Binge-reading für alle?

Als Reaktion auf meine letzte Buchrezension schickte Christiane mir den Link zu diesem sehr interessanten Blogbeitrag. Inzwischen habe ich ihn mehrfach gelesen und mir auch ausgedruckt, damit ich meine Anmerkungen an den Rand kritzeln kann. Denn mir kommen ziemlich viele und ganz unterschiedliche Gedanken dazu. Gedanken, die meist mit meinen persönlichen Erinnerungen von fast 50 Jahren aktivem Lesen und 36 Jahren Arbeit im und für den Buchhandel zu tun haben. Und mit vielen Gesprächen, die ich in den Buchhandlungen mit KollegInnen, Verlagsvertretern und natürlich mit Kundinnen und Kunden geführt habe.

Da ich weiß, dass hier eine ganze Menge buchaffiner Menschen lesen und schreiben, möchte ich euch den Artikel empfehlen und in einem zweiten Schritt einladen, hier über verschiedene Sichtweisen, Leseerfahrungen und Meinungen zu diskutieren. Natürlich weise ich darauf hin, dass wie immer gilt: Respekt gegenüber anderen Meinungen, so schreiben, wie man selbst gern angeschrieben werden möchte, ihr wisst schon, das wird so langsam zu meinem persönlichen Fetisch, wenn man es denn so bezeichnen möchte.

Ich mache dann mal den Anfang:

Zunächst mal fordert mich der Blogbeitrag auf, Gedanken zu verfolgen, die sich mir in meiner Berufspraxis so noch nie gestellt haben. (So etwas ist immer gut.) Weil ich erstens schon immer auch Serientitel im weitesten Sinne verkauft habe, und zwar an ganz unterschiedliche Zielgruppen. Und auch selbst welche gelesen habe, die unter ähnlichen Voraussetzungen produziert wurden. Das begann bei mir selbst im Alter von ca. 10 Jahren, als ich mein Taschengeld in Schneider-Bücher investiert habe. „Kinder lieben Schneider-Bücher“ war ein gängiger Werbespruch. Schon damals erschienen bei Schneider nicht die edlen Klassiker der Kinderliteratur (Astrid Lindgren, Otfried Preußler etc., die erschienen bei Thienemann, Oetinger und Konsorten), sondern Serien wie „Hanni und Nanni“, „Bille und Zottel“, „Trixie Belden“, „Burg Schreckenstein“, etwas später dann „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“. Unter dem Label Enid Blyton erschienen noch neue Bücher, als die Autorin schon längst verstorben war. Die Marke Enid Blyton war so populär wie aktuell Marvel, es gab also ein Team von Ghostwritern, die in ihrem Stil weiterschrieben. Und auch die immer noch bei den Jugendlichen (von damals und von heute) beliebte Serie „Drei Fragezeichen“ wurde und wird noch von einem Autorenpool geschrieben.
Im KiJuBu-Bereich folgten später noch so populäre Reihen wie „Fear Street“ oder „Das magische Baumhaus“, heute ist es „Die Schule der magischen Tiere“, „School of Good & Evil“ und vieles mehr. Kinder mochten es schon immer, wenn sie das Personal ihrer Lieblingsgeschichten kannten und immer wieder treffen konnten wie die besten Schulfreunde.

In der Buchhandlung traf ich während meiner Ausbildung auf Autoren wie Heinz G. Konsalik, der Ende der 1980er Jahre seine besten Zeiten schon hinter sich hatte und gemeinsam mit Johannes Mario Simmel von unserem ersten Sortimenter um Längen verschämter (und am liebsten gar nicht) verkauft wurde als die deftige Literatur von Henry Miller oder Anais Nin. Gerade bei Konsalik konnte man bei näherem Hinsehen feststellen, dass er offensichtlich eine Kartei mit Textkonserven benutzte, die in (nicht immer) abgewandelter Form sowohl beim „Arzt von Stalingrad“ oder in Südfrankreich-Romanen vorkamen.
Für die linksgerichtete, eher intellektuelle Leserschaft gab es die Reihe rororo-Thriller, für die konservativeren Krimifans die roten Goldmann-Krimis mit Agatha Christie und Edgar Wallace, für das Bildungsbürgertum die schwarz-gelben Diogenes-Ausgaben: Patricia Highsmith, Dashiel Hammett und ähnliche Klassiker des Kriminalromans.
Georgette Heyer, Utta Danella, Pearl S. Buck und andere Autorinnen verwöhnten ganze Frauengruppen mit exotischen und eine leichte Röte auf die Wangen treibenden Geschichten.

Also: Das Phänomen an sich ist nicht neu. Wie übrigens auch im Filmgeschäft nicht. Auch dort gab es schon frühzeitig ganze Reihen, wobei James Bond eine der bekanntesten und die über Jahrzehnte hinweg beständigste Figur darstellen dürfte (wobei natürlich auch an ihm die Spuren der jeweiligen Zeitströmung nicht vorbeigingen). Aber auch in der Film- und Musikindustrie hat sich mit dem Aufkommen des Internets, der sozialen Medien und Plattformen wie Youtube und Spotify vieles in dieselbe Richtung verschoben wie bei der Literatur. Ich kann mein eigener Regisseur, mein Musik- oder mein Podcastproduzent sein, wenn ich die Fähigkeit dazu (oder im schlimmsten Fall die Hybris) habe.

Das kann spannend und erfolgreich sein (wobei vermutlich in nackten Zahlen die Meisten nicht auf einen Brotberuf verzichten), es kann aber auch gnadenlose Abstürze zur Folge haben: Wer hier sorgfältig arbeitet, selbstkritisch und differenziert an die Sache herangeht, kann sich an höhere Stellen empfehlen; wer dagegen hudelt, bestimmte (oft ungeschriebene) Regeln missachtet, schlecht recherchiert oder durchscheinen lässt, dass er wenig Ahnung vom Metier hat, kann aber auch ganz fürchterlich vom Publikum abgestraft werden. Am Ende muss jeder, der sich hier engagiert, überlegen, ob er so ein Haifischbecken unbeschadet überstehen kann.

Ebenso ist es beim Self-Publishing: es hat sowohl Vor-als auch Nachteile. Es gibt in dem Bereich sehr liebevoll gemachte Werke, deren AutorInnen erkennbar Herzblut investieren, sich Mühe geben beim Layout und vor allem bei den Basics Rechtschreibung und Grammatik. Schön, wenn darauf dann auch Lektorate oder Agenturen aufmerksam werden. Es gibt aber auch grottenschlechte Beispiele zum Abgewöhnen, bei denen ich vollkommen nachvollziehen kann, weshalb kein Verlag Wert auf Veröffentlichung legt.

Was mir als nächstes Thema aufgefallen ist: Die Verfügbarkeit. In diesem Fall die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit. Ich weiß nicht, ob sich jemand ernsthaft darüber wundert, dass dieses ein schlagkräftiges Argument ist. Der Jäger und Sammler ist gerade im buchaffinen Menschen noch immer wirkmächtig. Die tägliche Belieferung der Buchhandlungen gibt es bereits sehr lange, was früher oft zu der staunenden Bemerkung „Die sind ja so schnell da wie Medikamente…“ führte. Und schon vor fast 40 Jahren gab es Kunden, die allen Ernstes morgens fragten, ob das Buch denn schon am Nachmittag abgeholt werden könne. Wenn man allerdings verglich, wer sein Buch „unbedingt“ ganz schnell brauchte, es dann aber mindestens zwei Wochen lang nicht abholte, stellte sich oft heraus, dass Eile eine sehr dehnbare Zeitspanne ist.
Ähnlich ist es bei den Bestsellern: Die Tatsache, dass ein Buch auf der Bestsellerliste ganz oben steht, heißt zunächst einmal, dass es der Verlag (oder auch Amazon) in einem definierten Zeitraum besonders gut verkauft. Was damit überhaupt nicht ausgedrückt wird, ist a) wie viele Exemplare wie Backsteine auf Stapeln in Buchhandlungen liegen, b) wie viele Exemplare nach einem Jahr an die Verlage zurückgeschickt werden und c) ob die Bücher von den Endkunden/Geschenkempfängern gelesen werden, den Esstisch am Wackeln hindern oder wie das Mon Cheri der Buchbranche weiterverschenkt werden.

