Himmel und Erde

Unüberbrückbare Gegensätze oder zusammengehörende Teile eines Ganzen?

Unser letzter FAQ-Gottesdienst in diesem Jahr fand zwar am ersten Advent statt, sollte aber kein „klassischer“ (sowieso nicht…) Adventsgottesdienst sein. Aber er sollte schon mit einem Thema zu tun haben, dass gerade um diese Jahreszeit doch irgendwie viele Menschen beschäftigt. Vor Weihnachten schmücken wir gern mit Engeln, den himmlischen Boten Gottes (oder zumindest mit den Figuren, die wir uns als Engel denken). Und beim schönsten Morgen- und Abendrot heißt es: „Im Himmel werden schon Plätzchen gebacken“. Zu keiner anderen Zeit sehnen wir uns so sehr nach der Helligkeit und Klarheit des Himmels wie in dieser dunklen Zeit am Ende des Jahres.

Unser Anspielteam hatte sich schon frühzeitig Gedanken dazu gemacht, was wohl die Eigenheiten von Himmel und Erde sind.

Ein steiles Thema haben wir uns da vorgenommen! Gar nicht so einfach. Was tut man heutzutage, wenn man nicht sofort die zündende Idee hat? Richtig, Tante Google fragen.
Aber, dort bekommt man zunächst gefühlte 1000 Einträge mit – Kochrezepten! Himmel und Erde, ein traditionelles Gericht nicht nur in Norddeutschland, Äpfel (Himmel) und Kartoffeln (Erde) zusammen gekocht. Der Vollständigkeit halber müsste es heißen „Himmel und Erde mit Blutwurst und Zwiebeln“. Brrr! Dann doch lieber Kartoffelpuffer mit Apfelmus….
Aber Scherz beiseite, da brauche ich einen anderen Ansatz. Mal sehen. Ah! Ja, das könnte klappen:

Das Vater Unser: „…wie im Himmel, so auch auf Erden…“
Oder das Glaubensbekenntnis: „…den Schöpfer des Himmels und der Erde…“. Später dann: „…hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel…“
Das Verhältnis von Himmel und Erde hat also definitiv für uns als Christen eine große Bedeutung. Es hat etwas mit Gott zu tun.

Ich habe das schon einmal erzählt, wenn man ein Kind bis ca. 8 Jahre bittet, ein Bild zu malen, wo Gott mit drin ist, dann malen die meisten Kinder eine Landschaft mit Himmel, im Himmel ist eine Wolke, und auf der steht ein alter netter Mann mit Rauschebart und langem Nachthemd. Also eher so eine Art Gandalf eigentlich.

Und nicht nur Kinder pflegen die Vorstellung, dass der Aufbau der Welt dreiteilig ist, in der Mitte die Erde mit den Menschen, unten drunter die Hölle mit Feuer, Teufeln und geknechteten Seelen. Und oben im Himmel thront Gott über allem.
Diese Vorstellung ist uralt und kommt in den unterschiedlichsten Kulturen vor. Auch zur Zeit des Alten Testaments sahen viele Schöpfungsberichte und Weltbilder so aus.

Auch am Anfang der Bibel heißt es: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Und zwar trennte er das Wasser oben vom Wasser unten, nannte das obere Wasser Himmel und sammelte das untere Wasser in den Meeren, damit man die Erde dazwischen sah. Zwei Dinge lesen wir daraus.
Erstens: Gott hat beides geschaffen und voneinander getrennt. Und zweitens: Gott war schon vorher „da“. Wo auch immer.
Schließlich, nachdem Gott alles auf der Erde erschaffen hatte, auch Mann und Frau in dem Garten, den er für sie angelegt hatte, da traf er sich dort mit ihnen gern zum Abendspaziergang. Er nahm am Leben seiner Schöpfung persönlich teil. Bis zur Verführung der Menschen durch die Schlange…

Szenenwechsel.

Ganz am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, werden die getrennten Bereiche wieder zusammengeführt: (Off. 21)
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer (vom Anfang) ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Wenn alles, was uns von Gott trennt (Sünde kommt von Sund und hat nichts mit Sahnetorte zu tun, denn ein Sund ist ein Meeresarm, der zwei Ufer voneinander trennt) beseitigt ist, dann wird er wieder bei uns Menschen wohnen, die Trennung von Himmel und Erde ist beendet. Was für eine grandiose Zusage! Übrigens ist dann nicht nur für uns Menschen „alles wieder gut“, sondern auch für Gott. Endlich ist er wieder da, wo er von Beginn an sein wollte!

