Kampf um Ressourcen

Diese Anzeige in der Tageszeitung verdeutlicht etwas, das schon längere Zeit nicht mehr stimmig ist. Gerade hier im Wesergebiet, aber auch in vielen anderen Gegenden Deutschlands, gibt es guten und fruchtbaren Ackerboden, aber auch Weideland, das (hoffentlich) noch mit bunten Wiesenkräutern für Insekten- und Tiernahrung, letztlich auch für die Lebensmittelversorgung für uns alle, sorgt.

In einigen Metern Tiefe unter diesem wertvollen Boden liegen aber noch ganz andere Schätze: mächtige Kies- und Sandvorkommen, unverzichtbar für die Baubranche. Nicht nur für Wohnungs- und Industriebauten, auch für tatsächlich dringend benötigte Brückensanierungen überall im Land. Darüber hinaus ist deutscher Bausand auch in anderen Ländern sehr gefragt, die auf den ersten Blick zwar sandreich sind, aber mit ihrem glattgeschliffenen Wüstensand nicht bauen können.

Die Landwirte sitzen an einer Schaltstelle, quasi zwischen Baum und Borke: verkaufen sie ihre Flächen, stellen sie zwar einerseits kurzfristig Liquidität her, die ihnen möglicherweise für die Fortführung ihrer Betriebe hilft, andererseits sind die Flächen unwiederbringlich für die ganz oben genannten Zwecke verloren. Denn jeder Hektar kann nur einmal verkauft werden, und irgendwann ist die Restfläche zu klein, um auskömmlich bearbeitet zu werden.

Durch die Porta Westfalica soll möglicherweise eine neue Bahntrasse gebaut werden, alles für den Deutschlandtakt. Der ab 2030 gelten soll, während innerhalb dieser Zeit das Mammutbauprojekt aller Voraussicht nach überhaupt nicht umzusetzen ist (siehe andere Mammutprojekte deutschen Bauwahns…). Welches dafür aber die Ländereien mindestens eines örtlichen Landwirtes so sehr zerschneidet, dass für ihn sehr wahrscheinlich die Betriebsgrundlage wegfällt.

Natürlich ist der Sachverhalt jetzt verkürzt dargestellt, aber trotzdem: Das alles vor dem Hintergrund, dass immer mehr Menschen auf eine regionale und nachhaltige Lebensmittelversorgung Wert legen. Finde den Fehler…

Nun ist es ja nicht so, dass solche oftmals widerstreitenden Bedürfnisse wie (bezahlbares) Wohnen, Infrastruktur, Wirtschaftswachstum, Mobilität, sichere und hochwertige Nahrung, erlebbare Natur, Umweltschutz (um weitere Komponenten fast beliebig erweiterbar) neu wären. Und es ist auch nicht so, dass die Lösung dieser Widersprüche einfach wäre. Umso schwerwiegender ist es aber, dass der breite Diskurs, wie eine nachhaltige und auskömmliche Balance der unterschiedlichen Bereiche, die ja auch Investitionen in Klimaschutz beinhalten, aussehen könnte muss, immer wieder in die Zukunft verschoben wird. Und in vier Monaten ist Bundestagswahl. Vier Monate Wahlkampf mit der Aussicht, dass die Aufgaben, die teilweise im letzten Koalitionsvertrag festgeschrieben waren, von der Nachfolgeregierung gelöst werden sollen. Das ist Prokrastination auf allerhöchster Ebene und mit Auswirkungen auf uns alle und vor allem unsere Kinder und Enkel.

Leute! Es. Wird. Nicht. Besser.

PS: Übrigens auch nicht, wenn wir alle nur noch irgendwelche Special-Interest-Kleinstpartien wählen, wie es in den „sozialen“ Netzwerken häufig suggeriert wird. Dann kann der Schuss nämlich auch nach hinten losgehen und kaum eine Partei schafft es über die 5%-Hürde, die Koalitionsfindung wird fast unmöglich und in der Folge werden nur noch Partikularinteressen bedient.

„Verantwortung übernehmen“ heißt für mich nicht unbedingt, dass da jemand rausgeschmissen wird (Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer sehenden Auges immer wieder in seinem Ministerium massenhaft Geld verschleudert und die Folgen davon ohne jegliches Schuldbewusstsein vergesellschaftet, ist irgendwann untragbar.). Denn der kann ja dann die Verantwortung auf seine*n Nachfolger*in abwälzen. Verantwortung übernehmen sollte vor allem bedeuten: dazu gezwungen werden, seine Fehler selbst zu beseitigen und in einen breiten gesellschaftlichen Nutzen zu wandeln.

