Weihnachten mal anders

Erstens: Ich habe es tatsächlich geschafft, drei Tage lang den PC nicht einzuschalten. Ab und zu habe ich übers Smartphone geschaut, was so los ist, aber nicht oft, denn ich mag es nicht, immer hin und her zu wischen, um einen Blogbeitrag wirklich gut lesen zu können.

Heiligabend war ein merkwürdiges Gefühl, ungewohnt entspannt. In den letzten Jahren war immer ab 14 Uhr Gewusel, damit wir es als Mitarbeiter in die jeweiligen Gottesdienste schafften, Konfirmanden in die Kostüme stecken konnten, Texte ein letztes Mal abhören, Lesungen vorbereiten usw. Ich habe mich gefragt, wenn uns als Ehrenamtlichen es so geht, wie ist es dann erst für unsere Pfarrer, die Küsterin, die Kirchenmusiker, für die Weihnachten sonst der absolute Großeinsatz ist?

Keine Gottesdienste vor Ort bedeutete aber auch, dass wir die Zeit nutzen konnten, um einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wir haben uns auf Youtube durch die Online-Angebote der anderen Gemeinden im Kirchenkreis gezappt. Die vielen verschiedenen Ansätze waren spannend zu beobachten.

Von 21 bis 22:30 Uhr war unsere Kirche zur stillen persönlichen Andacht geöffnet, mit Orgelspiel im Hintergrund. An diesem Abend wurde das Angebot auch gut angenommen, einige Familien und Einzelpersonen verbanden es mit einem abendlichen Spaziergang. An den beiden Weihnachtstagen und am Sonntag gab es jeweils zur Gottesdienstzeit auch die offene Kirche und ich freue mich so richtig, dass mit diesem Format Menschen unser schönes altes Kirchengebäude manchmal sogar ganz neu wahrnehmen.

Ansonsten war es vor allem ein Weihnachtsfest mit viel Ruhe, einigen Märchenfilmen und deutlich weniger Essen als „normalerweise“. Und wenn ich mich so umgehört habe, hat die Vorbereitung auf dieses Weihnachten im „Krisenmodus“ einige Leute dazu gebracht, über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und Bräuche neu nachzudenken. In jede Richtung: was ist uns eigentlich wirklich wichtig, was schätzen wir? Das merken wir ja häufig erst dann, wenn es fehlt. Im Gegenzug aber auch: worauf können wir verzichten? Was ist eigentlich nur Fassade, weil „es immer so gemacht“ wurde?

Für mich persönlich hat sich herausgestellt, dass ich auf üppige Adventsdeko viel besser verzichten kann als auf einen Weihnachtsbaum. Mit dem Vorschlag von Edgar, in einer großen Vase Tannenzweige aus dem Garten aufzustellen, konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, Ökobilanz hin oder her😌. Und gefehlt hat mir das trubelige Zusammensein mit allen unseren Kindern, so vernünftig es auch war, darauf zu verzichten. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde, der Gänsehautmoment, wenn alle gemeinsam „Oh du fröhliche“ singen, ja, auch das hat gefehlt. Der vollgefressene (Sorry) Bauch dagegen, der hat mir ganz und gar nicht gefehlt.

Ein im wahrsten Sinn des Wortes „merk-würdiges“ Jahr geht zu Ende. Es hat uns vieles abverlangt und uns erschöpft zurückgelassen. Ich hoffe, wir merken uns, was wir als essentiell und gut empfunden haben und ich hoffe, wir merken, dass ein immer höher und immer weiter nicht die Zukunft sein kann.

Verstört – Verstörend

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Heute Mittag fragte mich Daniela, wann es auf dem Blog mal wieder etwas Neues zu lesen gibt, ob mir nichts mehr einfiele. Tja, ich weiß selbst, dass ich gerade eine ohrenbetäubende Sendepause hinlege. Das Problem ist aber nicht mangelnde Inspiration, sondern zu viel Input. Seit dem letzten Beitrag ist einfach so vieles losgewesen, in mir hatte sich eine Spannung aufgebaut, dass ich mich nicht getraut habe zu schreiben. Ich hatte die Befürchtung, es könnte einen digitalen Dammbruch geben, ich könnte mich in meinen Gedanken verheddern und Dinge schreiben, die ich so nicht veröffentlichen möchte.

Angefangen mit dem merkwürdigen Gefühl, das ich nicht erst seit dem 28. Oktober habe, wenn irgendwo auf der Welt ein Lockdown verkündet wird, der ab einem Zeitpunkt in der Zukunft liegt. Klar weiß ich, dass der Vorlauf für gewisse administrative Vorgänge benötigt wird. Allerdings passiert auch immer wieder, egal wo, folgendes: Ach, das gilt ab …, dann kann ich ja vorher noch …, ohne Konsequenzen zu befürchten. Ohne zu bedenken, dass dann eben doch Konsequenzen sein könnten, die Leib und Leben bedrohen können. Wenn auch nicht unbedingt meins, aber doch das von Menschen, mit denen ich möglicherweise beruflich in Kontakt kommen werde, so in ein bis zwei Wochen.

Weiter mit der diffusen Gewissheit, dass Weihnachten trotz aller Bemühungen in diesem Jahr ganz anders sein wird. Ich frage mich außerdem, warum gerade in diesem Jahr Weihnachten unbedingt „traditionell im Kreis der Familie“ gefeiert werden soll, wenn es seit Jahren oder Jahrzehnten so ist, dass das heimelige christliche Zugehörigkeitsgefühl in vielen Familien nur für den Heiligabend aus der Mottenkiste geholt wird, wo es die restlichen 364 Tage des Jahres vor sich hin schlummert. Möglicherweise, weil man sich in unsicheren Zeiten gern auf Traditionen besinnt, denn die geben Halt in haltlosen Tagen. Trotzdem sieht es doch in der Realität sehr vieler so aus, dass nach den Feiertagen ein Teil der Familie mit einem anderen Teil nicht mehr spricht oder gar die Scheidungsanwälte bemüht werden. Weihnachten 2020 kann doch auch einen Punkt in unserem Leben markieren, wo wir uns auf die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten besinnen, wo wir daran denken, dass die Familie Jesu nicht willkommen war, entwurzelt, an den Rand gedrängt. Alleingelassen von der Gesellschaft der „besseren“ Leute. Die Geburt Jesu wurde bezeugt von den Außenseitern der damaligen Zeit, von Hirten, die nicht nur körperlich draußen lebten, sondern auch im menschlichen Miteinander an den Rand gedrängt waren. Es war keine feierliche Stimmung mit Kerzen, Krippenspiel und Weihnachtsoratorium – es war lausig kalt, es war kein Platz, es war ein Stall.

Wir Menschen sind so erfinderisch, wir erobern das Weltall, wir spalten Atomkerne, wir senden Nachrichten digital, so sehr im Verborgenen, dass wir nicht sehen können, wie die Übermittlung passiert. Und da soll es uns nicht möglich sein, den Mitmenschen, die tatsächlich allein sind, auf irgendeinem ungefährlichen Weg zu signalisieren: Du bist nicht allein auf der Welt, auch wenn ich dich gerade nicht besuchen darf. Wir sind doch werbegestählt von den ganzen Süßkramherstellern, von Floristikdiensten und Pinterest. Auf der Seite „evangelisch.de“ war heute das Morgengebet: „Gott, gib uns Mut, damit wir uns den Veränderungen stellen können, die vor uns liegen. Sie kommen sowieso! Lass uns etwas aus ihnen machen!“ Direkt danach kam im Feed von Instagram eine Fotobuch-Werbung. Mein erster Gedanke dazu: Wer lässt denn ausgerechnet für 2020 ein Fotobuch erstellen??? Aber dann dachte ich: Eigentlich cool. Denn selbst dieses Jahr hat doch für die meisten von uns nicht nur schweres und unerträgliches gebracht, sondern auch seine Highlights gehabt. Und vielleicht ist es gerade in diesem Jahr notwendig, sich diese Augenblicke ganz bewusst ins Gedächtnis zu rufen. Insgesamt: Ein anderes Weihnachten, mit Nähe im Herzen statt auf dem Sofa, mit dem bewussten Erleben des Geschenks, welches Gemeinschaft sein kann, gerade dann, wenn sie fehlt. Alles nicht für selbstverständlich nehmen.

Ach ja, und dann das große, weltumspannende Thema, das Rennen um das Weiße Haus. Alle schauen mehr oder weniger gebannt in die USA, ich schätze mal, die Oscar-Verleihungen oder der Super-Bowl sehen dagegen ganz schön alt aus. Für mich persönlich ein bisschen die Faszination des Grauens. Es ist mir einfach fremd, wie so viele Menschen ihre Hoffnungen in einen Typen setzen, der erbärmlich verächtlich mit weiten Teilen seiner Bevölkerung umgeht, ob es Frauen, People of Color, Angehörige der LGBTQ-Community oder irgendwelcher anderer Gruppierungen sind. Wie gerade solche, die sich bibeltreue Christen nennen, jemanden teilweise fanatisch supporten, der sich einen Fliegendreck um christliche Werte wie die zehn Gebote kümmert. Und diese Leute tun das teilweise mit Waffen in den Händen. Die Youtube-Aufnahme der Wohlstandsevangeliums-Predigerin , die versuchte, Gott zu beschwören, nun doch bitte mal das zu tun, was sie von ihm wollte, toppte das Ganze: Es gruselte mich! Dann die Erleichterung, dass es vermutlich anders kommt, so ganz wage ich es noch nicht zu glauben. Obwohl sicher auch Nummer 46 kein Kuscheltier ist, wenn es um Themen geht, die den USA am Herzen liegen, zum Beispiel die NATO-Thematik. Aber allein die Aussicht darauf, dass ein menschlicherer Umgangston herrschen wird, dass die Kriegsrhetorik zurückgefahren wird, ist schon wohltuend und gibt Hoffnung.

Zuletzt die „Corona-Demonstrationen“. Ehrlich, dazu fällt mir nichts ein, was ich hier schreiben könnte, ohne ausfallend zu werden. Jedem Gastronom oder jeder Künstlerin muss es gestern doch regelrecht körperlich wehgetan haben, die Bilder aus Leipzig zu sehen. Leute, die monatelang Hygienekonzepte ausgetüftelt haben und trotzdem nicht arbeiten dürfen, werden verhöhnt von einer Masse, die keinen Respekt aufbringt, weder für ihre Mitmenschen noch für Polizei und andere staatliche Stellen. Dafür aber für sich selbst diesen Respekt einfordern. Als Einbahnstraße. Kein weiterer Kommentar…

So. Nun bin ich doch in meine eigene Falle getappt. Ich hatte mir vorgenommen, in diesem Lockdown-November nur „Good News“ aufzuschreiben. Sorry, ging nicht. Zu viel Druck im Kessel! Ich gelobe Besserung, nicht wissend, ob ich das auch einhalten kann. Doppelpunkt. To be continued…

PS: Der Beitrag gibt meine persönliche Sichtweise wieder. Für mich funktioniert menschliche Gesellschaft nur miteinander, nicht gegen einander. Dinge sind in den seltensten Fällen schwarz oder weiß, sie sind kunterbunt oder auch in allen Grauschattierungen. Und auch Farben werden nicht von allen gleich wahrgenommen.

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