Markustheater

Ich weiß nicht, wieso, aber heute begleitet mich schon den gesamten Tag eine Erinnerung an das Frühjahr 2013, als sich bei uns in der Kirchengemeinde 17 Menschen zusammenfanden, um das Markus-Evangelium als Theaterstück einzustudieren. Sechzehn Kapitel, ein Lebens- und Leidensweg in 90 Minuten darzustellen, das war schon eine große Herausforderung.

Als Vorbereitung hatten wir selbst eine Aufführung in der Uni in Bielefeld besucht, denn das Markustheater ist ein Konzept der SMD (Studentenmission Deutschland) und tourt dementsprechend vor allem durch Unis. Es gibt dafür geschulte RegisseurInnen, die mit den Gruppen vor Ort arbeiten. Schon im Publikum sitzend spürte ich die Unmittelbarkeit der Aufführung. Da es keine Bühne gibt, sondern Stuhlkreise (die weit genug auseinander stehen, dass Darsteller hindurch gehen können) um einen freien Mittelplatz, wird der gesamte Raum bespielt. Als Zuschauer ist man deswegen quasi mittendrin im Geschehen und wird auch , zum Beispiel bei der Speisung der 5000, einbezogen.

Wie „lernt“ man denn nun, selbst das „Ding“ zu spielen? Nun, zunächst hat kein Darsteller eine Ahnung, welche Personen er oder sie spielen wird. Denn die ersten sechs Wochen hat man nichts anderes zu tun als das Markusevangelium zu memorieren. Bei mir sah das so aus, dass ich es als Hörbuch auf dem Handy hatte und jeden Tag bei den Hunderunden hörte. Jede/r von uns hatte da eine eigene Methode.

Nach einigen Wochen kamen wir für ein sehr intensives Probenwochenende im Team zusammen mit unserer Regisseurin, die uns dann mal so kurzerhand (so schien es jedenfalls) unsere Charaktere zuordnete. Manche spielten mehrere Personen, zentrale Persönlichkeiten wie Jesus, die vier engsten Jünger und die Pharisäer hatten nur diese eine Rolle, weil sie natürlich immer wieder vorkamen. Schon bei den ersten Proben ging uns aber auf, dass Melanie uns sehr gut eingeschätzt hatte, denn jeder von uns passte super zu den Personen, die er verkörperte. Und wir alle konnten uns mit unseren Eigenheiten einbringen und unsere Rollen mit Leben füllen!

Kleine Einlagen zum Lachen gab es ebenfalls, die waren auch notwendig, um immer mal wieder aufkommende Spannung zu lösen. Wenn Jesus seine Jünger zum dritten Mal über den See Genezareth rudern ließ und ein Jünger daraufhin maulte „Och nö, nicht schon wieder rudern…“, dann befreite es das Publikum vielleicht von einer vorangehenden Konfliktszene zwischen Jesus und den Pharisäern. Lacher gab es bei uns auch, weil ausgerechnet der Dorfarzt den von den Schweinedämonen Besessenen spielte. Übrigens sehr überzeugend.

Zum Ende stieg die Spannung, als es um Jesu Verurteilung ging, im immer dunkler werdenden Raum alle Schauspieler immer lauter „Kreuzigt ihn“ skandierten, wobei sie die Zuschauer aufforderten, einzustimmen und diese deshalb nicht um wachsendes Unbehagen herumkamen. Nach der Kreuzigung schrie „unser“ Jesus gepeinigt auf, schlagartig wurde es stockfinster im Saal und für unendlich lange drei Minuten blieb das Licht aus. Diese Szene sorgte denn auch dafür, dass es im Publikum sehr still blieb und wir in lauter bedrückte Gesichter blickten, als das Licht dann wieder anging. Bleibt zu bemerken, dass wir Eltern mit jüngeren Kindern vorsorglich darum gebeten hatten, den Raum vor der Kreuzigung zu verlassen. Doch schließlich löste sich die Spannung in Applaus und befreites Aufatmen, die ZuschauerInnen waren mehrheitlich begeistert!