Schon wieder im Fernsehen

Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Innerhalb so kurzer Zeit ist mein Heimatgebiet zwei Mal abendfüllend im TV. Dieses Mal ist es die Weser, die im Mittelpunkt steht. Ab Minute 42 kommt unsere nähere Umgebung ins Spiel, dort ist zum ersten Mal der Ausblick auf die Porta Westfalica mit dem Kaiser Wilhelm links und dem Fernsehturm rechts auf den Bergen, zwischen denen sich die Weser ihren Weg bahnt.

die nordstory: Erlebnis Weserradweg (1) – Von Hann. Münden bis Nienburg | ARD-Mediathek (ardmediathek.de)

Nachwehen

Heute früh war ich gespannt beim Aufstehen: Würde ich mich vor Muskelkater kaum rühren können? Erstaunlicherweise stellte sich heraus, dass die Muskeln in den Beinen gut drauf sind, vermutlich vom Kardiotraining auf dem Fahrradergometer. Aber von sämtlichen Sehnenansätzen in den Knieen weiß ich jetzt ziemlich genau, wo sie an den Gelenken andocken.

Das gibt mir ein wenig zu denken. Am Montag war ich zur Blutabnahme beim RheumaDoc, und da ich auch ein Rezept brauchte, musste ich kurz mit ihm selbst sprechen. Eine Kopie des Berichts der Radiologie über die diversen angerissenen Sehnen in der rechten Schulter hatte ich auch dabei. Seine Bemerkung dazu: Ja, mit Leflunomid (mein Basistherapeutikum, weil ich Methotrexat nicht vertrage) kann es schon mal vermehrt zu Sehnenrupturen kommen. Und er drückte mir das Rezept in die Hand.

Ich fasse es mal so zusammen: die Psoriasis-Arthritis verursacht unter anderem häufiger Sehnenscheidenentzündungen, schmerzhaft und einschränkend. Das Medikament, das die PSA im Zaum halten soll, verursacht vermehrt Sehnenrisse, ebenfalls schmerzhaft und einschränkend. So oder so, geht es den Sehnen an den Kragen. Und was die Sehnen nicht mehr schaffen, ob nun aus dem einen oder dem anderen Grund, das muss die Muskulatur stemmen.

Die Überlegung bringt mich zu dem Bild oben. Ist es nicht wundervoll, wie aus dem gestürzten Baum, dem riesigen Wurzelballen und dem schon halb verrotteten Stamm, neues Leben sprießt? Durch Mikro-Organismen und kleine Tierchen befindet sich in dem Lehmklumpen mit Wurzeln so viel Nährstoff, dass ein neues Bäumchen direkt daraus austreibt. Genau so ein Wunderwerk ist auch unser Körper. Wie oft ist es so, dass die Arbeit, die ein Teil nicht mehr schafft, von einem anderen übernommen wird? Klar, immer geht das nicht, aber trotzdem sind die eigenen Reparaturkräfte alles andere als trivial. Grund genug, sorgsam und ordentlich damit umzugehen. Deswegen gönne ich meinen Sehnen heute einen Ruhetag und mache Dinge, die nicht meinen kompletten körperlichen Krafteinsatz erfordern. Leicht fällt mir das nicht immer, aber ich lerne dazu. Man möge mir mein fortgeschrittenes Alter zugute halten, bekanntlich lernt man dann ja nicht mehr so schnell (nur leider unfreiwillig mitunter sehr effektiv).

Auch dieser Baum gibt sich nicht einfach geschlagen und treibt unverdrossen neu aus. Und bietet dabei vielen Tieren Lebensraum.

Sigwardsweg – Der Weg ist das Ziel…

… oder: Manchmal kommt es anders, aber nicht unbedingt schlechter.

