Alles muss sich ändern…

„…damit alles bleibt, wie es ist.“ Dieser Satz stammt aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa und beschreibt den Übergang zwischen Adelsherrschaft und Demokratie im Italien des 19. Jahrhunderts. Klingt vielleicht paradox, aber in einer Welt des Umbruchs kann nur Wandel zu einer Konstanten führen.

„Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden.“ sagte Sokrates. Gilt für Politiker genauso wie für manche Geschwister im Glauben.

Wer es eher mit Filmzitaten hält, kennt vielleicht dieses: „Wenn ich mich ändern kann, dann könnt ihr euch auch ändern, dann muss sich die ganze Welt ändern können.“ Das sagte der Boxer Rocky Balboa, dargestellt von Sylvester Stallone in den „Rocky“-Filmen. Finde ich weise, denn Veränderung kann nie nur eine einseitige Sache sein. Pingpong besteht eben immer sowohl aus Ping wie auch aus Pong.

Stephen Hawking wiederum konstatierte: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen.“ Naja, hört sich etwas elitär an, aber so eine Art Basisintelligenz setze ich mal voraus.

Ich halte es nach Möglichkeit und Kräften (und da, wo es mir wirklich wichtig ist) am liebsten mit Mahatma Gandhis Wahlspruch „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Wohl wissend, dass es eine oftmals kräftezehrende Sache ist, ist es aber in einer Demokratie genau das, was meine Möglichkeit ist: Für Veränderungen aktiv und konstruktiv arbeiten, nicht nur meckern. Rein verstandesgemäß weiß das vermutlich fast jeder, aber die Umsetzung ist eben mühsam.

In der Realität habe ich es häufig eher mit „Alles soll sich ändern, aber bleiben, wie es ist“ * zu tun und ich finde das äußerst frustrierend. Dabei ist es eigentlich ziemlich egal, ob es sich um Kommunalpolitik, gesellschaftliche Debatte, Klimaschutz oder Gemeindearbeit handelt, die Beharrungskräfte für den vermeintlichen Status Quo sind überall groß. Ich habe verschiedene Facetten ja auch hier im Blog schon thematisiert.

Ich frage mich manchmal: Die Menschen, die sich nichts so sehr wünschen wie den Erhalt des jetzigen Zustandes, sind die sich bewusst, dass eben dieser Zustand, der für sie eine gemütliche Umgebung darstellt, die sie nicht verlassen möchten, andererseits für andere Menschen eine unbequeme Situation darstellt? Ein Hinnehmen einer Umgebung, die ihnen Unbehagen verursacht, schmerzlich ist oder sogar den Zugang zu einer Teilhabe verwehrt, die ihnen eigentlich auch zusteht? (Was ist überhaupt der jetzige Zustand? Im Moment, wo ich das Wort „jetzt“ schreibe, ist es schon wieder Vergangenheit.) Ist es den Beharrlichen, so will ich es einmal positiv benennen, egal, dass ihre Beharrlichkeit für Menschen mit anderen Bedürfnissen verletzend sein kann, wenn sie so weit geht, dass sie Normen diktiert, die vermeintlich den einzig richtigen Weg markieren?

Nun ist auf der anderen Seite aber auch die Veränderung selbst kein absoluter Wert. Natürlich gibt es Traditionen, gesellschaftliche Normen und Tabus, die unbedingt sinnvoll sind und die sich unter anderem in Gesetzen und Chartas niederschlagen (Grundgesetz, Charta der Vereinten Nationen, UN-Menschenrechtskonvention…). Es ist eine große Errungenschaft, dass man über Menschenrechte nicht immer wieder neu verhandeln muss. Das tägliche Miteinander allerdings, die Art und Weise, wie wir es ausgestalten und mit Leben füllen, das muss immer wieder neu ausgehandelt werden, anders ist keine Weiterentwicklung möglich. Auch unsere Vorfahren haben das immer wieder machen müssen, leider oft durch kriegerische Auseinandersetzungen, blutige Revolutionen oder Kirchenkämpfe. Die Herausforderung ist, friedlich und inklusiv eine Balance aus Bleiben und Weitergehen zu erzielen.

