Der liebe Gott hat einen großen Tiergarten…

… sagte eine frühere Mitarbeiterin von mir immer, wenn sie mit Leuten zu tun hatte, deren Verhalten sie nicht nachvollziehen konnte. Recht hatte sie.

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Mäßigung scheint mir ein wichtiges Stichwort zu sein. Mäßigung klingt ja nicht gerade sexy, aber warum muss denn immer alles sexy, gehypt oder sonstwie besonders sein? Warum soll alles irgendwie polarisieren, wenn wir auf der anderen Seite über Polarisierung oder Spaltung lamentieren? Warum heftet dem Durchschnitt so viel Durchschnittlichkeit an? Es ist doch auch mal ganz entspannend, einfach nur gemäßigter Durchschnitt zu sein.
Ich sehe und bemerke an mir selbst, dass ich in den letzten Monaten bei einigen Themen auch zur Polarisierung neige, was ich eigentlich überhaupt nicht mag. Differenziert betrachten, ja, eindeutig. Aber spalten, nein, nach Möglichkeit nicht.

Andererseits ist es, gerade bei Umwelt Mitwelt-Themen wichtig, einen gewissen Aktivismus an den Tag zu legen, 150 % zu verlangen, damit man zumindest annäherungsweise erreicht, was sinnvoll ist. Aber die tatsächliche Machbarkeit liegt eher nicht im aktivistischen Bereich. Das ist übrigens eine Erkenntnis, die auch bekannte Klima-Aktivisten durchaus kennen, wenn man ihre Beiträge mal wirklich genau liest oder hört.
Und damit bin ich schon angekommen bei dem, was mir auf der Seele brennt: Auf dem Herumhacken. Herumhacken auf allem, was man für sich persönlich nicht als wichtig erachtet.

Heute früh ging mir durch den Kopf, warum zum Beispiel auf dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk herumgehackt wird. Warum er als staatlich gelenkter Regierungsapparat verunglimpft wird. Natürlich in erster Linie von Menschen, die sich gegängelt fühlen. Von denen, die nicht hören oder sehen wollen, wenn differenziert berichtet wird.
Heute früh ging es in einem Gespräch um Biogasanlagen, um ihre Leistungsfähigkeit, den Spagat der Landwirte zwischen den großen E’s Ernährung und Energieerzeugung. Die Debatte kennt vermutlich jeder. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass der erste Impuls ist, zu sagen: In erster Linie sollen Landwirte Nahrung erzeugen. Ich schätze mal, das sieht auch jede Person so, die in der Landwirtschaft arbeitet und lebt. Aber nicht jeder Boden, der bewirtschaftet wird, kann zum Beispiel Getreide in Backqualität hervorbringen. Manche Böden sind auch so mager, dass sie nur als Grünland taugen, also entweder Vieh darauf grasen kann oder das Gras zu Heu gemacht wird. Der (zugegeben etwas abgenudelte) Satz „Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus“ (oder wahlweise „… frag nach Tequila und Salz“) gilt also auch hier. Wenn das Beste nicht möglich ist, dann mach das Zweitbeste und so weiter. Das nennt man auch Pragmatismus. Der ist natürlich auch bei Manchen in derselben Liga angesiedelt wie eingeschlafene Füße.
(Wo dann aber wieder die Aktivistin in mir durchkommt: Warum zum Henker wird dann immer wieder bestes, fettestes Ackerland zur Bebauung freigegeben? Was einmal versiegelt ist, fällt für die Nahrungsmittelerzeugung weg. Auf sehr lange Zeit.)

Zurück zum ÖRR: Solche differenzierten Themen werden dort bearbeitet. Und natürlich wird allen Bevölkerungsgruppen etwas geboten: Den CDU-Wählern ebenso wie den Grünen-AnhängerInnen (naja, die Ultrarechten können für sich reklamieren, nicht besonders gut dabei wegzukommen, das gebe ich ja zu😉), den Seifenopernliebhabern, Krimifetischisten, Dokujüngerinnen, Arztserien-Selbstdiagnostikern, Newsjunkies, Börsenkursinteressierten, Rosamunde-Pilcher-Leserinnen, Hobbyphilosophen, sämtlichen 80 Millionen Fußballbundestrainern und anderen Sofasportlern, den Pfefferkörnern, Bibi & Tina, Meerjungfrauen und was sich sonst noch so in TV-Deutschland tummelt. Streckenweise komplett ohne ausufernde Werbeblöcke (🤔Da fehlen dann vielleicht auch die Pinkelpausen? Ach, naja, dafür gibt es bestimmt ein Kürbispräparat…), die uns weismachen wollen, dass wir ohne das Produkt XYZ und die Dienstleistung ABC abgehängt und lebensunfähig werden. Und dazu die Mainzelmännchen.

Und es wird niemand dazu gezwungen, sämtliche Angebote des ÖRR ständig zu gucken, zu hören, zu lesen. Man darf und soll Rosinenpickerei betreiben und sich heraussuchen, was man mag. Den Rest darf man getrost ignorieren. Ich frage mich sowieso, wann so mancher die Zeit dafür findet, alles mögliche anzusehen, nur um es hinterher genüsslich in Grund und Boden zu kommentieren; deswegen beschleicht mich der (berechtigte?) Verdacht, dass nur der zweite Teil verlässlich stattfindet und man sich das Ansehen vorher locker spart. Es macht auch viel mehr Spaß, etwas niederzumachen, mit dem man sich vorsichtshalber gar nicht so richtig auseinandergesetzt hat, denn man könnte ja sonst im schlimmsten Fall seine Meinung revidieren.

Ach Leute, ich höre an dieser Stelle mal lieber auf. Ich steigere mich sonst in einen misanthropischen Anfall hinein und das möchte ich nun wirklich nicht. Denn ich weiß auf der anderen Seite ganz genau, dass es mindestens genauso viele Menschen gibt, die nicht so agieren, die sich verschiedene Standpunkte anhören, abwägen, zu Schlüssen kommen, diese auch mal nach Kenntnis neuer Aspekte ändern.
Es gibt so viele Menschen, die empathisch und wertschätzend mit ihren Mitmenschen umgehen, nicht immer alles nur dunkelst schwarz sehen, die schlicht und ergreifend an ihrem Platz stehen, sitzen oder laufen, um den Laden namens „Welt“ am Laufen zu halten. Und die das ganz still und selbstverständlich tun. Oder auch mal an ihren eigenen Ansprüchen scheitern, ohne es anschließend allen anderen anzukreiden.
Das ist unter anderem einer der Gründe, warum ich lieber in diesem relativ kleinen und recht überschaubaren Umfeld schreibe als bei den großen „sozialen“ Netzwerken.

Danke an alle, die bis hierhin durchgehalten haben. Meine Gedankengänge sind mal wieder verworren wie Spaghetti, aber sie wollten alle unbedingt raus, sonst wäre mein Kopf geplatzt.

Mal was anderes

Toll, einer arbeitet mehr?

Gerade geht mir beim Zeitunglesen mal wieder die Hutschnur hoch. Ist es nur gefühlt oder bekommt der Personalmangel an den Flughäfen wirklich mehr Aufmerksamkeit als die Streiks an den Unikliniken? Warum ist es so wichtig, dass Flughafenpersonal aus dem Ausland herangeholt wird? Wenn als Begründung dafür wenigstens die Entlastung des Stammpersonals herangezogen würde, könnte ich es ja noch verstehen. Denn die haben beileibe keinen einfachen Job (wie im Übrigen sehr viele im Dienstleistungssektor…). Es ist auch nicht so, dass ich den Menschen keinen stressfreien Start in einen unbeschwerten Urlaub gönne, ganz bestimmt nicht. Trotzdem empfinde ich es zumindest als großes Spannungsfeld.
Ehrlich gesagt, manchmal traue ich meinem Urteilsvermögen nicht mehr so ganz. Ich halte es auch durchaus für möglich, dass ich inzwischen irgendwas zwischen dünnhäutig und regelrecht getriggert bin, wenn es um die Diskrepanz geht zwischen dem, was wirklich notwendig ist und dem, was in erster Linie unserem Komfort dient.

Neben diesen überregionalen Themen ist es aber heute auch ein Artikel über die Weiterbeschäftigung der AlltagshelferInnen in den Kindergärten, der mich aufhorchen lässt. Immer noch besteht hier akuter Bedarf, zum Beispiel durch erhöhte Hygieneanforderungen. Aber auch in „ganz normalen“ Zeiten frage ich mich, warum um alles in der Welt die ErzieherInnen sich mit dem Ein- und Ausräumen der Spülmaschine, dem Waschen der Bettwäsche oder anderen hauswirtschaftlichen Arbeiten beschäftigen müssen. Nicht, weil sie „überqualifiziert“ dafür wären, sondern weil sie sowieso schon viel Dokumentation und anderes nebenher erledigen müssen, was von der reinen Arbeit mit den Kindern abgeht. Die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten sind natürlich sehr wichtig für den Tagesablauf in Kindertagesstätten, aber es gibt ja schließlich ausgebildete Hauswirtschaftskräfte und manches könnte auch von Menschen erledigt werden, die noch auf der Suche nach ihrem beruflichen Werdegang sind. Die in der Pandemie geschaffenen Finanzierungsmodelle der Bundesländer werden (mal wieder) auslaufen, aber der Bedarf bleibt. Auf der Strecke bleiben Kommunen, die sich eine eigene Finanzierung nicht leisten können und natürlich ErzieherInnen, Familien und Kinder.

Warum schreibe ich das überhaupt? Nicht, weil ich bei irgendjemandem Empörung auslösen möchte oder eine gesellschaftliche Gruppe gegen eine andere ausspielen will, sondern weil es verdeutlicht, dass die verschiedenen und berechtigten Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen sehr vielfältig sind und dass es meiner Meinung nach im Endeffekt immer darauf ankommt, dass sie gesehen und ausbalanciert werden. Dass es nicht immer dieselben Gruppen sind, die zurückstecken müssen und andere bekommen mehr Unterstützung, weil sie lauter, wirtschaftlich stärker oder angesehener sind. Weil unsere Zeit eine wahnsinnige Herausforderung ist, für Politikerinnen und Journalisten, die das alles kommunizieren müssen, aber auch für jeden einzelnen von uns Wahlvolk und Medienkonsumenten, weil wir nicht über jedes hingehaltene Stöckchen hinüberspringen sollten.
Und auch als eine Selbstvergewisserung, weil ich das auch mir selbst immer wieder ins Gedächtnis rufen muss.

