In Gottes Dunkelkammer

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Na, das ist aber Old School, denkst du vielleicht jetzt. Dunkelkammern, wer braucht die denn noch? Oder vielleicht sogar: Was ist das überhaupt, eine Dunkelkammer?

In einer anderen Zeit, bevor es Digitalfotografie gab, legte man Zelluloidfilme in seine Kamera, wenn man fotografieren wollte. Da passten dann 12, 24, 36 oder in der Luxusvariante auch mal 72 Fotos drauf. Und wenn man wissen wollte, ob die Bilder gelungen waren, musste man den Film in ein Labor geben oder selber in die Dunkelkammer gehen, zum Entwickeln des Films.

In ziemlicher Dunkelheit und mit stinkigen Chemikalien. In einer bestimmten Reihenfolge wurde der Film durch Bäder mit chemischen Lösungen gezogen, zwischendurch musste er immer wieder trocknen und es durfte kein Licht in die Dunkelkammer geraten. Viel Geduld brauchte es dafür, genau wie Konzentration, und wenn man Pech hatte, waren einzelne Fotos „nichts geworden“, weil sie überbelichtet oder verwackelt waren oder weil sie einen doofen Bildausschnitt hatten.

Aber was hat das denn mit unserem Glauben zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Der Ausdruck stammt auch übrigens nicht von mir, er ist mir bei einem Willow-Creek-Kongress begegnet, in einem Vortrag einer australischen Gemeindeleiterin. Und seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

Erstens, weil es beruhigend ist, dass nicht nur ich kleine und unwichtige Person aus Porta Westfalica mich manchmal so fühle, sondern dass es auch international bekannten Größen aus den Mega-Churches passieren kann. 

Zweitens, weil die letzten eineinhalb Jahre mir teilweise auch so vorkamen. Durch Corona und die Lockdowns gab es einen Zustand, der an die finstere und muffige Dunkelkammer erinnerte. Es ging nicht weiter, es gab keine Entwicklung; alles, was wir in den letzten Jahren geplant und eingeführt hatten, lag brach und war verloren. Nichts geworden! Wir hatten Kinder mit Freizeiten begeistert, Jugendliche an die Arbeit mit den Kindern herangeführt, nicht wenige hatten sogar die Basix-Schulungen mitgemacht. Und nun konnten wir bei aller Motivation nicht weitermachen.

Und dann schwand diese Motivation mit der Dauer der Einschränkungen.

Und das ja nicht nur bei der Jugendarbeit. Ob in Schule oder Beruf, in Sportvereinen, Feuerwehr oder Skatrunden, alles stand still, nirgendwo gab es Möglichkeiten für Beschäftigung und Treffen.

Ich weiß nicht, was diese Zeit für dich und deinen Glaubensweg bedeutete, für mich bedeutete es zunächst viel Gebet, Zeit zum Nachsinnen oder auch kreatives Herangehen. Mit der Dauer der Pandemie hatte ich jedoch das Gefühl, alle kreative Energie würde sich verflüchtigen, ich hätte längst genug nachgedacht und mein Gebet würde ungehört verhallen. Die Zeit der Lockdowns erwies sich nicht nur als Chance zur Verlangsamung des Lebens, sondern auch als gewaltiger Energieräuber.

Aber auch in diesen Momenten gab es immer wieder die Zusagen aus der Bibel, die mir halfen, die Hoffnung und den Mut nicht zu vollends zu verlieren:

Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. (Jos 1,9 HfA)

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)

Am meisten aber hat es mich immer wieder beruhigt, wenn ich den 121. Psalm gelesen habe:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Seit einiger Zeit ist nun wieder „Land in Sicht“. Das gesellschaftliche Leben wird, auch dank der Impfungen, wieder freier und vielfältiger. Veranstaltungen finden wieder statt, manche etwas zaghaft und vielleicht sogar ungelenk, aber wir können wieder durchatmen. Gemeinschaft erleben.

Am letzten Wochenende habe ich mit zwei meiner Töchter ein Intensivseminar für christliches Yoga besucht. Zum ersten Mal seit langen Monaten sind wir mit der Bahn gefahren, zum ersten Mal haben wir wieder längere Zeit mit „fremden“ Menschen verbracht, zum ersten Mal sind wir wieder mit einer Gruppe sportlich aktiv geworden, zum ersten Mal konnten wir in einer Gemeinschaft wieder geistlich auftanken und auch zum ersten Mal wieder mit mehreren Menschen eine lebendige Bibelarbeit erleben. Und was meinst du, was für eine Freude es war, dass der Psalm 121 eine wichtige Rolle spielte!

Zum ersten Mal erlebten wir so intensiv, dass die Zeit der Dunkelkammer dem Ende zugehen wird, dass die Entwicklung absehbar abgeschlossen sein wird. Bis die Filme irgendwann wieder voll sind. Bis die Dunkelkammer uns wieder ruft.

Aber bis dahin: Genießen wir die Zeit in der Sonne, im warmen Licht, in der Gemeinschaft.

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Jugendarbeit unserer Gemeinde, dort war ich gebeten worden, etwas zu schreiben. Für alle hier, denen die Schilderung des Procedere in der Dunkelkammer arg verkürzt vorkommt: es war keine exakte Arbeitsbeschreibung, sondern nur das Prinzip für die „Generation Handyfoto“ kurz umrissen😉.)