Wenn das Wasser kommt

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Den Zusatz „Ein Essay“ hatte ich doch glatt überlesen, als ich mir das Leseexemplar bei Netgalley runterlud. Aber so kam es, dass ich in einem Rutsch beim Warten auf die abendlichen Nachrichten das gesamte Büchlein durchlesen konnte.

Kann nicht. Darf nicht. Geht nicht.

So charakterisiert Rutger Bregman seine niederländische Heimat und ihre Menschen. Und diese Aussagen tragen sie so lange vor sich her, bis eine Katastrophe eintritt. Ab dann sind die Niederländer allerdings in der Lage, das Unmögliche möglich zu machen. Spätestens seit 1953 gäbe es sonst große Teile der Niederlande nicht mehr. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass dieser Essay 2020 geschrieben, für die deutsche Ausgabe aber um einige spezifisch deutsche Informationen durch Susanne Götze erweitert wurde.

Jedenfalls, ausgehend von der großen Flutkatastrophe 1953 in den Niederlanden und der neun Jahre später Hamburg verwüstenden Sturmflut breitet Bregman seine These aus, dass die Menschheit erstens ziemlich geschichtsvergessen ist und zweitens, dass immer die Neigung da ist, zu sagen „Wird schon nicht so schlimm kommen“. Bemerkenswert, denn eigentlich steht diese Haltung ja im krassen Gegensatz zur typischen „German Angst“.

Die surreale Absurdität liest sich dann beispielsweise so:
„Noch schlimmer trifft es die Ostfriesischen Inseln, deren Untergrund aus Sand besteht. Sie liegen ungeschützt gegen jede Sturmflut vor der Nordseeküste und ragen nur wenig über den Meeresspiegel hinaus. Viele dieser Inseln haben Schutzdünen aus Sand, auf denen sogar teilweise Häuser stehen. Bei einem Meeresspiegelanstieg ab einem Meter und einer Zunahme von Sturmfluten sind sie stark gefährdet, Hotels und Ferienhäuser erste Opfer der Fluten. Aus diesem Grund verklagte eine Familie von der Nordseeinsel Langeoog die Europäische Union auf schärfere Klimaziele – und scheiterte 2021 am Europäischen Gerichtshof.[41]Was manche Bewohner schon heute nicht mehr schlafen lässt, ist dem Immobilienmarkt offenbar komplett egal: Ein Grundstück auf Langeoog in der Nähe zum Strand kostet spektakuläre 7200 Euro pro Quadratmeter. Eine geeignete Versicherung, die künftige Schäden mit abdeckt, bietet allerdings niemand mehr an. (6. Kapitel)

Wie bitter muss es für die Journalistin Susanne Götze gewesen sein, ihr Nachwort mit diesen Worten zu beginnen:
„Kaum hatte ich den Stift für die Erweiterung des Textes von Rutger Bregman beiseitegelegt, da passierte es. Das Wasser kam. Noch hatte ich den Satz von Michael Kleyer aus Oldenburg im Ohr: «Natürlich gibt es unwahrscheinliche Konstellationen. […] Aber wir wissen, dass diese Extremwetter durch den Klimawandel zunehmen. Wir können das ernst nehmen – oder wie bei den großen Fluten Mitte des Jahrhunderts hoffen, dass alles nicht so schlimm kommt. »Es war unheimlich, fast surreal, dass dieser Essay so schnell von den Ereignissen überholt wurde. Erftstadt, Schuld, Altenahr – diese überschwemmten Orte in Westdeutschland haben im Juli 2021 die so «unwahrscheinlichen» Konstellationen erfahren. Die ganze Republik konnte tagelang verfolgen, dass die angebliche Sicherheit, in der wir uns in Deutschland wiegen, nur ein schöner Schein ist. Als die braunen Wassermassen zwischen den Fachwerkhäusern brausten, Menschen auf den Dächern auf die Helikopter warteten und Einwohner nach ihren Angehörigen suchten, wurde diese Illusion begraben. Das Unwahrscheinliche wurde wahr, aus Sicherheit wurde Angst, aus Schwarzmalern wurden plötzlich Propheten. All das, was dieser Text beschreibt, wurde uns in den vergangenen Monaten wie durch einen Spiegel vorgehalten. Doch nach fast 200 Toten, Tausenden zerstörten Existenzen und apokalyptischen Szenen aus den Flutgebieten dankt niemand den Propheten, die es ja schon wussten. Keiner vergibt Orden dafür, dass man recht hatte. Und wer wollte sie auch haben?“