Ich stimme in jedem Fall zu, dass Amazon und TikTok wichtige Verkaufs- und Marketingkanäle sind, die man heute als Verleger in strategische Überlegungen einbeziehen sollte. Aber es gibt erstens immer noch Zielgruppen, die nicht über diese Plattformen erreicht werden (wollen), sogar ganz explizit darauf verzichten und zweitens bleibt ganz einfach auch noch abzuwarten, ob und wie lange sich die jungen Leute auf den immensen Leistungsdruck einlassen, der gerade durch das Binge-Reading entsteht. Ich kenne auch niemanden, der 24/7 Netflix-Serien schaut. Erfahrungsgemäß nutzt sich die Begeisterung umso schneller ab, je mehr man sich auf einen Kanal, eine Beschäftigung konzentriert.
Dazu fällt mir noch ein: früher, in einer Zeit ohne Familie und Kinder, konnte es mir passieren, dass ich mich abends mit einem neuen Leseexemplar von Kathy Reichs ins Bett verzogen habe und dann ging auf einmal der Wecker, ich klappte das Buch zu: Uff! Fertig! und hatte nicht geschlafen. Das funktionierte nicht mehr, sobald ein kleines Menschlein da war, das mich jede überhaupt noch mögliche Sekunde Schlaf auskosten ließ. Es relativiert sich irgendwann ziemlich vieles.
Nicht zuletzt möchte ich darauf hinweisen, dass Leute, die lesen, im Allgemeinen nicht vor viereckigen Augen oder drohenden Amokläufen als Folge ihres Bücherkonsums gewarnt werden (nicht mal dann, wenn sie nur blutrünstige Thriller lesen)😅.

Wie gesagt, das sind meine eigenen Erfahrungen, die ich im Lauf der Jahre gesammelt habe. Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Vollständigkeit. Es ist wie bei den meisten aktuellen Themen: in einem breit gefächerten Spektrum gibt es unendlich viele Facetten.
Deswegen freue ich mich auch, wenn hier eine Art Erfahrungsaustausch entsteht. Welche Gedanken, Erinnerungen, Ideen kommen euch, wenn ihr den Artikel von Herrn Sahner lest?

Match on Ice

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In der Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Januar, als ich mit meiner Lungenentzündung im Bett lag, habe ich nicht nur Filme geschaut, ich habe auch gelesen. Es wird Zeit, die Lektüren einzuordnen. Den Anfang mache ich mit
Match on Ice, für mich bereits die zweite Sports Romance, die auf dem Eis spielt.

Ob es daran liegt, dass ich mich in das Thema nun ein wenig hineingedacht hatte, oder daran, dass in Match on Ice für Dummies wie mich einfach auf elegante Weise mehr Hintergrundinfo (Spielregeln, Trainingsaufbau usw.) eingebaut war, ich kann es nicht so recht benennen, aber Fakt ist, dass mir das Buch richtig viel Spaß machte:
Romy ist Studentin mit Sportstipendium, ihre Karriere als Eiskunstläuferin im Paarlauf nimmt mit ihrem recht dominanten Partner gerade so richtig an Fahrt auf. Jack (Nachname Frost, witziges Wortspiel am Rande) studiert ebenfalls und ist aufstrebender Sportler, aber beim Eishockey. An der Uni gibt es immer wieder aus Rivalität teils sehr kindische Streiche, die sich die verschiedenen Eissportmannschaften gegenseitig spielen. Das Dumme ist nur, dass ein solcher Streich ausufert, Romy verletzt wird und nach der Heilung keine Sprünge mehr hinbekommt.
Als erzieherische Maßnahme beschließen die Trainer, dass Romy und Jack gemeinsame Trainingseinheiten absolvieren müssen, um Verständnis für die jeweils andere Sportart zu entwickeln.
Wie das Leben so spielt, beginnen Romy und Jack, sich gegenseitig zu helfen, während sie sich von ihrem Eislaufpartner (der auch noch eine zwielichtige Rolle spielt) immer weiter distanziert. Und natürlich gibt es Missverständnisse, Intrigen und andere Hindernisse, die überwunden werden müssen, damit die Beziehung der beiden ungleichen Sportler gelingen kann.
Im Nachhinein denke ich mir, es liegt auch daran, dass eine schlüssige Rahmenhandlung und lebendig ausgearbeitete Haupt- und Nebendarsteller (vor allem ein ausgesprochener Unsympath heizte mitunter meine Rache-Phantasien an😅) die Geschichte schön „rund“ erscheinen lassen.

Bibliographische Angaben: Allie Well, Match on Ice, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50643-4, € 18,-

Bücher, die die Welt nicht braucht

Was haben Prinz Harry und Georg Gänswein gemeinsam? Der eine ist die Nummer sechs in der britischen Thronfolge, der andere war Privatsekretär des jüngst verstorbenen Papstes a. D. (oder korrekt Emeritus). So weit, so unterschiedlich.

Nun kommt’s jedoch: Beide haben mit ihrem Umfeld anscheinend ein Hühnchen zu rupfen, und beide haben beschlossen, es öffentlich zu tun und dabei die Sensationsgier und das Interesse an möglichst schmutzigen Details vieler Menschen zu befriedigen.

Nun sind sie ja beileibe nicht die ersten prominenten Menschen, die Bücher publizieren (inwieweit sie auch selbst schreiben, sei mal dahingestellt). Es gibt auch wirklich inspirierende Bücher, Titel von Leuten, die mit ihrem Handeln als Vorbilder und Mutmacher unterwegs sind, und es gibt die – ich sag mal – B-Klasse. B als Synonym von „nur das Zweitbeste“ oder B als Anfangsbuchstabe eines deutschen „Poptitanen“, das könnt ihr euch aussuchen. Wenn sie denn meinen, sollen sie ruhig zum Stift, zur Tastatur oder zum Ghostwriter greifen. Jenseits von Kulturanspruch und Kunstbegriff ist das Buch nun mal auch Konsumgut.
Nicht zu vergessen, dass es sich gerade bei Enthüllungsbüchern, ob im Bereich Politik, Wirtschaft oder Yellow Press, oft um „Brotartikel“ handelt, also Titel, die den Verlagen Geld in die Kassen spülen und damit die nächste literarische Neuentdeckung quersubventionieren.

Aber zurück zu den beiden Autoren, die ich oben genannt habe: Auch wenn man getrost davon ausgehen kann, dass sowohl im englischen Königshaus als auch im Vatikan irgendwelche Leichen im Keller liegen (metaphorisch gesehen natürlich, was sonst?😉), wie es einfach überall der Fall ist, wo Menschen und ihre Eitelkeiten, Gelüste und Fehler im Spiel sind. Muss die dreckige Wäsche immer unbedingt öffentlich nicht nur gewaschen, sondern vorher auch noch genüsslich ausgebreitet werden? Ist es dadurch nicht viel schwieriger, wieder in eine Spur hineinzufinden, wo man Dinge aufarbeiten, bewältigen und ins Reine bringen kann? Aber vermutlich ist auch hier nehmen seliger denn geben: Supervision, Mediation, Familienaufstellen… das kostet. Während man durch das ökonomische Ausschlachten seiner Baustellen Geld verdienen kann. Und sich zudem sicher sein kann, aus irgendwelchen Ecken Beifall zu bekommen.

Aber was weiß ich denn schon? Ich bin ja nur eine Durchschnittsbuchhändlerin, der es um das Papier leid tut. Und die Druckerschwärze. Die Zeit der Lektoren, den Klebstoff und die vergeudeten Ideen der Marketingfachleute. So viel Energie, die man in Projekte stecken könnte, die uns voranbringen statt Sensationsgier zu befriedigen.
Trotzdem kann jeder sicher sein: Wenn jemand in den Laden kommt und die Bücher haben möchte, werde ich vielleicht ungewohnt mundfaul sein, aber dennoch das Gewünschte bestellen. Denn ich bin ja nicht die Zensurbehörde, Geschmackskontrolle oder so.
Und Geld verdienen muss ich auch🤷‍♀️. Luft und Liebe klappt auch in unserer Familie nur so mittelmäßig zum Sattwerden.

16. Dezember – Hot Cuisine

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Mein gar nicht mehr so geheimer Geheimtipp: Das Ü-Ei unter den aktuellen Kochbüchern.
Du liebst Kochen? Und hast gern Spaß? Crossmedial ist deine Welt?
Dann gibt es nur eins, was in Frage kommt – und Meuth / Duttenhofer können endgültig einpacken.

Es ist das Gesamtpaket, das einfach toll rüberkommt. Die Rezepte sind alltagstauglich und auch erschwinglich, es geht nicht um Küche à la Bocuse, die irgendwo an der Decke klebt. Zwischendurch gibt es kleine Interviews, Anekdoten, lustige Zwischen“mahlzeiten“. Und alle paar Seiten findet man einen QR-Code. Scannt man den ein, öffnet sich auf dem Smartphone das Video zum Rezept. Kleine Warnung: geöffnete Ölflaschen oder volle Weingläser sollte man vorher abstellen. Akute Verschüttungsgefahr durch Lachflashs droht.

Wem das Kochbuch allein noch nicht „vollständig“ genug zum Verschenken erscheint: Ein hübscher traditioneller Einkaufskorb, gefüllt mit den passenden Zutaten und dem Buch, eine Flasche französischen Landwein und fertig ist ein rundum stimmiges und eher ungewöhnliches (Weihnachts-)geschenk.

