Deutschland 2050

Achtung, wer gerade zu sehr betroffen ist von der Lage in NRW, RLP, Sachsen und Oberbayern oder auch in den Nachbarländern, sollte die Lektüre dieses Beitrages verschieben.

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Es ist schwierig. Denn am Freitag, den 16. Juli, am zweiten Tag, nachdem große Bereiche in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und auch eine Region in Sachsen mit Flut und Zerstörung zu kämpfen haben lese ich gerade das Kapitel 4 mit der Überschrift „Wasser: Viel zu nass und viel zu trocken“. Das Buch ist Anfang Mai erschienen, inzwischen ist die dritte Auflage im Verkauf, und ich schätze mal, die Autoren (obwohl sie sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigen) hätten sich nicht unbedingt träumen lassen, dass zwei Monate nach Erscheinen das vierte Kapitel um einige neue Einträge erweitert werden könnte. Leseprobe gefällig?

Starkregen können beschauliche Bäche in reißende Ströme verwandeln – und ganze Ortschaften verwüsten Braunsbach und Simbach wissen, was das heißt. Beide Kommunen liegen in engen Tälern, und nach heftigen Starkregen verwandelten die sich in reißende Flussbetten. Das baden-württembergische Braunsbach, die »Perle im Kochertal«, wurde im Mai 2016 von einer Sturzflut verwüstet; Simbach am Inn in Niederbayern Anfang Juni 2016 von einem sogenannten tausendjährigen Hochwasser, im Fachjargon »HQ 1000«. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet. Simbach glich danach einem Trümmerfeld, in Braunsbach türmte das Wasser meterhohe Geröllberge mitten in den Ort: Auf 70 Millionen Euro bezifferten die Versicherungen allein die materiellen Schäden in den beiden kleinen Orten, fünf Menschen starben. »HQ 1000« bedeutet, dass ein solches Ereignis statistisch einmal in tausend Jahren vorkommt – in menschlichen Zeithorizonten gedacht, also praktisch nie. »Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem Phänomen in einer neuen Ausprägung zu tun haben«, sagt Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im bayerischen Umweltministerium und Professor an der Technischen Universität München.[88] Oder anders formuliert: So sieht der Klimawandel aus. Längst sind schwere Sturzfluten keine Seltenheiten mehr. Ständig gibt der Deutsche Wetterdienst Unwetterwarnung heraus, auf den Warnkarten und Wetterapps sind dann tiefrote bis violette Flächen zu sehen. 2017 traf es Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, Dudeldorf zum Beispiel, Kyllburg oder Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. […] Meteorologen haben für solche Phänomene einen festen Namen etabliert. Sie nennen die Großwetterlage »Tief Mitteleuropa« – ein in der Regel sehr stationäres Tiefdruckgebiet, also eines, das sich kaum bewegt. »Die Wetterlage ist häufig mit sehr starken Niederschlägen verbunden«, erklärt Thomas Deutschländer, Hydrometeorologe beim Deutschen Wetterdienst: ein ortsfestes Tief, »das feucht-warme Luftmassen aus dem Mittelmeerbereich nach Mitteleuropa führt«. Hier treffen diese Luftmassen dann auf kältere Strömungen aus dem Norden. »Und das führt dann eben dazu, dass es zu diesen heftigen Starkniederschlägen kommt.“ (S. 125/126 meiner eBook-Ausgabe)

Nach der Querbeet-Lektüre des Buches kommt bei mir an: Wir denken oftmals viel zu eindimensional. Jeder von uns hat ein „Herzensthema“, ob es nun das Reisen ist, das Wirtschaftswachstum, die Energieversorgung, der Beruf als Landwirt, das Leben in der Großstadt… Alles richtig, alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Aber vor allem muss bedacht werden, dass alle diese Facetten und noch mehr gemeinsam zu einem großen Ganzen gehören und überhaupt nicht auseinanderdividiert werden können.

(Das sind übrigens die Punkte, die ich den sogenannten „wirtschaftsliberalen“ Parteien ankreide: Der Fokus wird zu einseitig gesetzt. Der klimagerechte Umbau der Wirtschaft wird zu häufig als Nachteil angesehen und viel zu selten als Chance. Und ich kann es auch nicht mehr hören, dass immer der „Wettbewerbsnachteil“ beim ambitionierten Klimaschutz betont wird. In vielen Bereichen haben andere Länder einfach mal darauf gewartet, dass eines den Anfang macht und haben dann nachgezogen.)

Da unser Boot an der Ostsee liegt und wir alle das Meer lieben, habe ich die letzten Monate immer mal wieder das Gedankenspiel „Was, wenn wir an die See zögen?“ durchgespielt. Aber mal ehrlich, im Augenblick fühle ich mich hier in OWL ganz gut aufgehoben. Wir brauchen keine aufwendigen Küstenschutzmaßnahmen, es ist auf unserer Seite des Gebirgszuges recht wenig hügelig, wird auch nicht so sehr von Bächen durchzogen, die zu reißenden Strömen werden können und die Weser ist auch hoffentlich weit genug weg. Ab und zu drückt bei Regen von außen und unten Wasser in den Keller, aber das tut es schon seit 202 Jahren, weil der Keller aus gestapelten groben Sandsteinen besteht und nicht abgedichtet ist. Das Haus steht immer noch, und das ganz ordentlich. Trotzdem weiß ich (auf einer eher abstrakten Ebene), dass auch bei uns ein solch sintflutartiger Regen üble Folgen hätte…

Edit: Am Freitag hatte ich Skrupel, den Beitrag zu veröffentlichen, habe ihn deswegen erst als Entwurf gespeichert. Inzwischen ist Sonntag und der Regen hat in weiteren Regionen Deutschlands und in angrenzenden Ländern zugeschlagen. Soeben habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen, jetzt den Post hochzuladen. Es wird nicht besser, eher im Gegenteil.

Wer von uns nicht akut betroffen ist, mag zwar aufatmen, aber sollte sich bewusst sein, dass unsere Komfortzonen enger werden. Ich möchte niemandem vorschreiben, wen er oder sie im September zu wählen hat, macht das mit eurem Gewissen aus. Aber informiert euch, unter anderem mit der Lektüre von Wissenschaftsjournalismus, was Stand der Dinge ist. Es kann eigentlich schon seit vielen Jahren niemand mehr sagen „Aber das habe ich nicht gewusst“ und trotzdem zögern wir immer wieder, wenn es um konkretes Handeln geht.

Bibliographische Angaben:
Nick Reimer / Toralf Staud, Deutschland 2050, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00068-9, € 18,-

Fragen über Fragen…

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„Ich stelle mich einmal kurz vor. Mein Name ist Fränzi Kühne, mich gibt es seit 1983, ich habe Jura studiert, habe dieses Studium dann jedoch abgebrochen und bin Mitgründerin der ersten Social-Media-Agentur Deutschlands geworden. Mit dieser Agentur habe ich bis zu meinem Ausstieg 2020 mitgeprägt, wie Digitalisierung, Social Media, neue Geschäftsmodelle und Organisationsformen in Deutschland diskutiert und gestaltet werden. Ich bin Mitglied des Stiftungsrats der AllBright-Stiftung und Mutter zweier Mädchen, geboren 2016 und 2020, die mit mir und ihrem Vater in Berlin-Biesdorf leben. […] Seit der Gründung von TLGG im Jahr 2008 hatten wir – Christoph Bornschein, Boontham Temaismithi, ich und ein hervorragendes Team – uns den Status junger und kluger Vorreiter*innen erarbeitet, die die Sache mit der Digitalisierung einigermaßen verstehen und sie nicht nur ihren Eltern, sondern durchaus auch dem einen oder anderen DAX-Unternehmen erklären können. Wenngleich ich als einzelne Person noch nicht besonders sichtbar war, so war es die Agentur durchaus. Das wiederum war der freenet AG aufgefallen, die für eine Neubesetzung in ihrem Aufsichtsrat eine junge Kandidatin suchte und bei uns fündig wurde. Ich versuche jetzt mal nicht, den ganzen Prozess der Aufsichtsratsneubesetzung detailliert wiederzugeben oder ihn extrem spannend zu machen; zum einen komme ich sicher noch einmal darauf zurück, zum anderen steht das Ergebnis ja schon im Klappentext: Am Ende eines für mich aufregenden Auswahl- und Bewerbungsprozesses hielt ich vor 600 Leuten meine erste Rede auf einer Bühne und wurde Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens. Und nicht nur das: Ich wurde ein Medienthema.“ (bei meiner eBook-Ausgabe S. 9 , Kapitel „Das Warten auf das >>Jetzt geht’s los<<„)

So. Nun wisst ihr Bescheid, oder? Was ist daran denn so besonders? Außer natürlich, dass es in Deutschland und nicht nur hier, immer noch nicht an der Tagesordnung ist, dass eine Frau, noch dazu eine junge Mutter, an einer solchen Position ihren Platz einnimmt.

Aber es gibt noch etwas, das besonders ist. Etwas, das mit der Kombination Frau-erfolgreich-Karriere-herausgehobene Position zu tun hat:

Den Fragenkatalog.

Auch Annalena Baerbock machte diese Erfahrung. Eine der am meisten gestellten Fragen: „Wie vereinbaren Sie Karriere und Familie?“ Dicht gefolgt von „Können Sie für andere Frauen ein Vorbild sein?“ oder auch der Fokussetzung auf die mehr oder weniger modischen Outfits (klitzekleiner Spoiler: es gibt einen männlichen Interviewpartner im Buch, dessen Kleidungsstil auch immer mal wieder in den Medien zum Thema gemacht wird. Ob es wohl daran liegt, dass er sich ab und zu mal modisch neu erfindet oder dass er Außenminister ist?).

Fränzi Kühne ist also durch das Frage- und Antwortlabyrinth geschubst worden, und da sie eine wissbegierige Frau ist, hat sie sich männliche Interviewpartner gesucht, die ebenfalls in herausragenden beruflichen Positionen stehen. Von ihnen wollte sie unter anderem wissen, welche Fragen ihnen gestellt wurden, wie sie auf die Fragen antworten würden, mit denen üblicherweise Frauen konfrontiert werden und außerdem noch, wie sie zu den angedachten Quotenregelungen stehen.

Es gibt einige erwartbare, aber auch viele überraschende Antworten in diesem Buch. Was mich ein bisschen überrascht hat (obwohl ich es mir hätte denken können) ist die Tatsache, dass Männer anscheinend relativ häufig eher spontan an neue Posten kommen, ohne dass vorab lange nach Qualifikationen gesucht wird, während Frauen sich immer noch rechtfertigen müssen, wenn sie für einen verantwortungsvollen Job vorgeschlagen werden. Unter anderem auch in den großen und kleinen Medien, die offenbar immer noch keinen aktuellen Fragenkatalog haben, sondern sich munter im 70er-Jahre-des-20.Jahrhunderts-Koffer bedienen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann hatte doch vermutlich auch schon jede/r von uns mal diese Klischees im Kopf, einfach, weil wir damit sozialisiert wurden.

Das Buch war informativ, stellenweise regelrecht amüsant, es stellt Fragen; Nicht nur an die Männer, die interviewt wurden, sondern an die Rollenbilder in unseren Köpfen und auch, ob unsere Gesellschaft insgesamt so offen ist, wie wir es uns gern vorstellen (oder einreden?)

Bibliographische Angaben:

Fränzi Kühne, Was Männer nie gefragt werden (Ich frage trotzdem mal.), Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70582-5, € 14,–

oder Fischer eBook (epub), ISBN 978-3-10-491368-1, € 12,99

Mehr, als ich erwartet habe

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Wer von uns sehnt sich nicht ab und zu nach einem kleinen, von der restlichen Welt abgelegenen Refugium? Am besten in einem Eckchen, wo niemand einfach mal so hineinstolpert, so dass alles, was hier passiert, echte Bedeutung hat und nicht einfach nur beiläufig geschieht?

So geht es den Frauen in diesem Buch, und so ging es auch mir, als ich bei Netgalley den Titel aufstöberte. Ja, ich gebe zu, als erstes hat mich das Cover angesprochen, denn ich suchte ganz gezielt nach Inseln… Inseln eignen sich so gut zum Verkriechen, egal ob ganz real oder literarisch. Außerdem habe ich ein Faible für die ostfriesischen Inseln, ich mag diese Landschaften, die gleichermaßen karg und üppig wirken, wo man eigentlich überall das Meer sehen, hören und riechen kann, auf denen man die Natur (und auch die Naturgewalten) ganz nah um sich herum spürt. Zumindest literarisch wollte ich mich in den Urlaub träumen, in dieser Zeit, in der ich persönlich eingeschränkt in meinem Bewegungsradius bin.

Umso mehr hat mich die inhaltliche Vielfalt und Tiefe dieses Buches angenehm überrascht. Denn es geht um drei ganz unterschiedliche Frauen, die in schwierigen Situationen stecken, in drei Epochen der deutschen Geschichte. Ein Handlungsstrang erzählt das Schicksal eines jungen Ehepaares, das sich vor den Nazis auf Spiekeroog verstecken muss, nachdem die Flucht ins Ausland scheiterte. Ein zweiter Faden spinnt sich um eine junge, unkonventionelle Frau Anfang der 60er Jahre, die eine unschickliche Liaison mit dem Schulleiter des Hermann-Lietz-Internats unterhält (das es tatsächlich seit langen Jahrzehnten dort gibt). Und schließlich ist da noch eine moderne Karrierefrau im Jahr 2019, die nach einem Hörsturz erkennen muss, dass ihre erfolgreiche Karriere und auch ihre Ehe nur die üppige Fassade für ein unglückliches und unausgefülltes Leben sind.

Die Hintergründe zu allen drei Handlungen sind gut recherchiert, was mir immer wichtig ist. Die Verknüpfungen der jeweiligen gesellschaftlichen Situation mit den persönlichen Schicksalen der drei Frauen sind nicht nur stimmig, sondern auch spannend zu lesen, die Verbindungen, die (nicht nur) durch das Haus zwischen diesen Frauen bestehen, ahnt die Leserin am Anfang zwar, aber es macht auch Spaß, sich lesend den Zusammenhängen anzunähern.

Für mich war es eine anregende und entspannende Sommerlektüre, ohne „platt“ zu wirken, ich hatte eine richtig schöne Auszeit im Stranddistelhaus.

Bibliographische Angaben:
Lina Behrens, Das Strandistelhaus, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70566, € 10,99

oder Fischer eBook (epub): ISBN 978-3-10-491342-1, € 9,99

„Nur noch kurz die Welt retten…“

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Das Lied von Tim Bendzko geht mir fast zwangsläufig durch den Kopf, wenn ich den Buchtitel lese. Natürlich ist es ein sehr provokanter Titel, denn eigentlich wissen wir alle sehr gut, dass wir nicht die Welt, sondern unsere Lebensgrundlagen für menschliches Leben retten müssen. Die Natur kann auch ohne den Menschen, aber der Mensch nicht ohne die Natur.

An alle, die Frank Schätzing vor allem als Thriller-Autor kennen: seine Thriller beschäftigen sich ebenfalls bevorzugt mit Ökothemen, aber auch Sachbücher zum Thema bringt er immer mal wieder gut recherchiert. Man merkt, dass ihm der Themenkomplex am Herzen liegt. Er holt denn auch entsprechend weit aus, denn: Die Warnungen weiter Teile der Wissenschaft sind beileibe nicht neu. Aber lest selbst:

„Springen wir zurück ins Jahr 1965 zur Hauptversammlung des API (American Petroleum Institute), des größten Lobbyverbandes der US-amerikanischen Öl- und Gasindustrie, und lauschen einer Rede des damaligen Direktors Frank N. Ikard. Schon Anfang der Fünfziger hatten API-Forscher entdeckt, dass die Verbrennung fossiler Energieträger das atmosphärische CO2 in die Höhe treibt. Aus ihrem Bericht ging hervor, dass der daraus resultierende Treibhauseffekt die Erde erwärmen würde, mit negativen bis katastrophalen Folgen. Explizit wurde vor dem Anstieg des Meeresspiegels gewarnt. Wenige Tage nachdem Wissenschaftler das Weiße Haus über die Gefahren eines raschen und irreversiblen Klimawandels in Kenntnis gesetzt hatten, erklärte Ikard seinen wie betäubten Zuhörern: »Dieser Bericht wird ohne Frage Emotionen schüren, Ängste wecken und Forderungen nach Taten laut werden lassen. Seine Kernaussage ist, dass noch Zeit bleibt, um die Völker der Welt vor den katastrophalen Folgen der Verschmutzung zu bewahren, aber die Zeit läuft ab. Eine der wichtigsten Vorhersagen des Berichts ist, dass der Erdatmosphäre durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas Kohlendioxid in solcher Menge und Geschwindigkeit zugeführt wird, dass durch die Veränderung der Wärmebilanz bis zum Jahr 2000 möglicherweise deutliche Klimaänderungen eintreten, die uns lokal und national überfordern. Im Bericht heißt es weiter, und ich zitiere: ›… die Verschmutzung durch Verbrennungsmotoren ist so gravierend und wächst so schnell, dass ein alternatives umweltfreundliches Antriebsmittel für Autos, Busse und Lastwagen wahrscheinlich zur nationalen Notwendigkeit wird.‹ «Auf diese alarmierende Ansage erfolgte –Nichts. Zur API-Forschungsgruppe gehörten damals Wissenschaftler fast aller großen Ölunternehmen, darunter Exxon, Texaco und Shell. In den Siebzigern erstellte Exxon eine eigene Studie, deren Prognosen noch angsteinflößender ausfielen. Statt die Welt darüber zu informieren, blockierte der Konzern die Veröffentlichung und begann mit einer gezielten Desinformationskampagne. Über Jahrzehnte zog er die Seriosität der Klimawissenschaft in Zweifel, attackierte und diffamierte die Mahner, mit Rückendeckung der Bush-Cheney-Administration. King of Chaos war Lee Raymond, CEO von Exxon und später ExxonMobil, der über Klimamodelle spottete, Wissenschaftler dafür bezahlte, Gegengutachten zu schreiben, globale Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen fossiler Brennstoffe hintertrieb, während er zugleich damit begann, Exxon-Infrastrukturprojekte vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, von dem er wusste, dass er kommen würde. Später ließ ExxonMobil verlauten, Raymonds Aussagen seien missverstanden worden. In einer Rede, die Raymond 1997 auf dem Weltölkongress in Peking kurz vor den Klimaverhandlungen in Kyoto hielt, äußerte er sich jedoch recht unmissverständlich: »Erstens erwärmt sich die Welt nicht. Zweitens wären Öl und Gas selbst dann nicht die Ursache. Drittens kann niemand den wahrscheinlichen zukünftigen Temperaturanstieg vorhersagen.« Vielmehr, erklärte er den anwesenden Staats- und Regierungschefs, sei die Erde in den letzten Jahren kühler geworden. Doch selbst wenn die Wissenschaft mit dem Treibhauseffekt recht hätte: »– ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Temperatur zur Mitte des nächsten Jahrhunderts erheblich beeinflusst wird.« Kurz, die Ölbranche betrieb schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts hochmoderne Analytik, stufte die Ergebnisse als geschäftsschädigend ein und setzte eine weltweite Fake-News-Kampagne in Gang, um die Klimaforschung in Verruf zu bringen. Donald Trump hätte seine Freude gehabt. Dick Cheney hatte sie definitiv. Die Saat der Skepsis wurde von den Ölmultis und den ihnen verbundenen Politikern gelegt.“ (S. 34/35 in meiner ebook-Ausgabe, unter der Überschrift „Die Verteufelung der Klimaforschung“)

Da bleibt einem doch die Luft weg. Ein paar Kapitel später beschreibt Schätzing, warum Menschen häufig der Verlockung unterliegen, sich gegenteilig zu dem zu verhalten, was eigentlich angesagt ist. Und zwar mit Elementen aus der Spieltheorie. Ich kann und will das hier nicht hineinkopieren, denn ich möchte wirklich, dass ihr euch dieses Buch beschafft und lest. Egal ob ihr es kauft (und nach dem Lesen weitergebt an jemanden, von dem ihr auch wünscht, dass er oder sie das Buch liest) oder ob ihr es ausleiht. Auch egal, ob ihr mit allem übereinstimmt, was er schreibt (ich persönlich ziehe auch nicht aus allem dieselben Schlüsse, aber darum geht es auch gar nicht), lest es, überdenkt es, handelt mit dem, was ihr könnt. Nicht jeder von uns muss perfekt sein im nachhaltigen Handeln, aber jeder muss endlich im Rahmen seiner Möglichkeiten dringend die Komfortzone verlassen. Was wollen wir denn für unsere Kinder und Enkel hinterlassen? Ganz konkret:

Was wünschst du dir für deine Tochter, deinen Sohn? Wie möchtest du deinen Lebensabend verbringen, was sollen deine Enkelkinder von ihrer Zeit mit Oma und Opa in Erinnerung behalten? Wie soll die Welt aussehen, in der sie später leben werden?

Frank Schätzing legt nicht nur Finger in Wunden und prokelt genussvoll darin herum. Er hat sich auch (und nicht als erster, denn die Mechanismen gibt es ja bereits, sie werden nur zu wenig konsequent angewendet) mit konkreten Handlungsvorschlägen beschäftigt, und damit mutet er jedem einzelnen von uns natürlich auch etwas zu (im Gegensatz zu manchen Politikertypen, die den Anspruch erheben, Deutschland regieren zu wollen), denn Veränderung ist ja nun mal in erster Linie etwas, das vielen Menschen Angst macht. Weil wir zu bequem, zu satt geworden sind.

Mir gefällt an dem Buch sehr gut (das war schon bei einigen anderen Sachbüchern so, die ich hier besprochen habe), dass Schätzing konkrete Situationen als Ausgangspunkte für seine Fallbeispiele nimmt. Situationen, die vollkommen alltäglich sind, keine abstrakten Szenarien. So wird seine Sichtweise nachvollziehbar. Andere Abschnitte im Buch sind mir persönlich manchmal ein bisschen nahe am Slapstick, aber er ist schließlich auch kein Wissenschaftler, sondern Marketingspezialist. Positiv kommt auch rüber, dass er sich selbst durchaus in die Reihe derer stellt, die sich lange Zeit nicht unbedingt durch konsequent klimafreundliches Verhalten ausgezeichnet haben. Wie sehr wahrscheinlich die Meisten von uns.

Also: Klare Leseempfehlung!

Bibliographische Angaben:

Frank Schätzing, Was, wenn wir einfach die Welt retten?, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00201-0, € 20,-

Die Shitstorm-Republik

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Achtung, Triggerwarnung: Cybermobbing, virtuelle Gewalt

Auf das Buch gestoßen bin ich übers Netz. Wenn ich es noch richtig in Erinnerung habe, war es bei einer Insta-Live-Übertragung von Dunja Hayali (Ja, ich hab es eben mal nachgesucht, kommt hin), die ich mir nicht regelmäßig, aber doch öfter mal, abends beim Küche saubermachen anhöre. Weil da immer interessante, aber höchst unterschiedliche Leute dabei sind. Also um es gleich vorweg zu nehmen: Soziale Medien verbieten ist weder eine Option noch eine Lösung, denn es gibt auch unendlich viel inspirierendes dort zu finden. Unser (fast) aller Umgang damit ist halt noch sehr ausbaufähig.

Um jetzt sinnvoll meine Gedanken zum Buch zu sortieren, konsultiere ich meine Notizen. Zunächst mal zur Autorin: Nicole Diekmann ist 10 Jahre jünger als ich und stammt auch aus Ostwestfalen. Sie „studierte von 1997 bis 2004 Soziologie, Politikwissenschaften und Neuere und Neueste Geschichte in Münster und Hamburg. […] Im Anschluss absolvierte sie von 2004 bis 2005 eine Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule in München.“ (Quelle: Wikipedia, abgerufen 6.6.2021) Medienprofi auf fast allen medialen Kanälen. Und als solche passiert ihr an Neujahr 2019 aus der Gemütlichkeit und Beschaulichkeit der ostwestfälischen Wohnzimmeridylle ihres Elternhauses ein klitzekleiner, aber folgenreicher Fehler: Sie postet einen ironischen Tweet, aber vergisst, ihn als Ironie zu kennzeichnen. Und tritt damit eine Lawine los, bekommt einen Shitstorm, der immer weitere Kreise zieht.

Solltest du auch Erfahrungen dieser Art (wenn auch vielleicht nicht in dem Ausmaß) haben, sage ich gleich an dieser Stelle: Vermutlich ist es zu spät, diese Art von Grausamkeit aus deiner Wohnung, deinem Wohnzimmer oder sogar Schlafraum herauszuhalten, aber es gibt Organisationen, die Hilfestellung geben, zum Beispiel Hate Aid. Zögere nicht, dich dorthin zu wenden!

Aus ihren eigenen Erfahrungen heraus hat sich Nicole Diekmann auf Recherche begeben, wie diese für nüchtern denkende Menschen unglaubliche Spirale verbaler Gewalt (bei der es leider nicht immer bleibt, wie wir inzwischen wissen) entstanden ist und den Weg in die Gesellschaft scheinbar wenig widerspruchslos geschafft hat. Ich kopiere hier einmal das Inhaltsverzeichnis hinein, um das breite Spektrum darzustellen, das zu dem Themenkomplex gehört:

Etwas, das sich durch das Buch zieht und ziemlich perfide ist: Das Bewusstsein, dass man mit seinem Hass durchkommt statt verfolgt zu werden, die Kalkulation, dass Opfer sich entweder selbst verantwortlich fühlen oder zu sehr schämen, ihr vermeintliches „Versagen“ (in der Digitalkompetenz) einzugestehen und auch ein immer noch männerlastiges Überlegenheitsgefühl sowie die Neigung zur „Rudelbildung“ (S.60) sorgen dafür, dass immer mehr Nutzer, die mit Empathie und Augenmaß im Netz (re)agieren, sich zurückziehen und die Netzwerke so den Rüpeln überlassen. In der Folge entsteht der Eindruck, dass diese in der Mehrheit sind und damit auch stellvertretend für die Mehrheitsgesellschaft. Dem ist so nicht! (Es fahren auch nicht alle Motorradfahrer zu schnell und mit aufgebohrtem Auspuff. Man hört die eben bloß lauter…)

So gern ich das Buch hier in Länge und Breite auswalzen würde, das geht erstens nicht und ist auch zweitens nicht Aufgabe dieses Beitrages, als Kernproblem stellt sich etwas heraus, das wohl so ziemlich jeder von uns im vergangenen Jahr in einem mehr oder weniger beliebigen Bereich festgestellt hat:

Fehlende Medien- und Digitalkompetenz! Nicht nur beim Durchschnittsnutzer, sondern vor allem bei hochrangigen Politikern, Strafverfolgungsbehörden, im Journalismus ebenso wie in der Bildung, beim Lokalpolitiker um die Ecke, bei Kirchens und ganz bestimmt auch immer noch bei uns hier im Bloggeruniversum. Vor allem bei allen, die in irgendeiner Form Verantwortung für eine irgendwie hergestellte Öffentlichkeit oder gesellschaftliche Gruppen haben, ist das ein riesiges Manko. Statt bereits in jeder Ausbildung Wert auf Medienkompetenz zu legen, wird es in diesem wichtigen Bereich immer noch jedem Akteur selbst überlassen, ob er/sie affin zu diesen Themen ist oder am liebsten gar nichts damit zu tun haben möchte. Aber die Büchse der Pandora ist nun einmal geöffnet, wir bekommen ihren Inhalt nicht wieder hinein.

Die Beschäftigung mit den Problemen ebenso wie mit den Lösungsansätzen, aber auch die detaillierte Darstellung der Entwicklung der sozialen Netzwerke machen das Buch zu einer spannenden Lektüre, gerade für die Angehörigen im weitesten Sinne meiner Generation.

Wenn ich mich zurückerinnere, war das Internet ein ganz netter Raum voller cooler Ideen. Als meine „großen“ Töchter noch klein waren, nutzte ich ebay, um mit gebrauchten Kinderklamotten zu dealen und meinerseits „neue gebrauchte“ einzukaufen. Da machte ebay auch noch Spaß, weil es ein reiner online-Flohmarkt war, ohne professionelle Händler, die inzwischen alles überwiegen. Auch der Konzern mit dem Daumen hoch, der damals noch kein Konzern war, machte einmal Spaß, wenn man ehemalige Mitschüler, die inzwischen in aller Welt verstreut waren, kontaktieren konnte. 9/11 (2001) war dann der Tag, an dem das Internet zusammenbrach, unter der Last der vielen Millionen Menschen, die virtuell Anteil nahmen an den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon. Ich weiß noch genau, wie meine Kollegin und ich während unseres Arbeitstages in der Buchhandlung immer wieder nachschauten, entsetzt darüber, was ideologieverblendete Menschen anderen antun können, und dann in dieser Dimension! Danach war vieles anders. Und gipfelte (vorläufig) im Livestream eines Terroranschlages, der über 50 Todesopfer forderte, der auf Facebook übertragen wurde und viral ging, ehe der Konzern auch nur ansatzweise einschreiten konnte.

Und selbst Instagram, das Medium mit den hübschen, gestylten und gephotoshopten Bildchen, das nur die Happy-Moments einfing, hat in zwischen seine Unschuld verloren, es wird in den Kommentarspalten beleidigt, zur Lynchjustiz angestachelt, niedergemacht.

Mein Fazit und meine Empfehlung:

Lies! Dieses! Buch! Egal ob gekauft oder ausgeliehen, analog oder digital. Wenn dir der Umgangston im virtuellen wie im realen Raum nicht egal ist, mach dir die Gedanken und versuche, in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen, wie es für dich richtig und angemessen ist.

Bibliographische Angaben:

Nicole Diekmann, Die Shitstorm-Republik, Kiepenheuer & Witsch, Buch: ISBN 978-3-462-00080-1, 12 €; eBook (EPUB): ISBN 978-3-462-30240-0, 9,99 €

Ach übrigens: Wir können, sollen und müssen nicht alle einer Meinung sein. Wir dürfen leidenschaftlich streiten über bessere Wege, zum Beispiel aus der Pandemie, für die Lösung der Klimakrise, für so viel anderes auch. Aber bitte immer mit der Maßgabe: Respekt (wichtiger als Toleranz, finde ich) für die Ansichten unseres Gegenübers, im Ton stets so bleiben, wie wir auch mit einem uns real gegenüber stehenden Menschen reden würden, im Endeffekt einfach so, wie wir uns auch wünschen, angesprochen zu werden. Ich kenne niemanden, der es toll findet, angepöbelt zu werden.

Unter Druck – Eindringliche Leseempfehlung

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Ein kleines, aber wichtiges Detail vorweg: Das Buch ist Corona-frei, da die gebundene Ausgabe bereits 2019 erschienen ist, aktuell ist die Taschenbuchausgabe herausgekommen.

Die Autorin Jana Simon, in der DDR geboren und aufgewachsen, Enkeltochter des Schriftsteller-Ehepaares Christa und Gerhard Wolf, arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin. Für dieses Buch hat sie einige Menschen in Deutschland über einen Zeitraum von fünf (!) Jahren immer wieder getroffen und ein Stück begleitet, Interviews geführt, Beobachtungen angestellt. Ganz unterschiedliche Menschen wie Alexander Gauland (der eine Schlüsselfigur darstellt, denn sein Weg in der AfD in die zunehmende Radikalisierung, die ihm anscheinend manchmal im Vorübergehen passiert, berührt irgendwann jeden der anderen Menschen) oder Jörg Asmussen, im Laufe seiner Karriere war er Finanzstaatssekretär, Vorstandsmitglied bei der EZB, Staatssekretär im Bundessozialministerium und schließlich nach dem Wechsel in die Privatwirtschaft bei der Investmentbank Lazard für internationale Fusionen und Käufe als Berater tätig. Diese beiden Herren dürften einem breiten Publikum bekannt sein.

Vielleicht auch noch die Modebloggerin Lisa Banholzer, aber dann wird es privater. Eine engagierte gelernte Krankenschwester aus München, gebürtige Polin, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, kämpft vor allem mit viel zu hohen Mieten und fehlender Anerkennung des Pflegeberufes. Ein Polizist aus Thüringen, der beim Staatsschutz arbeitet und unter anderem mit den NSU-Durchsuchungen zu tun hatte und immer wieder auf AfD und Rechtsextreme stößt, der bei seiner Arbeit oft mehr Fragen als Antworten hat und immer wieder über seine Grenzen hinausgehen muss. Sowie ein Ehepaar aus Norddeutschland, das für den Bosch-Job des Mannes nach Stuttgart gezogen ist und sich nach Jahren in einem ganz eigenen Hamsterrad wiederfindet, aus dem es kaum einen Ausweg zu geben scheint. Samt Burnout und Zweifeln am eigenen Lebensstil.

Auf den ersten Blick haben diese Menschen nicht sehr viel miteinander zu tun, aber alle offenbaren einen Blick hinter die Kulissen Deutschlands. In ihrem jeweiligen Metier erkennen sie bereits recht früh, dass vieles falsch läuft, dass die großen Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar und auch nicht wirksam sind. Das Gefühl von immens wachsendem Druck, dem wir nicht ausweichen können, der uns vor sich her treibt und uns immer schneller, immer höher, immer weiter peitscht, den kennen vermutlich die Meisten von uns. Das Leben nimmt, mal abgesehen vom vergangenen Jahr, nur noch an Geschwindigkeit zu. Und die Menschen, die von der Autorin begleitet werden, verkörpern alle eine wichtige Facette des Lebens im Deutschland der letzten acht Jahre.

Warum gerade 2013 der Startpunkt ist? Da zitiere ich die Autorin:

„Als ich im Sommer 2011 nach Deutschland zurückkehrte, wirkte das Leben in Berlin im Vergleich zu Los Angeles geradezu harmonisch entspannt. Ich dachte, wenn es stimmt, dass Entwicklungen aus den Vereinigten Staaten mit ein wenig Zeitverzögerung nach Europa kommen, kann man sich nur fürchten.Und sie kamen. Sichtbar wurden die Verschiebungen in Deutschland aber erst nach und nach. Ein Jahr ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben – 2013, das Ausgangsjahr dieses Buches, dem die Griechenlandrettung, die Eurokrise, der Kriegsausbruch in Syrien und die Entdeckung des rechtsextremen NSU-Terror-Trios vorausgegangen waren. Das Jahr, in dem der Ukraine-Konflikt eskaliert, der NSU-Prozess anfängt und sich die AfD gründet. In diesem Jahr treffe ich den fast achtzigjährigen Horst Wilde in seiner Berliner Wohnung, aus der er nach 41 Jahren ausziehen muss, weil die Miete nach einer »energetischen Sanierung« und den Modernisierungsmaßnahmen das Fünffache kostet. Ich spreche mit den Angehörigen eines NSU-Opfers, die jahrelang als Täter verdächtigt wurden. Polizeibeamte hatten sich bei den Befragungen der Familien als Journalisten und Privatdetektive ausgegeben. Erstmals ziehen deutsche Islamisten in den Syrienkrieg.“ (aus dem Vorwort, bei meinem eBook ist es die Seite 6)

Ach, ich könnte euch an dieser Stelle zig berührende Stellen aus dem Buch zitieren, so wie ich sie meinem Mann am Esstisch vorgelesen habe, aber stattdessen empfehle ich euch dringend, das Buch zu lesen. Manchem kann ich zustimmen, anderes sehe ich naturgemäß ganz anders, aber viele Strömungen und manche Meinungsbildungsprozesse macht das Buch sichtbar, wo ansonsten alles im Verborgenen geschieht, unter der Decke der Privatsphäre.

Jana Simon hält sich selbst dabei meist zurück, sie ist die Chronistin im Hintergrund, die mit einfühlsamen Fragen ihren Gesprächspartnern auf den Zahn fühlt. Bei Alexander Gauland wertet sie hin und wieder sparsam, was ich bei einer so kontroversen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aber auch ok finde, da kann man kaum anders, als sich dazu zu äußern. Ihr unaufdringlicher, sachlicher Stil und immer von außen distanzierter Blick auf die Personen ist für mich wohltuend und beruhigend gewesen, denn: Manche Abschnitte im Buch ließen mich ratlos zurück, vor allem mit der Frage, ob wir als Gesellschaft „die Kurve kriegen“, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Lebens mit Anstand und Würde zu begegnen. Und ich bin auch ehrlich gesagt noch nicht sicher, wie ich mit meinen Erkenntnissen umgehen und sie in mein alltägliches Leben intergrieren soll.

Bibliographische Angaben: Jana Simon, Unter Druck, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-70326-5, 12 €

Fehlender Mindestabstand

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Wegen fehlendem Mindestabstand musste ich die Lektüre leider erstmal unterbrechen. Mir fehlte langsam der Mindestabstand zu meinem eigenen Unverständnis der Verhaltensweisen, die im Buch dargestellt werden. Mir rückten die teilweise kruden Thesen, die Menschen verbreiten und anscheinend auch glauben, zu sehr auf die Pelle durch die Beschäftigung damit. Kurz: Mir ging die Laune flöten…

Glücklicherweise besteht das Buch aus Essays, die unterschiedliche, auch internationale Facetten des Phänomens der Verbrüderung aller möglichen (und unmöglichen) Strömungen des Misstrauens in die Gesellschaft beleuchten. So versuche ich es höflich auszudrücken. Es ist erschreckend, dass im Zeitalter der Aufklärung wohl so mancher finstere Verschwörungsglaube nicht beseitigt, sondern nur notdürftig kaschiert wurde. Ich frage mich, wie um alles in der Welt es die Menschheit bis hier und heute gebracht hat, wenn sie scheinbar nur von Verbrechersyndikaten und korrupten Eliten regiert wurde und wird, aber vor allem stelle ich mir die große Frage:

Was bringt Menschen, die ich vor einem Jahr eher entweder im christlich-konservativen, liberalen oder linksalternativen Spektrum verortet hätte, dazu, mit offen rechtsextremen und teilweise demokratiefeindlichen Gruppen gemeinsam auf die Straße zu gehen? Dabei ist es vollkommen egal, ob aus Protest, Angst oder Besorgnis, einige ganz persönliche Motive kann ich sogar gut nachvollziehen. Aber, nein! Gruppierungen auf den Leim gehen, die auf komplizierte Probleme einfache Lösungen oder „Starke Männer“ aufstellen, das Nachplappern von teils jahrhundertealten Bedrohungsszenarien, die weltweite Bereitschaft, sich menschenwürdeverachtenden Rattenfängern anzuvertrauen, das kann ich nicht begreifen.

Regenbogenfahnen neben Reichsflaggen (Hallo! In dieser „guten alten Zeit“ landeten auch Homosexuelle und andere sich der heute als queer bezeichnenden Bewegung zugehörigen Menschen in KZs!)

Ein toxischer Cocktail aus Anthroposophie, verschiedenen wahlweise ökonomischen oder auch ökologischen Verschwörungsszenarien, Antisemitismus, Klimawandelleugnung, Deep State, NWO, Esoterik und Rassismus erinnert an den Zauberlehrling von Goethe.

Lesenswert ist das Buch allemal, aber bitte mit guten Nerven. Es ist ein bitterer Kirmes-Ersatz: ich erlebe eine Achterbahn im Gruselkabinett. Wohltuend sind da einige Interviews mit Menschen, die selbst teilweise auch bereits verbal oder auch tätlich angegangen wurden, aber trotzdem versuchen, einen differenzierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen.

Bibliographische Angaben:

Kleffner, Heike/Meisner, Matthias; Fehlender Mindestabstand; Verlag Herder, ISBN 978-3-451-39037-1; € 22,.

Landleben II

Vor einigen Wochen hatte ich ja schon einmal einen Beitrag mit dem Titel „Landleben„, deswegen heißt der heutige halt „Landleben II“. Es soll schon übersichtlich bleiben.

Der Beitrag heute dreht sich nämlich um ein Buch, das den geplagten Großstädtern das Landleben schmackhaft machen soll.

Träumen vom Landleben“ heißt es, geschrieben wurde es von einer Frau, die aus der Großstadt nicht direkt in ein 500-Seelen-Dorf zog, sondern in eine Kleinstadt. Also nicht ganz so ein Kulturschock. Etwas schmunzeln musste ich bei den vorgestellten Kategorien, wann sich eine Ansiedlung von Häusern Dorf, Kleinstadt, Mittelstadt oder Großstadt nennt. Ganz kurz: weniger als 400 Menschen- Weiler, Siedlung (man könnte vermutlich auch „Kaff“ sagen); ab 400 – Dorf; ab 5000 – Kleinstadt; ab 20.000 – Mittelstadt; ab 100.000 – Großstadt. Schmunzeln musste ich, weil ich gleichzeitig in einem Dorf und in einer Mittelstadt lebe. Porta Westfalica hat rund 37.000 Einwohner, aber es ist eine Stadt, die erst 1973 bei der Gebietsreform zur Stadt wurde. Sie besteht aus 15 Dörfern, und unseres beherbergt ungefähr 1/10 aller Stadtbewohner, nämlich etwas mehr als 3.700.

Aber zurück zum Buch. Es ist ein schön anzusehendes Buch und es behandelt auch tatsächlich einige Bereiche, die man auf dem Land eher trifft als in der Stadt, beginnend bei Nachbarn (obwohl ich unsere zahlreichen Nachbarn eher im Auto, auf dem Trecker oder bestenfalls im Supermarkt treffe). Aber auch singende Vögel, wilde Vegetation und Sterne tauchen auf. Das klingt jetzt ein bisschen flapsig, und ein ganz kleines bisschen ist es auch so gemeint. Denn es gibt etwas, das mir bei diesen Aufzählungen tatsächlich fehlt, und das hat originär etwas mit dem ersten Landleben-Beitrag zu tun.

So schön das Loblied auf das Landleben nämlich anzuschauen und zu lesen ist, so sehr fehlt mir die Rückseite: Hähnekrähen, Kirchenglocken (auch sonntags um 9 Uhr), Gülle und anderes, das man aus der (Groß-)Stadt nicht unbedingt kennt und sich deswegen dann auch mal darüber empört. Aber auf dem Land ist eben nicht alles nur Idylle, sondern (harte) Arbeit, Geräuschkulisse und, ja, auch dann und wann Gestank. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…, nicht wahr?

Das ist aber der einzige Wermutstropfen, der mir Dorfkind auffällt. Insgesamt ist es ein sehr schön gestaltetes Buch für alle, die sich aus ihrem Hamsterrad rausträumen oder ihm gleich ganz entfliehen wollen. Mit Tipps für alle Jahreszeiten und Rezepten, schönen Illustrationen und stimmungsvollen Fotos ist es vor allem ein hübsches Geschenk.

Bibliographische Angaben:

Yvonne Adamek, Träumen vom Landleben, arsEdition, ISBN 978-3-8458-4131-1, € 12,99

Buchtipp: Robert Habeck, Von hier an anders – Eine politische Skizze

|Werbung, unbezahlt|

Das Buch ist eine Zumutung! Achtung: weiterlesen, keine Schnappatmung bitte. Eine Zu-Mut-Ung im besten Wortsinn. Er mutet und er traut seinen LeserInnen zu, sich Gedanken um unsere Gesellschaft zu machen, und zwar Gedanken, die nicht nur an der Oberfläche kratzen.

Und ehe möglicherweise einige hier abwinken, es lohnt sich nicht nur als Grünen-Wähler, dieses Buch zu lesen. Denn es bietet mehr als eine politische Vision, weil gerade in diesem Jahr Bundestagswahl ist. Ich empfinde es als ziemlich wohltuend, dass hier nicht in einer Art Haudrauf-Mentalität alles zerredet wird, was dazu geführt hat, dass wir als Land, als Gesellschaft, aber auch als Einzelpersonen, heute an dem Punkt stehen, an dem wir stehen. Das ist mir heute früh bewusst geworden, als ich die Kapitel „Das kulturelle Paradigma“ und „Wettstreit um Würde“ las. (Ihr seht, ich bin noch nicht ganz durch, aber ich muss das jetzt mal loswerden.)

Robert Habeck legt Finger in offene Wunden, aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern er führt auch aus, wie die Entwicklungen in der deutschen Politik und Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg aussahen, die irgendwann (oft aus den besten Absichten unter den jeweiligen Voraussetzungen) zu diesen Wunden geführt haben. Dabei macht er vor einem gesellschaftlichen Rundumschlag nicht halt: Für Deutschland wichtige Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft, Industrie und natürlich der gesamte Dienstleistungssektor mit seinen vielen prekären Beschäftigungsmodellen, Bildung, auskömmliches Leben, gesellschaftliche Teilhabe und Gerechtigkeit, er spart keinen Bereich aus, in dem es kriselt und wehtut.

Natürlich flicht er an der einen oder anderen Stelle Erfahrungen aus seinen früheren Ämtern in der Landesregierung Schleswig Holsteins ein und macht Werbung für die Grünen, aber er zieht an keiner Stelle über politische Mitbewerber her und andere als die eigenen Erfahrungen kann ja nun mal niemand von uns beschreiben. Insgesamt halte ich „Von nun an anders“ eher für ein philosophisches als ein politisches Buch. (Wobei für mich logischerweise beide Bereiche ineinandergreifen, schon allein von den Definitionen der Begriffe her. Es werden die zentralen Bedingungen unseres Lebens bedacht: Gemeinschaft und Sinn. Aber das kann ich euch ein anderes Mal erzählen.)

Ich könnte an dieser Stelle viele Zitate aus dem Buch anführen, die zeigen, dass die Überlegungen, die Habeck anstellt, für eine breite Öffentlichkeit interessante Denkanstöße darstellt, aber ganz ehrlich: Ich habe Probleme, hier eine Priorisierung durchzuführen, um DAS Zitat herauszustellen, das für mich die Essenz des Buches darstellt. Daher stelle ich euch eine wichtige Eingangsfrage, die er in dem Buch stellt, einfach mal weiter:

„Sind wir also tatsächlich politisch gefangen in einer Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion? Kann es sein, dass man, je erfolgreicher man für sein Anliegen wirbt, je mehr Menschen einem zustimmen, desto stärker zum Teil einer falschen Polarisierung wird und Gefahr läuft, seinem Anliegen einen Bärendienst zu erweisen?“ (S. 21)

Es bleibt spannend.

Bibliografische Angaben: Robert Habeck, Von hier an anders, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05219-0, € 22,00 (geb.) auch als eBook erhältlich

PS: Ich hatte die wilde Idee, in diesem (Wahl-)Jahr mal von jedem politischen Lager einen aktuellen Titel vorzustellen. Bisher bin ich nicht ganz glücklich mit diesem Einfall. Denn da sind mir als nächstes erstmal nur Friedrich Merz und Berndjörn Höcke eingefallen… Kommentar meiner Chefin: „Willst du dir das wirklich antun?“ Da wären wir dann wieder bei Zumutung. Der Kreis schließt sich. Also: Was meint ihr? Und habt ihr konkrete Wünsche oder Vorstellungen?

Die Gesellschaft der Anderen

|Werbung, unbezahlt|

Ein Gespräch in Buchform, von Naika Foroutan und Jana Hensel

Briefromane oder auch Emailromane kennen wir. Dieses (Sach-)Buch ist aber eine Diskussion zwischen zwei Frauen, die nicht immer einer Meinung sind, aber voller Wertschätzung für die Positionen der jeweils Anderen.
Als erstes war ich sehr angenehm überrascht, dass die beiden sich siezen. Ich mag das unkomplizierte duzen auch gern, aber es gibt Situationen, da ist es nicht hilfreich. Das respektvolle „Sie“ schafft eine Art professioneller Distanz, die auch dafür sorgen kann, dass eine Diskussion über kontroverse Themen dort bleibt, wo sie hingehört: auf der Sachebene.
Das Buch ist aber auch durch eine starke Intensität in der Auseinandersetzung mit den Themen gekennzeichnet, welche die LeserInnen fordert, aber auch mitnimmt. Jana Hensel und Naika Foroutan reden auch nicht erst lange um den heißen Brei herum, sondern steigen gleich mit einem wichtigen Thema ein: Der Anschlag in Hanau zu Beginn des Jahres 2020. Durch die monothematische Konzentration auf die Pandemie scheint es schon jetzt sehr lange her zu sein, fast in einem anderen Leben.

Später kommen die beiden darauf zu sprechen, welche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede es in Deutschland für Menschen gibt, die entweder einen Migrationshintergrund oder eine ostdeutsche Biographie haben. Für jemanden wie mich, die weder das eine noch das andere erlebt hat, sondern deren Familie seit Generationen in Ostwestfalen im familiären Kotten verwurzelt ist, bieten sich teilweise ganz neue Sichtweisen und Perspektiven, es tut mir gut, diese zu lesen und zu reflektieren.

Das gesamte Buch möchte ich an dieser Stelle nicht ausbreiten, jede/r sollte die Möglichkeit nutzen, es selbst zu lesen.

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen: Manche Erfahrungen, die Menschen machen, welche nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, sind echt bitter, denn die Ausgrenzung findet ja unter anderem auch durch Leute oder deren Nachkommen statt, die nach dem zweiten Weltkrieg in Westdeutschland als Vertriebene oder ehemalige Zwangsarbeiter eine neue Heimat fanden und ebenfalls mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen hatten. Oder Familien, die Anfang der 1990er Jahre aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland kamen. Innerhalb von ein bis zwei Generationen ging die Erinnerung daran offensichtlich verloren. Ebenso gefährlich sind aber auch so manche „Biodeutschen“, die sich auch im 21. Jahrhundert noch als irgendwie besser fühlen.
Für mich ein absolut lesenswertes Buch, das mich noch länger gedanklich beschäftigen wird.

Bibliographische Angaben: Naika Foroutan & Jana Hensel, Die Gesellschaft der Anderen, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03811-3, € 22,–