Sommer, Sonne, Strand, Bücher

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Jetzt ist erstmal Schluss mit den schweren Brocken. Ehe der Sommer komplett abgearbeitet ist und in diesem Jahr auch nicht nur erfreuliches in seinem Füllhorn bereitstellt. Wenn der Urlaub für mich in diesem Jahr auch „nur“ aus zweiter Hand darin bestand, mit meiner Segelcrew zu telefonieren und dann anhand von Google Earth ihren Kurs nachzuvollziehen, so habe ich in der Zeit allein zu Hause nicht nur den gesellschaftlichen und den Klimawandel literarisch beackert.

Immer schön abwechselnd war die Devise. Ihr wisst ja, es zieht mich und uns gern ans Wasser. Obwohl ich auch die Berge (und die Bergseen) mag. Genial wäre es, wenn die Alpen an irgendeiner Stelle in Deutschland bis ans Meer reichen würden, so ähnlich wie die See-Alpen in Südfrankreich… Vielleicht sollte ich mir das aber lieber nicht wünschen, wer weiß? Naja, bei meiner Auswahl beschloss ich, zunächst Wangerooge eine Stippvisite abzustatten. Immerhin kenne ich mich dort minimal aus (ist bei der Größe nicht weiter schwierig), denn eine unserer Töchter hat einige Saisons dort gearbeitet, unter anderem in der schönen Jugendherberge. Dort haben wir sie natürlich auch besucht. (Übrigens sind wir seitdem auch Mitglieder im Jugendherbergsverband, obwohl wir sie selten nutzen. Aber die können zurzeit auch jedes zahlende Mitglied gut gebrauchen…).

Die Geschichte „Der Sommer der Inselfreundinnen“ ist leicht verdaulich, mit einer anrührenden Familiengeschichte. Eigentlich sogar zwei, einmal die Familie von Marle, der Protagonistin, zum anderen die Immigrantengeschichte von Federicos Eltern, die es als neapolitanische Pizzabäcker in den 70er Jahren nicht leicht hatten, da die Deutschen ganz andere (eben deutsche) Vorstellungen von italienischem Essen pflegten als die, die es von klein auf kannten. Nebenbei geht es um anscheinend „unmögliche“ Beziehungen, wenn das Verhältnis von Alters- oder Bildungsniveau von Männern und Frauen mal ganz einfach auf den Kopf gestellt wird.

Mein Fazit: Schöne Urlaubslektüre für den Strandkorb, gern auf Wangerooge, denn da kann man alle Szenenorte gleich einem Realitätscheck unterziehen.

Als nächstes fuhr ich einmal quer über die Deutsche Bucht und besuchte St. Peter Ording. Eines meiner Sehnsuchtsziele, seit meine Freundinnen im Jahr 1983 oder ’84 mit dem Wohnwagen einer Familie eine Woche allein dort Urlaub machen durften, allerdings leider ohne mich, meine Eltern hatten etwas dagegen, weil sie uns zu jung dafür wähnten. Spoiler: Die Anderen haben es gesund und munter überlebt und keine kam schwanger aus dem Urlaub zurück😄. Einige Jahre später schmiss ich jeden Montag Abend um 18:55 Uhr den Fernseher an, denn es kam „Gegen den Wind“, mit Ralf Bauer und Hardy Krüger jr. als Surfcracks. Nun habe ich seit einiger Zeit die Bücher von Tanja Janz entdeckt, wenn ich einen Kurztrip an den wunderbaren Strand mit den markanten Pfahlbauten brauche, denn ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe es immer noch nicht geschafft, tatsächlich mal dort hinzufahren!

Das Schöne an den Ording-Büchern der Autorin ist, dass mit Abwandlungen immer wieder dieselben Leute vorkommen, natürlich wird immer eine persönliche Geschichte erzählt, aber die geht teilweise so reihum von Buch zu Buch. Dadurch ist es inzwischen wie ein Nach-Hause-kommen, und es macht einfach Spaß und lenkt so perfekt vom nicht immer so spaßigen Alltag ab.

Von der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, quasi durch den imaginären Nord-Ostseekanal an die Ostsee und dort auf dem kürzesten Weg nach Rügen. Da immerhin war ich schneller als die Segler, die teilweise den Wind immer aus der verkehrten Richtung hatten auf ihrem Weg von Heiligenhafen über Fehmarn nach Grömitz und von dort über Großenbrode zurück. (Immerhin kannten die Mädels hinterher alle Buchhandlungen in den angelaufenen Orten…).

Auf Rügen spielt „Bernsteinsommer“ von Anne Barns. Auch so ein Buch mit Wiedererkennungseffekt, denn auch ihre Protagonistinnen tauchen immer mal wieder auf, allerdings in unterschiedlichen Orten, auch mal in Hanau, in München, auf Norderney oder Juist. Finde ich sehr sympathisch, denn meine Ausrede dafür, dass ich noch nicht selbst einen Roman fertigbekommen habe, ist unter anderem, dass ich mich nicht für eine Gegend entscheiden kann, wo er stattfinden soll🤣. Also so macht man das dann: man schreibt mehrere Bücher quer durch Deutschland. Pfiffig. Ach ja, nicht ganz unwichtig zu erwähnen, außer den oft unheimlich sympathischen Heldinnen und Helden gefallen mir auch immer die Backrezepte sehr gut, nach und nach und so, wie es meine Schulter zulässt, werde ich die alle mal nachbacken. Die stimmigen Naturbeschreibungen mit dem liebevoll ausgesuchten Personal der Bücher und diesen kulinarischen Schmankerln zusammen ergeben für mich zumindest eine schöne Freizeitbeschäftigung, ein gelungenes Dreigängemenü. Egal ob an einem schattigen Plätzchen bei Hitze oder mit Tee und Salzkaramell bei Gewitter im Schaukelstuhl, ich mag die Geschichten von Anne Barns sehr gern.

