Vorgerücktes Alter

Lucy wird eine alte Dame. Man merkt es daran, dass sie behäbiger wird, nicht mehr so gut hört, wenn man etwas weiter weg ist, zum aufstehen braucht sie deutlich mehr Zeit als früher. Ausnahme: Die Hündin von nebenan bellt. Die Damen sind sich nicht grün und so gibt es immer einen kurzen Adrenalinstoß, der sie ihr Alter und ihre Zipperlein vergessen lässt.

Seit einem halben Jahr hat sie aber leider immer deutlicher Probleme mit der Atmung. Es fing mit exzessivem Schnarchen an, das hat jetzt nachgelassen, dafür japst sie immer ziemlich, als ob wir gerade von einer langen Wanderung an einem heißen Tag zurückgekommen sind. Dabei könnte ich so richtig ausgiebige Spaziergänge selbst noch nicht durchhalten. Dazu kommt eine allgemeine Unruhe, statt entspannt bei uns in der Küche zu liegen, steht sie alle paar Minuten auf und sucht sich einen neuen Platz. Sie reißt selbst im Schlaf manchmal laut nach Luft und auch wenn es nicht nett klingt, sie ist ein richtiger Jammerlappen geworden, wenn etwas nicht so richtig ist für sie. Der Appetit ist ebenfalls sehr wechselhaft.

Ende August waren wir zum Röntgen beim Tierarzt, aber der Befund ist nicht ganz klar. Das Herz ist nicht vergrößert, sie hat auch keine Tumore in der Lunge oder so, „nur“ etwas verkalkte Bronchien. Das Blutbild ist altersgemäß in Ordnung, es ist also auch nicht die Schilddrüse. Es stand die Vermutung im Raum, dass es eventuell Asthma sein könnte, aber eine Woche Kortison brachte keine Besserung. Also weitersuchen. Heute wieder ein Termin in der Praxis, in die wir sie inzwischen nur noch mit einer Mischung aus gut zureden und sanftem Zwang hineinbekommen. Um eine versteckte bakterielle Entzündung auszuschließen, gibt es jetzt eine Woche lang Antibiotika, wenn sich dann immer noch nichts tut, wird ein Herz-Ultraschall gemacht. Ist das auch unauffällig, ist ein CT die letzte diagnostische Lösung (unter Vollnarkose).

Ich frage mich inzwischen, was ist eigentlich der größere Stress und die höhere Belastung für sie? Die Unruhe und Luftnot oder die immer neuen Behandlungen? Die spürbare Angst, wenn wir ihr in den Kofferraum helfen, wo sie auch nicht mehr allein hineinspringen kann.

Ja, sie wird auch langsam ein bisschen tüddelig, manchmal steht sie in der Gegend und weiß anscheinend nicht mehr, warum sie jetzt irgendwo hin gegangen ist. Sie seufzt und jammert, aber die reinen Körperfunktionen sind noch da, sie freut sich nach wie vor in einer Weise, als ob sie einen Propeller im Po hätte, sie genießt es, einfach bei uns zu sein.

Gibt es auch Palliativbehandlung für Hunde? Wenn wir einfach für sie da sind, ihr nur ihre Angst und Unruhe nehmen statt intensive und anstrengende medizinische Behandlungen durchzuführen, kann sie doch hoffentlich noch eine schöne Zeit bei uns haben. Ich weiß es nicht. Es ist das erste Mal, dass wir vor so einer Situation stehen. Unsere erste Katze hat irgendwann Reißaus genommen, als sie zum zigsten Mal wegen einer chronischen Erkrankung in die Klinik sollte und sich zum Sterben irgendwo verkrochen. Die anderen hatten leider tödliche Begegnungen auf der Straße.

Ich bin ratlos und das gefällt mir nicht. Edgar und Kathrin geht es ähnlich.

