Wenn der Traumberuf zum Albtraum wird

Ich las – letzte Woche schon – einen Zeitungsartikel über eine Erzieherin, die vollkommen desillusoniert ihren Beruf aufgegeben hat, obwohl es genau das war, was sie eigentlich ihr Leben lang sein wollte. Mich hat daran nicht nur die Tatsache sauer gemacht, dass ich derartige Erzählungen bereits aus anderen sozialen Berufen kenne und das Gefühl habe, in einer Dauerschleife zu stecken. Mich hat auch betroffen gemacht, dass die Zeitung für ihr Pseudonym einen Vornamen und ein Kürzel gewählt hat, der die traurige Geschichte zu der meiner Tochter machen könnte.

Wie wichtig ErzieherInnen sind, ist uns hoffentlich allen klar. Dass sich das Berufsbild in den letzten Jahrzehnten – unter anderem politisch und vor allem gesellschaftlich gewollt – gewandelt hat, ebenso.

Als ich vor einem halben Jahrhundert in den Kindergarten ging, hatten wir noch eine „alte“ Diakonisse als Kindergärtnerin. Und das meine ich keinesfalls despektierlich. Die Frau war Respektsperson, Oma-Ersatz (ich weiß nicht, wie alt sie damals tatsächlich war, aber mir als Kind kam sie uralt vor), Trösterin und vieles andere. Sie trug stets einen Dutt, zur Haarfarbe passend ein mittelgraues Kleid, derbe Strümpfe und Schuhe und eine blütenweiße Latzschürze. Vor allem die Schürze hatte es mir angetan, die fand ich total faszinierend (ich frage mich gerade, ob sie eine „Mitschuld“ daran trägt, dass ich sehr gern Schürze trage, wenn ich in der Küche werkele). Und es gab Frau R., die drei Häuser weiter vom Kindergarten entfernt wohnte als ich sowie Frau S., die ich vor allem wegen ihres Namens (den ich als Kind wahnsinnig faszinierend fand) in Erinnerung behielt. Bestimmt auch noch andere, aber diese haben Eindruck auf mich gemacht.
Wir haben im Kindergarten gebastelt, Sing- und Tanzspiele gemacht, im Sandkasten gebuddelt, uns wurde vorgelesen und wir hatten solche coolen Spielsachen wie NOPPER (gibt es heute noch) oder diese faserigen Dämmplatten, auf die man mit kleinen Nägeln runde oder eckige Holzplättchen in verschiedenen Farben nageln konnte. Beides übrigens vollkommen frei einsetzbar, ebenso wie damals die Legosteine, wo es neben Fenster- und Türelementen sowie Dachsteinen vor allem bunte Standardsteine verschiedener Größen gab, mit denen man einfach fast alles bauen konnte. Man konnte mit denselben Elementen Autos (ach ja, Räder gab es auch), Häuser, Flugzeuge, Tierparks oder was auch immer bauen. Nichts davon blinkte, machte künstliche Geräusche oder enthielt Merchandising von Disney. So wurde früher unsere Phantasie angeregt.

Heute besteht der Beruf aus körperlicher und geistiger Anregung der Kinder, Animation zur Bewegung, musischer Früherziehung, Vermittlung von grundlegenden Werten. Aus Sauberkeitserziehung, dem Anhalten zu sozialem Umgang, Sprachförderung, Wissensvermittlung und vielem anderen, das früher eher in den Familien stattfand. Trotzdem sind einzelne Eltern anscheinend nie zufrieden, mit dem pädagogischen Angebot, den Erzieherinnen, dem Essen, den Regeln. Ja, das gibt es. Aus den unterschiedlichsten Gründen.
Natürlich bezahlt man als Eltern eine Gebühr, für die man eine Dienstleistung erwartet.
Natürlich war es (schon vor der Pandemie, aber vor allem in dieser Zeit zeigte es sich) oft ein Spagat, seinen Verpflichtungen als Eltern und als Arbeitnehmer gleichermaßen nachzukommen.
Natürlich bleibt vielen Eltern, vor allem Alleinerziehenden, nichts anderes übrig, als zu arbeiten und die Kinder fremdbetreuen zu lassen.
Und natürlich gibt es leider auch die Fälle, in denen Kinder in einer Kita einfach besser aufgehoben sind als Zuhause, auch wenn das Ausnahmen sind.
Viele Eltern stehen diese Zeiten gemeinsam mit den Kitaangestellten durch, arbeiten gut im Elternbeirat mit, versuchen, Lösungen zu finden.

Aber es gibt auch solche (das habe ich als Mutter auch selbst schon gemerkt), wo ich mich frage, weshalb die ihre Kinder überhaupt in den Kindergarten schicken, wenn dort doch sowieso nichts richtig gemacht wird. Wenn die Erzieherinnen entweder zu lasch sind oder zu streng. Wenn das Konzept nicht zum Familienleben passt, wenn das Essen so furchtbar ist, wenn man Angst hat, das Kind könnte Verhaltens- oder Sichtweisen entwickeln, die man selbst nicht will.
Was ich damit sagen will, ist: Ich glaube nicht, dass es Kindern schadet, wenn sie unterschiedliche Herangehensweisen kennenlernen. Wenn sie feststellen, im Kindergarten ist es anders als zuhause.
Im besten Fall können die Kinder sogar davon profitieren, auch wenn sich das erst später zeigt. Sie lernen Vielfalt zu schätzen. Sie kennen dann verschiedene Ansätze, sie lernen abwägen und eine eigene Sichtweise zu entwickeln.
Ist es nicht das, was wir unseren Kindern eigentlich wünschen?
Einen eigenen Blick zu entwickeln und unterschiedliche Blickwinkel gegeneinander abzuwägen, mündig zu werden?