Und erst die Diagnose dessen, was wirksame Maßnahmen zu oft verhindert:
„Für eine echte Krisenvorsorge müsste die Politik aber weit vorausdenken. Dieses langfristige Denken fehlt in Politik und Wirtschaft.“
So lange das Denken und Handeln bestimmt ist von Legislaturperioden und Geschäftsjahren, so lange kann man kein vorausschauendes Denken, geschweige denn Handeln erwarten. Und so lange niemand zugeben mag, dass Verbesserungen erstmal weh tun können, ehe sich ihr Sinn zeigt, bleibt das Denken deswegen „Wird schon nicht so schlimm.“

Bibliographische Angaben: Rutger Bregmann/Susanne Götze, Wenn das Wasser kommt, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-00729-3, € 8,-

„Ohne Rücksicht!“

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Wer kennt sie nicht, die Zeitung mit den vier Großbuchstaben? Und wer kennt nicht den Ruf, der ihr vorauseilt? Als ich noch zur Schule ging, so Ende der 70er Jahre oder auch Anfang der 80er, kursierte der Spruch „Mutter drehte Kind durch den Fleischwolf. BILD sprach als erstes mit dem Klops!“ und ich wusste überhaupt nichts damit anzufangen, denn im Haus meiner Eltern fand die BILD schlichtweg nicht statt. Mit zunehmendem Alter sah ich die Schlagzeilen, wenn ich beim Bäcker in der Schlange stand oder nach der Schule im Kiosk mein Schokokuss-Brötchen holte. Ich fand sie stets sehr merkwürdig, dachte mir aber nicht so sehr viel dabei. Das änderte sich erst mit der Buchhändler-Ausbildung, denn es gab auch ein Zeitschriften-Regal in der Buchhandlung. Das tägliche Austauschen der Tageszeitungen und die wöchentlichen Remittenden gehörten zum Aufgabenbereich der Azubis im ersten Lehrjahr.

Also, ich hätte ja wissen können, was auf mich zukommt, wenn ich dieses Ebook in die Hand nehme. Allerdings ist es bis heute so, dass diese Zeitung nicht die Schwelle unseres Hauses überschreitet und ich daher nie so ganz genau weiß, was dort alles so geschrieben wird. Ich muss gestehen, für dieses Buch habe ich fast vier Monate gebraucht. Mit vielen Pausen zwischendurch, denn ich mochte mir die geballte Ladung wiedergegebenen Mist nicht auf einmal antun. Chapeau an die beiden Autoren, die alles, was sie beschreiben, sauber recherchiert und dokumentiert haben. Ich frage mich, was braucht man als Ausgleich, um bei dieser Tätigkeit seelisch gesund zu bleiben.

In den letzten Monaten hat man ja auch, wenn man nicht selbst dieses Blatt liest, mitbekommen, dass der Chefredakteur offensichtlich „Compliance“-Probleme hat, was sehr wohlklingend und elegant umschreibt, dass er keinerlei Skrupel hat, Frauen, Minderheiten und Opfer von Straftaten gnadenlos zu instrumentalisieren. Ich weiß nicht, was ich ekelhafter finden soll: Die absolut menschenverachtende Art, Journalismus zu betreiben, die Bereitschaft von ausgebildeten JournalistInnen, das beruflich mitzumachen oder die Treue von viel zu vielen Lesern zu diesem Blatt, in das ich nicht mal auf dem Wochenmarkt meinen Fisch eingewickelt haben möchte.

So ziemlich jede Bevölkerungsgruppe ist schon in ehrverletzender Weise durch den Kakao gezogen worden (Das ist noch viel zu harmlos gesagt, denn zu häufig werden geradezu Existenzen zerstört!), vom Hartz-IV-Empfänger bis zum hochdotierten Wissenschaftler, Spitzensportler ebenso wie Spitzenpolitiker, von Frauen, queeren Personen, Migranten gar nicht erst zu reden. (Wer käme zum Beispiel auf den Gedanken, bei einem männlichen Fußballprofi in der Öffentlichkeit zu spekulieren, wie gut er denn „bestückt“ sei oder da sei in der Rückansicht ja ein prächtiger Knackarsch zu erkennen! Bei den Spielerinnen werden aber ständig Äußerlichkeiten betont, ehe auch nur ansatzweise auf die Leistung auf dem Spielfeld eingegangen wird.) Trotzdem lesen aus allen diesen gesellschaftlichen Gruppen Menschen tagtäglich diese Zeitung und mehr noch: selbst seriöse Parteien oder Medien nutzen die Berichte als Referenzen!