Bibliographische Angaben (In alphabetischer Reihenfolge) :

Anne Barns, Bernsteinsommer, Harpercollins, ISBN 978-3-7499-0020-6, 12,00 €

Brigitte Janson, Der Sommer der Inselfreundinnen, Ullstein, ISBN 978-3-8437-2493-7, 8,99 €

Tanja Janz, Leuchtturmträume, Harpercollins, ISBN 978-3-7499-0124-1, 12,00 €

Nochmal Klimawandel…

Ich muss euch das einfach noch einmal zumuten. Inzwischen bin ich beim Kapitel über die Landwirtschaft angekommen, das heißt, die Stromversorgung, den Tourismus und die Sicherheit habe ich noch nicht einmal erreicht. Aber gerade bei den Themen Verkehr und Wirtschaft wurde es mir so richtig mulmig. Denn das sind die klassischen Themen, an die wir Deutschen (und wahrscheinlich sind wir damit nicht allein) nicht so wirklich ran wollen. Und vor allem ein großer Teil der Politik wehrt sich hier gegen regulierende Eingriffe. Könnte ja Wählerstimmen oder Arbeitsplätze kosten. Nur nicht zu viel auf einmal zumuten…

Nun, das Gegenteil wird dann zwangsläufig eintreten und uns noch mehr zumuten. Und dabei ist es auch vollkommen wurscht, ob jemand „daran glaubt“, dass der Klimawandel menschengemacht ist oder ob das alles natürlich ist. Das ist dem Klimawandel aber auch sowas von egal, er steht nämlich nicht vor der Tür und klopft höflich an, er hat sich bereits ungebeten ins Wohnzimmer gedrängelt und wird bleiben. Schlimmer als die schlimmste Schwiegermutter! (Sorry an alle Schwiegermütter)

Reagieren müssen wir also, so oder so. Entweder wir lassen alles weiterlaufen, weil wir zu viel Angst vor Veränderung haben. Dann hat sich die Zivilisation, wie wir sie heute noch kennen, in spätestens einem halben Jahrhundert erledigt. Es wird gekämpft, um immer knapper werdenden Lebensraum, weniger Lebensmittel und sauberes Wasser zu immer höheren Preisen, weniger Ressourcen für Bau, Handel und alles andere Lebensnotwendige. Es wird Massenfluchten geben und bürgerkriegsartige Zustände. Ausbaden werden es vor allem diejenigen, die auch jetzt schon wenig haben, während sich bis dahin Milliardäre vielleicht schon endgültig in den Weltraum absetzen können. Vielleicht werden wir auch die modernen Dinosaurier und rotten uns einfach aus.

Oder wir erkennen an, was seit Jahren bekannt ist, dass sich vieles ändern muss, dass große Industrieanlagen an Flüssen vielleicht nicht mehr die beste Idee sind, weil das Risiko, entweder zu wenig Wasser (keine Kühlung, aufgeheiztes Flusswasser, Schiffsverkehr unmöglich, Fischsterben) oder aber viel zu viel Wasser (Überflutung von kritischer Infrastruktur oder Chemikalientanks, beides unkalkulierbare Risiken und verseuchen zudem das Grund-/Trinkwasser!) unberechenbar wird. Wer bedenkt im Alltag, dass viele Arbeiten (Bau, Straßenbau…) in heißen Sommern nicht mehr möglich sein werden? Wer bedenkt, dass sich mit dem veränderten Wetter und Klima die Palette der landwirtschaftlichen Produkte verringern und verändern wird? Wer denkt darüber nach, dass auch unsere Transportwege angreifbar sind? Diese ganzen Facetten müssen immer und überall mit bedacht werden, ob bei Stadtplanungen, Infrastrukturprojekten, ökonomischen Prognosen, Umbau der Landwirtschaft oder der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Diese Bereiche können nicht unabhängig voneinander oder nach Partikularinteressen sortiert betrachtet werden, sie sind Puzzleteile des Großen und Ganzen.

Deshalb an dieser Stelle nochmal eine deutliche Leseempfehlung für das Buch aus dem vorherigen Beitrag.

Deutschland 2050

Achtung, wer gerade zu sehr betroffen ist von der Lage in NRW, RLP, Sachsen und Oberbayern oder auch in den Nachbarländern, sollte die Lektüre dieses Beitrages verschieben.

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Es ist schwierig. Denn am Freitag, den 16. Juli, am zweiten Tag, nachdem große Bereiche in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und auch eine Region in Sachsen mit Flut und Zerstörung zu kämpfen haben lese ich gerade das Kapitel 4 mit der Überschrift „Wasser: Viel zu nass und viel zu trocken“. Das Buch ist Anfang Mai erschienen, inzwischen ist die dritte Auflage im Verkauf, und ich schätze mal, die Autoren (obwohl sie sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigen) hätten sich nicht unbedingt träumen lassen, dass zwei Monate nach Erscheinen das vierte Kapitel um einige neue Einträge erweitert werden könnte. Leseprobe gefällig?

Starkregen können beschauliche Bäche in reißende Ströme verwandeln – und ganze Ortschaften verwüsten Braunsbach und Simbach wissen, was das heißt. Beide Kommunen liegen in engen Tälern, und nach heftigen Starkregen verwandelten die sich in reißende Flussbetten. Das baden-württembergische Braunsbach, die »Perle im Kochertal«, wurde im Mai 2016 von einer Sturzflut verwüstet; Simbach am Inn in Niederbayern Anfang Juni 2016 von einem sogenannten tausendjährigen Hochwasser, im Fachjargon »HQ 1000«. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet. Simbach glich danach einem Trümmerfeld, in Braunsbach türmte das Wasser meterhohe Geröllberge mitten in den Ort: Auf 70 Millionen Euro bezifferten die Versicherungen allein die materiellen Schäden in den beiden kleinen Orten, fünf Menschen starben. »HQ 1000« bedeutet, dass ein solches Ereignis statistisch einmal in tausend Jahren vorkommt – in menschlichen Zeithorizonten gedacht, also praktisch nie. »Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem Phänomen in einer neuen Ausprägung zu tun haben«, sagt Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im bayerischen Umweltministerium und Professor an der Technischen Universität München.[88] Oder anders formuliert: So sieht der Klimawandel aus. Längst sind schwere Sturzfluten keine Seltenheiten mehr. Ständig gibt der Deutsche Wetterdienst Unwetterwarnung heraus, auf den Warnkarten und Wetterapps sind dann tiefrote bis violette Flächen zu sehen. 2017 traf es Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, Dudeldorf zum Beispiel, Kyllburg oder Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. […] Meteorologen haben für solche Phänomene einen festen Namen etabliert. Sie nennen die Großwetterlage »Tief Mitteleuropa« – ein in der Regel sehr stationäres Tiefdruckgebiet, also eines, das sich kaum bewegt. »Die Wetterlage ist häufig mit sehr starken Niederschlägen verbunden«, erklärt Thomas Deutschländer, Hydrometeorologe beim Deutschen Wetterdienst: ein ortsfestes Tief, »das feucht-warme Luftmassen aus dem Mittelmeerbereich nach Mitteleuropa führt«. Hier treffen diese Luftmassen dann auf kältere Strömungen aus dem Norden. »Und das führt dann eben dazu, dass es zu diesen heftigen Starkniederschlägen kommt.“ (S. 125/126 meiner eBook-Ausgabe)

Nach der Querbeet-Lektüre des Buches kommt bei mir an: Wir denken oftmals viel zu eindimensional. Jeder von uns hat ein „Herzensthema“, ob es nun das Reisen ist, das Wirtschaftswachstum, die Energieversorgung, der Beruf als Landwirt, das Leben in der Großstadt… Alles richtig, alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Aber vor allem muss bedacht werden, dass alle diese Facetten und noch mehr gemeinsam zu einem großen Ganzen gehören und überhaupt nicht auseinanderdividiert werden können.

