Auf zu neuen Ufern: Folge 2

Auf unserer Exkursion zu den Weltreligionen haben wir auch Station gemacht in der liberalen jüdischen Synagoge in Hannover.

Die liberale jüdische Gemeinde gibt es dort schon lange. Wenn du mal „Neue Synagoge Hannover“ googelst, findest du einen wunderschönen Bau, der auch eine Kirche sein könnte. Ähnlichkeiten mit der berühmten Rosette von Notre Dame sind kein Zufall. Diese Synagoge wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerstört.

Seit 2007 gibt es wieder eine liberale Synagoge, und zwar in einer ehemaligen evangelischen Kirche, die nach ihrer Entwidmung eigentlich abgerissen werden und durch ein Autohaus an der Stelle ersetzt werden sollte. So wie es jetzt ist, ist es doch wesentlich besser, oder?

Leider konnte ich nicht wirklich alles im Gedächtnis behalten, was uns dort an interessantem erzählt und gezeigt wurde. Aber so ein paar Highlights sind hängen geblieben. Zunächst einmal, dass die liberalen Juden so etwas wie die Protestanten ihrer Religion sind. Ein wichtiges Anliegen ist es ihnen, den Gottesdienst mit der gesamten Familie feiern zu können, denn in orthodoxen Synagogen müssen die Frauen räumlich getrennt (entweder auf einer Empore oder mit einem „Zaun“ im Gottesdienstraum) von den Männern bleiben.

Aus unseren Gottesdiensten kennen wir es, dass wir Ruhe gewohnt sind, ein Grund, weshalb sich Familien mit kleinen Kindern nicht oft hertrauen (neben den familienunfreundlichen Zeiten). Konfirmanden werden mit bösen Blicken bedacht, wenn es ihnen schwerfällt, mit angemessener Ruhe dem Gottesdienst und insbesondere der Predigt zu folgen.

Im jüdischen Gottesdienst, zumindest in dieser Gemeinde, herrscht allezeit eine Grundlautstärke. Denn es ist ganz normal, dass man sich mit seinem Stuhlnachbarn unterhält, wenn man ihn eventuell länger nicht gesehen hat. Es ist auch nicht schlimm, wenn man ein wenig zu spät kommt. Und den Gemeindegliedern wird eine gewisse Freiheit bei der Ausgestaltung des täglichen Lebens zugebilligt. Beispielsweise ist es gestattet, die Schabbatgesetze und Speisegesetze etwas mehr an der Lebensrealität zu orientieren als nur streng an Traditionen.

Anders als bei uns Christen ist der Rabbiner nicht der Funktion des Pfarrers gleichzusetzen, er ist vor allem Lehrer, macht also sozusagen den kirchlichen Unterricht. Aber einen Gottesdienst muss grundsätzlich jeder Gläubige durchführen können. Auch Rabbinerinnen gibt es im progressiven Judentum.

Die Jugendlichen besuchen mit 12/13 Jahren also ebenso wie unsere evangelischen Konfirmanden den Unterricht. Sie lernen Hebräisch lesen und schreiben, den respektvollen Umgang mit den Thora-Rollen und einiges mehr. Wenn sie genug gelernt haben und eine Prüfung durchlaufen haben, feiern die Jungen ihre Bar Mizwa, die Mädchen Bat Mizwa (Bar=Sohn, Bat=Tochter), und zwar nicht in der Gruppe wie bei unserer Konfirmation, sondern jede/r einzeln. Dazu müssen sie einen kompletten Gottesdienst leiten, und zwar nicht nur die Gebetszeiten, sondern auch die Thora-Lesung. Ihre Aufgabe ist es auch, die Rolle aus dem Schrank zu holen. Eine Thora-Rolle wiegt je nach Ausstattung um die 15 kg und darf auf keinen Fall auf den Boden fallen, denn dann ist sie im Gottesdienst nicht mehr brauchbar. (Die Folge wäre, dass im schlimmsten Fall die Gemeinde eine neue Thora braucht, und da die bis heute auf Ziegenpergament handgeschrieben werden, was ca. 3 Jahre braucht, kostet die ungefähr 20-30 Tausend Euro! Das kann sich kaum eine Gemeinde leisten.) Auf den jungen Leuten lastet also eine große Verantwortung. Aber nach dem „erfolgreichen“ Gottesdienst gibt es dann auch eine große Familienfeier mit Geschenken und so.