Heute sollte es losgehen, ich hatte es ja bereits angekündigt. Der Sigwardsweg geht quasi hinter unserer Haustür her, eigentlich beginnt die erste Etappe am Mindener Dom, aber ich bin an der zweiten Etappe „eingestiegen“. Denn an Christi Himmelfahrt findet in unserer Gemeinde seit Menschengedenken der Gottesdienst um 8 Uhr morgens „Outdoor“ statt. Also auch zu Zeiten, als es das Wort noch überhaupt nicht gab. Auf dem Jakobsberg am Fernsehturm versammelt sich die Gemeinde und der Posaunenchor, heute auch trotz reichlich Frischluft mit Kontaktnachverfolgung und Masken.

Nach dem Gottesdienst ging es los, mit Freunden, deren Hund und Kalle übern Berg bis Nammen, dort ließ ich Kalle dann abholen, sein Rheumaschub ist zwar vorbei, aber ich wollte ihn nicht zu sehr anstrengen. Allein machte ich mich auf den weiteren Weg und zunächst war ich bis auf zwei Paare, die mir entgegenkamen, allein unterwegs.

Als ich dann aber den Hauptwanderweg, der sich über den Gebirgszug in ganzer Länge zieht, erreichte, traf ich immer mehr Männer. Mit Bierflaschen in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken wandernd, Pause machend (auch mit der Bierflasche) an jeder verfügbaren Bank; ich ahnte, dass es mit dem Alleinsein heute etwas schwierig werden könnte.

Die Südseite der Nammer Klippen. Stürme und Borkenkäfer haben ihre Spuren hinterlassen, aber schon sind neue Bäume angepflanzt

Kurzerhand machte ich einen Mini-Abstecher (keine 50Meter) vom Hauptweg zu „Korffs Quelle“, weil mir bei dem Hinweisschild einfiel, dass wir dort ein paarmal Rast gemacht hatten, als ich noch ein Kind war, Anfang der 70er Jahre. In meiner Erinnerung fand ich beim besten Willen nichts mehr, wie es damals aussah, nur der Name war noch präsent.

Dem offiziellen Wegverlauf bin ich nicht gefolgt, da ich in Nammen nicht den Weg zur Laurentiuskapelle gemacht habe, die kenne ich auch so ganz gut. Gekreuzt habe ich ihn sicher einige Male, aber leider fand ich an keiner einzigen Kreuzung Hinweise mit dem Kennzeichen, nur die von der Stadt Porta oder der Weserberglandtouristik aufgestellten Schilder. Die im Titel abgebildete Karte ist leider vom Maßstab her nicht besonders augenfreundlich, selbst wenn man die Wanderwege bei uns im Berg einigermaßen kennt, kann man nicht auf Anhieb sagen, welches denn jetzt gerade die eigentliche Route ist. Ich habe aber auch keine Lust, die ganze Zeit mit gezücktem Handy durch den Wald zu laufen.

Ob östlich oder westlich davon, fühlt sich nicht anders an, aber gut zu wissen…

Naja, die Sache mit dem Weg war mir letztlich auch egal, ich wusste ja immerhin, in welche Richtung ich wollte. Außerdem war ich gut damit beschäftigt, den Leuten auf Nebenwegen auszuweichen und meinen persönlichen Geh-Rhythmus zu finden. Das war nicht so einfach, denn durch die kaputten Sehnen komme ich mit meiner früheren Schrittlänge nicht mehr klar, aber aus jahrzehntelanger Gewohnheit mache ich immer wieder zu ausgreifende Schritte. Es ist nicht so, dass ich tippeln müsste oder so, aber zwischen 15 und 20 Zentimeter fallen pro Schritt weg, je nachdem, ob ich bergauf oder bergab gehe. Dadurch muss ich mich immer wieder darauf konzentrieren, so zu gehen, dass der Oberschenkelmuskel nicht verkrampft. Es dauert wohl seine Zeit, sich da umzugewöhnen.

Pilger erzählen immer wieder, dass ihnen auf einzelnen Etappen ihres Weges bestimmte Tiere immer wieder begegnen. Nun, Tiere waren es bei mir heute nicht, aber Baumpilze (Heißen die eigentlich wirklich so? Wahrscheinlich eher nicht.) sah ich an einigen Stellen. Zunächst fand ich es nicht weiter bemerkenswert, aber nach dem dritten Mal begann ich, sie zu fotografieren. Die vielen Männertrüppchen wollte ich aber nicht ablichten. Da war der Jogger, der mich an einer Wegkreuzung (mit reichlicher Beschilderung) fragte, wo er denn am optimalsten nach Bückeburg käme. Leider nahm ich denselben Weg wie er, ein olfaktorisches „Highlight“, denn er hatte sich vor dem Joggen anscheinend mit einem halben Liter Aftershave übergossen. Die Duftspur blieb über dem Weg wabernd hängen… Und da war die Gruppe junger Männer, die nicht nur ihre Biervorräte, sondern auch noch einen Ghettoblaster in den Wald geschleppt hatten. Aber auch der einsame Wanderer, der an der „Waldschule“ ein gesundes Picknick mit Tomaten, Möhren und Mineralwasser zu sich nahm.

