Ich kann es einfach nicht lassen

Rom – Glasgow – Kleinkleckersdorf

Das erste, was ich mich in dem Zusammenhang gefragt habe: Warum war eigentlich zeitlich zuerst das G20-Treffen und die Klimakonferenz erst danach? Andersherum wäre möglicherweise beim G20 ein etwas besseres Ergebnis herausgekommen. Mehr Druck auf die Möchtegern-Bosse der Welt.

Außerdem habe ich mir den Podcast „Mal angenommen“ der ARD https://www.ardaudiothek.de/episode/der-tagesschau-zukunfts-podcast-mal-angenommen/kohleausstieg-2030-was-dann-oder-gedankenexperiment/tagesschau/94547176/ angehört. Und fand ihn interessant und bedenkenswert.

Vorweg: Ich kann jeden einzelnen Menschen verstehen, der vor dem Aus seiner beruflichen Existenz steht, wenn sein Arbeitsplatz in den „alten“ Industrien wegfallen wird. Ich kann aber auch jeden verstehen, der heute die Hoffnung hat, dass „sein“ Dorf nicht mehr abgebaggert werden muss. Denn auch, wenn diese beiden Menschen anscheinend auf gegenüberliegenden Seiten stehen, so ist doch beiden übel mitgespielt worden, von Teilen von Politik und Wirtschaft, die mit Sicherheit selbst die Zeichen der Zeit zwar erkannt haben, aber sich hartnäckig weigern, danach zu handeln. Aus Angst vor Wählern und Aktionären. Aus Angst vor uns. Ist ihnen nicht klar, dass sie durch Prokrastination irgendwann noch viel mehr zu verlieren haben? Was nützt es der Wirtschaft, wenn (Atom-/Gas-/Kohle-)Kraftwerke an Flüssen immer wieder abgeschaltet werden müssen, weil entweder zu wenig und zu warmes Wasser zum Kühlen vorhanden ist oder im Gegenteil eine Überschwemmung der Anlagen droht? Wenn die großen Konzerne nicht mehr beliefert werden können, weil die Lieferketten zusammenbrechen aufgrund von Extremwetterereignissen? Für alle diese Szenarien hatten wir seit 2018 schon Beispiele.

Seit 1965 warnen Wissenschaftler:Innen verschiedenster Fachrichtungen immer lauter werdend unermüdlich vor dem, was uns bevorsteht. Aber die Meisten ziehen es vor, lieber auf die zu hören, die jegliche Verantwortung immer weiter auf künftige Generationen abschieben. Es ist frustrierend, sich vorzustellen, wo wir stehen könnten, wenn von Anfang an gehandelt worden wäre. Es wäre im Vergleich zu heute fast paradiesisch.

Wer heute noch der Meinung ist, den menschengemachten Klimawandel (der ja auf den natürlichen noch on top kommt) gäbe es nicht, der wohnt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf Sylt, Wangerooge, einer Hallig oder in anderen küstennahen Regionen. Wenn die Malediven absaufen, wen kümmert es? Okay, eine Tauch-Destination weniger, aber tote Korallen wegen der Korallenbleiche im immer wärmeren Meerwasser will ja sowieso keiner sehen! Wenn in küstennahen Gebieten Afrikas, aber auch beispielsweise in Spanien, das Grundwasser versalzt und nichts mehr angebaut geschweige denn getrunken werden kann, wer nimmt dann die Klimaflüchtlinge auf?

Solche Fragen gibt es zuhauf. Die jungen Leute von FFF stellen sie, viele NGOs stellen sie, Wissenschaftler aller Disziplinen stellen sie. Aber wer gibt die Antworten? Und wer will die Antworten hören? Lassen wir uns nicht viel lieber weiter Sand in die Augen streuen? Vor der BTW2021 habe ich in einer Dokumentation gesehen, dass von Seiten der CDU in den deutschen Hochwassergebieten gegen den Umweltschutz gehetzt wurde. Den Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, wurde erzählt, die Brücken seien durch Totholz aus flussnahen Naturschutzgebieten verstopft und zerstört worden. Durch morsche, vermodernde Baumstämme sei das Hochwasser so zerstörerisch gewesen. Sicher ist auch das abgeflossen, aber seit Jahren morsches Holz dürfte längst nicht so viel Zerstörungspotenzial bieten wie LKWs, Wohnwagen, Autos oder halbe Häuser, die man auf den Fernsehbildschirmen entlangschwimmen sah. Und viele haben es geglaubt. Irgendwie sogar verständlich, denn wer möchte in einer solchen Situation denn eingestehen, dass auch der eigene Lebensstil mit zu der Katastrophe beigetragen hat? Vielleicht wäre es mir sogar ähnlich ergangen?