(Das sind übrigens die Punkte, die ich den sogenannten „wirtschaftsliberalen“ Parteien ankreide: Der Fokus wird zu einseitig gesetzt. Der klimagerechte Umbau der Wirtschaft wird zu häufig als Nachteil angesehen und viel zu selten als Chance. Und ich kann es auch nicht mehr hören, dass immer der „Wettbewerbsnachteil“ beim ambitionierten Klimaschutz betont wird. In vielen Bereichen haben andere Länder einfach mal darauf gewartet, dass eines den Anfang macht und haben dann nachgezogen.)

Da unser Boot an der Ostsee liegt und wir alle das Meer lieben, habe ich die letzten Monate immer mal wieder das Gedankenspiel „Was, wenn wir an die See zögen?“ durchgespielt. Aber mal ehrlich, im Augenblick fühle ich mich hier in OWL ganz gut aufgehoben. Wir brauchen keine aufwendigen Küstenschutzmaßnahmen, es ist auf unserer Seite des Gebirgszuges recht wenig hügelig, wird auch nicht so sehr von Bächen durchzogen, die zu reißenden Strömen werden können und die Weser ist auch hoffentlich weit genug weg. Ab und zu drückt bei Regen von außen und unten Wasser in den Keller, aber das tut es schon seit 202 Jahren, weil der Keller aus gestapelten groben Sandsteinen besteht und nicht abgedichtet ist. Das Haus steht immer noch, und das ganz ordentlich. Trotzdem weiß ich (auf einer eher abstrakten Ebene), dass auch bei uns ein solch sintflutartiger Regen üble Folgen hätte…

Edit: Am Freitag hatte ich Skrupel, den Beitrag zu veröffentlichen, habe ihn deswegen erst als Entwurf gespeichert. Inzwischen ist Sonntag und der Regen hat in weiteren Regionen Deutschlands und in angrenzenden Ländern zugeschlagen. Soeben habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen, jetzt den Post hochzuladen. Es wird nicht besser, eher im Gegenteil.

Wer von uns nicht akut betroffen ist, mag zwar aufatmen, aber sollte sich bewusst sein, dass unsere Komfortzonen enger werden. Ich möchte niemandem vorschreiben, wen er oder sie im September zu wählen hat, macht das mit eurem Gewissen aus. Aber informiert euch, unter anderem mit der Lektüre von Wissenschaftsjournalismus, was Stand der Dinge ist. Es kann eigentlich schon seit vielen Jahren niemand mehr sagen „Aber das habe ich nicht gewusst“ und trotzdem zögern wir immer wieder, wenn es um konkretes Handeln geht.

Bibliographische Angaben:
Nick Reimer / Toralf Staud, Deutschland 2050, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00068-9, € 18,-

Fragen über Fragen…

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„Ich stelle mich einmal kurz vor. Mein Name ist Fränzi Kühne, mich gibt es seit 1983, ich habe Jura studiert, habe dieses Studium dann jedoch abgebrochen und bin Mitgründerin der ersten Social-Media-Agentur Deutschlands geworden. Mit dieser Agentur habe ich bis zu meinem Ausstieg 2020 mitgeprägt, wie Digitalisierung, Social Media, neue Geschäftsmodelle und Organisationsformen in Deutschland diskutiert und gestaltet werden. Ich bin Mitglied des Stiftungsrats der AllBright-Stiftung und Mutter zweier Mädchen, geboren 2016 und 2020, die mit mir und ihrem Vater in Berlin-Biesdorf leben. […] Seit der Gründung von TLGG im Jahr 2008 hatten wir – Christoph Bornschein, Boontham Temaismithi, ich und ein hervorragendes Team – uns den Status junger und kluger Vorreiter*innen erarbeitet, die die Sache mit der Digitalisierung einigermaßen verstehen und sie nicht nur ihren Eltern, sondern durchaus auch dem einen oder anderen DAX-Unternehmen erklären können. Wenngleich ich als einzelne Person noch nicht besonders sichtbar war, so war es die Agentur durchaus. Das wiederum war der freenet AG aufgefallen, die für eine Neubesetzung in ihrem Aufsichtsrat eine junge Kandidatin suchte und bei uns fündig wurde. Ich versuche jetzt mal nicht, den ganzen Prozess der Aufsichtsratsneubesetzung detailliert wiederzugeben oder ihn extrem spannend zu machen; zum einen komme ich sicher noch einmal darauf zurück, zum anderen steht das Ergebnis ja schon im Klappentext: Am Ende eines für mich aufregenden Auswahl- und Bewerbungsprozesses hielt ich vor 600 Leuten meine erste Rede auf einer Bühne und wurde Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens. Und nicht nur das: Ich wurde ein Medienthema.“ (bei meiner eBook-Ausgabe S. 9 , Kapitel „Das Warten auf das >>Jetzt geht’s los<<„)

So. Nun wisst ihr Bescheid, oder? Was ist daran denn so besonders? Außer natürlich, dass es in Deutschland und nicht nur hier, immer noch nicht an der Tagesordnung ist, dass eine Frau, noch dazu eine junge Mutter, an einer solchen Position ihren Platz einnimmt.

Aber es gibt noch etwas, das besonders ist. Etwas, das mit der Kombination Frau-erfolgreich-Karriere-herausgehobene Position zu tun hat:

Den Fragenkatalog.

Auch Annalena Baerbock machte diese Erfahrung. Eine der am meisten gestellten Fragen: „Wie vereinbaren Sie Karriere und Familie?“ Dicht gefolgt von „Können Sie für andere Frauen ein Vorbild sein?“ oder auch der Fokussetzung auf die mehr oder weniger modischen Outfits (klitzekleiner Spoiler: es gibt einen männlichen Interviewpartner im Buch, dessen Kleidungsstil auch immer mal wieder in den Medien zum Thema gemacht wird. Ob es wohl daran liegt, dass er sich ab und zu mal modisch neu erfindet oder dass er Außenminister ist?).

Fränzi Kühne ist also durch das Frage- und Antwortlabyrinth geschubst worden, und da sie eine wissbegierige Frau ist, hat sie sich männliche Interviewpartner gesucht, die ebenfalls in herausragenden beruflichen Positionen stehen. Von ihnen wollte sie unter anderem wissen, welche Fragen ihnen gestellt wurden, wie sie auf die Fragen antworten würden, mit denen üblicherweise Frauen konfrontiert werden und außerdem noch, wie sie zu den angedachten Quotenregelungen stehen.

