Winterzauber in den Dünen

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Kleine Auszeit gefällig? Etwas Winterromantik? Aber bitte nicht die x-te Liebesgeschichte mit jungem, knackigen Personal?

Ja, das geht. Anja (witzig, den eigenen Namen ständig im Buch zu lesen) ist seit zwei Jahren Witwe, trauert noch immer und stößt deswegen auf Unverständnis. Als es nicht klappt, sich durch immer mehr Arbeit abzulenken, sondern sie im Gegenteil in eine tiefe Krise gerät, nimmt sie sich über Weihnachten eine Auszeit , und dann auch noch auf Juist, wo sie als Abiturientin ihre erste Liebe erlebte.
Im Gästebuch des Hotels findet sie einen Eintrag, der ihr verrät, dass Thomas, der Gegenstand dieser Liebe, vor kurzem ebenfalls dort im Urlaub war. Kurzerhand sucht und findet sie seine Kontaktdaten und schreibt ihm. Daraus entwickelt sich eine rege Korrespondenz, denn auch Thomas lebt allein, nachdem einige Jahre vorher seine Ehe gescheitert ist und die Söhne erwachsen wurden.

Keiner von beiden ist sich sicher, was sich hier entwickelt. Schmetterlinge im Bauch mit Ende 50? Kann und darf man sich in diesem Alter noch einmal verlieben? Und wie soll das funktionieren, mit Falten, Zipperlein und dem einen oder anderen Kilo zu viel auf den Rippen? Fragen über Fragen. Kein Wunder, dass es bei den Mails zu Missverständnissen kommt, zumal Anja durch ihr Engagement für ein kleines Mädchen und dessen Tante mit Beschlag belegt wird und Thomas‘ Exfrau plötzlich auf ein Liebescomeback hofft…

Mir hat das Buch gefallen, es bietet ostfriesisches Inselflair, vorweihnachtliches Wetter und eiert auch nicht um die Fragen herum, die man sich im etwas fortgeschrittenen Alter bezüglich seiner Attraktivität und Anziehungskraft durchaus mal stellt. Abwechselnd Selbstzweifel und Überschwang der Gefühle sind eben keine Privilegien der Jugend. Und irgendwann ist Frau einfach damit durch, sich Gedanken über Kinderwunsch, die Alternativen Liebe oder Karriere und andere Themen zu machen, die mit Mitte/Ende 20 tatsächlich noch wichtig sind. Aber es bietet eine willkommene Ablenkung von allem, was unser Leben augenblicklich so unübersichtlich macht, und das ist in diesen Tagen manchmal einfach notwendig.

Bibliographische Angaben: Felicitas Kind, Winterzauber in den Dünen, Piper Taschenbuch, ISBN 978-3-492-31750-4, € 12,-

Das Klimabuch

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Vorweg: Dieser Post braucht ein wenig mehr Zeit, um ihn komplett zu lesen und nachzuvollziehen. Bitte versucht es trotzdem, ich denke, es lohnt sich. Nicht meinetwegen, sondern für die Zukunft.

Nur zwei Wochen, nachdem zwei Millionen Klimastreikende auf der ganzen Welt zu Beginn der Klimakonferenz COP25 in Madrid gegen deren Weiter-so-Politik protestiert hatten, wurde Anfang Dezember 2019 in Wuhan der erste Fall von SARS-CoV-2 beim Menschen registriert. Im Januar, als das Weltwirtschaftsforum in Davos sich ein neues Image als »Klimakonferenz« zu geben versuchte, wurden die ersten Todesfälle gemeldet. Im Februar, als die Welt außerhalb Chinas über das »neuartige Coronavirus« und seine Möglichkeiten, das Leben vieler Millionen zu bedrohen und aus den Angeln zu heben, in Panik geriet, starben weltweit 2718 Menschen an dieser Krankheit. Im selben Monat starben weltweit etwa 800 000 Menschen an den Auswirkungen der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.
Im Verlauf des Jahres wuchs der Preis an Menschenleben, den die Pandemie forderte, grausig an, obwohl jeder neue Sterblichkeits-Meilenstein oftmals weniger Schrecken und Entsetzen auslöste als der vorige, nach dem entmutigenden, aber durchaus bekannten Rhythmus, mit dem Katastrophen schnell zu etwas Normalem werden. Bis Ende 2021 waren innerhalb von zwei Pandemiejahren weltweit schätzungsweise mehr als 15 Millionen Menschen daran gestorben, was Covid-19 zu einer der sieben tödlichsten Pandemien der Menschheitsgeschichte machte. In keinem der beiden Jahre überstieg die Zahl dieser Todesopfer jedoch die jährlichen Sterbefälle, die durch Luftverschmutzung verursacht wurden.
Während der Pandemie setzte sich die Klimakrise unerbittlich fort und führte alle paar Wochen – manchmal auch alle paar Tage – zu Ereignissen, die man einst unmissverständlich als Vorzeichen kommender harter Prüfungen erkannt hätte. Zweihundert Milliarden Heuschrecken schwärmten über das Horn von Afrika, verdunkelten den Himmel in brummenden Wolken, groß wie Städte, fraßen so viel, wie zehn Millionen Menschen an einem Tag essen, und starben schließlich in so großen Mengen, dass die Haufen der Insektenkadaver, wenn sie herunterfielen, Züge zum Stillstand brachten – alles in allem waren es achttausend Mal mehr Heuschrecken, als ohne den Klimawandel zu erwarten gewesen wären.
In Kalifornien wüteten 2020 Brände auf einer doppelt so großen Fläche als je zuvor in der modernen Geschichte des Bundesstaates, der in einem einzigen Jahr fünf der sechs größten jemals verzeichneten Waldbrände erlebte. Etwa ein Viertel des weltweiten Sequoia-Bestandes verbrannte. Über die Hälfte der gesamten Luftverschmutzung im Westen der Vereinigten Staaten war auf Wald- und Buschbrände zurückzuführen, die mehr Feinstaub produzierten als sämtliche industriellen und menschlichen Aktivitäten zusammen. In Sibirien gab es »Zombiefeuer«, so genannt, weil sie den ganzen arktischen Winter hindurch weiterbrennen, und tauender Permafrost ließ den Öltank eines abgelegenen Kraftwerks bersten, wodurch 17 000 Tonnen Öl in einen örtlichen Fluss gerieten; 2021 wurde durch weltweite Flächenbrände annähernd so viel Kohlenstoff freigesetzt wie von den gesamten Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Emittenten der Welt. Ein Hurrikan der Kategorie 4 traf in Mittelamerika auf Land, nur wenige Kilometer von einem Gebiet entfernt, über das nur Wochen zuvor bereits ein Hurrikan der Kategorie 5 hinweggefegt war. Sechzig Millionen Chinesen wurden wegen harmlos klingender »Flussüberschwemmungen« evakuiert, verursacht durch Regenfälle, die den imposantesten Damm der Welt gefährdeten, die aber, gemessen an den Niederschlagsmengen und dem Ausmaß der Evakuierung, nur leicht über den jüngsten Durchschnittswerten lagen. Als das erste Pandemiejahr sich dem Ende näherte, wurden im Südsudan eine Million Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, durch Überschwemmungen vertrieben. Im zweiten Pandemiejahr starben in Westeuropa Hunderte durch Hochwasser, Dutzende wurden im Großraum New York getötet, als Regenfälle während des Hurrikans Ida Souterrainwohnungen volllaufen ließen, und über dem Pazifik überstieg die Hitzekuppel die früheren Rekorde so weit, dass Klimaforscher sich fragten, ob ihre Modelle und Projektionen falsch kalibriert seien – außerdem tötete diese Hitze mehrere hundert Menschen und einige Milliarden Meerestiere und schuf beste Bedingungen für Flächenbrände und Erdrutsche durch spätere so heftige Überschwemmungen, dass Vancouver praktisch von der Klimakatastrophe blockiert war, als der Herbst in den Winter überging. Kurz vor Silvester schürte ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über 140 Stundenkilometern einen urbanen Feuersturm in Vororten von Denver, wo der wärmste und zweittrockenste Herbst in 150 Jahren dem zerstörerischsten Brand in der Geschichte des Bundesstaates vorausgegangen war: Die Flammen tobten von Haus zu Haus durch Vororte und Sackgassen, die noch am Tag zuvor wie der Inbegriff einer brennbaren Moderne ausgesehen haben dürften.
Die ganze Welt schaute weg – abgelenkt von der hereinbrechenden Pandemie und durch die wachsenden Opferzahlen jüngster Katastrophen darauf trainiert, etwas, was sie früher vielleicht als brutalen Bruch der Lebenswirklichkeit wahrgenommen hätte, nun als logische Entwicklungen in einem bekannten Muster zu sehen. Aber was würden wir sehen, wenn wir die Lehren aus der Pandemie für die Zukunft der Klimamaßnahmen ziehen könnten? Vor allem, dass die Pandemie eine unerwartete Aufforderung zu ehemals unvorstellbar ehrgeizigen Maßnahmen darstellte, die die Welt als Ganze dann aber fatalerweise nicht ergriff. Man hätte die beispiellose Reaktion auf die Pandemie auch auf die beispiellose Herausforderung der Erderwärmung richten können, beseelt von einem wahrhaft globalen Geist und mit der Motivation, die ungleich verteilten Belastungen der schon jetzt am stärksten betroffenen Menschen zu mildern. Stattdessen wurde diese beispiellose Reaktion zur Verteidigung des Status quo genutzt, und die Führungsspitzen des globalen Nordens horteten neben ihren Emissionen nun auch Impfstoffe.
Covid-19 ist nicht so offenkundig als eine Episode des Klimawandels zu erkennen wie viele der Katastrophen, die wir in unserer Fokussierung auf die unmittelbarer erscheinende Bedrohung durch die Pandemie übersehen haben. Aber zu den zahlreichen beunruhigenden Lehren, die beide Krisen gemeinsam haben, gehört diese: Die Natur ist mächtig und kann beängstigend sein, und obwohl wir unser Zeitalter als das Anthropozän bezeichnen, haben wir die Natur weder besiegt, noch sind wir aus ihr ausgebrochen, sondern leben nach wie vor in ihr, sind immer noch ihren launischen Kräften unterworfen, ganz gleich, wo wir wohnen oder wie geschützt wir uns normalerweise auch fühlen mögen. Wir können uns nicht länger vormachen, wir würden die Regeln der Wirklichkeit in Konferenzen oder Seminarräumen selbst aufstellen, ohne zunächst die Umwelt zu berücksichtigen.

David Wallace-Wells „Lehren aus der Pandemie“ in: Thunberg, Das Klimabuch, Kap. 5.14

Hm. Ein bisschen lang, ja, gebe ich zu. Aber obwohl ich wirklich willens war, hier […] zu nutzen, weiß ich auch nach dreimal Lesen immer noch nicht, welche dieser überwältigenden Infos ich kürzen sollte.
Beim Lesen ist mir einmal wieder klar geworden, wie zweischneidig wir Menschen denken. Wir haben überhaupt kein Problem damit, mit Freunden und Verwandten auf anderen Kontinenten mittels Social Media zu chatten, uns virtuell zu verbünden, zu streiten, uns Komplimente zu machen oder Beschimpfungen an den Kopf zu knallen. Und sind dabei von diesen digitalen „Freundschaften“ so überzeugt, als hätte wir jahrelang miteinander die Schulbank gedrückt. Gleichzeitig übersteigt die bloße Information über Waldbrände auf anderen Kontinenten unser Vorstellungsvermögen, lassen uns Reportagen aus dem überschwemmten Pakistan kälter als solche aus Australien (obwohl das noch weiter entfernt ist als Pakistan, aber die armen Koalas…) Machen wir uns die Welt nicht alle ein bisschen nach der Prämisse Pippi Langstrumpfs?

Und das ist ja nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus all den vielen Aufsätzen in dem Buch. Ja, das Buch besteht aus Essays, aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Forschungsfeldern, von Fachleuten der jeweiligen Themen möglichst kurz und prägnant geschrieben. Und in allen ihren Facetten von Greta Thunberg editiert, mit eigenen Texten kommentiert und gewertet. Denn das, was unserem Klima nicht einfach so passiert, sondern von (einer global gesehenen Minderheit) Menschen mit unserem Planeten gemacht wird, beschränkt sich nicht auf CO2-Ausstoß. Wir beuten unser Lebenserhaltungssystem aus, systematisch und in einem enormen Ausmaß. Wenn man bedenkt, dass der größte Anteil der gesamten Menschheit durchaus nicht nur innerhalb, sondern weit unterhalb der Ressourcengrenzen lebt, sollten wir, die in reichen Ländern leben, sowieso sehr demütig werden. Demütig nicht im Sinn von „Ab in die Ecke und kräftig schämen“, sondern eher von „Anpacken und endlich gegensteuern“. Und uns auch hinterfragen, aber dabei nicht stehenbleiben.

Nun kann man möglicherweise darüber streiten, ob dieses Buch unter dem Label der Autorenschaft Thunbergs nicht eventuell eine Mogelpackung ist. Ob sie nicht vielleicht eher als Herausgeberin fungieren sollte. Aber ehrlich gesagt, angesichts der Dringlichkeit des Themas ist das zweitrangige Erbsenzählerei. Bei Zahnpasta und Antifaltencremes haben wir ja auch keine Probleme mit Werbemaßnahmen. Die einzelnen Autoren der Essays werden benannt, ebenso ihre Funktion und ihr Arbeitsschwerpunkt in Forschung, Lehre, Organisationen oder Publizistik. Und sie alle haben ihr Okay dafür gegeben, dass das Buch so heißt, wie es heißt.

Man kann sich auch darüber mokieren, dass Greta Thunberg „erst“ 19 Jahre jung ist und einen erheblichen Teil der letzten Jahre Schulschwänzerin war.
Zu den Eigenarten vieler Menschen im Autismus-Spektrum gehört es aber nun einmal, sich umfangreiches Wissen bis hin zur ausgewiesenen Expertise im Eigenstudium anzueignen, die Welt- und auch die neuere Geschichte weiß von vielen derartig begnadeten Autodidakten. Und man denke nicht, diese Fähigkeit sei nur beneidenswert. Sie kann auch einen enormen Leidensdruck verursachen, unter anderem weil das Gehirn nie innehält, ständig arbeitet, analysiert oder einordnet und außerdem mit den „Unzulänglichkeiten“ der Umwelt klarkommen muss. Und sich mitunter alles, einfach alles merkt. Extended Memory.

Aber nun zum Buch. Alles hängt mit allem zusammen. Diese Erkenntnis haben nicht nur diejenigen, die zum Verschwörungsglauben neigen. Und es ist eines der wenigen Dinge, mit denen sie recht haben. Wir können nicht ohne die Verknüpfung von Lieferketten, Transport, Reisen, Konsum, Artensterben, Eisschmelze, Waldbränden, Migration, Gesundheit, Ressourcenverbrauch und so weiter nur an Einzelteilen herumdoktern. Ohne auskömmliche Löhne in fernen Ländern haben die Menschen dort keine Perspektive und suchen ihr Heil in der Migration. Ohne Gesundheit brechen Lieferketten zusammen und damit der Konsum. Ohne das richtige Mikroklima in einem Anbaugebiet keine Nahrungsmittel in ausreichender Menge und Güte. Das sorgt für gesellschaftliche Destabilisierung, Putsche, Generalstreiks und damit wieder für Migrationsbewegungen.
Im Übrigen ein Zusammenhang, den all die „[hier eine beliebige Nation einsetzen] first“- Anhänger nicht begreifen (wollen): in dem Maße, wie man sich seine angeblichen Freiheiten nicht nehmen lassen will, sorgt man auf die Dauer dafür, dass genau das passiert, was man um jeden Preis vermeiden will. Diejenigen, die man als Billigdullis ansieht, die am anderen Ende der Welt für einen Appel und ein Ei unseren Wohlstand zusammenzimmern sollen, stehen auf einmal vor unserer Haustür und wollen auch etwas vom Kuchen haben. Vielleicht auch nur deswegen, weil ihr Billiglohnland schlicht und ergreifend absäuft.

Ehe ich mich jetzt hier in Rage schreibe: das sind einige Beispiele von vielen, die man auch mit der Schmetterlingstheorie veranschaulichen könnte. Ich habe das Buch bisher nur quergelesen, mir zunächst die Aufsätze herausgepickt, die mein Covid-geplagter Kopf verarbeiten konnte. Aber es hat ausgereicht, um mich zu ärgern. Ärgern darüber, dass nicht nur skrupellose Großkapitalisten, sondern auch Millionen Menschen, die sich selbst für recht plietsch halten, die meinen, sie hätten den Durchblick und sie wüssten, wo und wie der Hase läuft (also auch du und ich und andere intelligenzbegabte Individuen) sich so unglaublich selbst überschätzt haben. Dass wir uns von Marketingkampagnen an der Nase herumführen lassen, oft genug dadurch, dass wir uns einfach einlullen lassen wollen. Weil es bequem war und für viele auch noch ist. Weil es schier unmöglich ist, den Überblick zu behalten in dieser Welt. Und wer verspricht, eine ganz einfache Lösung für die vielfältigen Probleme bieten zu können, der ist schlichtweg unredlich oder hat unlautere Absichten.

Aber ich habe auch Hoffnung geschöpft. Weil ich ein großes Potential darin sehe, sich einen Überblick zumindest teilweise zu verschaffen und daraus kleine, lokale oder persönliche Ansätze zu beginnen. Nicht jeder von uns muss denselben Schwerpunkt setzen. Aber wenn viele unterschiedliche Ansätze entstehen und kommuniziert werden, wenn also eine Art Graswurzelbewegung entsteht, dann kann daraus etwas großes werden. Es ist halt nur wichtig, dass endlich konsequent angefangen wird, dass nicht immer wieder hinausgeschoben wird und jede Regierung, Organisation oder jedes Individuum darauf wartet, dass jemand anderes den ersten Schritt tut.

Darin sehe ich übrigens eine Stärke des Buches: Es muss nicht von vorne bis hinten in einem Rutsch durchgelesen werden. Man darf durchaus vorne ins Inhaltsverzeichnis schauen und mit dem anfangen, was man nachvollziehen kann, was einem logisch erscheint, wo man sich selbst fähig fühlt, zu beginnen.

Bibliographische Angaben: Greta Thunberg, Das Klima-Buch, S. Fischer Verlage, ISBN 978-3-10-397189-7, € 36,-
(Eventuell in der Bibliothek reservieren lassen, wenn die Anschaffung zu teuer ist. Oder als Gebrauchtbuch erwerben.)

Segelsommer

Oder: Die beste Katastrophe meines Lebens.

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Fromme Wünsche sind anscheinend auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Oder waren sie das überhaupt jemals? Eine philosophische Betrachtung, die gerade sowieso nichts ändert. Fakt ist: auch in unserem Haus hat Corona sich eingenistet, allen Bemühungen zum Trotz. Zwei Wochen vor dem nächsten Impftermin und glücklicherweise auch bevor unser Enkelkind das Krankenhaus verlässt, so dass wir uns zumindest ansteckungstechnisch in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen.

Die Tochter empfindet vor allem Ärger, weil sie nicht zur Schule gehen und Klausuren schreiben kann, sie ist eine richtige kleine „Motzkuh“ (das ist ein Bilderbuchtitel und überhaupt nicht despektierlich gemeint). Ich kann ihren Ärger ja sogar nachfühlen. Ich fahre in einer Tour Achterbahn, weniger wegen der Gefühle, eher wegen eines ziemlich falsch verdrahteten Gleichgewichtssinnes. Husten, Halsweh und etwas Luftnot nerven und ich fühle mich tatsächlich krank. Unverschämtheit! Während der Mann es bisher noch schafft, dagegenzuhalten. Zum Glück ist unser Haus groß, wir gehen uns aus dem Weg und essen in Schichtbetrieb mit großzügigen Lüftungsintervallen.

Aber ich bemühe mich, die positive Seite des Zustandes zu finden (sie liegt im Bett) und lese mich durch meine diversen virtuellen und physischen Bücherstapel wie die Raupe Nimmersatt sich durch Essbares frisst.
Gestern habe ich einen Segeltörn von Schweden nach Flensburg gemacht, durch die dänische Südsee, mit einer Crew, die ich mir im Leben nicht wünschen würde. Witzig zunächst, dass die beschriebene Segelyacht sehr viel Ähnlichkeit mit unserer Sterntaler hat, eventuell ist sie drei Fuß länger, ich meine, zu Beginn etwas in Richtung „34“ gelesen zu haben. Das ist ein knapper Meter, bei sechs Leuten Besatzung macht das nicht wirklich viel aus.

Zum Inhalt: Die erfolgreiche Autorin einer Regionalkrimireihe hat offensichtlich ein Problem mit ihrer Impulskontrolle, und zwar so sehr, dass sie ihre Wut nicht nur durch ihre Hauptperson im Buch ausleben lässt. Nach einem Vierteljahrhundert Ehe trennt sie sich von ihrem Mann und lässt sich deswegen von Freunden zu einem Törn über die Ostsee überreden. Ein Überführungstörn, auf dem sie keine Menschenseele kennt.
Die Segelcrew aus jeweils drei Männern und Frauen ist bunter gemischt als eine Selbsthilfegruppe sämtlicher zwischenmenschlicher Störungen, Konflikte sind vorprogrammiert. Inklusive vieler Missverständnisse. Aber es menschelt zwischendurch in wechselnder Besetzung auch sehr nett. Wenn ich es mir recht überlege, sind die Personen in ihren wechselseitigen Ablehnungen, spontanen Übereinstimmungen, aufpoppenden Krisen und ernsthaften Gesprächen oft näher an der Wirklichkeit als stereotype Gestalten, die sich von Anfang bis Ende nur sympathisch oder nur spinnefeind sind.

Flaute, schnell aufziehender Sturm, eine heikle Situation beim Segeln, Streitigkeiten darüber, wer das Sagen an Bord hat, Schweinswale und Seekrankheit (bzw. deren Pendant Landkrankheit, von der ich persönlich auch jedes Mal betroffen bin). Bissige und manchmal auch kindische Dialoge, Situationskomik und immer wieder aufwallende Spannungen halten mich beim Lesen auf Trab. Zwischendurch bin ich so wütend auf die ganzen kaputten Typen, dass ich fast das Tablet vom Bett schmeiße. Aber dann lese ich doch weiter, weil ich wissen will, ob zwischendurch noch jemand zum Mörder wird. Auch weil die grantige Kommissarin aus den Regionalkrimis quasi als blinder Passagier ihrer Schöpferin so manches Mal Einflüsterungen gibt.

Das Buch hat mir Spaß gemacht, wenn es auch hier und da eine Länge (Flaute?) hatte. Es hat mir im Schnelldurchgang einen Segeltörn beschert, den ich im wahren Leben noch nicht hinbekommen habe (den ich so aber auch niemals erleben möchte😉), es hat mir sogar ein kleines Überlegenheitsgefühl vermittelt, weil ich im Gegensatz zu einigen handelnden Personen im Buch ein ganz klein wenig mehr über die Fachbegriffe aus der Seglerwelt weiß😅. Ich habe das Gefühl, ein paar Häfen in der dänischen Südsee zu kennen und der nutzlose Krankentag hatte eine sinnvolle Beschäftigung.

Dank Wikipedia weiß ich jetzt auch, dass die Autorin, die unter anderem sehr erfolgreich Kinderbücher schreibt (Mein Lotta-Leben bei Arena) genauso alt ist wie ich und ebenfalls Buchhändlerin. Hm, da steckt doch Perspektive drin😎.

Bibliographische Angaben: Alice Pantermüller, Segelsommer oder Die beste Katastrophe meines Lebens, Droemer Knaur TB, ISBN 978-3-426-52299-8, € 10,99

In ewiger Freundschaft

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Heute endet die Buchmesse 2022, aber mein heutiger Buchtipp ist bereits seit über einem Jahr erhältlich und inzwischen als Taschenbuch erschienen. Auch das digitale Leseexemplar hatte ich schon eine ganze Weile auf der Festplatte. Manchmal rächt sich die schiere Fülle der interessanten Bücher dadurch, dass ich meist neue Themen oder Autoren oben auf die Liste setze, wobei das rein vom beruflichen Standpunkt durchaus sinnvoll ist. Leider verpasse ich Lieblingsautoren dadurch gelegentlich zunächst.

Zuletzt ging es mir mit Rebecca Gablé ähnlich, jetzt hat es Nele Neuhaus getroffen. Dabei ist es oft so entspannend, wenn man eine hochgeschätzte Autorin oder einen bevorzugten Autor mit einem neuen Titel unter die Lesebrille nimmt. Manchmal fühlt es sich an wie das sanfte Hineingleiten in ein duftendes Schaumbad, manchmal eher wie ein Spaziergang in den gut ausgetretenen Wanderschuhen auf einer neuen Route: Irgendwie bekannt und heimelig, aber dann doch wieder ganz überraschend anders.

Oliver von Bodenstein und Pia Sander begleiten mich jetzt schon über viele Jahre. Ich habe das Gefühl, alte Bekannte wiederzutreffen (und außerdem immer die Gesichter aus den Fernsehkrimis vor Augen😉), aber spannend wird es schon dadurch, dass die Personen zwar einerseits verlässliche Charakterzüge haben, aber trotzdem von Roman zu Roman eine Entwicklung durchmachen.

In ewiger Freundschaft hat eine Handlung, die in der Buchbranche spielt: Verlage, Agenturen, Lektorate, Autoren, Lesungen, Buchmesse … Kleine Spitzfindigkeiten inklusive. Außerdem geht auch noch der Gerichtsmediziner Dr. Henning Kirchhoff unter die Krimiautoren und rollt mit seinen Plots die ersten Fälle der Taunus-Ermittler wieder auf.
Etwas kokett wirkt eine Szene, in der jemand sagt, Oliver von Bodenstein habe Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Tim Bergmann😅. So fühle ich mich ein bisschen an Hitchcock-Filme erinnert, wo der Großmeister persönlich in kleinen Cameo-Auftritten heimliche Schlüsselszenen spielte. Diese Spielerei mit den bisherigen Krimis und Filmen ist aber meiner Meinung nach die Würze an dem Buch.

Immer wieder finde ich es bemerkenswert, wie ausgeklügelt die Handlungsstränge sind, wie gut sie ineinander greifen und wie plastisch sich die ganze perfide Story entwickelt. Ein tolles Buch, wenn die Realität mal wieder zu heftig überschwappt und man ganz dringend eine (ent-)spannende, intelligent konstruierte Ablenkung vom Alltag braucht.

Also, einerseits natürlich schade, dass ich das Buch so lange liegengelassen habe, aber im Endeffekt habe ich es genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, denn so etwas brauchte ich jetzt dringend!

Bibliographische Angaben: Nele Neuhaus, In ewiger Freundschaft, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06710-0, € 16,99
(auch als Hörbuch erhältlich)

Wir können auch anders – Maja Göpel

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Unser Fenster zur Zukunft steht weit offen. Die Menschheit befindet sich in einem gewaltigen Transformationsprozess. Unser Umgang mit Umwelt, Wirtschaft, Politik und Technologie muss von Grund auf neu gestaltet werden. Die Menge dessen, was anzupacken, zu reparieren und neu auszurichten ist, scheint übergroß. Wie finden wir Kompass, Kreativität und Courage, um diese Herausforderungen konstruktiv zu bewältigen? Und: Wer ist eigentlich wir? In der Geschichte hat es mehrere große Transformationen gegeben. Dieses Buch zeigt, wie wir daraus lernen können. Es ist Zeit, dass jeder Einzelne, aber auch die Gesellschaft als Ganzes groß denkt – und dass wir eine radikale Frage stellen: Wer wollen wir sein?

Maja Göpel, Wir können auch anders

Heute lüfte ich das „Geheimnis“ um meine aktuelle Lektüre, obwohl ich das Buch erst ungefähr zur Hälfte durchgelesen habe. Ein ganzes Bündel von Gründen ist ausschlaggebend dafür:
– Ich bin überzeugt, dass dieses Thema wichtig ist, so wichtig, dass möglichst viele sich damit beschäftigen sollten. Seit am Montag in der Ostsee munter das Gas vor sich hinsprudelt und damit massenhaft Ressourcen als ein äußerst perfides Mittel der Kriegsführung (von wem auch immer) verschwendet sowie der Umwelt immenser Schaden zugefügt werden, umso dringlicher.
– Gespräche über das Buch am Frühstückstisch
– Keiner sollte sich herausreden können mit einem „was kann ich allein denn tun?“
– ich kenne zurzeit niemanden sonst, der solche Themen so allgemeinverständlich erklären kann wie Frau Prof. Dr. Göpel
– ich möchte, dass sehr viele Leute dieses Buch lesen!
– und andere
– ein ganz anderes Thema, aber inhaltlich sehr gut dazu passend, was ich heute früh gelesen habe, liefert heute der Podcast von Markus Lanz und Richard David Precht, die sich mit Reinhold Messner unterhalten. Der erzählt unter anderem, wie heutzutage Besteigungen des Mount Everest von einer regelrechten „Bergsteigerindustrie“ angeboten werden, die mit Abenteurertum so überhaupt nichts mehr gemein haben, sondern eher Massentourismus darstellen.

Was haben Monopoly mit Goldman Sachs, Amazon mit einer Zentralheizung oder Facebook mit politischer und gesellschaftlicher Meinungsbildung zu tun? Eine ganze Menge – und das meiste davon nehmen wir in unserem Leben ganz selbstverständlich hin, ohne es zu hinterfragen.
Maja Göpel zeigt auf, wie allumfassend wir von den angeblich so altruistischen, in Wahrheit aber zutiefst monetären Zielen der großen Tech-Anbieter am Nasenring herumgeführt werden. Und zwar alle, durch die Bank. Außer vielleicht denjenigen, die sich den unendlich vielfältigen Möglichkeiten des www komplett verweigern.
Fast schon ein Treppenwitz ist es, was daraus folgt: dass häufig gerade die Menschen, die sehr viel Wert darauf legen, sich von angeblichen „Staatsmedien“, „linker Meinungshoheit“ oder ähnlich verwerflichen Strukturen nicht beeinflussen zu lassen, stattdessen aber auf „alternative“ Informationskanäle wie das Gesichtsbuch, den Messenger mit dem stilisierten Papierflieger oder den sehr beliebten Videokanal eines großen, allumspannenden Datenkraken zählen, um sich angeblich „unabhängig“ zu informieren, am allermeisten von den Algorithmen eben dieser Anbieter manipuliert werden.
(Mir kommt gerade der Gedanke, was mir wohl in die Timeline gespült wird, wenn ich sowohl links- wie auch rechtsextreme Beiträge like, Beiträge von veganen Angeboten ebenso wie die von Massentierhaltern, Industrieunternehmen mit fossiler ebenso wie regenerativer Ausrichtung etc pp. Ob ich dann wohl Verwirrung hervorrufe?)

Was ist eigentlich notwendig, damit wir wieder Freude daran haben, positive Emotionen miteinander zu teilen statt Shitstorms oder Fake News zu verbreiten? Ist es absolut alternativlos, mit guten Absichten immer wieder falsche Ergebnisse zu erzielen? Können wir es schaffen, mit optimistischen Geschichten die Welt zum Positiven zu verändern?

Diese Art Fragen an unser Denken und Handeln sind es, die Frau Göpel vorantreibt. Positiv, aber nicht toxisch positiv. Anschaulich und beispielhaft, aber nicht belehrend. Grenzen erkennen, aber nicht überschreiten. Utopie statt Dystopie. Eigentlich ist es einfach. Aber immer wieder kommt uns eine Eigenart in den Weg, die eher sieht, was nicht möglich zu sein scheint als auszuprobieren, was wir alles auf die Beine stellen können.

Die anschauliche und selbstverständliche Art, auf die Maja Göpel uns einzelnen Menschen, aber auch ganzen Gesellschaften etwas zutraut, die mag ich sehr gern. Sie ist ein Mut machender Gegenentwurf zu so manchem, der oberlehrerhaft in der Politik etwas zu sagen hat.

Absoluter Augenöffner: Die Geschichte von Tanaland

Bibliographische Angaben: Maja Göpel, Wir können auch anders, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-550-20161-5, € 19,99

Bisherige Beiträge, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen:

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/09/19/renaissance/

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/09/20/was-ware-wenn-2/

Und hier noch der Link zur Besprechung ihres ersten Buches: https://annuschkasnorthernstar.blog/2020/05/01/passt-wie-ar-auf-eimer/

Wo die Liebe Urlaub macht

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Das Cover sprach mich an, als ich durch Netgalley stöberte. Es sieht so wunderbar idyllisch aus. Außerdem gestehe ich, ich habe auch schon Filme nach Katie-Fforde-Romanen im ZDF Sonntagskino gesehen. Dabei kann man ganz entspannt Sudokus machen oder Socken stricken, die netten Landschaftsaufnahmen von neuenglischen (warum spielen die Filme eigentlich immer in den USA, wenn ihre Bücher in England beheimatet sind🤔?) Wäldern, Hügeln oder Häfen genießen und muss sich nicht allzu sehr auf den Plot konzentrieren. Und ich brauchte die absolute, größtmögliche Abwechslung, nachdem mich die Lektüre von Countdown so heftig in einen Abwärtsstrudel gezogen hatte.
Also sagte ich mir „Why not?“ und buchte die literarische Auszeit in die Cotswolds, die wildromantische Gegend im Herzen Englands, die ich bereits historisch aus den Rebecca-Gablé-Romanen kenne und liebend gern auch mal „in Echt“ kennenlernen würde.

Ich brauchte eine Zeit, in die Handlung hineinzufinden. Auf zwei Ebenen wird von Mutter und Tochter erzählt, das heißt, es gibt nicht nur eine Protagonistin, sondern zwei. Die Mutter Gilly führt ein kleines, aber feines B&B, die Tochter Helena ist Kunsthandwerkerin. Beide eint nicht nur ihr gutes Verhältnis zueinander, sondern auch eine möglicherweise notwendige Suche nach einem neuen Dach über dem Kopf. Helena hat Wohnung und Weberwerkstatt auf einem Gehöft mit neuem Besitzer, der dort umbauen will; Gilly soll auf den dringenden Wunsch ihres Sohnes (also Helenas Bruder) ihr Haus verkaufen, damit er und seine Frau in ein herrschaftliches Anwesen investieren können, wo er seiner Mutter eine kleine Einliegerwohnung samt Nanny-Pflichten anbietet. (Ach nee…) Und dann tritt ein windiger Immobilienbewerter auch noch gerade im richtigen Moment auf die Bühne. (Ein Schelm, wer böses dabei denkt!) Im ersten Drittel des Buches wusste ich nie so recht, auf welchen der männlichen Darsteller ich am meisten sauer sein sollte.

Wie das so ist bei dieser Art Bücher, alles klärt sich beizeiten, nicht ohne zu Herzen gehende Umwege und tragische Ereignisse. Ah, ich merke gerade, dieser Satz hört sich abwertender an als er gemeint ist. Das Buch lässt sich durchaus flüssig lesen, nur kam mir persönlich so manches sehr konstruiert vor (naja, war es ja auch) und es hat mich auch gut abgelenkt von allem, was mir im Real Life auf den Keks ging, es hat also den Zweck, zu dem ich es gedacht hatte, erfüllt.

Bibliographische Angaben: Katie Fforde, Wo die Liebe Urlaub macht, Bastei Lübbe Verlag, ISBN 978-3-404-18771-3, € 10,99

Nachts im Kanzleramt

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Koalitionsverhandlungen, Klimawandel, Corona-Krise: Politik ist überall. Wer aber Zusammenhänge verstehen, den täglichen Nachrichten folgen oder gar das Geschehen beeinflussen will, muss wissen, wie Politik funktioniert, was sie bewirkt, wo sie scheitert und warum. Die bekannte ZDF-Nachrichtenmoderatorin Marietta Slomka kennt sich mit dem deutschen Politikbetrieb bestens aus. Viele politische Ereignisse begleitet sie journalistisch aus großer Nähe. In diesem Buch erklärt sie die wichtigsten Grundlagen der Politik. Was sind die Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie? Warum wird um politische Entscheidungen so oft bis in die frühen Morgenstunden gerungen? Welchen Nutzen hat die Europäische Union? Was für Wechselwirkungen gibt es zwischen Politik und Wirtschaft? Und welche Rolle spielen bei all dem die Medien? Marietta Slomka zeigt, wie Politik gemacht wird und was man wissen muss, um sie zu verstehen. Sie erklärt, was Politikerinnen und Politiker tun, wie politische Institutionen arbeiten und verbindet dies mit spannenden Einblicken in den politischen Alltag. Schnell, kenntnisreich und mit jener Prise Ironie, die man auch aus ihren TV-Interviews kennt, bietet sie Gedankenfutter für alle Generationen. Ergänzt wird das Buch durch die witzigen Cartoons von Mario Lars.

Marietta Slomka, Nachts im Kanzleramt, Über dieses Buch

Ein Buch, das nehme ich gleich vorweg, das sich Politik- oder Gesellschaftskundelehrende ganz oben auf ihre Leseliste setzen sollten. Und natürlich dann auch lesen, nicht liegen lassen😉. Herrschaftssysteme, von der Demokratie bis hin zur Diktatur, Parteienlandschaften, Aufgabenverteilung und vieles mehr erklärt sie quasi ganz im Vorübergehen. Auf eine sympathische, manchmal augenzwinkernde und selbstverständliche Weise, ohne große Verständnisbarrieren. Und damit vermutlich einprägsamer als in der Schule!

Gleich zu Beginn erläutert sie zum Beispiel den sperrigen Begriff „Aufmerksamkeitsökonomie“ kurz und knackig. Und endet bei ihrer Erklärung mit

Wer besonders laut schreit, wird eher gehört. […] Solche Verzerrungen in der Wahrnehmung gibt es im Internet noch stärker. Wer extrem sauer ist oder zumindest extrem überzeugt und engagiert, postet viel auf Social Media oder in Kommentarspalten und nimmt gerne an Shitstorms teil. Wer nicht so leidenschaftlich angetrieben wird, hat dazu meist keine große Lust. Radikale Minderheiten bekommen so sehr viel mehr Raum …

dto, in meinem eBook S. 17/293

Joa. Isso.

Was mir übrigens auch sehr gut gefällt am Buch, sind die wahnsinnig treffenden kleinen Cartoons (von Mario Lars), als kleinen Teaser zeige ich euch hier einmal den zum Thema Demokratie, der das demokratische Dilemma sehr schön zeigt:

Aber auch Vor- und Nachteile anderer Staatsformen wie Sozialismus und Kommunismus (und den Unterschied zwischen den beiden, die so häufig in einen Hut geworfen werden), Autokratie oder Diktatur erklärt Frau Slomka so sachlich wie anschaulich. Auch eine klare Definition des augenblicklich von verschiedenen Seiten inflationär eingesetzten Begriffes des Faschismus liefert sie, die man sich dringend merken sollte, um nicht auf irgendwelche Bauernfänger hereinzufallen, die jedes ihnen missliebige Handeln mit diesem Kampfbegriff betiteln.

Herzhaft lachen musste ich beim Abschnitt „Parteien: Braucht man die oder können die weg?“ Warum? Verrate ich nicht, das wäre spoilern und ich möchte doch so gern, dass ihr das selber lest…😁

Insgesamt gibt es einen unterhaltsamen und gleichzeitig lehrreichen Rundumschlag zu vielen Themen, die uns alle, jung oder alt, konservativ oder progressiv, in allen Spektren der Gesellschaft, angehen.
Wer mitreden – und noch wichtiger – mitentscheiden möchte, kann sich hier die Grundlage des Handwerkszeuges holen. Differenzierend, abwägend und zum Nachdenken anregend, so empfinde ich das Buch. (Und wer Spotify nutzt, kann es sich dort auch anhören, im O-Ton der Nachrichtenfrau, wie von ihr gewohnt leicht ironisch und mit einem Augenzwinkern.)

Ein besonderes Schmankerl: Schlagworte und Fachbegriffe, über die man bei der täglichen Nachrichtensendung oder in der Presse mitunter ein bisschen stolpert, werden als „Insider“-Einschübe gesondert erklärt.

Der Inhalt für Wissbegierige kurz angerissen…

Wer noch ein Geschenk für Studien- oder BerufsanfängerInnen sucht, ist hiermit gut bedient. Aber es eignet sich ebenso als Wink mit dem Zaunpfahl für Leute, die ihre Halbbildung gern in alle Richtungen verschleudern😎 oder aber zur Befriedigung der eigenen Neugierde, wie das nochmal alles so funktioniert mit Politik und Gesellschaft. Von mir volle Punktzahl.

Bibliographische Angaben: Marietta Slomka, Nachts im Kanzleramt, Verlag Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-27871-0, € 20,- (oder bei Argon als Hörbuch)

Einsame Entscheidung – Lost in Fuseta

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Warum nicht mal Portugal? Klingt nach einem Sommerurlaubsersatzkrimi, so ähnlich dachte ich es mir, als ich bei Netgalley auf das Buch stieß. Außerdem haben wir in der Buchhandlung eine kleine, aber feine und wachsende Fangemeinde für die Reihe. Und es machte mich neugierig, dass hier ein Kriminaler ermittelt, der Asperger-Autist ist. Auch wenn es gerade im TV inzwischen einige Serien gibt, bei denen ASS*-betroffene Menschen gespielt werden, sind es dort doch meist die Analysten im Innendienst, die auf Inselbegabungen zurückgreifen können. Oder Annette Frier als „Ella Schön“.

Ein bisschen Mühe hatte ich, hineinzukommen in die Geschichte, weil „Einsame Entscheidung“ mein erster Versuch mit der Reihe „Lost in Fuseta“ ist. Mea culpa. Aber nachdem ich die Personen erstmal kennengelernt hatte und auch die Story immer mehr Fahrt aufnahm, konnte ich nicht mehr aufhören.
Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Verstrickung mit dem „Gewächshaus Europas“ in Spanien und den menschenverachtenden Methoden der Profiteure. Intensiv genug, um eine gewisse Aktualität und Spannung zu bringen, aber nicht so ausführlich, dass die Leser sich erzogen fühlen.
Insgesamt eine fintenreiche Geschichte mit vielen Haken, außerdem sehr facettenreiche Hauptakteure. So muss das sein.

Bibliographische Angaben: Gil Ribeiro, Einsame Entscheidung, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00102-0, € 17,-

*ASS – Autismus-Spektrum-Störung

Sommer an der Schlei

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Aufmerksame MitleserInnen fragen sich jetzt vielleicht: „Wie bitte? Hat sie nicht ihren Urlaub abgesagt?“ Ja, hat sie. Das hindert aber nicht daran, zumindest lesend ein bisschen Urlaubsfeeling zu suchen.

Ich bin ganz ehrlich: Ganztags arbeiten in der Buchhandlung fordert mich ganz anders als es die langen Jahre im HomeOffice getan haben. Obwohl ich es nach wie vor sehr gern mag, mit den unterschiedlichsten Kunden zu tun zu haben, Schaufenster zu dekorieren, den Geruch von Büchern um mich zu haben.
Dazu die herausfordernde weltpolitische Lage, meine Lektüre des „Countdown“ und einige andere, private Sachen halten außerdem meinen Kopf auf Trab und fordern mich heraus.

Aber nun zum Buch:
Hanna besucht mit ihrem alten Hund Balu nach einigen privaten Querelen das Haus ihres verstorbenen Vaters an der Schlei, um dort zur Ruhe zu kommen und auch, um den Hausstand aufzulösen. Womit sie nicht gerechnet hat, ist der Zusammenhalt des Dorfes, in dem sie ohne weiteres als Einheimische aufgenommen wird, weil sie dort aufgewachsen ist, wenn sie auch später nach Hamburg ging. Alte Kontakte werden erneuert, sie entdeckt Gegend und Menschen neu, kommt einigen Ungereimtheiten aus dem Leben ihres Vaters auf die Spur. Das Leben geht nicht immer geradeaus, so passiert auch einiges in diesem Sommer, das Hanna zum Stolpern und Nachdenken bringt, über ihren Vater, aber auch über sich selbst, ihre Prioritäten im Leben, die Chancen und Risiken eines Neuanfangs.

Für mich war es einmal mehr das richtige Buch zur richtigen Zeit. Ich fühlte mich gut unterhalten, konnte schmunzeln, manche Träne verdrücken, ein wenig durchatmen und entspannen. Sehr schön fand ich, dass die Protagonistin Hanna (so wie ich auch) keine jugendliche Heldin ist, sondern mit Wechseljahren, eingefahrenen Routinen und anderen Unwägbarkeiten zu tun hat, die Mütter (fast) erwachsener Kinder nun mal so mit sich herumschleppen.

Kurzum: ein kleiner Urlaub für die Seele war dieses Buch allemal für mich.

Bibliographische Angaben: Inken Bartels, Ein Sommer an der Schlei, Rowohlt Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-499-00767-5, €12,-

PS: Nur für Buchvorstellungen habe ich einen neuen Instagram-Account: @annuschkasbuecherkiste 😊📚

Countdown- Teil 5

Als ich heute früh wach werde, höre ich ein leises Rauschen vor dem Schlafzimmerfenster: es regnet, richtig schön. Richtig schön bedeutet: es pladdert nicht mit viel Druck, sondern es ist ein gleichmäßiger Landregen, wie aus dem Rasensprenger. Im Radio machen die Moderatoren Witze über das Wetter. Ehrlich gesagt, denke ich spontan, ich führe inzwischen lieber Unterhaltungen über Glaubensfragen als Smalltalk übers Wetter zu halten. Ist unverfänglicher…

Landwirten gestehe ich augenblicklich einen zwiespältigen Blick zu: denn während Herbstkulturen wie Kartoffeln, Mais und Zuckerrüben von dem Regen profitieren, ist es natürlich blöd für die gerade begonnene Getreideernte, dass es heute nicht trocken ist. Aber im Großen und Ganzen brauchen wir den Regen.

Aber nun zum Buch: Habe ich schon über Extremniederschläge, Dürreereignisse und den Jetstream gelesen, so kommt es jetzt zu dem, was uns Menschen offensichtlich Probleme beim Verständnis bereitet: Zusammengesetzte Ereignisse, also die unterschiedlichen Kombinationen von scheinbar gegensätzlichen Wetterereignissen. Die machen alle Vorhersagen unberechenbar.
Es ist übrigens nach dem, was ich bisher gelesen habe, ein grundlegendes Problem, dass die Art, der Zeitpunkt und das konkrete Aussehen von Kipppunkten zurzeit noch kontrovers diskutiert werden. Das hat zur Folge, dass sehr viele Menschen sich denken, solange es nicht restlos zweifelsfrei bewiesen und auch nicht tatsächlich eingetroffen ist, brauchen wir noch nichts tun.
Und das ist ein Trugschluss. Denn egal, was passieren wird: es wird dann unumkehrbar sein.

Oder hat es schon mal irgend jemand gesehen, dass ein bereits einstürzender Jenga-Turm sich plötzlich spontan wieder aufrichtet?

Wir beklagen lieber wortreich relativ kleine Eingriffe in angebliche „Freiheitsrechte“, als uns damit auseinanderzusetzen, dass unweigerlich ein Punkt in erreichbare Nähe rückt, an dem uns die Entscheidungsgewalt entgleitet. Wir riskieren die Freiheit unserer Kinder und Enkel um unserer eigenen Bequemlichkeit willen.
Das hat etwas von kindlichem Augenzuhalten: Wenn ich etwas nicht sehe, dann kann es mich auch nicht sehen (respektive passieren).
Zugleich stampfen PS-Junkies in den sozialen Medien verbal mit den Füßen auf, bestehen auf ungebremstem Rasertum und kommen sich dabei offensichtlich wichtig, erwachsen und stark vor. – Wer sagt es ihnen?

Ja, es gibt tatsächlich Gründe, schnell zu fahren: Mit Blaulicht und Martinshorn, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Phallus-Ersatz (Viagra auf vier Rädern?) dagegen gehört nicht dazu.

Übrigens, ich halte es für sehr seriös, dass Mojib Latif bei allen Szenarien, die er beschreibt, auch immer wieder darauf hinweist: es gibt Unsicherheiten. Nicht alles lässt sich genauestens vorhersagen oder berechnen. Natürlich nicht, denn viele Komponenten, wie zum Beispiel wirtschaftliche Entwicklungen, aber auch das Verhalten eines jeden Einzelnen, liegen noch vor uns.
Aber Politik und Wirtschaft sowie auch ein großer Teil der Menschheit können nur schwer mit Unwägbarkeiten umgehen. Man wünscht sich Planbarkeit und Eindeutigkeit.
Ich habe allerdings in der letzten Zeit einige Bücher von Latif gelesen, auch solche, die er schon ganz am Anfang des Jahrtausends geschrieben hat. Seine Trefferquote der Szenarien ist beachtlich hoch.

Zum Schluss dieses Tagebucheintrages möchte ich eines zu bedenken geben, worauf Latif im Buch hinweist, und diese Bemerkung geht vor allem an die Leute, die mit der FDP glauben, Technologie wäre der Schlüssel:

„Gestatten Sie mir eine Bemerkung zu den negativen Emissionen. Die Simulationen mögen den Eindruck erwecken, als ob das 2-Grad-Ziel leicht zu erreichen sei. Doch das wäre ein großes Missverständnis. Denn in den entsprechenden Szenarien sind bereits negative Emissionen enthalten. Damit wird implizit davon ausgegangen, dass in einigen Jahrzehnten technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um große Mengen an Treibhausgasen wieder aus der Atmosphäre zurückholen, und zwar mehr, als in sie emittiert wird. Nur gibt es diese Technologien bislang gar nicht. Ohne die negativen Emissionen ist die Welt tatsächlich auf einem Kurs, der eine globale Erwärmung von etwa 3 Grad Celsius bedeuten würde. Die Menschen sind also schon längst eine Wette auf die Zukunft eingegangen. Außerdem könnten die Verfahren zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre andere gewaltige Umweltprobleme verursachen. (auf meinem Reader S. 116/287)

Was bisher geschrieben wurde:

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/06/23/neues-lesetagebuch-countdown/

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/06/25/countdown-teil-2/

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/06/29/countdown-teil-3/

https://annuschkasnorthernstar.blog/2022/07/03/countdown-teil-4/

Das Cottage in den Dünen

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Ein Lese-Intermezzo

Sich mit dem Klimawandel zu befassen, während um mich herum alles mögliche passiert, das meine Denkfähigkeit strapaziert, ist herausfordernd. Zumal hier in den letzten Tagen auch noch viel Schwüle in der Luft lag, die in der Küche Brot und Obst im Schnelltempo zum Schimmeln anregte und mein Hirn in eine breiige Masse verwandelte.
Da montags die Buchhandlung geschlossen ist, schmiss ich kurzerhand meinen Tagesplan um, den ich nachts im viel zu warmen Schlafzimmer gefasst hatte (und der in der Theorie viel mit Putzeimer, Lappen und Co. zu tun hatte). Und auch den „Countdown“ ließ ich heute beiseite. Stattdessen tat ich das, was für meinen Entspannungslevel gut war:
Ich schnappte mir eines meiner Netgalley-Leseexemplare.

Vielleicht war ich ein bisschen unbedarft, denn nach dem Cover hatte ich an einen schönen, leichten Sommerferienroman gedacht. Ziemlich schnell war mir allerdings klar, dass es doch tiefer geht: um Klassenbewusstsein, körperliche und seelische Versehrtheit, um das Aufstehen und Weitermachen nach vielfältigen Verletzungen.
Der K9-Polizist Trey kommt nach einer schweren Verwundung als Rehabilitant in den kleinen Küstenort Pleasant Shores an der Chesapeake Bay. Er soll an einer Schule als Ehrenamtlicher in einem Programm für benachteiligte Jugendliche mitarbeiten, die an der örtlichen Highschool extra unterrichtet werden. Die Lehrerin Erica, die mit viel Liebe nicht nur dieses Programm leitet, sondern sich auch um ihre kranke Schwester und deren Tochter kümmert, ist anfangs nicht begeistert über diese „Hilfe“, zumal auch Trey selbst sich fehl am Platz fühlt. Beide raufen sich aber zusammen und schaffen es, die Jugendlichen zu gesellschaftlichem Engagement zu bringen.
Auch andere Menschen im Ort schleppen ihre Päckchen mit sich herum. Und wie in vermutlich vielen Urlaubsorten sind natürlich Diskrepanzen zwischen Einheimischen, neureichen Zugezogenen und Touristen im Spiel. Einen dünkelhaften Schuldirektor als Gegenentwurf zu Trey und Erica gibt es auch noch.
Im Laufe eines Frühjahrs schaffen die beiden es mit unterschiedlichen Ansätzen, eine Gemeinschaft zwischen den Generationen zu etablieren. Schwieriger ist es für beide, herauszufinden, ob eine gemeinsame Zukunft für sie überhaupt möglich sein kann…

Das Buch ist erzählerisch in meinen Augen richtig gut gelungen. Durch die vielen beiläufig in der Geschichte platzierten Infos zu Polizeiarbeit mit Hunden, genetischer Disposition bei Krebserkrankungen und dem sozialen Gefüge kleiner Provinzorte wird es auch nie platt. Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt und war dementsprechend auch nicht überrascht, dass ich das gesamte Buch (mit Unterbrechung für Mahlzeiten und Einkauf) innerhalb des Tages durchgelesen hatte. Und vielleicht schaffe ich es ja auch irgendwann einmal, in die wunderschöne Gegend dort zu reisen, die mir schon seit vielen Jahren (seit Micheners „Die Bucht“) immer wieder unter die Augen kommt.

Bibliographische Angaben: Lee Tobin McClain, Das Cottage in den Dünen, Verlag Harper Collins, ISBN 978-3-7499-0103-6, 12,- €

Neues Lesetagebuch: Countdown

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Am 23. Juni 2022 – also heute – habe ich ein neues Buch begonnen. Während ich das hier schreibe, zeigt meine Wetterstation 28 Grad im Schatten auf der Nordseite unseres Hauses an. Für morgen sind schwere Gewitter angekündigt.
Die ersten schweren Waldbrände sind unter Kontrolle gebracht, insgesamt gab es noch nie so früh im Jahr so hohe Waldbrandgefahr.

Alles das veranlasst mich, wieder einmal ein Lesetagebuch auf dem Blog zu führen. Es geht um „Countdown“. Kein Thriller, auch wenn sich der Titel danach anhört, sondern das neueste Buch von Mojib Latif. – Hm. Vielleicht doch ein Thriller, aber real?

Hier ein paar Auszüge aus dem Vorwort:
Mit Die Grenzen des Wachstums hatte der Club of Rome den Menschen die Augen geöffnet. Der Bericht machte klar, dass ein „Weiter so wie bisher“ keine Option sei, dass man die Erde also nicht beliebig ausbeuten könne. Doch nach Erscheinen des Berichts hatten die Menschen ihre Augen gleich wieder geschlossen, um in diesem Bild zu bleiben. Denn die Trends haben nicht nur angehalten, sie haben sich sogar noch beschleunigt. Wir haben die planetare Geisterfahrt fortgesetzt, vor der der Club of Rome schon vor einem halben Jahrhundert gewarnt hat. Heute sind sich die allermeisten Expertinnen und Experten darin einig, dass der Club of Rome mit seiner Warnung recht gehabt hatte. 50 Jahre später nähern wir uns tatsächlich den Wachstumsgrenzen, und einige haben wir längst überschritten. Das ist überall auf der Welt spürbar, vor allem, aber nicht ausschließlich, an den dramatischen Auswirkungen der sich beschleunigenden und erwiesenermaßen von der Menschheit verursachten globalen Erwärmung, im Folgenden auch Klimawandel genannt. Die globale Erwärmung und ihre Auswirkungen stehen im Vordergrund dieses Buches. Infolge der steigenden Temperaturen häufen und intensivieren sich Wetterextreme rund um den Globus, unter denen Jahr für Jahr mehr Menschen zu leiden haben. Die Begrenzung des Klimawandels ist eine riesengroße Herausforderung für die Menschheit, und das in jeder Hinsicht: technologisch, finanziell und kulturell. […] Warum kommen wir nicht vom Wissen zum Handeln? Was läuft schief, und warum kommen wir so gut wie nicht voran, wenn es um die Begrenzung des Klimawandels geht und um andere globale Probleme, vor denen die Menschen stehen? Niemand bestreitet doch den Mangel an Nachhaltigkeit und dass unsere Lebensweise nicht zukunftsfähig ist. […]
Sollten wir als Gesellschaft nicht die Offenheit haben, uns nicht allein auf das zu konzentrieren, was wir wissen, sondern auch danach zu fragen, was wir nicht wissen? Was haben wir zur Herbeiführung des Wandels übersehen? Viele Jahre lang glaubten wir – auch in Teilen der Wissenschaft, und ich will mich hier nicht ausnehmen –, dass Wissen allein zum Handeln führe. Zum Beispiel, dass wissenschaftliche Daten, wie die in der Abbildung 1 gezeigten, eine starke Geschichte erzählen und ein Umdenken in der Klimapolitik bewirken würden.

Wie wir inzwischen hinlänglich wissen, führt das Wissen nicht zum Handeln, und wenn, dann viel zu zögerlich. Deswegen möchte ich hier gern ein paar Denkanstöße des Autors anführen und meine Gedanken dazu teilen.
Wusstet Ihr eigentlich, dass ziemlich genau vor 30 Jahren schon einmal ein junges Mädchen den Mächtigen der Welt kräftig die Leviten gelesen hat?

Übrigens war sie 2012 auch wieder dabei und zog eine teilweise katastrophale Bilanz. Zu einem Zeitpunkt, als Greta noch lange nicht ans Streiken dachte.

Fürs erste lasse ich euch heute mit diesen Infos allein, und für alle, die mitlesen möchten, hier die bibliographischen Angaben:
Mojib Latif, Countdown, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-39271-9, € 22,–
Erhältlich in der örtlichen Buchhandlung☺

Liebe, schmetterlingsbunt

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Dieses wunderschöne Cover hätte es definitiv verdient, liebevoll zwischen üppigen Frühlingsblumen, am besten noch mit Schmetterling dabei, dekoriert zu werden. Aber da ich das Buch ganz schnöde auf meinem alten iPad gelesen habe und der Rahmen damit nur so mittelprächtig gelungen wäre, bekommt ihr die Downloadversion.
Es ist noch kein Jahr her, dass ich den Vorgängertitel zu diesem Buch gelesen und genossen habe. Also war klar, dieses muss einfach auch gelesen werden.

Was soll ich sagen, es war mal wieder das passende Buch zur richtigen Zeit. Nach den letzten Tagen, die für mich nur wenig Leichtigkeit, sondern vor allem viele schwere Gedanken gebracht hatten und an denen ich meinen SuB, der mal wieder reichlich mit Sachliteratur gefüttert neben dem Lesesessel steht, aus Gründen der Seelenhygiene mit Nichtachtung strafe, begann ich am Dienstag neugierig zu lesen.
Natürlich folgte ich meinem Wissensdurst und guckte mir zwischendurch immer mal wieder bei Google Earth an, in welcher Gegend die Geschichte angesiedelt ist. Da kann ich einfach nicht aus meiner Haut.
Und je weiter ich in die Handlung eintauchte, desto mehr nahm sie mich mit in den englischen Norden in die wildromantische Landschaft des Lake Districts.
Je weiter ich las, desto mehr kamen Ella, Jacob und die anderen Protagonisten mir vor wie liebe Verwandte. Dass ich mich nebenher auch ein bisschen in die Gegend verliebte, geschenkt.
Heute früh stand ich wie immer um halb sechs auf und genoss die Ruhe des Brückentages, kochte mir Kaffee und nahm mir die letzten 100 Seiten des Buches vor. Ich will nicht spoilern, deswegen verrate ich auch nur so viel, dass nach drei Vierteln noch ein überraschendes Detail ans Licht kam. Aber das müsst ihr schon unbedingt selbst lesen…

Ich habe schon immer unheimlich gern Geschichten gelesen, die beim Lesen auch körperliche Reaktionen hervorrufen. Ich liebe es, wenn ich lauthals lachen kann, mir wohlig gruselige Schauer über den Rücken laufen und auch, wenn ich mit einer Packung Taschentücher lesen muss und zwischendurch tränenblind nach Luft schnappe. Alles das bietet „Liebe, schmetterlingsbunt“. Und in diesem Fall hat es mir sogar richtig gut getan, mit der Tragik der Geschichte auch alles andere aus mir herauszuheulen, was mir die letzte Woche schwer im Magen gelegen hat.

Kurzum: Klare Empfehlung! Gerade auch für die Urlaubsplanung. (Platz in der Reisetasche einkalkulieren!!!)

Bibliographische Angaben: Hannah Juli; Liebe, schmetterlingsbunt, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06441-3, € 10,99

Der Wurm drin

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Komposition aus Natur und iPad, beides sehr unterhaltsam

Vorab schon mal das Wichtigste in Kürze: Ich feiere dieses Buch! Denn es besteht aus Kolumnen, die gesammelt veröffentlicht wurden und alle möglichen Typen an (Möchtegern-) GärtnerInnen bekommen auf nette und amüsante Art ihr Fett weg. Ich auch.

Aber jetzt der Reihe nach. Wer einen Garten besitzt, dem gehen nie die Gesprächsthemen aus. Auch (oder vielmehr erst recht) nicht die kontrovers diskutierten. Ob nun Schnecken, Giersch, diverse „-zide“, Gabionenwände, Naturgärten, englischer Rasen, Biodiversität, blinkende Weihnachtsdeko, Schottergärten oder Buchsbaum, für jeden ist ein „rotes Tuch“ dabei.
Die beiden SPIEGEL-Redakteurinnen Katharina Stegelmann und Barbara Supp veröffentlichen im Wechsel ihre Gartenkolumne und nehmen alles aufs Korn, was Gärtnerherzen bewegt.

Durch die Kolumnenform lässt sich das Buch auch ausgezeichnet in kleinen Häppchen konsumieren, morgens vor dem Frühstück bei der ersten Tasse Kaffee oder Tee, nach dem Mittagessen als kalorienarmer, aber spaßreicher Nachtischersatz oder bei kurzen Wartezeiten. Und immer habe ich mich am Ende eines Kapitels schon auf das nächste gefreut. Aufgeteilt ist das Ganze nach Jahreszeiten. Sozusagen Werden und Vergehen auf der persönlichen Ebene der Autorinnen. Und irgendwo kann sich jeder Leser und jede Gartenliebhaberin wiederfinden, zwischen Misserfolgen, Experimenten und Erfolgsstories. Aufgelockert durch Interviews mit ganz unterschiedlichen Gartenexperten, die neben Fachwissen auch ihre persönliche Sicht der Dinge einbringen und so zu manchem Aha-Effekt führen.

Mein persönliches Highlight zum Thema Giersch:
„Er blüht sehr schön. Bilden Sie sich einfach ein, Sie hätten ihn für teures Geld aus England importiert.“
Dieses Zitat stammt vom interviewten Gartengestalter Jörg Pfenningschmidt.

Bibliographische Angaben: Katharina Stegelmann/Barbara Supp, Der Wurm drin, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06587-8, € 12,99

Eine Frage der Chemie

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Ehe ich dieses Buch „in Angriff“ nahm, hatte ich bestimmte Bilder im Kopf: vom Leben in den USA Mitte der 50er bis Anfang der 60er Jahre. Bilder von Elvis Presley, Petticoats, Audrey Hepburn, JFK und Jackie Kennedy (natürlich im Etuikleid und mit Pillbox auf dem Kopf), „Grease“ und Straßenkreuzer mit Haifischheckflossen… Ziemlich naive Bilder, zugegeben, gab es doch auch Schlagzeilen vom KuKluxKlan, der Bürgerrechtsbewegung und den Auswüchsen einer bigotten und verklemmten Gesellschaft. Aber ich bin mit den üblichen Klischees aufgewachsen, die mit Marilyn-Monroe- und Dean-Martin-Filmen donnerstags im WDR Regionalfernsehen der 70er einhergingen; als Jugendliche habe ich die Musikfilme der 80er im Kino gesehen und mir ansonsten recht wenig Gedanken gemacht. Gegen Ende meiner Jugend war auch in Deutschland und Europa genug los, da brauchte ich gedanklich nicht weiter über den großen Teich schauen.

Aber natürlich war die Zeit, die dem zweiten Weltkrieg folgte, sowohl hier als auch dort eine eher traditionell geprägte Epoche, die Frauen wurden wieder hinter den Herd verbannt (zu den drei K’s: Kinder, Küche, Kirche), je mehr die Männer aus Wehrdienst, Kriegsgefangenschaft, Traumata und anderen Problemen auftauchten und das öffentliche Leben für sich beanspruchten.

In dieser Zeit spielt die Handlung von „Eine Frage der Chemie“. Die Protagonistin Elisabeth Zott hatte nie etwas anderes vor als Chemikerin zu sein. Eine Promotion rückte allerdings nach einer brutalen Vergewaltigung durch ihren Uni-Dekan in weite Ferne. Und so arbeitete sie als Forschungsassistentin vollkommen unterbezahlt in einem Labor und ihre Erkenntnisse wurden von ihrem Chef unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Nur einen Menschen gab es, der ihr Potenzial erkannte: Ein genialer, aber eigenbrötlerischer Kollege nahm sie ernst, und die beiden führten eine (unverheiratete, aber sehr glückliche) Beziehung auf Augenhöhe, sie waren wie zwei Elemente, die miteinander kollidierten und zu einer Symbiose verschmolzen. Bis ein tragischer Unfall ihn aus dem Leben riss.

Wie sich aus der Chemikerin eine bekannte Fernsehköchin entwickelte, die ihrem aus Hausfrauen bestehenden Publikum nicht nur die Geheimnisse der Küchenchemie verriet, sondern auch deren Selbstvertrauen und den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten stützte, davon handelt das Buch.

Anfangs hatte ich es nur querlesen wollen, weil ich auf den ersten Seiten eine ungeheure Wut auf die fürchterlich bornierten Männer in Elisabeths Umgebung verspürte. Aber die Handlung zog mich zusehends in den Bann, so dass ich am Ende wortwörtlich „durch das Buch hechelte“, um ihren Weg weiter zu verfolgen. Der Stil des Buches ist ziemlich sachlich, was super zur Handlung passt. Mir gefällt auch sehr gut die immer mal wieder aufploppende Situationskomik, die meist auf Kosten von (frauenunterdrückenden) Männern stattfindet.

Alles in Allem ein Buch, das mich trotz der ernsten, fast schon schwierigen Thematik sehr gut unterhalten und auch nachdenklich gemacht hat. Da müsste jetzt schon ein absoluter Hammer folgen, damit dieses nicht mein Roman des Jahres wird.

Bibliographische Angaben: Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-07109-3, € 22,-

Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem tollen Buch und widme mich literarisch erstmal den Würmern (im Kompost, im Obst, im Garten…)

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