PS: Ich hoffe, das war einigermaßen verständlich. Die Gedanken rasen wie ein ICE durch meinen Kopf, während ich sinnbildlich mit dem 9-Euro-Ticket versuche, mitzuschreiben…🙈

Pflicht bewusst

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Kein Tippfehler. Ich schreibe heute nicht zuallererst über Pflichtbewusstsein, sondern darüber, sich seiner Pflicht(en) bewusst zu sein.
Klar, diese Diskussionen über Pflichtjahr, Gesellschaftsjahr, allgemeine Dienstpflicht oder wie auch immer es genannt wird, die poppten immer wieder auf. Und ebenso klar, manch einem hängt es zum Hals heraus. Deswegen wird es aber nicht unwichtiger, diese Dimension des menschlichen Zusammenlebens immer wieder zu thematisieren, finde ich.

Elf Jahre ist es her, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Ausgesetzt, nicht abgeschafft. Aber wenn ich darüber nachdenke, kannte ich schon weit vorher nur wenige junge Männer, die tatsächlich zur Bundeswehr gingen, nachdem sie ihren Musterungsbescheid bekommen hatten. Nicht mal Zivildienst mussten sie teilweise ableisten, ich weiß gar nicht so recht, warum das anscheinend mehr oder weniger stillschweigend „ausgeschlichen“ wurde (ebenso wie die Dauer des Dienstes, die immer kürzer wurde), denn damals beschäftigte ich mich nicht wirklich mit diesen Themen, es war nicht erheblich zu der Zeit.

Mein Anliegen ist es auch heute nicht, ein Plädoyer dafür oder dagegen zu halten. Denn es gibt Gründe für beides, durchaus auch stichhaltige Gründe. Ich wünsche mir vor allem, dass solche Diskussionen nicht immer nur vor einem zu erwartenden Sommerloch oder in konkreten schwierigen Situationen geführt werden, sondern dass es ein ständiges Bewusstsein dafür gibt, dass unser Leben in einer Demokratie nicht nur aus Ansprüchen, sondern auch aus Verpflichtungen besteht. Woraus entsteht denn zum Beispiel die Anspruchshaltung, dass jede Ungewissheit des Lebens am besten durch ein Programm des Staates aufgefangen werden muss? Und sei es gesamtgesellschaftlich gesehen noch so unsinnig?

Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Menschen aller Altersstufen, die sich auch heute schon – ohne jede Verpflichtung von außen – in Sportvereinen, Kirchengemeinden, lokalpolitischen Gremien, an den Tafeln, im Tier- und Naturschutz oder im Kinderschutzbund, dem weißen Ring, im DRK, den freiwilligen Feuerwehren … engagieren. Oft sogar ganz ohne Übungsleiterpauschale, Einsatzgeld oder so, nur für ein „Dankeschön“ oder einen feuchten Händedruck, einen Grillabend im Sommer und ein Weihnachtspräsent. Und ohne die vieles einfach nicht möglich wäre.

Warum muss denn ein Dienst für die Allgemeinheit an eine bestimmte Lebensphase gebunden sein? Als Grund wird häufig genannt, dass dann noch keine Familie da ist, um die man sich kümmern muss. Ich kenne aber auch Eltern, die mental in ein Loch fallen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, Neurentner, die nichts mehr mit sich anzufangen wissen, wenn sie bei der Arbeit nicht mehr gebraucht werden, und Menschen, die in der Mitte ihres Lebens merken, dass sie so wie bisher nicht mehr weitermachen wollen oder können. Arbeitslose, die nicht das x-te Bewerbungstraining mitmachen wollen, um weiterhin Unterstützung zu bekommen. Also Menschen in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Lebens, die unter Umständen sogar dankbar wären für einen Spin, der ihrem Dasein eine neue Perspektive gibt.
Und eventuell ist es sogar möglich, für ein solches Angebot eine Bezeichnung zu finden, die nicht so verpönt und vom Begriff her verbrannt ist, sondern die impliziert, dass es wertvoll und sinnstiftend ist, was man tut.

Vor allem aber, ich glaube, ich schrieb es schon mal: Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen darüber im Gespräch miteinander (statt gegeneinander) bleiben.

Aber was weiß ich schon…

Den Mangel verwalten – Gedanken zur ErzieherInnenausbildung

„Im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist das Ministerium für Schule und Weiterbildung für die Richtlinien der Erzieherausbildung zuständig.
Zugangsvorraussetzungen
Die Zugangsvoraussetzungen sind abhängig von der vorangegangenen beruflichen und schulischen Ausbildung. Es wird mindestens die Fachoberschulreife vorausgesetzt, also der Realschulabschluss. Bei der Bewerbung mit diesem Schulabschluss muss vorher eine einschlägige Berufsausbildung erfolgt sein, z. B. als staatlich geprüfte Kinderpfleger, Sozialhelfer oder Heilerziehungshelferin. Keine berufliche Ausbildung wird benötigt, wenn bereits ein Abschluss der höheren Berufsfachschule des Sozialwesens oder der Fachschule des Sozialwesens erlangt wurde. Beim Besitz des Abiturs wird nur der Nachweis von Erfahrungen in diesem Tätigkeitsfeld verlangt, z. B. in Form eines Praktikums. Zusätzlich muss die persönliche Eignung mit einem Führungszeugnis nachgewiesen werden.
Die Ausbildung
Die Ausbildung zur Erzieherin erfolgt in Nordrhein-Westfalen an einer Fachschule für Sozialwesen im Fachgebiet Sozialpädagogik. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre. Davon sind zwei Jahre fachtheoretisch und werden mit einer theoretischen Prüfung beendet und einem Jahr Berufspraktikum, welches mit einem praktischen Prüfungsteil endet. Dabei muss der Auszubildende in zwei verschiedenen Tätigkeitsfeldern während der praktischen Phase gearbeitet haben.  Der praktische Teil kann um bis zu einem halben Jahr verkürzt werden, wenn der Betreffende vorher drei Jahre in sozialpädagogischen Einrichtungen oder in Einrichtungen der Behindertenhilfe gearbeitet hat und im theoretischen Teil mit befriedigenden Leistungen abgeschlossen hat.
Die Ausbildungsinhalte während des theoretischen Teils, teilen sich in zwei Kategorien auf, der fachübergreifende und der fachrichtungsbezogene Lernbereich. Der fachübergreifende Bereich besteht aus muttersprachlicher Kommunikation, eine gehobene Kommunikationsfähigkeit in einer Fremdsprache, Fach- und Methodenkompetenz in der Mathematik und den Naturwissenschaften und der Gesellschaftslehre. Der fachrichtungsbezogene Lernbereich besteht aus sozialpädagogische Theorie und Praxis, Kinder- und Jugendarbeit und der Religionspädagogik, entweder evangelisch oder katholisch. Nach einem erfolgreichen Berufsabschluss darf die Berufsbezeichnung „staatlich anerkannte/r Erzieher/in“ getragen werden.“

https://www.erzieherin-ausbildung.de/content/erzieherschulen-nrw

Soweit die Theorie. Das hört sich dann so schön an.
Zugangsvoraussetzung: Mittlere Reife. Ja, ABER: dann ist auch eine bereits abgeschlossene Ausbildung im kinderpflegerischen Bereich obligatorisch. Berufsausbildung: Meist schulisch, seit einiger Zeit gibt es auch die sogenannte „Praxisintegrierte Ausbildung“. Klassisch ist aber nach wie vor die schulische Ausbildung, zwei Jahre Fachschule, ein „Anerkennungsjahr“. Es gibt staatliche Berufskollegs, aber auch eine Menge Privatschulen, die den Ausbildungsgang anbieten. Privatschulen sind meist unter kirchlicher oder unter der Trägerschaft der paritätischen Wohlfahrtsverbände. Allen gemeinsam: Es gibt keinen Verdienst innerhalb der Ausbildungszeit. Bei Privatschulen wird sogar Schulgeld fällig oder auch Gebühren für Internatsunterbringung.
Ausbildungsinhalte: Sehr vielfältig. Natürlich wird ein recht gutes Bildungsniveau vorausgesetzt, geht es doch um frühkindliche Bildung, nicht um ein reines Bespaßen. Die Bereitschaft für weitere Fortbildung im Laufe des Berufslebens muss vorhanden sein (okay, das sollte grundsätzlich überall der Fall sein…): Kulturtechniken, musische, künstlerische und sportliche Ansprüche, Empathie und Durchsetzungsvermögen, körperliche und psychische Belastbarkeit sind gleichermaßen wichtig. Da sind wir schon fast bei der eierlegenden Wollmilchsau angekommen.

Warum breite ich das hier so episch aus? Nicht nur, weil meine Nichte und unsere älteste Tochter Erzieherinnen sind. Weil sie sich durch diese Ausbildung gefuttert haben, um dann bei der Arbeit nicht nur den Kindern Geborgenheit und Bildung zu vermitteln, sondern auch umfangreiche Bürokratie-Anforderungen zu erfüllen und sich teilweise mit … ich sag‘ mal sehr merkwürdigen Vorstellungen von manchen Eltern herumplagen müssen.

Sondern auch, weil alle Welt diesen Beruf als essentiell ansieht, weil die Einrichtungen in den letzten zwei Pandemiejahren mehr als auf dem Zahnfleisch gekrochen sind und Spagat machen mussten zwischen Hygienekonzepten, Personalmangel, Bildungsauftrag und zig anderen Hindernissen.
Weil ich alle Eltern verstehen kann, die auf die Barrikaden gehen, wenn sie für ausgefallene Betreuung und unter Selbstausbeutung organisierten Eigeneinsatz trotzdem Gebühren zahlen sollen, weil ich aber andererseits auch weiß, dass die Kosten auch bei geschlossenen Kitas weiterlaufen und das irgendwie bezahlt werden muss.

