Die Suche, Variante 2

Den Vorspann spare ich mir, den hatten wir eben schon. Da ich mich nicht zwischen der freundlichen und der hinterhältigen entscheiden konnte, bekommt ihr jetzt beide zu lesen… Die ersten sieben Zeilen sind übrigens gleich, erst danach driftet die Story ab.

Höchst interessant. Herbert lehnte sich zurück und betrachtete die Szene, die sich ihm bot. Irma stand auf der Leiter, ziemlich weit oben sogar für ihre Verhältnisse, war sie doch extrem höhenscheu. Aber was suchte sie dort oben, auf dem höchsten Schrank, der sich in ihrer Wohnung befand?
Dazu murmelte sie ständig vor sich hin, er hörte immer mal wieder Wortfetzen in der Richtung „Ich weiß, es war hier irgendwo. Es kann nicht weg sein. Es darf nicht weg sein.“
Sie sah fast so konzentriert und weggetreten aus wie er sich das vorstellte, wenn jemand mondsüchtig war. Und sie war so vertieft, dass sie überhaupt nicht merkte, dass ihr Hals immer länger wurde. Wie eine Giraffe. Er verhielt sich ganz leise, um sie nicht vor der Zeit zu erschrecken. Denn in Windeseile war ein Plan in ihm gereift. Schon lange wünschte er sich eine Atempause, eine Auszeit von seiner anstrengenden Angetrauten. So ein schöner langer Krankenhausaufenthalt mit anschließender Reha-Maßnahme. Das klang gut. Ganz loswerden wollte er sie auch nicht. Wer sollte denn die nächsten Jahre sein Lieblingsessen kochen?  Aber so ein paar Wochen, um in Ruhe seinen Hobbies nachzugehen, ohne ständig zum Rasenmähen verdonnert zu werden, klang doch sehr verlockend…
Jetzt den richtigen Augenblick abpassen, wenn sie kurz davor war, das Gleichgewicht zu verlieren, blitzschnell mit einer laut gestellten überrumpelnden Frage zuschlagen, und dann natürlich als treusorgender Ehemann den Krankenwagen rufen. Ja, das war es!
Er trat näher heran, holte tief Luft und fragte mit lauter Stimme: „Irma, was machst du denn da?“

Eine Viertelstunde später fragte der herbeigerufene Sanitäter: „Wie ist das denn eigentlich passiert?“ Irma antwortete: „Ich habe mich erschreckt, als mein Mann mich auf der Leiter ansprach und bin abgerutscht. Mein Mann wollte mich auffangen, aber dabei hat er sich anscheinend den Rücken arg verknackst. Mein Held!“

Die Suche, Variante 1

Hier geht es zur Schreibeinladung von Christiane, die Wortspende stammt in dieser Runde von Myriade. Mal sehen, was mir dazu einfällt, die Fotos sind schon mal inspirierend, die Wörter durchaus eine Herausforderung, aber so soll es ja auch sein.

Höchst interessant. Herbert lehnte sich zurück und betrachtete die Szene, die sich ihm bot. Irma stand auf der Leiter, ziemlich weit oben sogar für ihre Verhältnisse, war sie doch extrem höhenscheu. Aber was suchte sie dort oben, auf dem höchsten Schrank, der sich in ihrer Wohnung befand?
Dazu murmelte sie ständig vor sich hin, er hörte immer mal wieder Wortfetzen in der Richtung „Ich weiß, es war hier irgendwo. Es kann nicht weg sein. Es darf nicht weg sein.“ Was genau „es“ war, traute er sich aber nicht zu fragen. Zu groß war seine Sorge, dass Irma sich erschreckte und von der Leiter fiel. Denn wenn er es sich recht überlegte, wirkte sie bei ihrer Suche fast schon in Trance. „Mondsüchtig“, so kam es ihm in den Sinn. Und solche Leute sollte man ja auch nicht stören, damit sie sich nicht wehtaten, wenn sie aus ihrer Versunkenheit geholt wurden.
Also wartete er, bis sie alles durchforstet hatte, wo sie herankam. Erst als sie mit frustrierter Miene wieder von der Leiter gestiegen war, räusperte er sich, um auf sich aufmerksam zu machen, dann sprudelte seine Frage auch schon aus ihm heraus: „Irma, was suchst du denn auf dem Schrank? Ich habe ja fast Angst um dich, wenn du so verbohrt da oben herumkramst.“
Irma tauschte zunächst einen irritierten Blick mit ihm, dann antwortete sie: „Ich habe dir doch von der Tombola auf dem Dorffest demnächst erzählt, oder? Das Motto des ganzen Festes ist >Out of Africa< und ich hatte mir überlegt, dass wir das große gerahmte Foto von der Safari, das mit der Giraffe darauf, spenden könnten. Hier liegt es doch nur auf dem Schrank herum. Oder auch nicht. Hilfst du mir suchen?“
„Na klar, Irma, wir rücken jetzt mal die Leiter ein Stück weiter, und dann klettere ich da hoch.“

