In Gottes Dunkelkammer

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Na, das ist aber Old School, denkst du vielleicht jetzt. Dunkelkammern, wer braucht die denn noch? Oder vielleicht sogar: Was ist das überhaupt, eine Dunkelkammer?

In einer anderen Zeit, bevor es Digitalfotografie gab, legte man Zelluloidfilme in seine Kamera, wenn man fotografieren wollte. Da passten dann 12, 24, 36 oder in der Luxusvariante auch mal 72 Fotos drauf. Und wenn man wissen wollte, ob die Bilder gelungen waren, musste man den Film in ein Labor geben oder selber in die Dunkelkammer gehen, zum Entwickeln des Films.

In ziemlicher Dunkelheit und mit stinkigen Chemikalien. In einer bestimmten Reihenfolge wurde der Film durch Bäder mit chemischen Lösungen gezogen, zwischendurch musste er immer wieder trocknen und es durfte kein Licht in die Dunkelkammer geraten. Viel Geduld brauchte es dafür, genau wie Konzentration, und wenn man Pech hatte, waren einzelne Fotos „nichts geworden“, weil sie überbelichtet oder verwackelt waren oder weil sie einen doofen Bildausschnitt hatten.

Aber was hat das denn mit unserem Glauben zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Der Ausdruck stammt auch übrigens nicht von mir, er ist mir bei einem Willow-Creek-Kongress begegnet, in einem Vortrag einer australischen Gemeindeleiterin. Und seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

Erstens, weil es beruhigend ist, dass nicht nur ich kleine und unwichtige Person aus Porta Westfalica mich manchmal so fühle, sondern dass es auch international bekannten Größen aus den Mega-Churches passieren kann. 

Zweitens, weil die letzten eineinhalb Jahre mir teilweise auch so vorkamen. Durch Corona und die Lockdowns gab es einen Zustand, der an die finstere und muffige Dunkelkammer erinnerte. Es ging nicht weiter, es gab keine Entwicklung; alles, was wir in den letzten Jahren geplant und eingeführt hatten, lag brach und war verloren. Nichts geworden! Wir hatten Kinder mit Freizeiten begeistert, Jugendliche an die Arbeit mit den Kindern herangeführt, nicht wenige hatten sogar die Basix-Schulungen mitgemacht. Und nun konnten wir bei aller Motivation nicht weitermachen.

Und dann schwand diese Motivation mit der Dauer der Einschränkungen.

Und das ja nicht nur bei der Jugendarbeit. Ob in Schule oder Beruf, in Sportvereinen, Feuerwehr oder Skatrunden, alles stand still, nirgendwo gab es Möglichkeiten für Beschäftigung und Treffen.

Ich weiß nicht, was diese Zeit für dich und deinen Glaubensweg bedeutete, für mich bedeutete es zunächst viel Gebet, Zeit zum Nachsinnen oder auch kreatives Herangehen. Mit der Dauer der Pandemie hatte ich jedoch das Gefühl, alle kreative Energie würde sich verflüchtigen, ich hätte längst genug nachgedacht und mein Gebet würde ungehört verhallen. Die Zeit der Lockdowns erwies sich nicht nur als Chance zur Verlangsamung des Lebens, sondern auch als gewaltiger Energieräuber.

Aber auch in diesen Momenten gab es immer wieder die Zusagen aus der Bibel, die mir halfen, die Hoffnung und den Mut nicht zu vollends zu verlieren:

Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. (Jos 1,9 HfA)

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)

Am meisten aber hat es mich immer wieder beruhigt, wenn ich den 121. Psalm gelesen habe:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Seit einiger Zeit ist nun wieder „Land in Sicht“. Das gesellschaftliche Leben wird, auch dank der Impfungen, wieder freier und vielfältiger. Veranstaltungen finden wieder statt, manche etwas zaghaft und vielleicht sogar ungelenk, aber wir können wieder durchatmen. Gemeinschaft erleben.

Am letzten Wochenende habe ich mit zwei meiner Töchter ein Intensivseminar für christliches Yoga besucht. Zum ersten Mal seit langen Monaten sind wir mit der Bahn gefahren, zum ersten Mal haben wir wieder längere Zeit mit „fremden“ Menschen verbracht, zum ersten Mal sind wir wieder mit einer Gruppe sportlich aktiv geworden, zum ersten Mal konnten wir in einer Gemeinschaft wieder geistlich auftanken und auch zum ersten Mal wieder mit mehreren Menschen eine lebendige Bibelarbeit erleben. Und was meinst du, was für eine Freude es war, dass der Psalm 121 eine wichtige Rolle spielte!

Zum ersten Mal erlebten wir so intensiv, dass die Zeit der Dunkelkammer dem Ende zugehen wird, dass die Entwicklung absehbar abgeschlossen sein wird. Bis die Filme irgendwann wieder voll sind. Bis die Dunkelkammer uns wieder ruft.

Aber bis dahin: Genießen wir die Zeit in der Sonne, im warmen Licht, in der Gemeinschaft.

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Jugendarbeit unserer Gemeinde, dort war ich gebeten worden, etwas zu schreiben. Für alle hier, denen die Schilderung des Procedere in der Dunkelkammer arg verkürzt vorkommt: es war keine exakte Arbeitsbeschreibung, sondern nur das Prinzip für die „Generation Handyfoto“ kurz umrissen😉.)

Montagsmüdigkeit

Ist ja nicht so, als ob ich einen draufgemacht hätte am Wochenende. Mal überlegen. Ich habe am Freitag und Samstag einige Stunden am Desktop verbracht und die erste Rohfassung unseres Gemeindebriefes aus vielen Artikeln und Fotos gelayoutet. Neue Stoffe zum Nähen vorbereitet (also gewaschen und gebügelt):

Sonntag in aller Frühe habe ich das Quiltsandwich für die Herbst-Tischdecke geheftet und auch schon mit dem Quilten begonnen…

… und mir nebenbei schon mal Gedanken über die Preisgestaltung gemacht. Allein das Material hat über 40 € gekostet. Es ist eben ein ganz besonderer, auch sehr angenehm zu berührender Stoff aus den USA, da ziehen die Preise augenblicklich ziemlich an. Bisher stecken dazu schon knapp vier Stunden Arbeit darin, mindestens zwei weitere werden noch dazukommen, bis am Ende auch das Binding (die Einfassung) angebracht ist. Aber die Decke für 75 € anbieten? Man wird sehen, ich neige da eher zur Selbstausbeutung.