Nicht zuletzt, weil ich gestern in der Tageszeitung lesen musste, dass die NRW-Bildungsministerin den angehenden ErzieherInnen allen Ernstes vorgeschlagen hat, sie könnten ja Hartz IV beantragen, weil es in ganz NRW nur eine Bearbeitungsstelle für BAFÖG gibt und die Bearbeitung der Anträge zeitweise mehr als ein halbes Jahr dauert!
(Btw, gerade in Ballungsgebieten dauert auch die Bearbeitung eines solchen Antrages teilweise bis zu drei Monate, und bei negativem Bescheid kann man erst nach sechs Monaten Einspruch erheben, habe ich eben gelesen https://hartziv.info/antrag-und-formulare/hartz-iv-antrag.)

Erst die Soloselbständigen, jetzt die Erzieher. Ich bin fassungslos.

Übrigens, wer eine Ausbildung zur Hebamme oder zum Physiotherapeuten macht, kann sich schon mal gedanklich einreihen. Es würde mich nicht wundern, wenn diese (ebenfalls schulischen und damit selbstfinanzierten Ausbildungen) die Nächsten sind. Irgendein ominöser „Markt“ regelt das jedenfalls nicht. Danke für gar nichts.

(Ich mein‘ ja nur. Aber was weiß ich schon?)

Guten Tag, ich heiße Anja und ich habe…

… Bluthochdruck (und wegen familiärer Vorbelastung damit einhergehend ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall)

… Asthma (zwar „nur“ allergisches, aber auch das raubt mir manchmal die Puste)

… Psoriasis Arthritis („Bitte WAS? Hast du nun Schuppenflechte oder Rheuma???“)

Reicht, oder? Mir auch. Vorweg, mit allem komme ich die meiste Zeit gut klar. Wenn ich zum Arzt gehe (außerhalb von akuten Anlässen) und gefragt werde, wie es mir geht, sage ich meist aus vollem Herzen „Gut geht’s!“
Komme ich zu einer neuen Ärztin und bekomme die obligatorische Frage nach den Vorerkrankungen gestellt, muss ich mir ganz bewusst in Erinnerung rufen, dass ich drei chronische „Erkrankungen“ im Gepäck habe. Denn meistens schränken sie mich ja überhaupt nicht ein.
Das ist so ungefähr, wie ich mir auch in vielen Situationen bewusst machen muss, dass ich 54 Jahre alt bin und schon lange nicht mehr 25. Ich denke im Alltag so wenig an diese Dinge, die zu mir gehören wie meine straßenköterblonden Haare, ein paar Kilo Marschgepäck auf den Hüften und Schuhgröße 39. – Außer, wenn an einer Stelle gerade etwas hakt.

Denn dann beginnt es: Ich bekomme schlecht Luft. Und irgendjemand fragt „Wie kommt das? Du bist doch eigentlich recht fit (an dieser Stelle schwingt manchmal ein sehr charmantes ‚für dein Alter‘ mit)?“
Oder ich hinke, kann die Arme nicht über 90 Grad heben, mir fallen Gläser aus den Händen. Es folgt entweder dieselbe Frage wie bei der Luft oder „Du siehst aber doch so gesund aus.“ Auch Herzklabastern sieht man einer Person nicht unbedingt an.

In solchen Situationen fühle ich mich wie in einer Verteidigungshaltung. Ich muss mich (ob eingebildet oder tatsächlich) dafür rechtfertigen, dass ich offensichtlich gerade nicht so leistungsfähig bin wie ich optisch wirke. Das finde ich dann sehr unangenehm. Und zwar sowohl für mich als auch für meinen Gesprächspartner.
Deswegen habe ich mich vor einigen Jahren entschieden, offen über meine gesundheitlichen Einschränkungen zu reden. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema dieses Beitrages. Ich bringe mal ein paar Beispiele:

Meine Mutter hatte Osteoporose, ihre Wirbel sackten immer mehr in sich zusammen, sie erlitt einen Beckenbruch, konnte immer schlechter laufen. Sie bekam einen Rollator verschrieben, den sie aber nicht benutzte („die Leute“ hätten ja denken können, bei ihr stimme etwas nicht. Bingo!) Stattdessen lief sie jahrelang mit (nur einer) Unterarmgehstütze und wurde dabei immer schiefer, nur eben nicht nach vorne, sondern seitwärts. Und in der Stadt hielt sie vor jedem Schaufenster an und „bewunderte“ die Auslagen.  

Mein Mann hat MS. Seit einigen Jahren ist sie diagnostiziert, nicht schubweise, sondern fortschreitend. Sein Problem ist die Kommunikation des Hirns mit dem rechten Knie, da ist die Telefonleitung unterbrochen. Recht moderat also bisher, aber es reicht, um konzentriert gehen zu müssen, damit er nicht über den eigenen Fuß stolpert, weil er das Bein nicht komplett anhebt (und das dann nicht merkt). Als diese Problematik ihn nervte, machte er sich schlau über verschiedene Rollatoren, mit denen man Einkäufe transportieren und auch mal ins Gelände gehen konnte. Nicht nur das, er kaufte sich auch einen, ganz ohne Beteiligung der Krankenkasse. Damit er auch weiterhin mit uns in der Natur unterwegs sein kann. Und er freut sich, dass er mit dem Rollator sogar mal schneller ist als ich.

Die eine war immer bemüht, ihre Zipperlein ausschließlich mit sich selbst auszumachen, der andere hat seine Einschränkung akzeptiert und geht ganz selbstverständlich damit um.

Das dritte Beispiel liegt bei Menschen, die ihre Krankheiten vor sich hertragen, mal wie ein Schutzschild, damit niemand es wagt, Ansprüche an sie zu stellen (und das kann ja auch manchmal reiner Selbstschutz aus schlechter Erfahrung sein) und auch mal, um Mitleid einzusammeln. Ja, auch diese Menschen gibt es, oft sind sie auch in anderer Hinsicht regelrechte Energiesauger, unabhängig davon, wie sehr man sie ansonsten schätzt; sie schaffen es immer wieder, alles aus ihren Mitmenschen herauszuholen, ohne etwas zurückzugeben.

Das Bedürfnis, scheinbare Makel und Hemmnisse zu verbergen, kann ich nachvollziehen. Zu einem großen Teil sind wir so erzogen worden, dass solche Dinge niemanden etwas angehen. Dass es eine ganz ureigene Verantwortung ist, mit Einschränkungen so umzugehen, dass niemand etwas merkt. (Das gilt übrigens ja nicht nur für gesundheitliche Probleme…)
Wenn ein Punkt erreicht ist, an dem wir ganz offensichtlich „behindert“ sind, egal ob körperlich, geistig oder seelisch, beginnt dann häufig zunächst die Phase der Scham. Ich selbst habe das vor zwei Jahren so empfunden, als ich auf einmal nicht mehr laufen konnte. Dabei war ich doch nicht aus eigenem Verschulden kurzfristig im Rollstuhl besser aufgehoben. Und selbst wenn, sollte ich nicht eigentlich eher dankbar sein, dass es solche Hilfsmittel gibt, die mir Teilhabe ermöglichen?

Aber in der Situation zeigte sich für mich, dass mir eine Mixtur aus Erziehung und mangelnden Erfahrungswerten im Weg stand. Mangelnde Erfahrungswerte deswegen, weil unsere Gesellschaft noch längst nicht barrierefrei ist, weder im Lebenslauf über Kindergarten und Schule, Uni und Beruf noch im alltäglichen Leben, wo „Behinderung“ immer noch zu häufig bedeutet, dass Menschen mit Einschränkungen behindert werden. Durch bauliche Hürden, durch Geräuschkulissen, reizüberflutende Umgebung, durch empathiearme oder schlicht gedankenlose Mitmenschen. Durch das Recht des Stärkeren. Durch bürokratische Vorgaben, die sich an Paragraphen statt an menschlichen Bedürfnissen orientieren; durch Gutachter, die keine Ahnung haben von den Auswirkungen, die Krankheitsbilder auf die Betroffenen haben. Durch das insistierende Anbieten von alkoholischen Getränken („ach komm, einer ist keiner…“), wenn jemand entweder aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer Suchterkrankung darauf verzichten möchte/muss oder auch einfach mal keinen Alkohol trinken will. Und, und, und …

Ganz persönlich finde ich es wichtig, dass wir voneinander wissen. Auf einer sachlichen Ebene, um unser Gegenüber nicht mit Anfragen und Aufgaben in Verlegenheit bringen, die sie oder er nicht erfüllen kann.
Auf einer persönlichen Ebene, weil wir uns gegenseitig unterstützen können, weil wir lernen, dass unsere Persönlichkeit vielschichtig ist, dass niemand makellos ist. Weil es ermöglicht, uns gegenseitig zu coachen, wenn es um die Bewältigung von Problemen geht.

Die Rheumaliga bringt es ganz gut auf den Punkt in ihrem Konzept des Selbstmanagements: Ich selbst bin im besten Fall Expertin in allem, was meinen Körper und meine Verfasstheit angeht. Das kann nicht meine Ärzteschaft leisten, weil die im Studium ganz bestimmte Symptome und Schemata lernen, die in der Praxis aber nicht unbedingt zutreffen müssen.
„Das Rheuma“ hat mit Sicherheit noch nie in einem Lehrbuch für innere Medizin gelesen, wie es sich verhalten muss, es pfeift darauf und macht, was es will.
Das können auch noch so wohlmeinende Mitmenschen nicht leisten, die immer noch vorgefertigte Bilder von alten Ömchen mit verformten Gelenken als das typische Erscheinungsmuster von Rheuma vor dem inneren Auge haben.
Die Expertise für mich selbst habe ich. Dabei ist es vollkommen wurscht, welchen Namen mein Handicap hat.

Aber weshalb schreibe ich hier in epischer Länge und Breite darüber? Ganz einfach, hier in unserer kleinen Community weiß ich, dass relativ viele von uns recht offen über diverse Baustellen schreiben.

