Los geht’s!

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Ich beginne mal ganz sachte, mit ein paar Statements aus dem Vorwort und dem ersten Kapitel des Buches. Achtet bitte trotzdem darauf, dass ihr gut und fest irgendwo sitzt, denn auch dieser Einstieg hat es in sich!

„Was hinterlassen wir, die Kinder von Wirtschaftswunder, Wachstumsglaube, Freiheit und Frieden, den nächsten Generationen? Wie viele Ressourcen darf jeder von uns verbrauchen? Stimmt es, dass wir in den letzten fünfzig Jahren so viele fossile Brennstoffe in die Luft gejagt haben wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, dass so viele Arten ausgerottet wurden wie seit den Dinosauriern nicht mehr und wir vor einem Kollaps unserer Zivilisation stehen, den wir uns selber eingebrockt haben? Und wenn das so ist: Warum regt das nur so wenige wirklich auf? Haben wir das Thema gezielt ausgeblendet oder falsch kommuniziert?“ (S. 16)

Regt es tatsächlich nur wenige auf oder haben wir resigniert? Aus dem Gefühl heraus, dass wir selbst doch viel zu klein und unbedeutend sind, um einen Unterschied zu machen? Hat es vielleicht auch, gerade in Deutschland, mit unserer Neigung, wenn wir etwas anpacken, dann aber bitte perfekt – und im Gegensatz dazu der Erkenntnis, dass wir „perfekt“ einfach nicht hinbekommen, zu tun? Das sind Fragen, die mir dazu durch den Kopf gehen.

„Ständig stieß ich auf Probleme, von deren Existenz ich vorher noch nicht einmal wusste, geschweige denn, wie sehr wir gerade auf dem Holzweg sind. Da konnte auch einem Berufskomiker das Lachen vergehen. Aber vielleicht fehlte ja auch gerade der Humor, der Perspektivwechsel, das Um-die-Ecke-Denken, um zu verstehen, wie tief wir in der Tinte sitzen?“ (S. 18)

Hm. Mit Humor geht alles besser. Auch wenn es manchmal Galgenhumor ist. Humor befreit, hoffentlich auch das Denken. Auf jeden Fall kann es helfen, auch bei so schwerer Kost mal herzhaft zu lachen. Danke dafür.

Im ersten Kapitel schreibt Eckart von Hirschhausen von einigen Begegnungen mit Menschen, die sich schon sehr lange mit verschiedenen Facetten von Natur, Naturschutz und deren Problemen auseinandersetzten. Zum Beispiel hat er sich mit Jane Goodall unterhalten, der berühmten Schimpansenforscherin, die im hohen Alter immer noch all ihre Energie aufbringt, um für das zu kämpfen, was sie als wichtig und richtig erkannt hat. Sie stellt die Frage: „Wie kann es sein, dass die intellektuellste Kreatur, die jemals auf diesem Planeten gewandelt ist, dabei ist, ihr eigenes Zuhause zu zerstören?“ (S. 30) Außerdem finde ich in ihren Aussagen wenigstens eine mögliche Antwort auf meine Fragen von oben: „Vielleicht erscheint es als ein kaum spürbarer Unterschied bei jedem Einzelnen, aber es ist ein großer, wenn eine Milliarde Menschen ethisch bessere Entscheidungen treffen.“ (S. 32)

Zoologie ist vielleicht nicht so deine Wissenschaft? Bitte, auch ein Physiker gibt Anregungen. Im Gespräch mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der zum Beispiel Präsident des Wuppertal Instituts war und auch dem Club of Rome verbunden ist. Sein Ansatz ist entsprechend ganzheitlich physikalisch und da zitiert er Herman Daly (langjähriger führender Ökonom bei der Weltbank) : „Alle Religionen und auch ökonomischen Leitgedanken sind in einer leeren Welt entstanden. Die Menschen lebten verstreut, die Ozeane und die Urwälder blieben stets intakt. Der Anspruch >Macht euch die Erde untertan< war gar nicht anstößig, denn die Natur war unermesslich groß und die Menschheit sehr klein. […]“ (S. 35) Das Zitat geht noch weiter und bietet einen spannenden Einblick, aber ich will ja hier nicht nur spoilern…

Einen hab ich noch, denn dieser Gedanke, den Hirschhausen aufwirft, ist uns in den letzten Monaten und insbesondere Wochen schmerzlich bewusst geworden und er ist immens wichtig, damit wir den Hintern hoch bekommen und zu handeln beginnen:

Wenn wir von>globalen Entwicklungen< sprechen, meinen wir immer: irgendwo anders, Hauptsache nicht hier bei uns. Es ist ein großer Sprung für uns, aus unserem Wohnzimmer, über unserern Stamm, unsere >hood<, unser >Veedel<, unseren >Kiez< hinauszudenken. Global ist nicht irgendwo, sondern überall und damit eben auch hier. (S. 43)

So, einige Denkanreize aus dem Beginn des Buches habe ich euch für heute „aufgegeben“. Ich bin inzwischen schon einige Seiten weiter, es geht ans Eingemachte, aber: mit einer guten Prise Humor und vor allem sehr anschaulichen Beispielen, die schwierige Zusammenhänge begreifbar machen.

Ich erspare mir die bibliographischen Angaben an dieser Stelle, schaut einfach hier nach.

Lesetagebuch 2.0

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Sommer adé? Nicht unbedingt, aber nach so viel leichter Lektüre (und dem ersten persönlichen Autorinnenfeedback zu einer Besprechung, ich war ganz geflasht…) muss ich doch mal wieder dem Ernst der Situation auf den Zahn fühlen.