Als alternatives Szenario folgt gleich die Variante 2, da ich mich nicht entscheiden konnte😁.

Macht euch die Erde untertan

Quelle: Pixabay

Das ist es doch, was wir immer gehört und auch sehr effektiv verinnerlicht haben. Sogar dann, wenn wir mit dem christlichen Glauben ansonsten so gar nichts am Hut haben.

Denn wenn das der Wille eines Schöpfers ist, den er seinen angeblich intelligentesten Geschöpfen sogar verschriftlicht hinterlassen hat, dann ist das doch ein Freifahrtschein, oder? Die Schlussfolgerung: „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung (immerhin steht er am Ende der Schöpfungskette, und das Beste kommt ja bekanntermaßen immer zum Schluss), Gott hat ihm die Verantwortung für dieses ganze wunderbare, gleichermaßen robuste wie fragile Gebilde namens ‚Erde‘ übergeben, wir allein besitzen Intelligenz genug dafür!“ erweist sich immer mehr als Hybris, als Selbstüberschätzung, als grandioser Fehlschluss. Keine andere Spezies setzt alles daran, anderen Lebewesen ihre Daseinsberechtigung so vehement abzusprechen. Keine Tierart lechzt danach, andere auszurotten (und damit die eigene Lebensgrundlage kaputtzumachen). Keine Lebensform rennt so instinktlos ihrem eigenen Untergang entgegen, nicht einmal die viel zitierten Lemminge.

Vögel verstummen, wenn sich ein Unwetter naht. Dschungeltiere suchen Schutz auf Anhöhen, wenn der Monsun mit wassergewaltiger Macht beginnt. Steppentiere flüchten bereits lange, ehe eine Feuersbrunst sie erreicht (solange keine Zäune oder andere Hindernisse diese Flucht verhindern).

Allein der Mensch brüstet sich, mit noch mehr Technologie den Schäden der Vorgängertechnologien begegnen zu wollen. Dafür beutet er die Schätze der nicht zu Unrecht „Mutter Erde“ genannten Mit-Welt aus.

Sonnenaufgang am großen Weserbogen

Aber was genau steht denn in der Bibel? Damit fängt es ja schon an. So eindeutig wie Luther sagt es nicht jede Übersetzung:

1. Mose 1,28 Luther 2017: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Derselbe Vers klingt in der „Gute Nachricht“ jedoch anders: „Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz! Ich setze euch über die Fische im Meer, die Vögel in der Luft und alle Tiere, die auf der Erde leben, und vertraue sie eurer Fürsorge an.

Oder in der „Hoffnung für Alle“: „Er segnete sie und sprach: »Vermehrt euch, bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Ihr sollt Macht haben über alle Tiere: über die Fische, die Vögel und alle anderen Tiere auf der Erde!

In der Einheitsübersetzung steht wörtlich: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!

Nun habe ich weder Hebräisch- noch Griechisch-Kenntnisse. Ich kann daher nicht überprüfen, welche Übersetzung am ehesten wortgetreu ist. Daher ziehe ich auch noch die Basisbibel heran, die sehr nah am Urtext gehalten ist.

Die Basisbibel enthält folgenden Text: „Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf dem Boden kriechen!«“

Untertan, herrschen, unterwerfen. Alles nicht die allerfreundlichsten Wörter, aber allesamt durchaus mit Interpretationsspielraum.

Ein Herrscher kann weise und umsichtig herrschen, auf die Bedürfnisse seiner Untertanen Rücksicht nehmen und nur so viel fordern, wie möglich ist, ohne zugrunde zu gehen. Er kann aber auch ohne Rücksicht auf Verluste seine Untertanen ausbeuten, ihre Arbeitskraft ausnutzen, ihnen nur das Geringste zum eigenen Überleben zugestehen, sie unter der Knute halten und unterdrücken. Dann ist dieser Herrscher ein Diktator.

