3. Oktober

Heute war ich schon recht früh mit Kalle unterwegs, es gab einiges nachzudenken, da kam mir der herbstliche, etwas verhangene Sonnenaufgang ziemlich gelegen.

Es ist schon merkwürdig. Werden und vergehen, ein ewiger Kreislauf von Leben und Sterben, Altes geht und Neues kommt. In der Natur, die unsere Lebensgrundlage bildet (auch wenn wir uns das viel zu selten bewusst machen), aber auch in unseren menschlichen Gesellschaften. In unseren Ideen, wie wir Menschen gut zusammenleben können. Und weil es ein Kreislauf ist, ist es möglicherweise auch nicht ganz verwunderlich, warum auch alte, längst abgearbeitet geglaubte Visionen von Großreichen und Ideologien immer mal wieder aufkeimen.

Während ich also mit Kalle die Landschaft durchstreife, versuche ich zu verstehen, warum es immer wieder passiert, dass Menschen ihre Stimme denen geben, die rückwärts wollen. Selbst in einem Land wie unserem, das die letzten Jahre immer noch recht gut durch alle Krisen gekommen ist, zumindest im Vergleich mit anderen Ländern. Gerade am heutigen Feiertag macht mich das ratlos und betroffen. Natürlich ist mir bewusst, dass es auch bei uns Luft nach oben gibt, wo gibt es das nicht? Und auch, dass vor 32 Jahren nicht alles nur gut gelaufen ist, weil es „Investoren“ und andere zwielichtige Gestalten gab, die nur Reibach machen wollten, weil es Kungeleien gab, die nicht in Ordnung waren und weil viele dem Osten nur den Westen überstülpen wollten, statt einen Kultur- und Wissenstransfer in beide Richtungen ins Leben zu rufen. Ein Geben und Nehmen zu initiieren. Auch wir im Westen hätten viel mehr lernen können.

Kurz entschlossen nehmen wir die Route durch den Wald zurück in Richtung Dorf. Einer meiner bevorzugten „Spielplätze“, als ich so 10-12 Jahre alt war, mein Rückzugsort als Jugendliche, wenn ich mit der Welt und Mitmenschen haderte. Selbst der Bach sieht heute nicht mehr aus wie damals. Unsere Staudämme und auch die, die noch von der Generation Dorfkinder nach uns gebaut wurden, sind längst weg. Der Bach ist schmaler geworden, ein Rinnsal fast, kein Wunder nach diesem letzten Sommer. Landmarken, die mir vor 40 Jahren immer zuverlässig zeigten, wo ich mich befinde, sind überwuchert.
Überwuchert wie dieses hier:

Es ist kaum erkennbar und zu glauben, aber dieses sind die letzten Überreste einer großen Waage. Im Wald gab es einen Steinbruch. Als ich ganz klein war, habe ich noch ein paar letzte Transporte von Sandstein erlebt, die dort abgebaut, verladen und gewogen wurden. Als halbwüchsige Kinder fanden wir es lustig, mit mehreren auf dieser Anlage herumzuhüpfen, weil wir neugierig waren, ob wir die Waage zum Schwingen bringen. Seither wächst alles zu, das Wiegehaus ist schon lange komplett verschwunden. Und den Steinbruch, in dem wir als Heranwachsende herumgeklettert sind und taten, als seien wir berühmte Archäologen (und sogar den einen oder anderen Ammoniten fanden), erahnt man heute bestenfalls hinter dichten, wildwachsenden Bäumen, Brombeerhecken und Brennnesseln.

Den Weg nach Hause, den gibt es noch. Wenigstens etwas. Dem folgten wir, denn eine Lust auf Kaffee (nur bei mir) und Frühstück (bei uns beiden) kam auf.

Erntedankbrot, gebacken aus heimischem Getreide, gespendet vom Müller aus dem Nachbarort, gibt es jedes Jahr nach dem Erntedankgottesdienst für alle. Ich lasse es mir schmecken und denke an meinen Liebsten, der ab heute über den Kanal nach England segelt und wieder zurück. Ein kleines Abenteuer und ein lange gehegter Wunsch.

Während ich dieses schreibe, spielt unsere Tochter auf dem Klavier die Begleitstimme zu Nothing else matters, was ich als passend und wunderschön empfinde.

Erntedank 2022

Ich empfinde das Erntedankfest in diesem Jahr ganz besonders. Der Krieg in der Ukraine und die lange Trockenheit im Sommer, die Ungewissheit, was im Winter an gesundheitlichen und energietechnischen Einschränkungen auf uns zukommen mag, machen nachdenklich.
Gestern hat sich unser Nachbar bei mir fast schon für die kleinen Kartoffeln entschuldigt. Warum? Wer auch nur ein Fünkchen nachdenkt, kann ohne Wasser keine fetten Feldfrüchte erwarten. Und satt machen auch kleine Kartoffeln. Aber die Erwartungshaltung ist halt oft eine andere.

Die Erntegaben in unserer Kirche

Hier ist der Predigttext für heute, den 2. Oktober 2022 – Erntedankfest

5. Mose 8, 7-18 (Gutes Leben Übersetzung)

7 Denn der HERR, euer Gott, bringt euch in ein gutes Land. Dort gibt es Flüsse, Seen und Quellen, die in den Tälern und Bergen entspringen,
8 und Weizen und Gerste, Weinstöcke und Feigenbäume, Granatäpfel, Ölbäume und Honig.
9 Es ist ein Land, in dem ihr euch satt essen könnt und es euch an nichts fehlen wird. Ein Land, in dem die Steine Eisen enthalten und aus dessen Bergen du Kupfer abbauen kannst.
10 Wenn ihr dann gegessen habt und satt seid, sollt ihr den HERRN, euren Gott, für das gute Land, das er euch gegeben hat, loben.
11 Passt aber auf, dass ihr den HERRN, euren Gott, nicht vergesst und dann seine Gebote, Vorschriften und Gesetze, die ich euch heute gebe, nicht mehr befolgt.
12 Wenn ihr genug zu essen habt und euch prächtige Häuser baut und darin wohnt,
13 und wenn eure Schaf-, Ziegen- und Rinderherden groß werden und ihr viel Gold, Silber und vieles andere besitzt,
14 dann werdet nicht überheblich und vergesst nicht den HERRN, euren Gott, der euch aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.
15 Er hat euch durch die große, schreckliche Wüste mit ihren wasserlosen Gegenden, ihren Giftschlangen und Skorpionen geführt. Er ließ euch Wasser aus dem Felsen sprudeln
16 und gab euch in der Wüste Manna zu essen, eine Speise, die eure Vorfahren bis dahin nicht kannten. Auf diese Weise wollte er euch demütig machen und auf die Probe stellen, um euch letztendlich mit Gutem zu beschenken.
17 Denkt nur nicht, ihr wärt aus eigener Kraft und Anstrengung reich geworden.
18 Erinnert euch vielmehr daran, dass es der HERR, euer Gott, ist, der euch die Kraft gibt, Reichtum zu erwerben. Denn er erfüllt den Bund, den er mit euren Vorfahren schloss und der jetzt noch gilt.