Auch gestern früh eine halbe Stunde Kardiotraining auf dem Fahrradergometer mit Blick in meinen verwilderten Garten und den Sonnenaufgang. 10 Kilometer. Nach dem Mittag dann Fahrradtour mit Tochter an der Weser entlang bis zum Großen Weserbogen, Kaltgetränk an der wiedereröffneten Gastronomie am Campingplatz. Auf dem Rückweg Stippvisite beim Hof Weserrind.

Und dann sind wir noch an einer Gänseversammlung vorbeigekommen (Wie nennt man das eigentlich? Herde, Rotte, Zugverband?) Inklusive Nils-Holgersson-Feeling, denn inmitten dieser vielen Graugänse gab es eine reinweiße Gans. Ob sie Martin hieß, hat sie uns nicht verraten…

Leider ist die Fotoqualität nicht herausragend, die Lichtverhältnisse waren gestern bescheiden und das kleine Tele hat seine Grenzen.

Das waren dann nochmal 26 Kilometer Radfahren, dieses Mal aber „in Echt“ mitsamt Wind und jeder Menge entgegenkommenden Radfahrern, bei denen ich mich teilweise gefragt habe, ob sie dazu gezwungen wurden, so verbissen saß manch eine Person auf ihrem Drahtesel (wobei diese Bezeichnung heutzutage auf die wenigsten Räder zutrifft). Leute, es ist Sonntag, ihr fahrt durch eine wunderschöne Gegend und ihr guckt in die Welt, als ob man euch gerade die Suppe versalzen hätte!

Abends hatte mich eine Freundin (danke, Daniela, war richtig schön) spontan zum Bible Art Journaling eingeladen, als Fortsetzung des Predigtthemas vom Vormittag. Das war glatt eine kleine Herausforderung, ich fühlte mich unkreativ und eingerostet. Eineinhalb Jahre habe ich vor allem geschrieben, genäht und ein bisschen fotografiert, und jetzt fehlte mir ein wenig die Idee zum Gestalten meines Bibeltextes.

Der Abend war aber durch gute Gespräche auf jeden Fall sehr schön und entspannend. Und ich habe in der Nacht darauf auch nur mäßigen Stuss geträumt.

Warum also bin ich heute so montagsmüde? Ich fürchte, ich bin vor allem nachrichtenmüde, gesellschaftsmüde, wahlkampfmüde. Eigentlich scrolle ich frühmorgens immer durch diverse Nachrichtenportale, um auf dem Laufenden zu sein, aber es hat mich heute fürchterlich angeödet. Wo ist hier der Ausgang? Ist das ein Exit-Game, in dem ich gefangen bin und ich finde die Lösung nicht? Nimmt das alles mal ein Ende? Corona, Klima, gesellschaftliche Spaltung, Terrorgefahren, Politiker, die sich über Randthemen echauffieren, Menschen, die ihr eigenes wirtschaftliches Wohl über das Gemeinwohl hängen, Plastikkontinente im Meer, Waldbrände und Flutkatastrophen…

Gerade jetzt mag ich das alles nicht mehr ertragen und möchte mich am liebsten einigeln, die Welt da draußen vergessen und mein Stückchen heile Welt genießen. Aber hilft ja nix, es geht weiter. Ab heute Abend mit dem VHS-Kurs für den Sportbootführerschein See. Und irgendwann dann hoffentlich für ein paar Monate auf die Ostsee, mit nichts als dem Ehemann und der Sterntaler in der grandiosen skandinavischen Natur. Aber das ist eine andere Geschichte und hoffentlich wird die Zeit kommen, sie zu erzählen.

You raise me up

Da ist es mordsfrüh am Sonntag, seit einer halben Stunde jault Lucy im Flur herum (weil sie viel lieber in der Küche unterm Tisch liegen möchte) und du wünschst dir eigentlich nur noch ein halbes Stündchen Ruhe. Und dann läuft im Radiowecker, der tagein, tagaus immer um zwanzig nach Fünf anspringt, dieses Lied:


Manchmal wundere ich mich bei diesem Nachtprogramm. Die Sprecher sind immer etwas klamaukig und um Heiterkeit bemüht, vielleicht ist das auch die beste Möglichkeit, diesen Sendeplatz mit Leben zu füllen, ich weiß es nicht. Aber Tatsache ist, dass ich schon manches Mal von einem Lied überrascht wurde, das mir viel bedeutet oder Erinnerungen weckt oder ganz einfach zur aktuellen Situation passt.

Als ich heute früh diesen Song hörte (es gibt auf Youtube auch einige andere hörenswerte Versionen, aber diese lief im Radio), da gab er mir Ruhe. Ruhe, Lucys Geseufze auszublenden. Ich weiß nicht, wer ihre innere Uhr in den letzten Wochen hartnäckig auf fünf Uhr eingestellt hat, aber ab diesem Zeitpunkt gibt ihr der Platz unterm Küchentisch offenbar mehr Sicherheit als ihr Kissen im Flur. Haben nicht auch wir einen bevorzugten Platz, den wir aufsuchen möchten, wenn wir uns gestresst, überfordert oder sonst irgendwie besch…en fühlen? Bei Lucy ist es der Küchentisch, bei mir ist es oft der Garten oder allgemein die Natur, Wald, Wiesen oder Wasser, wohin ich mich flüchten möchte.

Ein Ort, an dem ich die Weite und Schönheit der Schöpfung wahrnehme. Mir mal nicht über die Beschränktheit der Welt, meiner Mitmenschen und meiner selbst Gedanken machen muss, sondern einfach runterkommen kann und mich von der Anwesenheit meines Schöpfers trösten lassen kann. Ein Ort, der mich gleichermaßen erdet und erhebt. Und die Dimensionen zurechtrückt. Und der mich Momente erleben lässt, die mir zeigen, dass ich nicht allein bin, dass mich immer jemand trägt und mir Kraft gibt, wenn menschliche Kraft nicht mehr ausreicht.