Einen hab ich noch: „Den Fortschritt verdanken wir den Nörglern. Zufriedene Menschen wünschen keine Veränderung!“    H. G. Wells, seines Zeichens Soziologe, Historiker und Schriftsteller, nicht nur von Science Fiction-Romanen.

*Zeile des Liedes „Das war schon immer so“ von Duo Camillo, bezieht sich auf die mühselige Arbeit des „Klavierschiebens“ in Kirchengemeinden. „Klavierschieben“ ist ein Synonym dafür, Veränderungen langsam und leise zu etablieren, also bildlich gesehen das Klavier nicht von einer Woche auf die andere im Altarraum auf die gegenüberliegende Seite zu bugsieren.

Ansage zum Schluss: Ich werde an dieser Stelle keine Diskussion zulassen um beschnittene Grundrechte, falsche Corona-Politik oder irgendwelche Verschwörungen! Deshalb behalte ich mir vor, Kommentare in dieser Richtung zu löschen. Es gibt unbestritten einiges, was in dem Bereich, der uns seit einem Jahr im Bann hält, schief gelaufen ist, mir geht es aber um gesellschaftliche Bereiche, die unser gemeinsames Leben außerhalb von Corona betreffen, und das schon lange und auch in Zukunft!

Ostern kommt näher…

…und ich habe mal ein paar Kleinigkeiten ausprobiert. Die Mug Rugs haben schon vor Weihnachten mit entsprechenden Motiven guten Absatz gefunden. Am besten gefallen mir die ganz kleinen Körbchen, da passen auch ein paar edle, frühlingsfrische Pralinen hinein (die man in der Buchhandlung, in der ich arbeite, in ein paar Tagen wieder kaufen kann🥰).

Wenn nur das händische Annähen der Knöpfe nicht so kniffelig wäre, meine rechte Hand hat da leider manchmal so ganz eigene Vorstellungen, was sie mit der Nähnadel anfangen will: wahlweise fallenlassen oder in meinen linken Daumen stechen… Naja, ein bisschen Verlust hat man immer.

In eigener Sache

Ich habe nichts gegen Diskussionen. Menschen sind unterschiedlicher Meinung, und das ist auch gut so. Wenn jemand meint, mich unbedingt „Gutmensch“ oder so nennen zu müssen, geschenkt. Solange alles in einem Rahmen bleibt, in dem der gegenseitige Respekt gewahrt ist.

Heute früh habe ich diese Bedingung erweitert um: Ich diskutiere nicht mit Menschen, die ein gefestigtes Weltbild haben, in dem sie meinen, bestimmte Menschengruppen in einer abwertenden Weise verunglimpfen zu müssen. Wahlweise als eine anonyme Masse „Die“ oder auch Leute des öffentlichen Lebens namentlich. Weil diese Menschen auf der Flucht vor Gewalt nach Deutschland kamen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, eine sexuelle Orientierung, die, sagen wir mal vom Standard abweicht, weil sie wie ganz normale Durchschnittsmenschen aussehen und nicht mit herausragender körperlicher Schönheit bedacht sind (wer definiert das eigentlich?). Oder weil sie eine andere politische Richtung vertreten.

Ich muss nicht mit allen Menschen befreundet sein, es darf Leute geben, die ich nicht leiden kann, es wird auch immer Personen geben, mit deren Handeln ich nicht klarkomme. Aber alle Menschen, auch der Verfasser des Kommentars, der mich heute früh erreichte, haben verdient, dass sie eine ordentliche, nicht menschenverachtende Ansprache bekommen.

Der Kommentar, den ich heute relativ kurz nach dem Aufstehen las, verwunderte mich zunächst, er war aber an sich vom Inhalt her so allgemein gehalten, dass ich mich auf die Diskussion eingelassen hätte. Nun bin ich aber so ein kleines bisschen neugierig und weiß ganz gern, wie die Person sonst so schreibt, die auf meinem Blog kommentiert. Als ich auf den Blog des Users schaute, fand ich eine bunte Zusammenstellung von dem, was ich oben beschrieben habe. Ob und in welcher Weise das justiziabel ist, weiß ich nicht, ich habe aber nach einigem Nachdenken den User auf meinem Blog gesperrt, also mein Hausrecht wahrgenommen.