Der Text ist uralt. Er handelt von der sogenannten „Landnahme Israels“, der Eroberung Kanaans. Historisch gesehen hat es sich vermutlich eher nicht so abgespielt wie in der Bibel erzählt. (Ehrlich gesagt, finde ich das auch zweitrangig, ob es eins zu eins so stattgefunden hat. Wichtiger ist der Sinn hinter der Erzählung)

Etwas verkürzt und gestrafft ausgedrückt:
Es ist kein ganzes „Volk“ im heutigen Sinne durch die Wüste gezogen und hat ein komplettes anderes „Volk“ von seinem angestammten Boden vertrieben. Insgesamt waren es vermutlich eher kleinere Stammesverbände, die sich über einen längeren Zeitraum ein Gebiet angeeignet haben. Die bisherigen Bewohner dürften teilweise parallel zu den Neuankömmlingen an ihren Wohnorten weitergelebt haben, sich auch durch Heirat miteinander vermischt haben, einige sind bestimmt auch fortgezogen. Die allermeisten Menschen lebten damals in den Ländern des nahen Ostens sowieso zumindest halbnomadisch.

Der Zeitraum, in dem das geschah, war um das 12. Jahrhundert vor Chr. herum, verschriftlicht wurde das alles wahrscheinlich sogar erst Jahrhunderte später, während des babylonischen Exils der Israeliten (rd. 600 -530 v. Chr.). Denn erst dort, im Exil, bildete sich ein tragfähiges religiöses Bewusstsein mitsamt einer Historie. Das brauchten die Menschen, um sich ihrer Identität in der Fremde bewusst zu werden und nicht haltlos zu werden.
(Um es mal zu vergleichen: Was wir heute als „deutsche Geschichte“ betrachten, ist auch über lange Jahrhunderte die Geschichte zahlreicher rivalisierender Kleinstaaten, Dynastien, Fürstentümer, die je nach Gusto des jeweiligen Landesherrn nach der Reformation auch noch entweder katholisch oder reformiert waren. Die Preußen, Habsburger, Hohenzollern und wie sie alle hießen, jagten sich gegenseitig Gebiete ab, verbündeten oder bekämpften sich, schlossen und brachen Allianzen und heirateten sich gegenseitig oft aus politischen und strategischen Erwägungen.)

Während ich den Bibeltext lese und mir meine Gedanken dazu mache, den Hintergrund aufschreibe, denke ich daran, wie wenig sich doch im Grunde geändert hat. Wie aktuell der Text doch eigentlich immer noch ist.

Ob wir uns Gott als einen alten Mann mit Rauschebart und weißem Gewand vorstellen oder als ein Auge in einem Dreieck, das über einer Wolke schwebt, eine eher diffuse Ahnung haben, mit einem göttlichen Prinzip überhaupt nichts zu tun haben wollen oder einfach dem Geld huldigen, ist dabei total egal.

Solange es uns gutgeht, solange wir alles haben, was wir zum Leben brauchen oder zu brauchen meinen, noch dazu ein kleines (oder gern auch größeres) „Nice to have“ obendrauf sitzt und alles glatt geht, nehmen wir es als selbstverständlich hin.

Aber sobald etwas passiert, was uns dieser Selbstverständlichkeit beraubt, eine Naturkatastrophe, ein kriegerischer Aggressor oder auch nur unser jahrzehntelanger schluderiger Umgang mit der Welt, suchen wir Schuldige. Und zwar immer sehr gern bei „den Anderen“, nie bei uns selbst. Unsere eigene Fahrlässigkeit oder Gleichgültigkeit unterschlagen wir gern.

Und jetzt bleibe ich ein bisschen ratlos zurück nach meiner Analyse. Denn ich selbst bin ja auch nicht besser. Ich bin viel zu oft ein Teil der gedankenlosen Masse. Ich habe auch kein Patentrezept, wie wir das alles überwinden können.
Ich glaube, ich wünsche uns allen einfach nur mehr Bewusstsein für die Welt, ihre Geschöpfe und wunderbaren Landschaften, die Einzigartigkeit unseres blauen Planeten als Lebensgrundlage in diesem riesigen Universum. Und Dankbarkeit.

Einen schönen und dankbaren Erntedanktag wünsche ich allen.

Ineffizient

Nehmen wir die Getreideengpässe, die der Krieg gegen die Ukraine auslöst. Wie lautet die aktuelle Ansage? Ziele zum Schutz der Biodiversität aussetzen, die Flächen sofort für Anbau verwenden – aber bloß nicht die Tierbestände reduzieren, deren Mägen wir in Deutschland mit sechzig Prozent dieser benötigten Erzeugnisse füllen und für die wir global siebzig Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche als Weideland und Äcker für den Futteranbau nutzen.163 Um 1 Kilogramm Rindfleisch zu erhalten, brauchen wir dann rund 25 Kilogramm Futter – Mais, Soja, Rüben –, und von den darin enthaltenen Proteinen gehen auf dem Weg durch die Kuh zum Menschen 94 Prozent verloren. In Energiewerten, also Kalorien gerechnet, ist der Umwandlungsprozess noch unökonomischer: Nur 1,8 Prozent des Brennwertes der Futtermittel sind noch übrig, wenn das Rind auf dem Teller liegt.

Maja Göpel, Wir können auch anders

Ja, sorry, ich muss einfach nochmal damit nerven. Als ich das heute früh las, fiel mir die Kinnlade runter. Natürlich wusste ich schon, dass Fleisch ineffektiv ist, aber das Ganze einmal so ungeschminkt zu lesen, ist doch noch mal eine andere Hausnummer. Und das ist keine ausgedachte Zahl, sondern hier nachzulesen.

Ein Finanzinvestor, dem ein solches Anlageprodukt verkauft werden sollte, würde nur müde lächeln und abwinken.

Fragen über Fragen

Immer wieder neuer „Heißer Sch..ß“, der knapp wird. Heute ist es Kohlensäure und die Presse fragt, ob es demnächst „Stilles Bier“ gibt. Hopfensaft statt Hopfenbrause? Alles eine Sache der Gewöhnung. Ob die Mönche in den Klöstern vor 500 Jahren wohl verlässliche Kohlensäurelieferanten hatten? Außerdem: Heiß getrunken wurde es im Mittelalter auch, vor allem im Winter, und beim Erhitzen geht die Säure eh raus. Und wir hätten keine Halsschmerzen mehr.