Bei mir hat diese „Theaterarbeit“ nachhaltigen Eindruck hinterlassen, sowohl beim Anschauen als auch beim Mitmachen fühlte ich mich in die Lebensumwelt Jesu hineingezogen, bekam einen anderen Blick auf die dargestellte Geschichte Jesu und auch auf meinen eigenen Glauben. Momentan sind coronabedingt alle Projekte des Markustheater gestoppt, aber wenn ihr später mal die Gelegenheit habt, eine solche Aufführung in eurer Region zu besuchen, nutzt sie. Dafür muss man auch nicht zwingend gläubig sein, offen für unglaubliches reicht auch😊

Weitere Infos findet ihr hier: https://www.smd.org/akademiker-smd/ueberregional/markustheater/

Sommermorgen

Heute früh um viertel vor sechs hat mich nichts mehr im Bett gehalten, der frühe Spätsommermorgen lockt. Erstmal habe ich die Hunde mit einer Kaustange versorgt, draußen das Vogelhaus aufgefüllt, die Kaffeemaschine angeschmissen und dann alle Fenster weit aufgerissen. Meine Morgenroutine. Dann ein bisschen die Atmosphäre im Garten genossen. Nur 19 Grad, eine angenehme Kühle, die Natur atmet ebenso auf wie ich, denke ich. Der leichte Frühdunst lässt meine Wildnis etwas verwunschen erscheinen.

Auf dem Weg zum Regenspeicher konnte ich schon ein paar Brombeeren naschen. Taufeucht, kühl und süßsauer zergehen sie auf der Zunge. Das Gemüse an der Hauswand bekommt ordentlich Wasser, ich den ersten Kaffee. Unwillkürlich kommt mir ein Liedanfang in den Kopf „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang…“, vielen wahrscheinlich eher bekannt als „Morning has broken“

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Sweet the rain’s new fall, sunlit from heaven
Like the first dew fall on the first grass
Praise for the sweetness of the wet garden
Sprung in completeness where His feet pass

Mine is the sunlight
Mine is the morning
Born of the One Light Eden saw play
Praise with elation, praise every morning
God’s recreation of the new day

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Übrigens ist es kein originärer Song von Cat Stevens, sondern die Melodie eines alten gälischen Volksliedes, für das die Kinderbuchautorin Eleanor Farjeon Anfang der 1930er Jahre einen Text für eine geistliche Liedersammlung schrieb. In der deutschen Textfassung steht es im evangelischen Gesangbuch und wie ich über Wikipedia herausfand, auch in der österreichischen Ausgabe des Gotteslob der katholischen Kirche.

Ich bereite mich auf meine heutige Aufgabe im Gottesdienst vor, genieße noch ein wenig die wunderbare Morgenatmosphäre, ehe die angekündigte Hitze des Tages mich ausbremst und freue mich schon auf die kommenden Spätsommerwochen; eine Jahreszeit, die ich immer wieder mit einer Mischung von Abschiedswehmut und Vorfreude auf die neue Jahreszeit erlebe.

Ich wünsche euch einen gesegneten Sonntag.

30 Days Book Challenge – Tag 25

Für die heutige Aufgabe habe ich mir zuerst den Kopf zermartert, bin danach an meinen Regalen vorbeigeschlichen wie die Katze um den Sahnetopf und hatte schon die Befürchtung, ich könnte leer ausgehen. Aber dann sprang mich doch noch ein Buch an, so mental gesehen.

Die Aufgabe lautet: „Ein Buch, auf das du durch den Klappentext neugierig wurdest“.

Ich sah das Buch in einer konfessionellen Buchhandlung, und da ich durch die Jugendarbeit immer mal wieder in die Lage kam, ein gemeinsames Gebet anzuleiten, was eigentlich so gar nicht „meins“ ist, warf ich einen zweiten und dritten Blick. Als Kind war das erste Gebet, mit dem ich in Berührung kam „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘.“ Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass ich mir ganz ordentlich Gedanken machte, was denn „fromm“ bedeuten könnte. Bis heute habe ich mich mit dem Begriff nicht so ganz ausgesöhnt. Im Konfirmationsunterricht in den 1980ern lernte ich eine Definition des Gebets, die ich eher als technische Gebrauchsanleitung empfand. Nach dem Schema: Finde etwas, wofür du danken kannst, erzähl ein bisschen und dann darfst du auch um etwas bitten. Aber am wichtigsten war das Danken. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass es in jeder Gemeinde so war, vielleicht hatte unser Pastor es auch gar nicht so strikt gemeint, jedenfalls kam es bei mir aber so an. Wenn ich also nichts zu danken fand, dann ließ ich es einfach.

