Macht euch die Erde untertan

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Das ist es doch, was wir immer gehört und auch sehr effektiv verinnerlicht haben. Sogar dann, wenn wir mit dem christlichen Glauben ansonsten so gar nichts am Hut haben.

Denn wenn das der Wille eines Schöpfers ist, den er seinen angeblich intelligentesten Geschöpfen sogar verschriftlicht hinterlassen hat, dann ist das doch ein Freifahrtschein, oder? Die Schlussfolgerung: „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung (immerhin steht er am Ende der Schöpfungskette, und das Beste kommt ja bekanntermaßen immer zum Schluss), Gott hat ihm die Verantwortung für dieses ganze wunderbare, gleichermaßen robuste wie fragile Gebilde namens ‚Erde‘ übergeben, wir allein besitzen Intelligenz genug dafür!“ erweist sich immer mehr als Hybris, als Selbstüberschätzung, als grandioser Fehlschluss. Keine andere Spezies setzt alles daran, anderen Lebewesen ihre Daseinsberechtigung so vehement abzusprechen. Keine Tierart lechzt danach, andere auszurotten (und damit die eigene Lebensgrundlage kaputtzumachen). Keine Lebensform rennt so instinktlos ihrem eigenen Untergang entgegen, nicht einmal die viel zitierten Lemminge.

Vögel verstummen, wenn sich ein Unwetter naht. Dschungeltiere suchen Schutz auf Anhöhen, wenn der Monsun mit wassergewaltiger Macht beginnt. Steppentiere flüchten bereits lange, ehe eine Feuersbrunst sie erreicht (solange keine Zäune oder andere Hindernisse diese Flucht verhindern).

Allein der Mensch brüstet sich, mit noch mehr Technologie den Schäden der Vorgängertechnologien begegnen zu wollen. Dafür beutet er die Schätze der nicht zu Unrecht „Mutter Erde“ genannten Mit-Welt aus.

Sonnenaufgang am großen Weserbogen

Aber was genau steht denn in der Bibel? Damit fängt es ja schon an. So eindeutig wie Luther sagt es nicht jede Übersetzung:

1. Mose 1,28 Luther 2017: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Derselbe Vers klingt in der „Gute Nachricht“ jedoch anders: „Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz! Ich setze euch über die Fische im Meer, die Vögel in der Luft und alle Tiere, die auf der Erde leben, und vertraue sie eurer Fürsorge an.

Oder in der „Hoffnung für Alle“: „Er segnete sie und sprach: »Vermehrt euch, bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Ihr sollt Macht haben über alle Tiere: über die Fische, die Vögel und alle anderen Tiere auf der Erde!

In der Einheitsübersetzung steht wörtlich: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!

Nun habe ich weder Hebräisch- noch Griechisch-Kenntnisse. Ich kann daher nicht überprüfen, welche Übersetzung am ehesten wortgetreu ist. Daher ziehe ich auch noch die Basisbibel heran, die sehr nah am Urtext gehalten ist.

Die Basisbibel enthält folgenden Text: „Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf dem Boden kriechen!«“

Untertan, herrschen, unterwerfen. Alles nicht die allerfreundlichsten Wörter, aber allesamt durchaus mit Interpretationsspielraum.

Ein Herrscher kann weise und umsichtig herrschen, auf die Bedürfnisse seiner Untertanen Rücksicht nehmen und nur so viel fordern, wie möglich ist, ohne zugrunde zu gehen. Er kann aber auch ohne Rücksicht auf Verluste seine Untertanen ausbeuten, ihre Arbeitskraft ausnutzen, ihnen nur das Geringste zum eigenen Überleben zugestehen, sie unter der Knute halten und unterdrücken. Dann ist dieser Herrscher ein Diktator.

Unterwerfung ist fast schon ein noch härterer Ausdruck. Wenn wir uns jemandem unterwerfen (müssen), dann kapitulieren wir, geben unsere eigenen Ansprüche auf, auch wenn sie noch so berechtigt sind. Wir ducken uns ängstlich unter eine üble, verwerfliche Macht.

Gerade zu der jetzigen Zeit hat wohl jeder von uns quicklebendige Bilder vor Augen, wenn wir an Unterwerfung denken.

Zurück zur Schöpfung: wenn da schon jemand sein muss, der quasi „Das Sagen hat“, dann ist es doch für alle Seiten wesentlich sinnvoller und in jeder Hinsicht nachhaltiger, wenn dieser Jemand den Überblick hat und darauf achtet, dass das gesamte System nicht nur gerade so überlebt, sondern prosperieren kann. Dass es weitergeht, dass nicht mehr entnommen wird als nachwachsen kann, dass alle ihr Auskommen haben. Fürsorgend. Wie anders klingt das?

Es geht noch weiter. Den Vers 28 beanspruchen wir ganz selbstverständlich als „bare Münze“, denn es steht ja dort so geschrieben! Wir übersehen dabei aber nur zu oft, dass in den 27 Versen vorher ganze sechs Male steht „Und Gott sah, dass es gut war“. Das war die belebte und unbelebte Schöpfung ohne den Menschen. Alles zusammen, Natur, Pflanzen- und Tierwelt und den Menschen mittendrin bezeichnete Gott als „sehr gut“. Nur in diesem Gesamtzusammenhang finden wir einen Hauch von Überschwang. Im Umkehrschluss könnte man sagen, ohne alles andere ist der Mensch eben nur „sehr“, ohne „gut“. Und da sind wir wieder bei der Hybris angelangt.

Ohne alles um uns herum, ohne das geschickt aufeinander aufgebaute Miteinander von Kosmos, Naturgewalten, Pflanzen und Tieren, und zwar alle, auch wenn wir sie als „Schädlinge“ betrachten, ist die Schöpfung oder die Welt einfach nicht vollständig. Es läuft nicht rund. Es ist eben keine Um-Welt, sondern eine Mit-Welt.

Und wir gebärden uns in dieser gemeinsamen Welt wie ein Diktator, wie ein Usurpator sogar. Wir sitzen in unserer Sozialisation an vielen Stellen so sehr fest, dass wir uns ein anderes Szenario oft überhaupt nicht vorstellen können. Weniger Strom? Weniger Energie? Weniger Versiegelung? Wie soll das gehen? Das schmälert unseren Komfort.

Solange wir in der Lage sind, uns über einen Mangel an Komfort zu beschweren, sitzen wir noch am oberen Ende des Tisches. Am unteren Ende gehen Menschen, Tieren und Pflanzen die überlebensnotwendigen Ressourcen aus. Heute schon. Sogar gestern schon. Aber noch ist es uns viel zu egal. Manchmal hadere ich. Nicht mit meinem Glauben, sondern mit meiner eigenen Spezies. Mit mir selbst. Mit dem, was auch mir persönlich viel zu häufig wichtiger ist, als es anders, besser zu machen.