Die Sehnsucht nach dem Himmel ist bei uns allen vorhanden. Wenn wir etwas als „himmlisch“ bezeichnen, dann ist das ein höchstes Lob. Die Menschen im Alten Testament bauten den Turm in Babel, um zu Gott zu gelangen. Sie stiegen auf die höchsten Berge (wie manche Leute heute noch).
Später baute man „Wolkenkratzer“.
Wir suchen den Himmel auf Erden, wir versuchen sogar, mit der Raumfahrt dem Himmel näher zu kommen. Und doch kommen wir auch mit der stärksten Rakete nur tiefer ins All, aber nie näher zum Himmel.

Und trotzdem gibt es sie, die Brücke zum Himmel. Und diese Brücke ist Jesus Christus. Er ist Gott, der zu seinen Menschen gekommen ist, als einer von ihnen. Nicht privilegiert in einem Palast oder Elfenbeinturm, sondern absoluter Durchschnitt in seinem sozialen Status. Handwerker. Wanderprediger. Und am Ende seines Lebens: Verraten, wie ein Verbrecher behandelt, getrennt von seinen Freunden, verleugnet sogar vom besten Kumpel, und dann fühlte er sich sogar von seinem Vater verlassen! Den demütigenden Tod am Kreuz gestorben wie der schlimmste Terrorist. Tiefer fallen kann kein Mensch.

Er hat sich selbst geopfert, sein Leben gegeben für alle Generationen nach ihm. Das ist uns unvorstellbar, es ist zu groß für unseren Verstand. Und deswegen ist es für viele ein Problem. Was wir nicht verstandesgemäß erfassen können, das kann nicht sein.
Auch ich habe zu Beginn meines Weges mit Gott oft gesagt: An Gott kann ich glauben, aber Jesus ist für mich „nur“ eine historische Person. Zugegeben eine, die viel Gutes getan hat, aber nicht mehr. Ein moralisches Vorbild, aber der Sohn Gottes? Never!

Es brauchte Zeit, Vertrauen und viele, viele Gespräche mit Gott, Streitgespräche auch des Öfteren, damit ich mich diesem größten Geheimnis öffnen konnte. Bis der wissenschaftlich orientierte Verstand sich entschloss, auf das Herz zu hören, bis ich bereit war, etwas einfach stehenzulassen als das, was es ist: Ein Geheimnis.

Kennt ihr das: Der Gedanke daran, was wäre, wenn es Hogwarts wirklich gäbe? Wenn sich hinter meinem kleinen Leben eine große Zaubererpersönlichkeit verbirgt? Oder: Wenn die Zeitreisen aus der Edelsteintrilogie tatsächlich möglich wären? (Für die Älteren: „Zurück in die Zukunft“ oder „Peggy Sue hat geheiratet“ spielen auch mit dieser Vorstellung.)

Oftmals sind wir eher bereit, solche Dinge in die Realität hineinzudenken, weil wir es gerade ganz passend fänden, einen Zeitzauber à la Hermine Granger zu benutzen oder wenn wir in die Vergangenheit reisen könnten, um eine vermurkste Situation zu retten.
Aber zu sagen: Ich vertraue darauf, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass er auch für mich in den Tod gegangen und, noch unfassbarer: AUFERSTANDEN ist, das fällt uns schwer. Und das, obwohl sehr viele von uns durchaus die Hoffnung haben, irgendwann einmal ihre Lieben wiederzusehen, die diese Welt schon verlassen mussten.

Wenn jetzt an dieser Stelle jemand darauf hofft, ich zaubere „Tädäää!“ ein Patentrezept aus dem Hut, das dafür sorgt, uns sämtlicher Zweifel zu berauben und uns die große Gewissheit zu schenken…, dann bleibt die Enttäuschung nicht aus. Denn dafür gibt es kein Patentrezept. Tu dieses, lasse jenes, bete zu festgelegten Zeiten… das kann funktionieren, aber nur, wenn es passt wie ein Puzzleteil zum nächsten. Der Weg zur Brücke kann aber auch bedeuten, dass du mit Gott haderst, dass du ihm ein paar unangenehme Sachen an den Kopf wirfst, dass du dich beklagst.

Wenn dir jemand sagt: Glaube nur fest genug, dann wird es dir gutgehen, in jeder Hinsicht, dann lauf! Denn es ist nun mal kein Automatismus. Auch der festeste Glaube nimmt uns nicht alle Krankheiten und auch nicht die Privatinsolvenz oder die schlechten Noten in der Schule.

Das wichtigste ist: bleibe mit Gott im Gespräch. Auch wenn es ein Streitgespräch ist. Auch wenn mal einer von euch beiden oder sogar ihr beide Sendepause haben. Nimm den Faden wieder auf. Bleib hartnäckig. Und dann nimm deinen Mut zusammen und geh über die Brücke. Verbinde Himmel und Erde. Denn sie gehören zusammen.
Amen!

PS: Für alle, die nicht im Gottesdienst waren: Mein persönlicher Höhepunkt war das Schattenspiel der Anspiel-Gruppe. Und der Knaller war, als Maria Jesus hochgehalten hat zur Musik aus „König der Löwen“! Diese Verknüpfung sorgt sofort für Kopfkino.