Lange Jahre war mein Gebetsleben ziemlich spartanisch, teilweise beschränkte es sich auf Stoßgebete in brenzligen Situationen. Bis ich dann Kindergottesdienstmitarbeiterin wurde. Mir wurde klar, mit Kindern beten kann auch ganz anders ablaufen als mein Papa mir das beigebracht hatte. Zum Glück gab es schon sehr gute Materialien für Kindergottesdienstvorbereitung, daran konnte ich mich entlanghageln.

Als ich also auf das Buch „Beten – Ein Selbstversuch“ von Klaus Douglass (hier der Wikipedia-Eintrag zum Autor) stieß, kam es für mich einer Offenbarung gleich. Beten ist nicht 08-15 oder Schema F, beten ist etwas sehr persönliches, intimes zwischen Gott und mir. Und weil wir Menschen alle so unterschiedlich sind, ebenso wie die Situationen, in denen wir beten, ist auch Gebet sehr verschiedenartig und individuell. Klaus Douglass hat 50 verschiedene Arten des Gebets durchprobiert, sich dabei von der Alten Kirche, der Orthodoxie, aber auch anderen Religionen inspirieren lassen. Er hat statische und bewegte Formen erkundet, gebundene und freie, digitale und analoge Angebote, spirituelle und auch profane Stilmittel erforscht. Er fand heraus, welche Formen für ihn funktionierten und welche er eher absonderlich fand.

Und so ging es mir auch, während ich durch dieses Buch mit ihm auf Entdeckungsreise ging. Für mich selbst kam ich zu dem Schluss, dass es okay ist, wenn ich Gott auch mal nicht danken kann, weil gerade alles überhaupt nicht zum danken ist, dass ich ihm Missstände klagen und sogar ihn selbst anklagen darf. Dass ich nicht jeden Abend vor dem Einschlafen alles mögliche vom Tag zusammensammeln muss (obwohl das natürlich sehr entlastend sein kann) und genauso gut beim Kochen, Autofahren oder bei der Hunderunde mit IHM reden darf. Wenn ich beim Lobpreis zu tanzen beginne, kann das ebenbürtig sein zur stillen Andacht. Wenn mir eigene Worte fehlen, kann ich auf das Vaterunser oder einen Psalm zurückgreifen oder auf andere Gebetsvorlagen. Und genauso muss ich bei einer Gebetsrunde gerade nicht auf vorformuliertes zurückgreifen („Vater, du siehst, wo jeder von uns gerade steht“ kommt mir oft so gestelzt vor, vor allem, wenn ich es sage), sondern kann reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wenn mir überhaupt nicht nach reden ist, bin ich frei zu schweigen. Selbst ein paar Tage Beziehungspause ziehen es nicht nach sich, dass Gott mich danach nicht mehr mag.

Das ist unheimlich befreiend. Es macht mich nicht klein, aber stellt meinen Glauben auf einen weiteren Raum.

Der Dank geht wieder mal an Ulrike, deren Aufgaben mich heute dazu brachten, selbst einmal wieder über diese Freiheit des Gebetes nachzudenken.

Gottesdienst in Corona-Zeiten

Ja, es ist anders und auch gewöhnungsbedürftig. Und ja, es ist merkwürdig, mit Maske in die Kirche zu gehen, sich dort namentlich registrieren zu lassen und sich dann auf vorher definierte, gleichmäßig verteilte Plätze zu setzen. Und statt zu singen, sich Vorträge von Orgel, Klavier oder Gitarre anzuhören.

Aber andererseits: verteilt haben die Besucher schon immer gesessen, nur eben auf ihren „Stammplätzen“, am liebsten möglichst weit weg vom Pfarrer. Durch die gleichmäßige Verteilung und die „Abstandsdeko“ in unserer Kirche sieht es von hinten aus gesehen sogar voller aus als sonst.