Es geht nicht um Perfektion. Wir sind Menschen. Aber ein bisschen lernfähiger sollten wir alle miteinander schon sein, oder?

Auch das ist ein Fundstück vom großen Weserbogen

Passion

Zurzeit öffnen wir unsere Kirche, immer von montags bis freitags jeweils von 17 bis 18 Uhr. Der konkrete Anlass dazu ist die Unterbringung ukrainischer Geflüchteter in der benachbarten ehemaligen Schule, die noch auf ihre zukünftige Bestimmung wartet (was in der aktuellen Situation ein Segen ist). Denn dort haben die Menschen ein sicheres Dach über dem Kopf, die Möglichkeit zum Kochen und Essen, die Hygiene ist gewährleistet und es gibt engagierte haupt- und ehrenamtliche HelferInnen. Soweit ist alles in Ordnung. Was es dort naturgemäß nicht gibt, ist Ruhe und Privatsphäre, um mit seinen Gedanken und Befürchtungen, seinen Hoffnungen und dem Bedürfnis nach einem stillen Gebet einfach mal allein zu sein.

Vor zwei Wochen wurde daher nach dem Gottesdienst ganz kurzfristig geplant, es fanden sich spontan Ehrenamtliche, die auf- und abschließen, für Licht sorgen und auch bei Bedarf als Ansprechpartner zur Verfügung stehen (schließlich gibt es Englisch und diverse technische Helferlein zur Kommunikation). Der eine oder die andere verbindet mit der Öffnung auch die Hoffnung, dass Einheimische ebenfalls die Gelegenheit nutzen.

Ich bin gern allein in der Kirche. Die Atmosphäre bringt mich zur Ruhe, selbst wenn ich noch so aufgewühlt bin, sie hilft mir, mich zu sammeln und zu fokussieren. Oder sie hilft, einen inneren Tumult aus mir herausfließen zu lassen. Mal bete ich, mal bin ich ratlos, wie oder was ich beten könnte, dann bin ich einfach nur still. Bei meinem letzten Dienst am Donnerstag saß ich einfach nur da, schaute den Altar an und meditierte ein bisschen über die drei ganz unterschiedlichen Jesus-Darstellungen:

Da ist zunächst, zentral und prominent, Jesus leidend am Kreuz. Oder – vielleicht auch schon nicht mehr leidend? Am Fuß des Kreuzes ist eingraviert: „Es ist vollbracht.“ Mit Punkt, nicht mit Ausrufezeichen. Eine schlichte Tatsachenfeststellung. Die Jesusfigur ist sehr detailliert ausgearbeitet:
Ein schlanker, ja hagerer Mann, mit etwas mehr als schulterlangem Haar, auf dem eine Dornenkrone sitzt. Das Gesicht und der Oberkörper wirken asketisch, die Augen sind geschlossen, der Ausdruck des Leidens ist in seinen Zügen noch deutlich sichtbar. Ebenfalls sehr deutlich sichtbar sind die Nägel in den Händen und Füßen, die ihn am Kreuz festhalten. (Die Kreuzigung war eine besonders grausame Todesstrafe, die eigentlich nur an Sklaven oder den übelsten Verbrechern vollzogen wurde.)
Ich setze mich zu Füßen des Altars (aus heimischem Wesersandstein), damit ich das Gesicht genau betrachten kann. Das Gefühl, das ich dabei habe, kann ich nicht in Worte fassen.

Als nächstes sehe ich mir genauer als je zuvor das Altarbild an. Ein sehr düsteres Ölgemälde, ohne Signatur des Künstlers, nur mit einem Hinweis auf den Stifter – damals ein reicher Landwirt aus der Gemeinde. Das Datum lässt vermuten, dass dieses Bild älter ist als das Kirchengebäude, vermutlich hing es schon im Vorgängerbau.
Als ich Konfirmandin war, mussten wir immer in den ersten Kirchenbänken sitzen – die Jungs rechts, die Mädchen links. Damals dachte ich immer, wenn ich pflichtgemäß im Gottesdienst saß: „Was für ein grauenvolles Bild…“
Die offenen Kirchen, die ich damals von Besichtigungen im Urlaub kannte, waren im Rheinland oder in Bayern und ausschließlich katholisch. Immer mit viel Gold, roten und blauen Gewändern bei den dargestellten Figuren und auf den Gemälden, selbst in der Darstellung des Leids war viel mehr bildgewaltige Pracht und Erhabenheit.
Auch heute finde ich das Bild noch nicht wirklich schön, aber ich erkenne, wie liebevoll es die Grablegung Christi darstellt. Zunächst einmal: Im Gegensatz zum Kreuz ist Jesu Gesicht ruhig und friedlich – er hat das Leid überwunden.
Leidend sind die Menschen um ihn herum, die ihn zur (wie sie vermutlich denken) letzten Ruhe betten. Ganz vorsichtig, liebevoll und zärtlich. Mit unverhohlenem Kummer in den Gesichtern. Wer mögen diese Menschen sein? Ich stelle mir vor, dass es Petrus, Johannes und Jakobus sein könnten, die Frauen eventuell die drei Marias (Jesu Mutter, Maria Magdalena und Maria aus Bethanien, die Jesus gesalbt hatte).
Was mir tatsächlich erst jetzt auffällt, obwohl ich schon so oft am Altar beschäftigt war, ist der feine Heiligenschein, der über Jesu Kopf schwebt.
So düster das Altarbild auch ist, es drückt die Stimmung im Grab wunderbar aus. Da ist keine Hoffnung mehr, da ist – zumindest für die beteiligten Menschen – anscheinend das jähe Ende des so hoffnungsvoll begonnenen Weges erreicht.

Aber dann trete ich ein paar Meter zurück. Ich setze mich in die erste Reihe, hebe den Blick und erfasse den Altarraum als Ganzes. Ich sehe das Auferstehungsfenster, das vor allem an den Sonntagmorgen, wenn die Sonne hereinscheint, mächtig und grandios wirkt. Der auferstandene Jesus, mit Purpurmantel und Banner, der Herr des Himmels und der Erde, von drei Engeln flankiert, über den Tod triumphierend. Er steht nicht auf der Mauer, er schwebt über ihr. Er wirkt wahrhaft königlich, mit offenem und selbstbewusstem Blick.
„Bless the Lord, oh my Soul…“ geht mir durch den Kopf.
Was ich übrigens immer wieder total genial finde: Selbst an den grauesten Tagen passiert es häufig, dass ein morgendlicher Sonnenstrahl ganz unvermittelt durch dieses Fenster scheint und die Wände des Altarraumes bunt färbt wie beim Blick durch ein Kaleidoskop. Und es gibt so ziemlich in jedem Jahr einen Schmetterling, der in der Kirche überwintert. Von der Wärme der Kerzen angelockt, fliegt er oft während des Gottesdienstes munter durch die Kirche.