Irgendwann war es aber so weit, ich kam aus dem Wald wieder raus und ging zwischen Wald und Weiden auf einem Wirtschaftsweg Richtung Wülpke, es blühte mit Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Vergissmeinnicht und dem Weißdorn am Wegesrand rund um mich herum, einfach wunderschön.

Das Tagpfauenauge hatte offensichtlich einen Kampf gegen einen hungrigen Vogel gewonnen, allerdings mit Verlusten. Der linke Flügel verstümmelt, so taumelte er ein wenig unbeholfen von einem Löwenzahn zum nächsten, ließ mich aber geduldig fotografieren.

Tja, ich schaffte es immerhin noch bis Kleinenbremen, aber dort angekommen, ungefähr zwei Kilometer vor meinem Tagesziel, musste ich erkennen, dass ich meine Kräfte aufgebraucht hatte.

Blick vom Waldrand in Richtung Steinhuder Meer

Die Erhebung rechts am Horizont ist die Kalihalde (Kalimandscharo) in Bokeloh, einem Ortsteil von Wunstorf. Kurz davor liegt aus dieser Richtung betrachtet der Ort Idensen mit der Sigwardskirche. Der Bischof Sigward von Minden ließ sie als Grabeskirche bauen und ist dort bestattet. Das ist mein Ziel, das ich etappenweise unter die Füße nehmen möchte. Aber erst muss ich vor allem neue Wanderschuhe haben. Heute habe ich festgestellt, dass meine Schuhe nicht mehr kompatibel zu meinen Füßen und auch zu den ganzen Beinen sind, obwohl ich sie bis letztes Frühjahr gern und viel getragen habe. Ich habe das Gefühl, die Verkrampfung im rechten Oberschenkel hatte nicht nur etwas damit zu tun, dass ich so lange Strecken länger nicht gegangen bin, sondern auch damit, dass ich nicht das beste Gefühl in den Schuhen hatte. Kam ich mit den recht harten Sohlen vor den Sehnenrissen sehr gut klar, wünsche ich mir jetzt etwas weichere Schuhe, die sich besser abrollen lassen und mir einen stärkeren Bodenkontakt ermöglichen.

Alles in Allem ein nicht gänzlich verunglückter Start. Ich brauche neue Schuhe, hoffe, demnächst auf unbekannteren Wegen Hinweisschilder für den Sigwardsweg zu finden und habe gedanklich Ausflüge in meine Kindheit gemacht, ausgelöst durch das, was ich am Weg zu sehen bekam.

Als ich auf dem Parkplatz eines Edeka-Ladens auf meine Abholung wartete, kamen noch einmal nostalgische Gefühle auf, der Ausblick auf die automatisierte Leergutannahme und das Schild „Hausgemachte Wurstwaren“ ließen mich mal wieder an den winzigen Edeka meiner frühen Kindheit denken, der direkt neben der Dorfkneipe lag und wo die Kassiererinnen im weißen Kittel mit blau-gelben Abzeichen das Leergut noch einzeln annahmen und die Flaschen in leere Getränkekisten stellten. Nein, ich wünsche mir nicht wirklich die 70er Jahre zurück, aber manche der langsamen und bedächtigen Tätigkeiten und Arbeitsweisen täten uns heute auch noch ganz gut.

