Alles auf Null?

Auf einmal ist es da. Das neue Jahr. Ein unbeschriebenes Blatt, ein fast noch leerer Kalender. Zum ersten Mal seit einigen Jahren war ich nicht beim Neujahrsläuten an der Kirche dabei, die feinstaublastige Luft wollte ich meiner gestressten Lunge lieber nicht zumuten. Also wartete ich am geschlossenen Fenster, bis mein Mann zurückkam. Kalle wollte einmal nach draußen, schaute verwundert in den Himmel und schien nachzudenken, was für einen Krach die Menschen denn da machten, wo sie doch sonst immer so viel Wert darauf legten, dass Hund nicht die Nachbarschaft zusammenbellte.

Den Neujahrsvormittag haben wir vor uns hingelottert und uns im WDR Rückblicke der vergangenen Jahrzehnte angeschaut. Uiuiui! In was für Zeiten wir doch großgeworden sind. Entlarvend.
Wenn heute jemand im Brustton der Überzeugung herumtönt, dass früher alles besser war, weniger Kriminalität, mehr Respekt, Anstand und auch die Politiker mehr Format hatten, dann wiege ich den Kopf und sage:“Hmmmm…“

Wenn ich die Bilder von Hoyerswerda, Mölln und Solingen sehe, die Ausländerfeindlichkeit der 90er Jahre, „brave“ Bürger, die Rechtsextremen Beifall klatschten, Politik und Polizei, die in völliger Verkennung der Lage untätig blieben; wenn ich die sensationslüsterne Presseverfolgung der Gladbecker Geiselnahme noch einmal Revue passieren lasse, dann gehen mir dazu unterschiedliche Dinge durch den Kopf, aber bestimmt nicht, dass es besser war als heute. Im Rückblick sehe ich vielmehr, was damals begann schiefzulaufen, welche Fehleinschätzungen es gab und auch, welche Lernkurven trotzdem durchlaufen wurden.

Aus der heutigen Perspektive ist es recht einfach, die Entwicklungen zu beurteilen. Ich frage mich, wie in zwanzig Jahren wohl die Rückblicke auf die 2010er und 2020er Jahre aussehen werden. Und für das neue Jahr nehme ich daraus mit: Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Und wie der gesamte Fortschritt uns mitunter überrollt, haben wir das Gefühl, es werde mit jedem Jahr schlimmer. – Es wird einfach anders und vielleicht werden wir auch mit zunehmender Lebenserfahrung nicht nur weiser, sondern auch dünnhäutiger.

Tschernobyl, Seveso, Bhopal, die Exxon Valdez, der Brand der Deepwater Horizon, Fukushima und und viele andere Umweltkatastrophen, die menschengemacht waren, haben ein Umdenken in Gang gesetzt.
Wir haben im Westen den Blauen Bock mit Heinz Schenk und im Osten Karl Moik und seine Stadel überstanden. Weder Vokuhila, knallbunte Ballonseidensportanzüge noch Modern Talking haben die Zivilisation zerstören können.
Überkommene Gesetze wurden irgendwann abgeschafft, wenn auch mitunter nach dem Motto „besser spät als nie“. Und auch korrupte Politiker gab es stets – und zwar in allen Lagern.
Wenn solche Zeitrückschauen irgendwo zwischen unverdientem Stolz („Und ich war dabei“) und akuten Anfällen von Fremdscham („Oh Gott🙈“) eines hervorrufen, dann ist es eine berechtigte Hoffnung, dass wir auch mit unseren aktuellen Themen fertigwerden. Was bleibt uns anderes übrig? Mit dem DeLorean zurück eher nicht. Außerdem: Wer will denn da ernsthaft wieder hin?

Ich freue mich also lieber auf die neuen, unbeschriebenen Blätter. Denn zum Teil füllen wir sie mit unseren eigenen Geschichten, mit dem, was jeder einzelne von uns daraus macht.

Inventur

Einmal Kauffrau, immer Kauffrau. Oder so. Vielleicht liegt es auch an der Jahreszeit. Inventur und Bilanz. Das abgelaufene Jahr mit denen davor vergleichen, Lagerbestände vergleichen, was sollte da sein und wie sieht es tatsächlich aus? Ich vermute mal, alles in allem wird es gemischt ausfallen.

Ich fange mal mit dem Kernsortiment an: Familie.

Eine Autismus-Diagnose, ein Enkelkind, viele Krankenhaus-Fahrten und jedem Familienmitglied eine eigene Covid-Infektion (zum Glück nicht alle gleichzeitig) waren unsere größten Herausforderungen, die wir gemeinsam alle gut meistern konnten. Alles andere ist privat und soll hier nicht ausgebreitet werden. Aber auch sonst gab es über das Jahr immer wieder wunderbare Familienmomente, oft eher kleine oder ganz pragmatische: gegenseitiges Einkaufen bei Quarantäne, gegenseitiges Hüten der Haustiere in Urlaubszeiten, Austausch von Haushaltsgegenständen, engagierte Diskussionen und viel Spaß.