Solche kleinen Begebenheiten und Details sind es mitunter, die mich aufrichten und mir Hoffnung geben. Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist, dass die Welt überwunden werden kann, auch wenn es uns gerade noch so aussichtslos erscheint.

https://www.youtube.com/watch?v=DXDGE_lRI0E

Nichts halbes und nichts ganzes?

Oder auch: Übergang. Wir sind noch im Winter, aber der Frühling schickt schon erste Grüße, mehr oder weniger zaghaft.

In der Pandemie stehen die stärksten Lockerungen seit zwei Jahren vor der Tür, aber ob wir uns trauen (und ob es sinnvoll ist), hindurchzugehen, wissen wir nicht.

Es herrscht ein Krieg – in Europa, nicht weit weg in anderen Erdteilen. Wir sind unsicher, wir möchten gern an ein baldiges Ende glauben, aber haben gleichzeitig Angst vor zu viel Optimismus.

Wir haben Informationsquellen in einer Fülle wie noch nie in der Menschheitsgeschichte, aber wissen nicht so recht, welchen wir vertrauen können oder wollen.

Wir haben das verfügbare Wissen der Welt in Datenbanken angehäuft, in einer immer schnelleren Geschwindigkeit, und fühlen uns doch ohnmächtig.

Wir haben Erkenntnisse, aber was wir uns wünschen, sind Gewissheiten. Wir haben Fragen und wollen Antworten.

Wir leben in einer Zwischenzeit. Musikalisch passend dazu ein Passionslied:

Freiheit…

In anderen Zeiten hätte ich heute Mittag in Minden auf dem Marktplatz gestanden, mitten unter ca. 2.500 anderen Menschen. Und hätte „Flagge gezeigt“, wäre dafür eingestanden, dass es ein Unding ist, Drohkulissen gegenüber Politkern und anderen Repräsentanten der Gesellschaft aufzubauen, in deren Privatsphäre einzudringen. Und um zu zeigen, dass wir uns keinesfalls in einer „Diktatur“ befinden. Ich habe es dann doch nicht getan, weil dummerweise eine große Menschenmenge nicht das Optimale ist, wenn Inzidenzzahlen ansteigen, aber das eigene Immunsystem gerade wieder durch Medikation runtergefahren wird. Meine Freiheit hätte dann möglicherweise in der Folge die Freiheit meiner Familie massiv eingeschränkt.

In anderen Zeiten, also ohne Pandemie, wäre ein Einstehen für einen respektvollen Umgang miteinander eventuell auch nicht so notwendig. Obwohl, wer weiß, es gibt ja noch reichlich andere Themen, die geeignet sind, Meinungen aufeinander prallen zu lassen.

Statt dessen habe ich mir heute Vormittag mal einige Gedanken gemacht, was Freiheit eigentlich ist. Eine interessante Definition habe ich ausgerechnet im Juraforum gefunden:

„Freiheit im Alltag
Im Alltagsdenken überwiegt die Vorstellung, Freiheit heißt, „dass ich tun und lassen kann, was ich will“. Das ist eine abstrakt individualistische Vorstellung, die zugleich eine negative Auffassung von Freiheit zum Inhalt hat: Das Gebundensein menschlichen Verhaltens und Tuns an natürliche und gesellschaftliche Bedingungen sowie an erworbene Erkenntnisse wird ausgeklammert. Wo sich das Bürgertum seine Macht wirklich erkämpfen musste, wird ausdrücklich die Wahrung der Freiheit anderer Menschen als Schranke individueller Freiheit vermerkt. Dadurch wird Freiheit auf Verantwortung und damit auf Notwendiges im Leben der Menschheit bezogen
.“

Aber für wen habe ich denn Verantwortung, und für wen nicht? Diese Frage ist ähnlich wie im Neuen Testament die Frage des Gesetzeslehrers (Lukas 10, 25-37, Übertragung: Hoffnung für Alle):
„Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.« »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter.  Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn.  Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm.  Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte.  Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹  Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?«  Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Wenn ich das übertrage, dann trage ich (aus der Sicht des Gesetzeslehrers) Verantwortung allen gegenüber, die sich mir gegenüber rücksichtsvoll verhalten. Dann bin ich gefordert, mich ebenso rücksichtsvoll zu verhalten. Freiheit ist also nie absolut, sie ist stets ein Geben und Nehmen.

Wenn ich also (obwohl ich der Meinung bin, dass manche Maßnahmen, die in der Pandemie ergriffen wurden oder werden, über das Ziel hinausschießen, andere vielleicht auch nicht weit genug gehen) entscheide, dass ich mich trotzdem an die Regeln halte, dann macht mich das weder zu einem Schlafschaf noch zu einem Besserwisser, sondern ist zunächst einer gehörigen Portion Pragmatismus geschuldet (ich verlasse mich ein Stück weit darauf, dass Leute, die sich in der Materie besser auskennen als ich, so falsch nicht liegen sollten) und zum anderen dem Bewusstsein, dass ich den Menschen, denen ich begegne, immer nur vor den Kopf gucken kann. Ich weiß im Allgemeinen weder, ob sie chronische Krankheiten mit sich herumschleppen, ob sie kürzlich eine Krebstherapie hatten oder ob sie einfach Angst vor der Spritze haben. Deswegen begegne ich ihnen mit Anstand, Abstand und Maske. Dann ist es auch zweitrangig, wie deren Impfstatus ist. Umgekehrt erwarte ich natürlich ein ähnliches Vorgehen: dass niemand mich fahrlässig oder gar vorsätzlich gefährdet.

Ich kann mit Leuten umgehen, die Angst haben, die in der Familie vielleicht schon Erfahrungen mit Impfschäden gemacht haben; auch mit solchen, die eher auf Selbst- und Naturheilung setzen, gibt es Gesprächsfäden (wobei, die Grenzen der persönlichen Freiheit gelten auch hier).

Womit ich ganz große Schwierigkeiten habe, das sind Ignoranten, die dem Virus jede Gefährlichkeit absprechen, Menschen, die bis vor zwei Jahren bestens in diesem Land mit seiner wirtschaftlichen Stärke prosperiert haben und der Repräsentanz ebendieses Landes plötzlich jede Legitimation absprechen sowie Zeitgenossen, die zur Erreichung ihrer Ziele keine Probleme damit haben, mit Extremisten unterwegs zu sein, deren erklärtes Ziel es ist, mit den Methoden der Demokratie genau diese abzuschaffen. Wer laut „Diktatur“ brüllend betrunken von der eigenen gefühlten Wichtigkeit durch die Gegend wanken darf, ohne verhaftet und interniert zu werden, hat den Knall nicht gehört, denn in einer tatsächlichen Diktatur wäre das nicht möglich.