Vor zwei Wochen brauchte ich einen neuen Flügelwäscheständer, weil ich diese Teile seit dem Sehnenriss in der Schulter gerne nutze und einer kaputtgegangen war. Das war eine Rennerei, überall leere Regale. Vermutlich weil elektrische Wäschetrockner zu viel Strom ziehen. Das taten sie auch schon die letzten Jahre, aber da war es den Leuten noch egal. Unser Wäschetrockner steht seit Jahren in der Waschküche und dient schon immer mehr als Ablagefläche. In den 10 Jahren, die ich ihn habe, ist er nicht häufiger gelaufen als bei vielen anderen in einem Jahr. Und noch etwas: In den Baumärkten werden Pyramiden aus Luftentfeuchter-Pülverchen und Tabletten gebaut. (Ich habe auch so ein Ding, frage mich aber beim Entleeren des Behälters oft bange, welche Chemikalien ich denn jetzt ins Klo kippe mit dem aufgenommenen Wasser. Aber an kühlen, feuchten Tagen reicht Lüften im Bad mitunter leider nicht aus.)
Wenn auch der Grund absolut bescheuert ist, das Auftauchen des Energiespargewissens an sich ist trotzdem positiv.

Die Nosferatuspinne breitet sich aus. Und der Boulevard ereifert sich mit Gefährdungsmeldungen. Ich finde übrigens, das gezeichnete Gesicht auf dem Körper der Spinne sieht eher wie die Aliens aus Independence Day aus. Und erinnere mich, dass vor ein paar Jahren in ähnlich alarmistischer Weise vor der Hauswinkelspinne gewarnt wurde. Da kräht heute kein Hahn mehr nach. Deutlich mehr Gefahr für heimisches Leben dürfte von der Wollhandkrabbe ausgehen, die sich in Rhein, Weser und Elbe ausbreitet, durch Schiffe aus Übersee eingeschleppt. Aber die ist ja für den gemeinen Bürger nicht sichtbar, da ärgern sich nur Berufsfischer und Freizeit-Angler. Ich bin gespannt, ob ich sie überhaupt wahrnehme, wenn sie hier mal auftaucht, denn in unserem Haus leben recht viele Spinnen und ich sehe auch nur in Ausnahmefällen einen Grund, sie an die frische Luft zu setzen, sind sie doch eher nützlich als zu schaden.

Diese Fragen, Unsicherheiten und Befindlichkeiten begleiten mich an diesem müden Donnerstagmorgen. Meine aktuelle Buchlektüre ist in den letzten eineinhalb Tagen in den Hintergrund getreten, weil unser Enkelkind es vorgestern Abend plötzlich ganz eilig hatte. Ab sofort schreibt hier nicht nur eine Mama, sondern auch eine stolze Oma😍.

Renaissance

Symbolbild Mona Lisa: Pixabay

Nachdem wir als Menschheit im Großen und Ganzen ein paar Jahrzehnte des „Aufwärts“ hinter uns haben und in den letzten Jahren immer öfter erfahren mussten, dass es so nicht immer weiter gehen kann, erleben wir derzeit nicht nur Aufbruchsstimmung, das Gefühl, etwas ganz Neues („Unerhörtes“ im reinen Wortsinn) müsse jetzt kommen.

Bedauerlicherweise passiert in dieser Hinsicht tatsächlich eine Spaltung, und zwar global gesehen. Während viele junge und einige ältere Menschen darauf drängen, die Transformation der Gesellschaften hin zu nachhaltigerem Leben voranzutreiben, machen andere genau das Gegenteil: Sie wünschen sich autoritäre Obrigkeiten zurück, die den von ihnen regierten Bevölkerungen klare Kante geben. Und zwar in einer rückwärtsgewandten Art und Weise, in der sie an der Überzeugung festhalten, was vor über einem halben Jahrhundert gut war, muss auch heute gut sein. Rückbesinnung auf nationale Werte, auf anscheinend festgefügte und bestens erprobte Gesellschaftsmodelle.

Gerade in alternden Gesellschaften, wo ein überdimensional großes gemeinsames Erinnerungsnarrativ von den „guten alten Zeiten“ erzählt, ist dieses Problem vorhanden, in vielen mitteleuropäischen Ländern; aber auch da, wo überwiegend junge Gesellschaften nach mehr Wohlstand suchen für breite Gesellschaftsschichten, greifen diese Erzählungen – denn nach dem zweiten Weltkrieg hat es ja auch scheinbar funktioniert.

Das große Problem bei der Sache, der rosa Elefant im Raum, den niemand benennt: Die Welt ist nicht mehr in den 1950er Jahren. Vieles, was damals bahnbrechend, revolutionär und zukunftsträchtig erschien, hat inzwischen die hässliche Fratze seiner Nebenwirkungen gezeigt. Nebenwirkungen wie Insektensterben, Versiegelung von Lebensräumen, Ölpest, Mikroplastikansammlungen in Kontinentgröße. Die Game Changer von damals haben sich bewahrheitet, doch die Veränderungen gehen oft in die entgegengesetzte Richtung, für die sie einmal gedacht waren. Gut gedacht, aber schlecht gemacht. Das Perfekte ist der Feind des Guten. Und wir maßen uns zu häufig an, perfekt sein zu wollen. Weil Durchschnitt schon unterdurchschnittlich bewertet wird. Und weil wir in „-Ismen“ gefangen sind.

Eine echte Renaissance wäre es, sich auf Forschergeist und die radikale Lust am Neuen und Unbekannten zu besinnen. Denn zur Zeit der ersten Renaissance gab es zwar auch eine Rückbesinnung auf antike Werte, aber sie löste ein neues Denken aus. Man führte die Gedanken und Ideen der antiken Philosophen weiter, und dieses Weiterdenken und Neudenken führte zu revolutionären Neuerfindungen und -entwicklungen: Buchdruck, Reformation, humanistisches Denken…
Dinge, ohne die sich das 21. Jahrhundert kaum noch denken lässt.

Das sind Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Lektüre durch den Kopf gehen. Gedanken, die mich schaudern lassen, die Fragen mit sich bringen:
– Haben wir keine neuen Erzählungen mehr, die uns freudig gespannt in die Zukunft blicken lassen?
– Sind wir so degeneriert oder ausgeleiert in unserem Denken, dass wir nur noch rückwärts schauen können?
– Warum ist uns die Innovations- und Gestaltungskraft abhanden gekommen, Dinge wirklich NEU zu denken und nicht nur in Abwandlungen und Dauerschleifen von „Das hatten wir schon mal, das können wir nochmal versuchen“? Und wo ist sie hin?