Bibliographische Angaben: Elena Uhlig/Fritz Karl, Hot Cuisine, ZS-Verlag, ISBN 978-3-96584-251-9, € 22,99

Und hier noch ein Video für die Neugierde😅. Ich kann nicht anders, das Lachen von Frau Uhlig ist einfach so ansteckend.

(*Beitragsbild: ZS-Verlag)

11. Dezember – Terra

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Der Knesebeck Verlag macht immer wieder ziemlich geniale Bücher. Dieses hier gehört auf jeden Fall dazu. Die Majestät, Schönheit, Vielfalt und Verletzlichkeit unseres Planeten, seiner Landschaften und ihrer Lebensformen wird in eindrücklichen Fotos dargestellt. Durch Grafiken und Texte ergänzt bietet sich hier die Möglichkeit, unbekannte Gegenden kennenzulernen, ohne sie dabei zu verletzen.

Es ist ein trotz aller aktuellen Katastrophen optimistischer Blick, den der Fotograf hier rund um den Globus wirft. Denn er schildert auch die positiven Entwicklungen, die es immer wieder gab, wenn Lebensgrundlagen zusammengebrochen sind. Auch ein Ausblick, wie es in all den aktuellen Herausforderungen mit der Erde weitergehen könnte, findet sich in diesem wunderschönen und wertigen Bild- und Textband.

Auf jeden Fall bekomme ich abwechselnd Gänsehaut und Augenpipi, wenn ich die Bilder betrachte. Das hier ist definitiv ein superschönes Weihnachtsgeschenk, für liebe Menschen – oder auch um sich selbst zu beschenken.

Bibliographische Angaben: Michael Martin, Terra, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-337-5, € 75,-

Winterzauber in den Dünen

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Kleine Auszeit gefällig? Etwas Winterromantik? Aber bitte nicht die x-te Liebesgeschichte mit jungem, knackigen Personal?

Ja, das geht. Anja (witzig, den eigenen Namen ständig im Buch zu lesen) ist seit zwei Jahren Witwe, trauert noch immer und stößt deswegen auf Unverständnis. Als es nicht klappt, sich durch immer mehr Arbeit abzulenken, sondern sie im Gegenteil in eine tiefe Krise gerät, nimmt sie sich über Weihnachten eine Auszeit , und dann auch noch auf Juist, wo sie als Abiturientin ihre erste Liebe erlebte.
Im Gästebuch des Hotels findet sie einen Eintrag, der ihr verrät, dass Thomas, der Gegenstand dieser Liebe, vor kurzem ebenfalls dort im Urlaub war. Kurzerhand sucht und findet sie seine Kontaktdaten und schreibt ihm. Daraus entwickelt sich eine rege Korrespondenz, denn auch Thomas lebt allein, nachdem einige Jahre vorher seine Ehe gescheitert ist und die Söhne erwachsen wurden.

Keiner von beiden ist sich sicher, was sich hier entwickelt. Schmetterlinge im Bauch mit Ende 50? Kann und darf man sich in diesem Alter noch einmal verlieben? Und wie soll das funktionieren, mit Falten, Zipperlein und dem einen oder anderen Kilo zu viel auf den Rippen? Fragen über Fragen. Kein Wunder, dass es bei den Mails zu Missverständnissen kommt, zumal Anja durch ihr Engagement für ein kleines Mädchen und dessen Tante mit Beschlag belegt wird und Thomas‘ Exfrau plötzlich auf ein Liebescomeback hofft…

Mir hat das Buch gefallen, es bietet ostfriesisches Inselflair, vorweihnachtliches Wetter und eiert auch nicht um die Fragen herum, die man sich im etwas fortgeschrittenen Alter bezüglich seiner Attraktivität und Anziehungskraft durchaus mal stellt. Abwechselnd Selbstzweifel und Überschwang der Gefühle sind eben keine Privilegien der Jugend. Und irgendwann ist Frau einfach damit durch, sich Gedanken über Kinderwunsch, die Alternativen Liebe oder Karriere und andere Themen zu machen, die mit Mitte/Ende 20 tatsächlich noch wichtig sind. Aber es bietet eine willkommene Ablenkung von allem, was unser Leben augenblicklich so unübersichtlich macht, und das ist in diesen Tagen manchmal einfach notwendig.

Bibliographische Angaben: Felicitas Kind, Winterzauber in den Dünen, Piper Taschenbuch, ISBN 978-3-492-31750-4, € 12,-

Das Klimabuch

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Vorweg: Dieser Post braucht ein wenig mehr Zeit, um ihn komplett zu lesen und nachzuvollziehen. Bitte versucht es trotzdem, ich denke, es lohnt sich. Nicht meinetwegen, sondern für die Zukunft.

Nur zwei Wochen, nachdem zwei Millionen Klimastreikende auf der ganzen Welt zu Beginn der Klimakonferenz COP25 in Madrid gegen deren Weiter-so-Politik protestiert hatten, wurde Anfang Dezember 2019 in Wuhan der erste Fall von SARS-CoV-2 beim Menschen registriert. Im Januar, als das Weltwirtschaftsforum in Davos sich ein neues Image als »Klimakonferenz« zu geben versuchte, wurden die ersten Todesfälle gemeldet. Im Februar, als die Welt außerhalb Chinas über das »neuartige Coronavirus« und seine Möglichkeiten, das Leben vieler Millionen zu bedrohen und aus den Angeln zu heben, in Panik geriet, starben weltweit 2718 Menschen an dieser Krankheit. Im selben Monat starben weltweit etwa 800 000 Menschen an den Auswirkungen der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Im Verlauf des Jahres wuchs der Preis an Menschenleben, den die Pandemie forderte, grausig an, obwohl jeder neue Sterblichkeits-Meilenstein oftmals weniger Schrecken und Entsetzen auslöste als der vorige, nach dem entmutigenden, aber durchaus bekannten Rhythmus, mit dem Katastrophen schnell zu etwas Normalem werden. Bis Ende 2021 waren innerhalb von zwei Pandemiejahren weltweit schätzungsweise mehr als 15 Millionen Menschen daran gestorben, was Covid-19 zu einer der sieben tödlichsten Pandemien der Menschheitsgeschichte machte. In keinem der beiden Jahre überstieg die Zahl dieser Todesopfer jedoch die jährlichen Sterbefälle, die durch Luftverschmutzung verursacht wurden.
Während der Pandemie setzte sich die Klimakrise unerbittlich fort und führte alle paar Wochen – manchmal auch alle paar Tage – zu Ereignissen, die man einst unmissverständlich als Vorzeichen kommender harter Prüfungen erkannt hätte. Zweihundert Milliarden Heuschrecken schwärmten über das Horn von Afrika, verdunkelten den Himmel in brummenden Wolken, groß wie Städte, fraßen so viel, wie zehn Millionen Menschen an einem Tag essen, und starben schließlich in so großen Mengen, dass die Haufen der Insektenkadaver, wenn sie herunterfielen, Züge zum Stillstand brachten – alles in allem waren es achttausend Mal mehr Heuschrecken, als ohne den Klimawandel zu erwarten gewesen wären.
In Kalifornien wüteten 2020 Brände auf einer doppelt so großen Fläche als je zuvor in der modernen Geschichte des Bundesstaates, der in einem einzigen Jahr fünf der sechs größten jemals verzeichneten Waldbrände erlebte. Etwa ein Viertel des weltweiten Sequoia-Bestandes verbrannte. Über die Hälfte der gesamten Luftverschmutzung im Westen der Vereinigten Staaten war auf Wald- und Buschbrände zurückzuführen, die mehr Feinstaub produzierten als sämtliche industriellen und menschlichen Aktivitäten zusammen. In Sibirien gab es »Zombiefeuer«, so genannt, weil sie den ganzen arktischen Winter hindurch weiterbrennen, und tauender Permafrost ließ den Öltank eines abgelegenen Kraftwerks bersten, wodurch 17 000 Tonnen Öl in einen örtlichen Fluss gerieten; 2021 wurde durch weltweite Flächenbrände annähernd so viel Kohlenstoff freigesetzt wie von den gesamten Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Emittenten der Welt. Ein Hurrikan der Kategorie 4 traf in Mittelamerika auf Land, nur wenige Kilometer von einem Gebiet entfernt, über das nur Wochen zuvor bereits ein Hurrikan der Kategorie 5 hinweggefegt war. Sechzig Millionen Chinesen wurden wegen harmlos klingender »Flussüberschwemmungen« evakuiert, verursacht durch Regenfälle, die den imposantesten Damm der Welt gefährdeten, die aber, gemessen an den Niederschlagsmengen und dem Ausmaß der Evakuierung, nur leicht über den jüngsten Durchschnittswerten lagen. Als das erste Pandemiejahr sich dem Ende näherte, wurden im Südsudan eine Million Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, durch Überschwemmungen vertrieben. Im zweiten Pandemiejahr starben in Westeuropa Hunderte durch Hochwasser, Dutzende wurden im Großraum New York getötet, als Regenfälle während des Hurrikans Ida Souterrainwohnungen volllaufen ließen, und über dem Pazifik überstieg die Hitzekuppel die früheren Rekorde so weit, dass Klimaforscher sich fragten, ob ihre Modelle und Projektionen falsch kalibriert seien – außerdem tötete diese Hitze mehrere hundert Menschen und einige Milliarden Meerestiere und schuf beste Bedingungen für Flächenbrände und Erdrutsche durch spätere so heftige Überschwemmungen, dass Vancouver praktisch von der Klimakatastrophe blockiert war, als der Herbst in den Winter überging. Kurz vor Silvester schürte ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über 140 Stundenkilometern einen urbanen Feuersturm in Vororten von Denver, wo der wärmste und zweittrockenste Herbst in 150 Jahren dem zerstörerischsten Brand in der Geschichte des Bundesstaates vorausgegangen war: Die Flammen tobten von Haus zu Haus durch Vororte und Sackgassen, die noch am Tag zuvor wie der Inbegriff einer brennbaren Moderne ausgesehen haben dürften.
Die ganze Welt schaute weg – abgelenkt von der hereinbrechenden Pandemie und durch die wachsenden Opferzahlen jüngster Katastrophen darauf trainiert, etwas, was sie früher vielleicht als brutalen Bruch der Lebenswirklichkeit wahrgenommen hätte, nun als logische Entwicklungen in einem bekannten Muster zu sehen. Aber was würden wir sehen, wenn wir die Lehren aus der Pandemie für die Zukunft der Klimamaßnahmen ziehen könnten? Vor allem, dass die Pandemie eine unerwartete Aufforderung zu ehemals unvorstellbar ehrgeizigen Maßnahmen darstellte, die die Welt als Ganze dann aber fatalerweise nicht ergriff. Man hätte die beispiellose Reaktion auf die Pandemie auch auf die beispiellose Herausforderung der Erderwärmung richten können, beseelt von einem wahrhaft globalen Geist und mit der Motivation, die ungleich verteilten Belastungen der schon jetzt am stärksten betroffenen Menschen zu mildern. Stattdessen wurde diese beispiellose Reaktion zur Verteidigung des Status quo genutzt, und die Führungsspitzen des globalen Nordens horteten neben ihren Emissionen nun auch Impfstoffe.
Covid-19 ist nicht so offenkundig als eine Episode des Klimawandels zu erkennen wie viele der Katastrophen, die wir in unserer Fokussierung auf die unmittelbarer erscheinende Bedrohung durch die Pandemie übersehen haben. Aber zu den zahlreichen beunruhigenden Lehren, die beide Krisen gemeinsam haben, gehört diese: Die Natur ist mächtig und kann beängstigend sein, und obwohl wir unser Zeitalter als das Anthropozän bezeichnen, haben wir die Natur weder besiegt, noch sind wir aus ihr ausgebrochen, sondern leben nach wie vor in ihr, sind immer noch ihren launischen Kräften unterworfen, ganz gleich, wo wir wohnen oder wie geschützt wir uns normalerweise auch fühlen mögen. Wir können uns nicht länger vormachen, wir würden die Regeln der Wirklichkeit in Konferenzen oder Seminarräumen selbst aufstellen, ohne zunächst die Umwelt zu berücksichtigen.