Ich könnte vermutlich stundenlang weiterschreiben und Beispiele finden, warum wir als gesamte Menschheit so träge sind, vor allem als westliche, gesättigte Industrienationen, die nicht in erster Linie an der Front stehen (ich mag diese militärischen Ausdrücke nicht, aber für die Menschen in den Südseestaaten zum Beispiel ist es Kampf und Krieg! Endgame!)

Ich könnte auch die Schultern zucken, den nächsten Roman von meinem Stapel nehmen und den Sonntag genießen. Was geht mich das an?

Aber das kann ich nicht, und so lese ich mich weiter wie die Raupe Nimmersatt durch die Bücher, die mir Erklärungen bieten, mir Argumente liefern und mir hoffentlich helfen können, das mir mögliche zu tun, um doch noch eine große Vollbremsung hinzubekommen. Eins ist sicher: Die Erde kann ohne uns Menschen gut klarkommen. Umgekehrt funktioniert das nicht. Das ändern auch die Herren Bezos, Branson und Musk mit ihren Weltraumeroberungsfantasien nicht.

Kürbiskochbuch

Nächste Runde, nächstes Glück! Christiane hat wieder eingeladen, die drei Wörter stammen vom Wortverdr3her. Jahreszeitenkonform geht es um Kürbisse. Mal sehen, was mir dazu einfällt…

„Was krakelst du denn da so emsig in deine Kladde?“ fragte Fridolin neugierig. „Schreibst du oder zeichnest du den Kürbis ab?“ Abwesend sah ich hoch: „Beides. Wir haben so viele Kürbisse auf dem Kompost dieses Jahr, ich weiß nicht mehr, was ich alles damit anfangen soll. Große, kleine, welche für Deko und andere zum Essen, Spaghetti und Hokkaido, Bischofsmützen und Butternut… Da habe ich mir gedacht, ich schau mal, wie viele Rezepte mir einfallen und wie ich diese Sammlung an Rezepten illustrieren kann. Wer weiß, vielleicht finde ich einen Verleger dafür?“

Fridolin beugte sich von hinten über meine Schulter, um besser sehen zu können. „Hey, nicht in mein Ohr atmen, da bin ich extrem kitzlig!“ kicherte ich. Zu spät. Meine Lage schamlos ausnutzend, schnappte er sich die Kladde, um nachzusehen, was ich schon alles gesammelt und skizziert hatte:

Kürbissuppe mit Ingwer und Orange, kandierter Kürbis, gebackene Kürbisspalten mit Olivenöl, Kürbislasagne, Apfel-Kürbis-Marmelade, Kürbiskuchen, Tischdeko mit Zierkürbissen, Kürbisrisotto, gefüllter Kürbis, Kürbis-Tomaten-Chutney, geröstete Kürbiskerne, Kürbiswindlichter, geschnitzte Fratzen…

„Boah, ich bin beeindruckt. Hast du das alles schon selbst ausprobiert?“ „Nicht alles, aber einiges. Anderes habe ich auf die Nachbarinnen aufgeteilt, verbunden mit einer Kürbisspende und der Bitte, die Rezepte auszuprobieren. Ich kann nur sagen: Für dieses Jahr mag ich langsam kein gelb-orange mehr sehen und die Kinder haben mir auch schon angedroht, in den Hungerstreik zu treten, wenn ich noch einmal etwas mit Kürbis auf den Tisch bringe. Deswegen zeichne ich jetzt die schönsten Exemplare noch schnell ab, ehe ich den ganzen Rest an die Tafel spende. Da gibt es sicher Menschen, die sich noch so richtig darüber freuen können.“ „Ja, das ist eine prima Idee. Und bis zur nächsten Kürbis-Saison hast du dein Kürbisbuch fertig und stürmst damit die Kochbuch-Bestsellerliste!“ „Naja, mal sehen, ob es nächstes Jahr wieder mehr Papier zum Drucken gibt…“

Punktlandung. 300 Wörter, nicht gänzlich zusammenhanglos😅

Ruckzuck ist November

Wer hat an der Uhr gedreht…?