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass in diesem Herbst Zeitungspapier knapp ist? Bloß für ein Schmierenblatt mit dicken schwarzen und roten Lettern, da scheint genügend Kapazität vorrätig zu sein…

Mein Fazit: Ja, es mag den einen oder die andere geben, die mir bescheinigen, dass ich in manchen Dingen heillos naiv bin. Ich habe einfach riesige Schwierigkeiten, es auf die Kette zu kriegen, dass dieses Geschäftsmodell funktioniert. Obwohl ich weiß, dass es so ist. Aber dieses Buch habe ich trotz meiner Schwierigkeiten als sehr wichtig empfunden. Eine andere Rezensentin schrieb, die Leute, die total auf BILD stehen, erreiche man leider eher nicht und ich gebe ihr Recht mit dieser Einschätzung. Aber ich hoffe doch sehr, dass es Menschen gibt, die bisher eher gleichgültig waren und zukünftig diese Art „Journalismus“ nicht mehr hinnehmen wollen.

Bibliographische Angaben: Mats Schönauer/Moritz Tschermak, Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet; Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05354-8; € 18,-

PS: Beim Schreiben des Beitrags ging mir immer wieder von den Ärzten das Lied „Lasse reden“ durch den Kopf…

Schreiben in Cafés

Das Buch habe ich mir bestellt, nachdem ich das Foto von dem Buch beim Aufräumen der Handyfotos wiedergefunden habe. Ich freue mich schon sehr darauf, es zu lesen, hoffe ich doch unter anderem auf Inspiration und vielleicht auch ein klitzekleines bisschen Handwerkszeug.

Es heißt ja, dass es ohne Cafés keinen Harry Potter geben würde, weil J.K. Rowling dort ihr erstes Manuskript auf Servietten schrieb. Ok, das stelle ich mir sehr unkomfortabel vor, schon wegen der Papierqualität… Schreibpapier kann ich also ohne Weiteres selber mitbringen.

Schwieriger finde ich die Tatsache, dass die Café-Dichte ständig abnimmt. Nicht nur durch Corona, in Minden habe ich es vorher schon erlebt, dass Cafés geschlossen wurden, und wenn denn in den Räumen wieder Gastronomie einzog, dann oft als Burgerladen oder Tapas-Bar. Und das empfinde ich als Problem. Warum, willst du wissen?

Eine üppige Sahnetorte oder auch gedeckten Apfelkuchen, eine Waffel mit heißen Kirschen oder Käsekuchen isst man im Allgemeinen gepflegt mit der Gabel, trinkt ab und zu ein Schlückchen Kaffee, Tee oder heiße Schokolade und beobachtet ansonsten interessiert die Umgebung. Das bietet sowohl Inspiration als auch saubere Hände zum Schreiben.

Aber seit 53 Jahren schaffe ich es nicht, einen Burger ohne Zuhilfenahme der Finger zu essen, ehrlich gesagt benutze ich dafür auch nur äußerst ungern Messer und Gabel. Denn wenn ich mir mal einen bestelle, dann reicht nicht die labberige Mekkes-Basisvariante, höchstens 1,5 cm dick und mit nichts als einer Gummibulette belegt, sondern er muss schon üppig gefüllt sein, egal ob fleischig oder vegetarisch. Mit Käse, Tomaten, Gurken, gern auch Aubergine, frischen oder gerösteten Zwiebeln und reichlich Soße plus Senf. Da bräuchte ich statt der Gabel ja schon mindestens eine Mistforke! Und als Messerersatz eine Motorsäge. Also quetsche ich mir die Dinger halt zwischen die Pfoten, da besteht wenigstens die reale Chance, dass er nicht komplett auseinanderrutscht, weil ich alle Finger zum Käfig um den Burger forme. Dazu Pommes, die ich ebenso immer noch am liebsten infantil mit den Fingern in den Ketchup tunke. Wie soll ich denn dabei schreiben oder erst recht Leute beobachten, ob die sich beim Essen genauso doof anstellen wie ich?