Aber ich habe auch Hoffnung. Hoffnung, dass sich die kleine und begrenzte Kraft von Vielen aufsummiert zu einer großen Kraft und Willensanstrengung. Zu einer Einsicht, dass Leben nur mit der ganzen Bandbreite von Natur, Schöpfung, Umwelt oder wie man es nennt funktioniert und gelingt, nicht dagegen.
Hoffnung, dass Jules Verne und andere „Phantasten“ mit ihren Visionen und Utopien nicht nur Weltliteratur, sondern auch Wirklichkeit geschaffen haben. Dass neue Erzählungen die alten ablösen werden. Erzählungen, die wirkmächtig genug sind, neue Realitäten zu schaffen.

Und mit diesem Teaser lasse ich euch in die neue Woche. Demnächst schreibe ich hier darüber, welches Buch so vielfältige und widerstrebende Gedanken in mir auslöst.

Geblitzdingst

Plakat: Sony

Ist das vielleicht eine Idee? Der dritte Teil von Men in Black lief letztens im TV (leider habe [oder wurde?] ich vergessen, auf welchem Programm😂, aber das ist ja auch zweitrangig) und ich kam im Nachhinein auf die Idee, es hätte ja was, wenn so manche Leute einfach mal vergessen könnten, was sie eigentlich gerade für einen Mist verzapfen oder welche Macht sie ausüben.
Auch eine Reise ins Jahr 1969 wäre bedenkenswert. Die erste Klimastudie aus dem Jahr 1965 (wissenschaftlicher Beirat des US-Präsidenten) liegt noch nicht so lange zurück, die Exxon Studie, der Bericht des Club of Rome und die großen internationalen Klimakonferenzen hatten noch gar nicht stattgefunden. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass die Ergebnisse mit offeneren Ohren aufgenommen würden, weil nach dem Blitzdingsen ja auch sämtliche seitdem erlangten Erkenntnisse futsch gewesen wären. Und dann stünden wir wieder da wie bei Und täglich grüßt das Murmeltier und ich möchte nicht wirklich wissen, wie viele Wiederholungen wir bräuchten, um klimatechnisch die Kurve zu bekommen.

Bisher ist mir eher aufgefallen, dass abgewählte Politiker nach dem Regierungswechsel vollkommen ausgeblendet haben, wofür sie vorher zuständig waren und was sie dort getan – oder vor allem auch nicht getan haben. Eindeutig Geblitzdingst! Und nicht nur sie, das trifft genauso für Wirtschaftslenker und auch für viele andere zu. Unter anderem möglicherweise auch, weil es einfach mühsam, anscheinend fruchtlos und zäh wie Kaugummi ist.

Manchmal wünsche ich mir auch für mich selbst, von einem Neutralisator getroffen zu werden und so einiges zu vergessen.
Aber – nee, lieber doch nicht, denn dann wären ja auch die vielen wunderschönen Erinnerungen meines Lebens weg. Also, deswegen und weil es nur in Hollywood funktioniert, bleibe ich dann doch in der ewigen Tretmühle. Und von ein paar schönen Erinnerungen, die ich nicht missen möchte, schreibe ich in den nächsten Tagen auch mal.

Wassermangel und kein Ende

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/mittendrin-edersee-101.html

Viele Jahre sind wir am hinteren Ende des Edersees vorbeigefahren, wenn es Anfang Oktober war und in Frankfurt die Buchmesse losging. Und an der Eder entlang, die sich durch Kurhessen schlängelt. Eine wunderschöne hügelige Landschaft, im goldenen Herbst mit bunten Blättern und glitzernder Wasseroberfläche. Über die Existenz des Stausees haben wir nie großartig nachgedacht, er war immer da.

Aber seit ein paar Jahren geht dem Edersee im Sommer das Wasser aus. In diesem Jahr war es besonders heftig. Ich kann den Frust, den der Segelschuleninhaber im Beitrag äußerte, gut nachvollziehen, auch wenn ich nicht beurteilen kann, ob die Anrainer der Oberweser tatsächlich so kaltschnäuzig sind wie er es vermutet. Über den niedrigen Weserpegel habe ich ja auch schon geschrieben und ich kann mir gerade gar nicht so recht vorstellen, wie niedrig er gewesen wäre, wenn überhaupt kein Wasser mehr aus dem See abgelassen worden wäre (wobei es mich wundert, dass da überhaupt noch abgelassen wurde, ich hätte volles Verständnis gehabt, wenn die Hessen dichtgemacht hätten). Jedenfalls ist es sowohl im See als auch im Fluss heikel, wenn das Wasser niedriger, wärmer und sauerstoffärmer wird. Hauptleidtragende sind zunächst mal die leidenden Wassertiere, erst dann der Mensch.

Bis auf 84 cm war in Porta der Pegel geschrumpft, jetzt ist er wieder bei 98 cm. Die Tendenz allerdings bereits wieder fallend.

Am Rhein wird vehement die Vertiefung der Fahrrinne gefordert. Was sich aus wirtschaftlicher Sicht logisch anhört, stellt mich aber vor die Frage: Wenn die Fahrrinne tiefer ist, ist aber doch trotzdem nicht mehr Wasser dort vorhanden, sondern sie wird automatisch schmaler, oder habe ich irgendwas so ganz und gar nicht verstanden?
Bisher war es jedenfalls so, wenn der Mensch in Naturhaushalte eingegriffen hat, hat sich die Gesamtlage auf Dauer meist eher verschärft als besser zu werden.
Ich habe irgendwo gelesen: „Die Natur rächt sich nicht an den Menschen. Wir haben sie kaputtgemacht.“ So einfach ist das. Es rächt sich höchstens, dass wir sie nicht respektiert haben.

Einmal mehr habe ich viele Fragen und nur wenige Antworten.

Repost: Veränderung – Change

Der Reader hat mir gerade diesen Post vorgeschlagen, den ich vor fast zwei Jahren in Bezug auf Corona schrieb. Und als ich ihn noch einmal las, dachte ich: Wahnsinn, wir stecken immer noch drin, in den Veränderungen. Es hört gefühlt gar nicht mehr auf damit. Auf die Pandemie mit ihren Unwägbarkeiten ist on Top noch der Krieg in der Ukraine mit allen Verwerfungen wirtschaftlicher und persönlicher Natur draufgesattelt. Wenn ich bedenke, dass wir mehrere Dekaden erlebt haben, in denen es anscheinend nur immer besser wurde, ist es kein Wunder, dass sich bei so vielen Menschen ein Ohnmachtsgefühl breit macht. Umso wichtiger, dass wir auf die kleinen Zeichen des Schönen achten.

