Zwischen Boule und Bettenmachen

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So ungefähr vor 15-20 Jahren ließ ich öfter mal den Spruch „Wenn es uns hier zu blöd wird, wandern wir ins Périgord aus und züchten Ziegen“. Tja, so schlimm ist es wohl doch nicht geworden, wir sind ja immer noch hier. Das heißt aber nicht, dass ich kein Interesse hätte an Aussteiger-Geschichten. Deswegen griff ich digital zu, als ich die Gelegenheit hatte.

Christine Cazon wollte eigentlich nur ein Jahr Auszeit nehmen, und es verschlug sie ausgerechnet auf einen Biobauernhof in den französischen Seealpen. Mit viel Humor, noch mehr Fragezeichen im Kopf und vermutlich einem „dicken Fell“ lebte und arbeitete sie sich dort ein, verliebte sich dort auch und lebt noch heute in Südfrankreich, wo sie erfolgreich Krimis schreibt. Das Buch ist eigentlich eine Summe ihrer Blogeinträge, die sie für das Print-Format bearbeitet hat. Es hat mir viel Spaß gemacht, vor allem die unfreiwillig komischen Situationen, in die man so als deutsche Frau hineintappen kann, wenn man die Gewohnheiten der Lieblingsnachbarnation nicht so richtig kennt.

Ich war über einige Dinge auch sehr erstaunt, zum Beispiel über den reichlichen Fleischkonsum. Ich wusste zwar (wer weiß es nicht), dass die Franzosen das Essen zelebrieren, aber irgendwie ging ich bisher davon aus, dass dort viel mehr Gemüseanteil im Essen steckt, das kennt man ja so von der Mittelmeerdiät… Überhaupt war ich echt geschockt davon, dass Biolandwirtschaft in Frankreich nicht im Ansatz so angesehen ist wie bei uns in Deutschland, wo es mir schon zu gering erscheint. Da die Erstausgabe des Buches ja schon 11 Jahre alt ist, kann ich nur hoffen, dass inzwischen ein Umdenken stattfindet.

Ebenfalls gestaunt habe ich über Christines Schilderungen des Laissez-faire-Stils, wenn es um Bürokratie ging. Von einer Blognachbarin, die mit ihrem Mann auf einem Hausboot lebt, habe ich in Sachen französischer Bürokratie ganz andere Sachen gelesen. Ich schätze mal, es ist möglicherweise im Süden lockerer als im Norden oder in Ostfrankreich (Paris ist weiter weg?) Herzhaft lachen musste ich über das Kapitel mit der Talzeitung, deren Layout sie zu verantworten hatte. Die Akribie, die sie beschreibt bezüglich ihres Anspruchs, kenne ich sehr gut: wenn ich das Layout für unseren Gemeindebrief mache, habe ich auch manchmal das Gefühl, eine miese Erbsenzählerin zu sein.

Alles in Allem bestätigt CC in dem Buch manches Klischee, das wir von den westlichen Nachbarn haben, andere widerlegt sie gekonnt (Ich frage mich, was das für ein Männer-Frauen-Ding ist, dass dort immer noch so viel getrennt nach Geschlechtern gemacht wird. Dass die französischen Machos immer noch so sind, wie sie sind. Obwohl, MeToo dürfte im Jahr 2021 inzwischen auch in Frankreich angekommen sein. Wo sind die unheimlich emanzipierten und selbstbewussten Frauen? Nur in Paris?), sie nimmt die französischen Macken ebenso wie ihre eigenen deutschen auf die Schippe. Das Buch ist ein lesenswerter Zeitvertreib, gerade jetzt, wo das Reisen am besten sowieso nur im Kopf stattfindet.

Ich schätze mal, wenn wir irgendwo Ziegen züchten wollen, werden wir es wohl vermutlich doch in Deutschland tun und nach Frankreich mal wieder in den Urlaub fahren. Obwohl das Land immer noch ein Sehnsuchtsziel für mich ist (damit bin ich nicht die Einzige in der Familie).

