Gott sei Dank

Vor genau einem Jahr und 12 Stunden geriet meine Welt ins Straucheln (kannst du hier nachlesen). Im wahrsten Sinn des Wortes: zuerst mit dem linken und Sekunden darauf mit dem rechten Bein. Ich weiß seitdem, was es heißt, aus vollem Lauf auf die Nase zu fallen. Das, was mich umwarf, war nicht das böse C-Wort, sondern eine Folge meiner rheumatischen Grunderkrankung und zugleich ein negativer Lottogewinn. Bei Psoriasis-Arthritis ist es nichts ungewöhnliches, dicke Finger oder Zehen zu haben, sich unerklärlich müde zu fühlen, öfter mal eine Sehnenscheidenentzündung zu haben. Aber sich gleich beide sogenannten „Ham-Strings“ (Schinkensehnen, treffender könnte der Ausdruck kaum sein) ab- bzw. anzureißen, das ist nicht normal.

In den nächsten Tagen und Wochen machte ich eine Achterbahn der Gefühle durch:

Zunächst Verzweiflung, denn selbst die fünf Meter vom Bett zur Toilette mussten gut geplant sein, ich musste auf jeden Fall rechtzeitig los, mit den Unterarmgehstützen einer Tochter (Denn in der Notaufnahme hatte ich keine bekommen, da war man ja auch der Meinung, ich hätte lediglich Zerrungen und könnte nach Hause gehen. Meinem Hinweis, dass meine Beine mich einfach nicht tragen konnten, wurde nicht nachgegangen. Dumm gelaufen.) Ungefähr drei Minuten dauerte dieser so wichtige, kurze Weg. Und drei Minuten zurück. Zwischendurch musste ich auch noch das Kunststück vollbringen, mich auf der Toilettenbrille mit den Armen abzustützen wie beim Barrenturnen, weil ich nicht sitzen konnte🙈.

Wenn man es gewohnt ist, jahrelang diejenige zu sein, die für den größten Teil der häuslichen Sorge-Arbeit zuständig ist, ist es auch ein total doofes Gefühl, auf einmal auf der anderen Seite zu – liegen (stehen ging ja nicht). Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Familie es nicht gut hinbekommt. Klar machen die anderen manches anders und das ist manchmal gewöhnungsbedürftig. Aber das Haupthindernis ist dieser Gedanke im eigenen Kopf, dass es falsch ist, wenn man selbst Hilfe in Anspruch nehmen muss. Man ist hilf-los.

Das Schwanken zwischen Erleichterung (einen Teil der Telefonhotline konnte ich auch vom Bett aus erledigen und war somit nicht ganz nutzlos, mit dem Notebook konnte ich auch die Bloggerwelt weiterverfolgen und bereichern) einerseits und dem Grauen andererseits, denn über die Newsticker erlebte ich die Entwicklung des Corona-Ausbruchs weltweit quasi in Echtzeit mit und hatte auch noch die Zeit, mir darüber reichlich Gedanken zu machen.

Die Ungeduld, denn der Heilungsprozess dauerte mir viel zu lange (und ist bis heute noch nicht komplett abgeschlossen, rein körperlich ist zwar alles einigermaßen in Ordnung, aber die Kraft und Geschicklichkeit ist noch nicht ganz auf dem Niveau von vorher). Damit verbunden die Kopf-Probleme, auf den vernünftigen Vorschlag des Mannes zu hören und sich einen Rollstuhl zu mieten, damit mehr Mobilität im Haus und draußen möglich ist. Ich leiste Abbitte und ziehe meinen Hut vor allen, die dauerhaft mit diesem doch sehr praktischen Gerät leben. Der Perspektivwechsel hat mich manches mit anderen Augen sehen lassen und mir auch infrastrukturelle sowie gesellschaftliche Probleme sehr eindringlich vor Augen geführt.

Aber: die ersten Minuten nach dem „Umfall“, die lieben Leute aus Familie, Freundeskreis und Gemeindeumfeld, die mir beigestanden haben, sich in den nächsten Wochen mit Anteilnahme, praktischer Hilfe (und einem megaleckeren Rinderbraten, den werde ich nie vergessen) eingebracht haben, die Geduld, die meine Familie mit mir haben musste, wenn ich maulig war, nicht zuletzt der Rückhalt, den ich durch mein Vertrauen auf Gott, dass er es gut machen wird, meistens hatte (manchmal hab ich ihm aber auch Vorwürfe an den Kopf geklatscht, das gehört zur Vollständigkeit dazu. ER ist sehr geduldig mit mir), alles das hat auch eine tiefe Dankbarkeit hervorgerufen.

Von allem, was seit einem Jahr passiert ist, ist genau diese Dankbarkeit, das Gefühl, in allem bin ich trotzdem getragen, eigentlich das Wichtigste. Wie selbstverständlich nehmen wir es hin, wenn wir gesund sind. Ja, wir denken sogar, wir haben eine Art Rechtsanspruch darauf. Wie wenig Verständnis bringen wir auf für Menschen, die an Körper oder Seele nicht vollkommen fit sind. Wie sehr haben wir den Leistungsgedanken verinnerlicht. Und wie schwierig ist es, aus irgendeinem Grund aus dieser Tretmühle herauszukommen. Aber manchmal geht das ganz schnell und ungewollt: Ein Unfall, Schlaganfall, eine Diagnose, die uns aus der Bahn wirft. Oder ein Virus, das es schafft, innerhalb von wenigen Monaten weltweit ganze Wertesysteme aus der Balance zu bringen.