Nur mal so

Nur, weil ich etwas „im Internet“ gelesen oder sogar selbst geschrieben habe, ist es noch lange nicht „die reine Wahrheit“. Ich kann bewusst gelogen haben, ich kann aber auch schlicht meine persönliche WahrNEHMUNG niedergeschrieben oder beim Lesen bestätigt gefunden haben. Ist schon etwas schwierig, das auseinanderzuhalten… für manche Menschen zumindest🤷‍♀️

Systemrelevant

Gestern waren wir mehrere Stunden im Auto unterwegs. Eine Familienangelegenheit in Köln lag an. Wann hört man schon mal so ausgiebig Radio wie auf dem Weg über Deutschlands gefühlt längste Baustelle? Jedenfalls fuhren wir vormittags nach Köln und nachmittags zurück nach OWL.

Ein Thema des Tages waren die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, zitiert wurde neben der Forderung von 4,8% mehr Gehalt auch ein Vertreter der kommunalen Arbeitgeber, der sinngemäß meinte, das sei zurzeit wegen der Einbrüche im Steueraufkommen nicht darstellbar. Beleuchtet wurde die Thematik von verschiedenen Standpunkten und mir ist durchaus bewusst, dass die Städte und Gemeinden keinen Goldesel im Garten haben. Mir ist aber ein ganz bestimmter Aspekt im Gedächtnis geblieben, da auch ein Sozialethiker interviewt wurde. Den Namen habe ich leider nicht mitbekommen, vermute aber, dass es sich um Stefan Heuser handelte.

Er regte ein Gedankenexperiment an: Was würde gesellschaftlich schief laufen, wenn Fußballprofis oder Formel-1-Fahrer sagen würden „Nö, mache ich nicht mehr!“ Ja, ich weiß, viele Männer hätten dann am Wochenende deutlich mehr Langeweile (manche Frauen auch). Aber vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt her würde halt nichts essentielles fehlen. Nun kommt die Gegenprobe: Was ist die Folge, wenn Pflegepersonal, Müllwerker oder ErzieherInnen im größeren Stil den Dienst quittieren/verweigern würden? Keine Alten- und Krankenpflege, wir würden in unserem Wohlstandsmüll ersticken, hätten niemanden für die Kinderbetreuung. Mit welchem Recht also wird einfach so hingenommen, dass Sportprofis exorbitante Summen verdienen, es unanständig hohe Ablösesummen gibt, aber die wirklich wichtigen Berufsgruppen mit Applaus abgespeist werden?

Den Grund dafür sieht der Sozialethiker unter anderem darin, dass die Fürsorgearbeiten beispielsweise früher meist im Verborgenen stattgefunden haben, nebenbei „ehrenamtlich“ (nein, eigentlich eher „selbstverständlich“) von den Hausfrauen mit erledigt wurden. Die Männer des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gingen zur Arbeit aus dem Haus, wurden öffentlich wahrgenommen. Was nicht sichtbar ist, wird auch weniger wertgeschätzt. (Wie die frisch geputzten Fenster😉.) Im Gegensatz zu dem Investmentbanker oder Betriebsberater (mehrheitlich handelt es sich auch heute noch um Männer), der mit der Luxuslimousine durch die Stadt kurvt und auf allen wichtigen Veranstaltungen auftaucht, möchten viele andere Menschen einfach nur in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können, ohne irgendwo im Mittelpunkt zu stehen.

Müssen daher jetzt zwingend alle Angehörigen der klassischen Fürsorgeberufe zu Rampensäuen werden? Oder müssen Gesellschaft und Politik vielleicht „einfach“ mal lernen, genauer hinzuschauen, nicht immer nur die lauten Stimmen wahrnehmen?

Auf die leisen Stimmen hören, von den Ruhigen lernen, das gilt im Übrigen in so vielen Bereichen. Aber den Krakeelern, den (narzisstischen) Selbstdarstellern wird Aufmerksamkeit gewidmet. Dazu zählen auch die Darsteller des Stürmchens in Berlin letztes Wochenende. Mir ist gestern Abend zwar auch echt übel geworden, als ich die Bilder vor dem Reichstagsgebäude sah, ich kapiere das einfach nicht, wie man so einen Schmarren von sich geben und glauben kann, aber ihnen ist eindeutig zu viel breite Aufmerksamkeit zuteil worden. Sie haben ihr Ziel erreicht. Leider.

