Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin müde. Ja, ich weiß, Sie auch. Lange Debatte und wenig Schlaf. Aber nicht nur Sie und ich sind müde, sondern vermutlich an die 80 Millionen Menschen in unserem Land. Müde, sauer, resigniert.

Klar kann es sein, dass Sie gute Gründe für Ihre Entscheidungen hatten, aber dann erklären Sie die bitte so, dass es jede Mutter versteht, die sich Sorgen um die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder macht. Jeder Mann, der nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll, wenn das Ersparte für die Altersvorsorge aufgebraucht ist, weil seine Ein-Mann-Veranstaltungstechnik-Firma am Ende ist. Erklären Sie es denen, die in Branchen wie Facheinzelhandel, Tourismus, Gastronomie, Kunst und Kultur kein Licht am Horizont sehen, weil ihre Existenzen von kleinen inhabergeführten Betrieben abhängen und nicht von den Konzernen, die gepampert wurden.

Unzählige Menschen warten auf Signale, die einen Aufbruch signalisieren. Einen Aufbruch in eine Zeit, in der wir tatsächlich hoffentlich sagen können: „Wir haben einen Weg gefunden, mit diesem Virus zu leben.“ Am besten sogar: „Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden…“ Menschen so wie meine Familie und ich und viele andere, die bisher alles mitgemacht haben, was verlangt wurde. Manchmal auch wider besseres Wissen, aber im Bewusstsein, dass wir auch nicht die Patentlösung haben. Leute, die wütend sind auf diejenigen, die auf jegliche Regel und Vorsicht pfeifen und anscheinend trotzdem machen dürfen, was sie wollen! Unter den Augen des Staates. Leute, die aber trotz dieser Wut nicht auf die Idee kämen, sich hinter Kindern zu verschanzen, damit die Wasserwerfer nicht eingesetzt werden.

Mir ist bewusst, dass die Sicherheitskräfte einen sehr schwierigen Beruf haben, dass es stets eine Balance geben muss zwischen der Aufgabe, Recht und Gesetz durchzusetzen und dem nicht minder schwerwiegenden Selbstschutz, der zurzeit eben auch bedeutet, dass man sich tunlichst nicht anspucken lassen will. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es überhaupt keine bisher aufgetretenen Situationen gibt, die man als Blaupause verwenden und angemessen abwandeln kann.

Ich verstehe nicht, wie es möglich sein kann, dass Gesundheitspersonal, egal ob in Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Arztpraxen ständig am Anschlag arbeitet, auch öffentlichkeitswirksam nicht nur die Missstände anprangert, sondern auch Lösungsvorschläge anbietet, nicht viel mehr gehört wird. Oder weshalb sie vielleicht sogar gehört werden, aber niemand in die Hände spuckt und sagt „Dann gehen wir das jetzt an!“

Ich habe es oben schon erwähnt, ich gehe davon aus, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben, mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch mit anderen Gesundheitsbedrohungen. Dazu steht der Klimawandel wie ein Berg vor uns. Deswegen kann es doch keine Dauerlösung sein, die nächsten Jahre „auf Sicht“ zu fahren. Wir brauchen Ansätze, die es uns in der breiten Masse möglich machen, einigermaßen optimistisch in die Zukunft zu blicken, Kraft zu schöpfen und dann entschlossen die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.

Aber bitte doch nicht mit so schlecht nachvollziehbaren Entscheidungen, wie Urlaub auf Mallorca für die Kunden von Lufthansa, TUI und wie die großen Anbieter alle heißen, zu erlauben, aber nicht ein paar Tage frische Nord- oder Ostseeluft auf einem Campingplatz oder in der Ferienwohnung. Ganz davon abgesehen, dass die Spanier es vermutlich eher mittelmäßig gut finden, wenn Deutschland neue Infektionen auf die Insel schleppt, die Festlandspanier derzeit nur auf alten Urlaubsfotos betrachten dürfen.

Nicht mit Bundesligaprofis, die sich zum Torjubel in die Arme fallen, weil sie ja bestens getestet sind, aber ich soll meine Freundin nicht zum Trost umarmen, weil wir ja potenzielle Virenschleudern sein könnten!

Ein weiteres No Go sind MPKs, über deren Ergebnisse bereits drei Tage vorher in der Boulevardpresse spekuliert wird, weil einige Themen offenbar durchgesickert sind. Und dann, nach deren Ende, oft die Tinte unter den Vereinbarungen noch nicht trocken ist, ehe die ersten Ministerpräsidenten ausscheren und verkünden, dass sie es aber anders machen. Wen wundert es, dass sich immer mehr Menschen nicht repräsentiert fühlen und der Meinung sind, sie hätten es mit einem Hühnerstall zu tun, in dem zu viele Hähne krähen.

Sie haben Referenten in Ihren Ministerien. Referenten für Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Lesen die eigentlich genau, was auf den Plattformen geschrieben wird? Nicht nur die Shitstorms, sondern auch die vielen klugen und kreativen Vorschläge, die von Ärzten, Lehrerinnen, Einzelhandelskaufleuten, Gastronomen, Kunstschaffenden…, also von Leuten gemacht werden, die jeden Tag in ihrem jeweiligen Metier praktisch arbeiten oder das zumindest gerne tun würden?

Gibt es irgendwo eine (virtuelle oder körperliche) Riesenpinnwand, an der man alle diese Ideen sammelt und für ein Brainstorming verwendet? Wer kennt sich denn besser in den Lebens- und Arbeitsbereichen aus als diejenigen, die sie Tag für Tag leben?

Ein weiterer Pool, der meiner Meinung nach in dieser Situation angezapft werden sollte, ist die Opposition. In diesem Boot sitzen wir alle, warum nicht die, deren Job quasi das Meckern über die Regierung ist, in die Verantwortung holen? Mosern darf nur, wer mindestens eine gute Idee mitbringt, wie es besser geht.

Wenn wir als Land einigermaßen gut und vielleicht sogar noch etwas gestärkt und mit Resilienz aus dieser Situation herauskommen wollen, dann gelingt das nur, wenn möglichst viele über alle Sichtweisen hinweg mitmachen, sowohl bei der Expertise als auch bei allem, was zu tun ist. Die Möglichkeiten, ein breit gefächertes Schwarmwissen anzuzapfen, waren doch noch nie so groß wie heute!

So. Und nun können Sie meinetwegen milde lächeln und mich als spinnerte Sozialromantikerin abtun. Ich habe es ja auch relativ einfach, ich trage nicht Ihre Verantwortung. Im Übrigen weiß ich es zu schätzen, dass Sie die auf sich genommen haben.

Ich bin fest davon überzeugt: Wir können mehr erreichen als das, was derzeit läuft. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir dazu ein Stück von der deutschen Gründlichkeit und (so leid es mir tut, unserer Gesellschaft diese Eigenschaft zuzuordnen) Überheblichkeit abgeben müssen. Hier passt keine DIN-Norm, hier ist Kreativität und Innovationsgeist gefragt. Im Augenblick kommt allerdings eher Mutlosigkeit an. Schade.

Bitte: Seien Sie mutig.

Mit freundlichem Gruß

Ich habe diesen ganzen Sermon heute als Offenen Brief an die Staatskanzleien gemailt. Nachdem ich heute früh die Ergebnisse der MPK hörte und las, war mir zum Heulen zumute.

Ich begreife so einiges nicht mehr. Ich begreife nicht, warum es besser sein soll, wenn vor Ostern ALLE am Samstag einkaufen, weil Donnerstag die Geschäfte geschlossen sind. Ich verstehe nicht, warum der Flieger nach Mallorca besser ist als der Strandspaziergang an der See oder eine Wanderung durch Eifel oder Heide.

Eben bekamen wir die Mitteilung, dass in der Schule ab morgen wieder Distanzunterricht ist. Dann werden wenigstens die Tests gespart, die natürlich erst am Freitag im Lauf des Tages dort angekommen waren. Nach Ostern wird es ja vermutlich irgendwann wieder losgehen.

Nur weil Anfang März der Mut nicht reichte, um zu sagen: „Wir halten jetzt noch bis zu den Osterferien die Füße still“ ? Was jetzt kommt, war doch mit Ansage. Und auch deswegen, weil (da müssen wir uns vermutlich so ziemlich alle ein wenig an die Nase fassen) wir unbedingt unsere „Freiheit und Selbstbestimmung“ zurück haben wollten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir müssen langsam wieder öffnen. Einen Bereich nach dem anderen, mit genauer Beobachtung, was passiert. Wir brauchen Perspektiven.

Was aber nicht geht, sind Szenen wie am Samstag in Kassel. Immer wieder heißt es, wir müssten doch denen, die nur ihre Freiheit verteidigen wollen, mit Verständnis begegnen. Aber nicht, indem man sämtliche Regeln bricht und nicht im Schulterschluss mit Antidemokraten!

Ganz klar gesagt: Ich habe nicht nur Freiheit, sondern auch die Verantwortung für meine Kinder, den Ehemann, den Rest der Familie. Und ich könnte kotzen, wenn ich wegen diverser chronischen Erkrankungen bei mir (gleich drei Risikofaktoren) und in der Familie vorsichtig bin und deswegen als Schlafschaf bezeichnet werde.

Deswegen habe ich mir die Mühe gemacht und die Email-Adressen der Staatskanzleien rausgesucht. Bremen und Hamburg habe ich aufgegeben, da hab ich mich auf den Homepages verfranst. Weil meine bescheidene Möglichkeit der Einflussnahme ist, meinen Frust kundzutun, relativ höflich, aber bestimmt. Mal sehen, ob sich jemand zurückmeldet…

Und was, wenn die Zweifel kommen?

„Es war tief in der Nacht, kurz vor Morgengrauen. Wir waren nach einem langen, ereignisreichen Tag auf dem See unterwegs, in einem unserer Boote. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Merkwürdig, denn um diese Zeit schlief eigentlich auch die Natur. Sofort waren wir alle wach und auf dem Posten.

Doch was war das? Eine Bewegung auf dem Wasser, etwas kam auf uns zu! Wie ein wehender Mantel, eine gespenstische Erscheinung! Wir waren alle miteinander entsetzt, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Furcht war ansteckend, ich glaube, wir schrieen ziemlich durcheinander. Doch da sprach die Erscheinung zu uns: ‚Habt keine Angst. Ich bin es. Es ist alles gut!‘

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Und doch konnte ich es nicht so ganz glauben, deswegen rief ich ‚Herr, bist du es? Wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!‘ ‚Dann komm!‘ antwortete er. Ohne nachzudenken setzte ich erst den einen, dann den anderen Fuß über die Bordwand. Ich hatte ihn fest im Blick, ich ging auf ihn zu. Aber dann bemerkte ich die hohen Wellen rings umher. Was tat ich hier? Das war doch unmöglich …

Prompt begann ich zu sinken, der brodelnde See würde mich gleich verschlucken. Da griff eine Hand nach meiner und hielt mich fest. Er fragte mich: ‚Warum hast du so wenig Vertrauen zu mir?‘ Diese Frage beschäftigte und beschämte mich noch lange danach. Gemeinsam bestiegen wir das Boot und gleichzeitig legte sich der Sturm. Wir alle knieten nieder und waren voller Ehrfurcht vor Ihm. So vieles hatten wir schon mit ihm erlebt und doch waren wir immer aufs Neue überwältigt. Er konnte nur der ersehnte Messias sein!“

(Nach Matthäus 14, 22-33)

Na, ich schätze, du kennst den Erzähler dieser Begebenheit. Es ist natürlich Petrus. Petrus, der immer treu zu Jesus stehen wollte. Petrus, der gern ein bisschen großspurig daherkam und seinen eigenen Anforderungen nicht so recht genügen konnte. Petrus, der Jesus schließlich verleugnete, als es für ihn selbst brenzlig wurde. Aber eben auch Petrus, dem Jesus so viel zugetraut hatte. Petrus, mit dem Jesus immer liebevoll und geduldig umgegangen war. Petrus, dem Jesus ganz direkt die Gemeinde anvertraut hatte, ehe er zum Himmel auffuhr.

Petrus ist eigentlich ein Mensch, den wir gut verstehen können. Denn in wohl jedem von uns steckt mehr oder weniger von seinem Charakter drin. Wir sind möglicherweise einmal wie Petrus von Jesus angesprochen worden: „Folge mir nach.“ Und wir sind gefolgt. Vielleicht zunächst aus Neugierde, dann mit wachsender Faszination für diesen so anderen Weg, den wir mit Jesus gehen dürfen. Auch wenn wir nicht immer verstanden haben, was Jesus eigentlich von uns und für uns will, wir haben gebrannt für Jesus, wollten ihm immer nahe sein.

Und doch, es gibt auch immer mal wieder Zeiten, da wissen wir nicht, ob es vielleicht doch ein Irrweg ist, ob es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Da kommen Fragen und Zweifel. Und dann?

In den Tagen und Wochen jetzt, mit der Ungewissheit, was mit der Menschheit passiert, wie die Welt nach Corona (oder mit Corona auf Dauer) aussehen wird, da sind wir möglicherweise besonders anfällig, uns zu überlegen, wohin uns der Weg mit Jesus führt.

Zweifel kommen gern dann, wenn wir den Blick von Jesus lösen, wenn wir die Stürme des Lebens um uns herum verstärkt wahrnehmen, wenn wir vor allem bemerken, was alles gerade schief läuft. Dann fehlt uns das Vertrauen. Alle Sicherheiten, die wir uns aufgebaut haben, stehen auf dem Prüfstand und manches hält der Prüfung nicht stand.

In meiner westfälischen Heimat haben die Gemeinden, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengeschlossen sind, ein allgemeines Glockenläuten jeden Abend um 19:30 Uhr beschlossen. Und ein Gebet verfasst, das zu dieser Zeit alle mitsprechen können. Dabei auch eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen, als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Und auch als eine Art der Selbstvergewisserung, auf wen wir letztlich unser Vertrauen setzen. Das Vertrauen, das über den Zweifel die Oberhand behält oder erhält.

Mir fehlt für diesen Impuls gerade der zündende Schlusssatz. Ich schätze mal, das liegt daran, dass den Schluss oder die Schlussfolgerung, jede*r einzelne von uns für sich finden muss. Das geht nicht auf dem Verordnungsweg. Es kann auch das Gegenteil von Schluss sein, nämlich ein persönlicher Anfang, der Beginn eines Weges. Eines Weges mit Berg- und Taletappen, mit Stolpersteinen und Bänken zum Ausruhen am Wegesrand. Mit Sturzregen, Sturm, lauen Frühlingslüftchen, heißen und trockenen Tagen und manchmal auch grandiosen Ausblicken.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Und vor allem zuhause!

PS: Wenn du den Text des Gebetes haben möchtest, schreib mich über das Kontaktformular an.