Zwischen gut und böse, schwarz und weiß, oben und unten, recht und unrecht gibt es jede Menge Nuancen. Es ist nicht alles nur toll und es ist nicht alles schlecht, es ist einfach menschlich. Corona wird in absehbarer Zeit endemisch werden, wir werden uns damit arrangieren und Wege finden, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber die langfristigen und wirklich großen Probleme stehen noch vor uns, wenn die Auswirkungen der Klimakrise uns so richtig mit Breitseite treffen. Ich mag mir nicht ausdenken, was da noch an gesellschaftlichem Sprengstoff vor uns liegt…

Ewigkeitssonntag

So heißt der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Früher wurde er Totensonntag genannt, und gerade in diesem Jahr passt die Bezeichnung besser denn je. So viele Tote gibt es überall, derer zu gedenken ist, darunter auch etliche, die noch leben könnten, wenn zum Beispiel notwendige (z. B. Krebs-)Operationen nicht hätten verschoben werden müssen, bis es zu spät war. Und das schlimmste ist, dass es diesen Winter wieder passieren wird. Obwohl es im Gegensatz zum letzten Jahr Impfungen gibt, die vom größten Teil der Menschen gut vertragen werden können, ich spreche jetzt nicht von denen, die aus nachvollziehbaren medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Und das macht mich hilflos und wütend. Ich weiß, dass andere das nicht so sehen, aber es spiegelt nur meine eigenen Erfahrungen wieder.

Jedenfalls konnte ich es heute nicht über mich bringen, in die Kirche zu gehen, statt dessen nutzte ich eine Therapie, die mir seit Jahrzehnten hilft, wenn ich so richtig deprimiert bin: Putzen und dabei die Musik auf volle Lautstärke. In den Zeiten von herkömmlichen Stereoanlagen vibrierten dabei regelmäßig die Boxen und auch der Fußboden, heutzutage nur das Smartphone.

Als erstes wählte ich, wie immer, Songs die mich in die düstere Stimmung so richtig hineinziehen. Sehr gut funktioniert das mit Rockballaden, und die Stimmen der Sänger von „Gregorian“ helfen mir mit ihrer meditativen Eindringlichkeit noch mehr, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

In dieser Phase ist es immer am besten, wenn ich ganz allein bin und etwas zu tun habe, was mich auch körperlich fordert. Dann fließen auch schon mal Ströme von Tränen, die alles aus meinem Körper transportieren, was sich an Frust, Ärger und anderen negativen Gefühlen angesammelt hat. Und das war heute reichlich. Auch ist es vorteilhaft, wenn mich niemand hören kann, denn ich singe laut – und häufig schief, weil nicht eingesungen – mit.

Wenn die Phase des Herausschreiens dann beendet ist, kann ich mich auch wieder den Songs zuwenden, die Hoffnung in mir wecken.

„Hallelujah“ ist ein Song, von dem es so viele berührende Coverversionen gibt, da ist immer das passende dabei. Obwohl es um das unvermeidliche Scheitern, nicht nur von König David, geht, klingt in diesem Lied doch immer wieder auch Hoffnung mit.

Nachdem ich jetzt auch wieder anständig und ohne Schleier aus meinen Augen gucken kann, werde ich wohl noch einige Stunden an der Nähmaschine verbringen, das erdet mich dann hoffentlich wieder komplett.

In Gottes Dunkelkammer

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Na, das ist aber Old School, denkst du vielleicht jetzt. Dunkelkammern, wer braucht die denn noch? Oder vielleicht sogar: Was ist das überhaupt, eine Dunkelkammer?

In einer anderen Zeit, bevor es Digitalfotografie gab, legte man Zelluloidfilme in seine Kamera, wenn man fotografieren wollte. Da passten dann 12, 24, 36 oder in der Luxusvariante auch mal 72 Fotos drauf. Und wenn man wissen wollte, ob die Bilder gelungen waren, musste man den Film in ein Labor geben oder selber in die Dunkelkammer gehen, zum Entwickeln des Films.

In ziemlicher Dunkelheit und mit stinkigen Chemikalien. In einer bestimmten Reihenfolge wurde der Film durch Bäder mit chemischen Lösungen gezogen, zwischendurch musste er immer wieder trocknen und es durfte kein Licht in die Dunkelkammer geraten. Viel Geduld brauchte es dafür, genau wie Konzentration, und wenn man Pech hatte, waren einzelne Fotos „nichts geworden“, weil sie überbelichtet oder verwackelt waren oder weil sie einen doofen Bildausschnitt hatten.

Aber was hat das denn mit unserem Glauben zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Der Ausdruck stammt auch übrigens nicht von mir, er ist mir bei einem Willow-Creek-Kongress begegnet, in einem Vortrag einer australischen Gemeindeleiterin. Und seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

Erstens, weil es beruhigend ist, dass nicht nur ich kleine und unwichtige Person aus Porta Westfalica mich manchmal so fühle, sondern dass es auch international bekannten Größen aus den Mega-Churches passieren kann. 

Zweitens, weil die letzten eineinhalb Jahre mir teilweise auch so vorkamen. Durch Corona und die Lockdowns gab es einen Zustand, der an die finstere und muffige Dunkelkammer erinnerte. Es ging nicht weiter, es gab keine Entwicklung; alles, was wir in den letzten Jahren geplant und eingeführt hatten, lag brach und war verloren. Nichts geworden! Wir hatten Kinder mit Freizeiten begeistert, Jugendliche an die Arbeit mit den Kindern herangeführt, nicht wenige hatten sogar die Basix-Schulungen mitgemacht. Und nun konnten wir bei aller Motivation nicht weitermachen.

Und dann schwand diese Motivation mit der Dauer der Einschränkungen.

Und das ja nicht nur bei der Jugendarbeit. Ob in Schule oder Beruf, in Sportvereinen, Feuerwehr oder Skatrunden, alles stand still, nirgendwo gab es Möglichkeiten für Beschäftigung und Treffen.

Ich weiß nicht, was diese Zeit für dich und deinen Glaubensweg bedeutete, für mich bedeutete es zunächst viel Gebet, Zeit zum Nachsinnen oder auch kreatives Herangehen. Mit der Dauer der Pandemie hatte ich jedoch das Gefühl, alle kreative Energie würde sich verflüchtigen, ich hätte längst genug nachgedacht und mein Gebet würde ungehört verhallen. Die Zeit der Lockdowns erwies sich nicht nur als Chance zur Verlangsamung des Lebens, sondern auch als gewaltiger Energieräuber.

Aber auch in diesen Momenten gab es immer wieder die Zusagen aus der Bibel, die mir halfen, die Hoffnung und den Mut nicht zu vollends zu verlieren:

Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. (Jos 1,9 HfA)

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)

Am meisten aber hat es mich immer wieder beruhigt, wenn ich den 121. Psalm gelesen habe:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Seit einiger Zeit ist nun wieder „Land in Sicht“. Das gesellschaftliche Leben wird, auch dank der Impfungen, wieder freier und vielfältiger. Veranstaltungen finden wieder statt, manche etwas zaghaft und vielleicht sogar ungelenk, aber wir können wieder durchatmen. Gemeinschaft erleben.