1. Dezember – 1. Advent

In meinem virtuellen Adventskalender geht es in diesem Jahr um die Adventsverheißungen in der Bibel. In der Annahme, dass längst nicht jeder die Bibel komplett durchgeschmökert hat (ich auch noch nicht), möchte ich hier an dieser Stelle einfach mal kreuz und quer durch das Alte und Neue Testament einige Passagen herausheben. Das Konzept ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern unser Pastor hat vor einigen Jahren zu Beginn des Advents Listen mit den Textstellen verteilt, und seitdem begleiten sie mich jedes Jahr wieder.

Vorweg folgendes: Ich benutze hier meist die Übersetzung „Hoffnung für Alle“, denn es ist eine Ausgabe in heutiger Sprache, die auch für Bibelanfänger gut verständlich ist. Ausnahme: die Psalmen werde ich der Lutherbibel 2017 entnehmen. Denn für diese poetischen Gebete des alten Israel ist die kräftige und doch lyrische Sprache Luthers bis heute einfach nur schön!

Und, auch ganz wichtig: Meine Kommentare sind keine offizielle „Lehrmeinung“ einer Kirche. Sie sind nicht einmal immer theologisch „korrekt“. Sondern sie spiegeln wider, was im Augenblick des Schreibens meine Gedanken dazu sind. Das kann heute ganz anders aussehen als morgen oder nächstes Jahr. Denn die Beschäftigung mit der Bibel ist eine lebendige Sache. Es ist eine Entwicklung, und manches verstehe ich in meiner aktuellen Situation einfach (noch) nicht. Das Verständnis wird aber irgendwann kommen, wenn es „dran“ ist.

Also, los geht’s:

Freut euch, ihr Menschen auf dem Berg Zion, jubelt laut, ihr Einwohner von Jerusalem! Euer König kommt zu euch! Er ist gerecht und bringt euch Rettung. Und doch kommt er nicht stolz daher, sondern reitet auf einem Esel, ja, auf dem Fohlen einer Eselin!

Das schreibt der Prophet Sacharja (Kap. 9, Vers 9), der ungefähr in der Zeit ab 520 vor Christus wirkte. Bereits zu dieser Zeit, einige Generationen ehe es tatsächlich soweit war, hatte Sacharja gewusst, dass einmal einer kommen wird, der das Königtum ganz anders interpretiert als es bisher der Fall war. Und er kannte das halb-öffentliche Verkehrsmittel, welches dieser König für seinen Einzug nutzen würde.

Ich finde das total genial. Ja, ich kenne auch die Einwände: Jesus war gläubiger Jude, er kannte die Schriften des Alten Testaments, na klar nahm er den Esel.

Und denke dann: Schade, wir aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts, warum können wir ein Mysterium nicht einfach mal als solches im Raum stehen lassen? Warum können wir uns nicht einfach mal auf etwas einlassen, das nicht rational wegerklärt werden kann oder muss? Denk doch mal darüber nach…

Auf zu neuen Ufern: Folge 3

Manche Dinge brauchen Zeit. Nun ist es aber schon fast einen Monat her, dass unsere Exkursion zu den Weltreligionen stattgefunden hat. Wenn ich jetzt nichts schreibe, dann wird das nichts mehr.

Das Schriftzeichen, welches den Hinduismus symbolisiert ist das „Om“, ein Mantra in der heiligen Sprache Sanskrit. Da es sowohl bei der Yoga-Meditation als auch in manchen amerikanischen Komödien (dort allerdings meist in skurrilen Zusammenhängen) vorkommt, hat vermutlich schon mal jeder Berührung mit dem Om gehabt…

Für uns, die gerade die Ausbildung zum Gemeindepädagogen beendet hatten, war nach meinem Empfinden kollektiv der Hinduismus die fremdeste Religion, die wir besucht haben. Immerhin gibt es so etwas wie eine „Dreieinigkeit“ (Brahma, Vishnu, Shiva), zumindest das kennen wir als Christen. Das war’s aber auch schon. Ich breite die Dimensionen dieser Dreieinigkeit jetzt nicht einzeln aus, aber es geht um den ewigen Kreislauf von Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung… Bei Interesse kann man dazu einiges im Netz finden.

