Behind the Windows

Das Foto finde ich total faszinierend. Manchmal schauen wir aus dem Fenster unseres Inneren und blicken auf: genau, eine Mauer. Uns fehlt der Durchblick. Und dann lohnt es sich, zu überlegen: Woher kommt diese Mauer? Sind wir selbst es, die uns den Ausblick verbauen? Durch Barrieren in unserem Denken? Oder sind es Hindernisse, die von außen gebaut wurden? Leiden wir unter „Das denkt oder tut ‚man‘ nicht“? Was können wir tun, um diese Mauern einzureißen?

Zur Textkarte fällt mir im Augenblick gar nicht so viel ein, denn ich bin sehr dankbar, dass mir in dieser ganz konkreten Situation zwar mancher Kontakt fehlt, aber nicht das Vertrauen in Gott. Weil es ganz pragmatisch gesehen überhaupt nichts ändern würde, wenn ich mir die Haare raufen und mir sagen würde: „Also ehrlich Gott, was hast du dir nur dabei gedacht? Meinst du es am Ende doch nicht so gut mit uns?“ Ich kann gar nicht anders, als zu vertrauen, dass alles am Ende doch einen Sinn hat, den ich vermutlich nicht sehe und /oder verstehe. Denn sonst käme die Verzweiflung. Und ihr möchte ich einfach keinen Raum geben. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist…

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

„Too blessed to be stressed“?

Gute Frage. Fühle ich mich gerade gesegnet oder stehe ich eher unter Strom? Wie äußert sich beides? Wenn ich mich gesegnet fühle, kann ich zur Ruhe kommen, der Segen kann sich aber auch durch kreatives Chaos in meinem Kopf äußern. Der Unterschied für mich liegt darin, ob mir Ruhe oder Unruhe gut tut oder ob mich der Zustand, den ich habe, unter Druck setzt. Auf jeden Fall kann ich alles, was ich zu erledigen habe, in einem gesegneten „Modus“ mit Zuversicht angehen, statt mich daran aufzureiben.

Und wie ist das mit Gottes Liebe? Meist ist es die dritte Möglichkeit, die mich durch den Alltag trägt. Aber natürlich kenne ich auch die Zeiten, wo ich es einfach nicht spüren kann oder nicht für möglich halte. Glaube (oder anders gesagt: Hoffnung) und Zweifel sind in meinen Augen Geschwister. Mal ist der eine lauter, mal der andere. Und beide haben ihre Berechtigung, denn auch der Zweifel kann hilfreich sein. Um nicht alles für selbstverständlich zu nehmen, um einen Perspektivwechsel zu ermöglichen, um nicht übermütig zu werden.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Und was, wenn die Zweifel kommen?

„Es war tief in der Nacht, kurz vor Morgengrauen. Wir waren nach einem langen, ereignisreichen Tag auf dem See unterwegs, in einem unserer Boote. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Merkwürdig, denn um diese Zeit schlief eigentlich auch die Natur. Sofort waren wir alle wach und auf dem Posten.

Doch was war das? Eine Bewegung auf dem Wasser, etwas kam auf uns zu! Wie ein wehender Mantel, eine gespenstische Erscheinung! Wir waren alle miteinander entsetzt, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Furcht war ansteckend, ich glaube, wir schrieen ziemlich durcheinander. Doch da sprach die Erscheinung zu uns: ‚Habt keine Angst. Ich bin es. Es ist alles gut!‘

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Und doch konnte ich es nicht so ganz glauben, deswegen rief ich ‚Herr, bist du es? Wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!‘ ‚Dann komm!‘ antwortete er. Ohne nachzudenken setzte ich erst den einen, dann den anderen Fuß über die Bordwand. Ich hatte ihn fest im Blick, ich ging auf ihn zu. Aber dann bemerkte ich die hohen Wellen rings umher. Was tat ich hier? Das war doch unmöglich …