Am letzten Wochenende habe ich mit zwei meiner Töchter ein Intensivseminar für christliches Yoga besucht. Zum ersten Mal seit langen Monaten sind wir mit der Bahn gefahren, zum ersten Mal haben wir wieder längere Zeit mit „fremden“ Menschen verbracht, zum ersten Mal sind wir wieder mit einer Gruppe sportlich aktiv geworden, zum ersten Mal konnten wir in einer Gemeinschaft wieder geistlich auftanken und auch zum ersten Mal wieder mit mehreren Menschen eine lebendige Bibelarbeit erleben. Und was meinst du, was für eine Freude es war, dass der Psalm 121 eine wichtige Rolle spielte!

Zum ersten Mal erlebten wir so intensiv, dass die Zeit der Dunkelkammer dem Ende zugehen wird, dass die Entwicklung absehbar abgeschlossen sein wird. Bis die Filme irgendwann wieder voll sind. Bis die Dunkelkammer uns wieder ruft.

Aber bis dahin: Genießen wir die Zeit in der Sonne, im warmen Licht, in der Gemeinschaft.

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Jugendarbeit unserer Gemeinde, dort war ich gebeten worden, etwas zu schreiben. Für alle hier, denen die Schilderung des Procedere in der Dunkelkammer arg verkürzt vorkommt: es war keine exakte Arbeitsbeschreibung, sondern nur das Prinzip für die „Generation Handyfoto“ kurz umrissen😉.)

Montagsmüdigkeit

Ist ja nicht so, als ob ich einen draufgemacht hätte am Wochenende. Mal überlegen. Ich habe am Freitag und Samstag einige Stunden am Desktop verbracht und die erste Rohfassung unseres Gemeindebriefes aus vielen Artikeln und Fotos gelayoutet. Neue Stoffe zum Nähen vorbereitet (also gewaschen und gebügelt):

Sonntag in aller Frühe habe ich das Quiltsandwich für die Herbst-Tischdecke geheftet und auch schon mit dem Quilten begonnen…

… und mir nebenbei schon mal Gedanken über die Preisgestaltung gemacht. Allein das Material hat über 40 € gekostet. Es ist eben ein ganz besonderer, auch sehr angenehm zu berührender Stoff aus den USA, da ziehen die Preise augenblicklich ziemlich an. Bisher stecken dazu schon knapp vier Stunden Arbeit darin, mindestens zwei weitere werden noch dazukommen, bis am Ende auch das Binding (die Einfassung) angebracht ist. Aber die Decke für 75 € anbieten? Man wird sehen, ich neige da eher zur Selbstausbeutung.

Auch gestern früh eine halbe Stunde Kardiotraining auf dem Fahrradergometer mit Blick in meinen verwilderten Garten und den Sonnenaufgang. 10 Kilometer. Nach dem Mittag dann Fahrradtour mit Tochter an der Weser entlang bis zum Großen Weserbogen, Kaltgetränk an der wiedereröffneten Gastronomie am Campingplatz. Auf dem Rückweg Stippvisite beim Hof Weserrind.

Und dann sind wir noch an einer Gänseversammlung vorbeigekommen (Wie nennt man das eigentlich? Herde, Rotte, Zugverband?) Inklusive Nils-Holgersson-Feeling, denn inmitten dieser vielen Graugänse gab es eine reinweiße Gans. Ob sie Martin hieß, hat sie uns nicht verraten…

Leider ist die Fotoqualität nicht herausragend, die Lichtverhältnisse waren gestern bescheiden und das kleine Tele hat seine Grenzen.

Das waren dann nochmal 26 Kilometer Radfahren, dieses Mal aber „in Echt“ mitsamt Wind und jeder Menge entgegenkommenden Radfahrern, bei denen ich mich teilweise gefragt habe, ob sie dazu gezwungen wurden, so verbissen saß manch eine Person auf ihrem Drahtesel (wobei diese Bezeichnung heutzutage auf die wenigsten Räder zutrifft). Leute, es ist Sonntag, ihr fahrt durch eine wunderschöne Gegend und ihr guckt in die Welt, als ob man euch gerade die Suppe versalzen hätte!

Abends hatte mich eine Freundin (danke, Daniela, war richtig schön) spontan zum Bible Art Journaling eingeladen, als Fortsetzung des Predigtthemas vom Vormittag. Das war glatt eine kleine Herausforderung, ich fühlte mich unkreativ und eingerostet. Eineinhalb Jahre habe ich vor allem geschrieben, genäht und ein bisschen fotografiert, und jetzt fehlte mir ein wenig die Idee zum Gestalten meines Bibeltextes.

Der Abend war aber durch gute Gespräche auf jeden Fall sehr schön und entspannend. Und ich habe in der Nacht darauf auch nur mäßigen Stuss geträumt.

Warum also bin ich heute so montagsmüde? Ich fürchte, ich bin vor allem nachrichtenmüde, gesellschaftsmüde, wahlkampfmüde. Eigentlich scrolle ich frühmorgens immer durch diverse Nachrichtenportale, um auf dem Laufenden zu sein, aber es hat mich heute fürchterlich angeödet. Wo ist hier der Ausgang? Ist das ein Exit-Game, in dem ich gefangen bin und ich finde die Lösung nicht? Nimmt das alles mal ein Ende? Corona, Klima, gesellschaftliche Spaltung, Terrorgefahren, Politiker, die sich über Randthemen echauffieren, Menschen, die ihr eigenes wirtschaftliches Wohl über das Gemeinwohl hängen, Plastikkontinente im Meer, Waldbrände und Flutkatastrophen…

Gerade jetzt mag ich das alles nicht mehr ertragen und möchte mich am liebsten einigeln, die Welt da draußen vergessen und mein Stückchen heile Welt genießen. Aber hilft ja nix, es geht weiter. Ab heute Abend mit dem VHS-Kurs für den Sportbootführerschein See. Und irgendwann dann hoffentlich für ein paar Monate auf die Ostsee, mit nichts als dem Ehemann und der Sterntaler in der grandiosen skandinavischen Natur. Aber das ist eine andere Geschichte und hoffentlich wird die Zeit kommen, sie zu erzählen.

You raise me up

Da ist es mordsfrüh am Sonntag, seit einer halben Stunde jault Lucy im Flur herum (weil sie viel lieber in der Küche unterm Tisch liegen möchte) und du wünschst dir eigentlich nur noch ein halbes Stündchen Ruhe. Und dann läuft im Radiowecker, der tagein, tagaus immer um zwanzig nach Fünf anspringt, dieses Lied:


Manchmal wundere ich mich bei diesem Nachtprogramm. Die Sprecher sind immer etwas klamaukig und um Heiterkeit bemüht, vielleicht ist das auch die beste Möglichkeit, diesen Sendeplatz mit Leben zu füllen, ich weiß es nicht. Aber Tatsache ist, dass ich schon manches Mal von einem Lied überrascht wurde, das mir viel bedeutet oder Erinnerungen weckt oder ganz einfach zur aktuellen Situation passt.