David Wallace-Wells „Lehren aus der Pandemie“ in: Thunberg, Das Klimabuch, Kap. 5.14

Hm. Ein bisschen lang, ja, gebe ich zu. Aber obwohl ich wirklich willens war, hier […] zu nutzen, weiß ich auch nach dreimal Lesen immer noch nicht, welche dieser überwältigenden Infos ich kürzen sollte.
Beim Lesen ist mir einmal wieder klar geworden, wie zweischneidig wir Menschen denken. Wir haben überhaupt kein Problem damit, mit Freunden und Verwandten auf anderen Kontinenten mittels Social Media zu chatten, uns virtuell zu verbünden, zu streiten, uns Komplimente zu machen oder Beschimpfungen an den Kopf zu knallen. Und sind dabei von diesen digitalen „Freundschaften“ so überzeugt, als hätte wir jahrelang miteinander die Schulbank gedrückt. Gleichzeitig übersteigt die bloße Information über Waldbrände auf anderen Kontinenten unser Vorstellungsvermögen, lassen uns Reportagen aus dem überschwemmten Pakistan kälter als solche aus Australien (obwohl das noch weiter entfernt ist als Pakistan, aber die armen Koalas…) Machen wir uns die Welt nicht alle ein bisschen nach der Prämisse Pippi Langstrumpfs?

Und das ist ja nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus all den vielen Aufsätzen in dem Buch. Ja, das Buch besteht aus Essays, aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Forschungsfeldern, von Fachleuten der jeweiligen Themen möglichst kurz und prägnant geschrieben. Und in allen ihren Facetten von Greta Thunberg editiert, mit eigenen Texten kommentiert und gewertet. Denn das, was unserem Klima nicht einfach so passiert, sondern von (einer global gesehenen Minderheit) Menschen mit unserem Planeten gemacht wird, beschränkt sich nicht auf CO2-Ausstoß. Wir beuten unser Lebenserhaltungssystem aus, systematisch und in einem enormen Ausmaß. Wenn man bedenkt, dass der größte Anteil der gesamten Menschheit durchaus nicht nur innerhalb, sondern weit unterhalb der Ressourcengrenzen lebt, sollten wir, die in reichen Ländern leben, sowieso sehr demütig werden. Demütig nicht im Sinn von „Ab in die Ecke und kräftig schämen“, sondern eher von „Anpacken und endlich gegensteuern“. Und uns auch hinterfragen, aber dabei nicht stehenbleiben.

Nun kann man möglicherweise darüber streiten, ob dieses Buch unter dem Label der Autorenschaft Thunbergs nicht eventuell eine Mogelpackung ist. Ob sie nicht vielleicht eher als Herausgeberin fungieren sollte. Aber ehrlich gesagt, angesichts der Dringlichkeit des Themas ist das zweitrangige Erbsenzählerei. Bei Zahnpasta und Antifaltencremes haben wir ja auch keine Probleme mit Werbemaßnahmen. Die einzelnen Autoren der Essays werden benannt, ebenso ihre Funktion und ihr Arbeitsschwerpunkt in Forschung, Lehre, Organisationen oder Publizistik. Und sie alle haben ihr Okay dafür gegeben, dass das Buch so heißt, wie es heißt.

Man kann sich auch darüber mokieren, dass Greta Thunberg „erst“ 19 Jahre jung ist und einen erheblichen Teil der letzten Jahre Schulschwänzerin war.
Zu den Eigenarten vieler Menschen im Autismus-Spektrum gehört es aber nun einmal, sich umfangreiches Wissen bis hin zur ausgewiesenen Expertise im Eigenstudium anzueignen, die Welt- und auch die neuere Geschichte weiß von vielen derartig begnadeten Autodidakten. Und man denke nicht, diese Fähigkeit sei nur beneidenswert. Sie kann auch einen enormen Leidensdruck verursachen, unter anderem weil das Gehirn nie innehält, ständig arbeitet, analysiert oder einordnet und außerdem mit den „Unzulänglichkeiten“ der Umwelt klarkommen muss. Und sich mitunter alles, einfach alles merkt. Extended Memory.

Aber nun zum Buch. Alles hängt mit allem zusammen. Diese Erkenntnis haben nicht nur diejenigen, die zum Verschwörungsglauben neigen. Und es ist eines der wenigen Dinge, mit denen sie recht haben. Wir können nicht ohne die Verknüpfung von Lieferketten, Transport, Reisen, Konsum, Artensterben, Eisschmelze, Waldbränden, Migration, Gesundheit, Ressourcenverbrauch und so weiter nur an Einzelteilen herumdoktern. Ohne auskömmliche Löhne in fernen Ländern haben die Menschen dort keine Perspektive und suchen ihr Heil in der Migration. Ohne Gesundheit brechen Lieferketten zusammen und damit der Konsum. Ohne das richtige Mikroklima in einem Anbaugebiet keine Nahrungsmittel in ausreichender Menge und Güte. Das sorgt für gesellschaftliche Destabilisierung, Putsche, Generalstreiks und damit wieder für Migrationsbewegungen.
Im Übrigen ein Zusammenhang, den all die „[hier eine beliebige Nation einsetzen] first“- Anhänger nicht begreifen (wollen): in dem Maße, wie man sich seine angeblichen Freiheiten nicht nehmen lassen will, sorgt man auf die Dauer dafür, dass genau das passiert, was man um jeden Preis vermeiden will. Diejenigen, die man als Billigdullis ansieht, die am anderen Ende der Welt für einen Appel und ein Ei unseren Wohlstand zusammenzimmern sollen, stehen auf einmal vor unserer Haustür und wollen auch etwas vom Kuchen haben. Vielleicht auch nur deswegen, weil ihr Billiglohnland schlicht und ergreifend absäuft.