Auch wettertechnisch. Nachdem wir am Montag aus Schleswig-Holstein teilweise über die Landstraße (wegen mehrerer Staus auf den Autobahnen) bei bestem Caspar David Friedrich-Wetter (bombastisches Licht wie gemalt!) nach Hause gefahren waren, hielt das schöne Herbstwetter vom Wochenende noch am Dienstag an. Mittwoch machte sich die Änderung bemerkbar, heute ist der November endgültig angekommen. Macht aber nichts, das darf er jetzt auch angesichts der vielen Nähprojekte, des unaufhaltsam steigenden Bücherpegels und der bevorstehenden Vorbereitungen für die Adventszeit (Fenster putzen, Spinnen und ihre Netze des Hauses verweisen, Lichterketten suchen und nicht zu vergessen: Backbeginn).

Die letzten Tage habe ich auch noch für eine kleine Digitalpause genutzt, bis meine Schultern und mein Nacken sich wieder von den ungewohnten Tätigkeiten beim Segeln erholt und meine Umgebung das Schwanken eingestellt hatte😅.

Gestern habe ich dann alle Fotos auf der Foto-Festplatte gespeichert, sowohl von der Kamera als auch vom Handy. Mein WP-Tarif lässt leider keine Filme zu, aber die Unterquerung der Fehmarnsundbrücke könnt ihr auf meinem Insta-Account noch finden. Das ist echt ulkig: wenn man auf die Brücke zufährt, hat man erstmal Bammel, mit dem Mast die Brücke einzureißen (Nein, natürlich nicht. Eher bricht der Mast unter der Brückendurchfahrt.) Und dann stellt man fest, dass man locker noch ein paar Meter Platz hat.

Unterwegs habe ich recht wenig fotografiert, sondern einfach nur genossen oder am Ruder gestanden, um ein Gefühl für das Schiff zu bekommen.

Die Marina, also der Yachthafen von Heiligenhafen, war schon deutlich leerer als im Sommer, nur an den ersten Stegen, die vom Charterzentrum belegt sind, lagen noch fast alle Schiffe, weil zum Saisonausklang auch immer Skippertrainings stattfinden. Dort liegt auch die Sterntaler. Der Atmosphäre hat die Übersichtlichkeit keinen Schaden getan und es war nicht so trubelig, was ich als sehr angenehm empfand.

Ich muss ja ganz ehrlich gestehen, dass ich vor dem letzten Winter kaum etwas über Heiligenhafen wusste. Außer dass es den Ort gibt. Zwei Standbeine sorgen für das Auskommen der hübschen kleinen Stadt: Die Fischerei und der Tourismus.

Die Aufnahme von Google Earth stammt vom 1. Juli 2015, da wurde noch heftig Sand bewegt (Oben in der Mitte)

Natürlich gibt es die „Bausünden“ aus den 60er Jahren, die Beton-Bettenburgen, wenngleich nicht so übel wie an anderen Ostsee-Orten. Ich habe mir beim Spaziergang am Binnensee aber auch mal überlegt, dass es einfach damals eine andere Zeit war: Die Menschen in Deutschland kamen wieder zu bescheidenem Wohlstand und lechzten nach Urlaub. Aber campen mit dem Puck oder im Hauszelt in Bella Italia war auch damals sicher nicht jedermanns Sache. Es mussten also schnell Möglichkeiten her, die sonnen- und wasserhungrigen Deutschen unterzubringen in den „schönsten Wochen des Jahres“. Und wer weiß, wie nachfolgende Generationen das sehen, was in den letzten Jahren gebaut wurde. Mir persönlich gefällt es, es ist eine Mischung aus klassischer Bäderarchitektur und amerikanischen Feriensiedlungen, nicht so hoch, besser in die Landschaft eingefügt und es wirkt einfach wertig.

Was ich aber erst bemerkte, als ich am Kopfende der neuen Einkaufsstraße im Feriengebiet am Steinwarder stand und Richtung Kommunalhafen schaute, das war die Sichtachse, die den Raiffeisen-Silo mit der Meereslounge auf der Seebrücke verbindet und genau durch diese Häuserschlucht führt:

Hier bekommt ihr ein paar Eindrücke von Heiligenhafen:

Aber was mich am Wochenende eigentlich am meisten begeistert hat, war die wunderschöne Natur der Ostseeküste. Der Strand, der nicht mehr von Sandburgen und Strandkörben voll war, die Tiere, die sich in aller Ruhe ihren Lebensraum von den vielen Menschen zurückholen, wie zum Beispiel die Möwenparade, die sich abendlich auf dem uns gegenüberliegenden, schon geräumten Steg zum Schlafen einfand, es waren sicher über 100! Sogar Fledermauskästen gab es, da diese an den glatten und nischenlosen Betonwänden der Feriensiedlung keinen Schlafplatz finden können.