„Ein Grund dafür, dass die Leute sich vor Veränderung fürchten, ist, weil sie sich auf das konzentrieren, was sie verlieren könnten, anstatt auf das, was sie dazugewinnen könnten.“ Rick Godwin Veränderung ist etwas äußerst zwiespältiges für uns: Sie birgt große Chancen, etwas neues, vielleicht sogar bahnbrechendes zu gestalten. Aber sie macht uns auch Angst. Angst, […]

Veränderung – Change — Annuschkas Northern Star

Warten auf den Regen

Heute, 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen, seit einiger Zeit wieder im Dunkeln, auch die Vögel lassen sich inzwischen wieder mehr Zeit mit ihrem Weckruf. Holzhammer: 19 Grad zeigt die Wetterstation an für den Außenfühler an der Nordseite des Hauses.

Kaffeekochen, Hund rauslassen, Zeitung lesen. Dann der Blick zum Himmel: bewölkt ist es ja immerhin. Heller wird es, aber zur Abwechslung mal nicht strahlend, sondern verhalten.

Blick nach oben – grau marmoriert. Blick nach Nordwesten (ja, genau. Ich verwechsele nicht die Himmelsrichtungen) – der Sonnenaufgang projiziert sich auf die entgegengesetzte Seite. Könnte glatt von Caspar David Friedrich gemalt sein.

Die Stimmung der Natur und auch meine eigene: abwartend. Um Viertel nach Sieben ist der Frühstückstisch schon wieder abgeräumt, selbst die Küche wartet im Dämmerlicht auf den Tag und was er bringen wird. Ein leichtes Rieseln und der Hauch von staubiger Feuchtigkeit dringt an meine Sinne. Zaghaftes Tröpfeln höre ich durchs Fenster, gehe raus, suche den Regen, der ganz leise seinen Weg vom Himmel sucht. Meine Umgebung scheint ein seufzendes „Aaaahhh“ von sich zu geben, der ausgedörrte Garten, die knuspertrockenen Pflanzen summen schon fast in freudiger Erwartung.

Und während ich nun dieses schreibe, wird es mehr, lauter, die Straße hört sich nass an, wenn die Autos fahren. Durch das offene Fenster riecht es nach nasser Erde, das Geräusch des Regens ist Musik. Glückliche Augenblicke können so einfach sein.

Zurecht gerückt

Oft ist es mir schon so ergangen und jedes Mal bin ich trotzdem erstaunt, geflasht und dankbar: Wegen irgendwas bin ich komplett neben der Spur, habe mich geärgert oder etwas hat mich total mitgenommen, ich habe meinem Frust auch lauthals Luft gemacht- und dann begegnen mir Menschen („in Echt“ oder auch virtuell), die mir helfen, eine Einordnung vorzunehmen oder eine ganz andere Sichtweise auf die Lage zu finden.

Nachdem ich gestern meinen Ärger hier ausgebreitet hatte, schickte mir zunächst Werner einen aufschlussreichen Link, der mir bereits half, mich wieder ein wenig auszurichten. Ich konnte also einigermaßen ruhig abends schlafen gehen und heute früh waren die Wogen schon wieder geglättet. Eine frühe Hunderunde, die anschließende Radtour zum Bäcker (ich hatte nicht daran gedacht, Brötchenteig anzusetzen) und das meditative Schlangestehen dort taten ihr übriges.

Womit ich aber gar nicht gerechnet hatte, war die Predigt unseres derzeitigen Gastpfarrers, mit der heute die Bibelwoche in unserer Gemeinde eröffnet wurde. Das Motto der ganzen Woche lautet „Freude an der Gemeinde“ und wer sich in einem solchen Umfeld engagiert, fragt sich vielleicht, ob das ernst oder leicht ironisch gemeint ist. (Oder ein bisschen von beidem?) Weil ich wissen wollte, was heute auf uns zukam, hatte ich vor dem Frühstück bereits den Bibeltext nachgelesen. Es ist aus dem ersten Korintherbrief des Paulus die Einleitung, und diese ist ausgerechnet ein Dank des Paulus für die Gemeinde in Korinth. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß es, allen anderen sei angemerkt: Diese Gemeinde war kein Musterkonstrukt, außer man sucht eine Blaupause für Streit, Neid und andere Nickeligkeiten. Kurz gesagt. Für die Langform bitte nachlesen…

Pfarrer Hagedorn wies uns zunächst darauf hin, dass Paulus seine Briefe (fast) immer mit einem Dank begann, die einzige Ausnahme war der Galaterbrief, da hatte selbst Paulus seine Contenance verloren. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Sondern: da ist eine Gemeinde, die sich zankt, über den besten Apostel (Gemeindeleiter), über die richtige Art, miteinander das Abendmahl zu feiern, über das Zusammenleben von Männern und Frauen und ob letztere etwas zu sagen haben sollten… und vieles mehr. Und Paulus dankt für diese Gemeinde, ehe er dann tief Luft holt und ihnen schriftlich die Leviten liest.
Ich kam nicht umhin, mir parallel zum Gehörten eigene Gedanken zu machen, wie ich das ins Hier und Jetzt übertragen kann und ob es eventuell auch auf so etwas wie Deutschland angewendet werden kann.

Weiter führte der Referent/Prediger aus, dass es Zeiten gab und immer noch gibt, wo man sich, gern auch in Seminaren oder in der Fachliteratur, mit Gemeindeentwicklung beschäftigte. Und bei alledem, was man dort über erfolgreiche Gemeinden hörte und las, kam dann die eigene Gemeinde fast immer ziemlich schlecht dabei weg, weil man noch mehr als sonst darauf gestoßen wurde, was denn vor der eigenen Haustür an Defiziten vorhanden war.
Etwas beschämt dachte ich mir, ob es sich nun um eine geistliche oder kommunale Gemeinde, einen Landkreis, ein Bundesland oder gar den gesamten Staat handelt, wir neigen doch dazu, immer eher darauf zu achten, was besser oder zumindest anders laufen könnte.

Er hielt uns zwei Bilder von Gemeinden vor Augen: Einerseits die „Bei-uns-klappt-gar-nichts“-Gemeinde und andererseits die „Irgendwas-klappt-immer“-Gemeinde. Er erinnerte daran, dass zwar Dankbarkeit keine Erfolgsgarantie bietet, aber die Voraussetzungen neu dimensioniert. Und dass uns das Danken im Allgemeinen schwerer fällt, als das Bitten, uns aus irgendeiner Situation zu erlösen oder einen (vermeintlichen) Erlöser zu schicken.

