„Nur noch kurz die Welt retten…“

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Das Lied von Tim Bendzko geht mir fast zwangsläufig durch den Kopf, wenn ich den Buchtitel lese. Natürlich ist es ein sehr provokanter Titel, denn eigentlich wissen wir alle sehr gut, dass wir nicht die Welt, sondern unsere Lebensgrundlagen für menschliches Leben retten müssen. Die Natur kann auch ohne den Menschen, aber der Mensch nicht ohne die Natur.

An alle, die Frank Schätzing vor allem als Thriller-Autor kennen: seine Thriller beschäftigen sich ebenfalls bevorzugt mit Ökothemen, aber auch Sachbücher zum Thema bringt er immer mal wieder gut recherchiert. Man merkt, dass ihm der Themenkomplex am Herzen liegt. Er holt denn auch entsprechend weit aus, denn: Die Warnungen weiter Teile der Wissenschaft sind beileibe nicht neu. Aber lest selbst:

„Springen wir zurück ins Jahr 1965 zur Hauptversammlung des API (American Petroleum Institute), des größten Lobbyverbandes der US-amerikanischen Öl- und Gasindustrie, und lauschen einer Rede des damaligen Direktors Frank N. Ikard. Schon Anfang der Fünfziger hatten API-Forscher entdeckt, dass die Verbrennung fossiler Energieträger das atmosphärische CO2 in die Höhe treibt. Aus ihrem Bericht ging hervor, dass der daraus resultierende Treibhauseffekt die Erde erwärmen würde, mit negativen bis katastrophalen Folgen. Explizit wurde vor dem Anstieg des Meeresspiegels gewarnt. Wenige Tage nachdem Wissenschaftler das Weiße Haus über die Gefahren eines raschen und irreversiblen Klimawandels in Kenntnis gesetzt hatten, erklärte Ikard seinen wie betäubten Zuhörern: »Dieser Bericht wird ohne Frage Emotionen schüren, Ängste wecken und Forderungen nach Taten laut werden lassen. Seine Kernaussage ist, dass noch Zeit bleibt, um die Völker der Welt vor den katastrophalen Folgen der Verschmutzung zu bewahren, aber die Zeit läuft ab. Eine der wichtigsten Vorhersagen des Berichts ist, dass der Erdatmosphäre durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas Kohlendioxid in solcher Menge und Geschwindigkeit zugeführt wird, dass durch die Veränderung der Wärmebilanz bis zum Jahr 2000 möglicherweise deutliche Klimaänderungen eintreten, die uns lokal und national überfordern. Im Bericht heißt es weiter, und ich zitiere: ›… die Verschmutzung durch Verbrennungsmotoren ist so gravierend und wächst so schnell, dass ein alternatives umweltfreundliches Antriebsmittel für Autos, Busse und Lastwagen wahrscheinlich zur nationalen Notwendigkeit wird.‹ «Auf diese alarmierende Ansage erfolgte –Nichts. Zur API-Forschungsgruppe gehörten damals Wissenschaftler fast aller großen Ölunternehmen, darunter Exxon, Texaco und Shell. In den Siebzigern erstellte Exxon eine eigene Studie, deren Prognosen noch angsteinflößender ausfielen. Statt die Welt darüber zu informieren, blockierte der Konzern die Veröffentlichung und begann mit einer gezielten Desinformationskampagne. Über Jahrzehnte zog er die Seriosität der Klimawissenschaft in Zweifel, attackierte und diffamierte die Mahner, mit Rückendeckung der Bush-Cheney-Administration. King of Chaos war Lee Raymond, CEO von Exxon und später ExxonMobil, der über Klimamodelle spottete, Wissenschaftler dafür bezahlte, Gegengutachten zu schreiben, globale Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen fossiler Brennstoffe hintertrieb, während er zugleich damit begann, Exxon-Infrastrukturprojekte vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, von dem er wusste, dass er kommen würde. Später ließ ExxonMobil verlauten, Raymonds Aussagen seien missverstanden worden. In einer Rede, die Raymond 1997 auf dem Weltölkongress in Peking kurz vor den Klimaverhandlungen in Kyoto hielt, äußerte er sich jedoch recht unmissverständlich: »Erstens erwärmt sich die Welt nicht. Zweitens wären Öl und Gas selbst dann nicht die Ursache. Drittens kann niemand den wahrscheinlichen zukünftigen Temperaturanstieg vorhersagen.« Vielmehr, erklärte er den anwesenden Staats- und Regierungschefs, sei die Erde in den letzten Jahren kühler geworden. Doch selbst wenn die Wissenschaft mit dem Treibhauseffekt recht hätte: »– ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Temperatur zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erheblich beeinflusst wird.« Kurz, die Ölbranche betrieb schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts hochmoderne Analytik, stufte die Ergebnisse als geschäftsschädigend ein und setzte eine weltweite Fake-News-Kampagne in Gang, um die Klimaforschung in Verruf zu bringen. Donald Trump hätte seine Freude gehabt. Dick Cheney hatte sie definitiv. Die Saat der Skepsis wurde von den Ölmultis und den ihnen verbundenen Politikern gelegt.“ (S. 34/35 in meiner ebook-Ausgabe, unter der Überschrift „Die Verteufelung der Klimaforschung“)