Und wie erstaunlich, das manchmal das Nachtprogramm im Radio den richtigen Stups gibt. Habt einen wunderschönen und gesegneten Sonntag, wo immer ihr ihn verbringt und was auch immer heute eure Herausforderung ist.

„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“

Dieser Spruch steht im Evangelium des Lukas: Lk 12,48 (Basis-Bibel)

Unsere älteste Tochter meint immer, meine Andachten seien politisch. Kann sein. Ist vermutlich so. Aber meiner Meinung nach kann Glaube eigentlich auch überhaupt nicht unpolitisch sein, denn mit dem Bekenntnis meines Glaubens stelle ich mich in die Gesellschaft und gebe ein Statement ab, ob ich will oder nicht. Ich beziehe damit Stellung, wie ich zu anderen Menschen und auch nichtmenschlichen Mitgeschöpfen stehe. Wie ich die Welt um mich herum sehe. Und im Jahr 2021 auch, wem ich zutraue, nach der #btw2021 meine Interessen zu vertreten, wenn es um diesen persönlichen Blick auf die Welt geht.

An dieser Stelle will ich kein Fass aufmachen, welche Partei das sein könne oder auch nicht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, das muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen, und selbstverständlich habe ich auch nichts dagegen, dass man da zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann (solange sie demokratisch agierende Parteien betrifft).

Es ist allerdings so, dass ich bei der Beschäftigung mit den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien und den Analysen, die dazu getätigt wurden, wer von den Versprechungen der einzelnen Ausrichtungen wie stark betroffen ist, an den Lukas-Vers denken musste. Vor relativ genau vier Jahren war es meine Aufgabe, eine Andacht zu diesem Vers zu schreiben. Ich gebe sie euch hier einmal zum Lesen:

Ich habe ein Bild mitgebracht. Auf dem Bild sieht man Menschen im Kreis stehen mit hochgereckten Händen. Sie sind bereit, eine Frau aufzufangen, die sich von irgendwo her fallen lässt.
Diese Übung kennt vermutlich jeder, der schon mal eine Teambildungsmaßnahme mitgemacht hat. Es ist ein starkes Bild. Es zeugt von Mut und Vertrauen: vom Mut der Frau, sich fallen zu lassen. Sind die anderen Menschen stark genug, sie aufzufangen? Sie vertraut fest darauf. „Diese Leute werden mich nicht fallen lassen. Sie lassen nicht zu, dass mir etwas geschieht!“
Auch die Menschen im Kreis sind mutig: Wie schwer ist die Frau? Lässt sie sich locker fallen oder verkrampft sie sich? Können wir sie auffangen? Und sie vertrauen. „Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“
Die Menschen vertrauen einander. Und sie ahnen, dass es gut wird.
Eine andere Art von „sich fallen lassen“ hat mich persönlich die letzten Wochen beschäftigt. Die Aufgabe, eine Andacht zu schreiben zu einem Spruch, der durch das Los entschieden wurde. Eine Andacht zu einem Thema, in dem ich mich zuhause fühle, das ist eine Sache. Aber so ein „Sprung ins kalte Wasser“, das ist eine andere Hausnummer.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ (Lk 12,48, Basis-Bibel)
Wie geht es dir, wenn du diesen Spruch hörst?
Wenn er als Wochenspruch zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird. Du hörst ihn einmal und dann geht es schon weiter mit der Liturgie. Ist der Spruch dir bekannt?
Weißt du, in welchem Zusammenhang Jesus ihn gebraucht?
Ist der Spruch sonnenklar zu verstehen oder geht es dir vielleicht genau wie mir?
Ich habe diesen Spruch gelesen, den ich zugelost bekam. Und als erstes habe ich gedacht: „Oh nein, was ist denn das für ein blöder Spruch? Dazu fällt mir niemals etwas Gescheites ein.“
Als nächstes schoss mir ein Sprichwort durch den Kopf: „Der Mensch wächst mit den Aufgaben.“ Das dürfte auch bekannt sein. Manchmal wird es als Floskel gebraucht. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen und bin mir unsicher, ob ich die Verantwortung auch ausfüllen kann. Dann wird mir dieser Satz an den Kopf geknallt. Völlig gedankenlos und wenig hilfreich.
Es kann aber auch sein, dass sich jemand aufrichtig dafür interessiert, wie es mir ergeht. Mit demselben Satz drückt er oder sie dann aus: „Hey, wenn man dir die Aufgabe übertragen hat, dann traut man sie dir auch zu. Man schätzt dich und ist sicher: Du wirst dir das erarbeiten. Du wirst nicht scheitern. Du wirst daran wachsen und reifen!“
Den Unterschied erkennen wir am Tonfall, an der Gestik und Mimik des Sprechers.
Aber wenn ich den Bibelvers lese, sehe ich keine Gestik, keine Mimik. Also konzentrieren wir uns jetzt auf die genaue Wortwahl des Verses.
Als erstes fällt mir auf: Der erste Satzteil ist jeweils bereits erfolgt, während der zweite Teil sich fortdauernd ereignet.
Und dann fesseln mich zwei Wortpaare. Erstens: gegeben und verlangt. Zweitens: anvertraut und gefordert. Klingt auf Anhieb gar nicht so unterschiedlich. Trotzdem findet eine deutliche Steigerung statt: Im ersten Satz geht es um eine Gabe, ein Geschenk. Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es, einfach so, weil man da ist. Vom Empfänger der Gabe wünscht sich der Geber, sich dieser Gabe würdig zu erweisen, das Vertrauen zu rechtfertigen.
Im zweiten Satz geht Jesus noch weiter: Es geht darum, jemandem etwas anzuvertrauen. Das ist ein so starkes Wort! Im Duden steht dazu „vertrauensvoll übergeben“. Wenn man jemandem etwas anvertraut, dann ist man fest davon überzeugt, derjenige wird nicht nur zuverlässig darauf aufpassen, er wird auch etwas Gutes daraus machen. Daraus erwächst eine Forderung. Der Duden sagt:
„Eine Forderung ist ein nachdrücklich zum Ausdruck gebrachter Wunsch, etwas fordern bedeutet: einen Anspruch erheben.“
Starker Tobak, den Jesus seinen Hörern an der Stelle zumutet. Doch er stellt nicht einfach eine Behauptung in den Raum, er spricht in eine konkrete Situation hinein. Dieser Vers steht in der Mitte des Evangeliums. Zur Halbzeit sozusagen. Jesus lehrt die Menge, die ihm folgt, mit verschiedenen Gleichnissen.
Seine Jünger sind immer dabei, aber ähnlich wie der Rest der Leute verstehen auch sie zum Teil nur Bahnhof.
Deswegen fragt Petrus zwischendurch einfach mal nach: „Sag mal, was du da erzählst, klingt ja ganz gut, aber für wen gilt das eigentlich? Ist das nur für uns wichtig oder auch für den Rest der Menschheit?“
Jesus stellt an dieser Stelle bereits ganz deutlich klar: Das, was ich euch sage, ist wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Nicht nur jetzt und hier, sondern auch zukünftig und für alle.
Und er hat einen besonderen Auftrag für seine Nachfolger. „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt.“ Alle, die Jesus nachfolgen, sind „begabt“. Denn Jesus hat für sie alle den Tod am Kreuz erlitten. Die Menschen, die Jesus nachfolgen, sollen ihre Gabe, ihre Erkenntnis und ihr Vertrauen weitergeben, damit viele davon erfahren und sich anschließen. Christus-Nachfolger tragen in der Welt eine höhere Verantwortung als Menschen, die ihn und sein Wort nicht kennen.
Die Jünger aber sind noch mehr gefordert. Ebenso alle, die nach ihnen durch Leitungspositionen Verantwortung für die wachsende Gemeinde Christi tragen: „Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Natürlich ist das eine Zu-Mutung: „Sorgt IHR dafür, dass die Gemeinde nach meinen Maßstäben lebt und wächst“. Aber auch eine starke Zu-Sage steckt darin: „Ich traue es euch zu, dass ihr das schafft!“.
Lukas ist der einzige Evangelist, der die Begebenheit aus Kapitel 12,48 beschreibt. Er ist der Einzige, der den Missionsbefehl so ausführlich und persönlich darstellt. Und er ist der Einzige, der als „Fortsetzung“ aufgeschrieben hat, wie es dann weiterging mit der Verbreitung des Christentums.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Anfangs hatte ich dich gefragt: Wie geht es dir mit diesem Vers? Die Frage stelle ich jetzt noch einmal in den Raum.
Hat der Vers etwas mit deinem konkreten Leben hier und heute zu tun?
Ich kann dir versichern, bei mir ist beides der Fall. Meine Wahrnehmung hat sich geändert. Ich sehe nicht mehr nur den Berg von Verantwortung vor mir, sondern auch den ermutigenden Zuspruch und den Vertrauensbeweis.
Und wenn in den Medien in den letzten Wochen und Monaten Berichte kursieren über die schwindende Relevanz von Religion allgemein, von Gemeinde im Besonderen, dann ruft mir dieser eine Vers zu:
„Pfeif auf diese undefinierbare Masse namens „Gesellschaft“. Es liegt an jedem einzelnen, es liegt an dir! Du kannst Gemeinschaft in das Gemeindeleben bringen! Es ist deine Aufgabe, jedem so zu begegnen, wie er oder sie es gerade braucht. Den Mitmenschen mit Achtung zu begegnen. Ihnen Respekt und Liebe entgegenzubringen. Und du schaffst das auch! Du wirst nicht scheitern. Du wirst vielmehr daran wachsen.
Kreide nicht alles, was schief läuft in der Gemeinschaft, der Leitung an. Ja, es stimmt, die hat ganz besondere Aufgaben bekommen, aber trotzdem kommt es auch auf dich an.“
Und weißt du was? Das gelingt mir nicht immer. Es gibt Tage, da könnte ich an meinen eigenen Erkenntnissen und Ansprüchen ersticken. Geht dir genauso? Das finde ich beruhigend.
Aber wir sind nicht allein mit unserem Scheitern. Wir alle sind wie die Jünger: Wir verstehen manchmal nur Bahnhof. Wir fallen hin, wir leugnen. Aber das ist nicht schlimm, solange wir dranbleiben, aufstehen und bekennen.
Und das tolle, das unfassbare ist: Jesus hat den Grundstein seiner Kirche mit solchen Leuten gelegt. Er hat sich fallen gelassen, voller Vertrauen. Wie die Frau auf dem Foto.

In meinem ganzen Nachdenken habe ich mir die Andacht mehrfach durchgelesen, vieles sehe ich auch mit vier Jahren Abstand noch so, aber bei einigen Facetten hat sich meine Wahrnehmung verändert oder erweitert. Und nun kommt die politische Dimension dazu. J.F. Kennedy hat es so formuliert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst!“ Ich weiß, klingt etwas pathetisch. Aber so ganz unrecht hatte er nicht. Auch rund 60 Jahre später nicht. Wir erwarten so viel von unserer Regierung, von den Parlamenten, von unseren Repräsentanten. Aber sind wir auch bereit, etwas von uns einzubringen, außerhalb von ein paar Kreuzchen auf einem langen Zettel mit Möglichkeiten alle paar Jahre mal? Wissen wir und vertrauen wir darauf, dass es auch auf uns ankommt?

Oder aus einer ganz anderen Perspektive, und das geht jetzt an die Parteien, deren Credo „der Markt“ ist, der alles regelt: Wie regelt der Markt das denn? Im Allgemeinen nämlich nicht so, wie Lukas es formuliert hatte, sondern eher umgekehrt: Die Lasten verteilen sich zu häufig auf den Rücken derer, die sowieso schon nicht allzu viel besitzen, denn die „Leistungsträger“ (kann übersetzt werden mit „die Vermögenden“) dürfen nicht über Gebühr belastet werden. An die Adresse der Marktgläubigen (die mitunter eine Partei mit dem „C“ im Namen präferieren) stelle ich daher die Frage: Menschen in prekären Verhältnissen, die von ihrer Arbeit kein ordentliches Auskommen haben, sind die keine Leistungsträger? Seht ihr die nur als Masse, die dem Rest auf der Tasche liegt? Oder traut ihr denen zu, etwas wichtiges zum Gesamten beizutragen? Jeder nach seiner Möglichkeit?

Oder auch: Warum darf denn das Fleisch nicht teurer werden? Damit sich auch „die Ärmeren“ ab und zu mal ein ordentliches Steak auf dem Teller gönnen können? Seit wann seid ihr Freunde dieser Gesellschaftsgruppe? Aber vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte dürfen gern das doppelte bis dreifache des Koteletts kosten, denn das sind „Lifestyle-Produkte“. „Die Ärmeren“ sollen also nicht das Recht haben, auch eine fleischarme und abwechslungsreiche Ernährung auf den Teller zu bekommen, egal ob aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen? Ich wünsche mir da ein wenig mehr Empathie und Reflexion.

Wie die Jünger Jesu sind auch wir alle und unsere Politiker Menschen, Menschen mit Fehlern und Schwächen, und manchmal verstehen auch wir nur Bahnhof. Aber sind wir auch bereit, alle um uns herum so anzunehmen und gemeinsam etwas zum Guten zu bewegen?

„Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“ So arbeiten die Menschen aktuell in den Flutgebieten zusammen und so kann das auch in größerem Zusammenhang laufen. Mit Mut und Vertrauen.

Gott sei Dank

Vor genau einem Jahr und 12 Stunden geriet meine Welt ins Straucheln (kannst du hier nachlesen). Im wahrsten Sinn des Wortes: zuerst mit dem linken und Sekunden darauf mit dem rechten Bein. Ich weiß seitdem, was es heißt, aus vollem Lauf auf die Nase zu fallen. Das, was mich umwarf, war nicht das böse C-Wort, sondern eine Folge meiner rheumatischen Grunderkrankung und zugleich ein negativer Lottogewinn. Bei Psoriasis-Arthritis ist es nichts ungewöhnliches, dicke Finger oder Zehen zu haben, sich unerklärlich müde zu fühlen, öfter mal eine Sehnenscheidenentzündung zu haben. Aber sich gleich beide sogenannten „Ham-Strings“ (Schinkensehnen, treffender könnte der Ausdruck kaum sein) ab- bzw. anzureißen, das ist nicht normal.

In den nächsten Tagen und Wochen machte ich eine Achterbahn der Gefühle durch:

Zunächst Verzweiflung, denn selbst die fünf Meter vom Bett zur Toilette mussten gut geplant sein, ich musste auf jeden Fall rechtzeitig los, mit den Unterarmgehstützen einer Tochter (Denn in der Notaufnahme hatte ich keine bekommen, da war man ja auch der Meinung, ich hätte lediglich Zerrungen und könnte nach Hause gehen. Meinem Hinweis, dass meine Beine mich einfach nicht tragen konnten, wurde nicht nachgegangen. Dumm gelaufen.) Ungefähr drei Minuten dauerte dieser so wichtige, kurze Weg. Und drei Minuten zurück. Zwischendurch musste ich auch noch das Kunststück vollbringen, mich auf der Toilettenbrille mit den Armen abzustützen wie beim Barrenturnen, weil ich nicht sitzen konnte🙈.

Wenn man es gewohnt ist, jahrelang diejenige zu sein, die für den größten Teil der häuslichen Sorge-Arbeit zuständig ist, ist es auch ein total doofes Gefühl, auf einmal auf der anderen Seite zu – liegen (stehen ging ja nicht). Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Familie es nicht gut hinbekommt. Klar machen die anderen manches anders und das ist manchmal gewöhnungsbedürftig. Aber das Haupthindernis ist dieser Gedanke im eigenen Kopf, dass es falsch ist, wenn man selbst Hilfe in Anspruch nehmen muss. Man ist hilf-los.

Das Schwanken zwischen Erleichterung (einen Teil der Telefonhotline konnte ich auch vom Bett aus erledigen und war somit nicht ganz nutzlos, mit dem Notebook konnte ich auch die Bloggerwelt weiterverfolgen und bereichern) einerseits und dem Grauen andererseits, denn über die Newsticker erlebte ich die Entwicklung des Corona-Ausbruchs weltweit quasi in Echtzeit mit und hatte auch noch die Zeit, mir darüber reichlich Gedanken zu machen.

Die Ungeduld, denn der Heilungsprozess dauerte mir viel zu lange (und ist bis heute noch nicht komplett abgeschlossen, rein körperlich ist zwar alles einigermaßen in Ordnung, aber die Kraft und Geschicklichkeit ist noch nicht ganz auf dem Niveau von vorher). Damit verbunden die Kopf-Probleme, auf den vernünftigen Vorschlag des Mannes zu hören und sich einen Rollstuhl zu mieten, damit mehr Mobilität im Haus und draußen möglich ist. Ich leiste Abbitte und ziehe meinen Hut vor allen, die dauerhaft mit diesem doch sehr praktischen Gerät leben. Der Perspektivwechsel hat mich manches mit anderen Augen sehen lassen und mir auch infrastrukturelle sowie gesellschaftliche Probleme sehr eindringlich vor Augen geführt.

Aber: die ersten Minuten nach dem „Umfall“, die lieben Leute aus Familie, Freundeskreis und Gemeindeumfeld, die mir beigestanden haben, sich in den nächsten Wochen mit Anteilnahme, praktischer Hilfe (und einem megaleckeren Rinderbraten, den werde ich nie vergessen) eingebracht haben, die Geduld, die meine Familie mit mir haben musste, wenn ich maulig war, nicht zuletzt der Rückhalt, den ich durch mein Vertrauen auf Gott, dass er es gut machen wird, meistens hatte (manchmal hab ich ihm aber auch Vorwürfe an den Kopf geklatscht, das gehört zur Vollständigkeit dazu. ER ist sehr geduldig mit mir), alles das hat auch eine tiefe Dankbarkeit hervorgerufen.

Von allem, was seit einem Jahr passiert ist, ist genau diese Dankbarkeit, das Gefühl, in allem bin ich trotzdem getragen, eigentlich das Wichtigste. Wie selbstverständlich nehmen wir es hin, wenn wir gesund sind. Ja, wir denken sogar, wir haben eine Art Rechtsanspruch darauf. Wie wenig Verständnis bringen wir auf für Menschen, die an Körper oder Seele nicht vollkommen fit sind. Wie sehr haben wir den Leistungsgedanken verinnerlicht. Und wie schwierig ist es, aus irgendeinem Grund aus dieser Tretmühle herauszukommen. Aber manchmal geht das ganz schnell und ungewollt: Ein Unfall, Schlaganfall, eine Diagnose, die uns aus der Bahn wirft. Oder ein Virus, das es schafft, innerhalb von wenigen Monaten weltweit ganze Wertesysteme aus der Balance zu bringen.

Wie wollen wir leben?

Tag 4 – Ein geliehenes Gebet

Manchmal wollen wir beten, aber wir finden keine Worte. Es ist nichts, was wir sagen könnten, der Situation angemessen oder es fehlen uns die Worte komplett. In solchen Augenblicken tut es gut, wenn wir uns einen schon oft gebeteten Text zu eigen machen können.

Es ist nicht sicher, ob dieses Gebet tatsächlich von Franz von Assisi stammt, aber im Endeffekt ist es auch egal. Der Inhalt ist es, der mich anrührt.

Bless the Lord

Meine „Große“ hat diese neue Challenge ins Leben gerufen, den Beitrag findest du hier (nicht verwirren lassen, weil es zunächst um Yoga geht, einfach weiterlesen…). 30 Tage mit unterschiedlichen Gebetsmethoden. Ich finde, die Idee ist super, denn ehrlich gesagt, das regelmäßige sich-Zeit-nehmen für das Gespräch mit Gott fällt doch leider immer wieder hintenüber. Abends im Bett (immer noch die klassische Gebetszeit, wie viele Kinder von den Eltern lernen: Das Gute-Nacht-Gebet) schlafe ich immer mal wieder ein, ehe ich alles „losgeworden“ bin. Morgens lockt eher der Kaffee und die Tageszeitung. Und im Lauf des Tages kommt zwar ab und zu ein situatives Stoßgebet zustande oder ein Gedanke zwischendurch, aber das intensive „mit Gott auf dem Sofa beim Tee oder Kaffee intensiv ein Gespräch führen“ verbleibt an vielen Tagen. Schade eigentlich, denn es ist eindeutig ein Stück „Quality Time“.

Los ging es mit dem Gebetstagebuch:

Ich hatte es vor knapp vier Jahren schon einmal begonnen, das Gebetstagebuch.
Und jetzt wird es für mindestens 30 Tage wiederbelebt.
Tag 2 sollte ein Seifenblasengebet sein. Geht auch ohne Seifenblasenflüssigkeit…

Tag 3 ist heute. Und dazu gehört das Beitragsbild.

Den Song findest du auch hier:

Für mich ist und bleibt es ein Lied, das ausdrückt, was ich mir (nicht nur) für mich selbst erbitte: Immer wieder, jeden Tag nach Möglichkeit, erkennen, dass dieser Tag von Gott geschenkt ist. Mit allen Chancen, aber auch mit allen Risiken. Ich möchte wahrnehmen, dass Gott die Liebe repräsentiert, dass es sich lohnt, ihm zur Ehre und mir zur Stärkung und auch zum Spaß zu singen. Ob es sich um Loblieder, um Klagelieder, Freudenlieder, was auch immer gerade „dran“ ist, handelt.

Mein größter Wunsch ist aber, dass ich angesichts des Lebensendes weiter in der Lage bin, zu singen, zu loben, zu hoffen. Und das betrifft nicht nur mein eigenes Ende, sondern auch die existenziellen Nöte, die ich unweigerlich erleben werde, wenn geliebte Menschen an diesem Scheidepunkt ankommen.

Vater, gib mir Mut, Kraft und Stärke, auch im Angesicht des Abschiednehmens bei dir zu bleiben und nicht zu verzweifeln. Loben ist einfach, solange es mir gut geht. Die Herausforderung besteht darin, im Angesicht des Leides den Segen zu erkennen. (Edgars Onkel wird mir und nicht nur mir darin stets ein Vorbild bleiben, er hat das Ende seines Lebens mit so viel Würde und Vorfreude regelrecht begrüßt.)

Soweit. Ob Choral, Kantate, Lobpreis oder Gospel. Hast auch du ein geistliches Lieblingslied oder einen Ohrwurm?

Übrigens keine Bange, ich werde jetzt nicht einen Monat lang mein Gebetsleben vor allen hier ausbreiten, das meiste ist doch zu persönlich. Vielleicht gibt es mal den einen oder anderen Denkimpuls, eher so ganz allgemein gehalten.

Der Hintergrund des Songtextes ist ein Sonnenuntergang über dem Useriner See im Sommer 2009.

Tag 19 – Die Geschichte der Bibel

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Hast du die Bibel schon gelesen? Wenn ja, ganz oder in Auszügen? Wenn nein, warum nicht? Du meinst, es ist Glaubenssache? Hm.

Wie sieht es denn mit Grimms Märchen aus? Ach ja, das ist was anderes. Das ist Weltliteratur… die kann man lesen, ohne daran zu glauben, dass der böse Wolf den Bauch voller Wackersteine bekommt.

Ähnliche Diskussionen habe ich schon geführt. Vielleicht bist du überrascht, zu erfahren, dass auch die Bibel zur Weltliteratur zählt. Auch sie kann und sollte man kennen, selbst wenn man nicht gläubig ist. Denn sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie ist eine ganze Bibliothek mit Familienchroniken, Erfahrungsberichten, Krimis, Weisheiten, Parabeln, Liedern, Briefen, einer in Teilen dystopischen Endzeiterzählung …, sogar ein Stück Erotik findet sich in ihr. Sie berichtet von Erfahrungen, die Menschen mit ihrem Gott gemacht haben, von Menschen, die nicht perfekt waren. Menschen und Ideen, die gescheitert sind, Menschen, die in Krisensituationen neu Wege suchen und begehen mussten. Und sie berichtet von einem Gott, der die Hoffnung nicht aufgibt.

Ja natürlich, die Bibel enthält auch jede Menge schwer verdauliche Kost, Begebenheiten, die wir nicht nachvollziehen können, die uns schier unmenschlich erscheinen. Diese Geschichten gilt es einzuordnen, damit man nicht daran verzweifelt. Darum ist das Buch, das ich euch heute ans Herz lege, ein wichtiges Buch. Denn wie gesagt, die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen, sie hat eine Entstehungsgeschichte. Sie wurde von Menschen aufgeschrieben, über einen langen Zeitraum und in Epochen, die uns komplett fremd sind. Ohne eine fundierte Einordnung kommen wir nicht klar mit Passagen der Bibel, in denen Gott anscheinend eiskalt Entscheidungen trifft, die zum Untergang von Menschen führen.

Die Diskussionen darüber, ob Homosexualität Gott ein Gräuel ist oder ob Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben, die kennen wohl alle von uns, die es schon mit sehr „bibelfesten“ Christen zu tun hatten. (An dieser Stelle lege ich Wert darauf, dass ich zunächst einmal schätze, dass Menschen einen festen Glauben leben, ich kann aber mit manchen Glaubensdogmen, die daraus entstehen, nicht viel anfangen, weil sie mir nicht nachvollziehbar sind.) Ohne Kenntnis der Texte ist es äußerst schwer, hier in Diskussionen einzusteigen (schon mit Kenntnis ist es nicht ganz einfach, und viele lassen es deshalb gleich ganz). Für mich persönlich ist es wichtig, dass es nicht die EINE feste Interpretation gibt, und ich finde es fragwürdig, dass es Passagen in der Bibel gibt, die ich zeitlich einordnen darf und andere stehen scheinbar für alle Ewigkeit unverrückbar fest.

Die „Geschichte der Bibel“ empfinde ich als hilfreich, um gerade solch schwierige Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und auch zu erfahren, warum sich bestimmte Interpretationsansätze im Lauf der Kirchengeschichte durchgesetzt haben und andere nicht. Ebenso geht das Buch darauf ein, wo sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten der drei Buchreligionen (Judentum, Christentum, Islam in der Reihenfolge ihrer Entstehung) finden.

Bibliografische Angaben: John Barton, Die Geschichte der Bibel, Klett-Cotta, ISBN  978-3-608-94919-3, € 38,- (Österreich € 39,10)

Konfirmation im Herbst

Nachdem die aktuelle Geißel der Menschheit in diesem Frühjahr alles gründlich vermasselt hat, fand am letzten Wochenende die verschobene Konfirmation von 35 jungen Menschen in unserer Gemeinde statt. So viele Familien zusammen in einem Gottesdienst, das funktioniert in diesen Zeiten nicht, selbst mit einer (für ein Dorf anscheinend überdimensionierten) großen Kirche nicht. Ein großes Lob möchte ich daher unserer Gemeindeleitung aussprechen, mit dem ersten Oktoberwochenende hat sie eine tolle Wahl getroffen.

Dabei war das anfangs überhaupt nicht unumstritten, denn es gab durchaus Stimmen, die der Meinung waren, im Oktober könne man doch keine Konfirmation feiern, da sei es zu unbeständig, zu kalt, zu was weiß ich. Kathrins Reaktion: „Ist mir egal, wie das Wetter ist, ich will konfirmiert werden!“

Die Konstellation des Wochenendes mit dem Feiertag am 3. Oktober war für uns perfekt, so konnte das Geschehen auf drei Gottesdienste verteilt werden: je einen am Samstag vormittags und nachmittags und einen klassisch am Sonntagmorgen. Die Jugendlichen konnten eine Erst- und eine Zweitwahl treffen und dann wurde so lange hin- und hergeschoben, bis fast alle uneingeschränkt zufrieden waren. Dabei will ich nicht verschweigen, dass dieses Vorgehen, welches für die Konfi-Familien viel Entlastung bedeutete (zum Beispiel brauchte keiner eine Stunde vor dem GoDi die Kirchenbänke quasi „mit Handtüchern belegen“, weil jede Familie feste Plätze hatte) sehr viel zusätzliche Arbeit für alle am Gottesdienst Beteiligten bedeutete. Für Pfarrerin und Pfarrer, Küsterin, Mitglieder des Presbyteriums, Teamer aus der Konfirmandenarbeit, Band, Organistin … Heißen Dank an euch, ihr habt alles gegeben, um die Gottesdienste für Konfis und Familien toll zu gestalten!

Das Wetter spielte mit, vor allem am Samstag Nachmittag. Bei uns hieß das: Ich hatte durchs Haus verteilt Tische eingedeckt und dekoriert, aber schlussendlich saßen fast alle draußen auf der (wegen gegenteiliger Wettervorhersage nicht gefegten) Terrasse. Egal. War auch so in Ordnung. Wichtig ist ja nicht unbedingt, dass man vom Fußboden essen kann (geht bei uns sowieso nicht, überall und immer sind da Hundehaare ist da Aussie-Glitzer unterwegs). Wichtig ist die innere Einstellung.

Was haben wir gelernt? Nicht allein der (richtige?) Zeitpunkt bestimmt, ob etwas gut ist. Vor allem die Menschen und ihre Einstellung sind es, die zum Gelingen (oder auch nicht) beitragen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ungewöhnliche Wege zu gehen, anders zu denken, flexibel auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Im Gemeindekontext habe ich bei sehr vielen die Bereitschaft gesehen, allerdings gibt es auch ein paar wenige, die auf ein „Das war schon immer so und das muss so bleiben“ pochen. Es wäre verwunderlich, wenn es anders wäre, denn Gemeinde stellt auch immer einen Querschnitt durch die Gesamtgesellschaft dar. Dazu habe ich einmal folgendes Zitat gefunden:

”EIN GRUND DAFÜR, DASS DIE LEUTE SICH VOR VERÄNDERUNGEN FÜRCHTEN, IST, WEIL SIE SICH STETS AUF DAS KONZENTRIEREN, WAS SIE VERLIEREN, ANSTATT AUF DAS, WAS SIE DAZU GEWINNEN KÖNNTEN. “

Leider weiß ich nicht, von wem dieser Ausspruch stammt, aber ich feiere den Urheber jedenfalls! Ebenfalls nachdenkenswert ist auch folgendes Zitat:
„Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“ Das stammt von Gustav Heinemann.

In einem meiner nächsten Beiträge werdet ihr sehen, dass diese beiden Aussprüche nicht nur für den kirchlichen Bereich gelten, sondern für sehr viele Problemfelder, an denen unsere Welt derzeit zu knabbern hat.

Nun ja. Kathrin hatte eine wunderschöne Herbstkonfirmation, die der gesamten Familie gut gefallen hat in ihrer Durchführung. Das Album auf dem Beitragbild ist übrigens das dritte seiner Art, das ich gestaltet habe, denn auch Julia und Yvonne haben exakt das gleiche Album bekommen.

Markustheater

Ich weiß nicht, wieso, aber heute begleitet mich schon den gesamten Tag eine Erinnerung an das Frühjahr 2013, als sich bei uns in der Kirchengemeinde 17 Menschen zusammenfanden, um das Markus-Evangelium als Theaterstück einzustudieren. Sechzehn Kapitel, ein Lebens- und Leidensweg in 90 Minuten darzustellen, das war schon eine große Herausforderung.

Als Vorbereitung hatten wir selbst eine Aufführung in der Uni in Bielefeld besucht, denn das Markustheater ist ein Konzept der SMD (Studentenmission Deutschland) und tourt dementsprechend vor allem durch Unis. Es gibt dafür geschulte RegisseurInnen, die mit den Gruppen vor Ort arbeiten. Schon im Publikum sitzend spürte ich die Unmittelbarkeit der Aufführung. Da es keine Bühne gibt, sondern Stuhlkreise (die weit genug auseinander stehen, dass Darsteller hindurch gehen können) um einen freien Mittelplatz, wird der gesamte Raum bespielt. Als Zuschauer ist man deswegen quasi mittendrin im Geschehen und wird auch , zum Beispiel bei der Speisung der 5000, einbezogen.

Wie „lernt“ man denn nun, selbst das „Ding“ zu spielen? Nun, zunächst hat kein Darsteller eine Ahnung, welche Personen er oder sie spielen wird. Denn die ersten sechs Wochen hat man nichts anderes zu tun als das Markusevangelium zu memorieren. Bei mir sah das so aus, dass ich es als Hörbuch auf dem Handy hatte und jeden Tag bei den Hunderunden hörte. Jede/r von uns hatte da eine eigene Methode.

Nach einigen Wochen kamen wir für ein sehr intensives Probenwochenende im Team zusammen mit unserer Regisseurin, die uns dann mal so kurzerhand (so schien es jedenfalls) unsere Charaktere zuordnete. Manche spielten mehrere Personen, zentrale Persönlichkeiten wie Jesus, die vier engsten Jünger und die Pharisäer hatten nur diese eine Rolle, weil sie natürlich immer wieder vorkamen. Schon bei den ersten Proben ging uns aber auf, dass Melanie uns sehr gut eingeschätzt hatte, denn jeder von uns passte super zu den Personen, die er verkörperte. Und wir alle konnten uns mit unseren Eigenheiten einbringen und unsere Rollen mit Leben füllen!

Kleine Einlagen zum Lachen gab es ebenfalls, die waren auch notwendig, um immer mal wieder aufkommende Spannung zu lösen. Wenn Jesus seine Jünger zum dritten Mal über den See Genezareth rudern ließ und ein Jünger daraufhin maulte „Och nö, nicht schon wieder rudern…“, dann befreite es das Publikum vielleicht von einer vorangehenden Konfliktszene zwischen Jesus und den Pharisäern. Lacher gab es bei uns auch, weil ausgerechnet der Dorfarzt den von den Schweinedämonen Besessenen spielte. Übrigens sehr überzeugend.

Zum Ende stieg die Spannung, als es um Jesu Verurteilung ging, im immer dunkler werdenden Raum alle Schauspieler immer lauter „Kreuzigt ihn“ skandierten, wobei sie die Zuschauer aufforderten, einzustimmen und diese deshalb nicht um wachsendes Unbehagen herumkamen. Nach der Kreuzigung schrie „unser“ Jesus gepeinigt auf, schlagartig wurde es stockfinster im Saal und für unendlich lange drei Minuten blieb das Licht aus. Diese Szene sorgte denn auch dafür, dass es im Publikum sehr still blieb und wir in lauter bedrückte Gesichter blickten, als das Licht dann wieder anging. Bleibt zu bemerken, dass wir Eltern mit jüngeren Kindern vorsorglich darum gebeten hatten, den Raum vor der Kreuzigung zu verlassen. Doch schließlich löste sich die Spannung in Applaus und befreites Aufatmen, die ZuschauerInnen waren mehrheitlich begeistert!

Bei mir hat diese „Theaterarbeit“ nachhaltigen Eindruck hinterlassen, sowohl beim Anschauen als auch beim Mitmachen fühlte ich mich in die Lebensumwelt Jesu hineingezogen, bekam einen anderen Blick auf die dargestellte Geschichte Jesu und auch auf meinen eigenen Glauben. Momentan sind coronabedingt alle Projekte des Markustheater gestoppt, aber wenn ihr später mal die Gelegenheit habt, eine solche Aufführung in eurer Region zu besuchen, nutzt sie. Dafür muss man auch nicht zwingend gläubig sein, offen für unglaubliches reicht auch😊

Weitere Infos findet ihr hier: https://www.smd.org/akademiker-smd/ueberregional/markustheater/