Alles normal oder was?

Samstag früh, kurz noch ein paar frische Lebensmittel einkaufen. Im örtlichen Supermarkt tragen fast alle Mitarbeiter Mund-Kinn-Bedeckung. Manche verstecken möglicherweise auch einfach nur einen Adamsapfel, mutmaße ich. Das kann doch nicht sein, dass in diesem Laden fast nur Asthmatiker arbeiten? Und ehe ich hier einen Shitstorm bekomme: ich weiß, dass es mühsam ist, den ganzen Tag mit der Maske herumzulaufen. Vor allem, wenn es eine Textilmaske ist. In anderen Zusammenhängen trage ich auch mehrere Stunden am Stück die Maske, danach ist sie durch. Ist mir durchaus bewusst. Und ich habe übrigens auch Asthma. Trotzdem befällt mich zunehmend ein mulmiges Gefühl, auch weil immer mehr Menschen immer weniger Abstand halten.

Wie gesagt, bei allem Verständnis für die einzelnen Leute, müsste so etwas nicht durch kreative Pausenlösungen zu handhaben sein? An anderer Stelle wird im selben Geschäft nämlich durchaus auf die Einhaltung der Vorschriften geachtet: Es ist nicht erlaubt, Fleisch/Aufschnitt, Käse und selbst Brot in mitgebrachte Behälter/Brotbeutel verpacken zu lassen. Frisch abgewaschene Dosen sind ein Hygienerisiko. Mein Verbrauch an gelben Säcken hat sich seit Mitte März verdoppelt. Aber zumindest sind Plastikstrohhalme demnächst verboten…

Überhaupt: wie haben wir uns kollektiv vor drei Monaten über die Stille und die saubere Luft gefreut. Und heute freuen sich schon wieder dieselben Menschen über Flüge nach Malle. Wir sind schon so an das schnelle Leben gewöhnt, dass drei Monate relative Ruhe uns an den Rand des Kollaps bringen. Traurig eigentlich.

An der Kasse angekommen. Vor mir bezahlt eine Frau abgepacktes mariniertes Grillfleisch. Billigmarke der Kette. Dabei haben wir doch in der letzten Woche erst gelernt, dass auch diese Ware aus Rheda-Wiedenbrück kommt. Mich schauderts. Muss man denn beim Grillen immer gleich „Fleisch satt“ haben? Ist es nicht eventuell doch schöner, ein saftiges (weil gut marmoriertes, aus Weideaufzucht und beim regionalen Schlachter verarbeitetes) Steak zu genießen und dazu vielfältige Beilagen zu entdecken?

Aber was weiß ich denn schon? Vielleicht übertreibe ich es ja auch mit dem Gefühl, dass Rücksichtnahme auf Mensch und Tier kein notwendiges Übel ist, sondern eine Eigenschaft, die allen Beteiligten das Leben lebenswerter macht.

Zuhause angekommen, sitze ich im Büro und versuche, Kunden zu erreichen. Seit Donnerstag wissen alle, dass sie die Programmänderung für die Mehrwertsteueränderung bekommen sollen. Aber auch hier ist es bei einigen alles andere als einfach, überhaupt eine Rückmeldung zu bekommen. Die ganze vergangene Woche habe ich damit verbracht, immer ähnliche Telefonate zu führen: „Ach, ob das was bringt? Ich weiß es nicht, aber muss ja wohl sein. So ein Aufwand…“

Ich wünsche ein schönes Wochenende. Mit möglichst wenig Unwetter. Ich fürchte, die Fähigkeit vieler, mit noch zusätzlichen Katastrophenmeldungen klarzukommen, sinkt rapide.