Bibliografische Angaben: Christine Cazon, Zwischen Boule und Bettenmachen; Verlag Kiepenheuer & Witsch; ISBN 978-3-462-00063-4; 12 €

Unberechenbar – 10.1.2021

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Die Themen des Tages sind: Probieren und studieren. Die Wörter des Tages: Spiel, Experiment, Ausprobieren, Entdecken, Risiko und Spekulation. Letztere nicht im Sinn von Börsenspekulation, sondern eher im Sinn von ergebnisoffenem „Spielen mit Gedanken und Ideen“ (S. 155).

Im Spiel lernen wir (hoffentlich), dass Ausprobieren und Experimentieren wichtig ist (z.B. beim Schach, wie wirken sich unterschiedliche Spielzüge auf den Fortgang des Spieles aus?), aber auch, dass die Bereitschaft zum Spiel automatisch auch das Risiko des Verlierens mit sich bringt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt ja sogar berühmt-berüchtigte Spieler, die ständig mitten im Spiel betrügen, manipulieren und sogar die Spielregeln ändern wollen…

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Kapitel ist für mich der berühmte Satz eines „Fußballphilosophen“ (Vereinstrainers), Dragoslav Stepanovich: „Das Lebbe geht weider.“ (S. 157) Falls du wie ich zu den Menschen gehörst, die nicht mit umfassendem und jahrzehntelangem Fußballwissen aufwarten können: 1992 war die Eintracht Frankfurt, die er trainierte, Titelanwärter auf die deutsche Meisterschaft. Doch ausgerechnet im entscheidenden Spiel gegen den Absteiger Hansa Rostock verlor die Mannschaft. Deutscher Meister wurde dann der VFB Stuttgart, dem Stepanovich sehr fair gratulierte und im Anschluss diesen weisen Satz sprach. Der orange Mann (irgendwie komme ich um den in den letzten Tagen nicht so recht herum) sieht das offensichtlich anders.

Also: ob Fußball oder andere „Spiele“, wir brauchen diese Erfahrungen, dass manches klappt und anderes nicht. Und dass das Leben trotzdem weitergeht, auch wenn manches anders abläuft, als wir bei der Planung dachten.

Kleine Anekdote am Rand: war bei mir heute auch so. Ich habe heute Vormittag sehr motiviert an meinem Sofakissen von gestern weitergearbeitet. Als ich dann schließlich die Rückseitenteile angenäht hatte (mit Overlockstich, um in einem Arbeitsgang auch zu versäubern) und das Kissen gewendet hatte, stellte ich fest: Ich hatte die Rückseite an die verkehrte Seite genäht. Beim Wenden offenbarte sich die Innenseite des Vorderteils außen, die schöne bunte Außenseite verschwand im Kisseninneren🙈🥺. Ich brauchte zum Auftrennen der Nähte die Hälfte von „Der Herr der Ringe – die zwei Türme“. Naja, das Lebbe geht weider…

Unberechenbar – auch ich…

Heute musste wollte ich etwas anderes tun als lesen. Nachdem ich die dicke Samstagsausgabe der Tageszeitung ausgiebig gewürdigt habe, ist heute mal die Nähmaschine dran.

Irgendwann in den letzten Tagen habe ich eine größere Menge 6,5-cm-Streifen aus allen möglichen Stoffen geschnitten, heute sehe ich mal zu, was daraus wird.

Aus den maritimen Stoffen habe ich begonnen, eine Kissenhülle für ein Sofakissen zu nähen, die ist im Rohbau (also die Vorderseite außen) auch schon fertig inzwischen. Da werde ich jetzt noch ein Volumenvlies auf die Rückseite bügeln, einen dünnen Innenstoff anheften und dann die Vorderseite quilten. Dann kommt die Entscheidung: Soll die Rückseite beige oder hellblau werden? Naja, ich habe noch ein paar Stunden Zeit, mir das zu überlegen. Gleich treffe ich mich erstmal mit der Pfarrerin in der Kirche zum Umgestalten der Gebetsstationen, da es auch weiterhin „nur“ offene Kirche ohne Gottesdienst geben wird.