Was mich nun wirklich interessiert, das ist die Frage: wie geht ihr im „Real Life“ mit bewegungseinschränkenden Erkrankungen, mit psychischen Belastungen, Suchterfahrungen, Fatigue, Autismus-Spektrum-Störungen, Krebs, Depression, kreisrundem Haarausfall und allem anderen um, das zu euch gehört wie ein bestens eingetragenes Paar Schuhe (oder auch mit dem, was noch eingelaufen werden muss, um im Bild zu bleiben)? Vor allem dann, wenn euch Unverständnis oder allzu viele „gute Ratschläge“ entgegengebracht werden? Wenn ihr vor Hürden steht, die eigentlich keine sein müssten? Wenn ihr für euch zustehende Rechte kämpfen müsst und euch vorkommt wie Don Quichote?

Denn ich finde es total wichtig, sich in solchen Belangen immer noch weiter zu vernetzen, Aufmerksamkeit (im positiven Sinn) zu erzielen, kurz und knapp „normal“ zu werden in seiner persönlichen Andersartigkeit. Weil unsere Gesellschaft nicht aus uniformierten Lebensläufen besteht. Weil jede/r von uns einzeln wichtig ist und trotzdem ein Herdenwesen bleibt.

Danke euch fürs Lesen und bestenfalls für eine rege Diskussion.

Verantwortung

Symbolbild: Pixabay

Aus aktuellem Anlass frage ich mich, was wir eigentlich meinen, wenn wir fordern, jemand müsse „Verantwortung übernehmen“. Im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe 2021 mussten jetzt (nach langem und unwürdigen Winden) zwei Ministerinnen zurücktreten.

So flott, wie das nach Agenturmeldungen klingt, mag ich das Thema nicht abhaken. Vorab: Ja, ich denke auch, dass beide Rücktritte sein mussten. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass auch Ministerinnen ein Recht auf Familienleben, Urlaub oder Erholung haben. Ich gestehe auch beiden zu, dass sie, wie übrigens ein großer Teil der Bevölkerung, schwierige private Situationen zu bewältigen hatten. Und dass es in beiden Fällen noch dazu so gelagert war, dass diese Frauen trotz ihrer Ämter auch noch einen großen Teil des „Mental Load“ tragen mussten, den Familienleben mit sich bringt. Es geht mir auch nicht darum, dass es eine bittere Erkenntnis ist: Frauen werden an dieser Stelle immer noch anders behandelt als Männer. Denn, Hand aufs Herz: es liegt nicht am Geschlecht, ob jemand aus familiären Gründen von beruflichen Karriereschritten absieht, da gibt es genügend Beispiele. Aber es ist immer noch für Männer einfacher, sich neu in ihren Businessplan einzuklinken, wenn die private Situation es wieder zulässt. Frauen haben dann deutlich öfter „den Anschluss verloren“.

Katastrophal war bei beiden Frauen die Kommunikationsstrategie, die spätestens bei Christian Wulff nicht mehr funktioniert hat: Verdecken, leugnen, lügen, sich winden, scheibchenweise mit dem herausrücken, was sich nicht mehr unter dem Teppich halten lässt. Das ist es, was ich beiden (und ihren PR-Beratern natürlich) ankreide. Dazu das desaströse Bild, dass beide quasi das vermeintliche Ass aus dem Ärmel gezogen haben, gegen das tausende von Frauen sich zur Wehr setzen („Wenn es Spitz auf Knopf kommt, geht Familie vor Amt“), so dass Merz und Konsorten sich die Hände reiben können (mit derselben Begründung übrigens…).

Als Gesamtgesellschaft müssen wir uns daher immer wieder fragen, was wir eigentlich unter „Verantwortung“ verstehen und warum wir Frauen und Männer immer noch mit unterschiedlichen Maßstäben beurteilen. Letzteres dürfte auch heute noch viel mit unserer Sozialisation zu tun haben, es dauert eben mehr als eine Generation, solche gesellschaftlichen Traditionen aus den Köpfen und Herzen zu bekommen.

Was die politische oder auch wirtschaftliche Verantwortung angeht, so frage ich mich schon seit vielen Jahren, warum das meist bedeutet, dass jemand geschasst wird und jemand anderes den Schlamassel des Vorgängers ausbaden muss. Erstens kollidiert das mit meiner Überzeugung, dass man für einen angerichteten Schaden verantwortlich und damit zur Wiedergutmachung oder zumindest zur Schadensbegrenzung verpflichtet ist. Zum anderen ist das doch eine Art Persilschein, wenn ich weiß: „Egal, ob ich Mist baue, ausbügeln muss ich das nicht mehr. Ich bekomme trotzdem eine Pension und kann sicher sein, dass irgendwann keiner mehr dran denkt.“ Mir sträubt sich das Nackenfell, wenn ich an „Managerversicherungen“ und andere nette Annehmlichkeiten denke, die ich als Normalbürger nicht in Anspruch nehmen kann. Es ist auch kein gutes Vorbild für künftige Generationen.

Wo sich aber jeder einzelne von uns immer wieder Gedanken machen und auch an die eigene Nase fassen muss (ich auch):
Welche Erwartungshaltungen haben wir an unsere Repräsentanten? Sind die vielleicht mitunter drastisch zu hoch, könnte das ein Grund sein, warum es zum Beispiel immer weniger Menschen gibt, die sich lokalpolitisch engagieren? Weil wir dort keine Bürger, sondern Übermenschen sehen wollen?
Wie gehen wir mit Wahrhaftigkeit um? Sehen wir sie als Stärke oder doch eher als Schwachpunkt, weil jemand nicht gewieft genug ist, sich am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen?
Wie steht es um unsere Fehlertoleranz? Gestehen wir anderen zu, was wir uns für uns selbst auch wünschen? Einen offenen, ehrlichen und respektvollen Umgang mit Fehlleistungen?
Und vor allem: Sind wir bereit, alles das auch jemandem zuzugestehen, der nicht unseren eigenen Standpunkt vertritt?

In den letzten Jahren zweifele ich zunehmend an Konzepten wie „Political Correctness“ oder auch „Identitätspolitik“, weil wir vor lauter Eifer auf der anderen Seite vom Pferd runterzufallen drohen. Ich verstehe die Intentionen, aber ich empfinde ein großes Unbehagen damit, weil wir dazu neigen, dem Konzept mehr zu vertrauen als den Menschen dahinter. Weil wir vor lauter Bemühen, inklusiv zu werden, schon wieder exkludieren.
Oder, wie meine Mutter früher immer sagte: „Was wir mit den Händen aufbauen, reißen wir mit dem Hintern wieder ein.“

Was wir nach meinem Empfinden deutlich mehr brauchen, für uns selbst und vor allem für andere: Demut und Respekt. Und Vergebung.

Windkraft – Ein Symptom

(Symbolfoto: Pixabay)

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. (Ödön von Horvath)

Heute in unserer Tageszeitung: Ein Windrad soll gebaut werden.

Der Standort ist exponiert: Relativ weit entfernt von Ortskernen, auf einer Anhöhe, über die ziemlich regelmäßig der Wind pfeift, rundum vor allem Felder. Die Genehmigung wurde 2018 beantragt.

(Übrigens fällt mir immer wieder auf: Wir planen und regulieren uns halb tot! Daher gehen regelmäßig Kosten durch die Decke, nicht nur bei den heißgeliebten Großprojekten, sondern auch und gerade bei Schulsanierungen und anderen wichtigen Aufgaben. Bis etwas entschieden ist, passen die Zahlen aus den Angeboten nicht mehr zur aktuellen Preisentwicklung und am Ende wundern sich die Entscheider und die Nutzer sind frustriert. Aber auch da könnte man lange Aufsätze drüber schreiben…)

Es wurde von der Stadtverwaltung und der Lokalpolitik das „gemeindliche Einvernehmen“ verweigert. Weil da „mindestens ein Gebäude im zweifachen Abstand der Anlage“(!) „optisch bedrängt“ wird, erfordert es das Gebot der Rücksichtnahme, dort kein Windrad zu bauen. Ja, vielleicht ist das wirklich für die dort Wohnenden stundenweise blöd. Aber was ist mit dem Rest der Stadtgesellschaft? Gibt es für die kein Gebot der Rücksichtnahme, Rücksicht auf den Anspruch, regional und regenerativ erzeugten, günstigen Strom geliefert zu bekommen? Und, wen wundert es: für den Fall, dass der Landkreis als Genehmigungsbehörde sich nicht beirren lässt, steht auch schon eine Bürgerinitiative parat. Und wetzt verbal die Säbel.
Inzwischen ist 2022, der erste ins Auge gefasste Windradhersteller ist inzwischen pleite gegangen (wundert mich nicht…), ein anderes Windrad müsste her. Also das ganze Spiel nochmal von vorne. Als ob du jetzt anfängst, diesen Beitrag nochmal von Anfang an zu lesen.

Das eigentliche Trauerspiel dabei ist für mich, dass wir Deutschen (ich kann nicht wirklich beurteilen, wie das in anderen Ländern ist) zwar immer ganz genau wissen, was wir NICHT wollen, jedenfalls nicht vor unserer eigenen Haustür, aber wie wir einerseits nachhaltiger werden wollen, wenn wir andererseits unseren persönlichen Komfort um jeden Preis wahren wollen, das denken wir nie konsequent zu Ende.

Wir schützen jede Fledermaus und jeden Rotmilan (versagen aber schon beim Feldhamster, der fliegt vermutlich einfach zu wenig publikumswirksam durch die Gegend😉). Wir wollen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung möglichst schnell von A nach B fahren (oder im Stau stehen), aber fordern Lärmschutz vor der eigenen Wohnung. Wir wollen billig und im Überfluss verfügbar Strom, Benzin, Mehl, Sonnenblumenöl und Klopapier; wir schwören auf Superfoods aus Südamerika, wo die dann in Monokultur angebaut werden, um uns zu versorgen (statt die dort lebende Bevölkerung); wir kaufen sauteure Grillgeräte mit allem Schnickschnack und legen dann das Billigsteak aus dem Discounter darauf; wir trinken Edel-Mineralwasser aus dem Himalaya oder aus der Arktis, obwohl wir das weltweit am besten überwachte Trinkwasser aus dem Küchenwasserhahn bekommen; wir machen uns ins Hemd, wenn es an irgendeiner Ecke mal nicht so voran geht; wir haben Angst um unseren Wohlstand, wenn in Urlaubszielentfernung ein Krieg vom Zaun gebrochen wird (natürlich haben wir Angst, aber warum nicht bei Kriegen in Somalia, Nigeria, Afghanistan oder Syrien?)

