Martin Luther King

Der Anhänger des gewaltlosen Widerstandes ist mit dem, der sich in sein Schicksal ergibt, einer Meinung, dass man nicht tätlich gegen seinen Gegner vorgehen soll. Andererseits ist er aber auch mit dem, der für Gewalt ist, einig, dass man dem Bösen Widerstand leisten muss. Er vermeidet die Widerstandslosigkeit des Ersteren und den gewaltsamen Widerstand des Letzteren. Wer gewaltlosen Widerstand leistet, braucht sich weder als Einzelperson noch als Gruppe irgendeinem Unrecht zu beugen; er braucht aber auch nicht zur Gewalt zu greifen, um sich Recht zu verschaffen.

Das schreibt Martin Luther King in seinem Buch „Freiheit“. Weil das Thema Widerstand mit oder ohne Gewalt aktuell wie lange nicht ist, möchte ich heute auf das Buch von Klaus Dieter Härtel über den Pastor und Bürgerrechtler Martin Luther King hinweisen, das ich schon vor ein paar Monaten gelesen, aber bisher nicht vorgestellt habe. Vermutlich war die Zeit im Herbst 2019 einfach noch nicht gekommen.

Das Buch ist in seiner ersten Auflage bereits im Jahr 1968 erschienen, in dem King erschossen wurde. 2019 erschien die 5. Auflage, ein Kassenknüller war das Buch also nie. Aber es ist ein wichtiges Buch, denn es erzählt Missstände, die in den Jahren 1955 bis 1968 in der Agenda des alltäglichen Lebens Schwarzer in den USA den Alltag bestimmten. Und den Weg, mit dem King und andere, nicht nur schwarze, Bürgerrechtler dagegen angingen. Es erzählt von Erfolgen, Stolpersteinen, blindem Hass auf beiden Seiten, aber vor allem von dem Ringen um den richtigen Weg. Vom Anspruch, Ungerechtigkeiten nicht mit anderen Ungerechtigkeiten zu beantworten. Von der ungeheuren Anstrengung, auf Gewalt nicht mit Gegengewalt zu reagieren. Von der Überzeugung, dass ein gemeinsames friedliches Leben nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist.

Heute, im Jahr 2020, haben die USA sogar einen farbigen Präsidenten hinter sich, was in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts überhaupt nicht denkbar war. Es hat sich also tatsächlich etwas geändert. Tatsache ist aber auch, dass leider mit allen kleineren und größeren Freiheiten für Nicht-Weiße die Anzahl derer wächst, die sich offen dazu bekennen, diese Entwicklung nicht zu wollen, sogar mit allen Mitteln dagegen anzugehen.

Wir müssen dafür nicht einmal über den großen Teich schauen, in Deutschland sieht es nicht viel anders aus. Auch hier wird Alltags-Rassismus wieder gesellschaftsfähig. Ich unterstelle dabei, dass es nicht einmal immer böswillig ist, sondern oft einfach gedankenlos. Weil wir andere Menschen einfach gern in Schubladen sortieren: Ostfriesen, Bayern, Sachsen, Schwaben oder Ostwestfalen. Alle mit entsprechenden Attributen (oder Vorurteilen) der Herkunft verknüpft. Dann rothaarige Iren, Engländer mit unmöglichen kulinarischen Vorlieben, feurige Italiener und Spanier, freizügige Schweden, erzkatholische Polen… Wirklich fies wird es aber, wenn wir bestimmten Volksgruppen verächtliche Züge „andichten“. Zum Beispiel Gloria von Thurn und Taxis: Eine bekannte Äußerung von ihr stammt aus der Talkshow Friedman vom 9. Mai 2001: „Afrika hat Probleme nicht wegen fehlender Verhütung. Da sterben die Leute an AIDS, weil sie zu viel schnackseln. Der Schwarze schnackselt gerne.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gloria_von_Thurn_und_Taxis#:~:text=Eine%20bekannte%20%C3%84u%C3%9Ferung%20von%20ihr,Der%20Schwarze%20schnackselt%20gerne.) Auch ihr unterstelle ich erstmal, dass sie diesen Satz einfach mal rausgehauen hat, ohne groß darüber nachzudenken. Vielleicht, weil er das Potenzial zu großer Reichweite hat oder weil man in einer Talkshow einfach nicht immer die intelligentesten Äußerungen von sich gibt.

Auch, wenn die erste Assoziation, die man zu libanesischen Mitbürgern hat „Clankriminalität“ lautet, ist das eine Art von Social Profiling, die alles andere als in Ordnung ist. Mal überlegen: Wenn das Bild „des Deutschen an sich“ in der Welt wäre: Alle deutschen Männer sind Kinderschänder, denn da gibt es Lügde und Bergisch Gladbach und andere bekannt gewordene Verbrechen… Klar, oder? Ist ja schon schlimm genug, dass wir alle Sauerkraut und Hax’n essen, während wir Dirndl oder Krachlederne am Leib tragen und Bier aus Maßkrügen dazu trinken😂.

Aber zurück zum Buch: Die Idee des gewaltlosen Widerstandes ist nach wie vor die beste, die es gegen Ungerechtigkeit gibt. Denn man kann Unrecht nicht mit anderem Unrecht bekämpfen. Daher mein Fazit: Dieses Büchlein zu lesen lohnt sich unbedingt. Denn leider ist trotz vieler Fortschritte, die es auch gegeben hat, immer noch zu viel Ungerechtigkeit gegen Schwarze (und generell gegen alle, die irgendwie „Minderheit“ sind) in der Welt.

Bibliographische Angaben: Klaus Dieter Härtel, Martin Luther King, Brunnen Verlag Gießen, ISBN 978-3-7655-4346-3, €9,99