Markustheater

Ich weiß nicht, wieso, aber heute begleitet mich schon den gesamten Tag eine Erinnerung an das Frühjahr 2013, als sich bei uns in der Kirchengemeinde 17 Menschen zusammenfanden, um das Markus-Evangelium als Theaterstück einzustudieren. Sechzehn Kapitel, ein Lebens- und Leidensweg in 90 Minuten darzustellen, das war schon eine große Herausforderung.

Als Vorbereitung hatten wir selbst eine Aufführung in der Uni in Bielefeld besucht, denn das Markustheater ist ein Konzept der SMD (Studentenmission Deutschland) und tourt dementsprechend vor allem durch Unis. Es gibt dafür geschulte RegisseurInnen, die mit den Gruppen vor Ort arbeiten. Schon im Publikum sitzend spürte ich die Unmittelbarkeit der Aufführung. Da es keine Bühne gibt, sondern Stuhlkreise (die weit genug auseinander stehen, dass Darsteller hindurch gehen können) um einen freien Mittelplatz, wird der gesamte Raum bespielt. Als Zuschauer ist man deswegen quasi mittendrin im Geschehen und wird auch , zum Beispiel bei der Speisung der 5000, einbezogen.

Wie „lernt“ man denn nun, selbst das „Ding“ zu spielen? Nun, zunächst hat kein Darsteller eine Ahnung, welche Personen er oder sie spielen wird. Denn die ersten sechs Wochen hat man nichts anderes zu tun als das Markusevangelium zu memorieren. Bei mir sah das so aus, dass ich es als Hörbuch auf dem Handy hatte und jeden Tag bei den Hunderunden hörte. Jede/r von uns hatte da eine eigene Methode.

Nach einigen Wochen kamen wir für ein sehr intensives Probenwochenende im Team zusammen mit unserer Regisseurin, die uns dann mal so kurzerhand (so schien es jedenfalls) unsere Charaktere zuordnete. Manche spielten mehrere Personen, zentrale Persönlichkeiten wie Jesus, die vier engsten Jünger und die Pharisäer hatten nur diese eine Rolle, weil sie natürlich immer wieder vorkamen. Schon bei den ersten Proben ging uns aber auf, dass Melanie uns sehr gut eingeschätzt hatte, denn jeder von uns passte super zu den Personen, die er verkörperte. Und wir alle konnten uns mit unseren Eigenheiten einbringen und unsere Rollen mit Leben füllen!

Kleine Einlagen zum Lachen gab es ebenfalls, die waren auch notwendig, um immer mal wieder aufkommende Spannung zu lösen. Wenn Jesus seine Jünger zum dritten Mal über den See Genezareth rudern ließ und ein Jünger daraufhin maulte „Och nö, nicht schon wieder rudern…“, dann befreite es das Publikum vielleicht von einer vorangehenden Konfliktszene zwischen Jesus und den Pharisäern. Lacher gab es bei uns auch, weil ausgerechnet der Dorfarzt den von den Schweinedämonen Besessenen spielte. Übrigens sehr überzeugend.

Zum Ende stieg die Spannung, als es um Jesu Verurteilung ging, im immer dunkler werdenden Raum alle Schauspieler immer lauter „Kreuzigt ihn“ skandierten, wobei sie die Zuschauer aufforderten, einzustimmen und diese deshalb nicht um wachsendes Unbehagen herumkamen. Nach der Kreuzigung schrie „unser“ Jesus gepeinigt auf, schlagartig wurde es stockfinster im Saal und für unendlich lange drei Minuten blieb das Licht aus. Diese Szene sorgte denn auch dafür, dass es im Publikum sehr still blieb und wir in lauter bedrückte Gesichter blickten, als das Licht dann wieder anging. Bleibt zu bemerken, dass wir Eltern mit jüngeren Kindern vorsorglich darum gebeten hatten, den Raum vor der Kreuzigung zu verlassen. Doch schließlich löste sich die Spannung in Applaus und befreites Aufatmen, die ZuschauerInnen waren mehrheitlich begeistert!