Und auch diese Frage stelle ich, leider ist es meiner Erfahrung nach notwendig: Warum vertrauen wir nicht darauf, dass in den Kitas der Anspruch besteht, nicht nur ordentliche, sondern sehr gute Arbeit zu leisten? Selbst dann, wenn dort ein etwas anderer Ansatz verfolgt wird als in der Familie? Warum gestehen so viele den Erzieherinnen nicht zu, was sich im Grunde jeder von uns für sich selbst wünscht: Die Anerkennung, ihren Beruf mit Hingabe, fundierten Kenntnissen und Herzblut auszuüben, gerade auch in sehr herausfordernden Zeiten?

Ich möchte keinesfalls das Kindergartenkonzept von damals zurückholen. So wie in allen anderen Bereichen auch, hat sich hier unheimlich viel gutes entwickelt.
Aber wenn ich sehe, wie hochengagierte Erzieherinnen und Erzieher ihr Arbeitsleben beginnen, ihre Ausbildung in weiten Teilen sogar selbst finanzieren müssen, statt eine Ausbildungsvergütung zu bekommen und innerhalb einiger weniger Jahre entweder desillusioniert aufgeben oder mit Burnout enden, dann blutet mir das Herz.
Nicht nur, weil ich ähnliches bei einer meiner Töchter gerade selbst miterlebe. Nicht nur, weil eine Frau aus dem Bekanntenkreis, die als Erzieherin ihren Traumberuf lebte, nach einigen Hörstürzen arbeitsunfähig wurde.
Nicht nur, weil ich von meiner Nichte in den Pandemiejahren hören musste, wie sehr die Kitas kämpfen mussten, um neben Hygienemaßnahmen, Dokumentationspflichten, Krankenständen und uneinsichtigen Eltern ihrem Beruf gerecht zu werden und ganz nebenbei auch noch einen Bildungsauftrag zu erfüllen.
Nicht nur, weil ich von den beiden Kindergärten unserer Gemeinde einiges mitbekomme, was neben dem Betreuen der Kinder sonst noch zu den Aufgaben der ErzieherInnen gehört. Ich sag nur „Qualitätsmanagement“. Was in Unternehmen mit Beratungsfirmen outgesourct wird, müssen die ErzieherInnen turnusmäßig oft noch „nebenbei“ machen, unzählige Fragebögen, Assessments, Konzepte. Und so etwas dauert mehrere Monate. Oft nach Feierabend. Oder es geht halt von der Zeit für die Kinder ab.

Den dicksten Brocken, das, was einzelne Eltern nur schwer erreichen können, habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, und damit auch den größten Frust: was wird politisch und auch gesamtgesellschaftlich getan, um die Bedingungen für ErzieherInnen zu verbessern? Und damit auch für die Familien und die Kinder?
Warum tolerieren wir und goutieren teilweise sogar, dass Vorstandsvorsitzende, Banker und andere „wichtige“ Berufe exorbitante Gehälter kassieren, alle möglichen Annehmlichkeiten in Verbindung mit ihren Berufen stehen, aber diejenigen, die im wahrsten Sinn des Wortes unsere Zukunft erziehen, ersticken in Vorschriften und Regeln, in Betreuungsschlüsseln, die ein gutes Arbeiten fast unmöglich machen sowie in Haushaltsarbeiten (Betten beziehen, Spülmaschine ein- und ausräumen…), die sie neben ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag auch noch erfüllen müssen, statt dafür Extrapersonal zu bekommen?
Wann werden Kitas mit genügend Geldmitteln und Personal ausgestattet, um damit nicht nur irgendwie über die Runden zu kommen?
Wann werden sie als ebenso wichtig oder sogar noch wichtiger angesehen?

Und wann besinnt sich unsere Gesellschaft darauf, dass in allen Bereichen der Daseinsvorsorge und der Care-Arbeit Menschen arbeiten, nicht Roboter? Dass ohne diese Menschen und ihre Arbeit unser Land, unsere Wirtschaft, unsere gesamte Gesellschaft ziemlich schnell zusammenbrechen würde? Denn was ich hier jetzt exemplarisch aufgeschrieben habe, gilt für die Alten- und Krankenpflege, für die Rettungsdienste, für kommunale Dienste und vieles mehr. (Dass sich inzwischen Menschen nicht zu blöde vorkommen, auch noch Rettungsdienste im Dienst zu behindern und sogar tätlich anzugreifen, kommt noch obendrauf. Ob nun voll bis Oberkante Unterlippe oder einfach einen auf dicke Hose machen, das geht gar nicht!)

Wir müssen reden. Und vor allem müssen wir handeln bzw. das Handeln einfordern. Dass ich heute früh als nächstes darüber gelesen habe, wie wenig der Lehrerberuf in Deutschland wertgeschätzt wird, macht die Sache nur noch dringlicher und unübersichtlicher.

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