Als Fan von Indiana-Jones-Filmen hatte ich irgendwie die Göttin Kali im Hinterkopf, die Zerstörung und Unheil bringt (dazu spukte mir noch so diffus Menschenopfer und Witwenverbrennung durch den Kopf. Spielfilme bilden eben nur so mittelmäßig 😛 …)

Ein Gott, den von Abbildungen her auch viele kennen dürften, ist Ganesha, der Glücksgott mit dem Elefantenkopf. Für ihn gab es im Hindutempel von Hannover auch einen Schrein. Allerdings nicht der Hauptschrein, der ist einer Göttin, deren Namen ich leider nicht behalten habe, geweiht. Insgesamt gab es vier Schreine für Gottheiten und einen kleineren für die 9 Planeten. Der Priester muss an „normalen“ Tagen (das sind die, die keine hinduistischen Feiertage sind) mittags und abends eine Zeremonie durchführen, in der die Götter gefüttert werden. Gefüttert werden sie mit Obst, Blüten und Blättern. Dabei werden Gebete gesprochen und Glöckchen geläutet. An manchen Tagen müssen die Götter auch gewaschen werden, weshalb die Schreine innen wie Badezimmer gekachelt sind. In einer feststehenden Reihenfolge werden die Götterschreine alle mit (für mein Empfinden) derselben Prozedur besucht. Am Ende besteht für die Gläubigen die Möglichkeit, sich eine Art Segen spenden zu lassen, durch einen Punkt aus roter Erde zwischen die Augen oder Streifen aus grauer Erde auf die Stirn.

Unterstützt wurde die Fremdartigkeit noch durch den intensiven Duft verschiedener Räucherstäbchen, in Verbindung mit über 30 Grad Temperatur an diesem Tag und dem schon absolvierten Pensum war das mehr, als manch eine/r von uns ertragen konnte.

Eins ist aber auch hervorzuheben: Die Gastfreundlichkeit der Frau, die uns empfing und mit Informationen versorgte. Am Ende gab es für uns alle Saft und Wasser zu trinken, weil sie sich nicht sicher war, ob wir Deutschen bei der Wärme mit dem sonst jederzeit üblichen heißen Tee klarkämen. Und es gab einen mit Koriander und Zimt gewürzten süßen Milchreisbrei sowie Mungobohnenbratlinge (ähnlich wie Falafel). Beides war total lecker.

Vor allem war dieser Besuch für uns ein kurzes Tauchbad in einer total fremden, exotischen und für uns auch nicht nachvollziehbaren Welt.

Abschließend, auch wegen aktueller sagen wir mal… lebhafter Diskussionen (positiv ausgedrückt) um die „Wertigkeit“ von Angehörigen bestimmter Weltanschauungen, Nationalitäten, Orientierungen, denke ich: ja, es ist absolut notwendig, dass möglichst viele Menschen sich auf den Weg machen, das Fremde, das Ungewohnte, vielleicht sogar das Abstoßende kennenzulernen. Denn wo wir über den Tellerrand blicken, da bleibt das Fremde nicht (ganz so doll) fremd. Da erkennen wir, dass es nicht nur unseren Blickwinkel, unsere Filterblase gibt.

Der schrägste Gedanke, der mir dazu kommt, ist: dann gilt das ja auch für mich. Dann bin ich auch gefordert, mal gedanklich in so einen „besorgten Bürger“ zu schlüpfen. Denn das ist für mich persönlich das Fremde, Ungewohnte, vor allem das Abstoßende. Solange ich merke, da sind Ängste im Spiel, die jemandem vorgaukeln, nur mit Seinesgleichen könne man eine gelingende Gesellschaft bilden, mag das ja noch funktionieren, aber sobald verbale, psychische und körperliche Gewalt im Raum stehen, da muss ich eingestehen: das geht mir denn doch zu weit!

Bemerkenswerte Quintessenz aus einem Streifzug durch die Weltreligionen, ein unerwartetes Finale!

Auf zu neuen Ufern: Folge 2

Auf unserer Exkursion zu den Weltreligionen haben wir auch Station gemacht in der liberalen jüdischen Synagoge in Hannover.

Die liberale jüdische Gemeinde gibt es dort schon lange. Wenn du mal „Neue Synagoge Hannover“ googelst, findest du einen wunderschönen Bau, der auch eine Kirche sein könnte. Ähnlichkeiten mit der berühmten Rosette von Notre Dame sind kein Zufall. Diese Synagoge wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerstört.

Seit 2007 gibt es wieder eine liberale Synagoge, und zwar in einer ehemaligen evangelischen Kirche, die nach ihrer Entwidmung eigentlich abgerissen werden und durch ein Autohaus an der Stelle ersetzt werden sollte. So wie es jetzt ist, ist es doch wesentlich besser, oder?

Leider konnte ich nicht wirklich alles im Gedächtnis behalten, was uns dort an interessantem erzählt und gezeigt wurde. Aber so ein paar Highlights sind hängen geblieben. Zunächst einmal, dass die liberalen Juden so etwas wie die Protestanten ihrer Religion sind. Ein wichtiges Anliegen ist es ihnen, den Gottesdienst mit der gesamten Familie feiern zu können, denn in orthodoxen Synagogen müssen die Frauen räumlich getrennt (entweder auf einer Empore oder mit einem „Zaun“ im Gottesdienstraum) von den Männern bleiben.