Damit ihr wisst, worum es geht, der Kommentar lautete:
„Habe ich nicht gelesen. Werde ich nicht lesen. Kann weg. Genauso wenig wie ich das Kapital oder die Mao-Bibel gelesen habe. Politiker schwätzen viel, versprechen alles, lügen häufig und halten nichts. Und wer Kinderbücher schreibt, weiss, wie man Leute einlullt.“

Hier meine Antwort:

Prima, es gibt ja noch viele andere Bücher. Ich gebe Anregungen, jeder ist frei, sie anzunehmen oder nicht. „Das Kapital“ ist aber bestimmt mal sehr interessant. Im Übrigen heißt das Lesen von Sachbüchern noch lange nicht, dass man alles, was darin steht, genauso sieht. Es bedeutet nur die Bereitschaft, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Politiker sind außerdem genauso fehlbare Menschen wie alle anderen, manche sind integer, andere nehmen das nicht so genau. So ist das auch bei Unternehmern, Künstlern, Industriearbeitern, Eltern… und sogar bei selbsternannten „Patrioten“. Viel mehr macht mir die vermurkste Einstellung zu Kinderbüchern zu schaffen. Wer denkt, (gute) Kinderbücher sind nur dazu da, die Kinder „einzulullen“, hat entweder überhaupt keine oder die verkehrten Bücher gehabt als Kind.

Buchtipp: Robert Habeck, Von hier an anders – Eine politische Skizze

|Werbung, unbezahlt|

Das Buch ist eine Zumutung! Achtung: weiterlesen, keine Schnappatmung bitte. Eine Zu-Mut-Ung im besten Wortsinn. Er mutet und er traut seinen LeserInnen zu, sich Gedanken um unsere Gesellschaft zu machen, und zwar Gedanken, die nicht nur an der Oberfläche kratzen.

Und ehe möglicherweise einige hier abwinken, es lohnt sich nicht nur als Grünen-Wähler, dieses Buch zu lesen. Denn es bietet mehr als eine politische Vision, weil gerade in diesem Jahr Bundestagswahl ist. Ich empfinde es als ziemlich wohltuend, dass hier nicht in einer Art Haudrauf-Mentalität alles zerredet wird, was dazu geführt hat, dass wir als Land, als Gesellschaft, aber auch als Einzelpersonen, heute an dem Punkt stehen, an dem wir stehen. Das ist mir heute früh bewusst geworden, als ich die Kapitel „Das kulturelle Paradigma“ und „Wettstreit um Würde“ las. (Ihr seht, ich bin noch nicht ganz durch, aber ich muss das jetzt mal loswerden.)

Robert Habeck legt Finger in offene Wunden, aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern er führt auch aus, wie die Entwicklungen in der deutschen Politik und Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg aussahen, die irgendwann (oft aus den besten Absichten unter den jeweiligen Voraussetzungen) zu diesen Wunden geführt haben. Dabei macht er vor einem gesellschaftlichen Rundumschlag nicht halt: Für Deutschland wichtige Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft, Industrie und natürlich der gesamte Dienstleistungssektor mit seinen vielen prekären Beschäftigungsmodellen, Bildung, auskömmliches Leben, gesellschaftliche Teilhabe und Gerechtigkeit, er spart keinen Bereich aus, in dem es kriselt und wehtut.

Natürlich flicht er an der einen oder anderen Stelle Erfahrungen aus seinen früheren Ämtern in der Landesregierung Schleswig Holsteins ein und macht Werbung für die Grünen, aber er zieht an keiner Stelle über politische Mitbewerber her und andere als die eigenen Erfahrungen kann ja nun mal niemand von uns beschreiben. Insgesamt halte ich „Von nun an anders“ eher für ein philosophisches als ein politisches Buch. (Wobei für mich logischerweise beide Bereiche ineinandergreifen, schon allein von den Definitionen der Begriffe her. Es werden die zentralen Bedingungen unseres Lebens bedacht: Gemeinschaft und Sinn. Aber das kann ich euch ein anderes Mal erzählen.)