Es gibt einige erwartbare, aber auch viele überraschende Antworten in diesem Buch. Was mich ein bisschen überrascht hat (obwohl ich es mir hätte denken können) ist die Tatsache, dass Männer anscheinend relativ häufig eher spontan an neue Posten kommen, ohne dass vorab lange nach Qualifikationen gesucht wird, während Frauen sich immer noch rechtfertigen müssen, wenn sie für einen verantwortungsvollen Job vorgeschlagen werden. Unter anderem auch in den großen und kleinen Medien, die offenbar immer noch keinen aktuellen Fragenkatalog haben, sondern sich munter im 70er-Jahre-des-20.Jahrhunderts-Koffer bedienen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann hatte doch vermutlich auch schon jede/r von uns mal diese Klischees im Kopf, einfach, weil wir damit sozialisiert wurden.

Das Buch war informativ, stellenweise regelrecht amüsant, es stellt Fragen; Nicht nur an die Männer, die interviewt wurden, sondern an die Rollenbilder in unseren Köpfen und auch, ob unsere Gesellschaft insgesamt so offen ist, wie wir es uns gern vorstellen (oder einreden?)

Bibliographische Angaben:

Fränzi Kühne, Was Männer nie gefragt werden (Ich frage trotzdem mal.), Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70582-5, € 14,–

oder Fischer eBook (epub), ISBN 978-3-10-491368-1, € 12,99

Mehr, als ich erwartet habe

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Wer von uns sehnt sich nicht ab und zu nach einem kleinen, von der restlichen Welt abgelegenen Refugium? Am besten in einem Eckchen, wo niemand einfach mal so hineinstolpert, so dass alles, was hier passiert, echte Bedeutung hat und nicht einfach nur beiläufig geschieht?

So geht es den Frauen in diesem Buch, und so ging es auch mir, als ich bei Netgalley den Titel aufstöberte. Ja, ich gebe zu, als erstes hat mich das Cover angesprochen, denn ich suchte ganz gezielt nach Inseln… Inseln eignen sich so gut zum Verkriechen, egal ob ganz real oder literarisch. Außerdem habe ich ein Faible für die ostfriesischen Inseln, ich mag diese Landschaften, die gleichermaßen karg und üppig wirken, wo man eigentlich überall das Meer sehen, hören und riechen kann, auf denen man die Natur (und auch die Naturgewalten) ganz nah um sich herum spürt. Zumindest literarisch wollte ich mich in den Urlaub träumen, in dieser Zeit, in der ich persönlich eingeschränkt in meinem Bewegungsradius bin.

Umso mehr hat mich die inhaltliche Vielfalt und Tiefe dieses Buches angenehm überrascht. Denn es geht um drei ganz unterschiedliche Frauen, die in schwierigen Situationen stecken, in drei Epochen der deutschen Geschichte. Ein Handlungsstrang erzählt das Schicksal eines jungen Ehepaares, das sich vor den Nazis auf Spiekeroog verstecken muss, nachdem die Flucht ins Ausland scheiterte. Ein zweiter Faden spinnt sich um eine junge, unkonventionelle Frau Anfang der 60er Jahre, die eine unschickliche Liaison mit dem Schulleiter des Hermann-Lietz-Internats unterhält (das es tatsächlich seit langen Jahrzehnten dort gibt). Und schließlich ist da noch eine moderne Karrierefrau im Jahr 2019, die nach einem Hörsturz erkennen muss, dass ihre erfolgreiche Karriere und auch ihre Ehe nur die üppige Fassade für ein unglückliches und unausgefülltes Leben sind.

Die Hintergründe zu allen drei Handlungen sind gut recherchiert, was mir immer wichtig ist. Die Verknüpfungen der jeweiligen gesellschaftlichen Situation mit den persönlichen Schicksalen der drei Frauen sind nicht nur stimmig, sondern auch spannend zu lesen, die Verbindungen, die (nicht nur) durch das Haus zwischen diesen Frauen bestehen, ahnt die Leserin am Anfang zwar, aber es macht auch Spaß, sich lesend den Zusammenhängen anzunähern.

Für mich war es eine anregende und entspannende Sommerlektüre, ohne „platt“ zu wirken, ich hatte eine richtig schöne Auszeit im Stranddistelhaus.

Bibliographische Angaben:
Lina Behrens, Das Strandistelhaus, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70566, € 10,99

oder Fischer eBook (epub): ISBN 978-3-10-491342-1, € 9,99

„Nur noch kurz die Welt retten…“

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Das Lied von Tim Bendzko geht mir fast zwangsläufig durch den Kopf, wenn ich den Buchtitel lese. Natürlich ist es ein sehr provokanter Titel, denn eigentlich wissen wir alle sehr gut, dass wir nicht die Welt, sondern unsere Lebensgrundlagen für menschliches Leben retten müssen. Die Natur kann auch ohne den Menschen, aber der Mensch nicht ohne die Natur.

An alle, die Frank Schätzing vor allem als Thriller-Autor kennen: seine Thriller beschäftigen sich ebenfalls bevorzugt mit Ökothemen, aber auch Sachbücher zum Thema bringt er immer mal wieder gut recherchiert. Man merkt, dass ihm der Themenkomplex am Herzen liegt. Er holt denn auch entsprechend weit aus, denn: Die Warnungen weiter Teile der Wissenschaft sind beileibe nicht neu. Aber lest selbst:

„Springen wir zurück ins Jahr 1965 zur Hauptversammlung des API (American Petroleum Institute), des größten Lobbyverbandes der US-amerikanischen Öl- und Gasindustrie, und lauschen einer Rede des damaligen Direktors Frank N. Ikard. Schon Anfang der Fünfziger hatten API-Forscher entdeckt, dass die Verbrennung fossiler Energieträger das atmosphärische CO2 in die Höhe treibt. Aus ihrem Bericht ging hervor, dass der daraus resultierende Treibhauseffekt die Erde erwärmen würde, mit negativen bis katastrophalen Folgen. Explizit wurde vor dem Anstieg des Meeresspiegels gewarnt. Wenige Tage nachdem Wissenschaftler das Weiße Haus über die Gefahren eines raschen und irreversiblen Klimawandels in Kenntnis gesetzt hatten, erklärte Ikard seinen wie betäubten Zuhörern: »Dieser Bericht wird ohne Frage Emotionen schüren, Ängste wecken und Forderungen nach Taten laut werden lassen. Seine Kernaussage ist, dass noch Zeit bleibt, um die Völker der Welt vor den katastrophalen Folgen der Verschmutzung zu bewahren, aber die Zeit läuft ab. Eine der wichtigsten Vorhersagen des Berichts ist, dass der Erdatmosphäre durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas Kohlendioxid in solcher Menge und Geschwindigkeit zugeführt wird, dass durch die Veränderung der Wärmebilanz bis zum Jahr 2000 möglicherweise deutliche Klimaänderungen eintreten, die uns lokal und national überfordern. Im Bericht heißt es weiter, und ich zitiere: ›… die Verschmutzung durch Verbrennungsmotoren ist so gravierend und wächst so schnell, dass ein alternatives umweltfreundliches Antriebsmittel für Autos, Busse und Lastwagen wahrscheinlich zur nationalen Notwendigkeit wird.‹ «Auf diese alarmierende Ansage erfolgte –Nichts. Zur API-Forschungsgruppe gehörten damals Wissenschaftler fast aller großen Ölunternehmen, darunter Exxon, Texaco und Shell. In den Siebzigern erstellte Exxon eine eigene Studie, deren Prognosen noch angsteinflößender ausfielen. Statt die Welt darüber zu informieren, blockierte der Konzern die Veröffentlichung und begann mit einer gezielten Desinformationskampagne. Über Jahrzehnte zog er die Seriosität der Klimawissenschaft in Zweifel, attackierte und diffamierte die Mahner, mit Rückendeckung der Bush-Cheney-Administration. King of Chaos war Lee Raymond, CEO von Exxon und später ExxonMobil, der über Klimamodelle spottete, Wissenschaftler dafür bezahlte, Gegengutachten zu schreiben, globale Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen fossiler Brennstoffe hintertrieb, während er zugleich damit begann, Exxon-Infrastrukturprojekte vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, von dem er wusste, dass er kommen würde. Später ließ ExxonMobil verlauten, Raymonds Aussagen seien missverstanden worden. In einer Rede, die Raymond 1997 auf dem Weltölkongress in Peking kurz vor den Klimaverhandlungen in Kyoto hielt, äußerte er sich jedoch recht unmissverständlich: »Erstens erwärmt sich die Welt nicht. Zweitens wären Öl und Gas selbst dann nicht die Ursache. Drittens kann niemand den wahrscheinlichen zukünftigen Temperaturanstieg vorhersagen.« Vielmehr, erklärte er den anwesenden Staats- und Regierungschefs, sei die Erde in den letzten Jahren kühler geworden. Doch selbst wenn die Wissenschaft mit dem Treibhauseffekt recht hätte: »– ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Temperatur zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erheblich beeinflusst wird.« Kurz, die Ölbranche betrieb schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts hochmoderne Analytik, stufte die Ergebnisse als geschäftsschädigend ein und setzte eine weltweite Fake-News-Kampagne in Gang, um die Klimaforschung in Verruf zu bringen. Donald Trump hätte seine Freude gehabt. Dick Cheney hatte sie definitiv. Die Saat der Skepsis wurde von den Ölmultis und den ihnen verbundenen Politikern gelegt.“ (S. 34/35 in meiner ebook-Ausgabe, unter der Überschrift „Die Verteufelung der Klimaforschung“)

Da bleibt einem doch die Luft weg. Ein paar Kapitel später beschreibt Schätzing, warum Menschen häufig der Verlockung unterliegen, sich gegenteilig zu dem zu verhalten, was eigentlich angesagt ist. Und zwar mit Elementen aus der Spieltheorie. Ich kann und will das hier nicht hineinkopieren, denn ich möchte wirklich, dass ihr euch dieses Buch beschafft und lest. Egal ob ihr es kauft (und nach dem Lesen weitergebt an jemanden, von dem ihr auch wünscht, dass er oder sie das Buch liest) oder ob ihr es ausleiht. Auch egal, ob ihr mit allem übereinstimmt, was er schreibt (ich persönlich ziehe auch nicht aus allem dieselben Schlüsse, aber darum geht es auch gar nicht), lest es, überdenkt es, handelt mit dem, was ihr könnt. Nicht jeder von uns muss perfekt sein im nachhaltigen Handeln, aber jeder muss endlich im Rahmen seiner Möglichkeiten dringend die Komfortzone verlassen. Was wollen wir denn für unsere Kinder und Enkel hinterlassen? Ganz konkret:

Was wünschst du dir für deine Tochter, deinen Sohn? Wie möchtest du deinen Lebensabend verbringen, was sollen deine Enkelkinder von ihrer Zeit mit Oma und Opa in Erinnerung behalten? Wie soll die Welt aussehen, in der sie später leben werden?

Frank Schätzing legt nicht nur Finger in Wunden und prokelt genussvoll darin herum. Er hat sich auch (und nicht als erster, denn die Mechanismen gibt es ja bereits, sie werden nur zu wenig konsequent angewendet) mit konkreten Handlungsvorschlägen beschäftigt, und damit mutet er jedem einzelnen von uns natürlich auch etwas zu (im Gegensatz zu manchen Politikertypen, die den Anspruch erheben, Deutschland regieren zu wollen), denn Veränderung ist ja nun mal in erster Linie etwas, das vielen Menschen Angst macht. Weil wir zu bequem, zu satt geworden sind.

Mir gefällt an dem Buch sehr gut (das war schon bei einigen anderen Sachbüchern so, die ich hier besprochen habe), dass Schätzing konkrete Situationen als Ausgangspunkte für seine Fallbeispiele nimmt. Situationen, die vollkommen alltäglich sind, keine abstrakten Szenarien. So wird seine Sichtweise nachvollziehbar. Andere Abschnitte im Buch sind mir persönlich manchmal ein bisschen nahe am Slapstick, aber er ist schließlich auch kein Wissenschaftler, sondern Marketingspezialist. Positiv kommt auch rüber, dass er sich selbst durchaus in die Reihe derer stellt, die sich lange Zeit nicht unbedingt durch konsequent klimafreundliches Verhalten ausgezeichnet haben. Wie sehr wahrscheinlich die Meisten von uns.

Also: Klare Leseempfehlung!

Bibliographische Angaben:

Frank Schätzing, Was, wenn wir einfach die Welt retten?, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00201-0, € 20,-

Die Shitstorm-Republik

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Achtung, Triggerwarnung: Cybermobbing, virtuelle Gewalt

Auf das Buch gestoßen bin ich übers Netz. Wenn ich es noch richtig in Erinnerung habe, war es bei einer Insta-Live-Übertragung von Dunja Hayali (Ja, ich hab es eben mal nachgesucht, kommt hin), die ich mir nicht regelmäßig, aber doch öfter mal, abends beim Küche saubermachen anhöre. Weil da immer interessante, aber höchst unterschiedliche Leute dabei sind. Also um es gleich vorweg zu nehmen: Soziale Medien verbieten ist weder eine Option noch eine Lösung, denn es gibt auch unendlich viel inspirierendes dort zu finden. Unser (fast) aller Umgang damit ist halt noch sehr ausbaufähig.