Wie wollen wir leben?

I am sailing…

Wer kennt ihn nicht, den sehnsüchtigen Song von Rod Stewart. Und wünscht sich das Gefühl von Freiheit auf dem Wasser.

Bisher beschränkte sich meine Segel-Erfahrung auf zwei Kurztrips auf dem Steinhuder Meer. Um es mal auf Normal zu übersetzen: Steinhuder Meer im Sommer ist wie samstags in der Fußgängerzone von Minden. Voll! Boote, Boote, Boote. Segelboote unterschiedlicher Größe. Surfer. SUPs. Katamarane. Kajaks. Und wenn dann so ein Greenhorn wie ich ans Ruder soll, dann ist das mit höchster Konzentration, um es mal nicht Stress zu nennen, verbunden.

Am letzten Freitag habe ich etwas ganz anderes kennengelernt: Segeln auf der Müritz. Mitte Oktober, an einem Tag, der viel schöner wurde, als im Wetterbericht angekündigt. Den ganzen Tag über haben wir zwei andere Segler, zwei bis drei Ausflugsdampfer,  einige Motoryachten und ein paar Angelboote gesehen. Bis auf den Hafen von Röbel, da übte der Seglernachwuchs (6-9 Jahre) das Segeln mit Optimisten. Ganz niedliche kleine Bötchen sind das. Und die Kleinen flitzten nur so damit herum.

Ich habe einen Teil des Tages damit verbracht, ganz vorn auf der Spitze des Bootes zu sitzen und die Weite und Ruhe um mich herum zu genießen. Eigentlich fehlte mir zum absoluten Glück nur noch der Seeadler, der sich sein Mittagessen fing.

Im Nachhinein empfinde ich unseren kleinen Segeltörn wie einen Lebenslauf. Zunächst hatten wir unsere liebe Mühe, die Yacht ( eine Delphia 29) aus dem engen Hafen von Klink herauszubekommen, ohne sie oder ein anderes Schiff zu beschädigen. Die Müritz hat einen sehr niedrigen Wasserstand, daher musste das Kielschwert und das Ruder hochgezogen sein, um nicht im Schlick stecken zu bleiben. Das Ruder auf dieser Höhe zu bedienen, hatte ungefähr den Effekt, einem Hund zu sagen „Die Wurst darfst du aber nicht, du kleiner Bösewicht …“. Du ahnst es: Ziemlich gering!

Das waren so die Geburtswehen unseres Törns. Als wir draußen waren und Segel setzen konnten, ging es besser. Aber: wir mussten nach Südosten, der Wind kam aus südlicher/südwestlicher Richtung, also mussten wir „kreuzen“ (Zickzack fahren), damit wir unser Ziel in Röbel ansteuern konnten. Im Leben ändern wir ja auch öfter die Richtung, mal freiwillig, mal gezwungenermaßen. Wir brauchten auf diese Weise dreieinhalb Stunden für die Strecke, die Luftlinie ungefähr 11 Kilometer beträgt.

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Der Rückweg, mit dem Wind im Rücken, dauerte dann auch nur halb so lange, wurde aber zwischendurch ein bisschen kabbelig und bescherte uns eine eher unfreiwillige 360°-Wende. Wenn man dabei nicht an Deck ist, sondern sich im Inneren des Schiffes befindet, löst das ein Gefühl der Orientierungslosigkeit aus, man sieht nicht, was da passiert. Auch dieses kenne ich aus dem „Real Life“, das sind für mich die Augenblicke, in denen ich meine, gelebt zu werden statt selbst mein Leben in der Hand zu haben.

Und dann war da noch das „Einparken“ am Schluss, als der Wind auffrischte, leider nicht aus einer optimalen Richtung. Dafür brauchten wir dann auch ein paar Anläufe, bis das Boot wieder in der Box lag, ordentlich vertäut und ohne Schäden. Tja, was soll ich sagen, diese Erfahrung, dass auch das Ende meines Lebens vermutlich nicht so glatt verlaufen wird, wie ich es mir und meinen Angehörigen wünschen würde, liegt hoffentlich noch in recht weiter Zukunft.

Zum Glück gibt es aber auch die zufriedenen und neugierigen Phasen des Ausgucks auf das Leben rund um mich herum, in denen ich dankbar bin für alles, was ich habe und auf mich zukommen sehe. In der großen liebevollen Hand meines Schöpfers, der mich durch den Lebenstörn gut durchbringen möchte.

Kaum waren wir am Freitagabend wieder auf dem Campingplatz angekommen, zogen dicke dunkle Wolken auf, ein stürmischer Wind kam dazu und es regnete Bindfäden. Punktlandung sozusagen….

Bemerkenswert: Auf dem Schiff wird jeder gebraucht. Nicht alle haben dieselben Fähigkeiten und dasselbe Kraftreservoir, aber dann springt halt jemand ein und übernimmt. Jeder bringt sich ein und jeder hat auch mal Zeit zum Genießen.

Diesen Tag mit Edgar, Dirk (von dem auch die Fotos stammen, vielen Dank!), Nele und Simea werde ich so schnell nicht vergessen…

Und außerdem ein großes Dankeschön an Daniela, die sich einen ganzen Tag um die Beaufsichtigung von zwei Hunden und zwei Teenagern gekümmert hat, so dass ich diesen Tag genießen konnte!