Ich könnte an dieser Stelle viele Zitate aus dem Buch anführen, die zeigen, dass die Überlegungen, die Habeck anstellt, für eine breite Öffentlichkeit interessante Denkanstöße darstellt, aber ganz ehrlich: Ich habe Probleme, hier eine Priorisierung durchzuführen, um DAS Zitat herauszustellen, das für mich die Essenz des Buches darstellt. Daher stelle ich euch eine wichtige Eingangsfrage, die er in dem Buch stellt, einfach mal weiter:

„Sind wir also tatsächlich politisch gefangen in einer Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion? Kann es sein, dass man, je erfolgreicher man für sein Anliegen wirbt, je mehr Menschen einem zustimmen, desto stärker zum Teil einer falschen Polarisierung wird und Gefahr läuft, seinem Anliegen einen Bärendienst zu erweisen?“ (S. 21)

Es bleibt spannend.

Bibliografische Angaben: Robert Habeck, Von hier an anders, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05219-0, € 22,00 (geb.) auch als eBook erhältlich

PS: Ich hatte die wilde Idee, in diesem (Wahl-)Jahr mal von jedem politischen Lager einen aktuellen Titel vorzustellen. Bisher bin ich nicht ganz glücklich mit diesem Einfall. Denn da sind mir als nächstes erstmal nur Friedrich Merz und Berndjörn Höcke eingefallen… Kommentar meiner Chefin: „Willst du dir das wirklich antun?“ Da wären wir dann wieder bei Zumutung. Der Kreis schließt sich. Also: Was meint ihr? Und habt ihr konkrete Wünsche oder Vorstellungen?

Kognitive Dissonanz

Definition laut Gablers Wirtschaftslexikon (hier der Link)

  1. Begriff: Kognitionen sind Erkenntnisse des Individuums über die Realität. Einzelne Kognitionen können in einer Beziehung zueinander stehen. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn zwei zugleich bei einer Person bestehende Kognitionen einander widersprechen oder ausschließen. Das Erleben dieser Dissonanz führt zum Bestreben der Person, diesen Spannungszustand aufzuheben, indem eine Umgebung aufgesucht wird, in der sich die Dissonanz verringert oder selektiv Informationen gesucht werden, die die Dissonanz aufheben.
  2. Beispiel: Das Wissen über ein erhöhtes Krebsrisiko kann bei Rauchern kognitive Dissonanz hervorrufen, denn die positive Einstellung zum Rauchen steht im Widerspruch zu den unerwünschten Konsequenzen.
  3. Möglichkeiten der Dissonanzreduktion:
    (1) Vermeidung von kognitiver Dissonanz durch Nichtwahrnehmung oder Leugnen von Informationen;
    (2) Änderung von Einstellungen oder Verhalten (Verzicht auf das Rauchen, Abwerten der Glaubwürdigkeit medizinischer Forschungsergebnisse);
    (3) selektive Beschaffung und Interpretation dissonanzreduzierender Informationen (z.B. ein starker Raucher wurde 96 Jahre alt).
    […]

Warum mute ich euch so einen drögen Stoff zu? Weil wir alle immer mal wieder davon betroffen sind und ich in den letzten Monaten das Gefühl habe, dass diese Wahrnehmungslücken zu einer Art Volkskrankheit werden.

Vorweg: auch ich ärgere mich über handwerkliche Schludrigkeiten in der Art, dass zum Beispiel spätestens zwei Tage vor einer MPK die möglichen Ergebnisse derselben bereits in der vielfältigen Medienlandschaft ausgebreitet und diskutiert werden, ehe überhaupt etwas beschlossen ist. Ebenso, dass die Halbwertszeit der Einigung in den Konferenzen immer kürzer wird und Stunden später ein Bundesland nach dem anderen erklärt, was es denn alles anders macht als die anderen. Das Hauptproblem ist noch vor der Glaubwürdigkeit, die aufs Spiel gesetzt wird, aber vor allem die be…scheidene Kommunikation, die einfach nicht wahrhaftig wirken kann.