Aus unseren Gottesdiensten kennen wir es, dass wir Ruhe gewohnt sind, ein Grund, weshalb sich Familien mit kleinen Kindern nicht oft hertrauen (neben den familienunfreundlichen Zeiten). Konfirmanden werden mit bösen Blicken bedacht, wenn es ihnen schwerfällt, mit angemessener Ruhe dem Gottesdienst und insbesondere der Predigt zu folgen.

Im jüdischen Gottesdienst, zumindest in dieser Gemeinde, herrscht allezeit eine Grundlautstärke. Denn es ist ganz normal, dass man sich mit seinem Stuhlnachbarn unterhält, wenn man ihn eventuell länger nicht gesehen hat. Es ist auch nicht schlimm, wenn man ein wenig zu spät kommt. Und den Gemeindegliedern wird eine gewisse Freiheit bei der Ausgestaltung des täglichen Lebens zugebilligt. Beispielsweise ist es gestattet, die Schabbatgesetze und Speisegesetze etwas mehr an der Lebensrealität zu orientieren als nur streng an Traditionen.

Anders als bei uns Christen ist der Rabbiner nicht der Funktion des Pfarrers gleichzusetzen, er ist vor allem Lehrer, macht also sozusagen den kirchlichen Unterricht. Aber einen Gottesdienst muss grundsätzlich jeder Gläubige durchführen können. Auch Rabbinerinnen gibt es im progressiven Judentum.

Die Jugendlichen besuchen mit 12/13 Jahren also ebenso wie unsere evangelischen Konfirmanden den Unterricht. Sie lernen Hebräisch lesen und schreiben, den respektvollen Umgang mit den Thora-Rollen und einiges mehr. Wenn sie genug gelernt haben und eine Prüfung durchlaufen haben, feiern die Jungen ihre Bar Mizwa, die Mädchen Bat Mizwa (Bar=Sohn, Bat=Tochter), und zwar nicht in der Gruppe wie bei unserer Konfirmation, sondern jede/r einzeln. Dazu müssen sie einen kompletten Gottesdienst leiten, und zwar nicht nur die Gebetszeiten, sondern auch die Thora-Lesung. Ihre Aufgabe ist es auch, die Rolle aus dem Schrank zu holen. Eine Thora-Rolle wiegt je nach Ausstattung um die 15 kg und darf auf keinen Fall auf den Boden fallen, denn dann ist sie im Gottesdienst nicht mehr brauchbar. (Die Folge wäre, dass im schlimmsten Fall die Gemeinde eine neue Thora braucht, und da die bis heute auf Ziegenpergament handgeschrieben werden, was ca. 3 Jahre braucht, kostet die ungefähr 20-30 Tausend Euro! Das kann sich kaum eine Gemeinde leisten.) Auf den jungen Leuten lastet also eine große Verantwortung. Aber nach dem „erfolgreichen“ Gottesdienst gibt es dann auch eine große Familienfeier mit Geschenken und so.

Was wir als ziemlich bedrückend empfanden, war, dass man die Synagoge nicht einfach so betreten kann, man muss sich vorher anmelden, wenn man nicht zur Gemeinde gehört. An der Tür ist eine Kameraüberwachung und im Gebäude verteilt gibt es überall die „Überfall-Alarmknöpfe“, wie blaue Feuermelder. Leider ist das notwendig, in einem Land, das per Grundgesetz die freie Religionsausübung garantiert. Und zwar nicht erst seit 2015 vermehrt muslimische Flüchtlinge ins Land kamen, wie uns der Mitarbeiter der Synagoge versicherte.

Es war einiges bei unserer Führung dabei, was neugierig macht auf unsere Geschwisterreligion, einiges, was zum Nachdenken anregt und auch einiges, was ein Gefühl des Fremdschämens in mir ausgelöst hat (Fremdschämen über die Menschen, die ohne genauere Kenntnisse, einfach aus diffusen Empfindungen heraus, den jüdischen Mitbürgern das Leben schwermachen.)

Als Erkenntnis wünsche ich mir, dass wir alle wieder mehr miteinander als übereinander reden, dass wir den persönlichen und wertschätzenden Kontakt suchen, anstelle in den (un-)sozialen Medien unreflektiert Meinung in die Runde zu stellen und auch zu übernehmen.

 

 

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…

Eigentlich hat dieser Text nicht unbedingt etwas mit dem Gesangbuchlied zu tun. Aber ich habe mir den Text eben einmal genau durchgelesen. Abgesehen davon, dass ich mit Ausdrücken wie „Kampf und Sieg“ immer noch eine Gänsehaut bekomme, beschreibt er ganz gut, was in meinem Kopf umhergeistert.

Außerdem habe ich, neugierig wie ich bin, nachgesehen, was Wikipedia zur Begriffsdefinition sagt. Das sieht dann so aus:

Gemeinde (Kirchengemeinde) ist die Organisationsform der Kirchenglieder auf lokaler Ebene. Sie nimmt Aufgaben der Kirche wie das Halten von Gottesdiensten, Seelsorge, kirchliche Unterweisung und diakonische Aufgaben wahr. Der Begriff umfasst mehrere Elemente: Institution, Gesamtheit, Raum und Gemeinschaft, Konkretion, Ort.

Gemeinschaft ist definiert als überschaubare soziale Gruppe, deren Mitglieder durch ein starkes Wir-Gefühl eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen. Sie gilt als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft. Merkmal ist eine gewisse Abgrenzung gegen Außenstehende, eine deutliche Trennungslinie zwischen „Uns“ und den „Anderen“.

Wichtig, aber nicht unbedingt hilfreich, diese Definitionen im Hinterkopf zu haben.

Was sind wir denn eigentlich? Sind wir „nur“ eine lokale Organisationsform? Oder sind wir „Herausgerufene“ (Ecclesia), die sich  klar von allen anderen abgrenzen? Ist es wie beim lokalen Sportverein, wo man Mitgliedsgebühren zahlt und dann trainieren geht? Und im Wettkampf mit den anderen Mannschaften nur dann antreten darf, wenn man das Training regelmäßig mitmacht?

Germanys next Top Kirchengemeinde? – Sorry, heute habe ich kein Kreuz für euch?

Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr überspitzt ausgedrückt. Ganz bewusst und provokant. Denn gerade in der Empfindung von Menschen, die (noch) nicht so sehr Insider sind, kommt es schon ziemlich nahe an das, was so manche erleben, die sich auf das Abenteuer „Gemeinde“ einlassen.

Vielleicht sollte ich mal nachschauen, was Jesus selbst zu dem Thema sagt. Er fordert uns nicht dazu auf, aus unseren eigenen Kräften heraus etwas tolles auf die Beine zu stellen. Er sagt nicht: „Leute, baut Gemeindehäuser und ladet die ein, die sowieso schon an mich glauben, das reicht.“ Er ist auch nicht der Meinung, dass wir „besser“ sind als der Rest der Menschheit.

In der Bergpredigt schärft er seinen Zuhörern ein: „Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich“ Geistlich arm, was bitte ist das denn? Nur wer einen begrenzten IQ hat? Okay, das heißt es natürlich nicht. Es geht um die Erkenntnis, dass wir Menschen nun mal zeitlich und auch verstandesgemäß begrenzt sind. Dass wir an viel zu vielen Stellen einfach nicht den Durchblick haben, dass wir es mit Gott nicht aufnehmen können und es auch überhaupt nicht müssen! ER baut sein Haus. Wir sind nur die Bauhelfer.

Jesus stellt sich auch keinen exklusiven Country-Club vor. Im Gleichnis vom großen Gastmahl stellt er fest, dass diejenigen, die ursprünglich eingeladen waren, tausend Ausreden haben, nicht zu kommen. Und dass deswegen diejenigen hereingeholt werden sollen, die „draußen“ unterwegs sind, die nicht „dazugehören“.

Und er erteilt ganz am Ende seiner irdischen Zeit den Auftrag, hinaus in die Welt zu gehen und die Völker in die Jüngerschaft zu holen. In unserem kleinen Gemeindekosmos bedeutet das: Ladet diejenigen ein, die noch nicht kommen.

Wir sollen aktiv werden und nicht abwarten, bis die Menschen von sich aus kommen und sagen „Jetzt bin ich so weit. Ich glaube bereits, was ihr glaubt, jetzt will ich auch dazugehören.“

Und dann sagt er noch: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wir laden ein, wir lehren auch, wir taufen. Aber das, worauf es wirklich ankommt, bewirkt ER. Nicht wir.

Ich wünsche mir Gemeinden, in denen wir die Menschen einladen, egal, ob sie sich schon mit Jesus auf den Weg gemacht haben, egal, wie weit sie schon auf dem Weg sind, egal, wen sie lieben. Wir laden ein, zu uns zu gehören. Der Rest wird dann kommen (Geduld…!)  Nicht „von allein“, sondern durch unsere offene Haltung und vor allem durch das Wirken unseres Herrn Jesus Christus. Auch wenn wir es nicht immer merken, ER ist bei uns. Auch dann (welche Überraschung), wenn wir ihn nicht in jeder Unterhaltung mindestens erwähnen. Wir müssen seinen Namen nicht jederzeit im Überfluss nennen, um uns dessen gewiss zu sein.