Was wir als ziemlich bedrückend empfanden, war, dass man die Synagoge nicht einfach so betreten kann, man muss sich vorher anmelden, wenn man nicht zur Gemeinde gehört. An der Tür ist eine Kameraüberwachung und im Gebäude verteilt gibt es überall die „Überfall-Alarmknöpfe“, wie blaue Feuermelder. Leider ist das notwendig, in einem Land, das per Grundgesetz die freie Religionsausübung garantiert. Und zwar nicht erst seit 2015 vermehrt muslimische Flüchtlinge ins Land kamen, wie uns der Mitarbeiter der Synagoge versicherte.

Es war einiges bei unserer Führung dabei, was neugierig macht auf unsere Geschwisterreligion, einiges, was zum Nachdenken anregt und auch einiges, was ein Gefühl des Fremdschämens in mir ausgelöst hat (Fremdschämen über die Menschen, die ohne genauere Kenntnisse, einfach aus diffusen Empfindungen heraus, den jüdischen Mitbürgern das Leben schwermachen.)

Als Erkenntnis wünsche ich mir, dass wir alle wieder mehr miteinander als übereinander reden, dass wir den persönlichen und wertschätzenden Kontakt suchen, anstelle in den (un-)sozialen Medien unreflektiert Meinung in die Runde zu stellen und auch zu übernehmen.

 

 

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…

Eigentlich hat dieser Text nicht unbedingt etwas mit dem Gesangbuchlied zu tun. Aber ich habe mir den Text eben einmal genau durchgelesen. Abgesehen davon, dass ich mit Ausdrücken wie „Kampf und Sieg“ immer noch eine Gänsehaut bekomme, beschreibt er ganz gut, was in meinem Kopf umhergeistert.

Außerdem habe ich, neugierig wie ich bin, nachgesehen, was Wikipedia zur Begriffsdefinition sagt. Das sieht dann so aus:

Gemeinde (Kirchengemeinde) ist die Organisationsform der Kirchenglieder auf lokaler Ebene. Sie nimmt Aufgaben der Kirche wie das Halten von Gottesdiensten, Seelsorge, kirchliche Unterweisung und diakonische Aufgaben wahr. Der Begriff umfasst mehrere Elemente: Institution, Gesamtheit, Raum und Gemeinschaft, Konkretion, Ort.

Gemeinschaft ist definiert als überschaubare soziale Gruppe, deren Mitglieder durch ein starkes Wir-Gefühl eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen. Sie gilt als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft. Merkmal ist eine gewisse Abgrenzung gegen Außenstehende, eine deutliche Trennungslinie zwischen „Uns“ und den „Anderen“.

Wichtig, aber nicht unbedingt hilfreich, diese Definitionen im Hinterkopf zu haben.

Was sind wir denn eigentlich? Sind wir „nur“ eine lokale Organisationsform? Oder sind wir „Herausgerufene“ (Ecclesia), die sich  klar von allen anderen abgrenzen? Ist es wie beim lokalen Sportverein, wo man Mitgliedsgebühren zahlt und dann trainieren geht? Und im Wettkampf mit den anderen Mannschaften nur dann antreten darf, wenn man das Training regelmäßig mitmacht?

Germanys next Top Kirchengemeinde? – Sorry, heute habe ich kein Kreuz für euch?

Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr überspitzt ausgedrückt. Ganz bewusst und provokant. Denn gerade in der Empfindung von Menschen, die (noch) nicht so sehr Insider sind, kommt es schon ziemlich nahe an das, was so manche erleben, die sich auf das Abenteuer „Gemeinde“ einlassen.

Vielleicht sollte ich mal nachschauen, was Jesus selbst zu dem Thema sagt. Er fordert uns nicht dazu auf, aus unseren eigenen Kräften heraus etwas tolles auf die Beine zu stellen. Er sagt nicht: „Leute, baut Gemeindehäuser und ladet die ein, die sowieso schon an mich glauben, das reicht.“ Er ist auch nicht der Meinung, dass wir „besser“ sind als der Rest der Menschheit.