Unterwerfung ist fast schon ein noch härterer Ausdruck. Wenn wir uns jemandem unterwerfen (müssen), dann kapitulieren wir, geben unsere eigenen Ansprüche auf, auch wenn sie noch so berechtigt sind. Wir ducken uns ängstlich unter eine üble, verwerfliche Macht.

Gerade zu der jetzigen Zeit hat wohl jeder von uns quicklebendige Bilder vor Augen, wenn wir an Unterwerfung denken.

Zurück zur Schöpfung: wenn da schon jemand sein muss, der quasi „Das Sagen hat“, dann ist es doch für alle Seiten wesentlich sinnvoller und in jeder Hinsicht nachhaltiger, wenn dieser Jemand den Überblick hat und darauf achtet, dass das gesamte System nicht nur gerade so überlebt, sondern prosperieren kann. Dass es weitergeht, dass nicht mehr entnommen wird als nachwachsen kann, dass alle ihr Auskommen haben. Fürsorgend. Wie anders klingt das?

Es geht noch weiter. Den Vers 28 beanspruchen wir ganz selbstverständlich als „bare Münze“, denn es steht ja dort so geschrieben! Wir übersehen dabei aber nur zu oft, dass in den 27 Versen vorher ganze sechs Male steht „Und Gott sah, dass es gut war“. Das war die belebte und unbelebte Schöpfung ohne den Menschen. Alles zusammen, Natur, Pflanzen- und Tierwelt und den Menschen mittendrin bezeichnete Gott als „sehr gut“. Nur in diesem Gesamtzusammenhang finden wir einen Hauch von Überschwang. Im Umkehrschluss könnte man sagen, ohne alles andere ist der Mensch eben nur „sehr“, ohne „gut“. Und da sind wir wieder bei der Hybris angelangt.

Ohne alles um uns herum, ohne das geschickt aufeinander aufgebaute Miteinander von Kosmos, Naturgewalten, Pflanzen und Tieren, und zwar alle, auch wenn wir sie als „Schädlinge“ betrachten, ist die Schöpfung oder die Welt einfach nicht vollständig. Es läuft nicht rund. Es ist eben keine Um-Welt, sondern eine Mit-Welt.

Und wir gebärden uns in dieser gemeinsamen Welt wie ein Diktator, wie ein Usurpator sogar. Wir sitzen in unserer Sozialisation an vielen Stellen so sehr fest, dass wir uns ein anderes Szenario oft überhaupt nicht vorstellen können. Weniger Strom? Weniger Energie? Weniger Versiegelung? Wie soll das gehen? Das schmälert unseren Komfort.

Solange wir in der Lage sind, uns über einen Mangel an Komfort zu beschweren, sitzen wir noch am oberen Ende des Tisches. Am unteren Ende gehen Menschen, Tieren und Pflanzen die überlebensnotwendigen Ressourcen aus. Heute schon. Sogar gestern schon. Aber noch ist es uns viel zu egal. Manchmal hadere ich. Nicht mit meinem Glauben, sondern mit meiner eigenen Spezies. Mit mir selbst. Mit dem, was auch mir persönlich viel zu häufig wichtiger ist, als es anders, besser zu machen.

Es geht nicht um Perfektion. Wir sind Menschen. Aber ein bisschen lernfähiger sollten wir alle miteinander schon sein, oder?

Auch das ist ein Fundstück vom großen Weserbogen

Überlastet

Es ist Mittwoch, der 4. Mai 2022. Tag 124 von 365. Fast genau ein Drittel des Jahres ist abgelaufen, und Deutschland hat nach Berechnungen der Global Footprint Organisation seine Ressourcen für dieses laufende Jahr aufgebraucht.

Wer auch nur ein wenig auf seine Ausgabendisziplin achten muss, kennt das ungute Gefühl, wenn „am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig“ ist. Nach dieser Rechnung wäre das ungefähr am 10. des Monats.

Und, wie reagieren wir jetzt auf die Aussage, dass am Ende der Ressourcen (Wasser, Energie, Bodenschätze, Emissionen…) noch zwei Drittel des Jahres zu bestreiten sind?

Ich frage ja nur mal. Übrigens auch durchaus mich selbst.

Auf zu neuen Ufern?

Geschafft. Sowohl der Pulli als auch ich.