Fehlender Mindestabstand

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Wegen fehlendem Mindestabstand musste ich die Lektüre leider erstmal unterbrechen. Mir fehlte langsam der Mindestabstand zu meinem eigenen Unverständnis der Verhaltensweisen, die im Buch dargestellt werden. Mir rückten die teilweise kruden Thesen, die Menschen verbreiten und anscheinend auch glauben, zu sehr auf die Pelle durch die Beschäftigung damit. Kurz: Mir ging die Laune flöten…

Glücklicherweise besteht das Buch aus Essays, die unterschiedliche, auch internationale Facetten des Phänomens der Verbrüderung aller möglichen (und unmöglichen) Strömungen des Misstrauens in die Gesellschaft beleuchten. So versuche ich es höflich auszudrücken. Es ist erschreckend, dass im Zeitalter der Aufklärung wohl so mancher finstere Verschwörungsglaube nicht beseitigt, sondern nur notdürftig kaschiert wurde. Ich frage mich, wie um alles in der Welt es die Menschheit bis hier und heute gebracht hat, wenn sie scheinbar nur von Verbrechersyndikaten und korrupten Eliten regiert wurde und wird, aber vor allem stelle ich mir die große Frage:

Was bringt Menschen, die ich vor einem Jahr eher entweder im christlich-konservativen, liberalen oder linksalternativen Spektrum verortet hätte, dazu, mit offen rechtsextremen und teilweise demokratiefeindlichen Gruppen gemeinsam auf die Straße zu gehen? Dabei ist es vollkommen egal, ob aus Protest, Angst oder Besorgnis, einige ganz persönliche Motive kann ich sogar gut nachvollziehen. Aber, nein! Gruppierungen auf den Leim gehen, die auf komplizierte Probleme einfache Lösungen oder „Starke Männer“ aufstellen, das Nachplappern von teils jahrhundertealten Bedrohungsszenarien, die weltweite Bereitschaft, sich menschenwürdeverachtenden Rattenfängern anzuvertrauen, das kann ich nicht begreifen.

Regenbogenfahnen neben Reichsflaggen (Hallo! In dieser „guten alten Zeit“ landeten auch Homosexuelle und andere sich der heute als queer bezeichnenden Bewegung zugehörigen Menschen in KZs!)

Ein toxischer Cocktail aus Anthroposophie, verschiedenen wahlweise ökonomischen oder auch ökologischen Verschwörungsszenarien, Antisemitismus, Klimawandelleugnung, Deep State, NWO, Esoterik und Rassismus erinnert an den Zauberlehrling von Goethe.

Lesenswert ist das Buch allemal, aber bitte mit guten Nerven. Es ist ein bitterer Kirmes-Ersatz: ich erlebe eine Achterbahn im Gruselkabinett. Wohltuend sind da einige Interviews mit Menschen, die selbst teilweise auch bereits verbal oder auch tätlich angegangen wurden, aber trotzdem versuchen, einen differenzierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen.

Bibliographische Angaben:

Kleffner, Heike/Meisner, Matthias; Fehlender Mindestabstand; Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39037-1; € 22,.

Aller Anfang ist unsicher

Alles ist noch nicht hochgeladen, ich fange langsam an. Irgendwie traue ich weder mir noch dem Medium so ganz. Aber was soll’s, mehr als ein paar Euronen kann ich dabei nicht aufs Spiel setzen.

Heute habe ich die nächsten Artikel auf Etsy veröffentlicht. Ein paar Dinge für den Esstisch und ein paar Kleinigkeiten. Bei den großen Quilts zögere ich immer noch. Vielleicht sinkt die Hemmschwelle, wenn es bei den Kleinteilen funktioniert? Ich weiß echt nicht, warum ich auf einmal solche Hemmungen habe. Lieber würde ich ja eine Ausstellung machen, aber dafür brauche ich noch ein paar zusätzliche Sachen.

Ein Problem ist sicher, dass ich das Gefühl habe, die – ja was eigentlich, Objekte, Dinge, Teile, da fängt es schon an – nicht gut genug beschreiben zu können. Was hat mich motiviert, welche Absicht hatte ich beim Nähen? Jedenfalls oft noch nicht die Absicht, den Sternenquilt beispielsweise zu verkaufen. Den habe ich schon vor einiger Zeit genäht, allein an Material steckt über 100 € drin, dazu ungefähr 40 Stunden Arbeit. Wie kalkuliere ich das so, dass ich nicht das Gefühl habe, jemanden über den Tisch zu ziehen, aber trotzdem die Wertschätzung der handwerklichen Arbeit, des Einzelstückstatus gewährleistet ist? Immerhin ist es ja nicht die Massenware des Bettenhändlers aus unserem skandinavischen Nachbarland, das ich anbiete.