Naja, und was den Gemeindegesang angeht, wenn 40 Menschen in einer Kirche sitzen, die über 1000 Leute fasst, und dann noch die Orgel gespielt wird, man wird dann gerade bei Liedern, die nicht so geläufig sind, meist vom Instrument übertönt.

Deswegen mag ich an unserem Corona-Gottesdienst-Konzept, dass sich Musiker aus den Bereichen Organisten, Chorleuten, Lobpreis abwechseln und dass dadurch eine größere Vielfalt an Musikstilen vorkommt. Auch ungewöhnliche musikalische Allianzen entstehen. Und dadurch bekommt der Gottesdienst auch eine Dimension von Kulturvermittlung: ohne mich auf einen Text konzentrieren zu müssen, kann ich die Musik genießen, verinnerlichen, einfach wirken lassen.

Also gilt hier wie in vielen Lebensbereichen: nicht nur beklagen, was alles nicht so klappt oder Nachteile bringt, sondern einfach mal darauf einlassen und ganz neue Schätze entdecken😊.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

(Vorbemerkung: Wahnsinn, ich habe seit zwei Wochen nichts mehr geschrieben. Und genauso lange auch nichts mehr von euch Blognachbarn gelesen. Sorry. Aber ich brauchte diese kreative Pause, weil sich in meinem kleinen Spatzenhirn ein Gedanke eingenistet hatte, der meine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte: Ich möchte mich selbständig machen. Darauf gehe ich aber in einem anderen Artikel ein.)

Also. Der Spruch „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ kam mir am Dienstag früh nach dem Aufstehen in den Sinn und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Es ist eine kleine Momentaufnahme aus dem Psalm 31, der zweite Teil des Vers 9. Der Psalm wird König David zugeschrieben, und zwar dem alternden König, wie auch einzelne Verse nahelegen. Da spricht der Beter über die unterschiedlichsten Erfahrungen seines Lebens. Auch über Feinde, Götzenanbeter, Bedrängnis.

In Vers 9 heißt es komplett: „und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Wirklich? Gerade in den letzten Wochen haben wir doch alles andere als „weiten Raum“. Kontaktbeschränkungen, Home Office und Home Schooling, Kitas geschlossen, kein Ausgehen, Gottesdienste nur digital, Kultur findet nur noch über Insta und Youtube statt… Aber wir haben trotz alledem Möglichkeiten gefunden. Wir waren gezwungen, unseren Alltag, liebgewonnene Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen: funktioniert das alles tatsächlich nur so, wie wir es gewohnt sind? (Allein der Umwelt zuliebe hat die Umstellung bisher jedenfalls nur so lala geklappt) Oder gelingt es vielleicht doch auch ganz anders?

Zunächst hatten die Maßnahmen ja auch durchaus den klitzekleinen Nerv der Leute getroffen, der sich nach Entschleunigung sehnte. Teilweise wurde die neue Langsamkeit und Genügsamkeit sogar euphorisch gefeiert. Nicht nur ich, sondern viele andere Blogger auch verfielen in Schreibräusche, Kulturschaffende boten ihre Programme unentgeltlich im Netz an, in der Hoffnung, dass „nach Corona“ das Publikum sich an sie erinnert und dann auch Konzerte und Live-Shows besucht. Die leeren Straßen und der klare Himmel taten ihr übriges.

Nach einigen Wochen stellte sich heraus, dass eine gezwungene Dauer-Entschleunigung auch nicht das Wahre ist (und ich begreife eigentlich immer noch nicht, warum die Proteste genau dann losgingen, als die Maßnahmen gelockert wurden. Nach dem Motto: Schnell noch protestieren, ehe es überhaupt keinen Grund mehr gibt!) Manche fielen dann in umso tiefere mentale Löcher, auch ich hatte so eine Phase des Einigelns und Eigenbrötelns.

Zu einer Zeit, als weder Autoverkehr noch Flugscham, weder Verschwörungstheorien über eine „Neue Weltordnung“ oder Viren ein Thema waren, kannte auch der große und mächtige König David gute und schlechte Zeiten.