Und jetzt machen sich nicht wenige darüber lustig, dass ausgerechnet Frau Baerbock und Herr Habeck unglaublich schwierige Aufgaben zu erfüllen haben, bei denen es ihnen so richtig wehtun dürfte, dass sie anscheinend ihre Ideale verraten müssen. Und weißt du was? Ich bin sehr froh darüber, dass genau diese beiden auf ihren Positionen sitzen. Denn gerade, weil es ihnen sehr schwerfallen muss, ihre Entscheidungen zu treffen, werden sie sicher sehr gründlich sein, genau abwägen und niemals leichtfertig etwas aufs Spiel setzen. Solche Haudrauf-Figuren wie die „etablierte“ FDP-Herrenriege möchte ich aktuell nicht auf diesen Posten sehen.

So! Ja, ich weiß, es sind nicht alle so in Deutschland. Ich weiß natürlich, dass es eine ganze Menge Leute und Verbände gibt, die anders sind, die differenzieren, nachdenken, abwägen. Auch und gerade hier bei denen, die bei mir mitlesen. Bitte zieht euch den Schuh nicht an, wenn er euch nicht passt.

Ich bin nur gerade fürchterlich angenervt von dem Anspruchsdenken, das viele einfach immer noch haben und von der Bequemlichkeit des Einzelnen, die zu häufig wichtiger ist als die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Obwohl wir ganz genau sehen können, in welche Richtung wir steuern, nämlich auf den Abgrund zu. Danke fürs durchhalten an alle, die bis hierher gelesen haben.

Und habt trotz allem einen möglichst schönen Tag.

Ich kann es einfach nicht lassen

Rom – Glasgow – Kleinkleckersdorf

Das erste, was ich mich in dem Zusammenhang gefragt habe: Warum war eigentlich zeitlich zuerst das G20-Treffen und die Klimakonferenz erst danach? Andersherum wäre möglicherweise beim G20 ein etwas besseres Ergebnis herausgekommen. Mehr Druck auf die Möchtegern-Bosse der Welt.

Außerdem habe ich mir den Podcast „Mal angenommen“ der ARD https://www.ardaudiothek.de/episode/der-tagesschau-zukunfts-podcast-mal-angenommen/kohleausstieg-2030-was-dann-oder-gedankenexperiment/tagesschau/94547176/ angehört. Und fand ihn interessant und bedenkenswert.

Vorweg: Ich kann jeden einzelnen Menschen verstehen, der vor dem Aus seiner beruflichen Existenz steht, wenn sein Arbeitsplatz in den „alten“ Industrien wegfallen wird. Ich kann aber auch jeden verstehen, der heute die Hoffnung hat, dass „sein“ Dorf nicht mehr abgebaggert werden muss. Denn auch, wenn diese beiden Menschen anscheinend auf gegenüberliegenden Seiten stehen, so ist doch beiden übel mitgespielt worden, von Teilen von Politik und Wirtschaft, die mit Sicherheit selbst die Zeichen der Zeit zwar erkannt haben, aber sich hartnäckig weigern, danach zu handeln. Aus Angst vor Wählern und Aktionären. Aus Angst vor uns. Ist ihnen nicht klar, dass sie durch Prokrastination irgendwann noch viel mehr zu verlieren haben? Was nützt es der Wirtschaft, wenn (Atom-/Gas-/Kohle-)Kraftwerke an Flüssen immer wieder abgeschaltet werden müssen, weil entweder zu wenig und zu warmes Wasser zum Kühlen vorhanden ist oder im Gegenteil eine Überschwemmung der Anlagen droht? Wenn die großen Konzerne nicht mehr beliefert werden können, weil die Lieferketten zusammenbrechen aufgrund von Extremwetterereignissen? Für alle diese Szenarien hatten wir seit 2018 schon Beispiele.

Seit 1965 warnen Wissenschaftler:Innen verschiedenster Fachrichtungen immer lauter werdend unermüdlich vor dem, was uns bevorsteht. Aber die Meisten ziehen es vor, lieber auf die zu hören, die jegliche Verantwortung immer weiter auf künftige Generationen abschieben. Es ist frustrierend, sich vorzustellen, wo wir stehen könnten, wenn von Anfang an gehandelt worden wäre. Es wäre im Vergleich zu heute fast paradiesisch.

Wer heute noch der Meinung ist, den menschengemachten Klimawandel (der ja auf den natürlichen noch on top kommt) gäbe es nicht, der wohnt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf Sylt, Wangerooge, einer Hallig oder in anderen küstennahen Regionen. Wenn die Malediven absaufen, wen kümmert es? Okay, eine Tauch-Destination weniger, aber tote Korallen wegen der Korallenbleiche im immer wärmeren Meerwasser will ja sowieso keiner sehen! Wenn in küstennahen Gebieten Afrikas, aber auch beispielsweise in Spanien, das Grundwasser versalzt und nichts mehr angebaut geschweige denn getrunken werden kann, wer nimmt dann die Klimaflüchtlinge auf?

Solche Fragen gibt es zuhauf. Die jungen Leute von FFF stellen sie, viele NGOs stellen sie, Wissenschaftler aller Disziplinen stellen sie. Aber wer gibt die Antworten? Und wer will die Antworten hören? Lassen wir uns nicht viel lieber weiter Sand in die Augen streuen? Vor der BTW2021 habe ich in einer Dokumentation gesehen, dass von Seiten der CDU in den deutschen Hochwassergebieten gegen den Umweltschutz gehetzt wurde. Den Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, wurde erzählt, die Brücken seien durch Totholz aus flussnahen Naturschutzgebieten verstopft und zerstört worden. Durch morsche, vermodernde Baumstämme sei das Hochwasser so zerstörerisch gewesen. Sicher ist auch das abgeflossen, aber seit Jahren morsches Holz dürfte längst nicht so viel Zerstörungspotenzial bieten wie LKWs, Wohnwagen, Autos oder halbe Häuser, die man auf den Fernsehbildschirmen entlangschwimmen sah. Und viele haben es geglaubt. Irgendwie sogar verständlich, denn wer möchte in einer solchen Situation denn eingestehen, dass auch der eigene Lebensstil mit zu der Katastrophe beigetragen hat? Vielleicht wäre es mir sogar ähnlich ergangen?

Ich könnte vermutlich stundenlang weiterschreiben und Beispiele finden, warum wir als gesamte Menschheit so träge sind, vor allem als westliche, gesättigte Industrienationen, die nicht in erster Linie an der Front stehen (ich mag diese militärischen Ausdrücke nicht, aber für die Menschen in den Südseestaaten zum Beispiel ist es Kampf und Krieg! Endgame!)

Ich könnte auch die Schultern zucken, den nächsten Roman von meinem Stapel nehmen und den Sonntag genießen. Was geht mich das an?

Aber das kann ich nicht, und so lese ich mich weiter wie die Raupe Nimmersatt durch die Bücher, die mir Erklärungen bieten, mir Argumente liefern und mir hoffentlich helfen können, das mir mögliche zu tun, um doch noch eine große Vollbremsung hinzubekommen. Eins ist sicher: Die Erde kann ohne uns Menschen gut klarkommen. Umgekehrt funktioniert das nicht. Das ändern auch die Herren Bezos, Branson und Musk mit ihren Weltraumeroberungsfantasien nicht.

Nochmal Klimawandel…

Ich muss euch das einfach noch einmal zumuten. Inzwischen bin ich beim Kapitel über die Landwirtschaft angekommen, das heißt, die Stromversorgung, den Tourismus und die Sicherheit habe ich noch nicht einmal erreicht. Aber gerade bei den Themen Verkehr und Wirtschaft wurde es mir so richtig mulmig. Denn das sind die klassischen Themen, an die wir Deutschen (und wahrscheinlich sind wir damit nicht allein) nicht so wirklich ran wollen. Und vor allem ein großer Teil der Politik wehrt sich hier gegen regulierende Eingriffe. Könnte ja Wählerstimmen oder Arbeitsplätze kosten. Nur nicht zu viel auf einmal zumuten…

Nun, das Gegenteil wird dann zwangsläufig eintreten und uns noch mehr zumuten. Und dabei ist es auch vollkommen wurscht, ob jemand „daran glaubt“, dass der Klimawandel menschengemacht ist oder ob das alles natürlich ist. Das ist dem Klimawandel aber auch sowas von egal, er steht nämlich nicht vor der Tür und klopft höflich an, er hat sich bereits ungebeten ins Wohnzimmer gedrängelt und wird bleiben. Schlimmer als die schlimmste Schwiegermutter! (Sorry an alle Schwiegermütter)

Reagieren müssen wir also, so oder so. Entweder wir lassen alles weiterlaufen, weil wir zu viel Angst vor Veränderung haben. Dann hat sich die Zivilisation, wie wir sie heute noch kennen, in spätestens einem halben Jahrhundert erledigt. Es wird gekämpft, um immer knapper werdenden Lebensraum, weniger Lebensmittel und sauberes Wasser zu immer höheren Preisen, weniger Ressourcen für Bau, Handel und alles andere Lebensnotwendige. Es wird Massenfluchten geben und bürgerkriegsartige Zustände. Ausbaden werden es vor allem diejenigen, die auch jetzt schon wenig haben, während sich bis dahin Milliardäre vielleicht schon endgültig in den Weltraum absetzen können. Vielleicht werden wir auch die modernen Dinosaurier und rotten uns einfach aus.