Ehe ich mich jetzt hier in Rage schreibe: das sind einige Beispiele von vielen, die man auch mit der Schmetterlingstheorie veranschaulichen könnte. Ich habe das Buch bisher nur quergelesen, mir zunächst die Aufsätze herausgepickt, die mein Covid-geplagter Kopf verarbeiten konnte. Aber es hat ausgereicht, um mich zu ärgern. Ärgern darüber, dass nicht nur skrupellose Großkapitalisten, sondern auch Millionen Menschen, die sich selbst für recht plietsch halten, die meinen, sie hätten den Durchblick und sie wüssten, wo und wie der Hase läuft (also auch du und ich und andere intelligenzbegabte Individuen) sich so unglaublich selbst überschätzt haben. Dass wir uns von Marketingkampagnen an der Nase herumführen lassen, oft genug dadurch, dass wir uns einfach einlullen lassen wollen. Weil es bequem war und für viele auch noch ist. Weil es schier unmöglich ist, den Überblick zu behalten in dieser Welt. Und wer verspricht, eine ganz einfache Lösung für die vielfältigen Probleme bieten zu können, der ist schlichtweg unredlich oder hat unlautere Absichten.

Aber ich habe auch Hoffnung geschöpft. Weil ich ein großes Potential darin sehe, sich einen Überblick zumindest teilweise zu verschaffen und daraus kleine, lokale oder persönliche Ansätze zu beginnen. Nicht jeder von uns muss denselben Schwerpunkt setzen. Aber wenn viele unterschiedliche Ansätze entstehen und kommuniziert werden, wenn also eine Art Graswurzelbewegung entsteht, dann kann daraus etwas großes werden. Es ist halt nur wichtig, dass endlich konsequent angefangen wird, dass nicht immer wieder hinausgeschoben wird und jede Regierung, Organisation oder jedes Individuum darauf wartet, dass jemand anderes den ersten Schritt tut.

Darin sehe ich übrigens eine Stärke des Buches: Es muss nicht von vorne bis hinten in einem Rutsch durchgelesen werden. Man darf durchaus vorne ins Inhaltsverzeichnis schauen und mit dem anfangen, was man nachvollziehen kann, was einem logisch erscheint, wo man sich selbst fähig fühlt, zu beginnen.

Bibliographische Angaben: Greta Thunberg, Das Klima-Buch, S. Fischer Verlage, ISBN 978-3-10-397189-7, € 36,-
(Eventuell in der Bibliothek reservieren lassen, wenn die Anschaffung zu teuer ist. Oder als Gebrauchtbuch erwerben.)

Segelsommer

Oder: Die beste Katastrophe meines Lebens.

|Werbung, unbezahlt|

Fromme Wünsche sind anscheinend auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Oder waren sie das überhaupt jemals? Eine philosophische Betrachtung, die gerade sowieso nichts ändert. Fakt ist: auch in unserem Haus hat Corona sich eingenistet, allen Bemühungen zum Trotz. Zwei Wochen vor dem nächsten Impftermin und glücklicherweise auch bevor unser Enkelkind das Krankenhaus verlässt, so dass wir uns zumindest ansteckungstechnisch in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen.

Die Tochter empfindet vor allem Ärger, weil sie nicht zur Schule gehen und Klausuren schreiben kann, sie ist eine richtige kleine „Motzkuh“ (das ist ein Bilderbuchtitel und überhaupt nicht despektierlich gemeint). Ich kann ihren Ärger ja sogar nachfühlen. Ich fahre in einer Tour Achterbahn, weniger wegen der Gefühle, eher wegen eines ziemlich falsch verdrahteten Gleichgewichtssinnes. Husten, Halsweh und etwas Luftnot nerven und ich fühle mich tatsächlich krank. Unverschämtheit! Während der Mann es bisher noch schafft, dagegenzuhalten. Zum Glück ist unser Haus groß, wir gehen uns aus dem Weg und essen in Schichtbetrieb mit großzügigen Lüftungsintervallen.

Aber ich bemühe mich, die positive Seite des Zustandes zu finden (sie liegt im Bett) und lese mich durch meine diversen virtuellen und physischen Bücherstapel wie die Raupe Nimmersatt sich durch Essbares frisst.
Gestern habe ich einen Segeltörn von Schweden nach Flensburg gemacht, durch die dänische Südsee, mit einer Crew, die ich mir im Leben nicht wünschen würde. Witzig zunächst, dass die beschriebene Segelyacht sehr viel Ähnlichkeit mit unserer Sterntaler hat, eventuell ist sie drei Fuß länger, ich meine, zu Beginn etwas in Richtung „34“ gelesen zu haben. Das ist ein knapper Meter, bei sechs Leuten Besatzung macht das nicht wirklich viel aus.

Zum Inhalt: Die erfolgreiche Autorin einer Regionalkrimireihe hat offensichtlich ein Problem mit ihrer Impulskontrolle, und zwar so sehr, dass sie ihre Wut nicht nur durch ihre Hauptperson im Buch ausleben lässt. Nach einem Vierteljahrhundert Ehe trennt sie sich von ihrem Mann und lässt sich deswegen von Freunden zu einem Törn über die Ostsee überreden. Ein Überführungstörn, auf dem sie keine Menschenseele kennt.
Die Segelcrew aus jeweils drei Männern und Frauen ist bunter gemischt als eine Selbsthilfegruppe sämtlicher zwischenmenschlicher Störungen, Konflikte sind vorprogrammiert. Inklusive vieler Missverständnisse. Aber es menschelt zwischendurch in wechselnder Besetzung auch sehr nett. Wenn ich es mir recht überlege, sind die Personen in ihren wechselseitigen Ablehnungen, spontanen Übereinstimmungen, aufpoppenden Krisen und ernsthaften Gesprächen oft näher an der Wirklichkeit als stereotype Gestalten, die sich von Anfang bis Ende nur sympathisch oder nur spinnefeind sind.

Flaute, schnell aufziehender Sturm, eine heikle Situation beim Segeln, Streitigkeiten darüber, wer das Sagen an Bord hat, Schweinswale und Seekrankheit (bzw. deren Pendant Landkrankheit, von der ich persönlich auch jedes Mal betroffen bin). Bissige und manchmal auch kindische Dialoge, Situationskomik und immer wieder aufwallende Spannungen halten mich beim Lesen auf Trab. Zwischendurch bin ich so wütend auf die ganzen kaputten Typen, dass ich fast das Tablet vom Bett schmeiße. Aber dann lese ich doch weiter, weil ich wissen will, ob zwischendurch noch jemand zum Mörder wird. Auch weil die grantige Kommissarin aus den Regionalkrimis quasi als blinder Passagier ihrer Schöpferin so manches Mal Einflüsterungen gibt.

Das Buch hat mir Spaß gemacht, wenn es auch hier und da eine Länge (Flaute?) hatte. Es hat mir im Schnelldurchgang einen Segeltörn beschert, den ich im wahren Leben noch nicht hinbekommen habe (den ich so aber auch niemals erleben möchte😉), es hat mir sogar ein kleines Überlegenheitsgefühl vermittelt, weil ich im Gegensatz zu einigen handelnden Personen im Buch ein ganz klein wenig mehr über die Fachbegriffe aus der Seglerwelt weiß😅. Ich habe das Gefühl, ein paar Häfen in der dänischen Südsee zu kennen und der nutzlose Krankentag hatte eine sinnvolle Beschäftigung.

Dank Wikipedia weiß ich jetzt auch, dass die Autorin, die unter anderem sehr erfolgreich Kinderbücher schreibt (Mein Lotta-Leben bei Arena) genauso alt ist wie ich und ebenfalls Buchhändlerin. Hm, da steckt doch Perspektive drin😎.

Bibliographische Angaben: Alice Pantermüller, Segelsommer oder Die beste Katastrophe meines Lebens, Droemer Knaur TB, ISBN 978-3-426-52299-8, € 10,99

In ewiger Freundschaft

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Heute endet die Buchmesse 2022, aber mein heutiger Buchtipp ist bereits seit über einem Jahr erhältlich und inzwischen als Taschenbuch erschienen. Auch das digitale Leseexemplar hatte ich schon eine ganze Weile auf der Festplatte. Manchmal rächt sich die schiere Fülle der interessanten Bücher dadurch, dass ich meist neue Themen oder Autoren oben auf die Liste setze, wobei das rein vom beruflichen Standpunkt durchaus sinnvoll ist. Leider verpasse ich Lieblingsautoren dadurch gelegentlich zunächst.