Prompt begann ich zu sinken, der brodelnde See würde mich gleich verschlucken. Da griff eine Hand nach meiner und hielt mich fest. Er fragte mich: ‚Warum hast du so wenig Vertrauen zu mir?‘ Diese Frage beschäftigte und beschämte mich noch lange danach. Gemeinsam bestiegen wir das Boot und gleichzeitig legte sich der Sturm. Wir alle knieten nieder und waren voller Ehrfurcht vor Ihm. So vieles hatten wir schon mit ihm erlebt und doch waren wir immer aufs Neue überwältigt. Er konnte nur der ersehnte Messias sein!“

(Nach Matthäus 14, 22-33)

Na, ich schätze, du kennst den Erzähler dieser Begebenheit. Es ist natürlich Petrus. Petrus, der immer treu zu Jesus stehen wollte. Petrus, der gern ein bisschen großspurig daherkam und seinen eigenen Anforderungen nicht so recht genügen konnte. Petrus, der Jesus schließlich verleugnete, als es für ihn selbst brenzlig wurde. Aber eben auch Petrus, dem Jesus so viel zugetraut hatte. Petrus, mit dem Jesus immer liebevoll und geduldig umgegangen war. Petrus, dem Jesus ganz direkt die Gemeinde anvertraut hatte, ehe er zum Himmel auffuhr.

Petrus ist eigentlich ein Mensch, den wir gut verstehen können. Denn in wohl jedem von uns steckt mehr oder weniger von seinem Charakter drin. Wir sind möglicherweise einmal wie Petrus von Jesus angesprochen worden: „Folge mir nach.“ Und wir sind gefolgt. Vielleicht zunächst aus Neugierde, dann mit wachsender Faszination für diesen so anderen Weg, den wir mit Jesus gehen dürfen. Auch wenn wir nicht immer verstanden haben, was Jesus eigentlich von uns und für uns will, wir haben gebrannt für Jesus, wollten ihm immer nahe sein.

Und doch, es gibt auch immer mal wieder Zeiten, da wissen wir nicht, ob es vielleicht doch ein Irrweg ist, ob es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Da kommen Fragen und Zweifel. Und dann?

In den Tagen und Wochen jetzt, mit der Ungewissheit, was mit der Menschheit passiert, wie die Welt nach Corona (oder mit Corona auf Dauer) aussehen wird, da sind wir möglicherweise besonders anfällig, uns zu überlegen, wohin uns der Weg mit Jesus führt.

Zweifel kommen gern dann, wenn wir den Blick von Jesus lösen, wenn wir die Stürme des Lebens um uns herum verstärkt wahrnehmen, wenn wir vor allem bemerken, was alles gerade schief läuft. Dann fehlt uns das Vertrauen. Alle Sicherheiten, die wir uns aufgebaut haben, stehen auf dem Prüfstand und manches hält der Prüfung nicht stand.

In meiner westfälischen Heimat haben die Gemeinden, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengeschlossen sind, ein allgemeines Glockenläuten jeden Abend um 19:30 Uhr beschlossen. Und ein Gebet verfasst, das zu dieser Zeit alle mitsprechen können. Dabei auch eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen, als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Und auch als eine Art der Selbstvergewisserung, auf wen wir letztlich unser Vertrauen setzen. Das Vertrauen, das über den Zweifel die Oberhand behält oder erhält.

Mir fehlt für diesen Impuls gerade der zündende Schlusssatz. Ich schätze mal, das liegt daran, dass den Schluss oder die Schlussfolgerung, jede*r einzelne von uns für sich finden muss. Das geht nicht auf dem Verordnungsweg. Es kann auch das Gegenteil von Schluss sein, nämlich ein persönlicher Anfang, der Beginn eines Weges. Eines Weges mit Berg- und Taletappen, mit Stolpersteinen und Bänken zum Ausruhen am Wegesrand. Mit Sturzregen, Sturm, lauen Frühlingslüftchen, heißen und trockenen Tagen und manchmal auch grandiosen Ausblicken.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Und vor allem zuhause!

PS: Wenn du den Text des Gebetes haben möchtest, schreib mich über das Kontaktformular an.

Gerettet?