Als ich heute früh diesen Song hörte (es gibt auf Youtube auch einige andere hörenswerte Versionen, aber diese lief im Radio), da gab er mir Ruhe. Ruhe, Lucys Geseufze auszublenden. Ich weiß nicht, wer ihre innere Uhr in den letzten Wochen hartnäckig auf fünf Uhr eingestellt hat, aber ab diesem Zeitpunkt gibt ihr der Platz unterm Küchentisch offenbar mehr Sicherheit als ihr Kissen im Flur. Haben nicht auch wir einen bevorzugten Platz, den wir aufsuchen möchten, wenn wir uns gestresst, überfordert oder sonst irgendwie besch…en fühlen? Bei Lucy ist es der Küchentisch, bei mir ist es oft der Garten oder allgemein die Natur, Wald, Wiesen oder Wasser, wohin ich mich flüchten möchte.

Ein Ort, an dem ich die Weite und Schönheit der Schöpfung wahrnehme. Mir mal nicht über die Beschränktheit der Welt, meiner Mitmenschen und meiner selbst Gedanken machen muss, sondern einfach runterkommen kann und mich von der Anwesenheit meines Schöpfers trösten lassen kann. Ein Ort, der mich gleichermaßen erdet und erhebt. Und die Dimensionen zurechtrückt. Und der mich Momente erleben lässt, die mir zeigen, dass ich nicht allein bin, dass mich immer jemand trägt und mir Kraft gibt, wenn menschliche Kraft nicht mehr ausreicht.

Und wie erstaunlich, das manchmal das Nachtprogramm im Radio den richtigen Stups gibt. Habt einen wunderschönen und gesegneten Sonntag, wo immer ihr ihn verbringt und was auch immer heute eure Herausforderung ist.

„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“

Dieser Spruch steht im Evangelium des Lukas: Lk 12,48 (Basis-Bibel)

Unsere älteste Tochter meint immer, meine Andachten seien politisch. Kann sein. Ist vermutlich so. Aber meiner Meinung nach kann Glaube eigentlich auch überhaupt nicht unpolitisch sein, denn mit dem Bekenntnis meines Glaubens stelle ich mich in die Gesellschaft und gebe ein Statement ab, ob ich will oder nicht. Ich beziehe damit Stellung, wie ich zu anderen Menschen und auch nichtmenschlichen Mitgeschöpfen stehe. Wie ich die Welt um mich herum sehe. Und im Jahr 2021 auch, wem ich zutraue, nach der #btw2021 meine Interessen zu vertreten, wenn es um diesen persönlichen Blick auf die Welt geht.

An dieser Stelle will ich kein Fass aufmachen, welche Partei das sein könne oder auch nicht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, das muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen, und selbstverständlich habe ich auch nichts dagegen, dass man da zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann (solange sie demokratisch agierende Parteien betrifft).

Es ist allerdings so, dass ich bei der Beschäftigung mit den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien und den Analysen, die dazu getätigt wurden, wer von den Versprechungen der einzelnen Ausrichtungen wie stark betroffen ist, an den Lukas-Vers denken musste. Vor relativ genau vier Jahren war es meine Aufgabe, eine Andacht zu diesem Vers zu schreiben. Ich gebe sie euch hier einmal zum Lesen:

Ich habe ein Bild mitgebracht. Auf dem Bild sieht man Menschen im Kreis stehen mit hochgereckten Händen. Sie sind bereit, eine Frau aufzufangen, die sich von irgendwo her fallen lässt.
Diese Übung kennt vermutlich jeder, der schon mal eine Teambildungsmaßnahme mitgemacht hat. Es ist ein starkes Bild. Es zeugt von Mut und Vertrauen: vom Mut der Frau, sich fallen zu lassen. Sind die anderen Menschen stark genug, sie aufzufangen? Sie vertraut fest darauf. „Diese Leute werden mich nicht fallen lassen. Sie lassen nicht zu, dass mir etwas geschieht!“
Auch die Menschen im Kreis sind mutig: Wie schwer ist die Frau? Lässt sie sich locker fallen oder verkrampft sie sich? Können wir sie auffangen? Und sie vertrauen. „Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“
Die Menschen vertrauen einander. Und sie ahnen, dass es gut wird.
Eine andere Art von „sich fallen lassen“ hat mich persönlich die letzten Wochen beschäftigt. Die Aufgabe, eine Andacht zu schreiben zu einem Spruch, der durch das Los entschieden wurde. Eine Andacht zu einem Thema, in dem ich mich zuhause fühle, das ist eine Sache. Aber so ein „Sprung ins kalte Wasser“, das ist eine andere Hausnummer.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ (Lk 12,48, Basis-Bibel)
Wie geht es dir, wenn du diesen Spruch hörst?
Wenn er als Wochenspruch zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird. Du hörst ihn einmal und dann geht es schon weiter mit der Liturgie. Ist der Spruch dir bekannt?
Weißt du, in welchem Zusammenhang Jesus ihn gebraucht?
Ist der Spruch sonnenklar zu verstehen oder geht es dir vielleicht genau wie mir?
Ich habe diesen Spruch gelesen, den ich zugelost bekam. Und als erstes habe ich gedacht: „Oh nein, was ist denn das für ein blöder Spruch? Dazu fällt mir niemals etwas Gescheites ein.“
Als nächstes schoss mir ein Sprichwort durch den Kopf: „Der Mensch wächst mit den Aufgaben.“ Das dürfte auch bekannt sein. Manchmal wird es als Floskel gebraucht. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen und bin mir unsicher, ob ich die Verantwortung auch ausfüllen kann. Dann wird mir dieser Satz an den Kopf geknallt. Völlig gedankenlos und wenig hilfreich.
Es kann aber auch sein, dass sich jemand aufrichtig dafür interessiert, wie es mir ergeht. Mit demselben Satz drückt er oder sie dann aus: „Hey, wenn man dir die Aufgabe übertragen hat, dann traut man sie dir auch zu. Man schätzt dich und ist sicher: Du wirst dir das erarbeiten. Du wirst nicht scheitern. Du wirst daran wachsen und reifen!“
Den Unterschied erkennen wir am Tonfall, an der Gestik und Mimik des Sprechers.
Aber wenn ich den Bibelvers lese, sehe ich keine Gestik, keine Mimik. Also konzentrieren wir uns jetzt auf die genaue Wortwahl des Verses.
Als erstes fällt mir auf: Der erste Satzteil ist jeweils bereits erfolgt, während der zweite Teil sich fortdauernd ereignet.
Und dann fesseln mich zwei Wortpaare. Erstens: gegeben und verlangt. Zweitens: anvertraut und gefordert. Klingt auf Anhieb gar nicht so unterschiedlich. Trotzdem findet eine deutliche Steigerung statt: Im ersten Satz geht es um eine Gabe, ein Geschenk. Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es, einfach so, weil man da ist. Vom Empfänger der Gabe wünscht sich der Geber, sich dieser Gabe würdig zu erweisen, das Vertrauen zu rechtfertigen.
Im zweiten Satz geht Jesus noch weiter: Es geht darum, jemandem etwas anzuvertrauen. Das ist ein so starkes Wort! Im Duden steht dazu „vertrauensvoll übergeben“. Wenn man jemandem etwas anvertraut, dann ist man fest davon überzeugt, derjenige wird nicht nur zuverlässig darauf aufpassen, er wird auch etwas Gutes daraus machen. Daraus erwächst eine Forderung. Der Duden sagt:
„Eine Forderung ist ein nachdrücklich zum Ausdruck gebrachter Wunsch, etwas fordern bedeutet: einen Anspruch erheben.“
Starker Tobak, den Jesus seinen Hörern an der Stelle zumutet. Doch er stellt nicht einfach eine Behauptung in den Raum, er spricht in eine konkrete Situation hinein. Dieser Vers steht in der Mitte des Evangeliums. Zur Halbzeit sozusagen. Jesus lehrt die Menge, die ihm folgt, mit verschiedenen Gleichnissen.
Seine Jünger sind immer dabei, aber ähnlich wie der Rest der Leute verstehen auch sie zum Teil nur Bahnhof.
Deswegen fragt Petrus zwischendurch einfach mal nach: „Sag mal, was du da erzählst, klingt ja ganz gut, aber für wen gilt das eigentlich? Ist das nur für uns wichtig oder auch für den Rest der Menschheit?“
Jesus stellt an dieser Stelle bereits ganz deutlich klar: Das, was ich euch sage, ist wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Nicht nur jetzt und hier, sondern auch zukünftig und für alle.
Und er hat einen besonderen Auftrag für seine Nachfolger. „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt.“ Alle, die Jesus nachfolgen, sind „begabt“. Denn Jesus hat für sie alle den Tod am Kreuz erlitten. Die Menschen, die Jesus nachfolgen, sollen ihre Gabe, ihre Erkenntnis und ihr Vertrauen weitergeben, damit viele davon erfahren und sich anschließen. Christus-Nachfolger tragen in der Welt eine höhere Verantwortung als Menschen, die ihn und sein Wort nicht kennen.
Die Jünger aber sind noch mehr gefordert. Ebenso alle, die nach ihnen durch Leitungspositionen Verantwortung für die wachsende Gemeinde Christi tragen: „Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Natürlich ist das eine Zu-Mutung: „Sorgt IHR dafür, dass die Gemeinde nach meinen Maßstäben lebt und wächst“. Aber auch eine starke Zu-Sage steckt darin: „Ich traue es euch zu, dass ihr das schafft!“.
Lukas ist der einzige Evangelist, der die Begebenheit aus Kapitel 12,48 beschreibt. Er ist der Einzige, der den Missionsbefehl so ausführlich und persönlich darstellt. Und er ist der Einzige, der als „Fortsetzung“ aufgeschrieben hat, wie es dann weiterging mit der Verbreitung des Christentums.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Anfangs hatte ich dich gefragt: Wie geht es dir mit diesem Vers? Die Frage stelle ich jetzt noch einmal in den Raum.
Hat der Vers etwas mit deinem konkreten Leben hier und heute zu tun?
Ich kann dir versichern, bei mir ist beides der Fall. Meine Wahrnehmung hat sich geändert. Ich sehe nicht mehr nur den Berg von Verantwortung vor mir, sondern auch den ermutigenden Zuspruch und den Vertrauensbeweis.
Und wenn in den Medien in den letzten Wochen und Monaten Berichte kursieren über die schwindende Relevanz von Religion allgemein, von Gemeinde im Besonderen, dann ruft mir dieser eine Vers zu:
„Pfeif auf diese undefinierbare Masse namens „Gesellschaft“. Es liegt an jedem einzelnen, es liegt an dir! Du kannst Gemeinschaft in das Gemeindeleben bringen! Es ist deine Aufgabe, jedem so zu begegnen, wie er oder sie es gerade braucht. Den Mitmenschen mit Achtung zu begegnen. Ihnen Respekt und Liebe entgegenzubringen. Und du schaffst das auch! Du wirst nicht scheitern. Du wirst vielmehr daran wachsen.
Kreide nicht alles, was schief läuft in der Gemeinschaft, der Leitung an. Ja, es stimmt, die hat ganz besondere Aufgaben bekommen, aber trotzdem kommt es auch auf dich an.“
Und weißt du was? Das gelingt mir nicht immer. Es gibt Tage, da könnte ich an meinen eigenen Erkenntnissen und Ansprüchen ersticken. Geht dir genauso? Das finde ich beruhigend.
Aber wir sind nicht allein mit unserem Scheitern. Wir alle sind wie die Jünger: Wir verstehen manchmal nur Bahnhof. Wir fallen hin, wir leugnen. Aber das ist nicht schlimm, solange wir dranbleiben, aufstehen und bekennen.
Und das tolle, das unfassbare ist: Jesus hat den Grundstein seiner Kirche mit solchen Leuten gelegt. Er hat sich fallen gelassen, voller Vertrauen. Wie die Frau auf dem Foto.

In meinem ganzen Nachdenken habe ich mir die Andacht mehrfach durchgelesen, vieles sehe ich auch mit vier Jahren Abstand noch so, aber bei einigen Facetten hat sich meine Wahrnehmung verändert oder erweitert. Und nun kommt die politische Dimension dazu. J.F. Kennedy hat es so formuliert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst!“ Ich weiß, klingt etwas pathetisch. Aber so ganz unrecht hatte er nicht. Auch rund 60 Jahre später nicht. Wir erwarten so viel von unserer Regierung, von den Parlamenten, von unseren Repräsentanten. Aber sind wir auch bereit, etwas von uns einzubringen, außerhalb von ein paar Kreuzchen auf einem langen Zettel mit Möglichkeiten alle paar Jahre mal? Wissen wir und vertrauen wir darauf, dass es auch auf uns ankommt?

Oder aus einer ganz anderen Perspektive, und das geht jetzt an die Parteien, deren Credo „der Markt“ ist, der alles regelt: Wie regelt der Markt das denn? Im Allgemeinen nämlich nicht so, wie Lukas es formuliert hatte, sondern eher umgekehrt: Die Lasten verteilen sich zu häufig auf den Rücken derer, die sowieso schon nicht allzu viel besitzen, denn die „Leistungsträger“ (kann übersetzt werden mit „die Vermögenden“) dürfen nicht über Gebühr belastet werden. An die Adresse der Marktgläubigen (die mitunter eine Partei mit dem „C“ im Namen präferieren) stelle ich daher die Frage: Menschen in prekären Verhältnissen, die von ihrer Arbeit kein ordentliches Auskommen haben, sind die keine Leistungsträger? Seht ihr die nur als Masse, die dem Rest auf der Tasche liegt? Oder traut ihr denen zu, etwas wichtiges zum Gesamten beizutragen? Jeder nach seiner Möglichkeit?