Bücher verkaufen fällt mir zurzeit einfach noch viel leichter🤔.

Etappenziel erreicht

Manchmal kommt man zu einer Impfung wie die Jungfrau zum Kind. Am Freitag war ich wegen der Folgen eines Zeckenbisses mit unserer Tochter in der Hausarztpraxis. Und wunderte mich, dass da so viele Leute mit Impf-Aufklärungsbögen herumstehen.

Ganz nebenbei wollte ich dann eigentlich nur wissen, wie lange es schätzungsweise noch dauern würde, bis Edgar und ich (wir standen auf der Impf-Interessenten-Liste) angerufen werden. Antwort: bei Biontech dauert es noch, aber mit Astra könnte ich sofort geimpft werden. Ob ich denn meinen Impfpass dabei hätte?

Es folgte ein kurzes Gespräch mit der Ärztin: 53 Jahre, Asthma, Rheumatologische Erkrankung, Bluthochdruck. Als junge Frau Venenentzündungen in den Beinen bei den Schwangerschaften, aber sonst keine bekannten Probleme. Zwei Unterschriften, und schon hatte ich die erste Dosis intus. Plus den Termin für die zweite.

Am Freitag merkte ich überhaupt nichts, aber gestern früh brauchte ich kein Thermometer, um festzustellen, dass ich Fieber habe. Frösteln und mittleres Schwindelgefühl (aber nicht so heftig wie beim gutartigen Lagerungsschwindel, den ich vor einigen Jahren hatte) sowie Durchfall waren die Impfreaktionen, die mir zeigten, dass mein Körper sich auseinandersetzt. Also verbrachte ich etwas grummelnd den Tag auf dem Sofa statt hinter dem Rasenmäher, abwechselnd lesend und im Halbschlaf.

Was soll ich sagen, heute um sechs Uhr fühlte ich mich ziemlich ausgeruht und schmiss kurzentschlossen eine Ladung Sofadecken und Dekokissenbezüge in die Waschmaschine, um den letzten Rest von Wintermuff rauszuwaschen, denn bei dem angekündigten Wetter heute wird alles ruckzuck trocknen.

Küchenliteratur

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Wenn ihr hier jetzt den ultimativen Kochbuch-Tipp erwartet habt, muss ich euch leider enttäuschen. Ist ja nicht so, dass ich keine Kochbücher hätte, ganz im Gegenteil. Eigentlich viel zu viele. Jedenfalls, wenn man bedenkt, dass aus dem durchschnittlichen Kochbuch vielleicht zehn Prozent der Rezepte dauerhaft ins eigene Repertoire aufgenommen werden…

Aber ich will euch nicht länger auf die Folter spannen, warum diese beiden Büchlein in der Küche geadelt wurden: Sie sind klein und handlich und schnell durchgelesen. Trotzdem empfiehlt es sich, bei der Beschäftigung mit den Gedanken in den Büchern etwas zu kochen, das man auch im Dunkeln hinbekommt. Denn die Positionen, die von den beiden Rechtsanwälten, Schriftstellern und Filmschaffenden vor allem in „Trotzdem“ betrachtet werden (die Gespräche zum Buch führten sie am 20. März 2020, ein paar Tage nach dem Inkrafttreten des ersten Lockdowns) erfordern Aufmerksamkeit im Denken. Die Pasta umrühren geht nebenher ganz ordentlich, aber ich würde nicht unbedingt Strudelteig ausrollen oder ähnlich diffizile Tätigkeiten ausführen, die ebenfalls viele Ressourcen brauchen.

„Jeder Mensch“ ist dagegen ein Buch, das zum konkreten Handeln herausfordert. In unserem Fall haben sich nach der Lektüre mindestens zwei Menschen aus der Familie bei der europäischen Initiative „We move“ angemeldet. Denkansatz ist die Utopie einer europäischen Verfassung. Und zwar einer, die sich gewaschen hat. Es geht um Verfassungsrang für:

Warum diese Utopie gar nicht so schlechte Chancen hat? Dazu ein Griff in die Geschichtskiste:

Am 4. Juli 1776 erklärten sich die amerikanischen Kolonien unabhängig von Großbritannien. Ihre Unabhängigkeitserklärung begann mit den Worten: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ (S. 5) 1776 hielten die meisten Männer, die hinter der Verfassung standen, Sklaven. Erst 1965 bekamen die Schwarzen das volle Wahlrecht. Wie es aktuell um ihre Rechte steht, sehen wir leider viel zu häufig in den Nachrichten.

