„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“

Dieser Spruch steht im Evangelium des Lukas: Lk 12,48 (Basis-Bibel)

Unsere älteste Tochter meint immer, meine Andachten seien politisch. Kann sein. Ist vermutlich so. Aber meiner Meinung nach kann Glaube eigentlich auch überhaupt nicht unpolitisch sein, denn mit dem Bekenntnis meines Glaubens stelle ich mich in die Gesellschaft und gebe ein Statement ab, ob ich will oder nicht. Ich beziehe damit Stellung, wie ich zu anderen Menschen und auch nichtmenschlichen Mitgeschöpfen stehe. Wie ich die Welt um mich herum sehe. Und im Jahr 2021 auch, wem ich zutraue, nach der #btw2021 meine Interessen zu vertreten, wenn es um diesen persönlichen Blick auf die Welt geht.

An dieser Stelle will ich kein Fass aufmachen, welche Partei das sein könne oder auch nicht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, das muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen, und selbstverständlich habe ich auch nichts dagegen, dass man da zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann (solange sie demokratisch agierende Parteien betrifft).

Es ist allerdings so, dass ich bei der Beschäftigung mit den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien und den Analysen, die dazu getätigt wurden, wer von den Versprechungen der einzelnen Ausrichtungen wie stark betroffen ist, an den Lukas-Vers denken musste. Vor relativ genau vier Jahren war es meine Aufgabe, eine Andacht zu diesem Vers zu schreiben. Ich gebe sie euch hier einmal zum Lesen:

Ich habe ein Bild mitgebracht. Auf dem Bild sieht man Menschen im Kreis stehen mit hochgereckten Händen. Sie sind bereit, eine Frau aufzufangen, die sich von irgendwo her fallen lässt.
Diese Übung kennt vermutlich jeder, der schon mal eine Teambildungsmaßnahme mitgemacht hat. Es ist ein starkes Bild. Es zeugt von Mut und Vertrauen: vom Mut der Frau, sich fallen zu lassen. Sind die anderen Menschen stark genug, sie aufzufangen? Sie vertraut fest darauf. „Diese Leute werden mich nicht fallen lassen. Sie lassen nicht zu, dass mir etwas geschieht!“
Auch die Menschen im Kreis sind mutig: Wie schwer ist die Frau? Lässt sie sich locker fallen oder verkrampft sie sich? Können wir sie auffangen? Und sie vertrauen. „Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“
Die Menschen vertrauen einander. Und sie ahnen, dass es gut wird.
Eine andere Art von „sich fallen lassen“ hat mich persönlich die letzten Wochen beschäftigt. Die Aufgabe, eine Andacht zu schreiben zu einem Spruch, der durch das Los entschieden wurde. Eine Andacht zu einem Thema, in dem ich mich zuhause fühle, das ist eine Sache. Aber so ein „Sprung ins kalte Wasser“, das ist eine andere Hausnummer.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ (Lk 12,48, Basis-Bibel)
Wie geht es dir, wenn du diesen Spruch hörst?
Wenn er als Wochenspruch zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird. Du hörst ihn einmal und dann geht es schon weiter mit der Liturgie. Ist der Spruch dir bekannt?
Weißt du, in welchem Zusammenhang Jesus ihn gebraucht?
Ist der Spruch sonnenklar zu verstehen oder geht es dir vielleicht genau wie mir?
Ich habe diesen Spruch gelesen, den ich zugelost bekam. Und als erstes habe ich gedacht: „Oh nein, was ist denn das für ein blöder Spruch? Dazu fällt mir niemals etwas Gescheites ein.“
Als nächstes schoss mir ein Sprichwort durch den Kopf: „Der Mensch wächst mit den Aufgaben.“ Das dürfte auch bekannt sein. Manchmal wird es als Floskel gebraucht. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen und bin mir unsicher, ob ich die Verantwortung auch ausfüllen kann. Dann wird mir dieser Satz an den Kopf geknallt. Völlig gedankenlos und wenig hilfreich.
Es kann aber auch sein, dass sich jemand aufrichtig dafür interessiert, wie es mir ergeht. Mit demselben Satz drückt er oder sie dann aus: „Hey, wenn man dir die Aufgabe übertragen hat, dann traut man sie dir auch zu. Man schätzt dich und ist sicher: Du wirst dir das erarbeiten. Du wirst nicht scheitern. Du wirst daran wachsen und reifen!“
Den Unterschied erkennen wir am Tonfall, an der Gestik und Mimik des Sprechers.
Aber wenn ich den Bibelvers lese, sehe ich keine Gestik, keine Mimik. Also konzentrieren wir uns jetzt auf die genaue Wortwahl des Verses.
Als erstes fällt mir auf: Der erste Satzteil ist jeweils bereits erfolgt, während der zweite Teil sich fortdauernd ereignet.
Und dann fesseln mich zwei Wortpaare. Erstens: gegeben und verlangt. Zweitens: anvertraut und gefordert. Klingt auf Anhieb gar nicht so unterschiedlich. Trotzdem findet eine deutliche Steigerung statt: Im ersten Satz geht es um eine Gabe, ein Geschenk. Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es, einfach so, weil man da ist. Vom Empfänger der Gabe wünscht sich der Geber, sich dieser Gabe würdig zu erweisen, das Vertrauen zu rechtfertigen.
Im zweiten Satz geht Jesus noch weiter: Es geht darum, jemandem etwas anzuvertrauen. Das ist ein so starkes Wort! Im Duden steht dazu „vertrauensvoll übergeben“. Wenn man jemandem etwas anvertraut, dann ist man fest davon überzeugt, derjenige wird nicht nur zuverlässig darauf aufpassen, er wird auch etwas Gutes daraus machen. Daraus erwächst eine Forderung. Der Duden sagt:
„Eine Forderung ist ein nachdrücklich zum Ausdruck gebrachter Wunsch, etwas fordern bedeutet: einen Anspruch erheben.“
Starker Tobak, den Jesus seinen Hörern an der Stelle zumutet. Doch er stellt nicht einfach eine Behauptung in den Raum, er spricht in eine konkrete Situation hinein. Dieser Vers steht in der Mitte des Evangeliums. Zur Halbzeit sozusagen. Jesus lehrt die Menge, die ihm folgt, mit verschiedenen Gleichnissen.
Seine Jünger sind immer dabei, aber ähnlich wie der Rest der Leute verstehen auch sie zum Teil nur Bahnhof.
Deswegen fragt Petrus zwischendurch einfach mal nach: „Sag mal, was du da erzählst, klingt ja ganz gut, aber für wen gilt das eigentlich? Ist das nur für uns wichtig oder auch für den Rest der Menschheit?“
Jesus stellt an dieser Stelle bereits ganz deutlich klar: Das, was ich euch sage, ist wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Nicht nur jetzt und hier, sondern auch zukünftig und für alle.
Und er hat einen besonderen Auftrag für seine Nachfolger. „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt.“ Alle, die Jesus nachfolgen, sind „begabt“. Denn Jesus hat für sie alle den Tod am Kreuz erlitten. Die Menschen, die Jesus nachfolgen, sollen ihre Gabe, ihre Erkenntnis und ihr Vertrauen weitergeben, damit viele davon erfahren und sich anschließen. Christus-Nachfolger tragen in der Welt eine höhere Verantwortung als Menschen, die ihn und sein Wort nicht kennen.
Die Jünger aber sind noch mehr gefordert. Ebenso alle, die nach ihnen durch Leitungspositionen Verantwortung für die wachsende Gemeinde Christi tragen: „Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Natürlich ist das eine Zu-Mutung: „Sorgt IHR dafür, dass die Gemeinde nach meinen Maßstäben lebt und wächst“. Aber auch eine starke Zu-Sage steckt darin: „Ich traue es euch zu, dass ihr das schafft!“.
Lukas ist der einzige Evangelist, der die Begebenheit aus Kapitel 12,48 beschreibt. Er ist der Einzige, der den Missionsbefehl so ausführlich und persönlich darstellt. Und er ist der Einzige, der als „Fortsetzung“ aufgeschrieben hat, wie es dann weiterging mit der Verbreitung des Christentums.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Anfangs hatte ich dich gefragt: Wie geht es dir mit diesem Vers? Die Frage stelle ich jetzt noch einmal in den Raum.
Hat der Vers etwas mit deinem konkreten Leben hier und heute zu tun?
Ich kann dir versichern, bei mir ist beides der Fall. Meine Wahrnehmung hat sich geändert. Ich sehe nicht mehr nur den Berg von Verantwortung vor mir, sondern auch den ermutigenden Zuspruch und den Vertrauensbeweis.
Und wenn in den Medien in den letzten Wochen und Monaten Berichte kursieren über die schwindende Relevanz von Religion allgemein, von Gemeinde im Besonderen, dann ruft mir dieser eine Vers zu:
„Pfeif auf diese undefinierbare Masse namens „Gesellschaft“. Es liegt an jedem einzelnen, es liegt an dir! Du kannst Gemeinschaft in das Gemeindeleben bringen! Es ist deine Aufgabe, jedem so zu begegnen, wie er oder sie es gerade braucht. Den Mitmenschen mit Achtung zu begegnen. Ihnen Respekt und Liebe entgegenzubringen. Und du schaffst das auch! Du wirst nicht scheitern. Du wirst vielmehr daran wachsen.
Kreide nicht alles, was schief läuft in der Gemeinschaft, der Leitung an. Ja, es stimmt, die hat ganz besondere Aufgaben bekommen, aber trotzdem kommt es auch auf dich an.“
Und weißt du was? Das gelingt mir nicht immer. Es gibt Tage, da könnte ich an meinen eigenen Erkenntnissen und Ansprüchen ersticken. Geht dir genauso? Das finde ich beruhigend.
Aber wir sind nicht allein mit unserem Scheitern. Wir alle sind wie die Jünger: Wir verstehen manchmal nur Bahnhof. Wir fallen hin, wir leugnen. Aber das ist nicht schlimm, solange wir dranbleiben, aufstehen und bekennen.
Und das tolle, das unfassbare ist: Jesus hat den Grundstein seiner Kirche mit solchen Leuten gelegt. Er hat sich fallen gelassen, voller Vertrauen. Wie die Frau auf dem Foto.

In meinem ganzen Nachdenken habe ich mir die Andacht mehrfach durchgelesen, vieles sehe ich auch mit vier Jahren Abstand noch so, aber bei einigen Facetten hat sich meine Wahrnehmung verändert oder erweitert. Und nun kommt die politische Dimension dazu. J.F. Kennedy hat es so formuliert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst!“ Ich weiß, klingt etwas pathetisch. Aber so ganz unrecht hatte er nicht. Auch rund 60 Jahre später nicht. Wir erwarten so viel von unserer Regierung, von den Parlamenten, von unseren Repräsentanten. Aber sind wir auch bereit, etwas von uns einzubringen, außerhalb von ein paar Kreuzchen auf einem langen Zettel mit Möglichkeiten alle paar Jahre mal? Wissen wir und vertrauen wir darauf, dass es auch auf uns ankommt?

Oder aus einer ganz anderen Perspektive, und das geht jetzt an die Parteien, deren Credo „der Markt“ ist, der alles regelt: Wie regelt der Markt das denn? Im Allgemeinen nämlich nicht so, wie Lukas es formuliert hatte, sondern eher umgekehrt: Die Lasten verteilen sich zu häufig auf den Rücken derer, die sowieso schon nicht allzu viel besitzen, denn die „Leistungsträger“ (kann übersetzt werden mit „die Vermögenden“) dürfen nicht über Gebühr belastet werden. An die Adresse der Marktgläubigen (die mitunter eine Partei mit dem „C“ im Namen präferieren) stelle ich daher die Frage: Menschen in prekären Verhältnissen, die von ihrer Arbeit kein ordentliches Auskommen haben, sind die keine Leistungsträger? Seht ihr die nur als Masse, die dem Rest auf der Tasche liegt? Oder traut ihr denen zu, etwas wichtiges zum Gesamten beizutragen? Jeder nach seiner Möglichkeit?

Oder auch: Warum darf denn das Fleisch nicht teurer werden? Damit sich auch „die Ärmeren“ ab und zu mal ein ordentliches Steak auf dem Teller gönnen können? Seit wann seid ihr Freunde dieser Gesellschaftsgruppe? Aber vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte dürfen gern das doppelte bis dreifache des Koteletts kosten, denn das sind „Lifestyle-Produkte“. „Die Ärmeren“ sollen also nicht das Recht haben, auch eine fleischarme und abwechslungsreiche Ernährung auf den Teller zu bekommen, egal ob aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen? Ich wünsche mir da ein wenig mehr Empathie und Reflexion.

Wie die Jünger Jesu sind auch wir alle und unsere Politiker Menschen, Menschen mit Fehlern und Schwächen, und manchmal verstehen auch wir nur Bahnhof. Aber sind wir auch bereit, alle um uns herum so anzunehmen und gemeinsam etwas zum Guten zu bewegen?

„Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“ So arbeiten die Menschen aktuell in den Flutgebieten zusammen und so kann das auch in größerem Zusammenhang laufen. Mit Mut und Vertrauen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin müde. Ja, ich weiß, Sie auch. Lange Debatte und wenig Schlaf. Aber nicht nur Sie und ich sind müde, sondern vermutlich an die 80 Millionen Menschen in unserem Land. Müde, sauer, resigniert.

Klar kann es sein, dass Sie gute Gründe für Ihre Entscheidungen hatten, aber dann erklären Sie die bitte so, dass es jede Mutter versteht, die sich Sorgen um die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder macht. Jeder Mann, der nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll, wenn das Ersparte für die Altersvorsorge aufgebraucht ist, weil seine Ein-Mann-Veranstaltungstechnik-Firma am Ende ist. Erklären Sie es denen, die in Branchen wie Facheinzelhandel, Tourismus, Gastronomie, Kunst und Kultur kein Licht am Horizont sehen, weil ihre Existenzen von kleinen inhabergeführten Betrieben abhängen und nicht von den Konzernen, die gepampert wurden.

Unzählige Menschen warten auf Signale, die einen Aufbruch signalisieren. Einen Aufbruch in eine Zeit, in der wir tatsächlich hoffentlich sagen können: „Wir haben einen Weg gefunden, mit diesem Virus zu leben.“ Am besten sogar: „Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden…“ Menschen so wie meine Familie und ich und viele andere, die bisher alles mitgemacht haben, was verlangt wurde. Manchmal auch wider besseres Wissen, aber im Bewusstsein, dass wir auch nicht die Patentlösung haben. Leute, die wütend sind auf diejenigen, die auf jegliche Regel und Vorsicht pfeifen und anscheinend trotzdem machen dürfen, was sie wollen! Unter den Augen des Staates. Leute, die aber trotz dieser Wut nicht auf die Idee kämen, sich hinter Kindern zu verschanzen, damit die Wasserwerfer nicht eingesetzt werden.

Mir ist bewusst, dass die Sicherheitskräfte einen sehr schwierigen Beruf haben, dass es stets eine Balance geben muss zwischen der Aufgabe, Recht und Gesetz durchzusetzen und dem nicht minder schwerwiegenden Selbstschutz, der zurzeit eben auch bedeutet, dass man sich tunlichst nicht anspucken lassen will. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es überhaupt keine bisher aufgetretenen Situationen gibt, die man als Blaupause verwenden und angemessen abwandeln kann.

Ich verstehe nicht, wie es möglich sein kann, dass Gesundheitspersonal, egal ob in Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Arztpraxen ständig am Anschlag arbeitet, auch öffentlichkeitswirksam nicht nur die Missstände anprangert, sondern auch Lösungsvorschläge anbietet, nicht viel mehr gehört wird. Oder weshalb sie vielleicht sogar gehört werden, aber niemand in die Hände spuckt und sagt „Dann gehen wir das jetzt an!“

Ich habe es oben schon erwähnt, ich gehe davon aus, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben, mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch mit anderen Gesundheitsbedrohungen. Dazu steht der Klimawandel wie ein Berg vor uns. Deswegen kann es doch keine Dauerlösung sein, die nächsten Jahre „auf Sicht“ zu fahren. Wir brauchen Ansätze, die es uns in der breiten Masse möglich machen, einigermaßen optimistisch in die Zukunft zu blicken, Kraft zu schöpfen und dann entschlossen die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.

Aber bitte doch nicht mit so schlecht nachvollziehbaren Entscheidungen, wie Urlaub auf Mallorca für die Kunden von Lufthansa, TUI und wie die großen Anbieter alle heißen, zu erlauben, aber nicht ein paar Tage frische Nord- oder Ostseeluft auf einem Campingplatz oder in der Ferienwohnung. Ganz davon abgesehen, dass die Spanier es vermutlich eher mittelmäßig gut finden, wenn Deutschland neue Infektionen auf die Insel schleppt, die Festlandspanier derzeit nur auf alten Urlaubsfotos betrachten dürfen.

Nicht mit Bundesligaprofis, die sich zum Torjubel in die Arme fallen, weil sie ja bestens getestet sind, aber ich soll meine Freundin nicht zum Trost umarmen, weil wir ja potenzielle Virenschleudern sein könnten!

Ein weiteres No Go sind MPKs, über deren Ergebnisse bereits drei Tage vorher in der Boulevardpresse spekuliert wird, weil einige Themen offenbar durchgesickert sind. Und dann, nach deren Ende, oft die Tinte unter den Vereinbarungen noch nicht trocken ist, ehe die ersten Ministerpräsidenten ausscheren und verkünden, dass sie es aber anders machen. Wen wundert es, dass sich immer mehr Menschen nicht repräsentiert fühlen und der Meinung sind, sie hätten es mit einem Hühnerstall zu tun, in dem zu viele Hähne krähen.

Sie haben Referenten in Ihren Ministerien. Referenten für Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Lesen die eigentlich genau, was auf den Plattformen geschrieben wird? Nicht nur die Shitstorms, sondern auch die vielen klugen und kreativen Vorschläge, die von Ärzten, Lehrerinnen, Einzelhandelskaufleuten, Gastronomen, Kunstschaffenden…, also von Leuten gemacht werden, die jeden Tag in ihrem jeweiligen Metier praktisch arbeiten oder das zumindest gerne tun würden?

Gibt es irgendwo eine (virtuelle oder körperliche) Riesenpinnwand, an der man alle diese Ideen sammelt und für ein Brainstorming verwendet? Wer kennt sich denn besser in den Lebens- und Arbeitsbereichen aus als diejenigen, die sie Tag für Tag leben?

Ein weiterer Pool, der meiner Meinung nach in dieser Situation angezapft werden sollte, ist die Opposition. In diesem Boot sitzen wir alle, warum nicht die, deren Job quasi das Meckern über die Regierung ist, in die Verantwortung holen? Mosern darf nur, wer mindestens eine gute Idee mitbringt, wie es besser geht.

Wenn wir als Land einigermaßen gut und vielleicht sogar noch etwas gestärkt und mit Resilienz aus dieser Situation herauskommen wollen, dann gelingt das nur, wenn möglichst viele über alle Sichtweisen hinweg mitmachen, sowohl bei der Expertise als auch bei allem, was zu tun ist. Die Möglichkeiten, ein breit gefächertes Schwarmwissen anzuzapfen, waren doch noch nie so groß wie heute!

So. Und nun können Sie meinetwegen milde lächeln und mich als spinnerte Sozialromantikerin abtun. Ich habe es ja auch relativ einfach, ich trage nicht Ihre Verantwortung. Im Übrigen weiß ich es zu schätzen, dass Sie die auf sich genommen haben.

Ich bin fest davon überzeugt: Wir können mehr erreichen als das, was derzeit läuft. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir dazu ein Stück von der deutschen Gründlichkeit und (so leid es mir tut, unserer Gesellschaft diese Eigenschaft zuzuordnen) Überheblichkeit abgeben müssen. Hier passt keine DIN-Norm, hier ist Kreativität und Innovationsgeist gefragt. Im Augenblick kommt allerdings eher Mutlosigkeit an. Schade.

Bitte: Seien Sie mutig.

Mit freundlichem Gruß

Ich habe diesen ganzen Sermon heute als Offenen Brief an die Staatskanzleien gemailt. Nachdem ich heute früh die Ergebnisse der MPK hörte und las, war mir zum Heulen zumute.

Ich begreife so einiges nicht mehr. Ich begreife nicht, warum es besser sein soll, wenn vor Ostern ALLE am Samstag einkaufen, weil Donnerstag die Geschäfte geschlossen sind. Ich verstehe nicht, warum der Flieger nach Mallorca besser ist als der Strandspaziergang an der See oder eine Wanderung durch Eifel oder Heide.

Eben bekamen wir die Mitteilung, dass in der Schule ab morgen wieder Distanzunterricht ist. Dann werden wenigstens die Tests gespart, die natürlich erst am Freitag im Lauf des Tages dort angekommen waren. Nach Ostern wird es ja vermutlich irgendwann wieder losgehen.

Nur weil Anfang März der Mut nicht reichte, um zu sagen: „Wir halten jetzt noch bis zu den Osterferien die Füße still“ ? Was jetzt kommt, war doch mit Ansage. Und auch deswegen, weil (da müssen wir uns vermutlich so ziemlich alle ein wenig an die Nase fassen) wir unbedingt unsere „Freiheit und Selbstbestimmung“ zurück haben wollten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir müssen langsam wieder öffnen. Einen Bereich nach dem anderen, mit genauer Beobachtung, was passiert. Wir brauchen Perspektiven.

Was aber nicht geht, sind Szenen wie am Samstag in Kassel. Immer wieder heißt es, wir müssten doch denen, die nur ihre Freiheit verteidigen wollen, mit Verständnis begegnen. Aber nicht, indem man sämtliche Regeln bricht und nicht im Schulterschluss mit Antidemokraten!

Ganz klar gesagt: Ich habe nicht nur Freiheit, sondern auch die Verantwortung für meine Kinder, den Ehemann, den Rest der Familie. Und ich könnte kotzen, wenn ich wegen diverser chronischen Erkrankungen bei mir (gleich drei Risikofaktoren) und in der Familie vorsichtig bin und deswegen als Schlafschaf bezeichnet werde.

Deswegen habe ich mir die Mühe gemacht und die Email-Adressen der Staatskanzleien rausgesucht. Bremen und Hamburg habe ich aufgegeben, da hab ich mich auf den Homepages verfranst. Weil meine bescheidene Möglichkeit der Einflussnahme ist, meinen Frust kundzutun, relativ höflich, aber bestimmt. Mal sehen, ob sich jemand zurückmeldet…

Und was, wenn die Zweifel kommen?

„Es war tief in der Nacht, kurz vor Morgengrauen. Wir waren nach einem langen, ereignisreichen Tag auf dem See unterwegs, in einem unserer Boote. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Merkwürdig, denn um diese Zeit schlief eigentlich auch die Natur. Sofort waren wir alle wach und auf dem Posten.

Doch was war das? Eine Bewegung auf dem Wasser, etwas kam auf uns zu! Wie ein wehender Mantel, eine gespenstische Erscheinung! Wir waren alle miteinander entsetzt, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Furcht war ansteckend, ich glaube, wir schrieen ziemlich durcheinander. Doch da sprach die Erscheinung zu uns: ‚Habt keine Angst. Ich bin es. Es ist alles gut!‘

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Und doch konnte ich es nicht so ganz glauben, deswegen rief ich ‚Herr, bist du es? Wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!‘ ‚Dann komm!‘ antwortete er. Ohne nachzudenken setzte ich erst den einen, dann den anderen Fuß über die Bordwand. Ich hatte ihn fest im Blick, ich ging auf ihn zu. Aber dann bemerkte ich die hohen Wellen rings umher. Was tat ich hier? Das war doch unmöglich …

Prompt begann ich zu sinken, der brodelnde See würde mich gleich verschlucken. Da griff eine Hand nach meiner und hielt mich fest. Er fragte mich: ‚Warum hast du so wenig Vertrauen zu mir?‘ Diese Frage beschäftigte und beschämte mich noch lange danach. Gemeinsam bestiegen wir das Boot und gleichzeitig legte sich der Sturm. Wir alle knieten nieder und waren voller Ehrfurcht vor Ihm. So vieles hatten wir schon mit ihm erlebt und doch waren wir immer aufs Neue überwältigt. Er konnte nur der ersehnte Messias sein!“

(Nach Matthäus 14, 22-33)

Na, ich schätze, du kennst den Erzähler dieser Begebenheit. Es ist natürlich Petrus. Petrus, der immer treu zu Jesus stehen wollte. Petrus, der gern ein bisschen großspurig daherkam und seinen eigenen Anforderungen nicht so recht genügen konnte. Petrus, der Jesus schließlich verleugnete, als es für ihn selbst brenzlig wurde. Aber eben auch Petrus, dem Jesus so viel zugetraut hatte. Petrus, mit dem Jesus immer liebevoll und geduldig umgegangen war. Petrus, dem Jesus ganz direkt die Gemeinde anvertraut hatte, ehe er zum Himmel auffuhr.

Petrus ist eigentlich ein Mensch, den wir gut verstehen können. Denn in wohl jedem von uns steckt mehr oder weniger von seinem Charakter drin. Wir sind möglicherweise einmal wie Petrus von Jesus angesprochen worden: „Folge mir nach.“ Und wir sind gefolgt. Vielleicht zunächst aus Neugierde, dann mit wachsender Faszination für diesen so anderen Weg, den wir mit Jesus gehen dürfen. Auch wenn wir nicht immer verstanden haben, was Jesus eigentlich von uns und für uns will, wir haben gebrannt für Jesus, wollten ihm immer nahe sein.

Und doch, es gibt auch immer mal wieder Zeiten, da wissen wir nicht, ob es vielleicht doch ein Irrweg ist, ob es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Da kommen Fragen und Zweifel. Und dann?

In den Tagen und Wochen jetzt, mit der Ungewissheit, was mit der Menschheit passiert, wie die Welt nach Corona (oder mit Corona auf Dauer) aussehen wird, da sind wir möglicherweise besonders anfällig, uns zu überlegen, wohin uns der Weg mit Jesus führt.

Zweifel kommen gern dann, wenn wir den Blick von Jesus lösen, wenn wir die Stürme des Lebens um uns herum verstärkt wahrnehmen, wenn wir vor allem bemerken, was alles gerade schief läuft. Dann fehlt uns das Vertrauen. Alle Sicherheiten, die wir uns aufgebaut haben, stehen auf dem Prüfstand und manches hält der Prüfung nicht stand.

In meiner westfälischen Heimat haben die Gemeinden, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengeschlossen sind, ein allgemeines Glockenläuten jeden Abend um 19:30 Uhr beschlossen. Und ein Gebet verfasst, das zu dieser Zeit alle mitsprechen können. Dabei auch eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen, als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Und auch als eine Art der Selbstvergewisserung, auf wen wir letztlich unser Vertrauen setzen. Das Vertrauen, das über den Zweifel die Oberhand behält oder erhält.

Mir fehlt für diesen Impuls gerade der zündende Schlusssatz. Ich schätze mal, das liegt daran, dass den Schluss oder die Schlussfolgerung, jede*r einzelne von uns für sich finden muss. Das geht nicht auf dem Verordnungsweg. Es kann auch das Gegenteil von Schluss sein, nämlich ein persönlicher Anfang, der Beginn eines Weges. Eines Weges mit Berg- und Taletappen, mit Stolpersteinen und Bänken zum Ausruhen am Wegesrand. Mit Sturzregen, Sturm, lauen Frühlingslüftchen, heißen und trockenen Tagen und manchmal auch grandiosen Ausblicken.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Und vor allem zuhause!

PS: Wenn du den Text des Gebetes haben möchtest, schreib mich über das Kontaktformular an.