Mein Erstling ist fertig. Endlich. Ich bin’s auch. Und einerseits freue ich mich, dass ich auch in der Lage bin, Kleidung zu nähen, andererseits ist schon wieder mein innerer Kritiker an der Arbeit, der mir zuflüstert: „Da ist die Naht unsauber, dort kräuselt es sich, wo es nicht hingehört, mit einer Ziernaht an der und der Stelle sähe es besser aus…“ Trotzdem überwiegt die Freude. Es funktioniert auch ohne Overlock-Maschine, allerdings mit leichten Abstrichen. Mangels Abschneidefunktion sind die Nähte natürlich nicht ganz so schön, aber da kann ich sicher auch noch meine Technik verbessern und bestimmt gibt es noch Funktionen und Stiche an meiner Maschine, die ich mit etwas Geduld und Ruhe noch viel besser kennenlernen kann.

Ich habe ja jetzt auch ein paar Stoffreste, mit denen ich experimentieren kann. Und nicht zuletzt: Im Gegensatz zu den Sachen, die ich sonst nähe, möchte ich Kleidung nur für den Eigenbedarf nähen, da soll nichts in den Verkauf. Es ist einfach schön zu wissen, dass ich in der Lage bin, mir nach meinen eigenen Vorlieben Pullis und Shirts zu nähen und dass ich nicht auf das Angebot der Modeindustrie angewiesen bin.

Und was mache ich jetzt? Reinige die Nähmaschine sorgfältig von allen Flusen, setze wieder die normale Nadel ein und nähe einen kleinen Berg Spültücher (Projekt Upcycling)und Topflappen (mit Obst und Gemüse, maritimen Motiven etc., alles, was im Sommerhalbjahr gut ankommt) für den Shop.

Nachtrag zu gestern

Beim Zähneputzen ist mir heute früh schlagartig bewusst geworden:

Wir sind die Generation, die später im Seniorenheim mit Bruce Springsteen, Bon Jovi, Bryan Adams, den Toten Hosen und den Ärzten vollgedudelt wird. Für die Frauenquote kommen Madonna, Cyndi Lauper, Tina Turner, Kim Wilde und Bonnie Tyler dazu. A-HA und Roxette bilden die Skandinavien-Fraktion. Michael Jackson lehrt uns kicksend und moonwalkend das Gruseln.

Zu Karneval werden wir mit der Neuen Deutschen Welle bespaßt und Weihnachtsstimmung kommt in der Dauerschleife von „Last Christmas“ und „Do they know it’s Christmas time“ (nicht) auf.

Und irgendwann werden wir zum x-ten Mal „Highlander“ gucken und uns mit Queen fragen „Who wants to live forever“?

Die Heime werden brechend voll sein mit uns, denn wir sind die „Boomer“-Generation. Na dann auf zur Polonäse Blankenese…

Übrigens vielen Dank an euch, ihr seid klasse. An diesen 80er Jahren hängen bei so vielen von euch schöne Erinnerungen. Selbst per Whatsapp erreichten mich Kommentare. Demnächst überlege ich dann mal, über welche Filme und Bücher wir uns dereinst in der Seniorensprechstunde austauschen werden😁

Die 80er – Der Soundtrack meines Lebens

Wink des Schicksals, dieses Thema muss nun sein. Eine kleine Retrospektive, mein „Coming-of-Age“, wie es heute so schön heißt. Erst kam am Samstagabend im WDR eine Sendung über dieses Jahrzehnt, das in manchen Aspekten heute noch Fremdscham auslöst, aber im Großen und Ganzen eine großartige Zeit war, vor allem im Rückblick. Und heute las ich bei Wortman seine Hommage an Cyndi Laupers „Girls just wanna have fun“, ein Song, der auch heute noch in meiner Spotify-Playlist ziemlich weit oben steht. Mit ihrem Look lag sie mir übrigens viel mehr als die spitzbrüstige Madonna in ihren S/M-Kostümen.

Alles schien möglich, wir wollten die Welt erobern, analog versteht sich, am liebsten in einem bunten VW-Bulli, ganz ohne Internet und Smartphone, von GPS und Navigationssystemen ganz zu schweigen. Es war das Jahrzehnt, in dem John Lennon starb, in dem die Grünen gegründet wurden, gegen Atomstrom demonstriert wurde ( und dann ja auch schließlich im Jahr 1986, haargenau am 20. Geburtstag meines damaligen Freundes, die Atomkatastrophe von Tschernobyl den Demonstranten recht gab). Das Jahrzehnt, in dem Mac Gyver (der Echte) und der Knight Rider Helden waren, aber auch Marty McFly und Doc Emmet Brown mit dem Kult-DeLorean in die Zukunft reisten.