Ein Schiffbrüchiger trieb auf einer Rettungsinsel seit Tagen auf dem Meer. Er war ein frommer Mensch, mit der festen Überzeugung, dass Gott ihn aus seiner Situation erretten werde. Die Notration an Lebensmitteln war bereits verbraucht, nur ein wenig Trinkwasser hatte er noch.

Da kam ein Kreuzfahrtschiff vorbei, man machte Anstalten, ihn an Bord zu nehmen. Aber der Schiffbrüchige winkte ab: „Nein danke, nicht notwendig. Ich bin sicher, Gott rettet mich.“

Und so dümpelte er weiter auf dem Meer, und bald war auch das Wasser verbraucht. Ein Bananendampfer kreuzte seinen Weg und wieder wollte die Besatzung ihn an Bord holen. Schon deutlich schwächer, sagte der Mann wieder: “ Nein danke, ich bin ganz sicher, Gott wird mich retten.“ Und so fuhr auch der Dampfer weiter.

Der Mann wurde immer schwächer und starb schließlich an Entkräftung und Wassermangel. Als er dann vor Gott stand, fragt er ihn vorwurfsvoll: „Gott, ich habe immer in meinem Leben an dich geglaubt und bis zuletzt auf deine Hilfe vertraut. Warum hast du mich nicht gerettet?“

Gott schaute den Mann betrübt an und sagte: „Zweimal habe ich ein Schiff auf dieser weit abgelegenen Route vorbeigeschickt – aber du hast dich jedes Mal geweigert, an Bord zu gehen…“

Warum erzähle ich diese Geschichte gerade jetzt?

Auf der einen Seite: Es ist gut und richtig, wenn wir Gott vertrauen, wenn wir davon ausgehen, dass er es gut mit uns meint. Die ganze Bibel ist voller Geschichten, aus denen genau das zu lesen ist. Aber: Die Bibel ist ebenso voll von Erlebnissen, wo dieses „gut meinen“ auf eine ganz andere Art gezeigt wird, als es die Menschen erwarten. Wo ganz unvermutet Menschen oder Ereignisse dazu beitragen.

Wir haben oft ganz konkrete Vorstellungen davon, wie Gottes Hilfe auszusehen habe. Und leider erwarten wir immer noch zu häufig, dass diese Hilfe dann mit Paukenschlag und Wunderheilung kommt.

Viel häufiger kommt Gottes ganz praktische Hilfe auf leisen Sohlen daher, zum Beispiel durch Menschen, die in einer Krisensituation Ruhe bewahren, alles gut durchdenken und ihren Kopf hinhalten, um Entscheidungen zu treffen. Nicht immer sind es populäre Entscheidungen, sie können und müssen oft Einzelinteressen beschneiden, zugunsten der gesamten Gesellschaft.

83 Millionen „Expertenmeinungen“ bringen uns nicht weiter. Wenn wir eine empathische und auch erfolgreiche Gesellschaft sein wollen, müssen wir auch die Grenzen der persönlichen Freiheit kennen und akzeptieren lernen.

Danken wir, ob nun Gott oder ganz allgemein den Menschen, die aktuell ihr Bestes geben, an dem Platz wo sie ihre Aufgaben erfüllen. Ganz egal, wo dieser Platz ist. Denn wenn es gut läuft, wenn alle mitmachen, können wir uns alle gegenseitig danken.

Und erwarten wir Gottes Liebe nicht nur im Wunder, sondern in den Menschen, die er uns in den Weg stellt.

Freischwimmer

Der Untertitel lautet: Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr

Ein außergewöhnliches Buch, finde ich. Der Werdegang eines begnadeten Evangelisten, der den Glauben verlor … und sich dann auf die Suche nach dem Verlorenen machte.

So ungewöhnlich Torstens Lebensweg begann, so war es auch sein Weg, nachdem er feststellte, dass wichtige Dogmen seines Lebens nicht (mehr) funktionieren. Musste er als Kind und Jugendlicher für seine Ziele kämpfen und Umwege gehen, so hat er das auch getan, als er merkte, dass er Thesen, die er zum Beispiel als Prediger bei Jesus House den Jugendlichen entgegenschmetterte, selbst nicht mehr glauben konnte. Als er Zweifel bekam, ob die Art, wie junge Menschen in einer hochemotionalen Einzelsituation aufgefordert werden, ihr Leben Jesus Christus zu übergeben, nicht in Wirklichkeit hochmanipulativ sei.