Frühestens heute Abend, aber vielleicht auch erst morgen, brauche ich dann den Impuls für die Farbe der Kissenrückseite. Übrigens, falls du dich fragst, warum ich Kissenhüllen so aufwendig nähe: Wenn die Vorderseite aus mehreren aneinandergenähten mehr oder weniger kleinen Schnipseln besteht, sind da ziemlich viele Nähte. Ohne Hinterfütterung sind die sehr spürbar, wenn man den Kopf aufs Kissen legt. Außerdem sieht das Kissen mit einem Volumenvlies und den Quiltlinien plastisch aus, das wirkt gemütlicher. Wenn ich einfach nur schlichte Bauernleinenstoffe in einem Stück benutze, ist das Quilten dagegen nicht notwendig, da entsteht durch den recht groben Stoff (und eventuell Holzknöpfe) ein ganz eigener, rustikaler Charme.

Ein gequiltetes 40×40-Kissen braucht deswegen aber auf jeden Fall gern mal das 4-5fache an Zeit bis zur Fertigstellung. Das heißt gut zwei (manchmal auch drei, je nach Quiltmuster) Stunden, wenn ich ohne Ablenkung und Unterbrechung nur damit beschäftigt bin (was selten klappt). So, Feierabend, ich geh gleich mal los…

Unberechenbar – 8.1.2021

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„Die Welt ist ein Dorf“, diesen Ausspruch kennt wohl jeder. Aber ist sie das wirklich? Beschränken wir diese These auf das Internet, das uns in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt bringen kann, ist sie nachvollziehbar. Ein Dorf ist aber per Definition gekennzeichnet durch kurze Wege, sowohl bei der Kommunikation als auch durch die Wege, die man braucht, um beispielsweise Waren zu transportieren. Wenn wir jetzt mal ein knappes Jahr zurückdenken, dann bescherte uns Corona auch die Erkenntnis, dass es nicht unbedingt sinnvoll ist, Arzneimittelproduktion oder die Produktion von medizinischer Schutzausrüstung zum größten Teil in Länder auf der anderen Seite des Globus zu verlagern. Noch schlimmer sogar: sie in einigen wenigen Ländern so zu konzentrieren, dass ein Austausch kaum möglich ist, wenn es irgendwo im „weltweiten Dorf“ knapp wird.

Beide Autoren sind Dorfkinder und kennen sowohl Vor- als auch Nachteile des klassischen Dorflebens. Vorteil unter anderem: Es ist immer jemand da (der Anteil nimmt oder hilft). Nachteil: Es ist immer jemand da (der es besser weiß oder lästert). Ist halt so. Ein Vorteil, den die beiden sehen, ist die Tatsache, dass man, ob bewusst oder unbewusst, ein wenig mehr auf seine Umgangsformen achtet. Derjenige, über den ich heute auf den sozialen Medienplattformen lästere, könnte morgen die Person sein, die hinter mir in der Warteschlange beim Bäcker steht…

Ich muss gestehen, dass ich mir bisher nicht wirklich Gedanken darüber gemacht habe, dass das Wort „Interesse“ aus dem lateinischen Inter-esse (dazwischen sein) entstanden ist. Wenn man an jemandem oder an einer Sache Interesse hat, nimmt man teil, man ist dabei. Klar, wir kennen alle dieses neugierige Else-Kling-Interesse, das immer mehr oder weniger sensationslüstern daherkommt. Aber ich hoffe doch schwer, dass wir auch alle das wohltuende Interesse, das ehrliche Anteil nehmen an unserem Leben und Werdegang kennen. Das Kapitel macht mir Lust auf einen Plausch über den Gartenzaun oder andere Rituale des Dorflebens, wie ich sie aus meiner Kindheit noch kenne.

Ok. Für heute reicht es, ich habe noch viel, worüber ich nachdenken kann und werde das jetzt in der Küche beim Kochen tun😊.

Es dreht sich im Übrigen immer noch um das Buch „Unberechenbar“ von Harald Lesch und Thomas Schwartz. Die bibliografischen Angaben findet ihr in den letzten Beiträgen.