Also, ich werde als erstes mal die Eiscafés auf ihre Tauglichkeit als Schreibstuben testen, ehe die Spezies der italienischen Eisverkäufer zum Überwintern in den Süden zieht (Ich kann sie gut verstehen, schließlich hatten sie ja außer viel Arbeit vor allem mitunter über alles meckernde Deutsche im Sommer.) Mit dem Buch, einer Kladde und einem flüssig schreibenden Stift. Mal schauen was dabei herauskommt, ich berichte dann später…

Im Garten deiner Sehnsucht

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Ich gebe es gern zu, als erstes war ich von dem wunderschön gezeichneten Cover angetan, weil es so eine friedliche Atmosphäre zauberte, die ich sehr gut gebrauchen konnte, als ich mir das Leseexemplar herunterlud. Das Wort „Garten“ im Titel zog mich ebenso magisch an. Ein schöner, leichter Sommerroman, so kommt es mir vor, wenn ich mich auf visuelle Eindrücke verlasse. Außerdem mag ich Geschichten über die us-amerikanische Lebensart außerhalb der Großstädte, mich fasziniert das ländlich oder kleinstädtisch geprägte Leben dort.

Aber dass es so simpel nicht sein würde, darauf hatte mich ja schon der Werbetext hingewiesen. Und richtig, ich wurde beim Lesen hineingezogen in diese Geschichte und konnte nicht aufhören.

Zwei Häuser, die eine gemeinsame Geschichte haben, am Ufer des Lake Michigan. Zwei Familien, schicksalhaft miteinander verbunden, obwohl sie auf den ersten Blick nicht vergleichbar sind. Wunden, eher seelisch als körperlich, frische und alte, die Heilung suchen. Und dazwischen immer wieder einerseits die erdenden Szenen in den Gärten, Infos über und Magie der Blumen; andererseits die Fragen nach der (Un-)gerechtigkeit von Kriegen. Schönheit und Abscheuliches.

Ganz bewusst schreibe ich diese Zeilen, ehe ich das Buch beendet habe, denn ich ahne, es wird noch eine Krise geben und hoffentlich eine Katharsis. Einen Sinn hinter allen Verletzungen. Im Hintergrund frage ich mich gleichzeitig, warum ich das so dringend wünsche. Denn es gibt im Leben nun mal nicht immer einen erkennbaren Sinn, nicht für jedes Unglück Heilung, keine Garantie auf ein Happy End. Vermutlich ist es die unausrottbare Hoffnung, ohne die wir vieles nicht ertragen könnten, die hinter diesem Wunsch steht. Aber diese Spannung möchte ich unter keinen Umständen spoilern und deswegen kommt meine Besprechung auch heute und zu genau diesem Zeitpunkt.

Ich empfinde das Buch als sehr einfühlsam, berührend und konnte bisher über kleine, komische Alltagssituationen schmunzeln und einige Minuten später über die Grausamkeiten, die Kriegsveteranen (überall in der Welt übrigens) mit sich herumschleppen müssen, bittere Tränen vergießen. In diesem Sinn beste Unterhaltung, wenn man nicht gerade nach eitel Sonnenschein sucht.

Bibliographische Angaben: Viola Shipman, Im Garten deiner Sehnsucht, Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-596-70036-3, € 10,99

Die Provence hat (mal wieder) gerufen

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Das Cover zog mich bereits magisch an, versprach es doch Entspannung, Ruhe und Lavendelduft in der Nase. Schon witzig, dass ich in diesem Sommer abwechselnd echt herausfordernde Sachbücher und dann wieder leichte Urlaubslektüren lese. Obwohl ich gar keinen Urlaub mache. Aber es ist einfach meine Art, zu den Inhalten der Umweltthemen und gesellschaftlichen Problemen einen Ausgleich zu finden.

Umso überraschter war ich, als dieses Buch gleich zu Beginn mit einem typischen Klischee brach: Die Protagonistin Helen ist alles andere als begeistert, dass ihr Freund Leo sie zu einem spontanen Urlaub in die Provence „entführt“, in einem alten VW-Bulli, der Zicken macht wie eine alternde Opern-Diva. Denn sie ist kurz davor, eine wichtige Präsentation für ihre berufliche Zukunft erstellen zu müssen und setzt sich damit selbst gewaltig unter Druck.

Es kommt, wie es kommen muss, die beiden landen mit einem kaputten Bulli in einem abgelegenen Ort, sogar in einem kleinen Hotel, das von einer deutschen Aussteigerin geführt wird. Während Leo also alle Hebel in Bewegung setzt, das altersschwache Gefährt wieder reisetüchtig zu machen, entschließt sich Helen, die Gegend zu erkunden, wenn sie schon Zwangspause einlegen muss. Dort erliegt sie dem Duft des Lavendels und mit einigen Umwegen auch schließlich dem Charme des Lavendelladenbesitzers…

Nach einigem Hin und Her und etlichen Verwicklungen gibt es dann aber eine neue, überraschende Wende und es stellt sich heraus, dass Träume manchmal gut daran tun, genau dieses zu bleiben.

