Etwas ist hier gewaltig faul!

Zunächst, um langsam in Fahrt zu kommen, eine kurze Erläuterung des Beitragsbildes: Kaum noch erkennbar, handelt es sich um einen mutwillig zerstörten Ameisenstaat. Der war vorher einen knappen Meter hoch und gelegen an einem Waldweg, der die Zufahrt zu einem Campingplatz im Müritznationalpark bildet. Mehrere hundert Meter entfernt von der Hauptstraße, hier verirrt sich niemand einfach mal so hin. Kathrin und ich bewunderten diesen wimmelnden und dabei doch so organisiert wirkenden „Haufen“ immer wieder, wenn wir im Urlaub mit den Hunden daran vorbeikamen. Doch eines Morgens sah es dann so aus wie auf dem Foto: der Hügel abgetragen und auseinandergerakt, Bauteile eines PCs halb darin vergraben (die Platine kann man unten links im Bild erkennen), zerbrochene Schnapsflaschen steckten kopfüber in den Überresten. Wir waren total fassungslos. Wer macht so etwas? Und warum?

Diese beiden Fragen stelle ich mir immer öfter. Und beileibe nicht nur, wenn ich die Auswirkungen blinder Zerstörungswut auf die Umwelt (oder fremden Eigentums, aus welchem „Grund“ auch immer) sehe. Die Umwelt, die eigentlich stark ist, aber von uns Menschen immer stärker in Bedrängnis gebracht wird. Die Umwelt, die ganz schnell nichts mehr wert ist. Die Umwelt, die auch den Regierenden in Bund und Bundesländern leider zu häufig nur als Lippenbekenntnis wichtig erscheint. (Vielleicht auch, weil ja immer irgendwo in dieser Republik Wahlkampf ist?)

Selbst bei der Corona-App macht der Wahnsinn nicht halt: Denn es gibt beileibe nicht nur Menschen, die „zu arm“ oder „zu bequem“ sind, sich ein aktuelles Smartphone zu kaufen, wie es uns unsere Digitalministerin letzte Woche weismachen wollte. Es gibt auch tatsächlich Menschen, die ihre Geräte nutzen, solange sie funktionieren, statt sich jedes Jahr vollkommen unnötig mit der neuesten Technologie einzudecken. Wer so bewusst konsumiert, hat ebenso wie die erstgenannten Gruppen einfach mal die „A-karte“ gezogen und kann sich am Tracing nicht beteiligen, selbst wenn der persönliche Wunsch danach vorhanden ist.

Ach Corona. Du Krone, welche die „Krone der Schöpfung“ angreift. Passt eigentlich. Die Krone, durch eine andere Krone gestürzt? Und dann Rheda-Wiedenbrück. Noch nie in meinem Leben war mir die Tatsache so sehr bewusst, dass der Landkreis Gütersloh gar nicht so weit von uns entfernt ist. Als während meiner Grundschulzeit mein bester Freund mit seiner Familie nach Gütersloh zog, kam es mir wie eine halbe Weltreise vor, wenn wir die Familie besuchten. Lange Zeit dachten wir bei Gütersloh bestenfalls an die Weltmarke für Waschmaschinen oder wenn wir einen Clown gefrühstückt hatten, wurde die stationäre psychiatrische Einrichtung dort mit der Stadt in Verbindung gebracht.

Inzwischen verbindet ganz Deutschland den „Schweinebaron“ und einen leider inzwischen möglicherweise ausufernden Corona-Ausbruch unter seiner Belegschaft mit Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück. Wenn du schon einmal auf der A2 an Rheda vorbeigefahren bist, hast du möglicherweise den riesigen Werbepylonen mit den lächelnden Tieren (Bulle, Kuh und Schwein) darauf bemerkt. Ganz davon abgesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie man „Lächeln“ und „Schlachtbank“ gemeinsam denken kann, spätestens seit Mitte der letzten Woche kann sich niemand mehr herausreden, er wüsste nicht, wie Fleischindustrie funktioniert. Industrie, nicht Schlachterhandwerk! (Noch dazu wissen wir auch jetzt, dass die Menge der „Fleischarbeiter“ nicht Teilmenge der Menge „Bevölkerung“ ist, sondern mathematisch und menschlich gesehen daneben steht. Mengenlehre hatte ich schon in der Grundschule, aber nicht dieser ganz fiesen Art!)

Möglicherweise müssen wir dem Virus sogar dankbar sein, dass es hoffentlich jetzt zu einer Abschaffung dieser Arbeitsweise kommt. Obwohl, nun schlagen sich die Befürworter und Gegner unterschiedlicher Ernährungskonzepte zumindest virtuell gegenseitig die Köpfe ein. Statt zu respektieren, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich vielseitig und abwechslungsreich zu ernähren (wobei viele Menschen auch aus gesundheitlichen Gründen das Eine brauchen und das Andere besser weglassen), und sich gemeinsam gegen Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt zu wenden, drischt man verbal aufeinander ein. So ein hanebüchener Unsinn. Vernunft und Maßhalten sind nicht sexy. Aber auf jeden Fall wird über den Wert von Lebensmitteln, auch jenseits von Euro und Cent, debattiert.

Und dann kommt ein großer Lebensmitteldiscounter 9 Tage vor der Mehrwertsteuersenkung und kündigt an: „Wir senken die Mehrwertsteuer jetzt schon und senken die Preise um 10%“. Sofort ist der Geifer wieder da, von den Fernsehsendern werden Menschen interviewt, die mit strahlenden Augen erklären: „Boah, das ist so toll, es wird jetzt alles viel billiger, da kann man viel mehr kaufen!“ (Ich hoffe nur, dass sie dann nicht auch mehr wegschmeißen!) Und ich sitze vor dem Fernseher und denke: „Kopf-Wand. Kopf-Wand. Kopf-Wand…“ Ich möchte irgendwo reinbeißen.

Erstens: man kann die Mehrwertsteuer nicht jetzt schon senken. Man kann das nur erzählen und hoffen, dass die Leute nach dem Einkauf nicht so genau auf ihren Bon gucken. Denn natürlich stehen da bis einschließlich 30. Juni noch 7 und 19% drauf. Das ist genau so ein Nepp wie „Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer“ bei den Elektronikriesen. Aber naja. Zweitens: Die Steuer wird nicht um 10, sondern je nach Steuersatz um 2 oder 3% gesenkt. Und drittens: Hatten wir nicht erst vor ein paar Tagen zerknirscht darüber nachgedacht, ob bei uns die LEBENSmittel den Wert bekommen, der ihnen zusteht? Und jetzt sind wir wieder bei „Hauptsache viel, billig und macht satt“? Am Ende muss sich doch jeder Landwirt, der ganz zaghaft hoffte, dass man seiner Arbeit, egal ob konventionell oder bio, endlich mal Respekt zollt, jeder Arbeiter in den nahrungsverarbeitenden Gewerben, der auf faire Löhne hoffte, jeder kleine Ladenbesitzer, der bei dem Wahnsinn nicht mitmacht, schlichtweg vereimert fühlen.

Ich weiß selbst, dass es nicht immer ganz einfach ist, sich diesem ganzen Schnäppchenmist zu entziehen. Ich versuche es, habe nicht immer Erfolg dabei, könnte mich danach sonstwo hin beißen. Und versuche es erneut. Es ist, wenn man nicht in der Stadt lebt, auch nicht immer ganz einfach. Ein bisschen paradox ist es schon, denn man sollte meinen, auf dem Land, wo die Erzeuger sitzen, da bekommt man auch alles. Aber zum Beispiel bei der Hausschlachtung gibt es so viele Regeln, Vorgaben und Vorschriften, die einzuhalten sind, dass kann schlichtweg kaum ein Landwirt leisten. Und durch die Spezialisierung auf bestimmte Kernkompetenzen, ohne die auch kaum ein Landwirt existieren kann, gibt es auch wenige Hofläden, die ein Vollsortiment an Lebensmitteln anbieten können. Und nicht zuletzt ist es ebenfalls kontraproduktiv, wenn ich für meine unterschiedlichen Bionahrungsmittel mehr als 50km durch die Gegend juckeln muss. Ich habe aber erfreulicherweise festgestellt, dass es hier inzwischen Netzwerke gibt (unter anderem eine Facebookgruppe) und manche Landwirte auch gegenseitig ihre Erzeugnisse in ihren Hofläden verkaufen. Das finde ich total klasse.

Danke, dass du bis hierhin mitgelesen hast. Jetzt geht es mir schon etwas besser, der Druck ist aus dem Wasserkessel erstmal raus.

Zum Nachdenken am Schluss noch ein Gedanke von Albert Camus: „Wer etwas will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“ Ich wünsche dir einen guten Weg!