Oder wir erkennen an, was seit Jahren bekannt ist, dass sich vieles ändern muss, dass große Industrieanlagen an Flüssen vielleicht nicht mehr die beste Idee sind, weil das Risiko, entweder zu wenig Wasser (keine Kühlung, aufgeheiztes Flusswasser, Schiffsverkehr unmöglich, Fischsterben) oder aber viel zu viel Wasser (Überflutung von kritischer Infrastruktur oder Chemikalientanks, beides unkalkulierbare Risiken und verseuchen zudem das Grund-/Trinkwasser!) unberechenbar wird. Wer bedenkt im Alltag, dass viele Arbeiten (Bau, Straßenbau…) in heißen Sommern nicht mehr möglich sein werden? Wer bedenkt, dass sich mit dem veränderten Wetter und Klima die Palette der landwirtschaftlichen Produkte verringern und verändern wird? Wer denkt darüber nach, dass auch unsere Transportwege angreifbar sind? Diese ganzen Facetten müssen immer und überall mit bedacht werden, ob bei Stadtplanungen, Infrastrukturprojekten, ökonomischen Prognosen, Umbau der Landwirtschaft oder der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Diese Bereiche können nicht unabhängig voneinander oder nach Partikularinteressen sortiert betrachtet werden, sie sind Puzzleteile des Großen und Ganzen.

Deshalb an dieser Stelle nochmal eine deutliche Leseempfehlung für das Buch aus dem vorherigen Beitrag.

Unter Druck – Eindringliche Leseempfehlung

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Ein kleines, aber wichtiges Detail vorweg: Das Buch ist Corona-frei, da die gebundene Ausgabe bereits 2019 erschienen ist, aktuell ist die Taschenbuchausgabe herausgekommen.

Die Autorin Jana Simon, in der DDR geboren und aufgewachsen, Enkeltochter des Schriftsteller-Ehepaares Christa und Gerhard Wolf, arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. Für dieses Buch hat sie einige Menschen in Deutschland über einen Zeitraum von fünf (!) Jahren immer wieder getroffen und ein Stück begleitet, Interviews geführt, Beobachtungen angestellt. Ganz unterschiedliche Menschen wie Alexander Gauland (der eine Schlüsselfigur darstellt, denn sein Weg in der AfD in die zunehmende Radikalisierung, die ihm anscheinend manchmal im Vorübergehen passiert, berührt irgendwann jeden der anderen Menschen) oder Jörg Asmussen, im Laufe seiner Karriere war er Finanzstaatssekretär, Vorstandsmitglied bei der EZB, Staatssekretär im Bundessozialministerium und schließlich nach dem Wechsel in die Privatwirtschaft bei der Investmentbank Lazard für internationale Fusionen und Käufe als Berater tätig. Diese beiden Herren dürften einem breiten Publikum bekannt sein.

Vielleicht auch noch die Modebloggerin Lisa Banholzer, aber dann wird es privater. Eine engagierte gelernte Krankenschwester aus München, gebürtige Polin, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, kämpft vor allem mit viel zu hohen Mieten und fehlender Anerkennung des Pflegeberufes. Ein Polizist aus Thüringen, der beim Staatsschutz arbeitet und unter anderem mit den NSU-Durchsuchungen zu tun hatte und immer wieder auf AfD und Rechtsextreme stößt, der bei seiner Arbeit oft mehr Fragen als Antworten hat und immer wieder über seine Grenzen hinausgehen muss. Sowie ein Ehepaar aus Norddeutschland, das für den Bosch-Job des Mannes nach Stuttgart gezogen ist und sich nach Jahren in einem ganz eigenen Hamsterrad wiederfindet, aus dem es kaum einen Ausweg zu geben scheint. Samt Burnout und Zweifeln am eigenen Lebensstil.

Auf den ersten Blick haben diese Menschen nicht sehr viel miteinander zu tun, aber alle offenbaren einen Blick hinter die Kulissen Deutschlands. In ihrem jeweiligen Metier erkennen sie bereits recht früh, dass vieles falsch läuft, dass die großen Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar und auch nicht wirksam sind. Das Gefühl von immens wachsendem Druck, dem wir nicht ausweichen können, der uns vor sich her treibt und uns immer schneller, immer höher, immer weiter peitscht, den kennen vermutlich die Meisten von uns. Das Leben nimmt, mal abgesehen vom vergangenen Jahr, nur noch an Geschwindigkeit zu. Und die Menschen, die von der Autorin begleitet werden, verkörpern alle eine wichtige Facette des Lebens im Deutschland der letzten acht Jahre.

Warum gerade 2013 der Startpunkt ist? Da zitiere ich die Autorin:

„Als ich im Sommer 2011 nach Deutschland zurückkehrte, wirkte das Leben in Berlin im Vergleich zu Los Angeles geradezu harmonisch entspannt. Ich dachte, wenn es stimmt, dass Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten mit ein wenig Zeitverzögerung nach Europa kommen, kann man sich nur fürchten.Und sie kamen. Sichtbar wurden die Verschiebungen in Deutschland aber erst nach und nach. Ein Jahr ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben – 2013, das Ausgangsjahr dieses Buches, dem die Griechenlandrettung, die Eurokrise, der Kriegsausbruch in Syrien und die Entdeckung des rechtsextremen NSU-Terror-Trios vorausgegangen waren. Das Jahr, in dem der Ukraine-Konflikt eskaliert, der NSU-Prozess anfängt und sich die AfD gründet. In diesem Jahr treffe ich den fast achtzigjährigen Horst Wilde in seiner Berliner Wohnung, aus der er nach 41 Jahren ausziehen muss, weil die Miete nach einer »energetischen Sanierung« und den Modernisierungsmaßnahmen das Fünffache kostet. Ich spreche mit den Angehörigen eines NSU-Opfers, die jahrelang als Täter verdächtigt wurden. Polizeibeamte hatten sich bei den Befragungen der Familien als Journalisten und Privatdetektive ausgegeben. Erstmals ziehen deutsche Islamisten in den Syrienkrieg.“ (aus dem Vorwort, bei meinem eBook ist es die Seite 6)

Ach, ich könnte euch an dieser Stelle zig berührende Stellen aus dem Buch zitieren, so wie ich sie meinem Mann am Esstisch vorgelesen habe, aber stattdessen empfehle ich euch dringend, das Buch zu lesen. Manchem kann ich zustimmen, anderes sehe ich naturgemäß ganz anders, aber viele Strömungen und manche Meinungsbildungsprozesse macht das Buch sichtbar, wo ansonsten alles im Verborgenen geschieht, unter der Decke der Privatsphäre.

Jana Simon hält sich selbst dabei meist zurück, sie ist die Chronistin im Hintergrund, die mit einfühlsamen Fragen ihren Gesprächspartnern auf den Zahn fühlt. Bei Alexander Gauland wertet sie hin und wieder sparsam, was ich bei einer so kontroversen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aber auch ok finde, da kann man kaum anders, als sich dazu zu äußern. Ihr unaufdringlicher, sachlicher Stil und immer von außen distanzierter Blick auf die Personen ist für mich wohltuend und beruhigend gewesen, denn: Manche Abschnitte im Buch ließen mich ratlos zurück, vor allem mit der Frage, ob wir als Gesellschaft „die Kurve kriegen“, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Lebens mit Anstand und Würde zu begegnen. Und ich bin auch ehrlich gesagt noch nicht sicher, wie ich mit meinen Erkenntnissen umgehen und sie in mein alltägliches Leben intergrieren soll.

Bibliographische Angaben: Jana Simon, Unter Druck, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70326-5, 12 €

Schubladen

Ich bin weiß, cis-Frau, heterosexuell, nicht mehr jung und noch nicht alt , westdeutsch, Mittelschicht, Provinznudel und Landei; seit drei Jahren Hausfrau und mithelfende Angehörige sowie Minijobberin und als solche von Altersarmut latent bedroht. Obwohl ich eine ordentliche und bürgerliche Ausbildung genossen habe. Gehöre gerade noch so am Rand zur Generation der Baby-Boomer, habe gemäßigt aufbegehrt in meinen Teenie-Jahren, jahrzehntelang als „U-Boot-Christin“ gelebt, aber seit einem guten Jahrzehnt verstärke ich ehrenamtlich die Jugendarbeit in der Gemeinde. Ich bin politisch durchschnittlich gebildet, mittig mit leichtem Schlag nach links (heute also nach Meinung einiger „links-grün-versifft“), aber nicht in einer Partei aktiv, weil ich eigentlich immer der Meinung war, im Endeffekt kann ich mit allen (bisherigen zumindest) Konstellationen einigermaßen unbehelligt mein Leben leben. Egal ob sozialliberal wie in den frühen 70ern, schwarz-gelb wie in Helmut Kohls Zeiten, rot-grün oder Groko. Ich bin weder weit genug „oben“ noch in gefährlich prekärer Lage, ich rutsche halt immer so durch. Und überhaupt hatte ich lange die Überzeugung, dass es immer die gesamte Gesellschaft braucht, um zu funktionieren (die habe ich auch immer noch, ich stelle nur leider fest, dass es gesellschaftliche Gruppen gibt, die kein Interesse mehr haben, dass das Gesamtgebilde funktioniert). Ach ja, und seit einigen Monaten bin ich angeblich auch noch Schlafschaf. Eigentlich also komplett unauffällig und durchschnittlich.

Warum ich das hier so ausbreite? Weil ich immer häufiger staune und schaudere, wie sehr wir Menschen doch einerseits auf unsere individuellen Eigenschaften pochen, so gern etwas besonderes darstellen möchten, etwas ganz einzigartiges, gerade in den „sozialen“ Medien; auf der anderen Seite aber nicht nur von uns selbst, sondern vor allem durch andere Teilnehmer der vielen Netzwerke, in diverse Schubladen sortiert werden. Es verwirrt mich. Welches ist denn meine „Hauptschublade“ und in welchen bin ich nur verschlagwortet? Oder werde ich scheibchenweise aufgeteilt?

Wer kann beurteilen, ob ich irgendwo in meiner Ahnenreihe doch noch ein Quäntchen „Migrationshintergrund“ habe?

Wer darf sich anmaßen, mich als Frau zu bewerten, weil ich als junge Mutter immer gearbeitet habe, meist sogar Vollzeit, und erst im reifen Alter von 50 Jahren festgestellt habe, dass nur Arbeiten auch nicht das ist, was ich vom Leben erwarte?