Es war das Jahrzehnt, in dem ich vom lieben, angepassten Mädchen zu einer frechen Göre mutierte, wenn ich meinem Deutsch- und Politiklehrer in der 9. Klasse Glauben schenke. Tja. Auch ich wollte „Fun“ haben.

Kleidungstechnisch, und nun komme ich auf den Punkt, gab es den Aerobic-Look von Jane Fonda, blaumann-blaue Satinblusen mit Schulterpolstern, Vanilia-Hosen mit Pattentaschen seitlich am Oberschenkel (Der modische Vorläufer von Cargohosen à la Engelbert Strauss, nur im Popper-Style? Wer weiß.) Jeans mit weißen Biesen an der Außennaht oder gleich ganz bunt gefärbt. Knalleng und rot mussten sie sein! Blau-grünes Schottenkaro war im Winter angesagt. Gott, wie liefen wir bloß rum!

Mein Lieblingsteil war lange Zeit der alte Bademantel meiner Oma, A-Linie mit Kimono-Ärmeln, außen Velours und innen Frottee, Dunkelgrün mit psychedelischen Pinselstrichen in rot, pink, gelb und blau. Dazu trug ich eine schwarze Baskenmütze und eine Fledermaus baumelte am Ohr. Natürlich aus Metall.

Ein einziges Kleidungsstück aus dieser Zeit hat überdauert. Ich habe ein verwaistes Kätzchen darin großgezogen und trage sie bis heute noch, bei jeglichen Renovierungsarbeiten, die sich auch kontinuierlich darauf verewigen:

Meine geliebte Jeans-Latzhose. 40 Jahre hat sie jetzt auf dem Buckel. Das nenne ich noch Wertarbeit! (Und zum Glück hat sie an den Seiten Knöpfe, die man auch offen lassen kann. Wirkt noch lässiger und kaschiert die Tatsache, dass ich mehr Vorrat für schlechte Zeiten mit mir herumtrage.)

Und hier kommt der spezielle Soundtrack zur Jeans:

Gezeitenmord

|Werbung, unbezahlt|

Ich bin leider etwas nachlässig geworden mit meinen Buchbesprechungen, es war zu viel und vor allem zu viel unterschiedliches los in letzter Zeit. Aber nun.
Spaßigerweise habe ich an der deutschen Ostseeküste dieses Buch gelesen, das an der dänischen Nordseeküste spielt, im Grenzgebiet zu Deutschland:

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit skandinavischen Krimis, häufig sind sie mir zu düster, zu sehr von der langen dunklen Winterzeit im hohen Norden geprägt. Trotzdem bin ich schon bei der Beschreibung des Titels auf Netgalley neugierig geworden und habe es nicht bereut.

Zum Einen, weil der Plot sich gut entwickelt. Zum Anderen, weil mir das Kriminalistenduo sympathisch war. Das Grauen war da (immerhin ging es um Mord an Kindern mit eventuell pädophilem Hintergrund), aber es hielt sich in Grenzen, es handelt sich eben um den klassischen Ermittlerkrimi und nicht um einen atemberaubenden Thriller. Ganz nebenbei fließen einige dänische Erfahrungen aus der deutschen Besatzungszeit während des dritten Reiches als Hintergrundinformationen ein, ohne sich aber renitent in den Vordergrund zu schieben. Das lockert die Erzählatmosphäre in sofern auf, als es den Fokus manchmal von der reinen Krimihandlung auf die Umgebung und deren Geschichte lenkt, eine andere Dimension in die Geschichte bringt. Mancher mag das überflüssig finden, mir persönlich gefällt es.

Wer einen Krimi eines unverbrauchten Autors sucht, der sich gut lesen lässt, ohne den Schlaf zu rauben, der wird hier sicher gut bedient sein.