Für mich war es stimmig, dass dieser Mann nun nicht einfach der evangelikalen Szene frustriert den Rücken kehrt und sagt „Ok, dann glaub ich halt nicht mehr, war eine schöne Zeit, und tschüss…!“

In Gesprächen mit verschiedenen „Schwergewichten“ der christlichen Szene (alles Menschen, die sehr reflektiert sind und wo niemand auf die Idee käme, sie gingen leichtfertig mit dem ganzen Thema um) macht er sich auf die Suche nach dem Verlorenen und lernt eine ganz neue Weite und Freiheit der Gedanken kennen.

Manche Gedankengänge sind für Landeskirchler, die in einigen evangelikal-konservativen Kreisen auch gern mal salopp als Christen zweiter Klasse angesehen werden, nur bedingt nachzuvollziehen. Aber das eine oder andere hat vermutlich jeder schon mitbekommen: Tun-Ergehen-Zusammenhang: wenn du schlechtes denkst/tust, dann BIST du schlecht. Homosexualität ist Sünde, sonst nichts. Pass auf, kleines Auge, was du siehst. Du musst einfach stärker glauben, und wenn sich deine Situation dann nicht zum Guten verändert, dann glaubst du nicht richtig!

Das wirklich interessante am Buch sind für mich die Gespräche mit Andreas Malessa, Christina Brudereck, Klaus Douglass, Klaus Göttler und anderen anerkannten Protagonisten der frommen Szene, die sehr offene und weite Denkweisen darlegen, aber trotzdem keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres persönlichen Glaubens lassen. Und die kein Problem damit haben, jemanden „als vollwertig“ anzuerkennen, der gerade sein Glaubensfundament total in Frage stellt.

Hier gibt es kein Abgebügeltwerden, niemand erklärt Torsten für verloren. Das Buch bietet differenzierte Denkansätze, wägt ab, polarisiert und provoziert sicher auch (zum Beispiel, Dogmen über Bord zu werfen).

Es gibt so viele Stellen, die ich gern zitieren würde, wo ich Aha!-Effekte bei mir festgestellt habe, das sprengt an dieser Stelle den Rahmen.

Ich kann nur empfehlen: selber lesen! Wenn du das Gefühl hast, in deinem Umfeld vor allem kritische Fragen nicht stellen zu können: lesen! Hier ist eine große Liebe zu den unterschiedlichsten Menschen zu finden, hier stehst du nicht im Regen.

Charlotte ist der umhegte Star in ihrer Familie. Wegen einer alten Prophezeiung und eines „außergewöhnlichen Gendefekts“ wird sie von Kindesbeinen an auf eine besondere Aufgabe vorbereitet. Tanzunterricht für uralte Tänze, parlieren in Französisch, Etikette des 18.Jahrhunderts, Degenfechten…
Sie wächst auf im Bewusstsein, zu einer kleinen Elitegruppe zu gehören.

Gwendolyn, ihre Cousine, ist dagegen das schwarze Schaf der Familie, unangepasst, ein bisschen punkig, mit einem ausgeprägten „Tollpatsch-Gen“.
Von sich selbst sagt sie, „Alle sind überzeugt, dass ich ein totaler Trottel bin – und leider fühle ich mich selbst manchmal so.“

Das „besondere Gen“ in der Familie ist die Fähigkeit, in der Zeit zu reisen. Aktiv wird es am 16ten Geburtstag. Und während Charlotte, deren Mutter und die Großmutter der Mädchen darauf warten, dass der erste Zeitsprung bei Charlotte stattfindet, landet Gwen auf dem Weg zum Bonbonladen urplötzlich im London der 1920er Jahre.
Nachdem sie zwei weitere Male gesprungen ist, vertraut sie sich ihrer Mutter an, die verzweifelt gehofft hatte, Gwen wäre von der Genmutation nicht betroffen.
Gemeinsam gehen sie zur „Loge des Grafen von Saint Germain“, deren Mitglieder sich mit den Zeitreisenden beschäftigen. Und nun kommt der Augenblick, wo Gwen vor Cousine Charlotte, deren Mutter und der Großmutter gestehen muss, dass sie die tatsächliche „Auserwählte“ ist…