Um jetzt sinnvoll meine Gedanken zum Buch zu sortieren, konsultiere ich meine Notizen. Zunächst mal zur Autorin: Nicole Diekmann ist 10 Jahre jünger als ich und stammt auch aus Ostwestfalen. Sie „studierte von 1997 bis 2004 Soziologie, Politikwissenschaften und Neuere und Neueste Geschichte in Münster und Hamburg. […] Im Anschluss absolvierte sie von 2004 bis 2005 eine Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule in München.“ (Quelle: Wikipedia, abgerufen 6.6.2021) Medienprofi auf fast allen medialen Kanälen. Und als solche passiert ihr an Neujahr 2019 aus der Gemütlichkeit und Beschaulichkeit der ostwestfälischen Wohnzimmeridylle ihres Elternhauses ein klitzekleiner, aber folgenreicher Fehler: Sie postet einen ironischen Tweet, aber vergisst, ihn als Ironie zu kennzeichnen. Und tritt damit eine Lawine los, bekommt einen Shitstorm, der immer weitere Kreise zieht.

Solltest du auch Erfahrungen dieser Art (wenn auch vielleicht nicht in dem Ausmaß) haben, sage ich gleich an dieser Stelle: Vermutlich ist es zu spät, diese Art von Grausamkeit aus deiner Wohnung, deinem Wohnzimmer oder sogar Schlafraum herauszuhalten, aber es gibt Organisationen, die Hilfestellung geben, zum Beispiel Hate Aid. Zögere nicht, dich dorthin zu wenden!

Aus ihren eigenen Erfahrungen heraus hat sich Nicole Diekmann auf Recherche begeben, wie diese für nüchtern denkende Menschen unglaubliche Spirale verbaler Gewalt (bei der es leider nicht immer bleibt, wie wir inzwischen wissen) entstanden ist und den Weg in die Gesellschaft scheinbar wenig widerspruchslos geschafft hat. Ich kopiere hier einmal das Inhaltsverzeichnis hinein, um das breite Spektrum darzustellen, das zu dem Themenkomplex gehört:

Etwas, das sich durch das Buch zieht und ziemlich perfide ist: Das Bewusstsein, dass man mit seinem Hass durchkommt statt verfolgt zu werden, die Kalkulation, dass Opfer sich entweder selbst verantwortlich fühlen oder zu sehr schämen, ihr vermeintliches „Versagen“ (in der Digitalkompetenz) einzugestehen und auch ein immer noch männerlastiges Überlegenheitsgefühl sowie die Neigung zur „Rudelbildung“ (S.60) sorgen dafür, dass immer mehr Nutzer, die mit Empathie und Augenmaß im Netz (re)agieren, sich zurückziehen und die Netzwerke so den Rüpeln überlassen. In der Folge entsteht der Eindruck, dass diese in der Mehrheit sind und damit auch stellvertretend für die Mehrheitsgesellschaft. Dem ist so nicht! (Es fahren auch nicht alle Motorradfahrer zu schnell und mit aufgebohrtem Auspuff. Man hört die eben bloß lauter…)

So gern ich das Buch hier in Länge und Breite auswalzen würde, das geht erstens nicht und ist auch zweitens nicht Aufgabe dieses Beitrages, als Kernproblem stellt sich etwas heraus, das wohl so ziemlich jeder von uns im vergangenen Jahr in einem mehr oder weniger beliebigen Bereich festgestellt hat:

Fehlende Medien- und Digitalkompetenz! Nicht nur beim Durchschnittsnutzer, sondern vor allem bei hochrangigen Politikern, Strafverfolgungsbehörden, im Journalismus ebenso wie in der Bildung, beim Lokalpolitiker um die Ecke, bei Kirchens und ganz bestimmt auch immer noch bei uns hier im Bloggeruniversum. Vor allem bei allen, die in irgendeiner Form Verantwortung für eine irgendwie hergestellte Öffentlichkeit oder gesellschaftliche Gruppen haben, ist das ein riesiges Manko. Statt bereits in jeder Ausbildung Wert auf Medienkompetenz zu legen, wird es in diesem wichtigen Bereich immer noch jedem Akteur selbst überlassen, ob er/sie affin zu diesen Themen ist oder am liebsten gar nichts damit zu tun haben möchte. Aber die Büchse der Pandora ist nun einmal geöffnet, wir bekommen ihren Inhalt nicht wieder hinein.

Die Beschäftigung mit den Problemen ebenso wie mit den Lösungsansätzen, aber auch die detaillierte Darstellung der Entwicklung der sozialen Netzwerke machen das Buch zu einer spannenden Lektüre, gerade für die Angehörigen im weitesten Sinne meiner Generation.

Wenn ich mich zurückerinnere, war das Internet ein ganz netter Raum voller cooler Ideen. Als meine „großen“ Töchter noch klein waren, nutzte ich ebay, um mit gebrauchten Kinderklamotten zu dealen und meinerseits „neue gebrauchte“ einzukaufen. Da machte ebay auch noch Spaß, weil es ein reiner online-Flohmarkt war, ohne professionelle Händler, die inzwischen alles überwiegen. Auch der Konzern mit dem Daumen hoch, der damals noch kein Konzern war, machte einmal Spaß, wenn man ehemalige Mitschüler, die inzwischen in aller Welt verstreut waren, kontaktieren konnte. 9/11 (2001) war dann der Tag, an dem das Internet zusammenbrach, unter der Last der vielen Millionen Menschen, die virtuell Anteil nahmen an den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon. Ich weiß noch genau, wie meine Kollegin und ich während unseres Arbeitstages in der Buchhandlung immer wieder nachschauten, entsetzt darüber, was ideologieverblendete Menschen anderen antun können, und dann in dieser Dimension! Danach war vieles anders. Und gipfelte (vorläufig) im Livestream eines Terroranschlages, der über 50 Todesopfer forderte, der auf Facebook übertragen wurde und viral ging, ehe der Konzern auch nur ansatzweise einschreiten konnte.

Und selbst Instagram, das Medium mit den hübschen, gestylten und gephotoshopten Bildchen, das nur die Happy-Moments einfing, hat in zwischen seine Unschuld verloren, es wird in den Kommentarspalten beleidigt, zur Lynchjustiz angestachelt, niedergemacht.

Mein Fazit und meine Empfehlung:

Lies! Dieses! Buch! Egal ob gekauft oder ausgeliehen, analog oder digital. Wenn dir der Umgangston im virtuellen wie im realen Raum nicht egal ist, mach dir die Gedanken und versuche, in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen, wie es für dich richtig und angemessen ist.