Bei mir hat diese „Theaterarbeit“ nachhaltigen Eindruck hinterlassen, sowohl beim Anschauen als auch beim Mitmachen fühlte ich mich in die Lebensumwelt Jesu hineingezogen, bekam einen anderen Blick auf die dargestellte Geschichte Jesu und auch auf meinen eigenen Glauben. Momentan sind coronabedingt alle Projekte des Markustheater gestoppt, aber wenn ihr später mal die Gelegenheit habt, eine solche Aufführung in eurer Region zu besuchen, nutzt sie. Dafür muss man auch nicht zwingend gläubig sein, offen für unglaubliches reicht auch😊

Weitere Infos findet ihr hier: https://www.smd.org/akademiker-smd/ueberregional/markustheater/

Demokratie

Werte der Demokratie auf einem Scrabble-Feld legen ist schon schwierig. Wörter wie Akzeptanz, Freiheit, Rechte und Pflichten, Konsens, Mehrheit, Verfassung, Minderheitenschutz, Pressefreiheit, Grundrechte und was noch dazu gehört, lassen sich teilweise aus Platzgründen nicht darstellen, aber es fehlen auch schlichtweg die Buchstabenplättchen, um solche Begriffe darzustellen.

Auch in unserer gelebten Demokratie fehlt einiges. Nur sind es dort leider keine Buchstabenplättchen, die für die Mitspieler nicht mehr verfügbar sind, sondern es fehlt immer häufiger an den Grundwerten der Demokratie selbst, an der Bereitschaft, das zu leben, was elementar zur Demokratie gehört. Denn im Gegensatz zu Diktatur oder Oligarchie ist das Leben in der Demokratie anstrengend. Wie häufig hören wir zum Beispiel augenblicklich „Denk doch mal selbst“, gern gebraucht von Personen, die das selbständige Denken all jenen aberkennen wollen, die keine Probleme mit demokratischen Abläufen haben.

Ja, selbst denken – und dann auch zu Schlüssen gelangen, ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen in einer Demokratie. Die Demokratie kann und muss es auch aushalten, dass diese Schlüsse unterschiedlich sind.

Aber! Wenn ich mich aktuell informiere, was denn bei der anstehenden Kommunalwahl auf mich zukommt, fange ich mitunter an zu zweifeln, was anscheinend immer mehr Leute unter Demokratie verstehen. Mitunter klingt das in Anlehnung an Henry Fords „Jeder Kunde kann ein lackiertes Auto in jeder gewünschten Farbe haben, solange es schwarz ist.“ eher nach „Ihr könnt jede Meinung vertreten, solange es meine ist“

Klar, dieses Jahr ist Wahlkampf schwierig, Straßenwahlkampf kaum möglich, man muss andere Wege gehen. Unsere lokale Tageszeitung macht das mit Vorstellungsrunden in den einzelnen Orten für die jeweiligen BürgermeisterkandidatInnen, zentral in Minden für die Landratswahl. Das wird live übertragen und anschließend ist es auch auf Youtube anzusehen. Vorab können Fragen eingereicht werden, selbst während der Fragerunden können noch Fragen gestellt werden, die sich aus vorherigen Antworten ergeben. Eine tolle Idee.

Im Allgemeinen präsentieren sich KandidatInnen auch gut vorbereitet und gesprächsoffen über Parteigrenzen hinaus. Bei allen Gesprächsrunden, die ich mir bisher angeschaut habe, fällt mir aber auf, dass es Parteien und teilweise auch freie Wählergruppierungen gibt, deren BewerberInnen durch Ahnungslosigkeit und mangelnde Kenntnis glänzen und auch nicht willens sind, die erprobten demokratischen Wege des sachlichen Streitgesprächs zu nutzen. Aus mehreren Orten unseres Landkreises habe ich Antworten gehört im Tenor „Da werde ich mich reinarbeiten, wenn ich Bürgermeister werde“ oder „Da wächst man dann rein“. Hallo! Ist es zu viel verlangt, dass jemand, der sich für ein öffentliches Amt bewirbt, bereits vorher intensiv damit auseinandersetzt, was dieses Amt bedeutet und wie die Themen vor Ort gesetzt sind? Schließlich handelt es sich um einiges mehr als den Vorsitz der Klassenpflegschaft!