Unberechenbar – 7.1.2021

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Heute geht es um Grenzen. Zu Beginn des Kapitels vergleichen die Autoren das Auftauchen des Coronavirus mit einem zerstörerischen Dinosaurier, der in einem schicken Upper-Class-Wohnzimmer wütet. Dieser Vergleich, der mich anfangs amüsiert, ist aber ein gutes Bild: So, wie wir dem Dinosaurier mangels Kommunikationsmöglichkeit keinen Einhalt gebieten können (und ja erstmal sowieso nicht mit seinem Auftauchen gerechnet haben), so geht es uns auch mit dem Virus: Es führt uns an ungeahnte Grenzen! Uns, den Menschen, die Meister sind im Verschieben von Grenzen, zeigt es unsere Begrenzung. Die zeitliche ebenso wie die räumliche.

Auch auf das zweite große Thema unserer Zeit trifft es zu, dass wir als Menschheit uns wenig um Grenzen scheren: Klimawandel. Wir bemerken ihn zwar, aber wir begreifen ihn nicht als Grenze, wir versuchen eher, ihn mit immer mehr Technologie und mit unserem Eindringen in den Weltraum vor uns her zu schieben.

Grenzen begreifen wir vor allem als Einschränkung, aber ohne Selbstbegrenzung wird es nicht weiter funktionieren. Für uns klingt „Begrenzung“ aber sehr nach „Verbot“ und wer will das schon? Auch und gerade in der Politik suchen wir, ob bewusst oder unbewusst, nach einer ganz anderen Qualifikation: Tadaaa! Ich präsentiere den Gestalter (ich habe lange überlegt, ob ich das jetzt gendere, habe mich aber bewusst dagegen entschieden😉. Denn gestern ließ Herr Lindner verlautbaren, dass seine Partei so richtig Bock auf Gestaltung hat…)

Zurück zum Thema und zu den Grenzen. Die Fragen kennen wir alle: „Warum immer den großen SUV im Stadtverkehr herummanövrieren? Warum nicht einfach etwas weniger Fleisch essen?“ (S. 110) Auch der teuerste Markengrill fühlt sich nicht unmännlich, wenn man Gemüse drauflegt, denke ich mal so. Es ist also nicht nur eine Frage des „Männergrillens“ oder des „Frauengrillens“, um es mal mit einer Werbekampagne aus 2019 zu formulieren. Ernüchternde Antwort: Forderungen der (Selbst-)Begrenzung sehen viel zu viele von uns immer noch als Ideologie (gern links-grün-versifft, man denke an den verunglückten Vorschlag zum Veggie-Day), nicht als Notwendigkeit. Indem wir uns weigern, uns zu begrenzen, rauben wir Lebensgrundlagen. Natürlich nicht unsere eigenen, sondern die der Nachfolgegenerationen, aber das spüren wir ja dann vermutlich nicht mehr.

Um hier gegenzusteuern, braucht es vor allem Grenzen für eine unserer heiligsten Kühe: für das Wirtschaftswachstum. Bereits seit 1972 plädiert der Club of Rome für Wachstumsbegrenzung. Ich selbst bin der Meinung, wir setzen zu häufig auf das verkehrte Wachstum.

Es geht noch ein bisschen weiter in diesem Kapitel und die Autoren plädieren aus ihren jeweiligen Fachgebieten* heraus für ganz ähnliche Dinge wie andere AutorInnen, die ich im vergangenen Jahr gelesen und hier beschrieben habe.

Beim Nachdenken über Grenzen geht mir jedoch ein ganz anderes Bild nicht aus dem Kopf: Unruhige Babys „puckt“ man, das heißt, man wickelt sie fest in Tücher, so dass sie rund um ihren Körper eine deutliche Grenze spüren. Wenn unsere größeren Kinder Ausraster haben, können wir ihnen recht effektiv damit helfen, dass wir sie fest in den Arm nehmen und halten, bis sie sich beruhigt haben. „Gehalten werden“ ist übrigens auch wichtig zur Trauerbewältigung. Erwachsene, die unter unruhigen Schlafstörungen leiden, benutzen besonders schwere Bettdecken, um unter dieser spürbaren Begrenzung zur Ruhe zu kommen.