Bibliographische Angaben:

Nicole Diekmann, Die Shitstorm-Republik, Kiepenheuer & Witsch, Buch: ISBN 978-3-462-00080-1, 12 €; eBook (EPUB): ISBN 978-3-462-30240-0, 9,99 €

Ach übrigens: Wir können, sollen und müssen nicht alle einer Meinung sein. Wir dürfen leidenschaftlich streiten über bessere Wege, zum Beispiel aus der Pandemie, für die Lösung der Klimakrise, für so viel anderes auch. Aber bitte immer mit der Maßgabe: Respekt (wichtiger als Toleranz, finde ich) für die Ansichten unseres Gegenübers, im Ton stets so bleiben, wie wir auch mit einem uns real gegenüber stehenden Menschen reden würden, im Endeffekt einfach so, wie wir uns auch wünschen, angesprochen zu werden. Ich kenne niemanden, der es toll findet, angepöbelt zu werden.

Unter Druck – Eindringliche Leseempfehlung

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Ein kleines, aber wichtiges Detail vorweg: Das Buch ist Corona-frei, da die gebundene Ausgabe bereits 2019 erschienen ist, aktuell ist die Taschenbuchausgabe herausgekommen.

Die Autorin Jana Simon, in der DDR geboren und aufgewachsen, Enkeltochter des Schriftsteller-Ehepaares Christa und Gerhard Wolf, arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. Für dieses Buch hat sie einige Menschen in Deutschland über einen Zeitraum von fünf (!) Jahren immer wieder getroffen und ein Stück begleitet, Interviews geführt, Beobachtungen angestellt. Ganz unterschiedliche Menschen wie Alexander Gauland (der eine Schlüsselfigur darstellt, denn sein Weg in der AfD in die zunehmende Radikalisierung, die ihm anscheinend manchmal im Vorübergehen passiert, berührt irgendwann jeden der anderen Menschen) oder Jörg Asmussen, im Laufe seiner Karriere war er Finanzstaatssekretär, Vorstandsmitglied bei der EZB, Staatssekretär im Bundessozialministerium und schließlich nach dem Wechsel in die Privatwirtschaft bei der Investmentbank Lazard für internationale Fusionen und Käufe als Berater tätig. Diese beiden Herren dürften einem breiten Publikum bekannt sein.

Vielleicht auch noch die Modebloggerin Lisa Banholzer, aber dann wird es privater. Eine engagierte gelernte Krankenschwester aus München, gebürtige Polin, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, kämpft vor allem mit viel zu hohen Mieten und fehlender Anerkennung des Pflegeberufes. Ein Polizist aus Thüringen, der beim Staatsschutz arbeitet und unter anderem mit den NSU-Durchsuchungen zu tun hatte und immer wieder auf AfD und Rechtsextreme stößt, der bei seiner Arbeit oft mehr Fragen als Antworten hat und immer wieder über seine Grenzen hinausgehen muss. Sowie ein Ehepaar aus Norddeutschland, das für den Bosch-Job des Mannes nach Stuttgart gezogen ist und sich nach Jahren in einem ganz eigenen Hamsterrad wiederfindet, aus dem es kaum einen Ausweg zu geben scheint. Samt Burnout und Zweifeln am eigenen Lebensstil.

Auf den ersten Blick haben diese Menschen nicht sehr viel miteinander zu tun, aber alle offenbaren einen Blick hinter die Kulissen Deutschlands. In ihrem jeweiligen Metier erkennen sie bereits recht früh, dass vieles falsch läuft, dass die großen Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar und auch nicht wirksam sind. Das Gefühl von immens wachsendem Druck, dem wir nicht ausweichen können, der uns vor sich her treibt und uns immer schneller, immer höher, immer weiter peitscht, den kennen vermutlich die Meisten von uns. Das Leben nimmt, mal abgesehen vom vergangenen Jahr, nur noch an Geschwindigkeit zu. Und die Menschen, die von der Autorin begleitet werden, verkörpern alle eine wichtige Facette des Lebens im Deutschland der letzten acht Jahre.

Warum gerade 2013 der Startpunkt ist? Da zitiere ich die Autorin:

„Als ich im Sommer 2011 nach Deutschland zurückkehrte, wirkte das Leben in Berlin im Vergleich zu Los Angeles geradezu harmonisch entspannt. Ich dachte, wenn es stimmt, dass Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten mit ein wenig Zeitverzögerung nach Europa kommen, kann man sich nur fürchten.Und sie kamen. Sichtbar wurden die Verschiebungen in Deutschland aber erst nach und nach. Ein Jahr ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben – 2013, das Ausgangsjahr dieses Buches, dem die Griechenlandrettung, die Eurokrise, der Kriegsausbruch in Syrien und die Entdeckung des rechtsextremen NSU-Terror-Trios vorausgegangen waren. Das Jahr, in dem der Ukraine-Konflikt eskaliert, der NSU-Prozess anfängt und sich die AfD gründet. In diesem Jahr treffe ich den fast achtzigjährigen Horst Wilde in seiner Berliner Wohnung, aus der er nach 41 Jahren ausziehen muss, weil die Miete nach einer »energetischen Sanierung« und den Modernisierungsmaßnahmen das Fünffache kostet. Ich spreche mit den Angehörigen eines NSU-Opfers, die jahrelang als Täter verdächtigt wurden. Polizeibeamte hatten sich bei den Befragungen der Familien als Journalisten und Privatdetektive ausgegeben. Erstmals ziehen deutsche Islamisten in den Syrienkrieg.“ (aus dem Vorwort, bei meinem eBook ist es die Seite 6)

Ach, ich könnte euch an dieser Stelle zig berührende Stellen aus dem Buch zitieren, so wie ich sie meinem Mann am Esstisch vorgelesen habe, aber stattdessen empfehle ich euch dringend, das Buch zu lesen. Manchem kann ich zustimmen, anderes sehe ich naturgemäß ganz anders, aber viele Strömungen und manche Meinungsbildungsprozesse macht das Buch sichtbar, wo ansonsten alles im Verborgenen geschieht, unter der Decke der Privatsphäre.

Jana Simon hält sich selbst dabei meist zurück, sie ist die Chronistin im Hintergrund, die mit einfühlsamen Fragen ihren Gesprächspartnern auf den Zahn fühlt. Bei Alexander Gauland wertet sie hin und wieder sparsam, was ich bei einer so kontroversen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aber auch ok finde, da kann man kaum anders, als sich dazu zu äußern. Ihr unaufdringlicher, sachlicher Stil und immer von außen distanzierter Blick auf die Personen ist für mich wohltuend und beruhigend gewesen, denn: Manche Abschnitte im Buch ließen mich ratlos zurück, vor allem mit der Frage, ob wir als Gesellschaft „die Kurve kriegen“, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Lebens mit Anstand und Würde zu begegnen. Und ich bin auch ehrlich gesagt noch nicht sicher, wie ich mit meinen Erkenntnissen umgehen und sie in mein alltägliches Leben intergrieren soll.