Ein warmherziges Buch, das Spaß beim Lesen macht, stellenweise das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt (Gut, dass von einigen Gaumenfreuden die Rezepte dabei sind!) und eine höchst angenehme Auszeit aus dem Alltag bietet.

Bibliographische Angaben: Marion Stieglitz, Lavendeltage in der Auberge de Lilly, Aufbau Taschenbuch, ISBN 978-3-7466-3725-9, € 10,–

Was wäre, wenn…

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Ich war unter anderem wegen der Themenauswahl ziemlich neugierig auf dieses Buch, kannte aber die Kolumnen von Christoph Koch nicht. Nun haben es Kolumnen an sich, dass sie umfangreiche Themen nicht erschöpfend behandeln können, sondern nur Denkanstöße geben.
In dieser Richtung ist das Buch auf jeden Fall gelungen, mehr noch, es weckt in mir zumindest mehr Fragen als es Antworten gibt. Bei einigen Themen, meist solchen, mit denen ich mich bereits vorher beschäftigt hatte, kam es mir allerdings so vor, als ob irgendwie beim Schreiben „die Luft ausging“, ich hätte mir mehr pointiertes gewünscht.
Aber das ist ja nur meine ganz persönliche Sichtweise, für Menschen, die gern viele Themen kurz und generalistisch streifen, ist es möglicherweise genau das richtige Buch, um ins Nachdenken zu kommen.

Fazit: Das Buch und ich sind nicht unbedingt kompatibel, aber das sollte niemanden abhalten, es selbst zu testen.

PS: Für alle, die an solchen Zukunftsszenarien und Gedankenspielen interessiert sind, gibt es von der Tagesschau auch den Zukunftspodcast „Mal angenommen“, vermutlich überall, wo man Podcasts hören kann.

Lesetagebuch 2.0 – Fazit

Boah! Das war ein Brocken. Nicht nur vom Gewicht des Buchblockes, sondern vor allem von der Gewichtigkeit des Inhaltes her. Deswegen musste ich zwischendurch auch ein paarmal was anderes lesen, besprechen, bedenken.

Im Endeffekt könnte ich aber direkt wieder von vorn anfangen, weil ich auf einige Dinge gestoßen bin, mit denen ich mich gern näher beschäftigen möchte. Besonders hat mich berührt, dass eben wirklich alles irgendwie mit allem anderen zu tun hat, was wir gern im Alltag ausblenden. Was aber erstens verständlich ist (sonst findet man ja gar keine Ruhe mehr, und die brauchen wir einfach), und zweitens ist es auch in Ordnung, wenn nicht jedem von uns alles gleich wichtig ist und wir müssen auch keine Perfektion erreichen.

Wichtig ist: sich Gedanken zu machen, und anfangen, eine Sache (und dann die nächste, und irgendwann die übernächste…) umzusetzen. Nicht alle Aspekte betreffen ja auch jeden von uns gleichermaßen. Aber wir sollten trotzdem im Hinterkopf behalten, dass es Sachverhalte gibt, die in anderen Gegenden die Welt auf den Kopf stellen und dass im Endeffekt stets die gesamte Erde betroffen ist. Ihr wisst schon, Schmetterling und so.

Hilfreich ist es in jedem Fall, Dinge nicht abstrakt zu betrachten, sondern die persönliche Dimension dahinter in den Fokus zu stellen: wie würde ich mich verhalten, wenn etwas mir oder meiner Familie, vor allem meinen Kindern, passieren würde? Wie wünsche ich mir, dass wir in den nächsten Jahren leben können? In welcher Situation sollen meine Töchter im Jahr 2050 sein, soll ihr (Über-)leben ein K(r)ampf sein oder sollen sie sich vielleicht auch lieber daran freuen, ihren Enkelkindern irgendwann die Schönheiten der Erde zu zeigen?

Oder viel näher am hier und jetzt: Wo möchte ich nächstes Jahr meinen Urlaub verbringen? An einem Strand voller Plastikmüll? In einem Wald, der aus abgestorbenen Bäumen besteht? In Bergen, die immer instabiler werden, weil der Permafrost die Felsen nicht mehr zusammenhält?