Es muss ja nicht gleich so pathetisch klingen wie bei JFK der Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“, aber es ist nicht von der Hand zu weisen: Wenn ich erstmal eine Kleinigkeit finde, für die ich dankbar sein kann, dann finde ich auch noch mehr. Wenn ich die Perspektive wechsle, kann aus dem halbleeren Glas auch ein halbvolles werden.

Mir wurde heute mal wieder bewusst, dass ich eigentlich mit meiner meist positiven Grundhaltung fast immer gut durch alles komme, was mir das Leben an Herausforderungen in den Weg wirft. Immer dann, wenn ich diesen Pfad verlasse, weil ich zu viel negativen Input hatte (und Leserkommentare in Zeitungen oder Nachrichtensendungen können sehr viel negativen Input enthalten, leider) wird mein innerer Kompass abgelenkt und es geht mir nicht gut.
Und mir wurde auch bewusst, dass es einen Supervisor gibt, der mir dann häufig ein Ereignis oder einen Menschen schickt, der den Kurs wieder korrigiert. Der mir das Gute selbst im Schlechten zeigt und mich danken lässt.

Open Air

Heute Abend ist in Minden direkt an der Weser ein Open Air Konzert. 40 000 Menschen wollen kommen, um „Die Ärzte“ zu hören (nächste Woche geht es mit den „Toten Hosen“ an derselben Stelle weiter).

Als ich eben eine Jugendliche nach einer Veranstaltung nach Hause gefahren habe, standen wir im Stau auf der Straße Richtung Minden: Autos mit Bochumer, Frankfurter, Holzmindener … Kennzeichen. Und ich konstatiere:

Punk ist nicht tot! Punk fährt jetzt Familienkutsche, SUV oder sogar das Auto mit dem Stern in der AMG-Ausführung. Dass die sich nicht schämen🤣…

Gepampert und gehelicoptert

Symbolbild: Pixabay

Warum erwarten wir eigentlich, dass „der Staat“ alle Unannehmlichkeiten ausräumt? Genau dieser Staat, der sich doch ansonsten gefälligst nach Möglichkeit aus unserem Leben heraushalten soll. Bei der frühmorgendlichen Zeitungslektüre (online, also samt Leserkommentaren) fiel mir mal wieder etwas auf. Und mir wurde klar, warum ich seit einigen Wochen schon mit Unbehagen herumlaufe, wenn ich manche Wortmeldungen höre:

„Das ist nicht zumutbar mit den Preisen!“ (Wahlweise Energie, Mobilität, Lebensmittel…) ist etwas, das ich seit Beginn des Ukrainekrieges immer öfter höre. Bemerkenswert dabei: die Klage bezieht sich nicht auf so etwas wie – sagen wir mal – horrende Mieten in Ballungsgebieten. Darauf, dass zum Beispiel medizinisches Personal in München knapp wird, weil sich die potenziellen Beschäftigten das Wohnen dort nicht leisten können. Denn wenn für solche Probleme nach Lösungen gesucht wurden, die möglicherweise auch in Richtung Vergesellschaftung von Wohnraum gingen, dann lautete der Aufschrei: „Das ist Sozialismus pur, das wollen wir nicht!“ Das ist jetzt verkürzt dargestellt, aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.

Wird aber der Sprit teurer, das Gas zum Heizen, der Strom, der behagliches Ambiente ermöglicht, das Steak oder der Käse, dann geht es plötzlich jeden an und es wird nach der Regulierung durch den Staat gerufen.

Wir wissen (zumindest theoretisch), dass es nicht weitergehen kann mit ökonomischem Wachstum ins Unendliche, wir wissen ganz praktisch, dass Heilsversprechen von Technologie nur sehr begrenzt hilfreich sind (denn bisher hat sich noch jede Technologie im Nachhinein als nachteilsbehaftet erwiesen), wir wissen eigentlich sogar, dass wir den Zenit überschritten haben und uns bescheiden müssen.
Aber wenn es konkret wird, dann rückt einerseits das St. Florians-Prinzip („Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!“) in den Vordergrund und andererseits haben viele von uns Angst, im Vergleich zu anderen über den Tisch gezogen zu werden.

Und dann vergessen auch Viele, dass sie sich, als es einfach war, aufwärts ging, jede Einmischung des Staates energisch verbeten haben, auf ihre Selbstverantwortung gepocht haben, verächtlich auf jene geschaut haben, die schon die Grenzen ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit (und: ja, manche auch ihrer Leistungsbereitschaft) hinter sich gelassen hatten.

Mir ist durchaus bewusst, dass sehr viele Menschen anpacken, wo es nötig tut, den Gürtel ohne zu mucken enger schnallen, leise und selbstverständlich ihre Ansprüche runterschrauben. Aber es gibt eben auch jene, die laut den Schnabel aufreißen, selbst wenn sie immer noch am oberen Ende der Skala stehen. Sich ans Bein gepinkelt fühlen, wenn eine Handvoll junger Leute ihnen erklärt, dass sie gerade dabei sind, den nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage entziehen und darauf nicht anders antworten können als mit einem verächtlichen „Leiste du erstmal was!“
Und ein wenig verwundert frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass aus einer Gesellschaft, die sich nach dem WW2 mit viel Fleiß, Erfindergeist und Hartnäckigkeit wieder einen guten Ruf in der Welt erworben hatte, eine laute Horde hervorgehen konnte, die jammernd ihren Wohlstandsbauch vor sich herschiebt und anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt.

Sorry. Dystopischer Anfall. Ich habe manches verallgemeinert, aber ein wenig davon tatsächlich als bewusste Provokation. Nicht, weil ich auf alles eine Antwort habe. Sondern weil die Ratlosigkeit mich bald zum Platzen bringt. Wird schon wieder…

Time to say Goodbye

Mittwoch, der 31. August 2022

Es heißt Abschiednehmen. Vom meteorologischen Sommer, das tut mir dieses Jahr überhaupt nicht weh. Er war lang, er war heiß, er war trocken. Unfassbar, dass in Pakistan die Menschen schon wochenlang viel zu viel von dem bekommen, was wir uns hier verzweifelt wünschen. Dort sterben Menschen in den Fluten, hier werden die Lebensbedingungen in der Hitze zur Bedrohung für manche Bevölkerungsgruppen.
Ich selbst freue mich auf den „Altweibersommer“, der morgens und abends willkommene Abkühlung bringt, der sanfte Farben, sanftes Licht und auch sanftere Wärme mit sich bringt. Und hoffentlich auch sanften Regen.