Oder auch: Warum darf denn das Fleisch nicht teurer werden? Damit sich auch „die Ärmeren“ ab und zu mal ein ordentliches Steak auf dem Teller gönnen können? Seit wann seid ihr Freunde dieser Gesellschaftsgruppe? Aber vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte dürfen gern das doppelte bis dreifache des Koteletts kosten, denn das sind „Lifestyle-Produkte“. „Die Ärmeren“ sollen also nicht das Recht haben, auch eine fleischarme und abwechslungsreiche Ernährung auf den Teller zu bekommen, egal ob aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen? Ich wünsche mir da ein wenig mehr Empathie und Reflexion.

Wie die Jünger Jesu sind auch wir alle und unsere Politiker Menschen, Menschen mit Fehlern und Schwächen, und manchmal verstehen auch wir nur Bahnhof. Aber sind wir auch bereit, alle um uns herum so anzunehmen und gemeinsam etwas zum Guten zu bewegen?

„Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“ So arbeiten die Menschen aktuell in den Flutgebieten zusammen und so kann das auch in größerem Zusammenhang laufen. Mit Mut und Vertrauen.

Gott sei Dank

Vor genau einem Jahr und 12 Stunden geriet meine Welt ins Straucheln (kannst du hier nachlesen). Im wahrsten Sinn des Wortes: zuerst mit dem linken und Sekunden darauf mit dem rechten Bein. Ich weiß seitdem, was es heißt, aus vollem Lauf auf die Nase zu fallen. Das, was mich umwarf, war nicht das böse C-Wort, sondern eine Folge meiner rheumatischen Grunderkrankung und zugleich ein negativer Lottogewinn. Bei Psoriasis-Arthritis ist es nichts ungewöhnliches, dicke Finger oder Zehen zu haben, sich unerklärlich müde zu fühlen, öfter mal eine Sehnenscheidenentzündung zu haben. Aber sich gleich beide sogenannten „Ham-Strings“ (Schinkensehnen, treffender könnte der Ausdruck kaum sein) ab- bzw. anzureißen, das ist nicht normal.

In den nächsten Tagen und Wochen machte ich eine Achterbahn der Gefühle durch:

Zunächst Verzweiflung, denn selbst die fünf Meter vom Bett zur Toilette mussten gut geplant sein, ich musste auf jeden Fall rechtzeitig los, mit den Unterarmgehstützen einer Tochter (Denn in der Notaufnahme hatte ich keine bekommen, da war man ja auch der Meinung, ich hätte lediglich Zerrungen und könnte nach Hause gehen. Meinem Hinweis, dass meine Beine mich einfach nicht tragen konnten, wurde nicht nachgegangen. Dumm gelaufen.) Ungefähr drei Minuten dauerte dieser so wichtige, kurze Weg. Und drei Minuten zurück. Zwischendurch musste ich auch noch das Kunststück vollbringen, mich auf der Toilettenbrille mit den Armen abzustützen wie beim Barrenturnen, weil ich nicht sitzen konnte🙈.

Wenn man es gewohnt ist, jahrelang diejenige zu sein, die für den größten Teil der häuslichen Sorge-Arbeit zuständig ist, ist es auch ein total doofes Gefühl, auf einmal auf der anderen Seite zu – liegen (stehen ging ja nicht). Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Familie es nicht gut hinbekommt. Klar machen die anderen manches anders und das ist manchmal gewöhnungsbedürftig. Aber das Haupthindernis ist dieser Gedanke im eigenen Kopf, dass es falsch ist, wenn man selbst Hilfe in Anspruch nehmen muss. Man ist hilf-los.

Das Schwanken zwischen Erleichterung (einen Teil der Telefonhotline konnte ich auch vom Bett aus erledigen und war somit nicht ganz nutzlos, mit dem Notebook konnte ich auch die Bloggerwelt weiterverfolgen und bereichern) einerseits und dem Grauen andererseits, denn über die Newsticker erlebte ich die Entwicklung des Corona-Ausbruchs weltweit quasi in Echtzeit mit und hatte auch noch die Zeit, mir darüber reichlich Gedanken zu machen.

Die Ungeduld, denn der Heilungsprozess dauerte mir viel zu lange (und ist bis heute noch nicht komplett abgeschlossen, rein körperlich ist zwar alles einigermaßen in Ordnung, aber die Kraft und Geschicklichkeit ist noch nicht ganz auf dem Niveau von vorher). Damit verbunden die Kopf-Probleme, auf den vernünftigen Vorschlag des Mannes zu hören und sich einen Rollstuhl zu mieten, damit mehr Mobilität im Haus und draußen möglich ist. Ich leiste Abbitte und ziehe meinen Hut vor allen, die dauerhaft mit diesem doch sehr praktischen Gerät leben. Der Perspektivwechsel hat mich manches mit anderen Augen sehen lassen und mir auch infrastrukturelle sowie gesellschaftliche Probleme sehr eindringlich vor Augen geführt.

Aber: die ersten Minuten nach dem „Umfall“, die lieben Leute aus Familie, Freundeskreis und Gemeindeumfeld, die mir beigestanden haben, sich in den nächsten Wochen mit Anteilnahme, praktischer Hilfe (und einem megaleckeren Rinderbraten, den werde ich nie vergessen) eingebracht haben, die Geduld, die meine Familie mit mir haben musste, wenn ich maulig war, nicht zuletzt der Rückhalt, den ich durch mein Vertrauen auf Gott, dass er es gut machen wird, meistens hatte (manchmal hab ich ihm aber auch Vorwürfe an den Kopf geklatscht, das gehört zur Vollständigkeit dazu. ER ist sehr geduldig mit mir), alles das hat auch eine tiefe Dankbarkeit hervorgerufen.

Von allem, was seit einem Jahr passiert ist, ist genau diese Dankbarkeit, das Gefühl, in allem bin ich trotzdem getragen, eigentlich das Wichtigste. Wie selbstverständlich nehmen wir es hin, wenn wir gesund sind. Ja, wir denken sogar, wir haben eine Art Rechtsanspruch darauf. Wie wenig Verständnis bringen wir auf für Menschen, die an Körper oder Seele nicht vollkommen fit sind. Wie sehr haben wir den Leistungsgedanken verinnerlicht. Und wie schwierig ist es, aus irgendeinem Grund aus dieser Tretmühle herauszukommen. Aber manchmal geht das ganz schnell und ungewollt: Ein Unfall, Schlaganfall, eine Diagnose, die uns aus der Bahn wirft. Oder ein Virus, das es schafft, innerhalb von wenigen Monaten weltweit ganze Wertesysteme aus der Balance zu bringen.

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