche Befindlichkeiten – Teil 2

Auch kein sehr gutes Bild gibt es ab, dass sich in letzter Zeit jeder für ziemlich alles als Experte fühlt. Und sei es durch das Anschauen von Youtube DIY-Videos. Ich mag die auch ziemlich gern, aber ich traue, wenn es ans Eingemachte geht, auch sehr gern den Menschen, die einen bestimmten Job gelernt haben oder sich zumindest durch langes Lernen und Ausführen Fähigkeiten ordentlich angeeignet haben. Umgekehrt erwarte ich das ja auch. Hier geht es heute unter anderem um das Thema Baumfällungen. Ehrlich gesagt, die Mitarbeiter in städtischen Betrieben, die sich um Landschaftspflege zu kümmern haben, die sind nicht zu beneiden. Ich finde es natürlich auch schöner, wenn beispielsweise in den Parkanlagen viele grüne Bäume stehen, auch urige, alte mit langer Lebensgeschichte. Aber ich traue mir nicht zu, vom Ansehen und Bewundern der Bäume auf deren Gesundheit zu schließen. Selbst in meinem Garten schaue ich mir Bäume an und überlege, ob sich den einen oder anderen mal ein Experte ansehen müsste. Lässt die Stadt Bäume stehen und es bricht doch mal ein dicker Ast ab und verletzt einen Schüler auf dem Heimweg, ist das Geschrei nämlich auch groß. Also lieber mal einen Schritt zurücktreten, sich etwas aus mehreren Perspektiven ansehen und dem Gegenüber auch mal zutrauen, dass er weiß, was er tut.

Ähnlich sieht es mit der Landwirtschaft aus: Wer hat nicht im Kopf das Bild vom bunten Bauernhofleben der Kindheit, wo die Hühner im Garten scharren, die Kühe von Hand gemolken werden und die glücklichen Schweine im Schlamm suhlen. Ich kenne es (zum Teil) noch, habe beim Bauern gegenüber als Kind auf dem Feld mitgemacht, mit den Ferkeln im Ferkelauslauf getobt und Eier gesammelt. Genauso fasziniert habe ich dabei zugesehen, wie Hühner geschlachtet und ausgenommen wurden. Allerdings kann von dieser Idylle kein Landwirt mehr überleben. Zum Teil verdanken wir das EU-Bestimmungen, über die man trefflich streiten kann und auch muss. Aber ein unbequemer Teil der Wahrheit ist auch: Weil wir Verbraucher immer mehr Lebensmittel zu immer billigeren Preisen haben wollen. Fleisch kommt nicht mehr nur sonntags auf den Tisch, schließlich wollten unsere Eltern ja in den 70ern, dass es ihren Kindern einmal besser geht! Weil sich die Wertschätzung für regional erzeugte, saisonal verfügbare und verantwortungsvoll angebaute Nahrungsmittel drastisch verringert hat. Weil wir vom Rind nur noch das Filet, Vom Schwein das Kotelett und vom Huhn die Brust haben wollen. Weil wir „Superfoods“ aus Übersee als Heilsbringer kaufen (und damit gleich auch noch für ökologische und ökonomische Verschlechterungen in den Herstellerländern sorgen), die alle unsere Gesundheitsprobleme gleich beim Essen lösen sollen. Vor allem in den Städten, aber teilweise auch auf dem Land, ist der Wissensstand über Ackerbau und Viehzucht so geschrumpft, aber wir bilden uns ein, den Landwirten ihren Beruf erklären zu müssen. Wir sind nicht nur überheblich, wir haben uns von unseren Lebensgrundlagen, von der „Scholle“, dem Acker sehr weit entfernt.

Dafür gibt es wieder mehr Anhänger von „Blut und Boden“-Theorien. Die wissen ihrer Meinung nach ganz genau, was „Deutsch“ und was „Fremd“ ist. Gestern habe ich mich eine halbe Stunde auf Instagram mit den hanebüchenen Kommentaren so eines, ich kann ihn nicht anders als „Rotzlöffel“ bezeichnen, herumgeplagt. 23 Jahre, aus dem Ruhrgebiet nach seinem Profil. Ich war einfach neugierig, denn viele User bemühten sich, diesem Bengel mit Argumenten beizukommen und ihm auf diese Weise vielleicht auch einmal einen argumentativen Ansatz zu entlocken. Natürlich kam da nichts. Wenn er offensichtlich keine Ahnung von etwas hatte (und das war erschreckend viel), verlegte er sich darauf, die Leute als „Hund“ zu bezeichnen.

Auch jetzt folgt noch eine Fortsetzung…