Und ich? Was mache ich jetzt, nachdem ich das Buch durchgehechelt habe? Nun, ein wenig Luft holen, einen Roman lesen, morgen zum ersten Mal wieder zum Arbeiten in die Buchhandlung gehen, mein Nähzimmer neu organisieren und dann versuchen, einen Teil der Bücher abzuarbeiten, die mir beim Lesen von „Mensch, Erde“ neu auf meine Liste gewandert sind. Und am Klimastreik teilnehmen. An dem Vormittag darf dann halt keiner unserer Buchhändler EDV-Probleme haben. Am besten, sie gehen alle mitstreiken😅.

Das Lesetagebuch war auf jeden Fall auch in der zweiten Auflage eine Herausforderung und spannende Erfahrung. Noch mehr als im Winter, als ich das Jahr 2021 mit Harald Lesch begann. Ob ich in absehbarer Zeit noch einmal so tief in eine komplexe Materie einsteigen kann/werde, das werde ich erst mit etwas zeitlichem und mentalen Abstand beurteilen können. Vielleicht mag ja die eine oder der andere von euch seine Meinung dazu in die Kommentare schreiben.

Jetzt geht es ans Eingemachte,…

… denn in den beiden letzten Kapiteln dreht es sich zunächst um das, was wir in den sozialen Medien auch dauernd tun: Reden (bzw. Schreiben) und noch wichtiger: Zuhören (bzw. Lesen)! Ersteres auf jeden Fall, beim zweiten hoffe ich es zumindest. Und dann in Kapitel 12 wird aus der Kommunikation die Tat. Nur durch Anpacken wird aus der ganzen grauen Theorie auch praktisches Handeln.

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Bevor es aber praktisch wird, kommen erst noch ein paar teils unangenehme Fragen, zum Beispiel, warum es so schwierig ist, den inneren Schweinehund zu überwinden. Oder sein Verhalten zu ändern. Warum wir eigentlich immer geneigt sind, zu sagen: „Aber XY ist viel schlimmer als ich. Soll der/die doch anfangen…“

Ein Grund ist möglicherweise, dass zu häufig „Klimawandel“ gesagt wird. Es wird doch, gerade in der Zeit vor der Bundestagswahl, immer davon gesprochen, dass einige sich „wandeln“ sollen. Und nun ist das auch wieder nicht richtig? Krise oder Katastrophe, diese Ausdrücke, die viel besser beschreiben, was vor unseren Augen passiert, werden lieber umgangen, denn das klingt so apokalyptisch. So ähnlich wie bei „global“, das hat was von „weit weg, jedenfalls nicht hier“.

Ein anderer Grund ist, dass wir zum Understatement neigen: „Was kann ich kleiner, einzelner Mensch denn tun? Ich bin doch nur ein Rädchen im Getriebe…“ Diese Denkweise kaschiert an sich nur unsere Trägheit, Faulheit, unser Bedenkenträgertum. Wir können genau das tun, was ein Mensch tun kann. Und wenn wir genügend kleine Rädchen mit genügend Sand im Getriebe sind, dann läuft die große Maschinerie eben nicht mehr wie geschmiert.

Es folgen einige Ansätze, wie man beginnen kann, bewusster mit Ressourcen aller Art umzugehen. Dieses Vorgehen vereinfacht die Sache: Beginne mit etwas, das dir wichtig ist. Egal was. Ob plastikfreieres Leben, mehr Fahrrad und weniger Auto, öfter selber kochen, beim Biobauern einkaufen… egal. Hauptsache anfangen. Der Rest kommt dann.

Ich muss gestehen, ich bin gerade ein bisschen überfordert, alles wiederzugeben, was mir wichtig erscheint, aber andererseits geht es darum ja auch nicht. Ich hoffe, euch „Appetit“ auf das Buch zu machen. Und ein ganz kleines bisschen hoffe ich auch, dass ihr es noch vor dem 26. September lest und euch ganz genau überlegt, wem ihr das Wohl unserer Zukunft am ehesten anvertrauen wollt.

Und noch einmal der Verweis auf den Beginn des Lesetagebuches, wer hier Quereinsteiger ist, kann von dort an nochmal alle Kapitel verfolgen.

Es geht voran und mein Kopf brummt mal wieder

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EvH geht der Frage nach dem Wert eines Vogels ebenso nach wie der Überlegung, was wir denn überhaupt noch frühstücken könnten, wenn es keine Bienen (wilde und Honig-) mehr gäbe. Die Antwort ist verstörend, denn da bleibt kaum etwas außer Wasser übrig. Es ist also dringend geboten, sich außer mit Hitzewellen, Starkregenereignissen, brennenden Wäldern und Tornados über Ostfriesland auch mit dem Artensterben zu beschäftigen.