Als ich gestern mit dem Fahrrad nach der Arbeit nach Hause fuhr, stellte ich fest, dass selbst in unmittelbarer Nähe zur Weser sich die ersten Landwirte bereits vom Mais verabschiedet hatten: Der stand so halbtrocken auf den Feldern, dass er schon gemäht wurde, also mindestens zwei Wochen vor dem normalen Beginn der Maisernte (der genaue Zeitpunkt hängt vom Verwendungszweck ab).

Es heißt aber auch Abschiednehmen vom Tankrabatt, das allerdings ficht mich kaum an, ich habe in den letzten drei Monaten nur zweimal getankt (und davon nur einmal voll, nämlich Vorgestern wegen notwendiger längerer Fahrt), und das, obwohl in den Tank meines Cityflitzers wahrlich nicht sehr viel reinpasst. Allerdings ist das ein Abschied auf Raten, denn die Spritpreise steigen ja schon, seit die Ferien vorbei sind.
Traurig bin ich dagegen über den Abschied des 9-€-Tickets, nicht so sehr, weil ich genau dieses Billigangebot auf Dauer installiert haben möchte (dazu habe ich bereits diesen Beitrag geschrieben). Nein, ich hatte mir fest vorgenommen, zu den Menschen zu gehören, die den einen oder anderen Ausflug mit dem Ticket unternehmen. Genutzt habe ich es, keine Frage, aber letztlich doch „nur“, um in den heißen Wochen damit zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen, ohne in der Mittagshitze auf dem Fahrrad zu kollabieren. Also vollkommen in des Finanzministers Sinn, ich weiß auch nicht, wie mir das passieren konnte.

Und schließlich heißt es Abschiednehmen von Michail Gorbatschow. Reagan und Kohl sind ihm schon lange vorangegangen, er hat ein gesegnetes Alter erreicht. Und in gewissen Kreisen dürfte man erleichtert sein, dass dieser Mensch nun „weg vom Fenster“ ist. Die Wertschätzung, die ihm in Westeuropa und gerade in Deutschland entgegengebracht wurde, wurde ihm in seiner Heimat oft verwehrt, galt er doch bei vielen als Verräter. Nun sind die drei Männer, die mit der deutschen Wiedervereinigung in die Geschichte eingegangen sind, zu einer himmlischen Skatrunde vereint. Oder wer weiß, vielleicht spielen sie auch „Risiko“ oder singen gemeinsam „Ol‘ man river“, „Kein schöner Land“ und „Kasatschok“. Wenn diese drei sehr unterschiedlichen Staatenlenker 1989 nicht alle an einem Strang gezogen hätten, sähe die Welt heute vermutlich anders aus. Aber nicht unbedingt besser.

Alptraum

Symbolbild: Pixabay

Kennt ihr das, wenn man von einem Traum gefangen gehalten wird, zwischendurch aufwacht, denkt „So ein Schwachsinn“ und dann geht der Traum genau an der Stelle weiter, wo man wachgeworden ist? Als wenn man beim Video die Pausetaste gedrückt hätte. So einen Traum hatte ich letzte Nacht.

Ich war auf der Buchmesse und suchte erst einen bestimmten Verlag und zweitens meine Mitfahrgelegenheit nach Hause. Die Mitfahrgelegenheit war eine Betriebsberaterin (die es vor einem Vierteljahrhundert wirklich gab, bei der wir zu Messezeiten auch öfter übernachteten, die aber leider schon lange Jahre nicht mehr auf dieser Buchhändlerwelt weilt). Der Verlag versteckte sich vor mir, ich entdeckte massenhaft andere dafür, aber genau der gesuchte war nie dort, wo er laut Programmheft sein sollte. Dafür kämpfte ich mich durch Menschenmassen und riesige Stände, die eher wie ein Sammelsurium aus diversen Drogerieketten wirkten, auch von der Artikelauswahl her. Ich fand beim Marvel-Stand lebensgroße Pappfiguren der Avengers, mit denen man Selfies machen konnte (fragt lieber nicht, wieso DIE in diesem Traum auftauchten, ich habe keine Ahnung …).

Es gab zu wenige Toiletten (das ist tatsächlich oft so, gerade bei den Damen) und ich verlor meinen Begleiter, einen entfernten und irgendwie gesichtslosen Bekannten (wieso gerade so jemand dabei war, erschließt sich mir auch im Nachhinein nicht richtig), der mir noch einen Berg Kleingeld in die Hand drückte: ich solle mir ein Eis holen und dann verschwand wie ein Dschinn (aha, vermutlich deswegen: er war einfach unwichtig). Und dann irrte ich durch Parkhäuser und über den Innenhof des Messegeländes, wo ich aber nicht die üblichen fliegenden Händler fand, sondern über halb eingebuddelte, fruchtgummiweiche U-Bahn-Züge stolperte, die farblich gestaltet waren wie das Kostüm von Iron Man. Hilfe!

Glücklicherweise konnte ich meinen Mann anrufen, der zuhause auf mich wartete und über dessen telefonischen Support ich sehr erleichtert und dankbar war – bis ganz plötzlich mein Handy-Akku alle war und mir bewusst wurde, dass ich nun nicht mal mehr ein Zugticket würde kaufen können…

Glücklicherweise war es in diesem Augenblick 5:25 Uhr und mein Wecker ging an. Irgendein ständig im Radio gespieltes Lied katapultierte mich ins Hier und Jetzt. Erleichterung. Wer weiß, sonst irrte ich womöglich als Nervenbündel immer noch in Frankfurt herum und fragte „Haste mal ’n Euro?“

Gedankenspiel

Unser Finanzminister hat (neben vielem anderen) sinngemäß gesagt, mit dem 9€-Ticket habe es

  • viele unnötige Fahrten gegeben (Freizeit statt Berufspendeln)
  • wenn es weitergeführt werde, müssten Menschen, die ländlich wohnen und kaum ÖPNV haben, diesen für andere Regionen mitfinanzieren und das sei ungerecht
  • Die Forderung nach bezahlbarem ÖPNV sei „Linkes Framing“

Vor allem letzteres empfinde ich als reichlich unverschämt. Es dürfte genügend Leute geben, die nicht in dieses politische Spektrum passen und trotzdem gern einen guten ÖPNV unterstützen oder sogar darauf angewiesen sind.
Und selbst, wenn das alles so sein sollte: Die Fokussierung auf den Individualverkehr mit dem eigenen Auto/SUV/Porsche bringt seit Jahrzehnten

