Sprache ändert sich (nicht?)

Mal wieder eine kleine Presseschau. Unsere lokale Tageszeitung hatte im Dezember aufgerufen, an einer Umfrage zum Thema gendergerechte Sprache teilzunehmen. Seit ein paar Tagen ist das Ergebnis da, und (wie zu erwarten?) sprachen sich die meisten Teilnehmer an der Umfrage gegen die Verwendung aus, ein gar nicht mal so kleiner Anteil ging sogar so weit, die Kündigung des Zeitungsabos anzudrohen, falls  unser Provinzblättchen (das meine ich jetzt keineswegs despektierlich, wir sind nun mal Provinz) zukünftig solche unsäglichen Dinge wie Bindestriche, Schrägstrich oder gar Sternchen einsetzt. Wie war das mit den Kanonen und den Spatzen?

Selbst hatte ich auch an der Umfrage teilgenommen. Mit einer, wie ich persönlich finde, differenzierenden Sichtweise: Ich gehe nicht davon aus, dass sich – Simsalabim – die Gesellschaft sofort ändert, die in Bereichen immer noch nicht vollzogene Gleichberechtigung durchgesetzt ist oder so. Ich gendere in meinen Texten auch nicht durchgehend, sondern benutze häufig die Schreibweise, die ich jahrzehntelang gelernt habe, überlege dabei aber meist, welches Signal ich durch meinen Sprachgebrauch setze. Ob es ein Text ist, bei dem ich mir schnelle Lesbarkeit wünsche, ob ich auf eine Facette hinweisen möchte, die mir mit anderem Sprachstil zu kurz kommt oder ob der Text inklusiv verständlich sein soll. Inklusiv bedeutet hier: Ist der Text auch für Menschen verständlich, die aus irgendeinem Grund Probleme mit komplexem Sprachgebrauch haben? Das kann wegen Fremdsprache, eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten oder ähnlichem Grund sein. Näher möchte ich an dieser Stelle gar nicht auf die Genderdebatte eingehen, wir haben uns hier bei WP auf verschiedenen Blogs ja schon öfter darüber ausgetauscht.

Ich bin über einen Leserbrief zu diesem Thema eigentlich vor allem deswegen gestolpert, weil einige Seiten weiter ein großer Artikel über das neue „Spazieren gehen“ zu lesen ist.

Zu Beginn der Pandemie, beim ersten Lockdown, gingen so viele Leute spazieren wie vorher nie, haftete dem Spaziergang doch ziemlich viel Muff an: wer erinnert sich nicht, dass man in der Kindheit am Sonntag nach dem Mittagessen zum familiären Spaziergang aufbrach, natürlich in den besten Klamotten, die nur  sonntags ausgelüftet werden durften, und wehe, man machte sich schmutzig oder zerriss gar etwas…
Plötzlich war „Spazieren gehen“ etwas, was man guten Gewissens tun durfte, um dem Home Office für eine halbe Stunde zu entfliehen; der Wald oder Stadtpark wurde wiederentdeckt, nicht wenige hatten in dieser Zeit einen Lieblingsbaum zum Umarmen ohne Ansteckungsgefahr.

Nun sind fast zwei Jahre vergangen und der Spaziergang wird missbraucht von Menschen, die in großen Herden unterwegs sind und für ihre Wege auch einiges an Equipment mitschleppen. Okay, wenn ich mit den Hunden unterwegs bin, habe ich auch bestimmte Materialien dabei: Eine Auswahl Leckerlis in abgestuften Aufmerksamkeitslevels (von „Hast du fein gemacht“ bis „Achtung, Superleckerchen, nur für besonders kniffelige Situationen“), eine Rolle Kotbeutel (Endlich wird das Mitführen jetzt zur Hundehalterpflicht, wurde auch Zeit. Und auch bei diesem sensiblen Thema bringt es die ersten Hundemenschen auf die Palme: „Wofür zahle ich eigentlich Hundesteuer?!“ Spoiler: Nicht dafür, dass die anderen Fußgänger in die Tretminen deiner Töle latschen!) und je nach Route auch noch eine Schleppleine für Kalle.
Plakate, Fackeln und ähnliches gehört definitiv nicht dazu. Ich kenne auch keine Hundebesitzer, die solches auf ihre Hunderunden mitnehmen.

Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, habe ich mal die fast-allwissende Tante aus dem Silicon Valley gefragt:

  1. Duden: Spazieren gehen
    Bedeutung: einen Spaziergang machen

Bringt mich nicht wirklich weiter. Promenieren tun die Rotten von „Spaziergängern“ eher nicht. Lustwandeln? Auch da bin ich unsicher. Also weiter.

2. Wissenschaftlich/gesundheitlich betrachtet:

Ausschüttung von Glückshormonen. Hm. Weiß nicht… Stresslinderung? Viele sehen ziemlich gestresst aus und auch der Blutdruck scheint mir, wenn ich mir  Fernsehberichte ansehe, bei vielen Leuten sehr in Wallung zu sein.
Aber vielleicht verringern sich ja Depressionen und Angstzustände. Und das meine ich sehr ernsthaft, denn ich vermute, für diese beiden Probleme bieten die organisierten, unangemeldeten Spaziergänge ein Ventil, beidem entgegenzutreten und das Gefühl zu haben, man habe „etwas getan“. Das kann ich sogar nachvollziehen.

3. Sportlich

Ja. Dazu sag‘ ich nur mal: Ich hoffe, es regt die Gehirntätigkeit auch tatsächlich an.

Mit einer drei- manchmal sogar vierstelligen Anzahl anderer Menschen, die ich zum großen Teil nicht kenne, möchte ich jedenfalls nicht spazieren gehen. Mich überfordert bereits ein gemeinsamer Spaziergang mit einer Geburtstagskaffeegesellschaft, bei der ich alle Teilnehmer persönlich kenne.
Jedenfalls freue ich mich, dass ich Hunde habe. Ich kann guten Gewissens „Hunderunden“ drehen und das neuerdings verbrannte Wort „Spaziergang“ unter den Tisch fallen lassen. Ich wage übrigens mal die Überlegung, dass es eine nicht ganz winzige Schnittmenge gibt zwischen „Gendern verhunzt die deutsche Sprache“ und „eine unangemeldete Demo darf ich einfach mal Spaziergang nennen“. Ein Schelm, wer übles dabei denkt.

Ich sach‘ ja nur…

PS: Damit keine Missverständnisse aufkommen: In einer Demokratie ist es richtig und wichtig, dass man für oder gegen etwas demonstrieren darf. Aber dabei muss man sich an die Verordnungen und Gesetze halten. Also Demo anmelden und Versammlungsleiter berufen, der darauf achtet, dass alle Teilnehmer die geltenden Regeln einhalten. Ja, das macht Arbeit und beinhaltet Verantwortung. Es kann auch bedeuten, dass eine Demo abgelehnt wird. Übrigens selbst dann, wenn man „nur“ für den Erhalt von Wäldern demonstrieren will. Keiner hat gesagt, dass es alles zum Nulltarif gibt. Das Leben ist kein Ponyhof.

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