Im Endeffekt gehen sogar die neuesten Corona-Bestimmungen in diese Richtung, wenn auch recht abstrakt.

Was passieren kann (oder zwangsweise passieren muss?), wenn Menschen Grenzen außer Kraft setzen wollen, das mussten die US-Amerikaner gestern leider in Washington erleben…

Es geht immer noch um:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

*Harald Lesch ist Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator. Auch als erfolgreicher Buchautor ist er bekannt. Thomas Schwartz ist Theologe und Philosoph, geweihter Priester (Pfarrer in Mehring) und lehrt Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Augsburg.

Lesepause

Nee, eigentlich stimmt das nicht so ganz, ich habe vor und nach dem Frühstück etwas weitergelesen. Aber, weil es wie gestern immer noch um die Langsamkeit, um „Quality time“ ging, habe ich das Kapitel auch mit der gebotenen Langsamkeit und Überlegung zu Ende gelesen. Morgen geht es mit „Grenzen“ weiter.

Heute habe ich statt dessen nach ein paar Stunden Büroarbeit am Nachmittag kreativen Input fürs Nähen gesucht. Herausgekommen ist erstmal dieses:

Lauter bunte Streifen, alle 6,5 cm breit.

Einige davon gehören zu einer aktuellen Stoffkollektion, andere sind schon unterschiedlich lange bei mir, nun werde ich mal sehen, welche Ideen mir dazu beim Verarbeiten in den Kopf kommen.

Ansonsten bin ich müde und die Nerven liegen leider ziemlich blank bei mir. Der Grund ist Lucys Demenz. Seit Ende September baut sie leider immer mehr ab. Sie frisst nur sehr unregelmäßig, manchmal scheint sie nicht zu wissen, wofür das Zeug in ihrem Napf da ist. Dann dekoriert sie mit den einzelnen Futterbröckchen den Fußboden in der Waschküche. Oder sie steht vor der Tür und will lautstark raus, wenn ich die Tür dann öffne, geht sie wieder zurück in den Flur oder steht dann draußen herum und sieht ratlos aus. Nachts ist es besonders heftig, sie ist komplett orientierungslos und jammert in einer ziemlich unangenehmen Frequenz, bis ich aufstehe und sie wieder zu ihrem Platz bringe. Eine halbe Stunde später geht es wieder los. In den letzten Wochen fühle ich mich wieder wie die Mama eines Säuglings. Außerdem verliert sie büschelweise Fell und ich kann mir nicht vorstellen, weshalb, außer eventuell Nährstoffmangel wegen des merkwürdigen Fressverhaltens. Aber was uns alle ziemlich mitnimmt, ist ihre Luftnot, das verstärkte Hecheln und Reißen, aber die Lunge ist frei, daran liegt es nicht. Auch das Herz arbeitet dem Alter entsprechend noch ordentlich, das wurde ja alles im Herbst untersucht. Wir wissen nicht so recht, wie es mit ihr weitergehen wird.

Der nächste Anruf beim Tierarzt steht bevor und ich weiß jetzt schon, dass sie Panik bekommen wird, wenn sie sieht, wo wir parken. Da helfen auch die Alpakas auf der Weide beim Tierarzt nicht weiter…

Unberechenbar – 5.1.2021

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Der heutige Abschnitt fordert mir einiges ab, vor allem, weil ich mich selbst darin so sehr wiederfinde mit meinen Schwächen. Es geht um den Zusammenhang von Zeit und Geld, Selbstoptimierung, die vermeintliche Fähigkeit zum Multitasking (gerade auch, wenn es um Online-Meetings geht), die Geschwindigkeit eines menschlichen Lebens und die Sehnsucht nach Entschleunigung. Nette Anekdote am Rand: „Nach Entschleunigung haben die Kritiker des technisch verursachten Geschwindigkeitswachstums ja bereits im 19. Jahrhundert gerufen. Sie zweifelten beispielsweise daran, dass die Menschen der Geschwindigkeit eines fahrenden Zuges auf Dauer gewachsen sein würden.“ (S: 80) Wenn die gewusst hätten, dass es irgendwann Überschallflug geben würde…