Ganz davon abgesehen, weiß ich nicht, ob es unserem Zusammenleben guttut, wenn sich immer mehr Splittergruppierungen gründen, die sich nur auf ihre eigenen Anliegen konzentrieren und das große Ganze beiseiteschieben. Die notwendige Fähigkeit zum Kompromiss wird dadurch immer geringer, die Frustrationsgrenze immer niedriger. (Das Phänomen kenne ich übrigens auch aus einigen kirchlichen Kreisen. Wenn die theologische Ausrichtung der Gemeinde für einige Leute nicht mehr passt, oft heißt das: nicht streng genug ist, dann wird eine neue Gemeinde gegründet.) Meinungspluralität ist natürlich wichtig, immer im Zusammenhang mit gegenseitigem Respekt; aber wenn es dazu führt, dass sich immer mehr (Meinungs-)Gruppen bilden, deren Meinungsvielfalt damit aber immer eingeschränkter wird, dann verlieren wir die elementaren Errungenschaften, die für Gemeinschaften nun einmal notwendig sind.

Es bleibt kompliziert. Auch wir Menschen. Denn einerseits streben wir eine persönliche Optimierung an, eine Anpassung an angebliche „Standards“ (zum Beispiel körperliche Fitness, Aussehen, Ansehen), pochen aber andererseits darauf, dass „Mainstream“ der letzte Mist ist. Schizophren…

Edit: Habe gerade den Hnweis erhalten, dass auf dem Scrabble-Brett beim Wort „Gemeinsam“ das „I“ fehlt. Ich habe absolut keine Lust, das alles nochmal zu legen. Hiermit also die Feststellung, dass unsere Gemeinsamkeit schon etwas vorgeschädigt ist🤔.

Warum muss alles „klein“ sein?

Nur mal ganz kurz zwischendurch. Ich schaue gerade Verlagsvorschauen durch, was so im Herbst verkäuflich sein könnte. Und dabei stolpere ich bei den unterhaltsamen Frauenromanen immer wieder über das Wort „klein“. Der Trend ist keineswegs neu, seit einigen Jahren fluten KLEINE Buchhandlungen, Teeläden, Bäckereien … die Regale. Und ich frage mich, woran das liegt.

Trauen die Autorinnen ihren Heldinnen nicht mehr zu als „klein“? Das mag ich nicht glauben. Bücher, die eher „Männerromane“ oder zumindest interessant für beide Geschlechter sind, werben jedenfalls nicht mit diesem Attribut. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit oder die realistische Einschätzung, dass es immer besser ist, klein anzufangen und zu wachsen, als mit einer großen Sache grandiosen Schiffbruch zu erleiden?

Ich merke trotzdem jedenfalls, dass mir die literarische Aneinanderreihung „kleiner“ Geschäftsideen zunehmend auf den Nerv geht, obwohl viele dieser Romane durchaus lesenswert sind, wenn man einfach mal genüsslich Luft holen möchte oder muss.

So ging es mir nach der „Wanderhure“ auch mit den durchs Mittelalter ziehenden Geschäftsfrauen, die alle nach ihrem Berufsstand tituliert wurden. In unseren Verlagen sitzen doch fähige LektorInnen, müssen die denn immer einen Gaul reiten, bis er tot umfällt?

Prinz im Pullover

Lange Zeit, ehe es die berühmt-berüchtigten „Agathe-Bauer-Songs“ oder den „weißen Neger Wumbaba“ gab, war ein Running Gag meiner Mutter der Prinz im Pullover. Es war zu Beginn der 1970er Jahre, mein Bruder hatte eine tolle, selbstzusammengebaute Stereoanlage, die aus Plattenspieler, Radio, großen Lautsprecherboxen (soweit dürften die Begriffe auch heute noch bekannt sein) und einem Tonbandgerät (wer da jetzt nicht mehr mitkommt, kann das gern googeln, aber ich schätze mal, die überwältigende Mehrheit der geneigten Leserschaft weiß, was ich meine😉).

Da meine Mutter beim Putzen gern Musik hörte (sämtliche Türen im Haus standen dabei offen, denn dieses Teil war ja nicht so transportabel wie ein Ghettoblaster oder gar ein MP3-Player), hatte mein Bruder ihr ein Tonband für diesen Zweck zusammengestellt. Jedenfalls hat sie mir das so erzählt, ich selbst interessierte mich im zarten Alter von 2-4 Jahren noch nicht für diese Dinge.