Es ist ja auch nicht so, dass er selbst immer ein Musterknabe gewesen wäre, denken wir nur mal an Bathseba. Aber in allem, was er gut oder falsch gemacht hatte in seinem Leben, er wusste sich immer geborgen bei Gott mit seiner Liebe und Güte zu den Menschen. David hat unzählige Höhen und Tiefen erlebt, das spiegelt sich auch im Psalm wider. Die Aussagen des Psalms verlaufen in Wellen, aber immer wieder kehrt er zu Gott zurück, immer wieder ruft er IHN an: du stellst meine Füße auf weiten Raum!

Im Rückblick auf eine lange Weltgeschichte würde ich sagen, diese Erkenntnis hat sich immer wieder durchgesetzt. In allen Beschränkungen und Bedrängnissen, welche die Menschheit durch Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen und anderes durchgemacht hat. Menschen sind immer wieder gestärkt und mit neuem Mut aus diesen hervorgegangen, haben sich neue Wege gesucht, haben neue Ideen gehabt. Nicht immer zum Vorteil, aber das erkennt man nun mal häufig erst im Nachhinein. Leben kann man nur vorwärts.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Eine Zusage und ein Versprechen. Es ist Zeit, diesen Raum neu zu erkunden. Oder, um es mit Gandhi zu sagen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“. Ist zwar ein anderer Ansatz, aber dieselbe Grundhaltung.

PS: Das Beitragsbild ist 2009 auf Norderney entstanden. (Damals noch mit einer analogen Kamera und Film. Ich hatte mich lange Zeit der Digitalfotografie verweigert. Dieser „neue Weg“ war zu der Zeit nicht meiner🙃) Kathrin war mit knapp drei Jahren dort zur Kinderkur im Seehospiz und wir hatten an einem Wochenende die Flucht ins Naturschutzgebiet angetreten, weil es im Ort vor lauter Kegelclubs und Junggesellenabschieden nicht zu ertragen war mit kleinen Kindern. So sahen wir das Städtchen Norderney an dem Tag nur aus der Ferne und im Dunst, ohne die unappetitlichen Details vollkommen besoffener Menschen. Auch unsere Zukunft nehmen wir so ungefähr wahr, leichte Konturen, noch nicht ganz klar, ohne Details.

Ostern -Eiskalt erwischt

Das Beitragsbild ist erst gestern Abend entstanden. Bis dahin brauchte ich, damit Ostern so richtig bei mir ankam.Es war schon merkwürdig, am Sonntagmorgen um halb sechs aufzuwachen. Normalerweise schaffe ich das nach der Osternacht nicht – aber halt, es gab ja keine Osternacht. Dieser ganz besondere Moment, wenn wir aus dem Dunkel der Trauer die Osterkerze in den Kirchenraum tragen, mit den Jugendlichen und ihren teils anwesenden Familien „Morgenstern“ und „Happy day“ singen, die Osterfreude feiern. Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden! Das fehlte. Und auch das Aufräumen danach, wenn wir eigentlich alle hundemüde, aber trotzdem total aufgekratzt sind.

Also gut, aufstehen, Kaffee kochen. Und dann saß ich am Küchentisch. Kathrin hatte am Abend vorher für das Frühstück gefüllte Eier als Osterküken gemacht, aber ansonsten gab es kein bisschen Osterdeko, um den Frühstückstisch zu etwas besonderen zu machen. Okay, das lag daran, dass ich meinen Beinen noch nicht genug getraut hatte, um die Osterkiste vom Dachboden zu holen.Aber ich hatte, teils wegen der Beine, teils weil ich Risikogruppe bin (ich lerne das Wort verabscheuen…), seit Wochen nicht mehr selbst eingekauft. Die ganzen netten Kleinigkeiten, die Ostern nicht nur zur Auferstehung Jesu, sondern auch zu einem schönen Familienfest machen, hatten nicht den Weg zu uns gefunden. Es würde auch kein buntes Durcheinander mit Allen am Nachmittag geben.