Überhaupt, der Strand! Alle Aufnahmen wurden morgens zwischen halb Acht und halb Neun gemacht.

Tja, nun ist die Saison zu Ende, am 1. November wurden die Sanitärgebäude geschlossen, die Stege abgeräumt und Spundwände für den Winter an empfindlichen Stellen aufgebaut. Gerade habe ich noch einen Blick per Webcam riskiert, beim Charterzentrum liegen noch die meisten Schiffe, aber es ist Ruhe eingekehrt.

Auch die Sterntaler wird in den nächsten Tagen ins Winterlager gebracht, bis es Ostern 2022 wieder losgeht. Ach, und wie sieht ein solches Schiff nun von innen aus? Ganz ähnlich wie ein Wohnwagen, nur ohne Räder. Dafür gibt es einen Navigationstisch. Ein kleines Bad ist auch an Bord, mitsamt Dusche.

Übrigens kann sie gechartert werden, als Voraussetzung braucht man den Sportbootführerschein See (weil sie einen Motor hat) und sollte auch Segelerfahrung haben.

Guten Morgen Winterzeit

Es war eine unruhige Nacht. Erst beschlagnahmten zwei Berufsjugendliche (deren pubertäre Phase eigentlich vor rund zehn Jahren abgeschlossen sein sollte) das Grillhäuschen an der Hafenpromenade und hörten lautstark Gangsta-Rap.

Dann fanden die zahlreichen Möwen nicht zur Ruhe. Schlafen die eigentlich auch mal oder machen die immer nur Krach?

Nachts hielt mich ein immer wiederkehrenden, wummerndes Hintergrundgeräusch wach, es hörte sich an, als ob vor dem Hafen ein Motorboot hin- und herfuhr. Und die Kirchenglocken der Stadtkirche hörte ich auch fast jede Stunde.

Ganz davon abgesehen macht sich jedes Gelenk und jede Sehne in meinem Körper schmerzhaft bemerkbar. Vor allem die Schulter. Dabei sind wir gestern nur ein ganz kleines bisschen gesegelt, bei moderatem Wind, einmal unter der Fehmarnsundbrücke hindurch und ein Stückchen weiter, dann auf Gegenkurs zurück.

Sowohl morgens im Ort als auch unterwegs hab ich viele Fotos gemacht, die ich später noch hochladen werde. Hier lauert an jeder Ecke und zu jeder Zeit und jedem Wetter mehr als ein Motiv. Wunderschön.

Aber jetzt erstmal ein Kaffee, der ist inzwischen fertig. Und dann Brötchen holen. Einen ausgeschlafenen Sonntag euch allen!

Das Haus am Deich

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Inspiriert wurde Regine Kölpin von der eigenen Familiengeschichte, herausgekommen ist eine Erzählung, die sich über drei Romane erstreckt. Dieser ist der erste davon.

Aus Stettin mussten die Familien von Frida und Erna fliehen. Was sich nach einer gemeinsamen Erfahrung anhört, könnte verschiedener nicht sein. Denn Frida ist die musisch sehr begabte Tochter eines Fischers, die nur aufgrund ihres außergewöhnlichen Talents das Konservatorium besuchen durfte. Während die musikalische Ausbildung von Erna eher dem Standesdünkel ihrer adligen Eltern als einer Begabung zu verdanken war. Die beiden Mädchen und ihre Familien lernten sich so kennen, und während die Erwachsenen auf ihren Platz in der Gesellschaft bedacht waren, begann eine innige Freundschaft der jungen Frauen, die zwischen Flucht und ungewisser Zukunft auch noch ihr Erwachsenwerden meistern mussten.

Beide Familien verschlug es auf unterschiedlichen Wegen an die Nordsee, in die Gegend von Butjadingen. Die einen als Gelegenheitsarbeiter in einen winzigen Küstenort, die anderen aufgrund von (nicht ganz astreinen) Beziehungen in eine verlassene Villa in Varel. Der Vater von Frida besaß den Stolz der kleinen und rechtschaffenen Leute und mühte sich um einen Neuanfang aus eigener Kraft; der von Erna dagegen, der in der NS-Zeit gute Kontakte zu den führenden Leuten besaß, schaffte es aufgrund der auch nach dem Krieg noch aktiven Netzwerke, wirtschaftlich und gesellschaftlich auf die Füße zu kommen.