Während ich das hier lese und schreibe, tagen (online) die Kanzlerin und die MinisterpräsidentInnen und aller Voraussicht nach verordnen sie uns für die nächsten Wochen noch mehr Entschleunigung, als wir ertragen möchten (es sei denn, wir arbeiten im Gesundheits- oder Sicherheitssektor). Mitschuldig daran sind auch solche Zeitgenossen, denen jetzt schon alles viel zu langsam geht, denen die Decke auf den Kopf fällt und die daher nur mal einen Tagesausflug in den Schnee machen wollten. Nun haben wir alle den Salat.

Also, wir sehnen uns einerseits nach Langsamkeit, machen Achtsamkeitsübungen, Yoga und meditieren, aber auf der anderen Seite checken wir unsere News-Apps in immer kürzeren Abständen, wir bekommen quasi in Echtzeit mit, was in der Welt passiert. „Früher“ bekam man die Informationen vorsortiert einmal am Abend in der Tagesschau, heute werden wir von Nachrichten aller Art so dauergeflutet, dass wir irgendwann nur noch einige wenige davon auswählen, nämlich die, die uns bekannt vorkommen und uns in unserer Sicht der Dinge bestätigen. Ich muss bekennen, dass ich auch auf dem Weg war, ein Nachrichten-Junkie zu werden🙈 und dass ich mich am Riemen reißen muss, um seltener zu checken, was so los ist. Wenn man sich aber so sehr für viele Dinge interessiert, ist das einfach eine sehr große Versuchung. Ich lasse inzwischen immer häufiger das Smartphone einfach mal in der Küche liegen, wenn ich im Haus unterwegs bin. Zuhause brauche ich ja auch die Corona-App nicht.

Ich ende für heute mit einem Buchtipp aus dem Buch: Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit. Ich erinnere mich, es erschien, als ich in der Buchhändlerausbildung war. Damals hatten alle Piper-Taschenbücher hellbraune (ich schreibe lieber nicht die Assoziation, die mir dazu gerade durch den Kopf geht) Umschläge, eine gezeichnete Illustration und geschwungene Titelschriftarten… Das Buch habe ich x-mal verkauft, aber bisher nicht gelesen. Hm… Noch mehr Nabelschau ertrage ich nicht an einem Tag, also bis morgen.

Wenn ihr neugierig geworden seid:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

Unberechenbar – 4.1.2021

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Unser Energiehunger ist groß. Mit „unser“ sind die Industriestaaten gemeint. Bezahlen müssen diese Gier die (Menschen in den) Staaten, die selbst sorgsam mit ihren Ressourcen umgehen, fast immer zwangsweise, weil sie von der weltweiten Reichtumsentwicklung abgekoppelt sind. Wir nutzen alle durch die Bank relativ gedankenlos Technologien, deren Komponenten meist unter katastrophalen sozialen und ökologischen Bedingungen in 3.-Welt-Ländern aus dem Boden geholt werden.

Unser Technikkonsum (auch der des Bloggens übrigens, denn es geht ja nicht nur um unsere Endgeräte zuhause, sondern um die Verwaltung der Datenmengen und vor allem um die Kühlung der Server in den Rechenzentren) geht außerdem mit großem Energiehunger einher. Die Energie wird immer noch zum größten Teil aus Ressourcen gewonnen, die nicht regenerierbar sind. Zitat: „Denn wie es das Beispiel des Wassers zeigt: Die Frage der Energiegewinnung ist nicht nur ein technisches, ökonomisches und ökologisches Thema, sondern auch ein zutiefst politisches und soziales. Die Frage nach der Energie ist immer eine Frage der sozialen Gerechtigkeit innerhalb und zwischen Staaten.“ (S.60)