Bibliographische Angaben: Dennis Jürgensen, Gezeitenmord, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00241-6, € 16,-

Guten Tag, ich heiße Anja und ich habe…

… Bluthochdruck (und wegen familiärer Vorbelastung damit einhergehend ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall)

… Asthma (zwar „nur“ allergisches, aber auch das raubt mir manchmal die Puste)

… Psoriasis Arthritis („Bitte WAS? Hast du nun Schuppenflechte oder Rheuma???“)

Reicht, oder? Mir auch. Vorweg, mit allem komme ich die meiste Zeit gut klar. Wenn ich zum Arzt gehe (außerhalb von akuten Anlässen) und gefragt werde, wie es mir geht, sage ich meist aus vollem Herzen „Gut geht’s!“
Komme ich zu einer neuen Ärztin und bekomme die obligatorische Frage nach den Vorerkrankungen gestellt, muss ich mir ganz bewusst in Erinnerung rufen, dass ich drei chronische „Erkrankungen“ im Gepäck habe. Denn meistens schränken sie mich ja überhaupt nicht ein.
Das ist so ungefähr, wie ich mir auch in vielen Situationen bewusst machen muss, dass ich 54 Jahre alt bin und schon lange nicht mehr 25. Ich denke im Alltag so wenig an diese Dinge, die zu mir gehören wie meine straßenköterblonden Haare, ein paar Kilo Marschgepäck auf den Hüften und Schuhgröße 39. – Außer, wenn an einer Stelle gerade etwas hakt.

Denn dann beginnt es: Ich bekomme schlecht Luft. Und irgendjemand fragt „Wie kommt das? Du bist doch eigentlich recht fit (an dieser Stelle schwingt manchmal ein sehr charmantes ‚für dein Alter‘ mit)?“
Oder ich hinke, kann die Arme nicht über 90 Grad heben, mir fallen Gläser aus den Händen. Es folgt entweder dieselbe Frage wie bei der Luft oder „Du siehst aber doch so gesund aus.“ Auch Herzklabastern sieht man einer Person nicht unbedingt an.

In solchen Situationen fühle ich mich wie in einer Verteidigungshaltung. Ich muss mich (ob eingebildet oder tatsächlich) dafür rechtfertigen, dass ich offensichtlich gerade nicht so leistungsfähig bin wie ich optisch wirke. Das finde ich dann sehr unangenehm. Und zwar sowohl für mich als auch für meinen Gesprächspartner.
Deswegen habe ich mich vor einigen Jahren entschieden, offen über meine gesundheitlichen Einschränkungen zu reden. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema dieses Beitrages. Ich bringe mal ein paar Beispiele:

Meine Mutter hatte Osteoporose, ihre Wirbel sackten immer mehr in sich zusammen, sie erlitt einen Beckenbruch, konnte immer schlechter laufen. Sie bekam einen Rollator verschrieben, den sie aber nicht benutzte („die Leute“ hätten ja denken können, bei ihr stimme etwas nicht. Bingo!) Stattdessen lief sie jahrelang mit (nur einer) Unterarmgehstütze und wurde dabei immer schiefer, nur eben nicht nach vorne, sondern seitwärts. Und in der Stadt hielt sie vor jedem Schaufenster an und „bewunderte“ die Auslagen.  

Mein Mann hat MS. Seit einigen Jahren ist sie diagnostiziert, nicht schubweise, sondern fortschreitend. Sein Problem ist die Kommunikation des Hirns mit dem rechten Knie, da ist die Telefonleitung unterbrochen. Recht moderat also bisher, aber es reicht, um konzentriert gehen zu müssen, damit er nicht über den eigenen Fuß stolpert, weil er das Bein nicht komplett anhebt (und das dann nicht merkt). Als diese Problematik ihn nervte, machte er sich schlau über verschiedene Rollatoren, mit denen man Einkäufe transportieren und auch mal ins Gelände gehen konnte. Nicht nur das, er kaufte sich auch einen, ganz ohne Beteiligung der Krankenkasse. Damit er auch weiterhin mit uns in der Natur unterwegs sein kann. Und er freut sich, dass er mit dem Rollator sogar mal schneller ist als ich.

Die eine war immer bemüht, ihre Zipperlein ausschließlich mit sich selbst auszumachen, der andere hat seine Einschränkung akzeptiert und geht ganz selbstverständlich damit um.

Das dritte Beispiel liegt bei Menschen, die ihre Krankheiten vor sich hertragen, mal wie ein Schutzschild, damit niemand es wagt, Ansprüche an sie zu stellen (und das kann ja auch manchmal reiner Selbstschutz aus schlechter Erfahrung sein) und auch mal, um Mitleid einzusammeln. Ja, auch diese Menschen gibt es, oft sind sie auch in anderer Hinsicht regelrechte Energiesauger, unabhängig davon, wie sehr man sie ansonsten schätzt; sie schaffen es immer wieder, alles aus ihren Mitmenschen herauszuholen, ohne etwas zurückzugeben.