Die Frage ist nur, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Ich kann mich natürlich in einen Schmollwinkel zurückziehen, nur noch News- und Infoportale aufsuchen, die mich in meiner Sicht bestätigen und mich in dem Unglück suhlen, dass um mich herum nur unfähige, korrupte und menschlich völlig verwahrloste Leute in Entscheidungspositionen sitzen.

Ich kann aber auch ganz anders an die Sache herangehen und mir überlegen, dass die überwiegende Zahl der PolitikerInnen, ÖkonomInnen und sonstigen EntscheiderInnen einfach nur versucht, ihren jeweiligen Job gut zu machen. Und dass sie dabei häufig nicht nur dem ganz normalen Risiko von Versuchungen und Fehleranfälligkeit ausgesetzt sind wie Otto und Luise Normalverbraucher, denen eben nicht mal im Gang ein Lobbyist mit schicken Vergünstigungen winkt. Ohne Frage gibt es Menschen, die ihre wichtigen Positionen missbräuchlich ausfüllen, aber die große Masse besteht nicht aus diesen, wir nehmen sie nur mehr wahr, weil sie in der Öffentlichkeit viel mehr Resonanz haben.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Mehrheit der Menschen rein verstandesgemäß weiß, dass es so ist (sonst dürfte man keine Kopfschmerztabletten mehr einnehmen, kein Auto mehr fahren, keine Konsumgüter mehr einkaufen…), dann frage ich mich wirklich, warum wir uns von den Negativbeispielen oft so viel mehr beeinflussen lassen als von allem, was gut läuft.

Außer beim Klima, da sollten wir viel alarmierter sein, lassen uns aber nur zu gern von lobbygesteuerten Beschwichtigungen einlullen (klar, da geht es ja auch um Verhaltensänderungen bei uns selbst, nicht bei anderen).

Fun Fact und aktuelles Beispiel für kognitive Dissonanz: Im Vorfeld der Terra X-Folge vom 28. Februar machte das Team auf Instagram eine Umfrage zum Thema Biofleisch. Vorweg brachten sie die Info, dass der allergrößte Anteil des verkauften Fleisches in Deutschland (ich habe mir die genaue Zahl nicht gemerkt, es war aber jedenfalls über 80%), aus konventioneller Landwirtschaft und Haltungsform stammt. Dann wurden die Leser gefragt, was für Fleisch sie kaufen: 98% der Teilnehmer kaufen demnach Biofleisch. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Entweder nahmen kaum Käufer von Preiskampf-Fleisch an der Umfrage teil, oder die Antworten fielen anders aus als die Kaufentscheidungen. Vermutlich von beidem etwas. Ich ziehe es zum Beispiel auch vor, Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen, fahre dafür auch neuerdings zu einem Hof, auf dem Mutterkuhhaltung, und zwar meist auf der Weide, betrieben wird und kaufe dort ein Sechzehntel Rind plus Knochen für Suppe und die Hunde. Eingefroren reicht das dann für mindestens ein halbes Jahr. Aber für das bisschen Aufschnitt, das wir in der Familie mit zwei fleischessenden Personen benötigen, lohnt es sich meist nicht, ihn in so großen Mengen zu kaufen, dass sich die Fahrt zum Hofladen rentiert, denn der ist nicht um die Ecke.

Auch ich bin also, wenn ich eine solche Umfrage beantworten will, in einer Zwickmühle: Antworte ich realistisch oder idealistisch? Oder liegt das Problem darin, dass die Umfrage nur ein „entweder-oder“ zulässt und kein „sowohl-als auch“?

Im Endeffekt bin ich jedenfalls dafür, nicht nur andere, sondern auch sich selbst immer mal wieder zu hinterfragen. Nicht mit einem inneren Tribunal, sondern mit Ruhe und einer gewissen Demut.

Alte Stoffe gesucht

Heute habe ich wieder einige Stunden an der Nähmaschine verbracht. Die Ergebnisse zeige ich euch unter der Rubrik „Northern Star by Annuschka“.