Zuletzt ging es mir mit Rebecca Gablé ähnlich, jetzt hat es Nele Neuhaus getroffen. Dabei ist es oft so entspannend, wenn man eine hochgeschätzte Autorin oder einen bevorzugten Autor mit einem neuen Titel unter die Lesebrille nimmt. Manchmal fühlt es sich an wie das sanfte Hineingleiten in ein duftendes Schaumbad, manchmal eher wie ein Spaziergang in den gut ausgetretenen Wanderschuhen auf einer neuen Route: Irgendwie bekannt und heimelig, aber dann doch wieder ganz überraschend anders.

Oliver von Bodenstein und Pia Sander begleiten mich jetzt schon über viele Jahre. Ich habe das Gefühl, alte Bekannte wiederzutreffen (und außerdem immer die Gesichter aus den Fernsehkrimis vor Augen😉), aber spannend wird es schon dadurch, dass die Personen zwar einerseits verlässliche Charakterzüge haben, aber trotzdem von Roman zu Roman eine Entwicklung durchmachen.

In ewiger Freundschaft hat eine Handlung, die in der Buchbranche spielt: Verlage, Agenturen, Lektorate, Autoren, Lesungen, Buchmesse … Kleine Spitzfindigkeiten inklusive. Außerdem geht auch noch der Gerichtsmediziner Dr. Henning Kirchhoff unter die Krimiautoren und rollt mit seinen Plots die ersten Fälle der Taunus-Ermittler wieder auf.
Etwas kokett wirkt eine Szene, in der jemand sagt, Oliver von Bodenstein habe Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Tim Bergmann😅. So fühle ich mich ein bisschen an Hitchcock-Filme erinnert, wo der Großmeister persönlich in kleinen Cameo-Auftritten heimliche Schlüsselszenen spielte. Diese Spielerei mit den bisherigen Krimis und Filmen ist aber meiner Meinung nach die Würze an dem Buch.

Immer wieder finde ich es bemerkenswert, wie ausgeklügelt die Handlungsstränge sind, wie gut sie ineinander greifen und wie plastisch sich die ganze perfide Story entwickelt. Ein tolles Buch, wenn die Realität mal wieder zu heftig überschwappt und man ganz dringend eine (ent-)spannende, intelligent konstruierte Ablenkung vom Alltag braucht.

Also, einerseits natürlich schade, dass ich das Buch so lange liegengelassen habe, aber im Endeffekt habe ich es genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, denn so etwas brauchte ich jetzt dringend!

Bibliographische Angaben: Nele Neuhaus, In ewiger Freundschaft, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06710-0, € 16,99
(auch als Hörbuch erhältlich)

Wir können auch anders – Maja Göpel

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Unser Fenster zur Zukunft steht weit offen. Die Menschheit befindet sich in einem gewaltigen Transformationsprozess. Unser Umgang mit Umwelt, Wirtschaft, Politik und Technologie muss von Grund auf neu gestaltet werden. Die Menge dessen, was anzupacken, zu reparieren und neu auszurichten ist, scheint übergroß. Wie finden wir Kompass, Kreativität und Courage, um diese Herausforderungen konstruktiv zu bewältigen? Und: Wer ist eigentlich wir? In der Geschichte hat es mehrere große Transformationen gegeben. Dieses Buch zeigt, wie wir daraus lernen können. Es ist Zeit, dass jeder Einzelne, aber auch die Gesellschaft als Ganzes groß denkt – und dass wir eine radikale Frage stellen: Wer wollen wir sein?

Maja Göpel, Wir können auch anders

Heute lüfte ich das „Geheimnis“ um meine aktuelle Lektüre, obwohl ich das Buch erst ungefähr zur Hälfte durchgelesen habe. Ein ganzes Bündel von Gründen ist ausschlaggebend dafür:
– Ich bin überzeugt, dass dieses Thema wichtig ist, so wichtig, dass möglichst viele sich damit beschäftigen sollten. Seit am Montag in der Ostsee munter das Gas vor sich hinsprudelt und damit massenhaft Ressourcen als ein äußerst perfides Mittel der Kriegsführung (von wem auch immer) verschwendet sowie der Umwelt immenser Schaden zugefügt werden, umso dringlicher.
– Gespräche über das Buch am Frühstückstisch
– Keiner sollte sich herausreden können mit einem „was kann ich allein denn tun?“
– ich kenne zurzeit niemanden sonst, der solche Themen so allgemeinverständlich erklären kann wie Frau Prof. Dr. Göpel
– ich möchte, dass sehr viele Leute dieses Buch lesen!
– und andere
– ein ganz anderes Thema, aber inhaltlich sehr gut dazu passend, was ich heute früh gelesen habe, liefert heute der Podcast von Markus Lanz und Richard David Precht, die sich mit Reinhold Messner unterhalten. Der erzählt unter anderem, wie heutzutage Besteigungen des Mount Everest von einer regelrechten „Bergsteigerindustrie“ angeboten werden, die mit Abenteurertum so überhaupt nichts mehr gemein haben, sondern eher Massentourismus darstellen.

Was haben Monopoly mit Goldman Sachs, Amazon mit einer Zentralheizung oder Facebook mit politischer und gesellschaftlicher Meinungsbildung zu tun? Eine ganze Menge – und das meiste davon nehmen wir in unserem Leben ganz selbstverständlich hin, ohne es zu hinterfragen.
Maja Göpel zeigt auf, wie allumfassend wir von den angeblich so altruistischen, in Wahrheit aber zutiefst monetären Zielen der großen Tech-Anbieter am Nasenring herumgeführt werden. Und zwar alle, durch die Bank. Außer vielleicht denjenigen, die sich den unendlich vielfältigen Möglichkeiten des www komplett verweigern.
Fast schon ein Treppenwitz ist es, was daraus folgt: dass häufig gerade die Menschen, die sehr viel Wert darauf legen, sich von angeblichen „Staatsmedien“, „linker Meinungshoheit“ oder ähnlich verwerflichen Strukturen nicht beeinflussen zu lassen, stattdessen aber auf „alternative“ Informationskanäle wie das Gesichtsbuch, den Messenger mit dem stilisierten Papierflieger oder den sehr beliebten Videokanal eines großen, allumspannenden Datenkraken zählen, um sich angeblich „unabhängig“ zu informieren, am allermeisten von den Algorithmen eben dieser Anbieter manipuliert werden.
(Mir kommt gerade der Gedanke, was mir wohl in die Timeline gespült wird, wenn ich sowohl links- wie auch rechtsextreme Beiträge like, Beiträge von veganen Angeboten ebenso wie die von Massentierhaltern, Industrieunternehmen mit fossiler ebenso wie regenerativer Ausrichtung etc pp. Ob ich dann wohl Verwirrung hervorrufe?)

Was ist eigentlich notwendig, damit wir wieder Freude daran haben, positive Emotionen miteinander zu teilen statt Shitstorms oder Fake News zu verbreiten? Ist es absolut alternativlos, mit guten Absichten immer wieder falsche Ergebnisse zu erzielen? Können wir es schaffen, mit optimistischen Geschichten die Welt zum Positiven zu verändern?

Diese Art Fragen an unser Denken und Handeln sind es, die Frau Göpel vorantreibt. Positiv, aber nicht toxisch positiv. Anschaulich und beispielhaft, aber nicht belehrend. Grenzen erkennen, aber nicht überschreiten. Utopie statt Dystopie. Eigentlich ist es einfach. Aber immer wieder kommt uns eine Eigenart in den Weg, die eher sieht, was nicht möglich zu sein scheint als auszuprobieren, was wir alles auf die Beine stellen können.

Die anschauliche und selbstverständliche Art, auf die Maja Göpel uns einzelnen Menschen, aber auch ganzen Gesellschaften etwas zutraut, die mag ich sehr gern. Sie ist ein Mut machender Gegenentwurf zu so manchem, der oberlehrerhaft in der Politik etwas zu sagen hat.

Absoluter Augenöffner: Die Geschichte von Tanaland

Bibliographische Angaben: Maja Göpel, Wir können auch anders, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20161-5, € 19,99

Bisherige Beiträge, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen:

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/09/19/renaissance/

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/09/20/was-ware-wenn-2/

Und hier noch der Link zur Besprechung ihres ersten Buches: https://annuschkasnorthernstar.blog/2020/05/01/passt-wie-ar-auf-eimer/

Was wäre, wenn…

… die feuchten Träume von Hardcore-Nationalisten in Erfüllung gingen? Wenn die Grenzen geschlossen würden, jeder Staat sich selbst der Nächste wäre, jedes Land nur mit den eigenen Ressourcen arbeiten könnte?

Überspitzt ausgedrückt würden wir uns in absehbarer Zeit wieder von Kohlgerichten, Äpfeln, Schweinefleisch und Eiern ernähren, müssten aber dann konsequenterweise die Hähnchenhälse und Schweinepfoten wieder selbst verarbeiten, statt sie nach Westafrika zu exportieren. Apfelmus im Winter statt Erdbeeren aus Spanien und Spargel aus Chilé. Frankenwein statt kalifornischer Roter. Karpfen blau statt vietnamesicher Pangasius, Muckefuck statt Arabicabohnen. Glücklicherweise sind Kartoffeln, Tomaten und Mais ja schon seit ein paar Jahrhunderten eingebürgert, immerhin. Und heizen könnten wir mit den ungezählten Pupsen von Sauerkraut und Speckbohnen (sorry, der musste sein🙈).