Das Bedürfnis, scheinbare Makel und Hemmnisse zu verbergen, kann ich nachvollziehen. Zu einem großen Teil sind wir so erzogen worden, dass solche Dinge niemanden etwas angehen. Dass es eine ganz ureigene Verantwortung ist, mit Einschränkungen so umzugehen, dass niemand etwas merkt. (Das gilt übrigens ja nicht nur für gesundheitliche Probleme…)
Wenn ein Punkt erreicht ist, an dem wir ganz offensichtlich „behindert“ sind, egal ob körperlich, geistig oder seelisch, beginnt dann häufig zunächst die Phase der Scham. Ich selbst habe das vor zwei Jahren so empfunden, als ich auf einmal nicht mehr laufen konnte. Dabei war ich doch nicht aus eigenem Verschulden kurzfristig im Rollstuhl besser aufgehoben. Und selbst wenn, sollte ich nicht eigentlich eher dankbar sein, dass es solche Hilfsmittel gibt, die mir Teilhabe ermöglichen?

Aber in der Situation zeigte sich für mich, dass mir eine Mixtur aus Erziehung und mangelnden Erfahrungswerten im Weg stand. Mangelnde Erfahrungswerte deswegen, weil unsere Gesellschaft noch längst nicht barrierefrei ist, weder im Lebenslauf über Kindergarten und Schule, Uni und Beruf noch im alltäglichen Leben, wo „Behinderung“ immer noch zu häufig bedeutet, dass Menschen mit Einschränkungen behindert werden. Durch bauliche Hürden, durch Geräuschkulissen, reizüberflutende Umgebung, durch empathiearme oder schlicht gedankenlose Mitmenschen. Durch das Recht des Stärkeren. Durch bürokratische Vorgaben, die sich an Paragraphen statt an menschlichen Bedürfnissen orientieren; durch Gutachter, die keine Ahnung haben von den Auswirkungen, die Krankheitsbilder auf die Betroffenen haben. Durch das insistierende Anbieten von alkoholischen Getränken („ach komm, einer ist keiner…“), wenn jemand entweder aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer Suchterkrankung darauf verzichten möchte/muss oder auch einfach mal keinen Alkohol trinken will. Und, und, und …

Ganz persönlich finde ich es wichtig, dass wir voneinander wissen. Auf einer sachlichen Ebene, um unser Gegenüber nicht mit Anfragen und Aufgaben in Verlegenheit bringen, die sie oder er nicht erfüllen kann.
Auf einer persönlichen Ebene, weil wir uns gegenseitig unterstützen können, weil wir lernen, dass unsere Persönlichkeit vielschichtig ist, dass niemand makellos ist. Weil es ermöglicht, uns gegenseitig zu coachen, wenn es um die Bewältigung von Problemen geht.

Die Rheumaliga bringt es ganz gut auf den Punkt in ihrem Konzept des Selbstmanagements: Ich selbst bin im besten Fall Expertin in allem, was meinen Körper und meine Verfasstheit angeht. Das kann nicht meine Ärzteschaft leisten, weil die im Studium ganz bestimmte Symptome und Schemata lernen, die in der Praxis aber nicht unbedingt zutreffen müssen.
„Das Rheuma“ hat mit Sicherheit noch nie in einem Lehrbuch für innere Medizin gelesen, wie es sich verhalten muss, es pfeift darauf und macht, was es will.
Das können auch noch so wohlmeinende Mitmenschen nicht leisten, die immer noch vorgefertigte Bilder von alten Ömchen mit verformten Gelenken als das typische Erscheinungsmuster von Rheuma vor dem inneren Auge haben.
Die Expertise für mich selbst habe ich. Dabei ist es vollkommen wurscht, welchen Namen mein Handicap hat.

Aber weshalb schreibe ich hier in epischer Länge und Breite darüber? Ganz einfach, hier in unserer kleinen Community weiß ich, dass relativ viele von uns recht offen über diverse Baustellen schreiben.

