Pause

Der Sommer legt eine Pause ein. Das ist weder besonders gut noch besonders schlecht, es ist einfach so. Unterschiedlich sind nur unsere Sichtweisen darauf.

Ein Landwirt, der noch mit der Getreideernte beschäftigt ist, kann zurzeit keinen Regen gebrauchen.

Eine Wandergruppe verzichtet wegen der Laune der TeilnehmerInnen vermutlich auch lieber darauf, stundenlang im Nassen unterwegs zu sein.

Jemand, der auf Hitze und Sonne gesundheitlich angeschlagen reagiert, freut sich dagegen über Wetter zum Durchatmen.

Die Geschäftsführerin der Stadtwerke, die den Überblick über die Trinkwasservorräte in ihrem Zuständigkeitsgebiet behalten muss, sehnt den Regen möglicherweise geradezu herbei.

Einunddasselbe Wetter bestätigt für manche Menschen die Auswirkungen des Klimawandels, während es anderen die Gewissheit gibt, dass es einfach nur Wetter ist, das es schon immer mal gegeben hat.

Und selbst in mir ruft die Wetterlage widerstreitende Gefühle hervor. Wenn ich morgens um halb sechs aufstehe und die Hunde rauslasse, ist es noch so dunkel, dass ich mit dem Auffüllen des Vogelfutterhauses lieber warte, bis ich besser sehen kann. Und eine kühle Luft streicht um meine Beine. Ich mag diese Morgenstimmung, sie ruft auch in mir drin ein Gefühl der Ruhe wach. Aber sie kündet auch von der Vergänglichkeit, vom Ende des Sommers, vom sich immer drehenden Rad der Jahreszeiten. Und gibt damit auch der Melancholie Raum.

Der Frauenmantel wartet auf den Friseur, während der Borretsch unverdrossen blüht und die Bienen ernährt. Das Springkraut springt munter vor sich hin und erobert mit den Brennsesseln gemeinsam die Kiesfläche (die eigentlich eine kleine Sitzmöglichkeit beherbergen sollte).

So wie auf dem Foto streiten das Bedürfnis nach einer gewissen Ordnung und die kindliche Freude am Chaos in mir. Und wie auch auf den folgenden Bildern, die ich recht schnell und nebenbei heute früh aufgenommen habe, finde ich überall den Kontrast und auch die Notwendigkeit von Werden und Vergehen.

Die Brombeeren wachsen einfach überall, sie sind wie ungebetene Gedanken, die sich mitten in der Planung für ein Projekt ausbreiten und auch vor bereits abgetöteten Vorhaben nicht Halt machen.

Kürbisse sind faszinierend, sie wachsen besonders gut auf Abfällen, auf Kompost oder Mist. Farbenfroh, schön anzusehen und auch noch gleichermaßen lecker und gesund. Vielleicht sollten wir öfter mal Kürbisse zum Vorbild nehmen und überlegen, was wir aus dem Mist unseres Lebens machen können?

Die Hagebutten werden mal wieder nicht alle gleichzeitig reif. Die wilde Rose, an der sie wachsen, ist aus einem Wurzelüberrest einer zartlila Edelrose entstanden, die meine Mutter vor ungefähr 40 Jahren gepflanzt hatte, die aber nie so richtig was wurde, weil Rosen nun mal nur mit viel Zwang dazu gebracht werden können, hell-lila zu blühen. Irgendwann hatte ich die Faxen dicke mit diesem Kümmerling und buddelte sie aus. Nach einigen Jahren und mit viel Überlebenswillen erblickte dann dieser wilde Abkömmling das Tageslicht und darf seither dort wachsen. Vereinzelte radikale Kurzhaarschnitte nimmt sie mir bis heute nicht übel. Und nun stehe ich wie jedes Jahr davor und überlege, ob es für Marmelade reicht, ob ich die Früchte für Tee trockne oder ob sie einfach Powerfood für die winterliche Ernährung der Spatzen und Meisen bleiben, die nebenan im Wacholder wohnen.

Noch nicht fertig ist der Holunder. Ich freue mich, wenn ich ihn bald ernten und zu Gelee und Saft verarbeiten kann. Denn zumindest die Marmeladenkocherei kann ich in Maßen wieder bewältigen. Andere Arbeiten haben immer noch Pause, große Pause sozusagen. Den kleinen Rasenmäher bekomme ich nicht in Gang , denn den Zug kann ich noch lange nicht betätigen. Beim Trecker kann ich den Fangkorb nicht ausleeren, dazu benötigt man auch die volle Kraft des rechten Arms, denn an der rechten Seite befindet sich der Hebel dafür.

Ich schneide Rosen, Brombeeren und ähnliches, aber spätestens nach einer halben Stunde ist Schluss, dann schmerzt der Arm und der Nacken, die Muskulatur ist eben zu Wackelpudding geworden (aber daran arbeite ich jetzt ja schon wieder). Alle Arbeiten, die viel Kraft oder Schwung oder vollen Aktionsradius erfordern, müssen noch ein paar Wochen warten.

Warten muss heute auch das Buch „Mensch Erde“, denn nach dem atemberaubenden Kapitel von gestern brauche ich eine Atempause, muss den Kopf freibekommen. Daher schreibe ich dieses und gehe gleich mal ein wenig Hausputz machen. Da auch das in den letzten Wochen eher in homöopathischen Dosen erfolgte, wegen wenig Beweglichkeit und Kraft, kann ich da wenigstens sicher sein, dass das Ergebnis sichtbar ist, im Gegensatz zu manchen „Klimaschutzmaßnahmen“.

Aber jeder Spitzenpolitiker, jede Anwärterin auf einen Posten in der zukünftigen Regierung, sollte ein Buchpaket als Pflichtlektüre bekommen. Und anschließend abgefragt werden, was denn so hängengeblieben ist vom Inhalt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin müde. Ja, ich weiß, Sie auch. Lange Debatte und wenig Schlaf. Aber nicht nur Sie und ich sind müde, sondern vermutlich an die 80 Millionen Menschen in unserem Land. Müde, sauer, resigniert.

Klar kann es sein, dass Sie gute Gründe für Ihre Entscheidungen hatten, aber dann erklären Sie die bitte so, dass es jede Mutter versteht, die sich Sorgen um die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder macht. Jeder Mann, der nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll, wenn das Ersparte für die Altersvorsorge aufgebraucht ist, weil seine Ein-Mann-Veranstaltungstechnik-Firma am Ende ist. Erklären Sie es denen, die in Branchen wie Facheinzelhandel, Tourismus, Gastronomie, Kunst und Kultur kein Licht am Horizont sehen, weil ihre Existenzen von kleinen inhabergeführten Betrieben abhängen und nicht von den Konzernen, die gepampert wurden.

Unzählige Menschen warten auf Signale, die einen Aufbruch signalisieren. Einen Aufbruch in eine Zeit, in der wir tatsächlich hoffentlich sagen können: „Wir haben einen Weg gefunden, mit diesem Virus zu leben.“ Am besten sogar: „Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden…“ Menschen so wie meine Familie und ich und viele andere, die bisher alles mitgemacht haben, was verlangt wurde. Manchmal auch wider besseres Wissen, aber im Bewusstsein, dass wir auch nicht die Patentlösung haben. Leute, die wütend sind auf diejenigen, die auf jegliche Regel und Vorsicht pfeifen und anscheinend trotzdem machen dürfen, was sie wollen! Unter den Augen des Staates. Leute, die aber trotz dieser Wut nicht auf die Idee kämen, sich hinter Kindern zu verschanzen, damit die Wasserwerfer nicht eingesetzt werden.

Mir ist bewusst, dass die Sicherheitskräfte einen sehr schwierigen Beruf haben, dass es stets eine Balance geben muss zwischen der Aufgabe, Recht und Gesetz durchzusetzen und dem nicht minder schwerwiegenden Selbstschutz, der zurzeit eben auch bedeutet, dass man sich tunlichst nicht anspucken lassen will. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es überhaupt keine bisher aufgetretenen Situationen gibt, die man als Blaupause verwenden und angemessen abwandeln kann.

Ich verstehe nicht, wie es möglich sein kann, dass Gesundheitspersonal, egal ob in Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Arztpraxen ständig am Anschlag arbeitet, auch öffentlichkeitswirksam nicht nur die Missstände anprangert, sondern auch Lösungsvorschläge anbietet, nicht viel mehr gehört wird. Oder weshalb sie vielleicht sogar gehört werden, aber niemand in die Hände spuckt und sagt „Dann gehen wir das jetzt an!“

Ich habe es oben schon erwähnt, ich gehe davon aus, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben, mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch mit anderen Gesundheitsbedrohungen. Dazu steht der Klimawandel wie ein Berg vor uns. Deswegen kann es doch keine Dauerlösung sein, die nächsten Jahre „auf Sicht“ zu fahren. Wir brauchen Ansätze, die es uns in der breiten Masse möglich machen, einigermaßen optimistisch in die Zukunft zu blicken, Kraft zu schöpfen und dann entschlossen die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.

Aber bitte doch nicht mit so schlecht nachvollziehbaren Entscheidungen, wie Urlaub auf Mallorca für die Kunden von Lufthansa, TUI und wie die großen Anbieter alle heißen, zu erlauben, aber nicht ein paar Tage frische Nord- oder Ostseeluft auf einem Campingplatz oder in der Ferienwohnung. Ganz davon abgesehen, dass die Spanier es vermutlich eher mittelmäßig gut finden, wenn Deutschland neue Infektionen auf die Insel schleppt, die Festlandspanier derzeit nur auf alten Urlaubsfotos betrachten dürfen.

Nicht mit Bundesligaprofis, die sich zum Torjubel in die Arme fallen, weil sie ja bestens getestet sind, aber ich soll meine Freundin nicht zum Trost umarmen, weil wir ja potenzielle Virenschleudern sein könnten!

Ein weiteres No Go sind MPKs, über deren Ergebnisse bereits drei Tage vorher in der Boulevardpresse spekuliert wird, weil einige Themen offenbar durchgesickert sind. Und dann, nach deren Ende, oft die Tinte unter den Vereinbarungen noch nicht trocken ist, ehe die ersten Ministerpräsidenten ausscheren und verkünden, dass sie es aber anders machen. Wen wundert es, dass sich immer mehr Menschen nicht repräsentiert fühlen und der Meinung sind, sie hätten es mit einem Hühnerstall zu tun, in dem zu viele Hähne krähen.

Sie haben Referenten in Ihren Ministerien. Referenten für Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Lesen die eigentlich genau, was auf den Plattformen geschrieben wird? Nicht nur die Shitstorms, sondern auch die vielen klugen und kreativen Vorschläge, die von Ärzten, Lehrerinnen, Einzelhandelskaufleuten, Gastronomen, Kunstschaffenden…, also von Leuten gemacht werden, die jeden Tag in ihrem jeweiligen Metier praktisch arbeiten oder das zumindest gerne tun würden?

Gibt es irgendwo eine (virtuelle oder körperliche) Riesenpinnwand, an der man alle diese Ideen sammelt und für ein Brainstorming verwendet? Wer kennt sich denn besser in den Lebens- und Arbeitsbereichen aus als diejenigen, die sie Tag für Tag leben?

Ein weiterer Pool, der meiner Meinung nach in dieser Situation angezapft werden sollte, ist die Opposition. In diesem Boot sitzen wir alle, warum nicht die, deren Job quasi das Meckern über die Regierung ist, in die Verantwortung holen? Mosern darf nur, wer mindestens eine gute Idee mitbringt, wie es besser geht.

Wenn wir als Land einigermaßen gut und vielleicht sogar noch etwas gestärkt und mit Resilienz aus dieser Situation herauskommen wollen, dann gelingt das nur, wenn möglichst viele über alle Sichtweisen hinweg mitmachen, sowohl bei der Expertise als auch bei allem, was zu tun ist. Die Möglichkeiten, ein breit gefächertes Schwarmwissen anzuzapfen, waren doch noch nie so groß wie heute!

So. Und nun können Sie meinetwegen milde lächeln und mich als spinnerte Sozialromantikerin abtun. Ich habe es ja auch relativ einfach, ich trage nicht Ihre Verantwortung. Im Übrigen weiß ich es zu schätzen, dass Sie die auf sich genommen haben.

Ich bin fest davon überzeugt: Wir können mehr erreichen als das, was derzeit läuft. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir dazu ein Stück von der deutschen Gründlichkeit und (so leid es mir tut, unserer Gesellschaft diese Eigenschaft zuzuordnen) Überheblichkeit abgeben müssen. Hier passt keine DIN-Norm, hier ist Kreativität und Innovationsgeist gefragt. Im Augenblick kommt allerdings eher Mutlosigkeit an. Schade.

Bitte: Seien Sie mutig.

Mit freundlichem Gruß

Ich habe diesen ganzen Sermon heute als Offenen Brief an die Staatskanzleien gemailt. Nachdem ich heute früh die Ergebnisse der MPK hörte und las, war mir zum Heulen zumute.

Ich begreife so einiges nicht mehr. Ich begreife nicht, warum es besser sein soll, wenn vor Ostern ALLE am Samstag einkaufen, weil Donnerstag die Geschäfte geschlossen sind. Ich verstehe nicht, warum der Flieger nach Mallorca besser ist als der Strandspaziergang an der See oder eine Wanderung durch Eifel oder Heide.

Eben bekamen wir die Mitteilung, dass in der Schule ab morgen wieder Distanzunterricht ist. Dann werden wenigstens die Tests gespart, die natürlich erst am Freitag im Lauf des Tages dort angekommen waren. Nach Ostern wird es ja vermutlich irgendwann wieder losgehen.

Nur weil Anfang März der Mut nicht reichte, um zu sagen: „Wir halten jetzt noch bis zu den Osterferien die Füße still“ ? Was jetzt kommt, war doch mit Ansage. Und auch deswegen, weil (da müssen wir uns vermutlich so ziemlich alle ein wenig an die Nase fassen) wir unbedingt unsere „Freiheit und Selbstbestimmung“ zurück haben wollten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir müssen langsam wieder öffnen. Einen Bereich nach dem anderen, mit genauer Beobachtung, was passiert. Wir brauchen Perspektiven.

Was aber nicht geht, sind Szenen wie am Samstag in Kassel. Immer wieder heißt es, wir müssten doch denen, die nur ihre Freiheit verteidigen wollen, mit Verständnis begegnen. Aber nicht, indem man sämtliche Regeln bricht und nicht im Schulterschluss mit Antidemokraten!

Ganz klar gesagt: Ich habe nicht nur Freiheit, sondern auch die Verantwortung für meine Kinder, den Ehemann, den Rest der Familie. Und ich könnte kotzen, wenn ich wegen diverser chronischen Erkrankungen bei mir (gleich drei Risikofaktoren) und in der Familie vorsichtig bin und deswegen als Schlafschaf bezeichnet werde.

Deswegen habe ich mir die Mühe gemacht und die Email-Adressen der Staatskanzleien rausgesucht. Bremen und Hamburg habe ich aufgegeben, da hab ich mich auf den Homepages verfranst. Weil meine bescheidene Möglichkeit der Einflussnahme ist, meinen Frust kundzutun, relativ höflich, aber bestimmt. Mal sehen, ob sich jemand zurückmeldet…

Über Pest, Cholera und verbale Abrüstung

Die Nerven werden stündlich dünner. Seit einem Jahr begleiten uns Unsicherheiten und Widersprüche auf Schritt und Tritt.

Nur ein paar Beispiele:

  • Erst hieß es, Masken nützen nichts, dann wurde diese Einschätzung revidiert und über den Umweg Alltagsmasken landeten wir beim heutigen Stand. (Ich weiß, dass Wissenschaft eine lebendige Sache ist, die von Erkenntnisgewinn lebt. Das ist nicht mein Problem.)
  • Ein und dieselbe Maßnahme ist den Einen zu lasch, den Nächsten zu restriktiv.
  • Der Inzidenzwert, der uns als Grenzwert genannt wurde, lag zunächst bei 50, dann bei 35 und jetzt ist er bei 100 (und wie es aussieht, hat diese Zahl 100 ziemlich unterschiedliche Interpretationen in einigen Bundesländern).
  • Wird regional entschieden, gibt es Regelwirrwarr und einen Geschäftstourismus aus Risikogebieten in Nicht-Risikogebiete. Wird deutschlandweit entschieden, ist das wie Sippenhaft.
  • Schützen wir durch AHA-L und vor allem durch das Impfen zunächst die vulnerablen Gruppen, bleibt die Infektiosität bei den jüngeren und aktiveren Menschen hoch, aber die Sterblichkeit sinkt (zunächst). Impfen wir aber bevorzugt diejenigen, die in der Öffentlichkeit arbeiten, sinkt die Infektrate, aber die Sterblichkeit bleibt höher.
  • Schicken wir die Kinder in Schulen und Kitas, steigt neben ihrer psychischen Gesundheit aber andererseits das Infektionsrisiko, das sie unter anderem in ihre Familien tragen können (was die Kids dann durch Schuldgefühle auch wieder belasten kann). Lassen wir sie zu Hause, steigt die (Mehrfach-) Belastung im familiären Umfeld.

Wir haben also so gesehen in vielen Fällen die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen. In jedem Fall hat jede unterschiedliche Ansicht ihre Berechtigung aus der Sicht Betroffener. Es ähnelt der Quadratur des Kreises. Als letztes Jahr um diese Zeit der erste Lockdown verkündet wurde, meinte ich zu Edgar: „Die werden machen können, was sie wollen, es wird immer falsch sein!“ Ich hätte mir gewünscht, mit dieser Aussage nicht ins Schwarze getroffen zu haben. Wisst ihr was, ich bin heilfroh, dass ich „nur“ Verantwortung für meine Familie und mein persönliches Umfeld habe. Ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Haut stecken von jemandem, der in der Position steht, mit seinen Entscheidungen auch über Gesundheit, berufliche Existenz, Bildungserfolg oder andere Lebensbereiche von 80 Millionen Menschen Verantwortung zu übernehmen.

Es ist unbestreitbar nicht nur vieles gut gemacht worden bisher, sondern es sind auch einige Dinge ganz gewaltig daneben gegangen, häufig übrigens gar nicht mal durch die Entscheidungen selbst, sondern entweder über schlechte Kommunikation oder durch die Tatsache, dass eine Runde von 17 Menschen etwas beschließt und mindestens die Hälfte davon etwas ganz anderes macht, oft schon, bevor die Tinte unter den Vereinbarungen trocken ist! Da ist es dann irgendwann kein Wunder mehr, dass die Regierten abschalten.

Das alles ist schon schwierig genug. Aber was mir so richtig gewaltig auf den Keks geht, ist die von Kriegsvergleichen und verbalen Waffen strotzende Rhetorik. Meist übrigens von den Herren der Schöpfung. Dabei ist es eigentlich sogar egal, ob sie auf der Regierungsbank oder in der Opposition sitzen. Die Damen sind da etwas feinfühliger mit der Wahl der Worte, aber insgesamt wünsche ich mir von allen Seiten einen sachlicheren Umgang. Ich wäre außerdem sehr dafür, dass man die Oppositionellen nicht nur Kontra geben lässt, sondern sie auffordert, mit konstruktiven Beiträgen zur Lösung einiger Probleme beizutragen. Denn in dieser Pampe sitzen wir alle gemeinsam!

Und nein, ich kann auch kein bisschen Verständnis dafür aufbringen, dass einige Politiker so dreist sind, diese Pandemie dazu ausnutzen, sich zu bereichern. Da wird noch ein langer Weg notwendig sein, Vertrauen wiederherzustellen, obwohl davon auszugehen ist, dass die meisten Parlamentarier ordentlich arbeiten.

Was mich in den letzten Tagen zunehmend befällt, ist ein wachsendes Gefühl der Hilflosigkeit. Mein Optimismus verkriecht sich stundenweise in ein Schneckenhaus. Ich bin ratlos, wenn ich sehe, dass Menschen, mit denen ich schon gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, den Weg des Konsens verlassen und nur noch schwarz oder weiß sehen. Ich möchte auch manchmal ausbrechen, aber wohin? Also mache ich weiter, ich mag unsere demokratische Gesellschaft nicht aufgeben, ich möchte mein Zutrauen nicht verlieren, dass wir gemeinsam eine ganze Menge schaffen können, und ich möchte mein Vertrauen in manche bisherigen Weggefährten nicht wegwerfen, aber ich habe auch Angst vor manchen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Nein, Angst trifft es auch nicht ganz. Es ist eher ein Gefühl der Ohnmacht.

Ein Gefühl von Verlust. Verlust einer Gesellschaft, die von Gemeinsamkeit und Aufbruch, aber auch von einem moralisch-ethischen Kompass geprägt ist. Hin zu einer Zusammenrottung von Individuen, die nur ihren eigenen Vorteil zum Maßstab ihres Handelns machen. Ach Scheibenhonig, ich will das nicht. Ich möchte mich viel lieber fröhlich auf den Frühling freuen.

An alle, die bis hier durchgehalten haben: danke fürs Auskotzen dürfen. Es wird schon wieder.