Auf Billigklamotten aus Bangladesh müssten wir ebenso verzichten wie auf südamerikanisches Alpakagarn, dafür gäbe es möglicherweise wieder leinenartiges Gespinst aus Brennnesseln. Da wir aber ein rohstoffarmes Land sind, hieße das auch: kein Kobalt, kein Lithium, keine Smartphones aus Südkorea. Unseren Plastikmüll (auch endlich, da wir kaum eigenes Erdöl haben) könnten wir nicht mehr ins Ausland verschachern und auch nicht die vielen Autos, die nicht mehr durch den TÜV kommen.

Solche Gedanken kommen mir beim Weiterlesen meines aktuellen Sachbuches. Und schon zum zweiten Mal bin ich ganz geflasht davon, wie mich die Autorin zum Reflektieren bringt: Schrieb ich gestern früh über die Renaissance, las ich nachmittags darüber, wie sie die Renaissance selbst als Beispiel bringt. Notierte ich mir heute in aller Frühe so ungefähr das, was ich oben schrieb, staunte ich einen Absatz später darüber, dass sie eine Studie aufführt, in der unter anderem ein ähnliches Szenario durchgedacht wird.

Jedenfalls stelle ich fest, dass ich dieses Buch am Liebsten als Pflichtlektüre für Regierung und Opposition, für so manchen „alternativlosen“ Wirtschaftsboss und viele andere Entscheider vorsehen würde. Nach bestem Leistungskursverständnis: Das lesen wir jetzt alle und dann überlegen wir gemeinsam weiter. Inklusive Erörterung, Interpretation und Sachtextanalyse. Stelle ich mir fast schon spaßig vor😉. Ob ich das dem Verlag mal vorschlage?

Renaissance

Symbolbild Mona Lisa: Pixabay

Nachdem wir als Menschheit im Großen und Ganzen ein paar Jahrzehnte des „Aufwärts“ hinter uns haben und in den letzten Jahren immer öfter erfahren mussten, dass es so nicht immer weiter gehen kann, erleben wir derzeit nicht nur Aufbruchsstimmung, das Gefühl, etwas ganz Neues („Unerhörtes“ im reinen Wortsinn) müsse jetzt kommen.

Bedauerlicherweise passiert in dieser Hinsicht tatsächlich eine Spaltung, und zwar global gesehen. Während viele junge und einige ältere Menschen darauf drängen, die Transformation der Gesellschaften hin zu nachhaltigerem Leben voranzutreiben, machen andere genau das Gegenteil: Sie wünschen sich autoritäre Obrigkeiten zurück, die den von ihnen regierten Bevölkerungen klare Kante geben. Und zwar in einer rückwärtsgewandten Art und Weise, in der sie an der Überzeugung festhalten, was vor über einem halben Jahrhundert gut war, muss auch heute gut sein. Rückbesinnung auf nationale Werte, auf anscheinend festgefügte und bestens erprobte Gesellschaftsmodelle.

Gerade in alternden Gesellschaften, wo ein überdimensional großes gemeinsames Erinnerungsnarrativ von den „guten alten Zeiten“ erzählt, ist dieses Problem vorhanden, in vielen mitteleuropäischen Ländern; aber auch da, wo überwiegend junge Gesellschaften nach mehr Wohlstand suchen für breite Gesellschaftsschichten, greifen diese Erzählungen – denn nach dem zweiten Weltkrieg hat es ja auch scheinbar funktioniert.

Das große Problem bei der Sache, der rosa Elefant im Raum, den niemand benennt: Die Welt ist nicht mehr in den 1950er Jahren. Vieles, was damals bahnbrechend, revolutionär und zukunftsträchtig erschien, hat inzwischen die hässliche Fratze seiner Nebenwirkungen gezeigt. Nebenwirkungen wie Insektensterben, Versiegelung von Lebensräumen, Ölpest, Mikroplastikansammlungen in Kontinentgröße. Die Game Changer von damals haben sich bewahrheitet, doch die Veränderungen gehen oft in die entgegengesetzte Richtung, für die sie einmal gedacht waren. Gut gedacht, aber schlecht gemacht. Das Perfekte ist der Feind des Guten. Und wir maßen uns zu häufig an, perfekt sein zu wollen. Weil Durchschnitt schon unterdurchschnittlich bewertet wird. Und weil wir in „-Ismen“ gefangen sind.

Eine echte Renaissance wäre es, sich auf Forschergeist und die radikale Lust am Neuen und Unbekannten zu besinnen. Denn zur Zeit der ersten Renaissance gab es zwar auch eine Rückbesinnung auf antike Werte, aber sie löste ein neues Denken aus. Man führte die Gedanken und Ideen der antiken Philosophen weiter, und dieses Weiterdenken und Neudenken führte zu revolutionären Neuerfindungen und -entwicklungen: Buchdruck, Reformation, humanistisches Denken…
Dinge, ohne die sich das 21. Jahrhundert kaum noch denken lässt.

Das sind Gedanken, die mir bei meiner aktuellen Lektüre durch den Kopf gehen. Gedanken, die mich schaudern lassen, die Fragen mit sich bringen:
– Haben wir keine neuen Erzählungen mehr, die uns freudig gespannt in die Zukunft blicken lassen?
– Sind wir so degeneriert oder ausgeleiert in unserem Denken, dass wir nur noch rückwärts schauen können?
– Warum ist uns die Innovations- und Gestaltungskraft abhanden gekommen, Dinge wirklich NEU zu denken und nicht nur in Abwandlungen und Dauerschleifen von „Das hatten wir schon mal, das können wir nochmal versuchen“? Und wo ist sie hin?

Aber ich habe auch Hoffnung. Hoffnung, dass sich die kleine und begrenzte Kraft von Vielen aufsummiert zu einer großen Kraft und Willensanstrengung. Zu einer Einsicht, dass Leben nur mit der ganzen Bandbreite von Natur, Schöpfung, Umwelt oder wie man es nennt funktioniert und gelingt, nicht dagegen.
Hoffnung, dass Jules Verne und andere „Phantasten“ mit ihren Visionen und Utopien nicht nur Weltliteratur, sondern auch Wirklichkeit geschaffen haben. Dass neue Erzählungen die alten ablösen werden. Erzählungen, die wirkmächtig genug sind, neue Realitäten zu schaffen.

Und mit diesem Teaser lasse ich euch in die neue Woche. Demnächst schreibe ich hier darüber, welches Buch so vielfältige und widerstrebende Gedanken in mir auslöst.

Wachgeküsste Erinnerungen

Bildausschnitt: Google Earth

Ich bin mit der Teufelskrone von Rebecca Gablé immer noch nicht durch. Teilweise liegt es am Umfang des Buches, aber teilweise auch an meiner Wissbegierde (Sachliteratur, Wikipedia und Google Earth sind meine ständigen Begleiter) – und an Urlaubserinnerungen. Im Buch geht es neben der Familie Waringham (die immer der jeweiligen Königsfamilie dient), um die Plantagenets und ihre Herrschaftszeit, nicht nur in England, sondern auch in weiten Teilen des heutigen Frankreichs, ihrer eigentlichen Heimat: Aquitanien, Anjou, Touraine und wie die schönen Landschaften heißen.

Vor fast 30 Jahren hatte mich die Faszination für diese machtbewusste und skandalträchtige Familiendynastie schon einmal erfasst, damals hatte ich Die Löwin von Aquitanien von Tanja Kinkel gelesen und ich liebte den Film Der Löwe im Winter mit Peter O’Toole und vor allem der großartigen Katherine Hepburn. Was lag also näher, als im Frankreichurlaub einige Orte zu besuchen, die sinnbildlich für diese Epoche stehen? Nach zwei Wochen Atlantikküste auf der Halbinsel Medoc fuhren wir gemächlich das Loiretal samt Nebenflüssen hinauf. Ich erinnere mich noch an einige nette Campingplätze, wie den Camping Municipal in Chinon, am Ufer der Vienne, der Burg gegenüberliegend. Den gibt es auch heute noch:

Chinon: unten Campingplatz, oben Stadt und Burgruine (Google Earth)

Außer der Burgruine von Chinon besuchten wir von dort aus auch die Abtei Fontevrault, in deren Kirche die Grabmäler von Henry II. und seiner Frau Eleonore von Aquitanien sowie deren Sohn Richard I., genannt Löwenherz ebenso liegen wie das von Isabelle von Angouleme, der zweiten Frau seines Bruders John (Johann Ohneland, Thronfolger von Richard)

Eine nicht so nette Erfahrung machten wir dagegen in Amboise: der Campingplatz liegt sehr malerisch auf einer Loire-Insel, aber da unser damaliger Wohnwagen eine Tandem-Achse hatte, durften wir nicht dort bleiben. Hätte man das mit dem leichten Sandboden und der Einsinkgefahr erklärt, wäre es uns auch noch eingeleuchtet, aber die Aussage lautete: Tandem-Achsen hätten nur die Wohnwagen von „ciganes“ (ja, wörtlich: Zigeuner!) und die wären nicht willkommen. Unsere deutschen Personalausweise galten nichts. Schon damals fand ich diese diskriminierende Haltung gegenüber den Menschen, die als billige Erntehelfer gern genommen wurden, aber ansonsten gesellschaftlich nicht anerkannt waren, mehr als grenzwertig. (Zumal wir in einem früheren Urlaub in den französischen Pyrenäen mit einer Gruppe wallfahrender Roma sehr nette Erfahrungen gemacht hatten, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.)