Im Vordergrund steht aber die Freundschaft der Mädchen, die trotz aller Widrigkeiten fester als je zuvor hält und den beiden auch die notwendige Kraft gibt, ihre Schicksale anzunehmen und nach vorne zu sehen.

Ursprünglich hatte ich nur vor, das Buch quer zu lesen, denn es ist nicht der erste Roman in diesem Jahr, der sich mit der Thematik beschäftigt. Aber es ist einfach wunderschön geschrieben und die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen. Die Aufarbeitung der Nachkriegszeit ist eindeutig ein Trendthema, möglicherweise hat uns die ausgangsbeschränkte Coronapandemie zum Nachdenken gebracht, wir hatten mehr Muße, uns damit auseinanderzusetzen, fühlten uns vielleicht auch ähnlich wie unsere Eltern damals in einer Situation ohne Ausweg gefangen. Wir wollten wissen, wie man solche Zeiten meistern kann, und es fiel uns auf, wie wenig wir doch im Grunde darüber wussten. Weil unsere Eltern teilweise relativ wenig konkretes erzählten. Weil „meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich“ ihr Mantra war, um ihre eigenen Traumata zu bewältigen. Jedenfalls geht es mir so.

Es gibt Episoden aus meiner Familiengeschichte, die ich recht gut kenne, aber auch solche, wo ich mir erst in den letzten Jahren Fragen stelle, wie sich meine Eltern damals verhielten und positionierten. Ich muss dazu sagen, dass ich ein spätes Kind „alter Eltern“ war, mein Vater war noch als junger Mann Soldat an der Ostfront, meine Mutter musste zwangsweise zum BdM, obwohl (oder gerade weil) ihr Vater überzeugter Gewerkschafter und SPD-Mitglied war. Da meine Eltern beide nicht mehr leben und auch meine Tanten und Onkel alle verstorben sind, werde ich meine Fragen nicht mehr beantwortet bekommen. Umso berührender fand ich die Geschichte, die Regine Kölpin auf der Grundlage der eigenen Familienvergangenheit geflochten hat.

Ich werde in jedem Fall auch die beiden Folgebände lesen.

Bibliographische Angaben: Regine Kölpin, Das Haus am Deich – Fremde Ufer, Piper Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-492-31736-8, € 11,-

Barbara stirbt nicht

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War es der kryptische Titel des Buches, die quietschgelbe Farbe, die Illustration mit Kaffeekanne und Porzellanfilter einer international bekannten Firma aus meiner Heimatstadt Minden oder die sehr gelungene Kombination aus allen dreien, die mich neugierig gemacht hat? Die mich heute Mittag bewogen hat, das Leseexemplar herunterzuladen und dann auch komplett heute noch „einzuatmen“? Ich weiß es nicht und eigentlich ist es auch vollkommen egal, aber eins ist klar:

Wenn man Spaß hat an skurrilen Geschichten und Familienkonstellationen, wenn man Szenen wie einst von Loriot mag und einen lakonischen, eher sachlich-distanzierten Erzählstil, dann ist man mit diesem Buch von Alina Bronsky bestens bedient. Beim Lesen marschierten mir tatsächlich bruchstückhaft immer mal wieder Personen und Orte (typische 60er Jahre Siedlungshäuser mit Möbeln im Gelsenkirchener Barock, Gobelinvorhängen und runden Buntglasfenstern neben der Eingangstür) durchs Hirn, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kannte und die in den letzten Jahren alt geworden waren. Menschen, die das Rollenbild tatsächlich noch gelebt haben, das die Autorin hier genüsslich und mit der Faszination des leichten Grauens ausbreitet.

Was am Anfang noch an Loriot und Evelyn Hamann denken lässt, entwickelt sich zum Psychogramm einer „normalen“ Familie, in der mit spießbürgerlicher Gründlichkeit alles unter den Teppich gekehrt wurde, was eben nicht normal war. Und da entwickelt sich im Lauf der Geschichte so einiges: vom Trauma der Nachkriegsidentität mit Migrationshintergrund aus den Ostgebieten, dem behinderten Sohn, der im Heim ein tristes Leben führt, vor allem vom gestrengen Vater lange verleugnet; vom zweiten Sohn, der eine „Exotin“ geheiratet hatte, deren Namen anscheinend unaussprechlich war; von der Tochter, die mit ihrer „besten Freundin“ zusammenlebt. Und von dem traurigen Alltag eines Ehepaares, das in (vor allem für den Mann) perfekter Aufgabenteilung jahrzehntelang nebeneinander her lebt.