1789 verfasste Marie-Joseph Motier, Marquis de Lafayette, die „Erklärung der Menschenrechte“ (S. 11). Er war jahrelang in den jungen USA, hatte intensiven Austausch mit George Washington und Benjamin Franklin. Ihre Ideen hatten ihn angesteckt, aber in Frankreich regierte die Guillotine, von Menschenrechten weit entfernt.

Was in beiden Ländern verfasst wurde, war eine Utopie, eine dringende Wunschvorstellung, wie es besser geht. Bis heute ist nicht alles gut, aber was, wenn niemand den Anfang gemacht hätte?

Mit dieser Frage entlasse ich euch in den Tag. Welche Utopie möchtet ihr gern anschieben?

Bibliographische Angaben:

Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge, Trotzdem, Luchterhand Verlag , ISBN 978-3-630-87658-0, € 8,-

Ferdinand von Schirach, Jeder Mensch, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87671-9, € 5,-

Lesesessellesestoff

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😂 Gib’s zu, das Wort hat Hangman-Qualitäten! Gestern gab es Bettlektüre, heute suchte ich ein Synonym (danke, Duden) für den Sessel.

Ich muss gestehen, ich bin ein Fan von Mailab. Natürlich war ich total neugierig auf Mai This Buch. Ganz ohne Corona kommt es auch nicht aus. So ist das, wenn man in dieser Zeit dabei ist, ein Sachbuch zu konzipieren, das sich mit aktueller Thematik beschäftigt. Und der Kampf zwischen Wissenschaft (vorsichtig, das sind nicht immer „harte Fakten“) und der gefühlten Wahrheit ist ja nicht erst 2020 in Erscheinung getreten.

Was wir aber alle im letzten Jahr bemerkt haben: Es rächt sich, wenn Wissenschaft jahrzehntelang als „Elfenbeinturm“ wahrgenommen und auch teilweise von Wissenschaftlern als solcher zelebriert wurde. Auch wenn es viele von uns irgendwann mal am Rand in der Schule gehört haben, ist es relativ unbekannt, dass Wissenschaft eben nicht (nur) aus betonfesten Fundamenten und kruppstahlharten Fakten besteht, sondern vor allem aus „Trial and Error“, beziehungsweise, dass es darum geht, aufgestellte Thesen entweder zu festigen oder zu widerlegen.

Bemerkenswert finde ich persönlich, dass auf der einen Seite in den letzten Jahren ein regelrechter Hype um Plagiate entstanden ist, es wird den Trägern akademischer Würden oftmals ein schlampiges Zitiergebaren zum Verhängnis, also die Messlatte sehr hoch (zu Recht) angelegt. Andererseits wird aktuell mit sogenannten „Studien“, die wissenschaftlich gesehen kein bisschen die festgelegten Kriterien für ebensolche erfüllen, um sich geschmissen, damit „alternative Fakten“ Gehör finden. Aber wie gesagt, das ist es nur, worüber ich mich manchmal wundere.

Zurück zum Buch. „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ ist ein bekannter Ausspruch. Ähnliches gilt für Maßstäbe, die der Bewertung von Studien zugrunde liegen. Es ist die große Stärke der Autorin, umfangreiche Zusammenhänge in Allerweltsdeutsch (sie schreibt so, wie sie in ihren Videos spricht) zu erklären, das macht richtig Spaß zu lesen.

Sie erklärt die Problematik der Bewertung von Drogenschädlichkeit ebenso wie die Schwierigkeit, psychologische Studien, zum Beispiel zur Korrelation von „Ballerspielen“ und Amokläufen, sachlich zu deuten. Und auch die Grenzen, an die Wissenschaftler dabei stoßen. In den folgenden Kapiteln arbeitet sie sich an so ziemlich jedem aktuellen, kontroversen Thema ab:

Gender Pay Gap, Big Pharma vs. Alternative Medizin, Impfung, Erblichkeit von Intelligenz, Warum denken Frauen und Männer unterschiedlich (Spoiler: in jeder Frau steckt ein Teil Mann und umgekehrt. So eindeutig, wie manche Vertreter althergebrachter Traditionen es gerne hätten, ist kaum jemand🤷‍♀️), Sind Tierversuche ethisch vertretbar.