Vor allem ihre Tante reagiert sehr pikiert:
„Gwendolyn verfügt über zwei linke Füße und den Verstand einer – Erbse!“
Niemand traut Gwen zu, die richtige Person für die wichtige Aufgabe zu sein. Davon abgesehen will sie alles andere als zu diesem abgedrehten Zirkel zu gehören.

Das Buch, auf dem der Film basiert, ist 2014 erschienen. Es ist beileibe nicht das erste, das von Menschen handelt, die ungewollt auf einen unbekannten Weg geschubst werden! Das Thema zieht sich durch die Weltliteratur.
Auch DER Klassiker schlechthin, die Bibel, ist voll von solchen Geschichten. Also nicht so sehr Zeitreisen, aber immer wieder begegnen uns dort Menschen, die Aufgaben gestellt bekommen. Aufgaben, denen sie sich nicht gewachsen fühlen.

So wie Mose zum Beispiel, der die Israeliten überzeugen sollte, aus Ägypten abzuhauen. Mose hatte fürchterlichen Bammel, sich vor Menschenmassen zu stellen und Reden zu halten – und damit auch noch Leute zu überzeugen! Und das, wo sein Bruder Aaron diesen Job viel besser könnte, denn der war ein Rhetorik-Ass!
Und Gott lässt sich, obwohl er ziemlich sauer ist, dass Mose sich drücken will, auf einen Deal ein. Er trägt Mose auf: Du sagst Aaron, was er den Menschen in deinem Namen ausrichten soll, und ich bin dabei und gebe euch Beistand.

In den Samuel-Büchern lesen wir zunächst davon, dass Samuel Saul zum König über Israel salbt. Saul ist ein stattlicher, gutaussehender Mann, Sohn eines angesehenen Bürgers aus dem Stamm Benjamin. So ein richtiges alttestamentarisches Sahneschnittchen. Saul ist zunächst auch ein starker und erfolgreicher König und Feldherr, allerdings steigt ihm sein Ruhm irgendwann zu Kopf und er verliert Gottes Zustimmung. Man sieht, die perfekten Voraussetzungen führen nicht immer zum perfekten Ergebnis…
Als nächstes wird Samuel nach Jerusalem geschickt, um einen Gegenentwurf für Saul zu suchen. Er besucht Isai, denn einer seiner zahlreichen Söhne soll der neue König werden. Zunächst sucht Samuel wieder nach dem Heldentypus, aber weder der Älteste noch der Schickste noch der Klügste soll es sein. Jedes Mal sagt Gott: „Nö, der nicht.“
Schließlich ist da noch David, der Jüngste. Er hütet auf dem Feld die Schafe der Familie. Auch ein hübscher Bengel, aber halt noch sehr jung und unerfahren. David wird König von Israel, und zwar trotz seiner Fehler und teilweise richtig übler Aussetzer einer der Größten, die Israel je hatte. Und er steht in der Vorfahrenlinie Jesu.

So kommen wir jetzt ins Neue Testament. Unter den Jüngern Jesu fanden sich auch alle möglichen schrägen Typen: ein ehemaliger Zöllner, ein Guerilla-Kämpfer, einfache Fischer, einer, der nur glaubte, was er be“greifen“ konnte (im wahrsten Sinn des Wortes). Einer verriet Jesus schließlich für etwas Geld an die Pharisäer und Römer, und derjenige, der sich so sicher war, dass er mit Jesus durch dick und dünn gehen würde, schaffte es in einer gefährlichen Situation nicht, zu Jesus zu stehen. Er wollte so gern stark sein, er wollte auch einen starken Glauben haben, und doch stolperte er immer wieder über seine Zweifel.
Und genau diesen – Simon Petrus – wählte Jesus aus, den Glauben weiterzutragen in die Welt. Genau wie Paulus, der in seinem ersten Lebensabschnitt die Christusgläubigen bis aufs Blut verfolgte.