Aber auch mit dem Artensterben in unseren Körpern, wenn wir jede Erkältung mit Antibiotika behandeln. Und mit der Unsitte, ohne Not (aber leider auch ohne ausreichenden Platz im Stall oder Auslauf) vor allem Geflügel, aber auch andere Nutztiere, routinemäßig mit Reserve-Antibiotika zu füttern, die dann für den Menschen im Ernstfall nicht mehr als Reserve zur Verfügung stehen. Merken wir das eigentlich wirklich nicht, dass wir vor allem uns selbst schaden? Oder sind wir Lemminge, die unaufhaltsam dem Abgrund entgegentaumeln? (Wobei ich letztens gelesen habe, dass dieses Klischee auf die armen Tierchen eigentlich überhaupt nicht zutrifft.)

Als ob die Konsequenzen nicht schon heftig genug wären, geht es uns tierliebenden Deutschen an den Kragen. Unsere Art, mit unseren Haustieren (im Gegensatz zu den Nutztieren) umzugehen, ist schon ziemlich gewöhnungsbedürftig und nicht gerade ressourcenschonend. Ich will hier gar nicht so sehr ins Detail gehen, aber es ist tatsächlich ein bisschen abartig, wenn wir unsere Hunde und Katzen mit bestem Bio-Muskelfleisch vom Rind oder Truthahn füttern, obwohl bei diesen Rassen wildlebende Tiere alles fressen, was ihnen vor die Zähne kommt. Und zwar, wenn es vorher lebendig war, samt Innereien und Darminhalt (Kunststück, sie haben ja auch nicht die teuren Nahrungsergänzungen zur Verfügung, die wir für teures Geld dazukaufen, damit die lieben Fellnasen alle Mikronährstoffe bekommen). Und Rind, Känguruh oder Strauß dürfte bei verwilderten mitteleuropäischen Hunden sowieso eher nicht auf der Speisekarte stehen. Auch Thunfische liegen eher selten überfahren auf unseren Landstraßen.

Wer hätte das gedacht: Mücken und Menschen sind die gefährlichsten Lebewesen überhaupt! An Würmer denkt eigentlich kaum jemand, selbst unsere Hunde sind gefährlicher als Haie oder Wölfe. Und jetzt ratet mal, wen die Menschen am liebsten weg haben würden?

Am Ende des Kapitels geht es um das Moor, Schauplatz vieler schaurig-schöner Geschichten quer durch die Weltliteratur. Doch nicht nur den Bücherwürmern wird zukünftig vieles fehlen, wenn die Moore nicht in großem Stil wiedervernässt werden. Mit Schaudern denke ich an die 70er Jahre zurück, als meine Mutter Torf in großen Säcken kaufte… Sie wusste zumindest so viel: Torf hält das Wasser sehr gut. Nur sollte er das im Moor tun und nicht in Gärten.

Weiter geht es, immer neue Aspekte geben mir zu denken. Zum Beispiel der Zusammenhang von intakter Natur und seelischer Gesundheit. Mir fällt ein, wie viele Menschen letztes Jahr während der Lockdowns den Waldspaziergang für sich entdeckt haben. Oder das Baum-Umarmen. Davon sang schon das ehemalige Ekel Kakmann im Bibi-und-Tina-Film. Auch Kinder- und Jugendfilme können für Umweltbildung sorgen. Ob die erholsame Wirkung aber noch so stark ist, wenn wir zwischen trockenen und öden Baumskeletten, abgebrannten Stümpfen und käferzerfressenen Fichtenleichen herumstapfen, wage ich zu bezweifeln.

Je weiter ich im Buch komme, desto mehr merke ich, dass bisher jeder angesprochene Aspekt auch mein Leben berührt. Manche mehr, manche weniger, aber auch beim Schreiben stelle ich fest, dass ich immer weniger über das Buch referiere als vielmehr eigene Erlebnisse reflektiere, die mir beim Lesen ins Gedächtnis kommen. Ich bin fasziniert von dem Ausdruck „Solastalgie“, der ein bestimmtes Gefühl wiedergibt: „Wie bei der Nostalgie kommt zum Unbehagen an der Gegenwart und der unbestimmten Sehnsucht nach einer vergangenen, heileren Welt noch etwas anderes: das Bewusstsein, dass es diese heile Welt in Zukunft nicht mehr geben wird, weder räumlich noch zeitlich. Unwiederbringlich dahin. Irreversibel.“ (S: 393) Man bedenke, dass dieses Buch vor der letzten Hochwasserkatastrophe geschrieben wurde. Ich schlucke, als ich überlege, wie die Menschen an der Ahr, der Erft und in den anderen Flutgebieten diese Sätze empfinden mögen. Oder diejenigen, die am Rande des Braunkohletagebaus stehen und die Heimat ihrer Kindheit nicht mehr wiedererkennen. Oder die Australier, Kalifornier und andere, die unter Rauch und Asche die Überreste ihrer Existenzen ansehen müssen.