Im Sommer habe ich meinen Urlaub sausen lassen und meine Chefin vertreten. Das war für Mann und Kind doof, aber wir waren uns einig, dass man mitten im Schulbuchgeschäft keine Buchhandlung schließen kann und dass ich auch zukünftig gern eine Arbeitsstelle haben möchte, wo ich mich wohlfühle. Außerdem hat es mir nicht nur Spaß gemacht, ich habe auch die Kundschaft in der Zeit besser kennengelernt, was ein positiver Nebeneffekt war.

Verbesserungswürdig ist allerdings die Zeit, die ich mit meinen Freundinnen verbringe. Und auch meine Eigeninitiative. Eine gewisse Tendenz zur Eigenbrötlerei hatte ich zwar schon immer, aber irgendwie geht es immer schneller, dass die Zeit rast und schon wieder eine Woche oder gar ein Monat vorbei ist, ohne dass ich mich irgendwo gemeldet habe.

Was ist mir noch wichtig in meinem Umfeld? Ach ja, die Gemeinde. Fast wie eine zweite Familie, mitsamt den Mitgliedern, mit denen man sich gern trifft und den (nicht im Wortsinn, sondern eher symbolisch) verschrobenen alten Tanten und Onkeln mit wunderlicher Weltsicht.
Über die verschiedenen Sichtweisen auf das Glaubensleben könnte ich glatt einen Roman schreiben. Der wäre dann eine Art Tragikomödie mit dramatischen Elementen und genreübergreifenden Musical-Einlagen, dazu eine Prise Lebenshilferatgeber und ein Hauch Survivalguide. Sex, (Drugs eher nicht, schließlich gibt’s bei uns keinen Weihrauch) & Rock’n’Roll kämen am Rand auch noch vor, ebenso wie heimelige Biedermeieratmosphäre und gestrenge Vätersitten.
Das ganz normale Leben also. Aber insgesamt auf einem guten und Mut machenden Weg, hoffe ich.

Dasselbe gilt, wenn ich es mir recht überlege, auch für unser gesamtes gesellschaftliches und politisches Leben. Da ist nur leider sowohl im übertragenen wie auch im Wortsinn mehr der Bereich „Hauen & Stechen“ dabei. Nur nicht so unterhaltsam wie bei Bud Spencer und Terence Hill. Und nicht so edel wie bei den drei Musketieren.
Wenn man sehr sensibel veranlagt ist, ist diese Unfähigkeit von „uns“ insgesamt als Menschheit, uns gegenseitig mit Wertschätzung und Respekt, auf Augenhöhe zu begegnen und in Frieden leben zu lassen, schon etwas, woran man verzweifeln kann. Oder etwas rustikaler ausgedrückt: Wo viele lange und hart daran arbeiten, ein funktionierendes System aufzubauen, mit dem möglichst alle gut leben können, da gibt es immer wieder auch diejenigen, die mit dem Hintern alles umhauen, was andere mit den Händen geschaffen haben.

Wir brauchen Meinungsunterschiede und unterschiedliche Sichtweisen, um uns weiterzuentwickeln, das ist klar, denn ohne Diskurs keine Lösungen. Trotzdem ist es schon streckenweise frustrierend, dass mit allen historischen Quellen und Erkenntnissen, die uns zur Verfügung stehen, immer noch Kriege und Unterdrückung das Mittel der Wahl sind. Als ob das jede Generation einmal live und in Farbe mitmachen müsste, um zu lernen.

Aber es gibt auch diese Seite: wo immer Not, Krieg, Katastrophen und Verzweiflung auftauchen, gibt es nicht nur Schurken und Scharlatane, sondern auch einzelne Menschen, ganze Milieus und mutige Gruppen, die über die Kräfte des Einzelnen hinauswachsen, Obdach bieten, Lösungen suchen, Hilfsgelder sammeln, anpacken und vor allem zusammenhalten. Auch über Grenzen, Religionen und politische Lager hinweg.

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Wenn ich also eine Bewertung vornehme, Ist- und Sollzustand vergleiche, Aktiva und Passiva gegenüber stelle, naja, dann könnte die Bilanz sicher besser ausfallen. Das Ergebnis ist nicht ganz eindeutig, aber zumindest keine komplette Bankrotterklärung. Mit leichten Tendenzen in den positiven Bereich.

So. Und nun, nach über einer Stunde im kalten Büro (je wärmer, desto hust😅) bin ich etwas eingefroren. Heißer Tee und eine Decke über den Beinen wird es richten. Eins ist sicher: meine Lungenentzündung ist anhänglich und möchte mit mir das neue Jahr beginnen. Naja. Dann ist das jetzt eben so. Kommt auf ein bisschen eh nicht mehr an.
Später werde ich mir den neuen Kalender für das Jahr 2023 zur Hand nehmen und ganz liebevoll die ersten Eintragungen vornehmen: Geburtstage und andere Termine von und mit lieben Menschen. Vorsichtige erste Zielsetzungen für mich selbst. Wünsche und Meilensteine markieren. Dieses Ritual ist für mich jedes Jahr verbunden mit den Zeilen Hermann Hesses:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“

Ich wünsche euch allen hier ein frohes, gesundes und auch schönes neue Jahr. Es hat mal wieder viel Spaß und auch nachdenkliche Momente gebracht, Teil dieser kleinen Gemeinschaft zu sein.

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