  • viele unnötige Fahrten, wenn Leute am Sonntag 500 Meter zum Brötchenholen, nach dem Frühstück ins Grüne fahren oder viele Menschen allein im Auto sitzen, statt Fahrgemeinschaften zu bilden – und auch ein künstlich gesenkter Spritpreis trägt ja nicht unbedingt dazu bei, das Auto stehen zu lassen.
  • die Aufteilung des öffentlichen Raumes zugunsten des Autoverkehrs: viel zu niedrige Parkgebühren für Dauerparker (im Allgemeinen ist es in deutschen Städten billiger, sein Auto durchschnittlich 90 % der Zeit ungenutzt in der Gegend rumstehen zu lassen als täglich mit dem Bus zur Arbeit zu fahren) ; alle Menschen, die kein Auto fahren (und das sind Viele!), müssen Platz machen, selbst auf zugeparkten Rad- und Gehwegen ausweichen, sind Verkehrslärm, Gestank und Schadstoffen (die Schwächsten unter ihnen, die Kinder im Kinderwagen/Buggy sogar auf Nasenhöhe) ausgeliefert, und
  • „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist kein Verteidigen der jedem Einzelnen zustehenden Freiheitsrechte, sondern staatlich zugelassener Irrsinn für die armen Raser, die nach einem Auslandsurlaub erstmal wieder so richtig Gas geben müssen, weil das Tempolimit in allen anderen Ländern rundum so deprimierend ist.

Übrigens bin ich in meinem Leben erst einmal geflogen: als Teenager hatte ich einen Rundflug über die Porta Westfalica mit so einem kleinen zweimotorigen Hüpfer gewonnen. Aber ich subventioniere seit Jahren fleißig den Flugverkehr und die Billigflieger, weil es auf Kerosin nach wie vor keine Steuern gibt. Ist das etwa gerecht?

Und warum will mir die „Freiheitspartei Deutschlands“ die Freiheit nehmen , für relativ kleines Geld mit dem Zug an die Küste, in die Berge oder gar in den Harz zu fahren? Die Freiheit, einigermaßen umweltschonend meine Freizeit zu genießen? Gibt es etwa Unterschiede bei der Freiheit? Linke Freiheit, rechte Freiheit, bürgerliche Mittelfreiheit oder gar Mittelklassefreiheit, Proletenfreiheit und Upperclassfreiheit? Sinnbefreite Freiheit? Freiheit ohne Verantwortung? Lieber keine Freiheit als falsche Freiheit?

Ich gehe nicht davon aus, dass dauerhaft 9 € der angemessene Preis ist, um einen guten ÖPNV zu gewährleisten, denn davon können weder die Infrastruktur oder der Personalbedarf bezahlt werden. Aber wenn ein einfaches, gut verständliches Tarifsystem nach dem KISS (Keep It Short and Simple) -Prinzip, eine vernünftige Taktung, funktionierende Technik (sowohl Weichen, Ticketautomaten als auch Zug-WCs und alles andere, was in den Bereich fällt), genügend Personal und Material – und als I-Tüpfelchen auch noch die Unterscheidung zwischen regional (nicht unbedingt Bundesland, sondern eher Umkreis von xx Kilometer) und bundesweit – vorhanden ist, dann darf es auch ruhig mehr sein. Nicht zu vergessen natürlich Platz für Familien mit Kindern, für Reisegepäck, Fahrräder und Mobilitätshilfen (Kinderwagen, Rollstühle/Rollatoren…).

Regenbogen und Freudentränen

Von innen nach außen und von außen nach innen. Texte und Fotos

ROYUSCH-UNTERWEGS

Reiseberichte, Radtouren, Wanderungen, Bilder und mehr ....

Kommunikatives Lesen

Rezensionen zu aktuellen Büchern aus den Beststeller-Listen

Gnubbels kleine Gedankenwelt

Wenn man niemanden zum Reden hat aber die Gedanken und Erlebnisse einfach raus müssen...

Unterwegs ist das Ziel

Ausflugsziele und DIY Anleitungen

Allerlei Gedanken

von Monika Huber

Sterntaler

Die Ostsee unter Segeln entdecken

Ich lese

Bücher sind die Freiheit des Geistes

Charis {ma}

Intuition ist besser als gar kein Plan ...

Schnippelboy

Ein Tagebuch unserer Alltagsküche-Leicht zum Nachkochen

Birthes bunter Blog-Garten

Grüner Garten-Frische Küche-Bunte Alltagswelt

Stachelbeermond

Wie das Leben - schön und stachelig

Wortman

Willkommen in den WortWelteN

CoffeeNewstom

Toms Welt des Kaffees

Marthas Momente-Sammlung

Bilder, Gedanken, und Geschichten.

The Organized Coziness

Interiorblog | Wohnen • Lifestyle • Kreatives

mutter-und-sohn.blog

Kluge Gedanken. Aus dem echten Leben

wortverdreher

Texte und Gedichte zu den Themen Tanzen und Leben

Kulturbowle

KulturGenuss, Bücherlust und Lebensfreude

reisswolfblog

"Bücher bieten keine wirkliche Rettung an, aber sie können den Geist davon abhalten, sich wund zu kratzen." - David Mitchell

Spinnradl

... den Faden aufnehmen und weben und schreiben ...

wortwabe

Lies mich! Read me!

Naturgeflüster

Impulse für ein natürliches Leben

Taufrisch war gestern

Birgit Jaklitsch: Journalistin, Bloggerin, Autorin

romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

Vorstellung meiner Bücher - Blog: Romanti(c)ker

Linsenfutter

Tier-, Naturbeobachtungen und mehr. Als Hobbyfotograf berichte ich. Stets suche ich Futter für die Linse meines Fotoapparates.

Künstlerhof Lavesum

Einblicke, Geschichten und mehr

Natis Gartentraum

Alles rund um den Garten, Ausflüge und mehr

Meine literarische Visitenkarte

Aus der Feder geflossen und vor die Linse gesprungen

-Naturliebe-

Im Fluss Des Lebens - Altes und Neues wissen

Steinegarten

Pflanzen, Steine und mehr

Die gnädige Frau wundert sich

Szenen eines unordentlichen Lebens

Susis Querbeet

Bücher, Rezensionen, Rezepte, Katzen und mehr

Mein innerer Garten

Leben in emotionaler Instabilität

Wildgans's Weblog

Lese- und Lebensdinge

wupperpostille

...in Verbindung bleiben...

Sustainability

plastic free

Puzzleblume ❀

mit Wurzeln und Flügeln

Reginas Geschichten und Gedichte

Neu: viele Geschichten auch als HÖRGESCHICHTEN

watt & meer

Der Blog watt & meer erzählt von den kleinen und großen Wellen, von Alltag und Urlaub und dem Glück auf 4 Pfoten.

Webgeflüster mit Seele

Der etwas andere Blickwinkel

%d Bloggern gefällt das: