Auf Krawall gebürstet …

… war ich letzte Woche. Und weil ich niemanden damit verletzen wollte, dass ich mit mir im Unreinen war, habe ich mich ziemlich zurückgezogen. Ein Gefühl wie auf dem Bild oben.

Ostern war für mich persönlich schwierig. Nicht in erster Linie wegen der ausgefallenen Gottesdienste, sondern weil mir plötzlich bewusst wurde, dass ich mich vor einigen Jahren als (Schwieger-)Tochter nicht so wirklich mit Ruhm bekleckert hatte, obwohl ich die beiden Mütter doch vermeintlich schützen und bewahren wollte. Klar waren das andere Situationen, aber die Auswirkung auf die beiden war doch ähnlich. Siehe den letzten Post …

Auch nach Ostern blieb diese merkwürdige Stimmung bei mir vorherrschend, und ich fürchte, in der gesamten Woche war ich zwischenmenschlich nicht in Bestform. Einher ging das Ganze damit, dass mir alle Trostangebote, die die diversen Kirchenvertreter in den Medien zum besten gaben, unzulänglich vorkamen. Ich wollte gerade keinen Trost. Ich hätte viel eher die Auseinandersetzung gesucht. Ich war es satt, Erklärungsversuche und Beschwichtigungen zu den bohrenden „Warum“-Fragen zu hören.

Ich konnte den Hinweis auf Psalm 91 nicht mehr hören. Im Gottesdienst wird aus dem Gesangbuch die „entschärfte“ Version gebetet, ohne die Verse 7 und 8. Diese Verse lauten „Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird.“ Nehme ich den Psalm wörtlich, so muss ich auch diese beiden Verse mitbeten, aber das kann ich nicht. Ich kann und will in dieser Situation nicht andeuten, dass die Verstorbenen „Frevler“, Ungläubige waren. Wer bin ich, darüber zu richten???

Dieser Cartoon trifft eher, was ich vermute: Gott wirkt seine „Wunder“ der Bewahrung oft nicht mit Pauken und Trompeten, sondern, indem er uns Ärzte schickt, die Einschätzungen abgeben. Politiker, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die bereit sind, sich selbst zurückzunehmen für das Wohl aller.

Aber es ging noch weiter: Ich konnte unser Kinderfreizeitteam nicht motivieren, sich weiter so vorzubereiten, als würde tatsächlich im Sommer eine Freizeit stattfinden. Denn ich weiß es einfach nicht. Wer meldet denn in der jetzigen Situation sein Kind zu einer Freizeit an? Dürfen wir das im Sommer schon wieder? Macht das Sinn, wenn Ausflugsziele vielleicht nur kleine Gruppen einlassen dürfen, wenn Distanz weiter das Gebot sein wird?

Ich konnte oder wollte nicht darüber nachdenken, eventuell einen nächsten Jugendgottesdienst digital anzubieten. Es kotzte mich an, dass unser DIY-Baukasten-FAQ als gelungenes Beispiel für digitale Jugendarbeit gelobt wurde. Und ich weiß, dass dieses nun wirklich der Gipfel der Ungerechtigkeit war, die ich versprühte. Ich weiß, dass die Gemeindeleitung sich aufrichtig freut, dass dieser Gottesdienst gut angenommen wurde. Es fühlt sich auch nicht gut an, diese Erkenntnis in mir selbst.

Ich habe mich in der Woche bewusst von den sozialen Medien ferngehalten. Ab und zu beim Checken der Mails habe ich den einen oder anderen Blog kurz angeklickt, aber im Großen und Ganzen habe ich das Internet nur benutzt, um mir darüber klar zu werden, wie sehr ich denn nun „Risikogruppe“ bin (das Asthma ist zwar, Gott sei dank, seit Dezember wieder gut medikamentös eingestellt, aber es bleibt die Immunsuppression für die Arthritis und der Herz-Kreislauf-Bereich, also doch nicht so ganz Entwarnung) und herauszufinden, welche Nähmaschine ich wirklich gebrauchen kann, ohne zu viel Schnickschnack aber mit viel Komfort.

Während der restlichen Zeit habe ich es bedauert, dass der gesamtfamiliäre Segeltörn zu Ehren des Geburtstages meines Mannes nicht stattfinden konnte (das tat mir vor allem für ihn leid, denn er hatte sich sehr darauf gefreut), mich stattdessen um Küche und in bescheidenem Ausmaß um den Garten gekümmert. Alles Tätigkeiten, bei denen ich ungestört Podcasts hören konnte. Also habe ich begonnen, die „alten“ Folgen von „Hossa Talk“ zu hören. Was in der Woche nichts und niemand vermochte (nicht, dass ich es versucht hätte🙈), Jay und Gofi haben mir geholfen. Die Folgen

https://hossa-talk.de/hossa-talk-5-ex-evangelisten-unter-sich-mit-t-hebel/

und

https://hossa-talk.de/hossa-talk-12-keine-angst-vor-glaubenszweifeln/

habe ich mir gleich zweimal angehört. Und was soll ich sagen, ich empfand sie als hilfreich, für mich eine Einordnung von vielem vorzunehmen, was mich in der Woche bewegt hatte.

So hatte ich gestern am Vormittag Lust, in die Kirche zu gehen, die laut Ankündigung für ein ruhiges Gebet offen sein sollte. Edgar ging mit. Es waren alle hygienischen Maßnahmen getroffen, aber wir waren überrascht und auch überrumpelt, dass dort zwei Handvoll Leute saßen und sangen. Das war eindeutig nicht, was ich erwartet und erhofft hatte. Obwohl die Distanzwahrung auf eine wunderschön dekorierte Art gewährleistet war und es durchaus einladend aussah. Erwartet hatte ich eher die Art von Ruhe und Kontemplation, die ich empfinde, wenn ich eine „Offene Kirche“ betrete, in der sich vielleicht niemand oder auch ein bis zwei Leute befinden, die ebenfalls in Ruhe in einer Kirchenbank das Gespräch mit Gott suchen. Die still eine Kerze anzünden und dann wieder ihrer Wege gehen. Aber ich bin zwiegespalten, natürlich habe ich nicht das Recht, vorzuschreiben, auf welche Weise eine Kirche geöffnet sein sollte. Ich muss auf der anderen Seite aber auch eingestehen, dass ich mir augenblicklich überhaupt nicht sicher bin, wie viel Gemeinschaft ich mir, Edgar und im Endeffekt (nämlich im Erkrankungsfall) unseren Töchtern zumuten kann. Denn wir sind beide Risikogruppen (ich erwähnte bereits, dass ich das Wort zum Unwort erklären werde) und zumindest Kathrin ist noch ein paar Jahre auf uns angewiesen. Außerdem leben wir viel zu gern, um das leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Die Ewigkeit sollte schon noch ein paar Jahre Geduld mit uns haben.

So. Genug gejammert. Das einzig gute an solchen Seelentiefs ist, dass zumindest bei mir danach immer wieder ein Wetterwechsel stattfindet. Und so teile ich meine Zeit langsam wieder produktiv auf zwischen Computer (Heute dürfen die Buchhandlungen wieder öffnen, das wird eine Zunahme an Anrufen bedeuten), Nähmaschine und Garten auf. Ich lege mich mit Giersch, Gundermann und Brennnesseln an (dort, wo ich sie jetzt bekämpfe, taugen sie nicht zum Aufessen, weil Kalle manchmal die Aufgabe des Sprinklers übernimmt … ) und das einzige, worüber ich mich dabei ärgere, ist der harte, trockene Boden und die fehlende Kraft in den Beinen.

Und ich erwarte ungeduldig die Ankunft meiner neuen Nähmaschine.

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