Obwohl es mich beim Lesen immer mal wieder etwas wohlig gegruselt hat vor lauter Vorspiegelung falscher Tatsachen und verdrehtem Spießbürgertum, hatte ich aber auch eine voyeuristische Freude daran, bei der Enthüllung aller Baustellen von außen zu beobachten und zu lauschen:

Ich habe es genossen!

Bibliographische Angaben: Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00072-6, € 20,-

Die Macht des Algorithmus

„Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“
( Quelle: https://gutezitate.com/zitat/134013)

Es war Juni 2013, als Angela Merkel diesen Satz sagte und einen der ersten Shitstorms dafür bekam. Ich muss gestehen, dass ich damals auch so ein bisschen gelästert habe. Wie weise dieser Satz aber eigentlich war, das erkannte ich zu der Zeit nicht. Acht Jahre später, zwei amerikanische Präsidenten weiter und etliche Krisen abgearbeiteter sieht die Sache etwas anders aus. Denn es ist auch klar geworden, dass Frau Merkel nicht die Generation von Digital Natives der Geburtsjahre diesseits der 2000 meinte, sondern uns, die sogenannten „Boomer“. Die letzte Generation, die noch komplett analog aufgewachsen ist, für die es noch drei Fernsehprogramme gab, einen Sendeschluss und die noch den Wandel vom Schwarzweiß- zum Farbfernseher als eine der größten Innovationen der Medienlandschaft erlebten. Die mit Algorithmen allenfalls im Matheunterricht der Oberstufe in Berührung kamen.

Ich kenne Tinder nur vom Hörensagen und benötigte zum Glück auch niemals Parship und Konsorten. Bin weder bei Linked-in eingehakt noch habe ich ein Xing-Profil. Der erhobene Daumen des Herrn Zuckerberg macht mir fast überhaupt keinen Spaß mehr, ich zwitschere auch nicht selbst, sondern schaue mir nur die abendlichen Zusammenfassungen auf dem Instant-Kanal an.

Auf letzterem poste ich relativ sparsam, Fotos von Ausflügen, so wie gestern, ab und zu einen Teaser für meine Buchtipps hier auf dem Blog oder Nähprojekte. Dort suche ich auch: Ernährungstipps, die favorisierten Bücher meiner BuchhändlerkollegInnen, Nachrichtenhäppchen, die Appetit auf „richtige“ Nachrichtensendungen machen. Ein bisschen Naturwissenschaft und ein wenig Spiritualiät würzen das Ganze. So richtig aktiv bin ich nur im Bloggerversum von WordPress, aber auch hier bin ich wählerisch. Die Grenze ziehe ich nicht so sehr thematisch oder danach, ob meine politische/religiöse/gesellschaftliche Meinung bestätigt wird, sondern nach dem Umgangston, der Würdigung des Mitbloggers oder meiner Neugier. Was aber ein absolutes No-Go für mich ist, ist justiziabler Inhalt, eine insgesamt menschenfeindliche Haltung oder das Bashing bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Da steige ich aus und überlege dann auch schon mal, ob ich es einfach so hinnehmen will, dass solche Dinge im Netz bleiben.

Im Ton immer so bleiben, als ob mir der Mensch mit der konträren Haltung persönlich gegenübersteht, das versuche ich zu praktizieren und den Grundsatz der Debatte zu bewahren, dass immer auch die reale Möglichkeit besteht, dass mein Gegenüber Recht hat und ich im Unrecht bin. Oder dass es Facetten gibt, die ich nicht kenne, dass es unendlich viele Grautöne gibt zwischen Schwarz und Weiß, dass Menschen unterschiedliche Lebenserfahrungen und Voraussetzungen mitbringen.

Eine interessante Folge der Show von Katrin Bauerfeind beschäftigt sich mit dem immer rauheren Umgangston „im Internet“ und was ich noch wichtiger finde: sie geht darauf ein, warum „googel doch mal selbst“ bei unterschiedlichen Menschen nicht zu demselben Ergebnis führt. Denn das ist einfach eines der Hauptprobleme: das fehlende Bewusstsein dafür, dass mein persönliches Internet aufgrund meiner Erfahrung, meiner Vorlieben und meiner Neugier ganz anders aussieht als das der allermeisten anderen Menschen. Schau mal rein, und auch wenn du vielleicht ganz anderer Meinung bist, es lohnt sich, über die Punkte der drei Personen in der Show nachzudenken!

https://www.ardmediathek.de/video/bauerfeind-die-show-zur-frau/auge-um-auge-hass-im-netz-s03-e02/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTdmNzdkNDhjLTVjMzItNGFmYi1hMDE4LWE5MTU3NDNhMjFmNQ/

Sonntagvormittagherbstausflug

Die jüngste Tochter ist mit Papa unterwegs, auf einem zwei-Väter-zwei-Töchter-Segelwochenende an der Ostsee. Und beim Sonntagsfrühstück scheint die Sonne aus allen Knopflöchern. Grund genug für eine Planänderung meinerseits: Die Nähmaschine steht auch nachher noch an ihrem Platz, außerdem möchte sie sowieso gern gereinigt werden, ehe ich weiternähe.

Also wird die mittlere Tochter kurzerhand angefragt, ob sie auch Lust auf Meer hat. Auf Steinhuder Meer. Hat sie. Und so machen wir uns um 9 Uhr auf nach Steinhude. Das Timing ist super, denn um kurz vor 10, als wir dort ankommen, ist noch viel Seepromenade sichtbar und wenig Leute. Perfekt. So kann ich einigermaßen in Ruhe fotografieren, ohne dass mir ständig jemand durchs Bild läuft!

Die Farben an diesem Tag sind einfach genial. Egal, ob eher kaltes Blau oder die warmen Farbtöne der Bäume, so klar sind sie selten. Ich kann mich gar nicht sattsehen.

Meiner Meinung nach die besten Fischbrötchen von Steinhude. Auf jeden Fall findet jeder in unserer Familie hier die passende Sorte😋

Zwischendurch haben wir in einer Eisdiele Tee mit Pflaumen-Zimt-Geschmack getrunken, um uns etwas aufzuwärmen, dann schlenderten wir zurück zum Parkplatz. Obwohl sich auf dem Rückweg ganz andere Perspektiven ergaben, habe ich nur noch zwei Fotos gemacht, weil inzwischen anscheinend halb Hannover einen Sonntagsausflug in Steinhude veranstaltete…

Auf dem Rückweg nach Hause hielten wir in Loccum an, um noch einen Besuch in der Klosterkirche und im Garten des Klosters abzustatten. Es lohnt sich, auch, wenn in den Außenbereichen noch Restbauarbeiten erledigt werden. In der Kirche habe ich nicht fotografiert, obwohl allein die tolle Orgel ein gutes Motiv gewesen wäre. Aber die hört man vermutlich sowieso sinnvoller, statt sie nur zu sehen.

In dem ehemaligen Zisterzienserkloster ist die evangelische Akademie und das Priesterseminar der hannoverschen Landeskirche untergebracht. Und die Pilger auf dem Pilgerweg Loccum-Volkenroda können hier auch übernachten. Wenn man aus dem Wald auf der Rückseite des Klosters wieder in den Klosterhof zurückgeht, merkt man auch überhaupt nicht, dass man im Hier und Jetzt ist, man könnte genauso gut zweihundert Jahre zurückversetzt sein…

Langsam wurde es Mittagszeit, unsere Mägen knurrten und die Fischbrötchen im Auto riefen ihnen eine verlockende Antwort zu, also beendeten wir unseren Rundgang am Eingangstor des Klosters und fuhren zurück nach Hause.

Ob das so eine Art Pförtnerwohnung ist? Auf jeden Fall wunderschön!

Nun bin ich mal gespannt, wie der Beitrag dann „in echt“ aussehen wird, der Editor und ich waren uns heute nicht sehr einig und auch die Vorschaufunktion hat seit ein paar Tagen eine eindeutig andere Vorstellung davon, was sie zu leisten hat. Manchmal finde ich Änderungen im System einfach ätzend.

Die Nähmaschine ist übrigens wieder einsatzbereit und durfte das auch schon unter Beweis stellen. Gleich geht es also am neuesten Projekt weiter, in ein paar Tagen werde ich unter der Rubrik „Northern Star by Annuschka“ den Werdegang und das Ergebnis vorstellen.

Biedermeier – Annuschkapedia

Eine neue Etüdenrunde. Herausfordernd empfinde ich die Wortspende von Puzzleblume. Zur Einladung bei Christiane geht es übrigens hier.

Oje, dachte ich zunächst. Einen Biedermeier-Sekretär hat vielleicht ja noch so mancher von uns im Wohnzimmer oder zumindest auf dem Dachboden stehen, aber wie ich den mit niederträchtigem flöten in Verbindung setzen sollte, das entzog sich meiner Kenntnis. Bis mir heute der Zettel wieder ins Auge fiel, den ich auf meinem Schreibtisch vor den Monitor gelegt hatte, um immer wieder an diese drei Worte erinnert zu werden. Was weiß ich eigentlich so wirklich über diese Epoche, außer dass ich das Bild vom armen Poeten (Spitzweg) natürlich gut kenne, denn aus irgendeinem Grund bekommen Buchhändler das immer mal wieder vor die Nase gesetzt. (Ja gut, wir verdienen uns im Allgemeinen nicht so dumm und dusselig wie Herr Bezos, aber wenn man nicht zum Mond fliegen will, was soll’s, es regnet doch bei den meisten von uns nicht durch.)

Also sichtete ich erstmal den Wikipedia-Eintrag, der mir als Quelle für meinen nicht ganz ernst gemeinten Lexikon-Eintrag dient:

„Die Zeit des Biedermeier ist eine Epoche, die es nur in Deutschland, Österreich und Skandinavien gibt. Sie wird heute, ich weiß nicht recht, ist es eher niederträchtig oder nur folgerichtig, abschätzig als eine spießbürgerliche und kleinliche Zeit angesehen.

Ein Ursprung der Bezeichnung der Epoche dürfte in diesem Gedicht von Ludwig Pfau liegen:

Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,

sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.

Die letzte Zeile inspiriert mich kurz zu der Frage: Gibt es in Teilen unserer Gesellschaft vielleicht eine Biedermeier-Renaissance-Bewegung? Ein Schelm, wer böses dabei denkt…

Zum politischen Hintergrund: Die Völkerschlacht bei Leipzig und die Schlacht von Waterloo waren zu dem sprichwörtlich letzteren von Kaiser Napoleon geworden. Die konservativen Kräfte Europas, namentlich Franz I. von Österreich, der russische Zar Alexander I. sowie der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. wünschten sich eine Restauration. Klar, dass diese drei sich Zustände wie vor der französischen Revolution wünschten. Den Ausspruch ihres Zeitgenossen Sören Kierkegaard „Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“ kannten sie offensichtlich nicht, es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass der dänische Philosoph diesen Ausspruch noch nicht im zarten Kindesalter getätigt hatte.

Wie dem auch sei: Hoch lebte die Gemütlichkeit des heimischen Herdes, auch die Hausmusik. Wie viele Kinder mussten wohl ein Instrument erlernen, um abendlich zu flöten und damit die gestrengen Eltern zu erfreuen? Kinder und Mütter haben sich ganz bestimmt entspannt zurückgelehnt, wenn der Patriarch des Hauses zum Stammtisch ging, der ebenfalls in dieser Zeitspanne seinen Anfang nahm.  Und auch das ist eine Parallele zu bestimmten Milieus heute: Die Frau war die Herrin am Herd, der Mann hatte außerhalb des Hauses das Sagen.

Positiv: Kindererziehung wurde wichtig, es gab die ersten Spielzeugfabriken, Kindermode, Kinderliteratur und der Pädagoge Fröbel gründete den ersten Kindergarten.“

300 Wörter. Puh!

Reblog eines wichtigen Anliegens

Vom chronischen Fatigue Syndrom hatte ich schon gehört, da ich mich im Umfeld der Autoimmunerkrankungen Rheuma und MS mit dem anfallsartigen Auftreten von Müdigkeit beschäftigt hatte. Aber ganz ehrlich: so richtig die Folgen durchdrungen hatte ich nicht.

Als ich heute früh auf dem Umweg über Christiane diesen Blog entdeckt habe, ging mir einmal mehr durch den Kopf, dass unser Gesundheitssystem zwar grundsätzlich ein sehr ordentliches ist, aber es doch Bereiche gibt, wo die zunehmend ökonomische Orientierung dazu führt, dass menschliche Schicksale hintenüber fallen. (Wie gesagt, ich möchte mit mancher Erkrankung auch nicht in den USA oder in GB leben, da fällt vermutlich noch viel mehr hinten runter als bei uns.)

Trotzdem sei die Frage hier einmal mehr gestellt: Ist das hohe Gut Gesundheit etwas, worüber im äußersten Fall Aktionäre von Gesundheitskonzernen oder Pharmazieimperien entscheiden sollen? Bitte nicht falsch verstehen, auskömmliches Arbeiten und Forschen muss sein. Wenn etwas Gewinn dabei herausspringt, um ihn dann zu reinvestieren, auch sinnvoll. Aber diesen ganzen Bereich als eine Hochleistungskuh zu betrachten, die immer mehr gemolken werden kann, ist ganz sicher ein Irrweg. Nur mal so zum Nachdenken…