Was mich nun wirklich interessiert, das ist die Frage: wie geht ihr im „Real Life“ mit bewegungseinschränkenden Erkrankungen, mit psychischen Belastungen, Suchterfahrungen, Fatigue, Autismus-Spektrum-Störungen, Krebs, Depression, kreisrundem Haarausfall und allem anderen um, das zu euch gehört wie ein bestens eingetragenes Paar Schuhe (oder auch mit dem, was noch eingelaufen werden muss, um im Bild zu bleiben)? Vor allem dann, wenn euch Unverständnis oder allzu viele „gute Ratschläge“ entgegengebracht werden? Wenn ihr vor Hürden steht, die eigentlich keine sein müssten? Wenn ihr für euch zustehende Rechte kämpfen müsst und euch vorkommt wie Don Quichote?

Denn ich finde es total wichtig, sich in solchen Belangen immer noch weiter zu vernetzen, Aufmerksamkeit (im positiven Sinn) zu erzielen, kurz und knapp „normal“ zu werden in seiner persönlichen Andersartigkeit. Weil unsere Gesellschaft nicht aus uniformierten Lebensläufen besteht. Weil jede/r von uns einzeln wichtig ist und trotzdem ein Herdenwesen bleibt.

Danke euch fürs Lesen und bestenfalls für eine rege Diskussion.

32-16-8

Der Code zum Tresor in meinem Kopf, randvoll gefüllt mit unnützem Wissen aus den 1980er Jahren. Der Tresor, der pickepacke voll steckt mit Songtexten und Erinnerungen an Klassen- oder Jahrgangsstufenfeten, Freitagabend-Diskos auf Schützenfesten oder beim Portaner Stadtfest, an Geburtstags- oder Silvesterpartys. Also lauter Dinge, die Jugendliche von heute zumindest in den letzten beiden Jahren nur vom Hören kennen. Das Gefühl von Euphorie am jeweiligen Abend (und ehrlich gesagt auch mitunter der Katzenjammer am nächsten Tag) gehört natürlich auch dazu.

Ich schätze mal, bei der Zahlenkombination der Titelzeile gibt es einige hier auf der Plattform, die sofort dieselben Assoziationen an Rosies Telefonnummer haben und bei denen zuverlässig das „dü-dü-dü-dü-dü-dü-dü-dü“ des Synthezizers im Hinterkopf anspringt. Bei mir klingt es seit Tagen im Kopf herum und deswegen muss ich jetzt einfach darüber schreiben, auch wenn die Lage vielleicht noch so unpassend für solche Erinnerungen scheint. Damals gab es noch den eisernen Vorhang, den kalten Krieg und die Welt war, zumindest auf den ersten Blick und für uns Jugendlichen aus dem Westen, fein säuberlich in schwarz und weiß oder auch gut und böse aufgeteilt. Aber es war auch die Zeit, in der Nena mit ihren 99 Luftballons inmitten der Neuen Deutschen Welle eine ganz andere Art von Protestsong etablierte.

Unser Protest klang nicht mehr nach Woodstock, Joan Baez oder Bob Dylan. Unser Protest fantasierte vom Abfackeln der Schule, verbreitete Halbwissen über Prostituierte in München oder thematisierte psychiatrische Kliniken. Er brachte uns den Pop-Dadaismus (sowohl aus Großenkneten als auch per Ausflug nach GB mit der Police-Variante „De doodoodoo, de Dadada“) ebenso wie den Sternenhimmel nahe, und überhaupt, der Weltraum: unendliche Weiten wurden entdeckt, mit Major Tom, der leider nicht mehr zurückkam, vielleicht blieb er bei Fred vom Jupiter? Dafür brachte Codo der Dritte uns die Liebe im Sauseschritt, und auf der Erde waren wir verschossen in irgendwelche Sommersprossen, die wir mit einem Knutschfleck übertünchten. Wir gerieten im Tretboot in Seenot und erklommen hohe Berge. Nebenbei steigerten wir das Bruttosozialprodukt, aßen Spaghetti Carbonara und himmelten das Model an.

Irgendwann stellte sich heraus, dass alles nur geträumt war. Wir rieben uns den Sand der Fata Morgana aus den Augen, stiegen vom Leuchtturm herunter und in den Sonderzug nach Pankow. Und hörten irgendwann dann auch wieder ganz normale Musik. Unser damaliger Schulleiter atmete genauso auf wie diejenigen, deren Job es war, vor dem Fetenkeller der Schule „Schmiere zu stehen“ und nachzusehen, ob gestrenges Lehrpersonal um die Ecke kam, weil in der Schule verbotenes, subversives Liedgut abgespielt wurde.

Ende des Kapitels… und ihr so?

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