Da bleibt einem doch die Luft weg. Ein paar Kapitel später beschreibt Schätzing, warum Menschen häufig der Verlockung unterliegen, sich gegenteilig zu dem zu verhalten, was eigentlich angesagt ist. Und zwar mit Elementen aus der Spieltheorie. Ich kann und will das hier nicht hineinkopieren, denn ich möchte wirklich, dass ihr euch dieses Buch beschafft und lest. Egal ob ihr es kauft (und nach dem Lesen weitergebt an jemanden, von dem ihr auch wünscht, dass er oder sie das Buch liest) oder ob ihr es ausleiht. Auch egal, ob ihr mit allem übereinstimmt, was er schreibt (ich persönlich ziehe auch nicht aus allem dieselben Schlüsse, aber darum geht es auch gar nicht), lest es, überdenkt es, handelt mit dem, was ihr könnt. Nicht jeder von uns muss perfekt sein im nachhaltigen Handeln, aber jeder muss endlich im Rahmen seiner Möglichkeiten dringend die Komfortzone verlassen. Was wollen wir denn für unsere Kinder und Enkel hinterlassen? Ganz konkret:

Was wünschst du dir für deine Tochter, deinen Sohn? Wie möchtest du deinen Lebensabend verbringen, was sollen deine Enkelkinder von ihrer Zeit mit Oma und Opa in Erinnerung behalten? Wie soll die Welt aussehen, in der sie später leben werden?

Frank Schätzing legt nicht nur Finger in Wunden und prokelt genussvoll darin herum. Er hat sich auch (und nicht als erster, denn die Mechanismen gibt es ja bereits, sie werden nur zu wenig konsequent angewendet) mit konkreten Handlungsvorschlägen beschäftigt, und damit mutet er jedem einzelnen von uns natürlich auch etwas zu (im Gegensatz zu manchen Politikertypen, die den Anspruch erheben, Deutschland regieren zu wollen), denn Veränderung ist ja nun mal in erster Linie etwas, das vielen Menschen Angst macht. Weil wir zu bequem, zu satt geworden sind.

Mir gefällt an dem Buch sehr gut (das war schon bei einigen anderen Sachbüchern so, die ich hier besprochen habe), dass Schätzing konkrete Situationen als Ausgangspunkte für seine Fallbeispiele nimmt. Situationen, die vollkommen alltäglich sind, keine abstrakten Szenarien. So wird seine Sichtweise nachvollziehbar. Andere Abschnitte im Buch sind mir persönlich manchmal ein bisschen nahe am Slapstick, aber er ist schließlich auch kein Wissenschaftler, sondern Marketingspezialist. Positiv kommt auch rüber, dass er sich selbst durchaus in die Reihe derer stellt, die sich lange Zeit nicht unbedingt durch konsequent klimafreundliches Verhalten ausgezeichnet haben. Wie sehr wahrscheinlich die Meisten von uns.

Also: Klare Leseempfehlung!

Bibliographische Angaben:

Frank Schätzing, Was, wenn wir einfach die Welt retten?, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00201-0, € 20,-