Und dann konnte ich auf einmal nicht mehr. Ich musste an meine Mutter und meine Schwiegermutter denken. Beiden hatten wir vieles abgenommen, als sie nicht mehr so gut zu Fuß waren. Natürlich, aus Sorge, es könnte ihnen zu anstrengend sein, sich für die gesundheitliche Situation als Nachteil erweisen, aber ein bisschen doch auch, um ihnen zu zeigen, dass sie selbst es „nicht mehr nötig“ hatten, sich ins Gewimmel zu stürzen. In unserem durchgetakteten Leben zwischen Arbeit und Kindern bedeutete es ja auch immer Verzögerungen, wenn eine von beiden unbedingt selbst mit wollte, um genau das zu bekommen, was sie haben wollte oder um auch einfach nur mal wieder zu sehen, was es denn in den Geschäften so gab.

Ich habe 52 Lebensjahre gebraucht, um dieses Verhalten so gut nachfühlen zu können… Es hat mich traurig gemacht, beschämt, und ein wenig Selbstmitleid war auch dabei. Und so war es ein nachdenkliches, nicht ganz einfaches Osterfest für mich, trotz des schönen Wetters.

Gestern Abend kam dann aber mit Verspätung auch die Osterfreude bei mir an. Etwas verhalten in diesem Jahr, aber ich kann ja nicht immer überschäumen. Und inzwischen hatte ich auch erkannt, dass ich auch solche Stimmungen haben darf.

Gemeinsam

Dieser Rebengang wirkt äußerst verlockend für mich. Ich stelle mir vor, dass er Schatten und Schutz bietet. Schutz vor Sonne, Wind und Regen, vor der Hitze eines Sommertages, vor neugierigen Blicken. Gerne würde ich mich hier einfach mal hinsetzen oder -legen, den Duft der Natur um mich herum einatmen, die Kühle unter dem Blätterdach genießen, auch mal Trauben naschen, wenn sie schon reif sind. Ich glaube, ich wäre dort sehr behütet. Dieser Traubengang ist eine Art sakraler Raum in meiner Vorstellung.

„Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben“ sagte Jesus einst. Das heißt, ich bin ein Teil dieses Bildes. Diese Darstellung ist unter anderem: Kirche!

Denn was ist „Kirche“ eigentlich? Der Ursprung ist das griechische „Ecclesia“ (ursprünglich eine Volksversammlung), im christlichen Sinn gebraucht als „Die Herausgerufenen“, die von Jesus Christus durch das Evangelium herausgerufen wurden aus der Welt.

Kirche ist nicht einfach die Bezeichnung für ein Gebäude, auch nicht für eine Variante der Religionsausübung. Kirche ist auch nicht zuerst katholisch oder evangelisch, baptistisch oder sonstwie. Kirche ist vor allem Gemeinschaft oder Familie.

Wie in jeder Familie gibt es Gemeinsamkeiten und Differenzen. Es gibt Menschen, die man mag und solche, die man am liebsten von hinten sieht. Sogar in der Gemeinde, in der man sich zuhause fühlt. Und das ist gut und richtig so und meiner Meinung nach sogar wichtig für die eigene Entwicklung. So wie sicherlich jeder in der Verwandtschaft jemanden kennt, den man nur ungern besucht, von der man sich abgrenzt, eine Person, die Widerstand hervorruft. Das hilft beim Aufwachsen. Sich zu sagen: Wie diese Person möchte ich nicht werden! Da sträubt sich alles in mir.

Auch in der Gemeinde gibt es solche Menschen. Aber: Ich habe inzwischen festgestellt, dass mir teilweise sogar schmerzliche Auseinandersetzungen mit solchen Menschen letztlich mehr geholfen haben, meine eigene spirituelle Identität zu finden, als solche, mit denen ich einer Meinung war. Denn sie fordern heraus, Positionen zu überdenken statt zufrieden im eigenen Saft liegen zu bleiben. Das kann dazu führen, dass ich in meinem Denken bestärkt werde, aber es kann auch bedeuten, dass ich erkenne, selbst auf dem Holzweg zu sein. In jedem Fall aber muss ich reflektieren, und sei es, um Argumente zu sammeln. Das ist natürlich unbequem. Aber im Nachhinein oft sehr hilfreich.

„Meine “ Gemeinde ist sicher nicht perfekt. Das wäre unmenschlich und überhaupt nicht erstrebenswert. Aber sie ist so wie wir Menschen eben sind!