Gestern wurde der aktuelle Bericht des IPCC veröffentlicht, heute ist die Presse – gedruckt, online und via Podcasts – voll davon. Unsere Tageszeitung hat die Weseranrainer-Kommunen befragt, wie deren Pläne für Hochwasser oder Starkregen-Szenarien so aussehen, die Ergebnisse lassen teilweise ratlos zurück. Frust macht sich breit. Innerhalb der Familie, des Bekanntenkreises, gesellschaftlich.

Während die Einen einen Zickzackkurs schlingern, vor drei Wochen nicht wegen eines Wetterereignisses die Politik ändern wollten und heute früh bei Insta schon wieder den starken Klimaschützer heraushängen lassen, werden die nächsten nicht müde, zu betonen, dass das alles aber nur mit Technologie zu machen sei, nicht mit Verhaltensänderung. Eine weitere Fraktion steckt den Kopf in den Sand: Siehst du mich nicht, seh‘ ich dich auch nicht. Und Schuld sind wir Menschen sowieso nicht.

In der Zeit tingelt eine nimmermüde Truppe durch Deutschland und versucht, die Menschen aufzurütteln, dass eben doch noch etwas machbar ist, wenn wir uns alle etwas am Riemen reißen und die ehemals große alte Tante der Parteienlandschaft ist immer noch merkwürdig ausgeblichen unterwegs. Von den Dunkelroten höre ich ziemlich wenig.

Die Splitterparteienlandschaft scheint noch in irgendeinem Koma zu liegen, oder sie sind auf anderen Kanälen aktiv als ich. Wo auch immer. Vielleicht sollte ich „Die Grauen Panther“ oder wie sie jetzt heißen, die ÖDP, die Tierschutzpartei und all die anderen mal auf TikTok suchen😅?

Weil mir das alles mächtig auf den Keks geht, mache ich also wieder ein Lesetagebuch auf. Es ist mir (fast) egal, welcher Partei ihr vertraut, aber ich möchte euch teilhaben lassen an den Inhalten des Buches, denn eines geht 2021 überhaupt nicht mehr: Sich keinen Kopf machen über das, was mit uns passiert. Richtig, mit UNS, denn die Erde kommt auch ohne uns Menschen aus. Nur umgekehrt wird das nix. Und die meisten von uns werden noch leben, wenn die Kipppunkte erreicht sind. Es ist übrigens auch vollkommen Wumpe, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht. Das ändert nicht das Geringste an den Auswirkungen.

Wenn ich an die dystopischen Filme der 1980er und 90er Jahre denke, wie „Mad Max“ 1-3, „Waterworld“ oder „The day after tomorrow“, dann merke ich, dass diese Dystopien nicht so weit hergeholt waren wie man vermutet.

Also, ich lade euch ein, mit mir das Buch „Mensch, Erde“ zu entdecken, und ich lade euch ein, es euch auch selbst zu kaufen. Nicht nur, weil ich Buchhändlerin bin und etwas verkaufen möchte. Sondern auch, weil wir die komplexen Gedankengänge nicht allein entwirrt bekommen. (Ich habe mir das Buch auch gekauft, es gab kein Leseexemplar davon…)

Bibliographische Angaben:

Dr. Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben, dtv, ISBN 978-3-423-28276-5, € 24,- (auch als Hörbuch erhältlich)

Nochmal Klimawandel…

Ich muss euch das einfach noch einmal zumuten. Inzwischen bin ich beim Kapitel über die Landwirtschaft angekommen, das heißt, die Stromversorgung, den Tourismus und die Sicherheit habe ich noch nicht einmal erreicht. Aber gerade bei den Themen Verkehr und Wirtschaft wurde es mir so richtig mulmig. Denn das sind die klassischen Themen, an die wir Deutschen (und wahrscheinlich sind wir damit nicht allein) nicht so wirklich ran wollen. Und vor allem ein großer Teil der Politik wehrt sich hier gegen regulierende Eingriffe. Könnte ja Wählerstimmen oder Arbeitsplätze kosten. Nur nicht zu viel auf einmal zumuten…

Nun, das Gegenteil wird dann zwangsläufig eintreten und uns noch mehr zumuten. Und dabei ist es auch vollkommen wurscht, ob jemand „daran glaubt“, dass der Klimawandel menschengemacht ist oder ob das alles natürlich ist. Das ist dem Klimawandel aber auch sowas von egal, er steht nämlich nicht vor der Tür und klopft höflich an, er hat sich bereits ungebeten ins Wohnzimmer gedrängelt und wird bleiben. Schlimmer als die schlimmste Schwiegermutter! (Sorry an alle Schwiegermütter)

Reagieren müssen wir also, so oder so. Entweder wir lassen alles weiterlaufen, weil wir zu viel Angst vor Veränderung haben. Dann hat sich die Zivilisation, wie wir sie heute noch kennen, in spätestens einem halben Jahrhundert erledigt. Es wird gekämpft, um immer knapper werdenden Lebensraum, weniger Lebensmittel und sauberes Wasser zu immer höheren Preisen, weniger Ressourcen für Bau, Handel und alles andere Lebensnotwendige. Es wird Massenfluchten geben und bürgerkriegsartige Zustände. Ausbaden werden es vor allem diejenigen, die auch jetzt schon wenig haben, während sich bis dahin Milliardäre vielleicht schon endgültig in den Weltraum absetzen können. Vielleicht werden wir auch die modernen Dinosaurier und rotten uns einfach aus.

Oder wir erkennen an, was seit Jahren bekannt ist, dass sich vieles ändern muss, dass große Industrieanlagen an Flüssen vielleicht nicht mehr die beste Idee sind, weil das Risiko, entweder zu wenig Wasser (keine Kühlung, aufgeheiztes Flusswasser, Schiffsverkehr unmöglich, Fischsterben) oder aber viel zu viel Wasser (Überflutung von kritischer Infrastruktur oder Chemikalientanks, beides unkalkulierbare Risiken und verseuchen zudem das Grund-/Trinkwasser!) unberechenbar wird. Wer bedenkt im Alltag, dass viele Arbeiten (Bau, Straßenbau…) in heißen Sommern nicht mehr möglich sein werden? Wer bedenkt, dass sich mit dem veränderten Wetter und Klima die Palette der landwirtschaftlichen Produkte verringern und verändern wird? Wer denkt darüber nach, dass auch unsere Transportwege angreifbar sind? Diese ganzen Facetten müssen immer und überall mit bedacht werden, ob bei Stadtplanungen, Infrastrukturprojekten, ökonomischen Prognosen, Umbau der Landwirtschaft oder der Entwicklung des Arbeitsmarktes. Diese Bereiche können nicht unabhängig voneinander oder nach Partikularinteressen sortiert betrachtet werden, sie sind Puzzleteile des Großen und Ganzen.

Deshalb an dieser Stelle nochmal eine deutliche Leseempfehlung für das Buch aus dem vorherigen Beitrag.

Deutschland 2050

Achtung, wer gerade zu sehr betroffen ist von der Lage in NRW, RLP, Sachsen und Oberbayern oder auch in den Nachbarländern, sollte die Lektüre dieses Beitrages verschieben.

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Es ist schwierig. Denn am Freitag, den 16. Juli, am zweiten Tag, nachdem große Bereiche in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und auch eine Region in Sachsen mit Flut und Zerstörung zu kämpfen haben lese ich gerade das Kapitel 4 mit der Überschrift „Wasser: Viel zu nass und viel zu trocken“. Das Buch ist Anfang Mai erschienen, inzwischen ist die dritte Auflage im Verkauf, und ich schätze mal, die Autoren (obwohl sie sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigen) hätten sich nicht unbedingt träumen lassen, dass zwei Monate nach Erscheinen das vierte Kapitel um einige neue Einträge erweitert werden könnte. Leseprobe gefällig?

Starkregen können beschauliche Bäche in reißende Ströme verwandeln – und ganze Ortschaften verwüsten Braunsbach und Simbach wissen, was das heißt. Beide Kommunen liegen in engen Tälern, und nach heftigen Starkregen verwandelten die sich in reißende Flussbetten. Das baden-württembergische Braunsbach, die »Perle im Kochertal«, wurde im Mai 2016 von einer Sturzflut verwüstet; Simbach am Inn in Niederbayern Anfang Juni 2016 von einem sogenannten tausendjährigen Hochwasser, im Fachjargon »HQ 1000«. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet. Simbach glich danach einem Trümmerfeld, in Braunsbach türmte das Wasser meterhohe Geröllberge mitten in den Ort: Auf 70 Millionen Euro bezifferten die Versicherungen allein die materiellen Schäden in den beiden kleinen Orten, fünf Menschen starben. »HQ 1000« bedeutet, dass ein solches Ereignis statistisch einmal in tausend Jahren vorkommt – in menschlichen Zeithorizonten gedacht, also praktisch nie. »Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem Phänomen in einer neuen Ausprägung zu tun haben«, sagt Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im bayerischen Umweltministerium und Professor an der Technischen Universität München.[88] Oder anders formuliert: So sieht der Klimawandel aus. Längst sind schwere Sturzfluten keine Seltenheiten mehr. Ständig gibt der Deutsche Wetterdienst Unwetterwarnung heraus, auf den Warnkarten und Wetterapps sind dann tiefrote bis violette Flächen zu sehen. 2017 traf es Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, Dudeldorf zum Beispiel, Kyllburg oder Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. […] Meteorologen haben für solche Phänomene einen festen Namen etabliert. Sie nennen die Großwetterlage »Tief Mitteleuropa« – ein in der Regel sehr stationäres Tiefdruckgebiet, also eines, das sich kaum bewegt. »Die Wetterlage ist häufig mit sehr starken Niederschlägen verbunden«, erklärt Thomas Deutschländer, Hydrometeorologe beim Deutschen Wetterdienst: ein ortsfestes Tief, »das feucht-warme Luftmassen aus dem Mittelmeerbereich nach Mitteleuropa führt«. Hier treffen diese Luftmassen dann auf kältere Strömungen aus dem Norden. »Und das führt dann eben dazu, dass es zu diesen heftigen Starkniederschlägen kommt.“ (S. 125/126 meiner eBook-Ausgabe)

Nach der Querbeet-Lektüre des Buches kommt bei mir an: Wir denken oftmals viel zu eindimensional. Jeder von uns hat ein „Herzensthema“, ob es nun das Reisen ist, das Wirtschaftswachstum, die Energieversorgung, der Beruf als Landwirt, das Leben in der Großstadt… Alles richtig, alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Aber vor allem muss bedacht werden, dass alle diese Facetten und noch mehr gemeinsam zu einem großen Ganzen gehören und überhaupt nicht auseinanderdividiert werden können.