In der Bergpredigt schärft er seinen Zuhörern ein: „Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich“ Geistlich arm, was bitte ist das denn? Nur wer einen begrenzten IQ hat? Okay, das heißt es natürlich nicht. Es geht um die Erkenntnis, dass wir Menschen nun mal zeitlich und auch verstandesgemäß begrenzt sind. Dass wir an viel zu vielen Stellen einfach nicht den Durchblick haben, dass wir es mit Gott nicht aufnehmen können und es auch überhaupt nicht müssen! ER baut sein Haus. Wir sind nur die Bauhelfer.

Jesus stellt sich auch keinen exklusiven Country-Club vor. Im Gleichnis vom großen Gastmahl stellt er fest, dass diejenigen, die ursprünglich eingeladen waren, tausend Ausreden haben, nicht zu kommen. Und dass deswegen diejenigen hereingeholt werden sollen, die „draußen“ unterwegs sind, die nicht „dazugehören“.

Und er erteilt ganz am Ende seiner irdischen Zeit den Auftrag, hinaus in die Welt zu gehen und die Völker in die Jüngerschaft zu holen. In unserem kleinen Gemeindekosmos bedeutet das: Ladet diejenigen ein, die noch nicht kommen.

Wir sollen aktiv werden und nicht abwarten, bis die Menschen von sich aus kommen und sagen „Jetzt bin ich so weit. Ich glaube bereits, was ihr glaubt, jetzt will ich auch dazugehören.“

Und dann sagt er noch: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wir laden ein, wir lehren auch, wir taufen. Aber das, worauf es wirklich ankommt, bewirkt ER. Nicht wir.

Ich wünsche mir Gemeinden, in denen wir die Menschen einladen, egal, ob sie sich schon mit Jesus auf den Weg gemacht haben, egal, wie weit sie schon auf dem Weg sind, egal, wen sie lieben. Wir laden ein, zu uns zu gehören. Der Rest wird dann kommen (Geduld…!)  Nicht „von allein“, sondern durch unsere offene Haltung und vor allem durch das Wirken unseres Herrn Jesus Christus. Auch wenn wir es nicht immer merken, ER ist bei uns. Auch dann (welche Überraschung), wenn wir ihn nicht in jeder Unterhaltung mindestens erwähnen. Wir müssen seinen Namen nicht jederzeit im Überfluss nennen, um uns dessen gewiss zu sein.

Am letzten Wochenende habe ich eine solche Gemeinschaft erleben dürfen. Einige Familien/Paare aus unserer Gemeinde haben sich zusammengeschlossen, um ein Wochenende gemeinsam zu verbringen, mit Spielen, Unterhaltungen, Singen, Kochen und Essen, mit Spaß und auch mit Andachten, Bibelarbeit und Gottesdienst. Diejenigen, die bisher keinen Zugang zum Glauben gefunden haben, waren frei darin, sich aus allem auszuklinken, was sie zu dem Zeitpunkt nicht für sich annehmen konnten. Und trotzdem waren sie vollwertige Mitglieder der Gruppe. Jeder brachte sich ein mit individuellen Talenten, Interessen und tat, was gerade „dran“ war.

Diese Gemeinschaft auf Zeit erinnerte mich an das paulinische Bild: Gemeinde als einen Leib, jeder ist ein Körperteil, hat seine spezifischen Funktionen, und Christus ist das Haupt. Nicht jeder Körperteil hat eine direkte Verbindung zum Haupt, und doch gehören sie zusammen.

Wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein. „Eins sein“ in Christus lässt Vielfalt zu. Wir sind aber dazu aufgefordert, uns gegenseitig in Respekt und Wertschätzung, kurz: in Liebe zu begegnen und zu „ertragen“! Unmöglich? Eher nicht. Schwierig umzusetzen? Unbedingt. Scheitern inklusive. In jedem Fall die ultimative Herausforderung, so wie der gesamte Glaubensweg eine Herausforderung ist.

Um noch einmal auf das Schiff zurückzukommen… Natürlich gibt es Offiziere, aber auch Maschinisten, Matrosen, Ausguck, Funker, Stewards, Smutjes und auch Fahrgäste. Alle gehören dazu, auch die, die noch an Land vor der Gangway stehen und überlegen, ob sie seefest sind. Der Käpt’n ist Jesus, er bringt uns ans Ziel.

 

 

„Die“ Kirche und „die“ Politik

  • Tempo 130
  • Bienensterben
  • Pränataldiagnostik
  • Migration

Soll / muss / darf sich Kirche in die Tagespolitik einmischen? Oft hören wir „die sollen sich um ihre Schäfchen kümmern. Anständig Seelsorge betreiben (…und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen…). Aber aus der Politik sollen sie sich gefälligst heraushalten!“ Oder man wird gleich als „links-grün-versifft“ abgestempelt.

Ist das denn tatsächlich so? Was ist Auftrag der Kirche? Okay, sicher nicht, den Menschen von der Kanzel zu predigen, wen sie wählen sollen. Das ist genauso persönlich wie die Wahl, zu welcher Konfession man sich bekennt.

Das meine ich auch nicht.

Wir sollen Menschen vom Evangelium erzählen, sie für ein Leben mit Jesus begeistern, ja. Unbedingt.

Aber: Wenn wir die Aussagen der Bibel ernst nehmen, dann steht da nicht nur „Macht euch die Erde untertan“ (ich ergänze mal frei: auch um den Preis einer kaputten Umwelt, der Zerstörung jahrtausendealter Lebensräume, der Ausrottung von ganzen Lebensformen). Da steht auch der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. („Und Gott, der HERR, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten, ihn zu bebauen und zu bewahren.“ Gen 2,15).

Da steht nicht nur „Du sollst Gott lieben“, es geht ohne Abstriche weiter mit „und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn ich davon ausgehe, mich selbst zu lieben bedeutet: Daseinsfürsorge, ein auskömmliches Leben anstreben, eine friedliche Lebensumgebung, gelingende Beziehungen… dann bin ich aufgefordert, alles dieses auch meinen Mitmenschen zu gönnen. Egal woher sie kommen, wo sie leben, was sie glauben oder wen sie lieben. Oder ob sie ein Gen dreimal haben. Wie auch immer. Selbst dann, wenn mir selbst gerade das Eine oder Andere fehlt, das mein Leben gelingen lässt.

Jesus selbst war da ganz radikal – und politisch! „Liebe deine Feinde, segne, die dich fluchen.“ (Ganz bewusst von mir benutzt in der 2. Person Einzahl, denn es ist eine persönliche Aufforderung an jeden Einzelnen von uns!) Alles andere ist einfach. Das bekommt sogar ein aktueller amerikanischer Präsident hin, denke ich.

Aber Liebe – mit anderen Worten Respekt, sogar Verständnis vielleicht – für diejenigen aufbringen, die beispielsweise ganz außen am Rand des politischen Spektrums stehen, egal auf welcher Seite? Das ist schon eine Riesenherausforderung, natürlich. Und dabei versagen wir auch alle regelmäßig. Das finde ich auch menschlich. Trotzdem möchte ich deswegen nicht, dass wir uns zumindest von dem Versuch verabschieden, nach dem Motto: „Hab ich versucht, hat nicht geklappt, hat sowieso keinen Zweck, lasse ich lieber sein.“

Wenn dir jemand sagt: „Hey, glaub an Jesus, bekehre dich und werde Christ, dann wird dein Leben einfach, du weißt immer, was du tun musst, du wirst gesund und wohlhabend, du wirst keine Zweifel mehr haben“, dann macht diese Person es sich zu einfach und dir höchstwahrscheinlich ein leeres Versprechen.

Aber du hast dann immer den Einen an der Seite, an den du abgeben kannst, du wirst deine (auch die falschen) Entscheidungen nicht allein treffen und nicht allein vor dir verantworten müssen. Du beginnst, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und du hast auch eine zuverlässige Adresse, wenn du etwas zu beklagen hast. Du bist nicht allein.

Und du wirst politisch. Du beziehst Stellung.

Wikipedia: „Politik bezeichnet die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen.“

 

 

 

Nur mal so ein Gedanke….

Am Frühstückstisch, ehe der Tag so richtig losgeht, führen wir manchmal die besten Gespräche. Vorgestern war so ein Gespräch.

Warum fällt uns Glauben oft so schwer? Ich meine jetzt den Glauben an einen liebenden Gott, an Jesus Christus, der schon alles getan hat, damit wir nicht verloren sind. Wir sind so aufgeklärt, wir lassen nur zu, was der Verstand uns als schlüssig freigibt. Glauben ist irrational, er kann nicht mit wissenschaftlichen Methoden vermessen, qualifiziert und eingeordnet werden. Glauben unter Laborbedingungen ist nicht möglich.

Aber wenn wir uns verlieben, ist es genau umgekehrt. Wenn uns dann ein misanthropischer Zeitgenosse sagt, ach das ist alles nur Chemie, das sind die Hormone, Testosteron und Östrogen, da sind Adrenalin und Oxytocin und wie die Stoffe alle heißen in einem wilden Cocktail am wirken, sonst nix, dann ist uns das ganz egal. Was wir spüren, sind Schmetterlinge, ein wunderschönes, warmes Gefühl, wir möchten die ganze Welt umarmen und von morgens bis abends singen. Der Verstand rutscht einige Etagen tiefer… und wir finden das total in Ordnung.

Wie gesagt, nur mal so ein Gedanke.

Wo wohnt eigentlich Gott?

Diese Frage habe ich gestern Abend in unserem FAQ-Gottesdienst gestellt. FAQ kennt Ihr alle. Frequently asked Questions, immer wieder gestellte Fragen. Das Gottesdienst-Format ist primär an Jugendliche gerichtet (was auch unter anderem deutlich an der musikalischen Ausrichtung hörbar ist), aber es lockt auch zunehmend Eltern und andere Gemeindemitglieder an, was uns sehr freut. Denn die Fragen zu Gott, dem persönlichen Glauben, den großen Themen des Lebens hören doch nicht auf, wenn man 18 geworden ist, wenn man selbst Kinder oder sogar schon Enkelkinder hat…

Nur leider traut man sich dann oft nicht mehr, zu fragen. Warum eigentlich nicht? Ich hab doch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, bloß weil ich älter geworden bin…

Zurück zur Ausgangsfrage. Es gab eine Umfrage im Gottesdienst, die zwar nicht repräsentativ war, aber die Antworten kommen überall und immer wieder. Von „Überall“ über „im Himmel“ bis „in mir“ ging die Bandbreite, und ich möchte betonen, dass es in dieser Frage eigentlich keine besonders falschen und keine „richtigeren als andere“ Antworten gibt! Ich habe versucht, diesen Antworten mal an der Bibel entlang und an menschlichen Ansichten ausgerichtet auf den Zahn zu fühlen.

In der Umfrage ging es zunächst um Menschen, die wir sehen, hören, anfassen, riechen (okay, manchmal können wir bestimmte Leute auch nicht „gut riechen“…) können. Bei Gott ist das ungleich schwieriger, denn er ist für uns nicht verfügbar. Aber: Wenn Gott für uns wie ein liebender Vater ist, dann brauchen wir doch einen Ort für unser Zuhause bei Ihm, oder?

Wo könnte Gott also wohnen?

Bei kleinen Kindern sieht das noch ganz einfach aus. Fragt man Kindergartenkinder und bittet sie, ein Bild dazu zu malen, dann bekommt man eine Wiese mit Haus und Baum und Mensch, darüber den blauen Himmel mit Wolken und Sonne, und darüber thront Gott, gern als alter Mann mit weißem Gewand und Rauschebart.

Das mit dem „oben drüber“ ist übrigens gar nicht so weit hergeholt, denn auch in der Bibel wird Gott gern über den Menschen angesiedelt, zum Beispiel auf Bergen. Mose hat beispielsweise die 10 Gebote auf dem Berg Sinai bei einem Meeting mit Gott bekommen (2. Mose 19,20 – 20,20)

In der Grundschule wird auch gern ein Bild von einer Kirche gemalt. Auch dafür gibt es biblische Belege: Solange die Israeliten in der Wüste unterwegs waren, hatten sie ein  besonders schönes Zelt, dessen Bauplan und genaue Ausgestaltung Gott selbst ihnen vorgegeben hatte (nachzulesen in 2. Mose 25 und folgende).

Als sie dann das Land Kanaan in Besitz genommen hatten, baute der weise König Salomo in Jerusalem auf dem Berg Zion einen sehr prachtvollen Palast für den HERRN: Den Tempel. Als Salomo dann den fertigen, wirklich riesigen Tempel einweihen sollte, erkannte er aber: So groß dieser Tempel auch ist, Gott ist viel größer als jedes Haus, das Menschen bauen können! (1. Könige 8,27)

Von der Vorstellung, dass Gott im Tempel wohnt, konnten sich die Menschen trotzdem nicht lösen. Irgendwie ist das ja auch menschlich. Als dann später in der Geschichte Israels die Babylonier Israel und Jerusalem eroberten und dabei auch den Tempel zerstörten, waren die Israeliten überzeugt, das sei eine Strafe Gottes für ihren Ungehorsam und er hätte jetzt seinen Wohnort auf Erden verlassen. Das schlechte Gewissen ist also auch keine moderne Erfindung…

Komme ich auf die Kirche zurück: Es gibt ja weltweit unendlich viele Kirchen. Allein in Deutschland sind es irre viele. Katholische, Evangelische, viele verschiedene Freikirchen, kleine und große, schlichte und prächtige, Dome und Gemeindehäuser. Und in welcher davon wohnt Gott nun? Mag er lieber nordkirchliche Backsteinschlichtheit, Gelsenkirchener Barock oder prächtige Wallfahrtskirchen? Hat er vielleicht sogar eine Weihrauchallergie? (Ja, diese Frage ist durchaus provokant!) Singt er lieber Choräle, Gospel oder Lobpreis? Steht er auf Liturgie oder bevorzugt er eher freie Formen?

Ihr ahnt es vielleicht: Im Lauf der Geschichte gab es viel Streit unter Christen, weil es immer mal wieder Strömungen gab, wo Gemeinden fest davon überzeugt waren, dass Gott allein in ihrer Kirche wohnen könne, weil allein sie alles „richtig“ machen würden. Schwierige Sache….

Viele sagen, Gott lebt überall in der Natur, in jeder Pflanze, jedem Tier, jedem Insekt, in Wasser, Boden und Luft. Gehen wir dazu an den Anfang der Bibel, dann lesen wir in 1. Mose 3,8: „Am Abend, als ein frischer Wind aufkam, hörten sie (Adam und Eva), wie Gott, der HERR, im Garten umherging.“ (Hoffnung für Alle-Übersetzung) Gott machte seinen Abendspaziergang durch den Garten Eden. Und dabei freute er sich ganz bestimmt an allem, was er geschaffen hatte. Ich mag die Vorstellung, dass Gott ein begnadeter Gärtner war. Erschreckend nur, wie wir heute mit seiner Schöpfung umgehen!!!

Jetzt mache ich einen Sprung ins Neue Testament, sonst wird das hier ein Roman.

„Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“ steht zu Beginn des Johannes-Evangeliums (Joh. 1,14). „Das Wort“ war ein anderer Begriff für Gott. Als er Mensch wurde, kam Jesus zur Welt. Jesus, der irgendwann seinen Beruf als Zimmermann aufgab und Wanderprediger wurde. Der einmal von sich sagte: “ Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn (Damit meinte er sich selbst als vollkommen menschliche Person) hat keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann.“ (Matthäus 8,20). Er sah sich als Heimatlosen.

Einerseits. Andererseits sagte er auch: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe dorthin, um alles für euch vorzubereiten. Und wenn alles bereit ist, werde ich kommen und euch zu mir holen. Dann werdet auch ihr sein, wo ich bin.“ (Johannes 14, 2-3)

Das gilt im Übrigen auch heute noch für uns. Wenn wir auf Jesus vertrauen, dann werden auch wir einmal dort wohnen, mit Gott gemeinsam und mit vielen anderen, die den Weg schon gegangen sind.

Dafür war es notwendig, dass zunächst Jesus selbst den Weg gehen musste, den schwersten aller Wege, den Weg ans Kreuz. Aber er blieb nicht dem Tod ausgesetzt, er erstand nach drei Tagen auf. Und nach seiner Auferstehung, nachdem er seinen Freunden noch eine ganze Reihe Tipps gegeben hatte, wie sie alles auf die Reihe kriegen, segnete er sie noch einmal und „entfernte sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben.“ (Lukas 24, 51+51) Übrigens steht an der Stelle von „Himmel“ in der englischen Bibel das Wort „Heaven“, nicht „Sky“. So differenziert ist das im Deutschen leider nicht.

Aha, da ist sie wieder, die Vorstellung von „oben“. Ihr seid alle aus dem Alter raus, wo ihr Gott auf eine Wolke gemalt habt. Dank der atemberaubenden Fotos von Alexander Gerst aus der ISS wissen wir alle, wie es im Weltall aussieht. Aber wo soll da Gott sein?

Ein Astronaut und ein Gehirnchirurg unterhielten sich einmal. Der Astronaut sagte: „Ich habe die unendlichen Weiten des Weltalls durchflogen, aber Gott habe ich nirgends gesehen.“ Das antwortete der Gehirnchirurg: “ Ich habe schon hunderte von Gehirnen operiert, aber noch nie habe ich einen einzigen Gedanken entdeckt!“

Aha. Gott kann man ebenso wenig sehen wie Gedanken. Oder Gefühle. Gefühle siedeln wir im Herzen an oder in der Seele. Gedanken im Kopf. Und wenn wir Gott zunächst in unseren Gedanken bewegen und er dann irgendwann sogar ins Herz rutscht und wir ihn dort fühlen, dann ist es doch ganz logisch, dass Gott dort auch wohnt.

Das nennt man dann „Glauben“. Nicht im Sinn von: Ich glaube, morgen regnet es. Dafür haben wir unsere Wetter-App. Sondern: Ich vertraue ganz fest (und manchmal auch leider gar nicht so fest, aber auch das ist in Ordnung) darauf, dass auch ich für Gott Heimat sein kann, mit allen meinen Macken und Fehlern.

Paulus sah das ziemlich ganzheitlich, denn in der alten Kultur des nahen Ostens waren Leib, Seele und Herz eine besondere untrennbare Einheit. Er sagte zu den Christen in Korinth. „Denkt also daran, dass Ihr Gottes Tempel seid, und dass Gottes Geist in euch wohnt. […] Gottes Tempel ist heilig und dieser Tempel seid Ihr.“ (1. Korinther 3, 16-17).

Ist das nicht genial? In den großen Tempel von Salomo passte Gott nicht hinein, aber in unser kleines Herz! Wir müssen ihn nur hineinlassen.

 

 

 

Und täglich grüßt das Murmeltier

„I got you babe, I got you babe….“ Wer den Film kennt, hat vermutlich sofort diesen Song im Kopf, wenn er oder sie die Überschrift liest. Und das Bild des Radioweckers vor Augen, wenn er mit lautem „Klack“ von 5:59 Uhr auf 6:00 Uhr umschlägt.

Der Film ist aber mehr als eine nette Komödie um eine Tradition, die es in dem kleinen Ort Punxsutawney (ja, ich habe auch einige Anläufe gebraucht, bis ich das aussprechen oder schreiben konnte), Pennsylvania schon seit 133 Jahren gibt.

Bin ich liebenswert? Oder muss ich mich erst ändern? Das war die Fragestellung zum Film. Phil Connors, der misanthropische TV-Wettermann, sarkastisch bis zum Abwinken, ist alles andere als liebenswert. Einmal im Jahr fährt er am 2. Februar mit Kameramann und Producerin nach Punxsutawney, um vom Murmeltiertag zu berichten. Als er feststellt, dass er in einer Zeitschleife gefangen ist, sucht er zunächst ärztliche Hilfe bei zwei Exemplaren ihrer jeweiligen Gattung (Neurologe/Psychiater), denen man am liebsten selbst einen Therapeuten verordnen möchte. Dann bricht er sämtliche Regeln, liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, klaut eine Geldtasche aus dem Werttransporter, futtert hemmungslos ungesunde Sachen, denn er weiß: es hat keinerlei Konsequenzen. Es bleibt nicht aus, er lernt jeden Tag die Menschen in dem kleinen Kaff besser kennen, wenn auch zunächst nur, um seine Kenntnisse am darauffolgenden 2. Februar für sich auszunutzen.

Immer wieder baggert er seine Producerin an, bis er so viele ihrer Vorlieben kennt, dass er sie „rumkriegen“ kann. So verwandelt er sich im Lauf der Zeit in einen zartfühlenden, romantischen, humorvollen, kinderlieben und klavierspielenden Traummann. Auf dem Weg dorthin, der vielen Monate dauernd immer wieder denselben Tag bringt, steckt er unzählige Ohrfeigen ein, er versucht sogar, durch Selbstmord aus der Zeitschleife zu entkommen.

Trotzdem findet langsam aber sicher ein Umdenken in ihm statt, es sickert so ganz langsam in ihn ein, seine Persönlichkeit wandelt sich wirklich. Der Durchbruch  geschieht, als er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, einem Obdachlosen das Leben zu retten, dem er anfangs immer mit Missachtung begegnete. Langsam wird er zu dem Menschen, der er vorher nur vorgab zu sein.

Am Anfang war Phil Connors alles andere als liebenswert. Er brauchte die Veränderung. Und hier kommen wir ins Spiel. Auch wir haben unsere Seiten, die nicht wirklich liebenswert sind. Doch, da gibt es einen, der uns bedingungslos liebt: Gott!

In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern kennen wir das: Die Kids bauen Mist – die Eltern lieben sie (meistens) trotzdem. Die Eltern werden irgendwann im Leben eines Teenagers ziemlich peinlich – aber meist will man sie doch nicht gegen andere Eltern tauschen.

Und Gott hat auch immer wieder die Erfahrung gemacht, die Menschen vergaßen zu allen Zeiten immer wieder ihre guten Vorsätze, so wie wir drei Wochen nach Silvester. Das gesamte Alte Testament ist voll von solchen Geschichten. Sie kriegen es einfach nicht gebacken, so zu leben, wie ER es sich für uns wünscht. Zu keiner Zeit. So, wie auch unsere Kinder nicht immer die Wege gehen, die wir uns ausmalten, als wir an der Babywiege standen.

Gott hat aber nicht gesagt: „Okay Leute, wenn ihr das nicht auf die Reihe kriegt mit dem perfekten Leben, dann, sorry Leute, habt ihr das versiebt mit meiner Liebe.“

Er hat uns nicht aufgegeben. Statt dessen ist er in Vorleistung getreten. Er hat seinen eigenen Sohn, mit dem er schon seit dem Anbeginn der Zeit eine Einheit bildet, als Mensch auf die Erde geschickt. Nicht (nur), damit er uns als Vorbild dient, wie genau das aussehen soll mit dem „richtigen“ Leben. Nein, Jesus gibt allen zukünftigen Generationen von Menschen durch seinen Tod am Kreuz die Chance auf die Ewigkeit beim Vater! Manche nennen das eine unfassbare Dummheit, das zu glauben. – Ich nenne es den ultimativen Liebesbeweis!

So wie wir sind, mit allen unseren Fehlern, wenn wir uns mit der Bibel, dem Neuen Testament, dem Leben Jesu beschäftigen. dann lesen wir, wie Jesus uns Menschen sah, mit welchem Mitgefühl er durch die Welt ging, wie er die Dinge einordnete. Wenn wir uns damit auseinandersetzen, dass Jesus oft ganz andere Maßstäbe hat als der Rest der Menschheit, dann beginnt ganz leise auch bei uns die Veränderung. Oft bemerken wir es nicht einmal, weil es schleichend und allmählich geschieht.

Und – machen wir uns nichts vor: Wir scheitern immer wieder. Wie ein Kleinkind, dass ganz viele Versuche braucht, bis es sicher stehen und schließlich laufen kann. Und es ist nicht sicher, dass wir am Ende unseres Lebens perfekt sind. Es ist nicht einmal wahrscheinlich! Aber das ist auch gar nicht notwendig. Wenn wir Jesus vertrauen, dann hat er bereits alles erledigt, was wir nicht auf die Reihe kriegen.

Im Film erleidet Phil auch immer wieder Rückschläge. Immer dann, wenn eine seiner Änderungen nur zu seinem persönlichen Vorteil sein soll. Und doch, am Ende schafft er es, zu einem Menschen zu werden, dem nicht nur sein eigenes Wohl wichtig ist, sondern dem auch seine Mitmenschen am Herzen liegen. Und dann findet er die Erlösung aus seiner Zeitschleife.

Wir dürfen wissen, wir sind von Gott geliebt. Mitsamt unseren Fehlern, unserem Versagen, der Sturheit und den Zweifeln. Aber wenn wir Jesus vertrauen, sind wir trotzdem auf dem Weg zu Ihm!

Übrigens: Ich habe mir den Livestream aus Punxsutawney angeschaut dieses Jahr. Punxsutawney Phil (das Murmeltier) hat einen frühen Frühling vorhergesagt 😉