Die Allerwenigsten von uns sind vermutlich dazu ausersehen, in der Zeit zu reisen, Völker aus der Gefangenschaft zu führen, Bundeskanzlerin oder Vorsitzender der Evangelischen Kirche von Deutschland zu werden.
Aber egal, was wir uns persönlich zutrauen oder wo uns das Selbstvertrauen fehlt, egal welche Begabungen wir haben und wie unnütz wir sie möglicherweise finden, Gott kann und will uns gebrauchen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen und das ist auch gut so: Manche haben, wie die Leute unserer Band, die Begabung, anderen mit Musik eine Freude zu machen und sie mit den Klängen zu trösten, in eine andächtige Stimmung zu bringen.

Schauspielbegabte Menschen bringen mit ihrer Kunst Szenen auf die Bühne und laden zum bildlichen und gefühlsmäßigen Miterleben ein, so wie heute die Mädels vom Anspielteam.

Andere können gut zuhören. Auch wenn sich das unglaublich passiv anhört, es ist unheimlich schwierig, einfach nichts anderes zu tun als zuzuhören! Das ist nämlich etwas ganz anderes, als das Gegenüber in jeder Situation mit gutgemeinten Ratschlägen zuzutexten.
Da gibt es jemanden, der kommt auch mit schwierigen Leuten ins Gespräch und es gibt die (meist Frauen), die es einfach lieben, anderen mit liebevoll zubereitetem Essen zu dienen, denn zu jeder guten Gemeinschaft gehört Essen dazu, das kennen wir schon von Jesus.Es gibt diejenigen, die mit Leidenschaft für Gerechtigkeit streiten oder eine lebenswerte Umwelt auch in Zukunft kämpfen. Und es gibt unzählige andere Talente und Gaben, von denen wir oft nichts ahnen, denn vielleicht ist noch nicht das Datum gekommen, an dem sie aktiv werden.

Um es mal mit einem Vergleich aus der Zeit der Fotografie mit Filmen in analogen Kameras zu sagen: Manchmal stecken wir auch ziemlich lange in der Dunkelkammer, und die Entwicklung dauert lange oder ist unscharf. Manchmal ist auch der Film noch nicht voll und wir müssen noch ein paar Fotos machen, ehe wir überhaupt mit dem Entwickeln anfangen können. (Fragt mal eure Eltern oder googelt, wie das funktionierte)

Auch in meinem Leben gibt es Zeiten, in denen ich anfange zu zweifeln wie Petrus, in denen ich am liebsten Beweise hätte wie Thomas, in denen ich mich frage „Gott, warum stehe ausgerechnet ich jetzt hier vor den Leuten und soll ihnen dein Reich nahe bringen“. Es gibt Zeiten, da weiß ich, ich habe gerade Mist gebaut und kann nur auf Vergebung hoffen. Es gibt Tage, an denen ich mich unnütz fühle und nicht weiß, wohin ich gehöre.

Aber ich habe dann auch immer wieder Initial-Zündungen, Momente, in denen ich spüre, das alles gehört zum Menschsein dazu und trotz allem will Gott mich halten und wünscht sich, dass ich die Aufgabe angehe, für die er mich vorgesehen hat. Egal wie groß oder wie klein die Aufgabe ist.
Und so stellt er sich das auch für euch vor. Ich kann euch nur wünschen: Lasst es zu. Egal, wo ihr gerade steht.

Dieser Text ist die Basis für meinen Impuls beim zweiten Jugendgottesdienst „FAQ“ des Jahres 2020 in unserer Gemeinde. Unser Anspielteam hatte aus dem Film „Rubinrot“ eine Szene nachgespielt, und zwar für alle Kenner des Films die Szene, als Gwen den Logenleuten erzählt, dass sie in der Zeit gesprungen ist und somit der „neue Rubin“ ist. 

Was von Weihnachten übrig bleibt

Die meisten Bäume sind raus. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei vielen Familien ist der 6. Januar der Tag, an dem das passiert. Bei einigen schon eher, bei anderen darf der Baum ein paar Tage länger im Wohnzimmer vor sich hin nadeln….
Die Kugeln, Lichterketten, Schwibbögen und Krippen sind gut verpackt auf dem Dachboden oder im Keller verstaut und warten auf den nächsten Advent.
Unerwünschte oder unpassende Geschenke sind umgetauscht, der Weihnachtsgottesdienst verblasst in der Erinnerung.
Das neue Jahr hat begonnen und was noch an die zurückliegende feierliche Zeit erinnert, sind ein paar Pfund Hüftgold vom guten Essen und zu vielen Plätzchen.
Business as usual!
——
Wirklich?
Bleiben wir hier stehen und denken uns, das war’s, nächstes Jahr kommt es wie „Alle Jahre wieder“?
Holen wir die Ereignisse von Weihnachten, die Geburt Jesu irgendwie in unseren Alltag? Oder ist es eher wie der Sonntagsglaube, der eine Stunde lang im Gottesdienst stattfindet und danach für den Rest der Woche keine Relevanz hat?
Und überhaupt: Bleiben wir in unserem persönlichen Glauben stehen bei Jesus, dem hilflosen Baby in der Krippe in Bethlehem? Oder folgen wir auch dem erwachsenen Mann, dem Wanderprediger, der in seinen Lehren so grundsätzlich andere Maßstäbe anlegt als wir gewohnt sind?
Gehen wir in den nächsten Wochen und Monaten mit durchs Kirchenjahr, das in dichter Reihenfolge den Werdegang Jesu nachvollzieht? Gehen wir auch in einigen Wochen mit in die Fastenzeit, bereiten wir uns auf die Kreuzigung Jesu vor und feiern an Ostern seine Auferstehung? Oder seine Himmelfahrt und schließlich die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten, dem „Geburtstag der Kirche“?
Oft ist es doch im Trubel des Alltäglichen eher so, dass wir die Feiertage einfach als Unterbrechung und Atempause im Trott ansehen. Daran ist ja auch grundsätzlich nichts Falsches, wir brauchen solche Pausen. Schön und hilfreich ist es aber, wenn wir an diesen Tagen nicht nur unseren Körper ausruhen und auftanken, sondern auch unserem Grundbedürfnis nach Spiritualität und geistlicher Heimat Raum geben. Selbst dann, wenn ich noch gar nicht so ganz sicher bin, was es denn auf sich hat mit dieser Jesus-Sache, wenn ich Gott zwiespältig sehe oder seine Liebe nicht für mich annehmen mag. Einfach mal wissenschaftlich rangehen, also zunächst eine These aufstellen:
„Nehmen wir mal an, es gäbe Gott wirklich…“ und dem dann nachspüren. Schadet garantiert nicht 😉

Wir wünschen uns Frieden, so sehr, dass wir uns heillos darüber zerstreiten, wie Frieden möglich werden kann. Durch Abschreckung? Durch Drohgebärden? Durch Sanktionen und Embargos? Boden-Luft-Raketen? Atomtests? Oder denjenigen mit der anderen Meinung im sozialen Netzwerk mit möglichst viel Pöbelei und Gewaltandrohung mundtot zu machen?
Das, was wir mit der größten Selbstverständlichkeit für uns selbst in Anspruch nehmen, gönnen wir oft nicht dem Nächsten. Wer ist dieser Nächste denn überhaupt? Egal, jedenfalls nicht der unsympathische nörgelnde Nachbar, der schmuddelige Obdachlose in der Fußgängerzone, der schwule Mitschüler oder der arabische Flüchtling muslimischen Glaubens. Und auch nicht die herumzickende Trulla aus der Parallelklasse, die sich immer zu sehr schminkt, die Prostituierte aus Osteuropa, die Näherin in Bangladesch, die ihre Familie durchzubringen versucht oder die Frau, die eine Partei wählt, welche mir Übelkeit verursacht.
– – –
Wer von euch kennt den Namen Mahatma Gandhi? Er war ein indischer Rechtsanwalt und Menschenrechtler, der vor ungefähr 100 Jahren wirkte. Er hatte in seiner Jugend auch viel Mist gebaut (kann man bei Wikipedia nachlesen) wie ein ganz „normaler“ Jugendlicher, aber aus diesen Fehlern gute Lehren gezogen. Sein friedlicher Kampf galt zeit seines Lebens der Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit.
Ein zentraler und wichtiger Leitsatz war für ihn:
„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst.“
Das heißt, wenn ich will, dass sich etwas ändert, dann muss ich es anpacken. Wenn ich nicht anfange, dann tut es vielleicht niemand. Oder es dauert so lange und bis der Leidensdruck so hoch ist, dass es sehr schwierig ist, überhaupt etwas zu tun. Wir richten uns so bequem in einer unhaltbaren Situation ein, dass Veränderung kaum noch machbar ist.
Das sehen wir heute zum Beispiel bei den Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung. Viele Erwachsene und „Etablierte“ sagen: Wenn die anderen das auch alle machen (die anderen Autofahrer, die anderen Vielflieger, die anderen Online-Junkies…. Setz einfach ein, was dir dazu einfällt), dann mache ich (vielleicht) auch mit. Das schlimmste daran: das ist nicht neu! Schon in den atomkraftkritischen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es den Spruch: „Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß“. Wir alle warten seit mindestens 35 Jahren darauf, dass mal irgendwer den ersten wirklich großen Schritt macht!
– – –
Zu Beginn des Markus-Evangeliums (Kap. 1,15) verkündet Jesus:
„Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Gottes neue Welt beginnt. Kehrt um zu Gott, und glaubt an die rettende Botschaft!“
Und dann geht er am Ufer des Sees Genezareth entlang und entdeckt einige Fischer. Spontan spricht er sie an und fordert sie auf, ihm zu folgen, um Menschen für Gott zu gewinnen. Zuerst Simon und Andreas, dann Johannes und Jakobus. Sofort verließen sie ihre Arbeitsplätze und Familien und ließen sich darauf ein. Einfach so. Sie sagten nicht „Jesus, das ist ja ganz schön schräg, was du da vorhast. Weißt du was, frag doch erstmal die 50 anderen Fischer hier am See, und wenn die mitmachen, dann überlege ich mir das noch mal.“
Nein! Sie vertrauen ihm. Sie sind bereit, sich auf etwas radikal Neues einzulassen. Auf etwas total Unbekanntes. Sie überwinden das menschliche Misstrauen und die alltägliche Trägheit und sagen „JA!“
Wenn ich jetzt noch einmal die Kurve zu den heutigen Umweltthemen drehe, da ist doch das meiste gar nicht radikal neu und unbekannt! Das war fast alles schon mal da! Vieles ist erprobt und funktioniert nach wie vor, es kommt uns bloß so „old fashioned“ und „retro“ vor. Überhaupt nicht innovativ oder zukunftsweisend.
– – –
Ähnlich sieht es mit den Folgen von Weihnachten aus. Ganz konkret in unserem persönlichen kleinen Leben. Wir brauchen Vertrauen, Mut uns einzulassen. Auch ohne dass andere vorangehen. Vieles ist gar nicht radikal neu.
Nicht „Hate Speech“, nicht „Fake News“, nicht Mobbing oder stures Beharren auf Wohlstandsansprüchen ist der Weg.
Ich wünsche uns, dass wir immer wieder den Mut haben, nicht bei der anrührenden Krippenszene von Weihnachten stehenzubleiben, die doch so romantisch warm ums Herz macht.
Ich wünsche uns allen, dass wir vielmehr den Mut haben, auch den Forderungen des Rabbis zu folgen, der sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, der herausforderte, als er sagte, man möge auch die andere Wange hinhalten. Der Wasser in Wein verwandelte, damit die Party weiterlief und der gern mit denen aß und trank, die am Rand oder außerhalb der Gesellschaft standen.
Der bereit war, den ultimativen Weg zu gehen, der ihn selbst das Leben kostete, um unsere Leben zu retten.

Jetzt ist die Zeit, da Gottes Reich anbricht. Heute, jeden Tag.