Aber ich habe eine Bitte: ich nähe nicht nur gern mit neuen Stoffen, ich mag es auch, alte und traditionelle Stoffe zu verarbeiten. Wenn ihr noch solche Stoffe habt in der Richtung wie der Blumenstoff bei den Topflappen, Omas Paradebettwäsche oder Stoffe mir Rosen, alles aus reiner Baumwolle, und ihr habt keine Verwendung dafür, dann meldet euch.

Ich verspreche: Wer mir solche Stoffe zuschickt, bekommt auch etwas daraus genähtes zurück. Topflappen, Brotkörbchen, Tischset oder Kissenhülle, je nach Wunsch oder auch als Überraschung.

Gott sei Dank

Vor genau einem Jahr und 12 Stunden geriet meine Welt ins Straucheln (kannst du hier nachlesen). Im wahrsten Sinn des Wortes: zuerst mit dem linken und Sekunden darauf mit dem rechten Bein. Ich weiß seitdem, was es heißt, aus vollem Lauf auf die Nase zu fallen. Das, was mich umwarf, war nicht das böse C-Wort, sondern eine Folge meiner rheumatischen Grunderkrankung und zugleich ein negativer Lottogewinn. Bei Psoriasis-Arthritis ist es nichts ungewöhnliches, dicke Finger oder Zehen zu haben, sich unerklärlich müde zu fühlen, öfter mal eine Sehnenscheidenentzündung zu haben. Aber sich gleich beide sogenannten „Ham-Strings“ (Schinkensehnen, treffender könnte der Ausdruck kaum sein) ab- bzw. anzureißen, das ist nicht normal.

In den nächsten Tagen und Wochen machte ich eine Achterbahn der Gefühle durch:

Zunächst Verzweiflung, denn selbst die fünf Meter vom Bett zur Toilette mussten gut geplant sein, ich musste auf jeden Fall rechtzeitig los, mit den Unterarmgehstützen einer Tochter (Denn in der Notaufnahme hatte ich keine bekommen, da war man ja auch der Meinung, ich hätte lediglich Zerrungen und könnte nach Hause gehen. Meinem Hinweis, dass meine Beine mich einfach nicht tragen konnten, wurde nicht nachgegangen. Dumm gelaufen.) Ungefähr drei Minuten dauerte dieser so wichtige, kurze Weg. Und drei Minuten zurück. Zwischendurch musste ich auch noch das Kunststück vollbringen, mich auf der Toilettenbrille mit den Armen abzustützen wie beim Barrenturnen, weil ich nicht sitzen konnte🙈.

Wenn man es gewohnt ist, jahrelang diejenige zu sein, die für den größten Teil der häuslichen Sorge-Arbeit zuständig ist, ist es auch ein total doofes Gefühl, auf einmal auf der anderen Seite zu – liegen (stehen ging ja nicht). Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Familie es nicht gut hinbekommt. Klar machen die anderen manches anders und das ist manchmal gewöhnungsbedürftig. Aber das Haupthindernis ist dieser Gedanke im eigenen Kopf, dass es falsch ist, wenn man selbst Hilfe in Anspruch nehmen muss. Man ist hilf-los.

Das Schwanken zwischen Erleichterung (einen Teil der Telefonhotline konnte ich auch vom Bett aus erledigen und war somit nicht ganz nutzlos, mit dem Notebook konnte ich auch die Bloggerwelt weiterverfolgen und bereichern) einerseits und dem Grauen andererseits, denn über die Newsticker erlebte ich die Entwicklung des Corona-Ausbruchs weltweit quasi in Echtzeit mit und hatte auch noch die Zeit, mir darüber reichlich Gedanken zu machen.

Die Ungeduld, denn der Heilungsprozess dauerte mir viel zu lange (und ist bis heute noch nicht komplett abgeschlossen, rein körperlich ist zwar alles einigermaßen in Ordnung, aber die Kraft und Geschicklichkeit ist noch nicht ganz auf dem Niveau von vorher). Damit verbunden die Kopf-Probleme, auf den vernünftigen Vorschlag des Mannes zu hören und sich einen Rollstuhl zu mieten, damit mehr Mobilität im Haus und draußen möglich ist. Ich leiste Abbitte und ziehe meinen Hut vor allen, die dauerhaft mit diesem doch sehr praktischen Gerät leben. Der Perspektivwechsel hat mich manches mit anderen Augen sehen lassen und mir auch infrastrukturelle sowie gesellschaftliche Probleme sehr eindringlich vor Augen geführt.

Aber: die ersten Minuten nach dem „Umfall“, die lieben Leute aus Familie, Freundeskreis und Gemeindeumfeld, die mir beigestanden haben, sich in den nächsten Wochen mit Anteilnahme, praktischer Hilfe (und einem megaleckeren Rinderbraten, den werde ich nie vergessen) eingebracht haben, die Geduld, die meine Familie mit mir haben musste, wenn ich maulig war, nicht zuletzt der Rückhalt, den ich durch mein Vertrauen auf Gott, dass er es gut machen wird, meistens hatte (manchmal hab ich ihm aber auch Vorwürfe an den Kopf geklatscht, das gehört zur Vollständigkeit dazu. ER ist sehr geduldig mit mir), alles das hat auch eine tiefe Dankbarkeit hervorgerufen.

Von allem, was seit einem Jahr passiert ist, ist genau diese Dankbarkeit, das Gefühl, in allem bin ich trotzdem getragen, eigentlich das Wichtigste. Wie selbstverständlich nehmen wir es hin, wenn wir gesund sind. Ja, wir denken sogar, wir haben eine Art Rechtsanspruch darauf. Wie wenig Verständnis bringen wir auf für Menschen, die an Körper oder Seele nicht vollkommen fit sind. Wie sehr haben wir den Leistungsgedanken verinnerlicht. Und wie schwierig ist es, aus irgendeinem Grund aus dieser Tretmühle herauszukommen. Aber manchmal geht das ganz schnell und ungewollt: Ein Unfall, Schlaganfall, eine Diagnose, die uns aus der Bahn wirft. Oder ein Virus, das es schafft, innerhalb von wenigen Monaten weltweit ganze Wertesysteme aus der Balance zu bringen.

Wie wollen wir leben?

Die Sache mit dem Hammer

oder: Der Weg zur Weltverschwörung

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Die Geschichte ist schnell erzählt und vermutlich auch nicht ganz unbekannt:

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an:“ Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ (aus: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein)

Sieht doch etwas hübscher aus als die 80er-Jahre-Ausgabe…

Wie gesagt, die Geschichte ist ziemlich bekannt. Doch nicht genug damit, Paul Watzlawick führt sie auch noch ganz genüsslich aus und erklärt dabei anhand von praktischen Übungen, wie man zum perfekten Unglücklichsein kommt. Die Übungen fangen recht harmlos an, zum Beispiel: wie schaffe ich es, dass mir Schuhe, die eben noch super gepasst haben, viel zu unbequem sind. Es folgen Übungen, wie man anhand von Symptomen feststellt, dass Ärzte einem nie die Wahrheit sagen, sondern die harmlosesten Diagnosen bei tückischen Krankheiten stellen. Aber dann kommt es, was ich gleichermaßen faszinierend wie gruselig finde:

„Übung Nr. 5: Sie sind nun hinlänglich ausgebildet und offensichtlich auch talentiert, um Ihre Fähigkeiten vom eigenen Körper auf die Umwelt zu übertragen. Beginnen wir mit den Verkehrsampeln. Sie dürften bereits bemerkt haben, daß sie die Neigung haben, so lange grün zu sein, bis Sie daherkommen, und genau dann zu jenem Zeitpunkt von gelb auf rot zu wechseln, an dem Sie es nicht mehr riskieren können, doch noch über die Kreuzung zu fahren .

Woher kennt der Mann unsere Ampel an der Kreuzung zwischen zwei benachbarten Dörfern? Egal, weiter geht es:

„Widerstehen Sie den Einflüsterungen Ihrer Vernunft, wonach Sie ebensooft auf grüne wie auf rote Ampeln stoßen, und der Erfolg ist verbürgt. Ohne zu wissen, wie Sie es eigentlich fertigbringen, werden Sie jede rote Ampel zum bereits erlittenen Ungemach addieren, jede grüne dagegen ignorieren. Sehr bald werden Sie sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß hier höhere, Ihnen feindlich gesinnte Mächte, ihr Unwesen treiben […]

Ach so ist das. Gut zu wissen.