Als Ausgleich dafür fanden wir dann aber einen schnuckeligen kleinen Camping à la Ferme (auf dem Bauernhof), nur zwei Handvoll Stellplätze, durch Hecken abgetrennt, Sanitärgebäude war eine umgebaute Feldsteinscheune und frische Milch und Eier gab es auch. Das war in der Nähe von Chambord, welches wir natürlich auch besuchten. Ich habe nicht nachgezählt, ob es dort tatsächlich 365 Kamine gibt (für jeden Tag des Jahres einen), aber unsere beiden Töchter, die damals noch nicht in die Schule gingen, hatten einen großen Spaß an der berühmten Treppe, von Leonardo da Vinci entworfen. Diese Treppe besteht eigentlich aus zwei Treppen, die in einer Doppelhelix ineinander verschlungen sind wie ein DNA-Strang. Jede von beiden nutzte eine Treppe, sie konnten einander immer mal wieder durch Durchbrüche und Sichtfenster im zentralen Mauerwerk sehen, aber sie begegneten sich nie. Rauf und runter flitzten sie und wurden nicht müde.

Foto: Wikipedia

Wir besuchten auch noch Schloss Villandry, das französische Dornröschenschloss mit dem wundervollen Gemüsegarten, in dem Kohlköpfe, Lauch und andere Nutzpflanzen einträchtig neben üppigen Rosen wachsen. Sehr bekannt sind auch die Gärten der Liebe, die in einzelnen Bereichen die unterschiedlichen Liebesarten darstellen. Hier bei Wikipedia gibt es tolle Fotos von diesem Garten. Ich habe keine Fotos der Reisen (1996 und 1997 war das vermutlich), die ich hier präsentieren könnte, das war deutlich vor meiner Zeit der Digitalfotografie, die erst nach 2010 begann.

Ach herrje, während ich dieses schreibe, bekomme ich doch glatt ein wenig Sehnsucht, diese oder eine ähnliche Tour noch einmal zu fahren.

Parallelen

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Ich mag es kaum gestehen: Ich muss mich beeilen, diesen Wälzer von 928 Seiten noch gelesen (und teilweise gehört) zu bekommen, ehe am kommenden Dienstag das neue Waringham-Buch von Rebecca Gablé erscheint. „Teufelskrone“ ist bereits 2019 erschienen und ich hatte es mir auch direkt gekauft. Neben vielen anderen, dünneren Büchern. Und so rutschte es immer weiter nach unten auf dem SuB, weil ich Schwierigkeiten hatte, es zu halten (es wiegt ja auch dem Umfang entsprechend…), weil es aktuelle Themen gab, die es verdrängten, weil ich während meiner Erholungsphase der kaputten Beine die anderen fünf Waringham-Bücher noch mal nacheinander in der richtigen Reihenfolge las… Ich fing das Buch damals auch an, aber es war mir einfach zu schwer, um es beim Lesen zu halten. Und dann kam der Sehnenriss im Arm auch noch dazu. Kurz: Immer kam was dazwischen.

Aber nun wird Band 7 der Familiensaga erscheinen und ich beeile mich seit einigen Tagen, mein Versäumnis nachzuholen. Beim Putzen, Abwaschen oder Kochen höre ich mir das Hörbuch auf Spotify an (gelesen von Detlef Bierstedt und ich muss sagen: schon irgendwie genial, wenn „George Clooney“ die Geschichte erzählt) und abends im Bett habe ich mir ein dickes Kissen als Stütze zurechtgebastelt, das es schafft, dieses Buch so zu halten, wie ich es brauche. Ein bisschen merkwürdig war es aber schon, dass ich am Donnerstag Nachmittag gerade über den Tod von Richard Löwenherz gelesen hatte und kurz danach die Todesnachricht von Königin Elisabeth II kam. Noch merkwürdiger fühlte es sich an, am Freitag die Krönungsrede von König John zu hören und dann abends König Charles III im Fernsehen zu sehen, wie er die Gedenkrede an seine Mutter hält.

Obwohl, wenn ich an die Waringham-Bücher denke und daran, dass die Geschichte der englischen Königsdynastien dort sehr realistisch und detailgetreu erzählt werden, dann rückt sich einiges zurecht: So viel Kontinuität gab es nicht mal zu der Zeit von Elisabeth I, deren Regierungszeit in „Der Palast der Meere“ ausgebreitet wird. Und so viel Hauen und Stechen um die Nachfolge wird es dieses Mal auch nicht geben.

Die Königin ist tot, es lebe der König.

Und jetzt höre ich schnell weiter zu, wenn die Stimme von George Clooney mir über die Ränke einer lange vergangenen Zeit erzählt. Das toppt sogar den Brexit. Ein schönes Wochenende mit einem guten Buch wünsche ich euch allen.

Wieder was gelernt

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Ja, ich fahre ausgesprochen gern mit der Bahn. Immer noch, allen nicht ganz so schönen Erfahrungen zum Trotz. Klar, dass ich früher oder später auf dieses Buch stoßen würde. Über den Umweg eines Podcasts bekam ich den Impuls, mich bahntechnisch fortzubilden.

Die beiden Autoren sind schon ziemlich nah am Profibahnfahrer, und so liefern sie in diesem Buch ebenso amüsante wie kenntnisreiche Einblicke in all die verschiedenen Bereiche, aus denen vermutlich alle, die jemals in einem Zug saßen, ihre ganz persönlichen Anekdoten und Horrorerlebnisse erzählen können.
Um es gleich vorweg zu sagen: Der ganz normale Lokführer oder die ebenso normale Zugbegleiterin sind zwar oft diejenigen , die alles ausbaden müssen, was schiefläuft, aber sehr oft ist das so, als wenn in altgriechischen Mythen die Überbringer der schlechten Nachrichten geköpft wurden. Aber der bekannte Spruch „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ zeigt sich mal wieder als sehr zutreffend. Wobei der Kopf nicht immer nur der jeweilige Bahnchef ist (wobei es in den letzten Jahrzehnten so viele Luftfahrtvorbelastete gab, dass man sich fragt, ob es da Verträge gibt oder Ein- und Ausflugschneisen), sondern auch jemand anderes sein kann, der für einen bestimmten Bereich Verantwortung trägt, aber nur in der Theorie, weil er die dahinterstehende Praxis nie kennengelernt hat. Fehlplanungen, merkwürdige Investitionspolitik, großkopferte Projekte (vor 4000 Jahren hätten die Verantwortlichen vermutlich Pyramiden gebaut…)

Ein Schelm übrigens, wer dabei einen bestimmten Posten in der Bundespolitik im Hinterkopf hat, oder?

Auf jeden Fall weiß ich jetzt auch, was es bedeutet, wenn der Zug nicht starten kann, weil der Lokführer fehlt: der hat dann nicht etwa den Wecker verschlafen, sondern meistens den Zug zu seinem Einsatzort nicht bekommen. Oder musste bei der Anfahrt per Bahn auf offener Strecke warten, weil ein anderer verspäteter ICE durchgelassen werden musste.
Ich habe mich kopfschüttelnd durch das echt gruselige Kapitel über die Warenwirtschaft in Bordbistros gelesen und frage mich, warum es nicht wenigstens Tomatensaft in ausreichender Menge gibt, weil …, Luftfahrterfahrung, nicht wahr?

Und ich bin masochistisch genug, auch weiterhin auf die deutsche Bahn zu setzen, aber mich vielleicht ein bisschen mehr als bisher auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Weil ich alle diese schrägen Bahnfahrer, die im Buch genüsslich beschrieben werden, auch mal sehen möchte. Denn einige der Stereotypen kenne ich noch nicht aus eigener Anschauung. Ob ich weiß, was ich mir da zutraue -mute, werde ich dann irgendwann mal berichten.

Bibliographische Angaben: Mark Spörrle/Claas Tatje, Tschusing Deutsche Bahn today, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-431-05015-8, € 14,90

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