Am letzten Wochenende habe ich eine solche Gemeinschaft erleben dürfen. Einige Familien/Paare aus unserer Gemeinde haben sich zusammengeschlossen, um ein Wochenende gemeinsam zu verbringen, mit Spielen, Unterhaltungen, Singen, Kochen und Essen, mit Spaß und auch mit Andachten, Bibelarbeit und Gottesdienst. Diejenigen, die bisher keinen Zugang zum Glauben gefunden haben, waren frei darin, sich aus allem auszuklinken, was sie zu dem Zeitpunkt nicht für sich annehmen konnten. Und trotzdem waren sie vollwertige Mitglieder der Gruppe. Jeder brachte sich ein mit individuellen Talenten, Interessen und tat, was gerade „dran“ war.

Diese Gemeinschaft auf Zeit erinnerte mich an das paulinische Bild: Gemeinde als einen Leib, jeder ist ein Körperteil, hat seine spezifischen Funktionen, und Christus ist das Haupt. Nicht jeder Körperteil hat eine direkte Verbindung zum Haupt, und doch gehören sie zusammen.

Wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein. „Eins sein“ in Christus lässt Vielfalt zu. Wir sind aber dazu aufgefordert, uns gegenseitig in Respekt und Wertschätzung, kurz: in Liebe zu begegnen und zu „ertragen“! Unmöglich? Eher nicht. Schwierig umzusetzen? Unbedingt. Scheitern inklusive. In jedem Fall die ultimative Herausforderung, so wie der gesamte Glaubensweg eine Herausforderung ist.

Um noch einmal auf das Schiff zurückzukommen… Natürlich gibt es Offiziere, aber auch Maschinisten, Matrosen, Ausguck, Funker, Stewards, Smutjes und auch Fahrgäste. Alle gehören dazu, auch die, die noch an Land vor der Gangway stehen und überlegen, ob sie seefest sind. Der Käpt’n ist Jesus, er bringt uns ans Ziel.

 

 

„Kommet und schmecket wie freundlich der Herr ist“ -aber wer ist damit eigentlich gemeint?

Gestern Abend während der Passionsandacht wurde das Abendmahl gefeiert. Soweit, so unspektakulär. Nicht unbedingt einen Blogeintrag wert, oder?

Aber dieses Abendmahl, genauer gesagt die Ausschlusskriterien, die in unserer Gemeinde gelten, hat mich gestern in einen Konflikt gestürzt, der mich immer noch beschäftigt. Als Gläubige, der das Abendmahl wichtig ist, als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Gemeinde und: als Mutter.

In unserer Gemeinde sind Jugendliche zum Abendmahl zugelassen, die im Konfi-Unterricht das Thema Abendmahl besprochen haben (was erst recht spät dran ist). Vorher haben sie die Möglichkeit, sich segnen zu lassen. (Welche/r 12jährige möchte gern vor versammelter Gemeinde die Hand aufgelegt bekommen?)

Gestern war die Situation, dass Brot und Wein durch die Reihen gereicht und von einer Person an die nächste weitergegeben wurden mit den bekannten Worten „Christi Leib, für dich gegeben“ und „Christi Blut, für dich vergossen“. Ich bekam beides von meinem Mann gereicht, und eigentlich hätte ich es an meine 12jährige Tochter weitergereicht. Die aber, ihr ahnt es vielleicht, noch nicht zugelassen ist zum Abendmahl. Von meinem persönlichen Verständnis her, aber vor allem auch als Mutter, widerstrebte es mir total, aber ich habe über ihren Schoß hinweg Brot und Wein an ihren linken Nachbarn weitergegeben. Gegen meine Überzeugung habe ich die Gepflogenheiten unserer Gemeinde befolgt – und es fühlte sich falsch an!

Unsere Tochter hat mit sieben(!) Jahren zum ersten Mal und ganz selbstverständlich, in einer kleinen Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern am Karfreitag das Abendmahl genommen, durchaus mit dem nötigen Ernst und Verständnis. In ihrer Heimatgemeinde hingegen fühlt sie sich von dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Da muss sie erst, abgesehen von ihrer Taufe, Bedingungen erfüllen. Ich habe mir schon einiges an Begründungen anhören müssen in den letzten Jahren, warum es so ist. Begonnen von „Kinder verstehen das noch nicht“ (Ähm. Wie viele Erwachsene gibt es wohl, die das Abendmahl nehmen, weil es halt dazugehört?) bis hin zu „In der Bibel sind auch keine Kinder dabei“ (Frauen auch nicht. Jedenfalls nicht bei dem letzten Abendmahl, auf das wir uns berufen.)

Jesus selbst erwähnt die Kinder als „Hauptpersonen“ nur an einer Stelle ganz explizit, aber dort sagt er: „Lasst die Kinder zu mir kommen! Wehrt ihnen nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird dort nicht hineinkommen.“   (Der folgende Satz „Und er nahm sie in seine Arme, legte die Hände auf sie und segnete sie“ ist dann das Argument für die Kindersegnung. Aber in dem ganzen Abschnitt ist nicht vom Essen die Rede, es sind also zwei ganz unterschiedliche Sachen, die da miteinander in Beziehung gebracht werden. Nachzulesen ist das bei Markus im 10. Kapitel)

Wissen wir, was zwischen einem Kind und Gott passiert, wenn das Kind das Abendmahl nimmt? Wissen wir, was überhaupt zwischen einem anderen Menschen und Gott passiert? Passiert bei uns selbst jedes Mal das Gleiche? Haben wir nicht auch von Ma(h)l zu Mal eine andere Empfindung, je nachdem, aus welcher Alltagssituation wir zum Tisch des Herrn kommen?

Und trauen wir unserem Gott da nicht herzlich wenig zu, wenn wir anscheinend viel besser beurteilen können, wer eingeladen ist und wer nicht?

Gestern Abend hat sich für mich falsch angefühlt. Ich habe mein Kind bewusst von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Und ich weiß, das wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen. Ratlos, traurig, unzulänglich.

„Die“ Kirche und „die“ Politik

  • Tempo 130
  • Bienensterben
  • Pränataldiagnostik
  • Migration

Soll / muss / darf sich Kirche in die Tagespolitik einmischen? Oft hören wir „die sollen sich um ihre Schäfchen kümmern. Anständig Seelsorge betreiben (…und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen…). Aber aus der Politik sollen sie sich gefälligst heraushalten!“ Oder man wird gleich als „links-grün-versifft“ abgestempelt.

Ist das denn tatsächlich so? Was ist Auftrag der Kirche? Okay, sicher nicht, den Menschen von der Kanzel zu predigen, wen sie wählen sollen. Das ist genauso persönlich wie die Wahl, zu welcher Konfession man sich bekennt.

Das meine ich auch nicht.

Wir sollen Menschen vom Evangelium erzählen, sie für ein Leben mit Jesus begeistern, ja. Unbedingt.

Aber: Wenn wir die Aussagen der Bibel ernst nehmen, dann steht da nicht nur „Macht euch die Erde untertan“ (ich ergänze mal frei: auch um den Preis einer kaputten Umwelt, der Zerstörung jahrtausendealter Lebensräume, der Ausrottung von ganzen Lebensformen). Da steht auch der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. („Und Gott, der HERR, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten, ihn zu bebauen und zu bewahren.“ Gen 2,15).

Da steht nicht nur „Du sollst Gott lieben“, es geht ohne Abstriche weiter mit „und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn ich davon ausgehe, mich selbst zu lieben bedeutet: Daseinsfürsorge, ein auskömmliches Leben anstreben, eine friedliche Lebensumgebung, gelingende Beziehungen… dann bin ich aufgefordert, alles dieses auch meinen Mitmenschen zu gönnen. Egal woher sie kommen, wo sie leben, was sie glauben oder wen sie lieben. Oder ob sie ein Gen dreimal haben. Wie auch immer. Selbst dann, wenn mir selbst gerade das Eine oder Andere fehlt, das mein Leben gelingen lässt.

Jesus selbst war da ganz radikal – und politisch! „Liebe deine Feinde, segne, die dich fluchen.“ (Ganz bewusst von mir benutzt in der 2. Person Einzahl, denn es ist eine persönliche Aufforderung an jeden Einzelnen von uns!) Alles andere ist einfach. Das bekommt sogar ein aktueller amerikanischer Präsident hin, denke ich.

Aber Liebe – mit anderen Worten Respekt, sogar Verständnis vielleicht – für diejenigen aufbringen, die beispielsweise ganz außen am Rand des politischen Spektrums stehen, egal auf welcher Seite? Das ist schon eine Riesenherausforderung, natürlich. Und dabei versagen wir auch alle regelmäßig. Das finde ich auch menschlich. Trotzdem möchte ich deswegen nicht, dass wir uns zumindest von dem Versuch verabschieden, nach dem Motto: „Hab ich versucht, hat nicht geklappt, hat sowieso keinen Zweck, lasse ich lieber sein.“

Wenn dir jemand sagt: „Hey, glaub an Jesus, bekehre dich und werde Christ, dann wird dein Leben einfach, du weißt immer, was du tun musst, du wirst gesund und wohlhabend, du wirst keine Zweifel mehr haben“, dann macht diese Person es sich zu einfach und dir höchstwahrscheinlich ein leeres Versprechen.

Aber du hast dann immer den Einen an der Seite, an den du abgeben kannst, du wirst deine (auch die falschen) Entscheidungen nicht allein treffen und nicht allein vor dir verantworten müssen. Du beginnst, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und du hast auch eine zuverlässige Adresse, wenn du etwas zu beklagen hast. Du bist nicht allein.

Und du wirst politisch. Du beziehst Stellung.

Wikipedia: „Politik bezeichnet die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen.“