Im letzten Kapitel geht es um die Schlussfolgerung, nämlich, dass wir die „Kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ brauchen, das Interesse am wissenschaftlichen Streit ebenso wie das am wissenschaftlichen Konsens. Und vor allem kritisches Denken, Dinge nicht einfach hinnehmen, sondern hinterfragen. Bevor jetzt mancher denkt „Siehste! Sag ich doch“ kommt der dicke, wichtige Nachsatz: „Zu einer gesunden Skepsis gehört, kritisches Denken in allen Bereichen anzuwenden, auch bei sich selbst.[…] -doch man muss auch das Bewusstsein besitzen, dass man selbst nicht vor Fehlschlüssen gefeit ist. Genau deswegen gibt es wissenschaftliche Methoden.“ (S. 338f)

Jetzt suchen wir alle mal gemeinsam unsere Nasen und ruckeln kräftig daran. 🙄

Ach so, was ich schon lange mal loswerden wollte: Sachbücher lesen bedeutet in erster Linie, sich mit Themen genauer auseinandersetzen. Logisch, dass man das häufig lieber mit Themen oder Autoren macht, wo man sich auf einer Wellenlänge fühlt. Allerdings habe ich noch nicht ein einziges Buch gehabt, bei dem ich von vorne bis hinten mit Autor oder Autorin einer Meinung gewesen wäre. Ich glaube, das hätte ich auch erschreckend gefunden. Genauso, wie ich Bestätigung brauche, brauche ich auch Reibung, Differenz. Und kann trotzdem einem Buch oder Aufsatz Wertschätzung schenken, weil ich anerkenne, dass der Mensch, der das geschrieben hat, sich schon lange (und zwar aktuell, nicht vor zwanzig Jahren) und viel besser als ich in seinem Thema auskennt, und dass er eine anstrengende Leistung vollbracht hat.

Bibliographische Angaben:

Mai Thi Nguyen-Kim, Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27822-2, € 20,-

Bettlektüre

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Gerade frisch erschienen ist dieser Ökothriller bei Goldmann, und es gab tatsächlich ein bettfreundliches (mal vom Umfang des Buches abgesehen) analoges Leseexemplar. Gemütlich im Bett liegend kurz vorm Einschlafen mag ich einfach nicht per Reader lesen. Da kann man sich ja überhaupt nicht den Daumen einklemmen, wenn man beim Lesen sanft entschlummert…

Nach längerer Zeit war dieses mal wieder ein Thriller, der mich richtig gepackt hat. Es geht nicht um einen blutrünstigen und kaltblütigen Psychopathen, der massenmordend durch Skandinavien zieht, sondern um einen innerlich zerrissenen Menschen, den sein Tun selbst anwidert, der aber keinen anderen Weg weiß. Einen Typen also, mit dem sich die Leser sogar ein Stück weit solidarisieren können. Und um seine Jäger, besonders einen jungen FBI-Datenanalysten, der den altgedienten Ar…löchern unter den Schlapphüten nicht einfach so folgen will.

Und es geht um den Klimawandel, den näher rückenden Point of no Return, der jede Möglichkeit zum Anhalten der Erderwärmung nimmt.

Da es bereits von Anfang an recht schnell offensichtlich ist, wer in dem Plott mit wem sympathisiert, war ich skeptisch, ob ab der Mitte des Buches eine Hängepartie beginnen würde, die sich bis zum absehbaren Ende hinzieht, aber ich wurde immer wieder angenehm überrascht. Nicht mal so sehr, weil die Handlung mich atemlos hinterherhecheln ließ, sondern weil sie immer mal mit Hakenschlagen eine neue Wendung nahm. Es gibt Bücher mit mehr Tempo, keine Frage. Es war eher so, dass die philosophischen Fragen um Schuld, Vermeidung von Opfern oder Kollateralschäden das Hirn auf Trab hielten.

Das Buch dürfte vor allem LeserInnen von Frank Schätzing oder Marc Elsberg gefallen. Ein intelligentes Katz und Maus-Spiel, das man trotz aller Spannung gut vor dem Einschlafen lesen kann.

Bibliographische Angaben:

David Klass, Klima; Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-49180-3, € 13,–