Wenn ich mich richtig erinnere, waren so Knaller wie „Am Tag, als Conny Kramer starb“ auf diesem Band, möglicherweise auch Freddy Quinns „Junge, komm bald wieder“. Aber was mir dauerhaft in Erinnerung geblieben ist, das ist der besagte Prinz im Pullover. Zu Mamas Entschuldigung muss ich erwähnen, dass sie nie Englisch gelernt hat, aber wenn sie lauthals mitsang, dann sang sie eben dieses. Erst Jahre später erfuhr ich, dass der Song eigentlich „Crimson and Clover“ hieß und aus meinem Geburtsjahr stammte.

Ich habe mir eben mal den auf deutsch übersetzten Text durchgelesen und das Video angeschaut. Bei beidem kann ich nur vermuten, dass die Musiker vorher irgendwas experimentelles eingeworfen oder geraucht hatten. Aber mach dir gern selbst mal ein Bild:
https://www.youtube.com/watch?v=XS0niyiKlcw

Manchmal kann ich einfach nicht umhin, mich zu fragen, warum in aller Welt man sich jeden Schrott merkt, während man bei wichtigen Dingen immer vergesslicher wird…

A B C …

Ich habe eine Weile gebraucht, bis es zwischen dem Alphabet und mir gefunkt hat. Aber der Gedanke hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen.

Heute habe ich dann einfach mal meinen Erinnerungen an die Kindheit nachgehangen und drauflosgeschrieben. Und siehe da, es wuchs. Danke. liebe Christiane, für diese Anregung.

Also los:

Meine Kindheit hatte viele Facetten, ist aber stark geprägt von einzelnen Personen, einer ländlichen Einfachheit und ziemlich viel Natur.

Ich erinnere mich an den Apfelbaum, in dem ich gern geklettert bin, an Blutflecken, bevorzugt auf weißen Söckchen, wenn ich mal wieder mit dem Schutzblech meines Fahrrades kollidierte und an das Chaos, das jahrelang in meinem Zimmer herrschte. Dickköpfig war ich auch häufig (siehe auch „N“). Eine Sache, die ich sehr schön fand, war das Eiersuchen im Hühnerstall des Bauernhofes gegenüber. Übrigens ist eine meiner frühesten Erinnerungen das heimliche Fleischwurstessen mit meinem Opa auf der Bank vor der Kirche (natürlich wusste Mama davon, aber das wusste ich nicht. Ich war zwei Jahre alt).

Grün mit riesigem Blumenmuster war die Tapete in meinem ersten eigenen Zimmer. Typisch 70er halt. Den Hintern bekam ich nur einmal versohlt, da war ich ohne Bescheid zu sagen mit einem Schulfreund nach Hause gegangen, weil er neue „L“ bekommen hatte und ich die unbedingt sehen musste… In die Innenstadt von Minden bin ich am liebsten mit dem Bus gefahren, um mir ein Bille-und-Zottel-Buch zu kaufen. Meist hatte ich es dann schon halb durch, wenn ich wieder zuhause ankam. Etwas später kamen dann die ersten Jugenddiscos in Dorfgemeinschaftshäusern. Manchmal waren die so langweilig, dass wir heimlich nach Bückeburg in die Disco marschierten. Ach, und dann war da noch der Kirschbaum in unserem Garten mit dem megadicken Stamm, den wir zu zweit nicht umarmen konnten. Lego war klasse, obwohl meine Fähigkeiten nicht zur Architektin reichten. Meine Steine waren bereits Erbstücke von meinem Bruder (es gab damals echt noch nicht die Trennung in Jungs-Lego und Mädels-Lego!)

Zurück auf den Bauernhof. Milchpulver in Eimern mit Wasser verrühren (die Arme bis oben hin im Eimer) und dann die Kälber füttern war auch immer toll. Nicht so toll dagegen war die Tatsache, dass meine heißgeliebte Tante manchmal ziemlich nachtragend war, vor allem wenn bei mir das „D“ durchkam 😅. Ich denke daran, dass es Oberleitungen bei der Bahn auch noch nicht überall gab. Deswegen fand ich die Schienenbusse in den ländlichen Gegenden immer faszinierend. Eine Sache der ganzen Familie war das Pflaumenmuskochen im Herbst. Im Waschkessel, für den es einen Kupfereinsatz gab, das Wochenende brauchten wir komplett dafür. Etwas eher im Jahr machte meine Mutter eine geniale Quark-Sahne-Torte mit Himbeeren. Wenn ich die doch auch hinbekäme… Übrigens prägte ein Urlaub in Reit im Winkl meine Vorliebe für Frühstückspensionen. Ein Traum von mir ist es, eine eigene zu besitzen.