Ich sehe mich gerade außerstande, den nächsten Absatz kurz und dennoch zutreffend und unverfälscht in eigenen Worten wiederzugeben, aber ich kann nur mal wieder dringend empfehlen, das Buch selbst zu lesen. Auf jeden Fall regen die Autoren an, im Gegensatz zu der gestern genannten „Streckengeschäftsmentalität“ Vorräte anzulegen. Und zwar kluge Vorräte, keine Hamstereien. Kluge Vorräte sind mit Achtsamkeit angelegt und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Ressourcenschonend, in die Zukunft (nicht unsere eigene, sondern die unserer Kinder und Enkel) blickend. Wertschöpfend und wertschätzend statt wertvernichtend. Das gilt nicht nur für Vorräte an Lebensmitteln und allerlei Waren, sondern das gilt vor allem auch für Bildung und den Umgang mit Wissen.

So weit erstmal für heute. Wenn ihr neugierig geworden seid:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

Unberechenbar -3.1.2021

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abc.etüden 2021 01+02 | 365tageasatzaday

Zu Beginn des neuen Jahres verbinde ich wieder das Angenehme mit dem Nützlichen. Bei Christiane gibt es wieder neue ABC-Etüden und nach längerer Pause bin ich mal wieder dabei. Ich versuche die Herausforderung zu meistern, die Wortspende von Ludwig Zeidler ( Zetermodio, weichmütig, backen) mit meinem Lesetagebuch in Einklang zu bringen. Ich musste glücklicherweise nur ein ganz kleines bisschen um die Ecke denken. Wie es mir gelungen ist, mögen andere beurteilen😉:

Der Technikwahn hat sich in unser Leben eingeschlichen. Immer schneller kommt immer leistungsstärkere Technologie auf den Markt. Die Technik um der Technik willen führt einerseits zur Entfremdung, andererseits zur Verselbständigung des Technikglaubens. Selbst hochkomplexe Börsenvorgänge werden inzwischen von Software erledigt, viel schneller, als die bestens ausgebildeten Analysten nachvollziehen können. Wenn dann in einer Software ein Fehler steckt, suchen die Menschen aber trotzdem ganz weichmütig bei sich selbst das Fehlverhalten (Irgendwie stimmt es ja auch, der Fehler sitzt immer vor dem Bildschirm, die Frage ist nur, vor welchem? Weiser Ausspruch meines softwareentwickelnden Ehemannes)

 Zu denken gibt mir der Satz „Die Vielfalt der Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung schenkt, bedeutet in anderen Bereichen unseres Lebens auch einen Verlust an Vielfalt – und eine Vereinheitlichung des Lebens.“ (S. 40/41) Ein ganz profanes Beispiel ist die Verengung der Meinungsvielfalt, die mir in „sozialen“ Medien angeboten wird, ich komme aus meiner Filterblase kaum noch raus, weil mir nichts anderes vorgeschlagen wird. Dagegen finde ich es ja noch erheiternd, dass mir der Algorithmus des großen amerikanischen Krämerladens einen blauen Gartenschlauch ans Herz legen will, weil ich mich mal für Bücher über Patchworknähen interessiert habe…

Weiter geht es mit dem Streckengeschäft. Was das ist? Große und kleine Geschäfte haben immer weniger Lagerplatz, weil der teuer ist und eingelagerte Ware einen hohen Finanzeinsatz bedeutet. Immer mehr wird „just in Time“ geliefert, was im Endeffekt nichts anderes heißt, als dass unsere Kochtöpfe, Kameras oder Autoersatzteile in Sattelzügen gelagert sind und unsere Autobahnen, Rastplätze, Bundesstraßen etc. verstopfen. Die Auswirkungen dessen spürten wir letzten Frühjahr, als das Klopapier auf einmal überall war, nur nicht in den Regalen der Geschäfte. Folge: Alle schrien Zetermordio und wenn dann mal tatsächlich was zu bekommen war, wurde gehamstert. Ähnlich sah es bei Mehl und Hefe aus. Wir können mindestens noch das komplette Jahr 2021 Brot backen!