Wer darf mir den ganz nebenbei leider passierenden Alltagsrassismus vorwerfen, der bei mir ab und zu (zum Glück sehr selten und nicht laut, sodass ich in Ruhe mit mir schimpfen kann) durchscheint, einfach weil im Dorf meiner Kindheit keine sogenannten „Gastarbeiter“ lebten, weil ich in der synchronisierten amerikanischen Ausgabe der Sesamstraße zum ersten Mal ein Kind mit schwarzer Hautfarbe gesehen habe, weil ich meine erste Pizza im Kindesalter einfach nur als scheußlich empfunden habe und all das jahrelang mangels Erfahrung sehr exotisch für mich war?

Wer hat das Recht, meine Überzeugung vom Gelingen des politisch-gesellschaftlichen Lebens in einem gemeinsamen und Menschen verbindenden Projekt als sozialromantische Utopie und als naives Gutmenschentum abzukanzeln?

Und wer zum Henker will mir vorschreiben, dass ich als Buchhändlerin und Literaturvermittlerin nur die Werke von Friedenspreis- und Nobelpreisträgern zelebrieren darf, die deutschen und internationalen Klassiker rauf und runterbeten muss und mich nicht einfach mal mit einer romantischen Schmonzette entspannen kann?

Bei Twitter stünde jetzt noch: „…frage für einen Freund“

Fehlender Mindestabstand

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Wegen fehlendem Mindestabstand musste ich die Lektüre leider erstmal unterbrechen. Mir fehlte langsam der Mindestabstand zu meinem eigenen Unverständnis der Verhaltensweisen, die im Buch dargestellt werden. Mir rückten die teilweise kruden Thesen, die Menschen verbreiten und anscheinend auch glauben, zu sehr auf die Pelle durch die Beschäftigung damit. Kurz: Mir ging die Laune flöten…

Glücklicherweise besteht das Buch aus Essays, die unterschiedliche, auch internationale Facetten des Phänomens der Verbrüderung aller möglichen (und unmöglichen) Strömungen des Misstrauens in die Gesellschaft beleuchten. So versuche ich es höflich auszudrücken. Es ist erschreckend, dass im Zeitalter der Aufklärung wohl so mancher finstere Verschwörungsglaube nicht beseitigt, sondern nur notdürftig kaschiert wurde. Ich frage mich, wie um alles in der Welt es die Menschheit bis hier und heute gebracht hat, wenn sie scheinbar nur von Verbrechersyndikaten und korrupten Eliten regiert wurde und wird, aber vor allem stelle ich mir die große Frage:

Was bringt Menschen, die ich vor einem Jahr eher entweder im christlich-konservativen, liberalen oder linksalternativen Spektrum verortet hätte, dazu, mit offen rechtsextremen und teilweise demokratiefeindlichen Gruppen gemeinsam auf die Straße zu gehen? Dabei ist es vollkommen egal, ob aus Protest, Angst oder Besorgnis, einige ganz persönliche Motive kann ich sogar gut nachvollziehen. Aber, nein! Gruppierungen auf den Leim gehen, die auf komplizierte Probleme einfache Lösungen oder „Starke Männer“ aufstellen, das Nachplappern von teils jahrhundertealten Bedrohungsszenarien, die weltweite Bereitschaft, sich menschenwürdeverachtenden Rattenfängern anzuvertrauen, das kann ich nicht begreifen.

Regenbogenfahnen neben Reichsflaggen (Hallo! In dieser „guten alten Zeit“ landeten auch Homosexuelle und andere sich der heute als queer bezeichnenden Bewegung zugehörigen Menschen in KZs!)

Ein toxischer Cocktail aus Anthroposophie, verschiedenen wahlweise ökonomischen oder auch ökologischen Verschwörungsszenarien, Antisemitismus, Klimawandelleugnung, Deep State, NWO, Esoterik und Rassismus erinnert an den Zauberlehrling von Goethe.

Lesenswert ist das Buch allemal, aber bitte mit guten Nerven. Es ist ein bitterer Kirmes-Ersatz: ich erlebe eine Achterbahn im Gruselkabinett. Wohltuend sind da einige Interviews mit Menschen, die selbst teilweise auch bereits verbal oder auch tätlich angegangen wurden, aber trotzdem versuchen, einen differenzierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen.

Bibliographische Angaben:

Kleffner, Heike/Meisner, Matthias; Fehlender Mindestabstand; Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39037-1; € 22,.

Buchtipp: Robert Habeck, Von hier an anders – Eine politische Skizze

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Das Buch ist eine Zumutung! Achtung: weiterlesen, keine Schnappatmung bitte. Eine Zu-Mut-Ung im besten Wortsinn. Er mutet und er traut seinen LeserInnen zu, sich Gedanken um unsere Gesellschaft zu machen, und zwar Gedanken, die nicht nur an der Oberfläche kratzen.

Und ehe möglicherweise einige hier abwinken, es lohnt sich nicht nur als Grünen-Wähler, dieses Buch zu lesen. Denn es bietet mehr als eine politische Vision, weil gerade in diesem Jahr Bundestagswahl ist. Ich empfinde es als ziemlich wohltuend, dass hier nicht in einer Art Haudrauf-Mentalität alles zerredet wird, was dazu geführt hat, dass wir als Land, als Gesellschaft, aber auch als Einzelpersonen, heute an dem Punkt stehen, an dem wir stehen. Das ist mir heute früh bewusst geworden, als ich die Kapitel „Das kulturelle Paradigma“ und „Wettstreit um Würde“ las. (Ihr seht, ich bin noch nicht ganz durch, aber ich muss das jetzt mal loswerden.)

Robert Habeck legt Finger in offene Wunden, aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern er führt auch aus, wie die Entwicklungen in der deutschen Politik und Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg aussahen, die irgendwann (oft aus den besten Absichten unter den jeweiligen Voraussetzungen) zu diesen Wunden geführt haben. Dabei macht er vor einem gesellschaftlichen Rundumschlag nicht halt: Für Deutschland wichtige Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft, Industrie und natürlich der gesamte Dienstleistungssektor mit seinen vielen prekären Beschäftigungsmodellen, Bildung, auskömmliches Leben, gesellschaftliche Teilhabe und Gerechtigkeit, er spart keinen Bereich aus, in dem es kriselt und wehtut.

Natürlich flicht er an der einen oder anderen Stelle Erfahrungen aus seinen früheren Ämtern in der Landesregierung Schleswig Holsteins ein und macht Werbung für die Grünen, aber er zieht an keiner Stelle über politische Mitbewerber her und andere als die eigenen Erfahrungen kann ja nun mal niemand von uns beschreiben. Insgesamt halte ich „Von nun an anders“ eher für ein philosophisches als ein politisches Buch. (Wobei für mich logischerweise beide Bereiche ineinandergreifen, schon allein von den Definitionen der Begriffe her. Es werden die zentralen Bedingungen unseres Lebens bedacht: Gemeinschaft und Sinn. Aber das kann ich euch ein anderes Mal erzählen.)

Ich könnte an dieser Stelle viele Zitate aus dem Buch anführen, die zeigen, dass die Überlegungen, die Habeck anstellt, für eine breite Öffentlichkeit interessante Denkanstöße darstellt, aber ganz ehrlich: Ich habe Probleme, hier eine Priorisierung durchzuführen, um DAS Zitat herauszustellen, das für mich die Essenz des Buches darstellt. Daher stelle ich euch eine wichtige Eingangsfrage, die er in dem Buch stellt, einfach mal weiter:

„Sind wir also tatsächlich politisch gefangen in einer Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion? Kann es sein, dass man, je erfolgreicher man für sein Anliegen wirbt, je mehr Menschen einem zustimmen, desto stärker zum Teil einer falschen Polarisierung wird und Gefahr läuft, seinem Anliegen einen Bärendienst zu erweisen?“ (S. 21)

Es bleibt spannend.

Bibliografische Angaben: Robert Habeck, Von hier an anders, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05219-0, € 22,00 (geb.) auch als eBook erhältlich

PS: Ich hatte die wilde Idee, in diesem (Wahl-)Jahr mal von jedem politischen Lager einen aktuellen Titel vorzustellen. Bisher bin ich nicht ganz glücklich mit diesem Einfall. Denn da sind mir als nächstes erstmal nur Friedrich Merz und Berndjörn Höcke eingefallen… Kommentar meiner Chefin: „Willst du dir das wirklich antun?“ Da wären wir dann wieder bei Zumutung. Der Kreis schließt sich. Also: Was meint ihr? Und habt ihr konkrete Wünsche oder Vorstellungen?

Schwarze Schafe…

…gibt es überall. Obwohl, eigentlich können die Schafe ja nichts dafür, dass manMenschen, die Verfehlungen begehen, so nennt. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Die Gesellschaft funktioniert nur mit einem gewissen Grundvertrauen, so ähnlich, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Urvertrauen gründet. Nur eben in viel größerem Maßstab, weil eine Menge Menschen daran beteiligt sind.

Wenn ich einkaufe, dann vertraue ich doch zunächst einmal darauf, dass der Kaufmann, dem der Supermarkt gehört, redlich arbeitet. Seine Angestellten pünktlich bezahlt, seinen Kunden eine ordentliche Qualität bei den Frischwaren bietet, seine Steuern korrekt anmeldet. Ebenso vermute ich das im Restaurant oder in der Apotheke. Warum diese Beispiele? Weil aus der Sicht der Finanzverwaltung diese Branchen: Einzelhandel, Gastronomie und Apotheken permanent in der Versuchung sind, in großem Stil den Staat zu hintergehen, daher werden die Anforderungen an Warenwirtschafts- und Kassensysteme immer stärker reglementiert. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es die Verstöße nicht gibt bei einzelnen Akteuren in den Branchen. Aber im Grunde stehe ich mit meinem Vertrauen doch noch immer ganz gut da. Denn die allermeisten arbeiten eben ordentlich.