Meine Gedanken springen ziemlich hin und her. Jetzt fällt mir ein, dass ich mit einer Freundin im Wald an der Lerbeeke gerne Staudämme gebaut habe. Was hatten wir für Freiheiten! Überhaupt, die langen Tage im Sommer auf dem Bauernhof, mit Rüben hacken, Heu machen und Getreideernte. Denn Urlaub war selten, manchmal auch mit oder bei Tante und Onkel. Nix mit Caprifischern außer im Radio. Wichtig ist mir nach wie vor mein Vater, der viel zu früh gestorben ist. Papa nahm mich immer ernst. Und er sorgte dafür, dass ich mich für politische und gesellschaftliche Themen interessiere. Keine Bange, ich war kein Nerd, im Gegenteil, ich spielte mit einer (anderen) Freundin unheimlich gern Winnetou und Old Shatterhand.

Jetzt kommen die „Schwierigen“ Buchstaben. Wenn ich bockig war, und das konnte ich ziemlich gut, nannte Mama mich „Xanthippe„. Dagegen kam das Ypsilon in meiner Kindheit kaum vor. Doch, da gab es ein Comicheft, das hieß „Yps“ mit so einem komischen Känguruh (kein kommunistisches, soweit ich weiß). Und schließlich hatte ich viele Jahre Angst vor dem Zahnarzt, weil ich mal vertretungsweise zu einem uralten Exemplar seiner Art musste, den meine Mutter als „Kommissarzt“ betitelte. Heute weiß ich auch warum.

So. Nun wisst ihr’s. Darum bin ich so, wie ich bin. Meine Kindheit im Schnelldurchlauf bringt es ans Tageslicht. Vielen Dank an alle Beteiligten damals.

Mitglied, das – Substantiv, Neutrum

So lautet der Eintrag im Duden, nach wie vor Nummer Eins, wenn es um Fragen der korrekten Rechtschreibung, Grammatik oder des Stils geht. Gerade in der 28. Auflage neu erschienen mit 3.000 neuen Wörtern (Coronavirus und Lockdown sind jetzt aus Gründen auch dabei, da sag mal einer, analoge Medien können nicht schnell auf aktuelle Themen reagieren). So weit, so klar.

Als ich heute früh meinen beruflichen Email-Eingang durchsah, fiel mir bei einer Nachricht folgende Anrede auf:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitgliederinnen und Mitglieder…“

Kurzfristig sind mir fast die Fußnägel hochgeklappt. Dabei habe ich grundsätzlich überhaupt nichts gegen gendergerechte Sprache, wenn sie sinnvoll ist. Ich zucke zwar bei „Gästin“ als weibliche Form zu „Gast“ auch noch ein bisschen zusammen, kann es aber wenigstens einigermaßen nachvollziehen, warum diese Form benutzt wird. Statt „Putzfrau“, was schon abseits der Beschränkung auf ein weibliches Wesen etwas abwertend klingt, heißt es „Reinigungskraft“. Auch das ist eine weibliche Form, aber hier kommt niemand auf die Idee, eine männliche Reinigungskraft als „…krafterich“ zu bezeichnen. Eine Fachkraft jeglicher Fachrichtung wird allgemein als eine Person (aha, auch DIE Person wird geschlechterneutral verwendet) definiert, die in einer bestimmten Sache Expertise und Erfahrung aufweisen kann.

Kathrin meinte gestern, im englischen Sprachgebrauch hätten sie ja offensichtlich dieses Problem eher weniger, denn ein weiblicher Lehrer heißt Teacher und nicht Teacheress. Ein Friend ist je nach Zusammenhang eine Freundin oder ein Freund, kein Gegenüber in einer festen Beziehung, dort wird es dann doch genauer definiert als Girlfriend oder Boyfriend.