Und all dieses, was die Betroffenen um Hab und Gut, um das Leben ihrer Angehörigen, um ihre persönliche Geschichte bringt, das zerstört nicht nur die Umwelt, sondern es macht auch krank. An Körper und Seele. Und alle von uns, die aus der relativen Sicherheit ihrer Wohnzimmer davon lesen, ohne selbst betroffen zu sein, können einfach nur sehr dankbar und sehr demütig sein.

Immer mehr stelle ich fest, dass ein „Weiter so“ in keinerlei Hinsicht eine Option ist. Und dass eine Hoffnung auf die Lösung unserer Probleme auf keinen Fall „Technologie und Wachstum“ heißt. Diese Hoffnung ist Augenwischerei und der größte Rebound-Effekt aller Zeiten. So ende ich also mit dem heutigen Beitrag mal wieder ein bisschen ratlos, aber hoffentlich nicht mutlos und verweise alle Neueinsteiger auf den Beginn des Lesetagebuches.

Ausflug nach Italien

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Ich hatte es ja versprochen, von meinem literarischen Ausflug zu erzählen. Es war einfach notwendig, mich zwischendurch abzulenken von all dem, was wir als Gesamtheit, mal mehr und zum Glück auch mal weniger, verbocken. Aber mit dem Lesetagebuch geht es auch noch weiter.

So machte ich mich auf, um Amalfi und die dazugehörige Küste zu entdecken. Ganz gemütlich vom heimischen Lesesessel aus. Ich schätze, es ist unnötig zu sagen, dass mich schon das Cover in Urlaubsstimmung versetzt hat. Die Geschichte selbst dreht sich zu großen Teilen um Eis, Gelato (schon das Wort zergeht auf der Zunge…), in den schönsten Geschmacksrichtungen und mit unheimlich viel Liebe. Ansonsten werden abwechselnd zwei Erzählstränge gleichermaßen umeinander verwoben und aufgedröselt. Es geht um die Eismacherin Livia und den Autoverkäufer Mario, sie lebt und arbeitet in Amalfi, er stammt vom Comer See und ist als Tourist dort.

Diese beiden Menschen prallen mit elementarer Wucht und gleichzeitig ganz zart aufeinander. Diese scheinbaren Gegensätze faszinierten mich das ganze Buch über und die Art und Weise, wie die Geschichten der beiden aufeinander zulaufen, ist irgendwie ganz anders als ich es bisher irgendwo gelesen habe, auch wenn die Grundzutaten ganz ähnlich sind wie in zahlreichen anderen Beziehungsromanen auch. Am Anfang wunderte ich mich, wie bei einer solchen Erzählung noch so viele Seiten „übrig sein“ konnten, aber diese Seiten waren gut gefüllt. Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich manche Eissorte am liebsten direkt beim Lesen probiert hätte. Vermutlich ist es aber figurfreundlicher, sich auf die Phantasie beschränken zu müssen…

Ganz am Ende musste ich über mich selbst lachen, denn da ich so schnell ganz sicher nicht nach Italien und an die Amalfiküste reisen werde, bemühte ich Google Earth und Wikipedia, um mir mindestens einen kleinen Überblick über das Setting zu verschaffen. Reisen bildet eben auch, selbst virtuelles Reisen.

Das einzige, was mich gestört hat: Mal wieder das Wörtchen „kleine“ im Titel.

Bibliographische Angaben:

Roberta Gregorio, Die kleine Eismanufaktur in Amalfi, Ullstein TB, ISBN 978-3-548-06445-1, € 9,99 (auch als eBook erhältlich)

Und jetzt gehe ich in die Küche, Brötchen backen. Früh am Sonntagmorgen sind die genauso lecker wie Gelato. Immerhin backe ich seit drei Monaten das erste Mal wieder selbst Dinkelbrötchen…