Bibliographische Angaben: Jana Simon, Unter Druck, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70326-5, 12 €

Fehlender Mindestabstand

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Wegen fehlendem Mindestabstand musste ich die Lektüre leider erstmal unterbrechen. Mir fehlte langsam der Mindestabstand zu meinem eigenen Unverständnis der Verhaltensweisen, die im Buch dargestellt werden. Mir rückten die teilweise kruden Thesen, die Menschen verbreiten und anscheinend auch glauben, zu sehr auf die Pelle durch die Beschäftigung damit. Kurz: Mir ging die Laune flöten…

Glücklicherweise besteht das Buch aus Essays, die unterschiedliche, auch internationale Facetten des Phänomens der Verbrüderung aller möglichen (und unmöglichen) Strömungen des Misstrauens in die Gesellschaft beleuchten. So versuche ich es höflich auszudrücken. Es ist erschreckend, dass im Zeitalter der Aufklärung wohl so mancher finstere Verschwörungsglaube nicht beseitigt, sondern nur notdürftig kaschiert wurde. Ich frage mich, wie um alles in der Welt es die Menschheit bis hier und heute gebracht hat, wenn sie scheinbar nur von Verbrechersyndikaten und korrupten Eliten regiert wurde und wird, aber vor allem stelle ich mir die große Frage:

Was bringt Menschen, die ich vor einem Jahr eher entweder im christlich-konservativen, liberalen oder linksalternativen Spektrum verortet hätte, dazu, mit offen rechtsextremen und teilweise demokratiefeindlichen Gruppen gemeinsam auf die Straße zu gehen? Dabei ist es vollkommen egal, ob aus Protest, Angst oder Besorgnis, einige ganz persönliche Motive kann ich sogar gut nachvollziehen. Aber, nein! Gruppierungen auf den Leim gehen, die auf komplizierte Probleme einfache Lösungen oder „Starke Männer“ aufstellen, das Nachplappern von teils jahrhundertealten Bedrohungsszenarien, die weltweite Bereitschaft, sich menschenwürdeverachtenden Rattenfängern anzuvertrauen, das kann ich nicht begreifen.

Regenbogenfahnen neben Reichsflaggen (Hallo! In dieser „guten alten Zeit“ landeten auch Homosexuelle und andere sich der heute als queer bezeichnenden Bewegung zugehörigen Menschen in KZs!)

Ein toxischer Cocktail aus Anthroposophie, verschiedenen wahlweise ökonomischen oder auch ökologischen Verschwörungsszenarien, Antisemitismus, Klimawandelleugnung, Deep State, NWO, Esoterik und Rassismus erinnert an den Zauberlehrling von Goethe.

Lesenswert ist das Buch allemal, aber bitte mit guten Nerven. Es ist ein bitterer Kirmes-Ersatz: ich erlebe eine Achterbahn im Gruselkabinett. Wohltuend sind da einige Interviews mit Menschen, die selbst teilweise auch bereits verbal oder auch tätlich angegangen wurden, aber trotzdem versuchen, einen differenzierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen.

Bibliographische Angaben:

Kleffner, Heike/Meisner, Matthias; Fehlender Mindestabstand; Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39037-1; € 22,.

Küchenliteratur

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Wenn ihr hier jetzt den ultimativen Kochbuch-Tipp erwartet habt, muss ich euch leider enttäuschen. Ist ja nicht so, dass ich keine Kochbücher hätte, ganz im Gegenteil. Eigentlich viel zu viele. Jedenfalls, wenn man bedenkt, dass aus dem durchschnittlichen Kochbuch vielleicht zehn Prozent der Rezepte dauerhaft ins eigene Repertoire aufgenommen werden…

Aber ich will euch nicht länger auf die Folter spannen, warum diese beiden Büchlein in der Küche geadelt wurden: Sie sind klein und handlich und schnell durchgelesen. Trotzdem empfiehlt es sich, bei der Beschäftigung mit den Gedanken in den Büchern etwas zu kochen, das man auch im Dunkeln hinbekommt. Denn die Positionen, die von den beiden Rechtsanwälten, Schriftstellern und Filmschaffenden vor allem in „Trotzdem“ betrachtet werden (die Gespräche zum Buch führten sie am 20. März 2020, ein paar Tage nach dem Inkrafttreten des ersten Lockdowns) erfordern Aufmerksamkeit im Denken. Die Pasta umrühren geht nebenher ganz ordentlich, aber ich würde nicht unbedingt Strudelteig ausrollen oder ähnlich diffizile Tätigkeiten ausführen, die ebenfalls viele Ressourcen brauchen.

„Jeder Mensch“ ist dagegen ein Buch, das zum konkreten Handeln herausfordert. In unserem Fall haben sich nach der Lektüre mindestens zwei Menschen aus der Familie bei der europäischen Initiative „We move“ angemeldet. Denkansatz ist die Utopie einer europäischen Verfassung. Und zwar einer, die sich gewaschen hat. Es geht um Verfassungsrang für:

Warum diese Utopie gar nicht so schlechte Chancen hat? Dazu ein Griff in die Geschichtskiste:

Am 4. Juli 1776 erklärten sich die amerikanischen Kolonien unabhängig von Großbritannien. Ihre Unabhängigkeitserklärung begann mit den Worten: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ (S. 5) 1776 hielten die meisten Männer, die hinter der Verfassung standen, Sklaven. Erst 1965 bekamen die Schwarzen das volle Wahlrecht. Wie es aktuell um ihre Rechte steht, sehen wir leider viel zu häufig in den Nachrichten.

1789 verfasste Marie-Joseph Motier, Marquis de Lafayette, die „Erklärung der Menschenrechte“ (S. 11). Er war jahrelang in den jungen USA, hatte intensiven Austausch mit George Washington und Benjamin Franklin. Ihre Ideen hatten ihn angesteckt, aber in Frankreich regierte die Guillotine, von Menschenrechten weit entfernt.

Was in beiden Ländern verfasst wurde, war eine Utopie, eine dringende Wunschvorstellung, wie es besser geht. Bis heute ist nicht alles gut, aber was, wenn niemand den Anfang gemacht hätte?

Mit dieser Frage entlasse ich euch in den Tag. Welche Utopie möchtet ihr gern anschieben?

Bibliographische Angaben:

Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge, Trotzdem, Luchterhand Verlag , ISBN 978-3-630-87658-0, € 8,-

Ferdinand von Schirach, Jeder Mensch, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87671-9, € 5,-