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Karfreitag

Zunächst wieder das Foto. Da wird „Holz gemacht“. Auf den ersten Blick liegt da ziemlich viel totes Holz, rigoros vom Leben abgeschnitten. Auf den zweiten Blick sehe ich aber auch eine Chance:

Der Baum oder Strauch im Hintergrund ist nicht von der Wurzel her beseitigt worden. Er kann aus dem „Stock“ wieder neu austreiben. Wer Haselnusssträucher im Garten hat, kennt das Procedere. Das Leben bahnt sich seinen Weg, verjüngt und stärker als zuvor.

Ähnlich ist es mit Karfreitag. Man hatte gehofft, das „Übel“ Jesus am Kreuz aus der Welt zu schaffen. Aber die Wurzel, die Liebe Gottes zu den Menschen, konnte man nicht beseitigen. Und Jesus besiegte den Tod, seine Botschaft der Liebe war nach seiner Auferstehung stärker denn je. Bis heute treibt sie neu aus.

Und das ist es auch, was mich an Jesus so fasziniert. Seine radikale Liebe zu denen, die bis heute immer wieder scheitern, die es nicht schaffen, zu ihrem Wort zu stehen, auch zu denen, die es nicht mal versuchen wollen. Und ich gebe auch ganz offen zu, dass es ein sehr langer Weg für mich war, zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. Als ich gerade erst erwachsen war, dachte ich eher: An Gott kann ich glauben, und auch daran, dass es den historischen Menschen Jesus gab. Der war auch sicher ein Vorbild für viele, aber Gottes Sohn? Wie soll das funktionieren? Es ist ein Weg, immer noch. Der Weg ist manchmal steinig, er bietet manchmal erstaunliche Erkenntnisse, aber er lohnt sich, ihn zu gehen. Und er wird dauern, solange ich lebe. Glauben ist meiner Meinung nach in diesem Leben immer ein Weg. Kein Ankommen. Das kommt später…

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Allein

Das dürfte heute Abend bei vielen Christen vielleicht nicht das vorherrschende, aber ein bohrendes Gefühl sein. Am Gründonnerstag feiern wir Abendmahl, und zwar zum Gedenken an das letzte gemeinsame Mahl von Jesus mit seinen Jüngern, ehe er den schweren Weg ans Kreuz ging. Genau diese Situation gibt es nur das eine Mal im Jahr. Aber nicht 2020. Nicht so, wie wir es kennen, in der Gemeinschaft unserer Gemeinden.

In diesem Jahr ist einfach alles anders. Symbolisiert durch die leeren Stühle und Bankreihen in unseren Kirchen. In den sozialen Netzwerken werden heute heiße Diskussionen darüber geführt, ob und wenn ja wie man als Laie das Abendmahl zuhause feiern darf, ohne die Einsetzung durch einen ordinierten Pfarrer.

Erstens wundere ich mich, dass diese Diskussionen erst heute mit dieser Vehemenz laufen, denn das Kommen des heutigen Tages mitsamt den Einschränkungen waren seit mindestens zwei Wochen absehbar. Zweitens frage ich mich, wie zielführend es ist, wenn die einzelnen Landeskirchen jeweils ihr eigenes Süppchen kochen, und drittens, warum es nicht möglich war, den Diskurs über die theologischen Streitpunkte erst ganz in Ruhe und ohne Öffentlichkeit zu klären und dann mit einer gemeinsamen (Kompromiss-)Lösung den Menschen einen gangbaren Weg aufzuzeigen. Da wünsche ich mir abseits von Dogmen und Systemen einfach pragmatische und praktische Ansätze für Ausnahmesituationen. Einen Plan B sozusagen.

Zum Anderen denke ich an die Vielen, die tatsächlich ganz allein zuhause sind, die augenblicklich weder im spirituellen noch im realen Leben die Möglichkeit zur Gemeinschaft haben. Der Gedanke tut weh, aber meine Möglichkeiten beschränken sich aktuell auf Mitgefühl und Gebet für die Einsamen. Alles andere gebe ich in Gottes Hand und vertraue darauf, dass er einen Weg findet, die Menschen zu trösten.