In der Sach- und Fachliteratur wird in den letzten Jahren auch immer mehr auf gendergerechte Sprache geachtet, das ist beim Lesen nicht weiter schwierig, aber beim Vorlesen von Buchkapiteln (findet bei uns regelmäßig statt, denn dann lese ich, Edgar und Kathrin hören zu und wir können das [Vor-]Gelesene anschließend diskutieren) ist es eine Herausforderung, die ich öfter mal umgehe. Trotz allem kenne ich die Absicht, die hinter diesem Sprachgebrauch steht und auch die gesellschaftliche Bedeutung, ungefähr die Hälfte der Bevölkerung sichtbarer zu machen.

Aber ein Wort zu gendern, das von Haus aus neutral ist, bloß um auf Teufel komm raus eine besondere Korrektheit zu vermitteln, da endet es bei mir mit dem Verständnis und das gibt der Duden auch nicht her:

Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Mitglied

Wenn ich hier auf dem Blog schreibe, benutze ich aus Lesbarkeitsgründen, aber auch aus meinem umfassenden Verständnis, dass ich meistens sowieso alle anspreche, oft die überkommenen meist männlichen Formen. Möglicherweise gefällt das nicht allen von euch, aber beschwert hat sich auch noch niemand. Andererseits habe ich festgestellt, dass es relativ viele so halten. Und ich glaube nicht, dass es aus Respektlosigkeit so gehandhabt wird, gerade auch weil viele von euch selbst auch Frauen sind. Das ist natürlich meine persönliche Meinung, ich bin für respektvolle Kritik jederzeit zu haben. Und nun beende ich diesen Beitrag (der fast ganz ohne Corona ausgekommen ist) mit dem Zitat Adams aus der Lutherbibel:

Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 1. Mose 2, 23

Sommermorgen

Heute früh um viertel vor sechs hat mich nichts mehr im Bett gehalten, der frühe Spätsommermorgen lockt. Erstmal habe ich die Hunde mit einer Kaustange versorgt, draußen das Vogelhaus aufgefüllt, die Kaffeemaschine angeschmissen und dann alle Fenster weit aufgerissen. Meine Morgenroutine. Dann ein bisschen die Atmosphäre im Garten genossen. Nur 19 Grad, eine angenehme Kühle, die Natur atmet ebenso auf wie ich, denke ich. Der leichte Frühdunst lässt meine Wildnis etwas verwunschen erscheinen.

Auf dem Weg zum Regenspeicher konnte ich schon ein paar Brombeeren naschen. Taufeucht, kühl und süßsauer zergehen sie auf der Zunge. Das Gemüse an der Hauswand bekommt ordentlich Wasser, ich den ersten Kaffee. Unwillkürlich kommt mir ein Liedanfang in den Kopf „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang…“, vielen wahrscheinlich eher bekannt als „Morning has broken“

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Sweet the rain’s new fall, sunlit from heaven
Like the first dew fall on the first grass
Praise for the sweetness of the wet garden
Sprung in completeness where His feet pass

Mine is the sunlight
Mine is the morning
Born of the One Light Eden saw play
Praise with elation, praise every morning
God’s recreation of the new day

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the Word

Übrigens ist es kein originärer Song von Cat Stevens, sondern die Melodie eines alten gälischen Volksliedes, für das die Kinderbuchautorin Eleanor Farjeon Anfang der 1930er Jahre einen Text für eine geistliche Liedersammlung schrieb. In der deutschen Textfassung steht es im evangelischen Gesangbuch und wie ich über Wikipedia herausfand, auch in der österreichischen Ausgabe des Gotteslob der katholischen Kirche.

Ich bereite mich auf meine heutige Aufgabe im Gottesdienst vor, genieße noch ein wenig die wunderbare Morgenatmosphäre, ehe die angekündigte Hitze des Tages mich ausbremst und freue mich schon auf die kommenden Spätsommerwochen; eine Jahreszeit, die ich immer wieder mit einer Mischung von Abschiedswehmut und Vorfreude auf die neue Jahreszeit erlebe.

Ich wünsche euch einen gesegneten Sonntag.