(Das sind übrigens die Punkte, die ich den sogenannten „wirtschaftsliberalen“ Parteien ankreide: Der Fokus wird zu einseitig gesetzt. Der klimagerechte Umbau der Wirtschaft wird zu häufig als Nachteil angesehen und viel zu selten als Chance. Und ich kann es auch nicht mehr hören, dass immer der „Wettbewerbsnachteil“ beim ambitionierten Klimaschutz betont wird. In vielen Bereichen haben andere Länder einfach mal darauf gewartet, dass eines den Anfang macht und haben dann nachgezogen.)

Da unser Boot an der Ostsee liegt und wir alle das Meer lieben, habe ich die letzten Monate immer mal wieder das Gedankenspiel „Was, wenn wir an die See zögen?“ durchgespielt. Aber mal ehrlich, im Augenblick fühle ich mich hier in OWL ganz gut aufgehoben. Wir brauchen keine aufwendigen Küstenschutzmaßnahmen, es ist auf unserer Seite des Gebirgszuges recht wenig hügelig, wird auch nicht so sehr von Bächen durchzogen, die zu reißenden Strömen werden können und die Weser ist auch hoffentlich weit genug weg. Ab und zu drückt bei Regen von außen und unten Wasser in den Keller, aber das tut es schon seit 202 Jahren, weil der Keller aus gestapelten groben Sandsteinen besteht und nicht abgedichtet ist. Das Haus steht immer noch, und das ganz ordentlich. Trotzdem weiß ich (auf einer eher abstrakten Ebene), dass auch bei uns ein solch sintflutartiger Regen üble Folgen hätte…

Edit: Am Freitag hatte ich Skrupel, den Beitrag zu veröffentlichen, habe ihn deswegen erst als Entwurf gespeichert. Inzwischen ist Sonntag und der Regen hat in weiteren Regionen Deutschlands und in angrenzenden Ländern zugeschlagen. Soeben habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen, jetzt den Post hochzuladen. Es wird nicht besser, eher im Gegenteil.

Wer von uns nicht akut betroffen ist, mag zwar aufatmen, aber sollte sich bewusst sein, dass unsere Komfortzonen enger werden. Ich möchte niemandem vorschreiben, wen er oder sie im September zu wählen hat, macht das mit eurem Gewissen aus. Aber informiert euch, unter anderem mit der Lektüre von Wissenschaftsjournalismus, was Stand der Dinge ist. Es kann eigentlich schon seit vielen Jahren niemand mehr sagen „Aber das habe ich nicht gewusst“ und trotzdem zögern wir immer wieder, wenn es um konkretes Handeln geht.

Bibliographische Angaben:
Nick Reimer / Toralf Staud, Deutschland 2050, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00068-9, € 18,-

„Nur noch kurz die Welt retten…“

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Das Lied von Tim Bendzko geht mir fast zwangsläufig durch den Kopf, wenn ich den Buchtitel lese. Natürlich ist es ein sehr provokanter Titel, denn eigentlich wissen wir alle sehr gut, dass wir nicht die Welt, sondern unsere Lebensgrundlagen für menschliches Leben retten müssen. Die Natur kann auch ohne den Menschen, aber der Mensch nicht ohne die Natur.

An alle, die Frank Schätzing vor allem als Thriller-Autor kennen: seine Thriller beschäftigen sich ebenfalls bevorzugt mit Ökothemen, aber auch Sachbücher zum Thema bringt er immer mal wieder gut recherchiert. Man merkt, dass ihm der Themenkomplex am Herzen liegt. Er holt denn auch entsprechend weit aus, denn: Die Warnungen weiter Teile der Wissenschaft sind beileibe nicht neu. Aber lest selbst:

„Springen wir zurück ins Jahr 1965 zur Hauptversammlung des API (American Petroleum Institute), des größten Lobbyverbandes der US-amerikanischen Öl- und Gasindustrie, und lauschen einer Rede des damaligen Direktors Frank N. Ikard. Schon Anfang der Fünfziger hatten API-Forscher entdeckt, dass die Verbrennung fossiler Energieträger das atmosphärische CO2 in die Höhe treibt. Aus ihrem Bericht ging hervor, dass der daraus resultierende Treibhauseffekt die Erde erwärmen würde, mit negativen bis katastrophalen Folgen. Explizit wurde vor dem Anstieg des Meeresspiegels gewarnt. Wenige Tage nachdem Wissenschaftler das Weiße Haus über die Gefahren eines raschen und irreversiblen Klimawandels in Kenntnis gesetzt hatten, erklärte Ikard seinen wie betäubten Zuhörern: »Dieser Bericht wird ohne Frage Emotionen schüren, Ängste wecken und Forderungen nach Taten laut werden lassen. Seine Kernaussage ist, dass noch Zeit bleibt, um die Völker der Welt vor den katastrophalen Folgen der Verschmutzung zu bewahren, aber die Zeit läuft ab. Eine der wichtigsten Vorhersagen des Berichts ist, dass der Erdatmosphäre durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas Kohlendioxid in solcher Menge und Geschwindigkeit zugeführt wird, dass durch die Veränderung der Wärmebilanz bis zum Jahr 2000 möglicherweise deutliche Klimaänderungen eintreten, die uns lokal und national überfordern. Im Bericht heißt es weiter, und ich zitiere: ›… die Verschmutzung durch Verbrennungsmotoren ist so gravierend und wächst so schnell, dass ein alternatives umweltfreundliches Antriebsmittel für Autos, Busse und Lastwagen wahrscheinlich zur nationalen Notwendigkeit wird.‹ «Auf diese alarmierende Ansage erfolgte –Nichts. Zur API-Forschungsgruppe gehörten damals Wissenschaftler fast aller großen Ölunternehmen, darunter Exxon, Texaco und Shell. In den Siebzigern erstellte Exxon eine eigene Studie, deren Prognosen noch angsteinflößender ausfielen. Statt die Welt darüber zu informieren, blockierte der Konzern die Veröffentlichung und begann mit einer gezielten Desinformationskampagne. Über Jahrzehnte zog er die Seriosität der Klimawissenschaft in Zweifel, attackierte und diffamierte die Mahner, mit Rückendeckung der Bush-Cheney-Administration. King of Chaos war Lee Raymond, CEO von Exxon und später ExxonMobil, der über Klimamodelle spottete, Wissenschaftler dafür bezahlte, Gegengutachten zu schreiben, globale Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen fossiler Brennstoffe hintertrieb, während er zugleich damit begann, Exxon-Infrastrukturprojekte vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, von dem er wusste, dass er kommen würde. Später ließ ExxonMobil verlauten, Raymonds Aussagen seien missverstanden worden. In einer Rede, die Raymond 1997 auf dem Weltölkongress in Peking kurz vor den Klimaverhandlungen in Kyoto hielt, äußerte er sich jedoch recht unmissverständlich: »Erstens erwärmt sich die Welt nicht. Zweitens wären Öl und Gas selbst dann nicht die Ursache. Drittens kann niemand den wahrscheinlichen zukünftigen Temperaturanstieg vorhersagen.« Vielmehr, erklärte er den anwesenden Staats- und Regierungschefs, sei die Erde in den letzten Jahren kühler geworden. Doch selbst wenn die Wissenschaft mit dem Treibhauseffekt recht hätte: »– ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Temperatur zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erheblich beeinflusst wird.« Kurz, die Ölbranche betrieb schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts hochmoderne Analytik, stufte die Ergebnisse als geschäftsschädigend ein und setzte eine weltweite Fake-News-Kampagne in Gang, um die Klimaforschung in Verruf zu bringen. Donald Trump hätte seine Freude gehabt. Dick Cheney hatte sie definitiv. Die Saat der Skepsis wurde von den Ölmultis und den ihnen verbundenen Politikern gelegt.“ (S. 34/35 in meiner ebook-Ausgabe, unter der Überschrift „Die Verteufelung der Klimaforschung“)

Da bleibt einem doch die Luft weg. Ein paar Kapitel später beschreibt Schätzing, warum Menschen häufig der Verlockung unterliegen, sich gegenteilig zu dem zu verhalten, was eigentlich angesagt ist. Und zwar mit Elementen aus der Spieltheorie. Ich kann und will das hier nicht hineinkopieren, denn ich möchte wirklich, dass ihr euch dieses Buch beschafft und lest. Egal ob ihr es kauft (und nach dem Lesen weitergebt an jemanden, von dem ihr auch wünscht, dass er oder sie das Buch liest) oder ob ihr es ausleiht. Auch egal, ob ihr mit allem übereinstimmt, was er schreibt (ich persönlich ziehe auch nicht aus allem dieselben Schlüsse, aber darum geht es auch gar nicht), lest es, überdenkt es, handelt mit dem, was ihr könnt. Nicht jeder von uns muss perfekt sein im nachhaltigen Handeln, aber jeder muss endlich im Rahmen seiner Möglichkeiten dringend die Komfortzone verlassen. Was wollen wir denn für unsere Kinder und Enkel hinterlassen? Ganz konkret:

Was wünschst du dir für deine Tochter, deinen Sohn? Wie möchtest du deinen Lebensabend verbringen, was sollen deine Enkelkinder von ihrer Zeit mit Oma und Opa in Erinnerung behalten? Wie soll die Welt aussehen, in der sie später leben werden?

Frank Schätzing legt nicht nur Finger in Wunden und prokelt genussvoll darin herum. Er hat sich auch (und nicht als erster, denn die Mechanismen gibt es ja bereits, sie werden nur zu wenig konsequent angewendet) mit konkreten Handlungsvorschlägen beschäftigt, und damit mutet er jedem einzelnen von uns natürlich auch etwas zu (im Gegensatz zu manchen Politikertypen, die den Anspruch erheben, Deutschland regieren zu wollen), denn Veränderung ist ja nun mal in erster Linie etwas, das vielen Menschen Angst macht. Weil wir zu bequem, zu satt geworden sind.

Mir gefällt an dem Buch sehr gut (das war schon bei einigen anderen Sachbüchern so, die ich hier besprochen habe), dass Schätzing konkrete Situationen als Ausgangspunkte für seine Fallbeispiele nimmt. Situationen, die vollkommen alltäglich sind, keine abstrakten Szenarien. So wird seine Sichtweise nachvollziehbar. Andere Abschnitte im Buch sind mir persönlich manchmal ein bisschen nahe am Slapstick, aber er ist schließlich auch kein Wissenschaftler, sondern Marketingspezialist. Positiv kommt auch rüber, dass er sich selbst durchaus in die Reihe derer stellt, die sich lange Zeit nicht unbedingt durch konsequent klimafreundliches Verhalten ausgezeichnet haben. Wie sehr wahrscheinlich die Meisten von uns.

Also: Klare Leseempfehlung!

Bibliographische Angaben:

Frank Schätzing, Was, wenn wir einfach die Welt retten?, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00201-0, € 20,-

Wege aus der Krise?

Nein, dieses Mal geht es nicht um Corona. Während die Welt je nach geographischer Lage mal mehr, mal weniger immer noch mit der Pandemie beschäftigt ist und mancherorts die Inzidenzen wieder in die Höhe steigen, lauert die (eigentlich schon seit vielen Jahren bekannte) Krise, die unser Leben auf Jahrzehnte noch viel stärker beeinflussen wird:

Der Klimawandel.

Und in Deutschland sind in knapp drei Monaten Bundestagswahlen. Was mich zurzeit vollkommen annervt, ist die Tatsache, dass wir augenblicklich mehr Informationen darüber bekommen, wo Frau Baerbock sich zugegebenermaßen ungeschickt angestellt hat, als über konkrete Klimapolitik der Mitbewerber.

Ob man nun die Grünen für wählbar hält oder nicht, das muss jeder für sich entscheiden, aber in unser aller Interesse ist es doch, zu erfahren, wie unser Land und unser Anteil an der Welt in dreißig Jahren aussehen soll. Wie es um die Lebensqualität bestellt sein soll, in einer Zeit, in der viele von uns alt sein werden, und dann zu unserem gesundheitlichen Schutz uns in besonders klimatisierten Räumen aufhalten müssen, nicht nach draußen gehen sollen, um den Kreislauf stabil zu halten. Dieselbe Situation wie in den Seniorenheimen letztes Jahr, nur mit anderen Vorzeichen.

Wenn ich mir das Wahlprogramm von CDU/CSU anschaue, fällt mir der Ausspruch ein:

Wer etwas erreichen will, findet Wege. Wer nichts erreichen will, findet Gründe.

Die Konservativen finden sehr viele Gründe…

Entfesselt

In den letzten Wochen bin ich vermehrt über das Wort „Entfesselung“ gestolpert, das zumindest Einwohnern von NRW bekannt vorkommen sollte, denn die Landesregierung versucht ja seit einiger Zeit auch schon, die Wirtschaft zu entfesseln.

Heute prangt mir die Schlagzeile „Entfesselter Klimaschutz“ in der Tageszeitung entgegen. Denn es gibt seit neuestem eine „Klima-Union“ innerhalb der CDU/CSU. Bitte nicht falsch verstehen: ich befürworte vieles, das tatsächlich dem Klima hilft. Wenn ich aber weiterlese, wer als Personalie wie ein Sahnehäubchen auf dieser Gemeinschaft thront, bekomme ich echte Zweifel: Friedrich Merz, Vorzeige-Quasi-Mittelstand-Bürger, der bisher nicht unbedingt als Vorwärts-Denkmaschine in Erscheinung getreten ist. Sein Konzept als „Zurück in die Zukunft“ zu beschreiben, würde allerdings ein Film-Epos beleidigen.

Mal ganz abgesehen davon, dass auch in Reihen seiner Partei seit einem halben Jahrhundert bekannt ist: es kann mit neoliberalen Ansätzen nicht weitergehen! Daraufhin wurden vom Chef und seinen Strategen erst jetzt aber die 20er Jahre zum Modernisierungsjahrzehnt ausgerufen, mit jahrzehntelanger Verspätung! Aus Angst davor, dass die Grünen ihnen den ersten Platz streitig machen. Armselig. Die längste Zeit der vergangenen 50 Jahre wären sie in der Position gewesen, nachhaltig an der Bewahrung der Schöpfung durch ordnungspolitische und vorausschauende Regelwerke maßgeblich mitzuwirken.

Fast noch mehr verstört mich der inflationär benutzte Begriff „entfesselt“, denn damit verbinde ich entweder entfesselte Naturgewalten, wie der Tornado in Tschechien oder die Unwetter in Süddeutschland, oder aber Entfesselungskünstler, die sich anscheinend aus unlösbaren Fesseln befreien, aber letztlich Illusionisten sind. Da traue ich den Ehrlich-Brothers (die ganz aus unserer Nähe stammen, aus Bünde) doch mehr zu als so manchen entfesselten Unionspolitikern…

Blitz-Entfesselung | Die Ehrlich Brothers zaubern Euch die Langeweile weg (mit Auflösung!) – YouTube

(Ich bitte um Entschuldigung, dass ich euch ausgerechnet ein Video zeige, das von der BILD stammt, aber diesen Trick fand ich nur dort)

Edit: Es ist übrigens nicht so, dass ich Angehörigen der CDU überhaupt keine Kompetenzen in Umweltfragen zutraue. Ich frage mich nur, warum diese Leute und ihre Expertise nicht schon seit langem viel konsequenter eingesetzt werden.

Alles klarmachen…

… für den erwarteten Schneesturm. Lagen wir bisher in diesem Winter immer zwischen den Wetterzonen, also im Matschgebiet (nichts halbes und nichts ganzes), klingt das heute ganz anders im Wetterbericht.

Ostwestfalen und das Grenzgebiet zu Niedersachsen soll mitten drin sein im Kerngebiet des Schneefalls und des Ostwindes. Gerade bekomme ich über die Browserbenachrichtigungen eine Info der Tageszeitung über die Vorbereitungen der Winterdienste.

Morgen früh werde ich also schnell noch ein paar frische Lebensmittel besorgen und dann kann mich das Wetter kreuzweise. Es sei denn, der Sturm deckt das Dach ab. Hatten wir alles schon mal. Ich wünsche euch einen schönen Abend und ein spannendes Wochenende. Die Nähmaschine ruft … :

… und offensichtlich ruft sie: Bereite schon mal den Frühling vor!

Das Beitragsfoto ist übrigens vom 26. Januar 2014. Da lag auch ungefähr 10 cm Schnee bei uns „im Berg“ (naja, was hier so Berg genannt wird: Der Jakobsberg)

Unberechenbar – 7.1.2021

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Heute geht es um Grenzen. Zu Beginn des Kapitels vergleichen die Autoren das Auftauchen des Coronavirus mit einem zerstörerischen Dinosaurier, der in einem schicken Upper-Class-Wohnzimmer wütet. Dieser Vergleich, der mich anfangs amüsiert, ist aber ein gutes Bild: So, wie wir dem Dinosaurier mangels Kommunikationsmöglichkeit keinen Einhalt gebieten können (und ja erstmal sowieso nicht mit seinem Auftauchen gerechnet haben), so geht es uns auch mit dem Virus: Es führt uns an ungeahnte Grenzen! Uns, den Menschen, die Meister sind im Verschieben von Grenzen, zeigt es unsere Begrenzung. Die zeitliche ebenso wie die räumliche.

Auch auf das zweite große Thema unserer Zeit trifft es zu, dass wir als Menschheit uns wenig um Grenzen scheren: Klimawandel. Wir bemerken ihn zwar, aber wir begreifen ihn nicht als Grenze, wir versuchen eher, ihn mit immer mehr Technologie und mit unserem Eindringen in den Weltraum vor uns her zu schieben.

Grenzen begreifen wir vor allem als Einschränkung, aber ohne Selbstbegrenzung wird es nicht weiter funktionieren. Für uns klingt „Begrenzung“ aber sehr nach „Verbot“ und wer will das schon? Auch und gerade in der Politik suchen wir, ob bewusst oder unbewusst, nach einer ganz anderen Qualifikation: Tadaaa! Ich präsentiere den Gestalter (ich habe lange überlegt, ob ich das jetzt gendere, habe mich aber bewusst dagegen entschieden😉. Denn gestern ließ Herr Lindner verlautbaren, dass seine Partei so richtig Bock auf Gestaltung hat…)

Zurück zum Thema und zu den Grenzen. Die Fragen kennen wir alle: „Warum immer den großen SUV im Stadtverkehr herummanövrieren? Warum nicht einfach etwas weniger Fleisch essen?“ (S. 110) Auch der teuerste Markengrill fühlt sich nicht unmännlich, wenn man Gemüse drauflegt, denke ich mal so. Es ist also nicht nur eine Frage des „Männergrillens“ oder des „Frauengrillens“, um es mal mit einer Werbekampagne aus 2019 zu formulieren. Ernüchternde Antwort: Forderungen der (Selbst-)Begrenzung sehen viel zu viele von uns immer noch als Ideologie (gern links-grün-versifft, man denke an den verunglückten Vorschlag zum Veggie-Day), nicht als Notwendigkeit. Indem wir uns weigern, uns zu begrenzen, rauben wir Lebensgrundlagen. Natürlich nicht unsere eigenen, sondern die der Nachfolgegenerationen, aber das spüren wir ja dann vermutlich nicht mehr.

Um hier gegenzusteuern, braucht es vor allem Grenzen für eine unserer heiligsten Kühe: für das Wirtschaftswachstum. Bereits seit 1972 plädiert der Club of Rome für Wachstumsbegrenzung. Ich selbst bin der Meinung, wir setzen zu häufig auf das verkehrte Wachstum.

Es geht noch ein bisschen weiter in diesem Kapitel und die Autoren plädieren aus ihren jeweiligen Fachgebieten* heraus für ganz ähnliche Dinge wie andere AutorInnen, die ich im vergangenen Jahr gelesen und hier beschrieben habe.

Beim Nachdenken über Grenzen geht mir jedoch ein ganz anderes Bild nicht aus dem Kopf: Unruhige Babys „puckt“ man, das heißt, man wickelt sie fest in Tücher, so dass sie rund um ihren Körper eine deutliche Grenze spüren. Wenn unsere größeren Kinder Ausraster haben, können wir ihnen recht effektiv damit helfen, dass wir sie fest in den Arm nehmen und halten, bis sie sich beruhigt haben. „Gehalten werden“ ist übrigens auch wichtig zur Trauerbewältigung. Erwachsene, die unter unruhigen Schlafstörungen leiden, benutzen besonders schwere Bettdecken, um unter dieser spürbaren Begrenzung zur Ruhe zu kommen.

Im Endeffekt gehen sogar die neuesten Corona-Bestimmungen in diese Richtung, wenn auch recht abstrakt.

Was passieren kann (oder zwangsweise passieren muss?), wenn Menschen Grenzen außer Kraft setzen wollen, das mussten die US-Amerikaner gestern leider in Washington erleben…

Es geht immer noch um:

Harald Lesch/Thomas Schwartz, Unberechenbar – das Leben ist mehr als eine Gleichung, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39385-3, € 18,- (Österreich € 18,60) [Und nicht vergessen: bitte beim lokalen Buchhändler eures Vertrauens bestellen😉]

*Harald Lesch ist Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator. Auch als erfolgreicher Buchautor ist er bekannt. Thomas Schwartz ist Theologe und Philosoph, geweihter Priester (Pfarrer in Mehring) und lehrt Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Augsburg.

Tag 17 – Das Eis schmilzt

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„In den 90er-Jahren waren wir mit meinem Segelschiff, der dagmar aaen,
auf den polaren Routen unterwegs. Nur meine Erfahrung mit dem Eis
ermöglichte es dem Team und mir, Routen zu befahren, die ansonsten
bestenfalls den stärksten Eisbrechern vorbehalten waren. Die legendäre
Nordwestpassage durchfuhren wir 1993. Wir waren die Einzigen in jenem Jahr und insgesamt erst das dritte Schiff überhaupt, dem die Passage
in nur einer Saison ohne Eisbrecherunterstützung gelang. Das Pendant
zu der Nordwestpassage ist die in Sibirien liegende Nordostpassage. Bei
dem Versuch, sie zu durchfahren, bissen wir uns förmlich die Zähne aus.
1991/1992 und 1994 versuchten wir die Passage zu bewältigen – und
blieben immer wieder im Packeis stecken. Ich war frustriert und hatte
keine Lust, einen weiteren Versuch zu starten. Im Jahr 2002 wurde ich
von einigen Crewmitgliedern überredet, es doch noch einmal zu versuchen. Und siehe da – wir kamen problemlos innerhalb weniger Wochen
durch die gesamte Passage. Dort, wo uns in den Jahren zuvor meterdicke Eispressungen den Weg versperrt hatten, lag offenes Wasser vor
uns. Und mehr noch – das Wettergeschehen war ein anderes geworden.
Die Tiefdrucksysteme zogen offenbar auf veränderten Bahnen, sorgten
für stürmisches und regnerisches Wetter: höchst ungewöhnlich für diese Breiten während der Sommermonate. Bei mir erzeugte unser Erfolg
zunächst ein vages, unsicheres Gefühl. Unterschwellig meinte ich, Veränderungen im Eis zu er kennen. Eine rein subjektive Wahrnehmung,

die mich aber nicht mehr losließ. Irgendwie war ich verstört.

Arved Fuchs ist als Abenteurer bekannt. Mit seiner Crew hat er auf vielen Expeditionen Gegenden auf der Welt bereist, die (zum Glück) die meisten von uns nur aus Dokumentationen und solchen Expeditionsberichten kennen. Warum „zum Glück“? Es handelt sich um sensible Naturräume, die aber in ihrer Existenz gleichermaßen wichtig (für das gesamte Klimagleichgewicht der Erde) und bedroht (unter anderem durch den Raubbau an der Natur) sind. Nicht auszudenken, wenn es auch dort einen florierenden Tourismus oder Instagram-Hotspots gäbe.

Jahrelang konnten wir BuchhändlerInnen zu Weihnachten die neuesten Bücher von Menschen wie Reinhold Messner oder Arved Fuchs den abenteuerbegeisterten Couchpotatoes empfehlen (das ist nicht so despektierlich gemeint wie es klingt, keine Bange). Was diese Männer erlebten, war massentauglich, bei Messner hatte es auch noch als Auswirkung, dass die Achttausender des Himalaya regelrecht „IN“ wurden, nicht unbedingt zum Vorteil der Natur in der Gegend, ganz davon abgesehen, dass die Anzahl der Bergsteigerwitwen auch um einiges gestiegen ist.

Fuchs benutzt seine Reichweite in diesem eindringlichen Buch, um auf die Tragweite des menschlichen Handelns für unwiederbringliche Naturschönheiten, aber auch unmittelbare Lebensgrundlagen , aufmerksam zu machen:

„Und an der Nordküste Alaskas hatten wir Siedlungen besucht, die ins
Meer abzurutschen drohten. Der Permafrostboden, auf dem Menschen
seit Tausenden von Jahren siedelten, taute auf und wurde dadurch ein
leichtes Opfer für die Brandungswellen der Beaufortsee. Shishmaref,
Kivalina und Point Barrow waren massiv davon betroffen. In der Weltpresse fand dieser Umstand nur selten Beachtung – es betraf ja auch nur
einige Hundert Menschen. Die Inuit haben keine Lobby.
Damals habe ich meine Unbekümmertheit verloren. Ich konnte von
da an nicht mehr einfach von den Expeditionen nach Hause kommen,
schöne Bilder zeigen, spannende Geschichten erzählen und den Rest
ausklammern. Ich fühlte und fühle mich immer noch als ein privilegierter Mensch, der über einen so langen Zeitraum diese großartige Natur
erleben durfte und Zugang zu ihr gefunden hat. Es ist die Pflicht des
Chronisten, sich einzumischen und zu berichten. Für mich war und ist
es zugleich eine Art Lobbyarbeit für eine Natur, die mir so viel bedeutet.
Und die damals aktuelle Entwicklung machte mir Angst.“

Aber nicht nur seine schriftliche Bestandsaufnahme, zum Beispiel seine nüchterne Bilanz, was seit 1972 (UN-Umweltkonferenz in Stockholm, Bilanz des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“) für die (Um-)Welt getan bzw. nicht getan wurde, muss mich als Leserin bestürzt zurücklassen. Auch das Fotomaterial stellt menschliches Versagen, Gier und absolute Gleichgültigkeit unserem Planeten gegenüber plakativ dar. Erschüttert ist das Wort, das wohl am besten beschreibt, was ich beim Lesen empfinde. Ich könnte stellenweise heulen, doch zum Glück gibt es auch Passagen im Buch, in denen er ganz wunderbar von Naturschauspielen und einzigartigen Landschaften erzählt.

Bibliografische Angaben: Arved Fuchs, Das Eis schmilzt, Delius Klasing, ISBN 978-3-667-11985-8, € 19,90 (Österreich € 20,50)