Es gibt Banker, Ärzte, (Abmahn-)Anwälte, Manager, … [um beliebige Berufsgruppen erweitern…], die lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben, um ihrer Klientel möglichst effektiv und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt Politiker, die ihren Beruf und ihre Partei danach gewählt haben, wo sie finanziell am besten dastehen. Es gibt korrupte Beamte und Sicherheitskräfte, die nicht die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen im Sinn haben. Es gibt Gelegenheits- und Berufsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger und alles Mögliche andere im kriminellen Spektrum.

In jedem Land der Erde, und auch nicht erst seit 2015 oder so. Keine Bevölkerung irgendeines Landes besteht aus Heiligen, keine Berufsgruppe der Welt ist unbestechlich, kein Mensch ist immun gegen Versuchungen.

Klischees gibt es immer und überall. Und bei manchen Dingen sind wir auch nicht zimperlich. Wer hat denn schon ernsthaft gesagt: „In Italien mache ich keinen Urlaub, das sind alles Mafiosi“ oder „Nach Thailand kann man nicht fliegen, dort ist ein einziger Sumpf von Drogen und Prostitution“. „Mallorca als Urlaubsziel geht ja gar nicht, da werden keine Umweltstandards eingehalten“ oder auch „Kreuzfahrten sind indiskutabel, was da an Abgasen in die Luft geblasen wird“. Nur mal so als Beispiel (es gibt da über so ziemlich alle Destinationen etwas zu sagen, was dort nicht in Ordnung ist!) Wenn wir in diesen Gebieten nun mal gerne Urlaub machen wollten, haben wir darauf vertraut, dass in den Urlaubsorten alles sauber und legal läuft, und wenn wir tatsächlich mal unsicher waren, dann haben wir lieber die Augen davor verschlossen, wir waren schließlich im Urlaub. Da belastet man sich nicht mit solchen Themen.

Von der derzeitigen Lage sind wir alle zwangsbetroffen, keiner kann sich rausmogeln, keiner hat sich das ausgesucht. Und das bereitet uns so viel Unbehagen, dass wir mangels Sündenbock (interessant: diese Redensweise ist biblisch. Im Alten Testament wird beschrieben, dass während der Wüstenwanderung der Israeliten symbolisch die „Sünden“ auf einen Ziegenbock übertragen wurden, der dann in die Wüste geschickt wurde) am liebsten alles auf „die Politiker“, „die Mainstream-Medien“, „die Staatsvirologen“ oder auch auf wahlweise „die Schlafschafe“ bzw. „die Covidioten“ schieben.

Ja, auch ich bin pandemiemüde, aber ich bin es noch mehr müde, dass uns das Grundvertrauen abhandengekommen ist. Ohne dieses Vertrauen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, es findet eine Zersplitterung in lauter Einzelinteressen und Einzelsichtweisen statt, es heißt „Wer nicht für mich ist, der ist dann eben gegen mich!“

Es gab in den letzten Monaten Dinge, die gut gelaufen sind, es gab Maßnahmen, die es wert sind, hinterfragt zu werden und es gab Situationen, wo den Entscheidern alles entglitten ist. Wie seit Jahrhunderten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von Fehlern, Irrtümern, unheilvollen Entscheidungen. Und trotzdem ging es immer weiter. Sogar aufwärts. Oft wurde der Fortschritt sogar durch Entscheidungen beschleunigt, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben.

Weil es immer, zu jeder Zeit, viel mehr Menschen gab, die vieles (nicht alles) richtig gemacht haben, die visionär vorangegangen sind, die andere mitgenommen haben auf ihrem Weg. Die fehlertolerant waren und vertraut haben. Weil es immer Menschen gab, die sagten „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie!“

Auf der persönlichen Ebene kann ich viele Bedenken und Meinungen verstehen und nachvollziehen, die von meiner derzeitigen Einschätzung stark abweichen, zum Beispiel, wenn eigene Erfahrungen dahinterstehen. Auch ich bin ja durch meine (Familien-)Biographie zu meiner Sichtweise gekommen. Die Shitstorms und die Intoleranz, die aber vor allem in den sozialen Medien daraus gemacht werden, die werde ich wohl nie kapieren.

Vielleicht fehlt im Augenblick vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man selbst es auch nicht besser weiß oder entscheiden könnte. Und da sehe ich auch eine Lücke, in die manche unserer EntscheiderInnen springen müssten: Die Ehrlichkeit, zu Fehlentscheidungen zu stehen (die mitunter erst im Nachhinein als solche zu erkennen, manchmal aber auch von Anfang an fraglich waren). Zugeben, dass etwas nicht optimal war, statt Ausreden zu präsentieren.

Und Geduld ist auch nicht unsere Kernkompetenz. In einem Kommentar habe ich vor einigen Tagen geschrieben: „Wenn wir heute (hier in Deutschland/Mitteleuropa) einem Krieg in den Ausmaßen (sechs Jahre!) des zweiten Weltkrieges ausgesetzt wären, bräuchten die Gegner nur genügend Popcorn und sich dann genüsslich ansehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen…“

Wie gesagt: Auch ich kenne keine Patentlösung. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran, dass eine Gesellschaft zusammen sehr vieles schaffen kann.

Einerseits -andererseits

Das Buch Unberechenbar klingt immer noch nach in mir, obwohl ich schon die nächsten Bücher „am Wickel“ habe. Heute früh war mal wieder die Lektüre der Tageszeitung der Anstoß. Bevor ich jetzt hier vom Leder ziehe, möchte ich betonen, dass ich keine Patentlösungen kenne, vermutlich gibt es die auch nicht, aber wir brauchen ein großes Nachdenken und eine breite Diskussion darüber, welche Werte uns wichtig sind, als einzelne Personen, als Kommunen oder Kirchengemeinden, als Bundesländer und auch als Deutschland. Wollen wir in der Zukunft auf eine möglichst gemeinsame (und trotzdem bunte und diverse) Gesellschaft setzen oder sehen wir die vielen höchst unterschiedlichen Menschen als „Human resources“ (also: Personal) an, die einfach möglichst reibungslos ihre Aufgabe erfüllen sollen?

Ich frage mich da beispielsweise: Lufthansa und TUI, große Konzerne im Bereich Touristik, werden mit Milliardenhilfen gestützt. Aber was ist mit kleinen Betrieben der Branche, vom unabhängigen Reisebüro über inhabergeführte Hotels und Campingplätze bis hin zur kleinen Frühstückspension, von Fahrgastschifffahrt bis Nationalparkguides? An allen diesen Kleinbetrieben hängen doch in der Summe nicht weniger menschliche Existenzen als an den Branchenriesen.

In der Pflege (sowohl Kranken- als auch Altenpflege und überhaupt im Gesundheitssektor) bahnt sich ein Kollaps an, ganz akut durch viel zu hohe Arbeitsbelastung und eigene Erkrankung bis hin zum Burnout und dem desillusionierten Verlassen der Branche. Hier fehlt mir ein energisches Gegensteuern. Ich überlege mir, wenn alle Stellen, die in diesem Bereich arbeiten, zu einem großen, deutschlandweiten Gesundheitsdienstleistungskonzern zusammengeschlossen wären, mit entsprechendem Umsatz, Aufsichtsratsposten und Lobbyisten im Bundestag, dann sähe das möglicherweise ganz anders aus.

Ich frage mich, warum die Bildungsgerechtigkeit, die seit einem knappen Jahr das große Mantra der Bildungspolitiker ist, in den letzten Jahrzehnten so wenig Beachtung fand. Im Gegenteil: Schulgebäude gammelten vor sich hin, die Vorsprünge in der Digitalisierung vor allem in den skandinavischen Ländern wurden kleingeredet, von wegen, dafür würden dann aber althergebrachte Kulturtechniken vernachlässigt (ich sag nur: das Eine tun und das Andere nicht lassen). Es hieß, inklusives Lernen (auch vor allem bei den Skandinaviern) wäre bei uns nicht möglich, weil die langsameren Schüler den schnelleren quasi Zeit klauen (mein Ausdruck, das kann man bestimmt auch positiver ausdrücken😜). Bildung ist in Deutschland, seit Jahren beklagt und trotzdem unverändert, ein Gut, das anscheinend untrennbar mit dem sozialen Status des Elternhauses verknüpft ist. Im Augenblick kann ich noch keine bahnbrechende Änderung daran erkennen.

Müssten sich die etablierten Medien, vor allem die eher reißerischen, aber auch diejenigen, die mit mehr Ruhe und Seriosität arbeiten, nicht alle mal von der Schlagzeilenmentalität verabschieden? Glücklicherweise werden wir nicht von einem erratischen Präsidenten regiert, der morgens nach dem Aufwachen erstmal medial einen raushauen muss, damit die Verdauung ordentlich funktioniert. Aber die Verkürztheit, mit der augenblicklich manche Entscheidungen, so fraglich sie sein mögen, in die Medienlandschaft getragen werden, die nervt mich total, weil ich davon ausgehe, dass sich unsere Volksvertreter in den meisten Fällen tatsächlich erstmal irgendwelche Gedanken dazu gemacht haben, was sie da sagen. Zumindest die Entscheidungsfindung kurz darstellen sollte meiner Meinung nach Standard werden. Das bedeutet nicht, dass alle zum „Erklärbären“ mutieren müssen. Wenn ich aber die Entwicklungen der letzten Monate bedenke, sehnen sich Menschen nach Erklärung, sonst würden sie sich nicht in immer größerer Zahl denen zuwenden, die Erklärungen bieten, auch wenn sie noch so abstrus sind.

Wisst ihr, was ich als sehr wohltuend empfunden habe in den letzten Tagen? Die Art und Weise, wie die Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen öffentlich ihre Fehleinschätzungen des Infektionsgeschehens kommuniziert haben bis hin zu der Entschuldigungsbitte von Bodo Ramelow bei der Bundeskanzlerin. Beide gehören nicht unbedingt Parteien an, die ich persönlich präferiere, aber beide zeigen in dieser Situation Rückgrat, was ich auf jeden Fall sehr zu würdigen weiß.

Fortsetzung folgt.

Beitragsbild: Pixabay, weil ich nicht mehr so eine schöne Waage besitze und die alte Schweinewaage auf dem Dachboden nicht so fotogen ist…

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