Übung Nr. 6: Sie wissen nun um das Walten dunkler Mächte. Dieses Wissen ermöglicht Ihnen nun weitere wichtige Entdeckungen, denn Ihr Blick ist nun geschärft für erstaunliche Zusammenhänge, die der dumpfen, ungeschulten Alltagsintelligenz entgehen. […] Widerstehen Sie auch hier der Versuchung, die Sache zu bagatellisieren; begehen Sie aber auch nicht den Fehler, ihr praktisch auf den Grund zu gehen. Behandeln Sie das Problem rein gedanklich, denn jede Wirklichkeitsprüfung Ihrer Annahme wäre dem Erfolg dieser Übung nur abträglich. […] Übung Nr. 7: Sobald Sie hinlänglich überzeugt sind, daß etwas Verdächtiges vorgeht, besprechen Sie es mit Ihren Freunden und Bekannten. Es gibt keine bessere Methode, um die wahren Freunde von den Wölfen im Schafspelz zu trennen, die in undurchsichtiger Weise da mit im Spiele sind.“

Ganz klar, so geht analytisches Denken. These aufstellen und bloß nicht prüfen. Könnte ja auch schiefgehen…

„Jene werden sich nämlich trotz -oder gerade wegen – ihrer Geriebenheit dadurch verraten, daß sie Ihnen einreden wollen, Ihre Annahme habe weder Hand noch Fuß. Für Sie wird das keine Überraschung sein, denn es versteht sich von selbst, daß, wer Ihnen schaden will, das nicht offen zugibt. Er wird Sie vielmehr scheinheilig von Ihrem angeblich unbegründetem Verdacht abbringen und von seinen guten, freundlichem Absichten zu überzeugen versuchen. Und damit wissen Sie nicht nur, wer mit im Komplott drinsteckt, sondern auch, dass an der ganzen Sache wirklich etwas sein muß, denn warum würden jene >>Freunde<< sich sonst so anstrengen, Sie vom Gegenteil zu überzeugen?“

Welche Schlüsse sollte ich denn jetzt ziehen ? Zunächst mal, dass Paul Watzlawick entweder ein großer Visionär war oder dass wir Menschen doch alle ähnlich gestrickt und damit auch vergleichbar zu manipulieren sind. Vielleicht auch beides. Als nächstes, dass wir vor allem Meister darin sind, uns selbst erfolgreich zu „brainwashen“. Möglicherweise auch, dass Bill Gates und andere ausgewählte angebliche Weltverschwörer offensichtlich nicht sehr belesen sind, denn sonst hätten sie sich ja besser vorbereiten können, wie man ihnen auf die Schliche kommen kann. Leider dumm gelaufen.

Vor allem aber ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Bisher wusste ich nicht, warum wir so ziemlich jedes Werkzeug selbst besitzen, auch wenn wir es nur selten brauchen. So laufen wir jedenfalls kaum Gefahr, beim Ausleihen von Hämmern oder ähnlichem Hals über Kopf in eine große Verschwörung hineinzuplumpsen. Glück gehabt. Aber stopp, es ging doch ums Unglücklichsein, oder? Ich fange noch mal bei Übung Nr. 1 an:

„Setzen Sie sich in einen bequemen Sessel, möglichst mit Armstützen, schließen Sie die Augen, und stellen Sie sich vor, in eine reife, saftige Zitrone zu beißen. Mit etwas Übung wird Ihnen die imaginäre Zitrone bald das wirkliche Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.“

Na ich weiß nicht. Bei meinem (Un-)Glück beiße ich auf einen dicken Kern und breche mir einen Zahn ab. Und wie soll ich das dann meinem Zahnarzt erklären?

(Die Zitate sind mit „daß“ gespickt, weil das Buch lange vor der Rechtschreibreform geschrieben wurde.)

Bibliografische Angaben des Titels auf dem Foto: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein / Vom Schlechten des Guten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-24441-1, € 11,- (Österreich € 11,40)

Es lohnt sich!