300 Wörter

Wenn ihr neugierig geworden seid:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

Unberechenbar -2.1.2021

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Ab Seite 27 beschäftigt sich das Buch mit der These „Warum Komplexität etwas Tolles ist“. Da bin ich ja mal gespannt. Im letzten Jahr hatte ich eher das Gefühl, dass diejenigen, die alles möglichst vereinfachen wollen, viel Zuspruch bekommen…

Wie ist eigentlich unser Verständnis von Technik? Bestimmen wir Menschen über sie oder hat sie uns im Griff? Stehen wir ihr fasziniert oder eher skeptisch gegenüber? Technologien beherrschen inzwischen einerseits den Alltag und machen uns damit teilweise Angst, andererseits ist es erwiesenermaßen auch so, dass der Einsatz von Technik den allgemeinen Wohlstand nährt. Inzwischen durchdringt Technologie unser Leben so komplex, dass es zwar Einzelpersonen unter Umständen möglich ist, sich der Zivilisation durch Flucht zu entziehen, aber ganze Gesellschaften schaffen das nicht (mehr), weil dann von heute auf morgen zu vieles nicht mehr funktioniert. (Es ist ja schließlich auch nicht alles auf einmal entstanden, also kann ein eventueller Rückweg auch nur schrittweise erfolgen.)

Ich stelle mir das so vor: Wenn wir eine Bergwanderung unternehmen, dann gehen wir davon aus, wenn wir auf dem höchsten Punkt angekommen sind, geht es auf der anderen Seite mit einem zumindest ansatzweise ähnlichen Schwierigkeitsgrad wieder runter vom Berg. Was würde aber passieren, wenn wir oben unvermittelt vor dem Abgrund stünden, aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hätten, dass wir entweder eine Ausrüstung zum Abseilen oder aber einen Gleitschirm brauchen, um wohlbehalten ins Tal zu kommen? Und während wir noch oben an der Kante stehen, darüber grübelnd wie es weitergehen kann, drängen von hinten immer mehr Bergwanderer heran und schieben uns unaufhaltsam weiter an den Abgrund…! Bräuchten wir als Wander-oder Weltgemeinschaft jetzt nicht ganz dringend einen Weg, der sich in Serpentinen zurück ins Tal schlängelt, um geordnet wieder vom Berg zu kommen? Angesichts des Klimawandels stellt sich zudem die Frage, ob für die Suche nach so einem Weg überhaupt noch Zeit ist. Oder ob, um bei dem Beispiel zu bleiben, so viele Menschen in den Abgrund stürzen müssen, dass am Ende ganz wenige weich gepolstert auf dem Leichenberg unendlich vieler anderer landen? Ich weiß, das klingt sehr makaber, aber im Endeffekt läuft es aktuell darauf hinaus.

Ab Seite 31 erzählt H. Lesch von einem Gespräch, das er mit einem Mann führte der an der Entwicklung des sogenannten „Quantencomputers“ beteiligt ist. Der Quantencomputer ist der Stein des Weisen oder die Eierlegende Wollmilchsau und wer ihn als erstes hat, beherrscht das Internet. Er ist irre schnell, unheimlich leistungsfähig und fast „unknackbar“ (S. 32). Dabei fällt mir ein: Die TITANIC wurde auch als unsinkbar beworben…

H.L. unterhielt sich also mit dem Entwickler und fragte ihn, wie er Verantwortung für die Folgen der ungeahnten Möglichkeiten der Technologie übernehmen würde. Die Antwort des Mannes empfinde ich als hochgradig erschreckend und ignorant: „Ja, aber das ist doch Technik. Ich entwickle Technik – was die Leute dann damit machen, das geht mich nichts an. Darüber mache ich mir keine Gedanken.“ Waaah! Ich wünsche mir die Zeit der Universalgelehrten zurück! Ich wünsche mir (mehr) Wissenschaftler (solche wie Harald Lesch), die nicht nur ihr reines Fachgebiet beherrschen, sondern sich darüber hinaus auch mit den soziologischen, ethischen, philosophischen und wirtschaftlichen (Spät-)Folgen ihrer Arbeit auseinandersetzen!

Fortsetzung folgt…

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]