Ja, allein sein kann wunderbar sein, es kann helfen, die eigenen Gedanken mal wieder zu hören statt der vielen verschiedenen Meinungen, denen wir ausgesetzt sind. Aber allein sein, wenn ich es mir nicht selbst ausgesucht habe, kann mich sogar in einem Wolkenkratzer voller Menschen zum einsamsten Menschen der Welt machen.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Mit anderen Mitteln…

Was tut man, wenn es keine öffentlichen Gottesdienste in der Kirche geben darf? Man bastelt sich einen Gottesdienstbaukasten. In diesem Fall für unseren Jugendgottesdienst. Die Idee hatte Julia, und es sollten auch nach Möglichkeit alle daran beteiligt sein, die sonst auch den FAQ, wie er bei uns heißt, gestalten.

Also wurde die Band um Songs gebeten, daraus wurde eine Youtube-Playlist erstellt (mit Texten), weil ja nicht alle unsere Liederbücher zuhause haben. Eine unserer Catering-Feen steuerte einen Tipp bei, was man denn nach dem Gottesdienst (da gibt es bei uns immer ein Bistro) essen könnte. Zutaten für Wraps hat man ja oft zuhause, außerdem wurde das Rezept früh genug bekannt gegeben, dass man noch einkaufen konnte.

Ich hatte die Aufgabe, die Gebete, Psalmlesung und den Impuls beizusteuern. Eigentlich nichts neues für mich, aber die Ausführung hatte es in sich. (Notiz an mich selbst: Wenn die Technikpreise irgendwann mal wieder auf dem Boden angekommen sind, ein Handystativ beschaffen😏)

Am Freitagabend hatte ich den Impuls soweit, dass ich mich ins Büro setzen und filmen konnte. Nach fünf Versuchen, in denen ich mich immer so ungefähr in der Mitte fürchterlich verhaspelt, mir mit der Hand durchs Gesicht gewischt oder das Handy weggekippt hatte, gab ich auf. Die Müdigkeit konnte man mir auf der Aufnahme auch deutlich ansehen…

Neuer Versuch Samstag Vormittag. Ausgeruht, munter, dezent aufgefrischt (Obenrum. Die Beine steckten nach wie vor in Jogginghose, aber die sah ja niemand.) Handy auf der richtigen Höhe und im korrekten Winkel? Check! Text in Augenhöhe? Check! Bildausschnitt nach Möglichkeit ohne die chaotischen Regale im Hintergrund? Check! Okay, dann los.

Erster und zweiter Anlauf: Die Nase juckt. Die Nase juckt immer stärker! Kratz dich jetzt sofort an der Nase, sonst passiert was!!! 😖

Dritter und vierter Versuch: Es kratzt im Hals. Ein Schluck Wasser wäre gut. Wasser steht in der Küche… Ein Schluck Wasser bitte, jetzt sofort! Nein, Wasser steht immer noch in der Küche. Na gut, du wolltest es nicht anders: Hustenanfall. Tränen laufen, nach Luft japsen. Klappe🎬

Wasser holen. Beruhigen. Auf ein Neues. Nachdem ich mich über die ersten fünf Minuten gerettet hab: Handy klingelt. Muss ich drangehen🤪.

Nochmal das Ganze: Ja, jaa, jaaa, es geht auf das Finale zu… „BlingBling“! Das Handy für die Nothotline unserer Kunden piept🙈

Aller guten Dinge sind SIEBEN: Was fehlte jetzt noch? Genau. Unsere Hunde waren sich mitten in der Aufnahme einig, dass sie jetzt auch mal dran wären und veranstalteten spontan ein Konzert🥴😵.

Auf der achten Aufnahme sah ich schon etwas mitgenommen aus, glaub ich. Das war mir dann aber auch egal. Ich habe es dann so gelassen, denn langsam wurde ich heiser und bekam leichtes Kopfklopfen.

Alles wird gut! Denn inzwischen sind alle Bausteine bei Julia angekommen und die schneidet daraus ein Gesamtkunstwerk zusammen. Aber ich freue mich schon wie Bolle, wenn wir uns wieder im Paul-Gerhardt-Haus treffen können!

Und dann feiern wir!!! Deswegen zeige ich dir schon voller Vorfreude ein Video: